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Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil

Herman Melville: Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil - Kapitel 6
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typefiction
authorHermann Melville
titleOmoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil
publisherVerlag von Gustav Mayer
year1847
translatorFriedrich Gerstäcker
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Capitel III.

Scene in Vorcastle und was in Hytyhoo geschah.

Ich war kaum vierundzwanzig Stunden an Bord, als etwas vorfiel, das, obgleich nichts weniger als romantisch, doch in die Verhältnisse unseres Fahrzeuges einen so trefflichen Blick erlaubt, daß ich nicht umhin kann, es zu erwähnen.

Zuerst muß ich hier vorausschicken, daß sich unter der Mannschaft ein Matrose befand, der so entsetzlich häßlich war, daß er den ironischen Namen »die Schönheit« erhalten hatte. Er versah die Stelle eines Schiffszimmermanns und wurde deshalb auch oft mit dem dieser Menschenklasse zugegebenen nautischen Beinamen »Spahn« benannt. Man konnte ihn übrigens nicht verwachsen nennen, nein, er war symmetrisch häßlich, nichts destoweniger aber von bester Gemüthsart; seine Gestalt hatte sein Herz sicherlich nicht versauert. Dieser und Jermin standen sich fortwährend feindlich gegenüber, denn Spahn war der einzige Mann im Schiff, über den dieser noch nicht Herr geworden, was dessen Ehrgefühl natürlich ganz besonders verletzte. Was »die Schönheit« aber anbetraf, so that er sich etwas zu gute darauf, dem Steuermann die Spitze zu bieten, wie wir auch bald hören werden.

Gegen Abend war Einiges an Deck zu thun und der Zimmermann, der zur Wache gehörte, fehlte.

– Wo ist der Schlingel, der Spahn, schrie Jermin die Vorcastleluke hinab.

– Ruht sich hier aus, wie Ihr seht, hier unten auf seiner Kiste, wenn Ihr's wissen wollt, erwiderte der würdige Mann selbst, während er kaum indeß die Pfeife aus dem Munde nahm.

Diese Unverschämtheit erzürnte den Steuermann auf's Aeußerste; »die Schönheit« sagte aber gar nichts, sondern rauchte nur stillzufrieden fort. Hiebei muß ich jedoch vorerwähnen, daß, was auch immer ein Matrose verbrochen haben mag, kein kluger Offizier auch nur daran denken würde in feindlicher Absicht in das Vorcastle eines Schiffes hinabzusteigen. Wenn er einen Matrosen von da unten herauf haben will, so muß er geduldig warten, bis dieser Lust hat heranzukommen. Die Ursache ist die: der Platz ist sehr dunkel und nichts leichter als Jemandem, der hinab steigt, eins über den Kopf zu geben, ehe dieser nur weiß, wo er selber ist, und vielleicht nie erfährt, wer es gewesen. Niemand wußte das besser als Jermin, und deshalb begnügte er sich auch nur hinabzuguken und zu wüthen, bis »die Schönheit« endlich eine sehr trockene Bemerkung machte, die den Steuermann in blinder Wuth sich selbst vergessen ließ.

– Kommt an Deck! schrie er hinunter. Herauf mit Euch, oder ich hole Euch.

Der Zimmermann bat ihn sich nicht zu geniren und Jermin, aller Klugheit vergessend, sprang hinab, hatte aber, einem gewissen Instinkt dabei folgend, seinen Mann an der Kehle, ehe er ihn nur ordentlich sehen konnte. Einer der Leute fuhr nun auf ihn zu; den hielten die Uebrigen aber zurück, und erklärten, daß sie einen ehrlichen Kampf haben sollten.

– Jetzt kommt an Deck! schrie der Steuermann und that sein Bestes den stämmigen Burschen festzuhalten.

