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Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil

Herman Melville: Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil - Kapitel 8
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typefiction
authorHermann Melville
titleOmoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil
publisherVerlag von Gustav Mayer
year1847
translatorFriedrich Gerstäcker
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Capitel V.

Wir steuern westlich. Unsere Gesellschaftszimmer. Doktor Lattengeist und seine Streiche.

Die Nacht, in der wir Hannamanoo verließen, war sternenhell und so warm, daß sich die meisten der Leute, anstatt hinabzugehen, um den Fockmast lagerten.

Gegen Morgen, als mir die Hitze im Vorcastle zu drückend wurde, stieg ich an Deck, wo alles in tiefen Schlummer begraben schien. Die Passatwinde lagen mit leichtem Druck in den Segeln und trieben das Fahrzeug gerade hinaus in die ungeheure Weite des westlichen Ozeans. Die Wachen schliefen, selbst der Mann am Rad nickte, ebenso der Steuermann, der mit untergeschlagenen Armen am Gangspill lehnte.

In solcher Nacht und allein, wer hätte da die Erinnerung des Vergangenen von sich scheuchen können und mögen. Ich lehnte mich über die Seite und schaute träumend in die Tiefe. Meine Ideen wurden aber bald durch einen grauen gespensterartigen Schatten unterbrochen, der über die wogenden Fluthen glitt. Es war die Dämmerung, der bald die ersten Lichter und Strahlen des Morgens folgten. Hell und heller zuckten sie empor; noch ruhte da drüben nur ein lichter glänzender Streif, aber jetzt stieg voll und rund die blutrothe Sonnenscheibe am Horizont empor und der lange Seetag begann.

Nach dem Frühstück sollte das erste was vorgenommen wurde, Wymontoo's Taufe sein, der nach trübdurchwachter Nacht traurig genug dreinschaute.

Die Meinungen theilten sich hier; die Einen wollten ihn Sonntag nennen, weil das der Tag gewesen, an den sie ihn gefangen, Andere stimmten für den kürzeren »Achtzehnhundertzweiundvierzig,« dem Jahre des Herrn, während Doktor Lattengeist unbedingt seinen frühern Namen beibehalten haben wollte und zwar: Wymontoo-Hee, was seiner Meinung nach in der bilderreichen Sprache des Landes Jemand bedeute, der seinen Finger in einen heißen Brei gesteckt habe. Der Steuermann machte der Discussion ein Ende, indem er den armen Teufel plötzlich mit einem ganzen Eimer Seewasser begrüßte und ihm dabei eben so eigenmächtig die nautische aber angenehm klingende Benennung: »Luff« gab.

Obgleich nun eine gewisse Fröhlichkeit Wymontoo's – denn ich will ihn so fort nennen, – erstem Heimweh folgte, so fiel er doch bald wieder in seine alte Stimmung zurück und wurde sehr melancholisch. Oft beobachtete ich ihn, wie er ganz allein im Vorcastle kauerte und mit seinen hellen funkelnden Augen jeder Bewegung der Stute folgte. O wie oft wird er an seine Bambushütte gedacht haben, während die Schaar von Sidney und dessen Gelagen sprach.

Wir befanden uns jetzt förmlich in See, obgleich Keiner von uns wußte, welches die eigentlich beabsichtigte Route sei, die wir nehmen würden. Fast Niemand kümmerte sich aber auch darum. Über eine sanft wogende See dahingetragen, war fast nichts zu thun, als das Schiff zu steuern und die Ausseher in den Marsen abzulösen; die Kranken hatten übrigens noch ein Paar zu ihrer Liste bekommen; es waren Einige der Entflohenen, denen die Landluft nicht zugesagt haben mochte. Um Allem die Krone aufzusetzen, bekam der Capitän auch wieder einen Rückfall.

Die zum Dienst fähige Mannschaft wurde in zwei kleine Wachen eingetheilt, von denen die eine der Steuermann, die andere der Mowree befehligte, denn dieser war, seiner Würde als Harpunier gemäß und da sich die übrigen Untersteuerleute aus dem Staube gemacht, in solchen Posten eingerückt.

Wie die Sachen standen, konnte an Wallfischfang natürlich gar nicht gedacht werden; Jermin behauptete jedoch noch immer, daß sich die Kranken bald erholen und wir dann noch immer eine gute Jagd machen würden. Wie dem auch sei, mit demselben lichtblauen Himmel über uns liefen wir fortwährend westlich und schienen, obgleich immer fortrückend doch stets auf demselben Platz zu bleiben. Ein Tag war wie der andere; wir sahen keine Schiffe und erwarteten keine zu sehen; nichts lebendiges zeigte sich als die Delphine und andere Fische, die unter unserm Bug wie junge Katzen spielten und nur dann und wann strich das in diesen Seen heimische Albatroß mit seinen ungeheuren Fittichen über uns hin, und mied uns dann als ob wir ein Pestschiff gewesen wären. Auch ganze Völker jenes tropischen Vogels, der von den Matrosen »Bootsmann« genannt wird, umschwirrten uns und stießen ihren gellenden Schrei aus, während sie an uns vorbeischossen.

Das Unbestimmte unsrer Fahrt übrigens, und die Thatsache, daß wir auf sehr wenig befahrenen Gewässern dahintrieben, goß über diese Reise einen gewissen Zauber, den ich nie vergessen werde.

Der stille Ozean ist nemlich größtentheils auf schon bekannten Straßen durchsegelt worden und das ist auch die Ursache, weshalb, trotz der großen Anzahl Schiffe, die ihn befahren, durch kühne Wallfischfänger oder besonders dazu ausgesandte Schiffe, noch immer neue Inseln entdeckt werden. In der That liegen auch ungeheure Strecken ununtersucht und keinem Zweifel ist es unterworfen, daß manche auf den Seekarten angegebene Sandbänke und Riffe, ja ganze Inselgruppen nur nach ungefähren Vermuthungen gezeichnet wurden. Der Umstand selbst also schon, daß ein Fahrzeug wie das unsre in solche Regionen eindrang, genügte, um Jeden, der nur ein wenig nachdachte, doch gewiß unruhig zu machen. Was mich betrifft, so fielen mir besonders wieder jene Erzählungen ein, wo Schiffe Nachts mit allen Segeln gesetzt, auf irgend einen Felsen hinaufliefen und während die Mannschaft schlief, mit Mann und Maus zu Grunde ging. Mit keinem Schiffe hätte so etwas leichter passiren können, als mit dem unsern, da uns schon unsre schwache Mannschaft und die gänzliche Disciplinlosigkeit ohnedies einer größern Gefahr aussetzte.

Solche Gedanken kamen aber meinen sorglosen Schiffskameraden wohl kaum in den Kopf und fort gings, während die Sonne jeden Abend ganz accurat vor dem Top unsers Klüverbaumes in die See sank.

Aus welchem Grunde der Steuermann solch geheimnißvolles Schweigen über unsere beabsichtigte Fahrt beobachtete, weiß ich heute noch nicht, denn was er uns darüber erzählte, waren sicher nur erdachte Märchen, die Mannschaft zu beschäftigen.

Er sagte z. B. wir wären nach einem ausgezeichneten Jagdstrich bestimmt, den nur wenige Wallfischfänger kennten und den er selbst auf einem früheren Zuge entdeckt hätte; dort sollte die See förmlich schwärmen von Wallfischen und alles, was man zu thun brauche, sei hinauszufahren und sie zu harpuniren; sie seien viel zu ängstlich sich zu wehren. Ein klein wenig zu leewärts von dort sollte eine freundliche Inselgruppe liegen, wo wir uns erholen könnten; die herrlichsten Früchte gediehen darauf und die Eingeborenen wären fast noch durch keine früheren Fremden mißtrauisch gemacht.

Um uns auch jede Möglichkeit zu nehmen, jenen Platz herauszubekommen, wo wir hingingen, theilte er uns selbst nicht die zu Mittag genommene Messung mit, obgleich das auf solchen Fahrzeugen sonst gewöhnlich Brauch ist.

Indessen besorgte er die Wartung der Invaliden höchst aufmerksam und da Doktor Lattengeist die Schlüssel zur Medicinkiste abgeliefert hatte, so wurden sie ihm übergeben. Auch war er gar kein so übler Wundarzt; Pillen und Pulver wurden gewöhnlich den Fischen zugeworfen; aber ein geheimnißvolles kleines Fäßchen mußte desto öfter seinen Inhalt spenden, und seine Medicin mischte er am Gangspill in kleinen Cocosschalen, von denen jede den Namen eines Patienten trug. Den Landdoktoren unähnlich, haßte er übrigens seine eigenen Medicinen keineswegs und manchmal kam er förmlich angetrunken ins Vorcastle herunter, wo er auch denen, die seiner Hülfe bedurften, lange mächtige Erzählungen abspann.

Meiner Lahmheit zufolge, von der ich mich übrigens bald erholte, that ich weiter keinen aktiven Dienst, als manchmal am Rade, und deshalb verbrachte ich den größten Theil meiner Zeit im Vorcastle mit dem langen Doktor, der sich die größte Mühe gab unterhaltend zu sein. Seine, obgleich bösartig zerlesenen und beschmuzten, Bücher wurden ein wahrer Schatz für mich und ich las sie immer und immer wieder, ja studirte sogar eine höchst gelehrte Abhandlung über das gelbe Fieber gründlich durch. Außer diesen besaß er noch ein Packet alter Sidneyzeitungen, durch welche ich mich bald mit den Lokalitäten der dortigen Handelsleute auf das Vollkommenste vertraut machte.

Außer seiner angenehmen Gesellschaft war er mir übrigens auch in mancher andern Hinsicht sehr nützlich; seine Behandlung in der Kajüte hatte ihn dabei nur um so mehr den guten Willen der Schiffsdemokratie im Vorcastle erworben und sie behandelten ihn nicht allein auf das freundlichste, sondern sogar höchst achtungsvoll, und lachten dabei doch herzlich über all seine Späße. Da ich sein auserwählter Gesellschafter wurde, so erstreckte sich diese Behandlung auch bald auf mich, und sie schienen uns zuletzt mehr wie ein Paar ausgezeichnete Gäste zu betrachten. Bei den Mahlzeiten wurden wir immer zuerst bedient und auch außerdem begegnete man uns mit der größten Achtung.

Unter andern Sachen, die wir während der häufigen Windstille hervorsuchten, die Zeit zu tödten, tauchte auch die Lust auf Schach zu spielen; unsere Figuren schnitten wir uns deshalb mit einem Messer ganz zierlich aus Stücken Holz und unser Schachbret wurde mit Kreide auf einen Kistendeckel gezeichnet, auf dem wir beim Spielen zu beiden Seiten ritten. Um aber die Figuren zu unterscheiden, so band ich den meinigen kleine schwarze Seidenlappen von einem alten zerrissenen Halstuch um. Daß sie also trauerten war auch, wie der Doktor sagte, ganz in der Ordnung, da sie in vier Spielen immer bei dreien Ursache hatten betrübt zu sein.

Die Leute übrigens, die dem Schachspiele zusahen, konnten in die ganze Geschichte weder Kopf noch Schwanz bringen, und gaben das Spiel, nachdem sie ein paarmal zugesehen, auf.

Allerdings verdient aber hier der Platz, in dem der Doktor und ich hausten, eine etwas nähere Beschreibung.

Die meisten Menschen wissen, daß ein Schiffsvorcastle den vorderen Theil eines Schiffs um das Bugspriet herum einnimmt; derselbe Name bezeichnet aber auch zugleich der Matrosen Schlaf- und Gesellschaftszimmer, das dicht unter dem oberen Theile liegt.

Gerade im Bug oder, wie die Matrosen sagen, in den »Augen« des Schiffs befindet sich dieses ungemein freundliche, dreieckige Gemach, das zu Larbord und Starbord von zwei Reihen niederer Schlafkasten oder Cojen begrenzt wird. Die Cojen der Julia befanden sich aber in einem beklagenswürdigen Zustande; es waren eigentlich nur noch förmliche Wraks, von denen manche total eingerissen waren, um andere damit auszubessern, ja auf der einen Seite standen nur noch zwei. Dem größten Theil der Mannschaft schien es übrigens sehr egal, ob sie eine Coje hatten oder nicht, Betten befanden sich außerdem nicht in ihrem Besitz und sie wußten also doch nichts weiter hineinzuthun, als sich selber.

Unten in meinem eigenen Kasten breitete ich all das alte Leinen und Lumpenwerk, was ich zusammentreiben konnte, aus, und benutzte als Kissen ein Stück Holz mit einer darum gewickelten alten Jacke, was den Körper doch wenigstens in etwas verhinderte sich vollständig abzunutzen.

Aus altem Segeltuch verfertigte Hängematten mußten hier und da die Stelle der zerstörten Cojen vertreten; da jedoch der Raum, in dem sie hingen, sehr beengt war, so lag es sich keineswegs bequem darin.

Der Anblick des Vorcastles im Allgemeinen war übrigens schauerlich genug; kaum fünf Fuß von Deck zu Deck hoch, kreuzten es auch nach oben ein paar ausländische Balken, und die Matrosenkisten, die unten standen, beengten nun gar noch den Raum, daß man förmlich darunter hinkriechen mußte, um von einem Platz zum andern zu kommen; besonders nach dem Essen, wenn wir uns noch ein Bischen unterhalten wollten, saßen wir dort wie Schneider zusammen. In der Mitte des Ganzen standen zwei viereckige hölzerne Säulen, etwa einen Fuß aus einander, und zwischen diesen an einer rostigen Kette hing die Vorcastlelampe, die Tag und Nacht brannte und zwei ewig lange Schatten warf. Unter dieser befand sich ein Verschlag, eine Art Matrosenspeisekammer, aber in fürchterlicher Unordnung gehalten, so daß sie manchmal eine Reinigung von Grund aus erforderte.

Nun befand sich wohl das ganze Schiff in einem traurigen Zustand, nach vorn aber glich es einem angefaulten hohlen Baum; wohin man faßte, war das Holz feucht und weich, und oft konnte man ganze Stücke davon herunterkratzen. Außerdem hing es auch an manchen Stellen noch in Splintern herunter, denn der Koch nahm sich oft die Freiheit von den mittelsten, noch gesunden Querbalken Späne herunter zu schlagen, um Feuer damit anzumachen. Unter der Decke sah alles schwarz und rußig aus, und hier und da hatten sogar auf vorigen Reisen trunkene Matrosen förmliche Löcher hineingebrannt.

Von oben stieg man durch ein kleines miserables Loch hinunter, über das nicht einmal ein ordentlicher Schutz gezogen werden konnte; denn das Stückchen getheerte Leinwand, was solchen Dienst versehen sollte, genügte keineswegs. Sobald die See nur ein wenig hoch ging, spritzte fortwährend das Wasser herein und während eines Sturms schoß die Fluth förmlich herunter, schlug plätschernd im Innern hin und her, und spritzte wie Fontainen zwischen den Kisten empor.

Solcher Art war unser Wohnort an Bord der Julia, und dennoch hatten wir keinen ungestörten Besitz davon. Unmassen von Käfern und ganze Regimenter von Ratten nahmen sich die Freiheit ihn mit uns zu theilen, und ein größeres Leiden kann ein Schiff in der Südsee kaum befallen.

So warm ist das Klima dort, daß man sich ihrer gar nicht entledigen kann; man mag die Luken versiegeln und das Schiff mit Kohlendampf räuchern, bis der Qualm aus den Säumen preßt, es ist einerlei, und genug bleiben leben, um das Fahrzeug in kurzer Zeit wieder zu bevölkern.

In manchen Fahrzeugen hat sich die Mannschaft nach harten Kämpfen denn auch ganz in ihr Schicksal ergeben und das Ungeziefer Besitz von einem Raum genommen, in dem die Matrosen zuletzt kaum noch geduldete Miethsleute schienen. Wallfischfänger, die sich oft mehrere Jahre zusammen unter dem Aequator herum treiben, sind dabei viel schlimmer daran, als andere Fahrzeuge.

Was die Julia anbetraf, so hatten diese Bestien wohl auf keinem Fahrzeug der Welt solch ein angenehmes Leben, als auf ihr; jede Spalte, jeder Winkel schwärmte förmlich, und sie lebten nicht mehr unter uns, sondern wir unter ihnen, was zuletzt so arg wurde, daß man am besten seine Mahlzeiten im Dunkeln verzehrte.

Mit den Käfern besonders fand ein ganz eignes Phänomen statt, das sich Keiner von uns erklären konnte.

In jeder Nacht feierten sie ein förmliches Fest und die ersten Anzeichen desselben bestanden in einem ungewöhnlichen Summen und Rascheln derer, die die oberen Balken und das Innere der Cojen in Besitz hatten, diesem folgte ein reges Herbeidrängen jener, die in verborgenen Winkeln hausten, und plötzlich ging der Cravall los. Von allen Seiten stürmten sie herbei; die größten klapperten über die Kisten weg, beflügelte Ungethüme sausten aus allen Ecken heran und schossen hin und wieder in der Luft, und die kleine Bande summte in unbeschreiblicher Confusion durcheinander.

Bei dem ersten Zeichen solchen Ereignisses stürmten alle von uns, die noch die Kräfte dazu besaßen, an Deck und nur die Kranken und Schwachen, die nicht mehr fortkonnten, blieben vollkommen ruhig liegen und ließen das wahnsinnige Ungeziefer nach Belieben über sich wegmarschiren. Diese Vorstellungen dauerten gewöhnlich zehn Minuten, und indessen konnte wohl kein Bienenstock wilder summen. Die Zeit solcher Generalversammlung blieb aber stets unbestimmt und konnte uns in jeder Stunde der Nacht überraschen. Glücklich fühlten wir uns, wenn sie schon früh am Abend statt fand.

Auch die Ratten darf ich nicht vergessen; sie haben meiner wenigstens stets gedacht. So zahm wie Trenk's Maus standen sie in ihren Löchern wie alte Großväter in Hausthüren; oft sprangen sie sogar während des Essens auf die Kisten und naschten von den Speisen. Wymontoo erschrak besonders im Anfang darüber und fürchtete sich förmlich vor ihnen; bald aber gewöhnte er sich an sie und schien nun viel besser mit ihnen auszukommen, als wir andern alle. Mit besonderer Geschicklichkeit ergriff er dabei die Bestien oft an den Beinen und schleuderte sie zur Luke hinaus in die See, wo sie ihr feuchtes Grab fanden.

Aber ich habe hier noch eine von meinen eigenen Rattenerzählungen beizufügen.

Eines Tages schenkte mir der Steward etwas Syrup, den ich, um ihn mir ja sicher zu halten, in einem Blechbecher und in der entferntesten Ecke meiner Coje verbarg. Bei der Kost die wir erhielten, war solcher Syrup, auf ein wenig Schiffszwieback geträuft, ein förmlicher Luxusartikel, den ich nur mit dem Doktor, und auch dann selbst noch im Geheimen, theilte.

Da geschah es, daß sich unser Vorrath erschöpfte, als wir aber im Dunkeln das Gefäß umkippten, glitt noch etwas anderes als reiner Syrup heraus; es war irgend eine Bestie; wie lange sich diese aber darin gefangen hatte und was es eigentlich gewesen, weiß nur Gott, wir mochten es keineswegs untersuchen und schauderten schon bei dem bloßen Gedanken daran. Das Vieh starb auf jeden Fall einen süßen Tod.

Was nun unsern Doktor betraf, so war er, so ernst er auch zu Zeiten sein mochte, doch ein entschiedener Schäker, und wer da weiß, wie gern Matrosen am Ufer einen tollen Streich mitmachen, während sie an Bord selbst wahrhaft versessen darauf sind, wird sich denken können, wie freudig sie darauf eingingen.

Der arme alte schwarze Koch hatte Manches von ihm zu leiden; wenn er Abends in seine Hängematte steigen wollte, fand er nicht selten einen nassen Klotz darin fest eingeschlafen und wachte selbst mit einem getheerten Wollkopf auf. Wie manchmal, wenn er seine Kessel öffnete, siedete ganz fidel ein alter Stiefel drin oder Stücken Pech stänkerten ihm die Cambuse aus.

Baltimore's Er wurde so von dem Orte seiner Geburt genannt, denn er war ein entlassener Maryland-Sklave. Prüfungen nahmen in der That kein Ende, denn der arme Teufel war zu gutmüthig und hatte in Folge hiervon weder Tag noch Nacht Ruhe. – Sagt, was Ihr wollt zu Gunsten gutmütiger Personen, manchmal ist's viel besser das Temperament eines Wolfs zu haben. Wer hätte sich z. B. Freiheiten mit dem grimmen schwarzen Dan erlaubt?

Des Doktors wunderlichste Späße bestanden darin, die Leute, wenn sie auf ihrer Wacht eingeschlafen waren, an Fuß oder Schulter in die Höhe zu hissen.

Als er einmal aus dem Vorcastle kam, fand er die ganze Wache eingenickt und ging augenblicklich an seine Arbeit; an jedem Schläfer befestigte er ein Tau, stieß diese durch eine Anzahl Blöcke und führte sie alle zum Windlaß, wo er dann lustig an zu drehen fing und sie bald alle an Arm und Beinen herum hängen hatte. Als wir durch den Lärmen erweckt von unten heraufstürmten, fanden wir die armen Bursche im Mondenlicht wie eine Anzahl Piraten von allen Raaen herabhängen.

Nicht selten suchte er auch im Vorcastle nach solchen, die von ihrer Wacht herunter gekommen und eingeschlafen waren, und die fanden sich dann plötzlich mit gewaltigem Ruck durch die Luke gerissen und am Fockmast hinaufgezogen.

In einer Nacht, in der die vollkommenste Ruhe herrschte, lag ich wachend in meiner Coje; die Lampe brannte düster und schwankte, mit der regelmäßigen Bewegung des Schiffs, die Hängematten dabei accompagnirend, schwerfällig, hin und her. Die Schläfer rollten eben so gleichmäßig in ihren Schlafstellen und ich wollte eben die Augen wieder schließen, als ich einen Fuß auf der Leiter hörte und gleich darauf ein Paar weite weiße Beinkleider herabkommen sah. Es war Navy Bob, ein untersetzter, altgedienter Seemann, der leise niederstieg und vorsichtig im Dunkel nach etwas zu essen umherfühlte.

Abendbrot beendet, lud er seine Pfeife und setzte sich dann ganz behaglich zum Rauchen hin. Um aber den Genuß einer solchen Pfeife recht zu verstehen, muß man wirklich auf der See sein, und zwar auf der See im Vorcastle, wo selbst die Atmosphäre des Platzes, von dem Schnarchen der Schläfer erfüllt, den Rauchenden in ein unbeschreiblich wohlthuendes und behagliches Träumen versenkt. Kein Wunder denn, daß Bob ebenfalls nach kurzer Zeit zu nicken begann. Der Kopf sank ihm auf die Brust; sein Hut fiel ab; die ausgegangene Pfeife rutschte ihm zwischen den Lippen vor, und bald lag er so ruhig wie ein Kind ausgestreckt auf der Kiste.

Plötzlich wurde ein Befehl an Deck gegeben und diesem folgte das Stampfen von Füßen und das Anholen von Tauen. Die Raaen sollten gebraßt werden und natürlich vermißten sie Navy Bob bald dabei. Da glitt ein Schatten des Vorcastle herab; es war einer von der Wache, der sich dem verdachtlosen Bob näherte, und ein Tau in der Hand trug, das oben hinaus an Deck führte. Einen Augenblick stehen bleibend, drückte der Matrose leise mit der Hand gegen die Brust des Schlafenden, um zu sehen, ob er nicht gleich aufwachen würde; der lag aber fest und sicher, und rasch und geräuschlos das Ende des Fall's um seinen Knöchel schlagend, sprang er rasch wieder an Deck.

Kaum drehete er übrigens den Rücken als ein Paar lange Beine aus einer gegenüber liegenden Coje hervorfuhren, und Doktor Lattengeist mit Blitzesschnelle folgte, das Bein des Schlafenden befreite und das Tau augenblicklich an einer mächtigen Kiste befestigte, die dem selber gehörte, der eben verschwunden war.

Gerade hatte er den Knoten festgeschlungen, als die unbehülfliche Kiste auch schon losgerissen wurde, zum Entsetzen aller Schläfer rechts und links gegen die Cojen donnerte und der Luke zuflog, hier stak sie einen Augenblick, die Leute an Deck aber, die da glaubten, daß Bob, der so stark wie ein Windlaß war, einen Balken erfaßt hätte und das Tau nun durchschneiden wollte, rissen aus Leibeskräften. Plötzlich schwang sich denn auch die Kiste frei, schoß an Deck, schlug gegen den Mast, platzte und regnete nun auf die untenstehende Gesellschaft einen wahren Schauer von viel zu zahlreichen Sachen, um sie einzeln aufzuführen, nieder.

Der greuliche Spektakel weckte natürlich die ganze Mannschaft und als wir an Deck kamen, stand der Eigentümer der Kiste mit sehr verblüfftem Antlitz zwischen seinem Besitzthum, und blickte starr und verwundert auf die Verwüstung umher.

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