– Bringt mich hinauf, lautete die trotzige Antwort, und Spahn wand sich unter dem nervigen Griff des Seemanns wie ein paar Ellen Boa-Constrictor. Der Angreifer versuchte nun den Delinquenten in eine Art Bündel zusammenzupacken, um ihn besser transportiren zu können, dabei aber bekam Spahn seine Arme frei und warf ihn hinterrücks über sich. Jermin raffte sich jedoch augenblicklich wieder auf und eine kurze Zeit hatten sie's nun oben und unten; sie zogen einander herum, stießen ihre Köpfe gegen Kisten und hervorstehende Balken, und erwiederten die gegenseitigen Püffe, wo sich nur irgend eine günstige Gelegenheit dazu bot. Unglücklicher Weise rutschte Jermin endlich aus und fiel, während sich sein Gegner ihm auf die Brust setzte und ihn niederhielt. Dies ist aber eine von den Situationen, wo ein guter Rath oder eine freundliche, liebevolle Warnung mit besonderer Salbung ertheilt werden kann. »Die Schönheit« ließ sich solche Gelegenheit denn auch nicht entgehen, der Steuermann dagegen erwiderte kein Wort, sondern versuchte nur mit schäumenden Lippen sich wieder aufzuarbeiten.

In diesem Augenblick ließ sich oben ein dünnes, zitterndes Stimmchen vernehmen; es war der Capitän, der gerade zufällig beim Anfang des Kampfes an Deck gekommen war und sich selbst gewiß wieder hinunter in seine Kajüte wünschte, wohin er auch gegangen wäre, hätte er nicht gefürchtet, sich lächerlich zu machen. Da nun der Lärm wuchs und er nicht mehr zweifeln konnte, daß sich sein Offizier in Noth befand, so dachte er denn doch, er dürfe dies nicht länger ignoriren, schritt deshalb aufs Vorcastle und beschloß – das Beste was ihm übrig blieb – die Sache leicht zu nehmen.

– Ei, ei! rief er mit schneller Stimme, was soll das alles heißen, Mr. Jermin, Mr. Jermin – Zimmermann, Zimmermann, was macht Ihr Alle drunten? – Kommt an Deck, kommt an Deck.

Gleich darauf wurde Doktor Lattengeist gehört, der mit hoch hinaufgeschraubten Tönen ausrief:

– Ah, Miß Guy, sind Sie das? gehen Sie ja nach Hause, mein Herzchen, Sie könnten hier Schaden nehmen.

– Bah, bah, Sir, wer Ihr auch seid, Sir – ich habe nicht mit Euch gesprochen – fort mit Eurem Unsinn. Jermin, ich sprach mit Euch, habt die Güte an Deck zu kommen, Sir, ich brauche Euch hier oben.

– Und wie in des drei Teufels Namen soll ich da hinaufkommen, schrie der Steuermann wüthend. Springt hier herunter, Captän Guy, und zeigt Euch als ein Mann. – Laßt mich los, Spahn, verdammter! – Laßt mich los. – Na, wartet, das sollt Ihr mir bezahlen. Kommt herunter, Captän Guy.

Bei dieser Zumuthung bekam der arme Mann fast Krämpfe.

– Bah, bah, Zimmermann, hört jetzt mit Eurem Unsinn auf, laßt ihn gehn, Sir, laßt ihn gehn. – Hört Ihr? laßt Mr. Jermin an Deck.

– Macht, daß Ihr fortkommt, Papierjack, erwiderte »die Schönheit,« – der Streit hier geht den Steuermann und mich an. Also geht in Eure Kajüte, wo Ihr hingehört.

Als der Capitän noch einmal seinen Kopf in die Luke steckte, um hinauf zu antworten, erhielt er plötzlich von ungesehener Hand einen ganzen Becher voll aufgeweichten Zwieback und Theeblätter in's Gesicht – der Doktor stand zu der Zeit gar nicht weit von der Luke, – wonach sich der sehr außer Fassung gebrachte Gentleman mit triefendem, weit vorgestrecktem Angesicht in seine Kajüte zurückzog.

Einige Augenblicke später wurde Jermin zu einem Vertrag gezwungen und sah nun in seiner zerrissenen Jacke und blutigen Physiognomie gerade so aus, als ob er sich eben aus seiner höchst verwickelten Maschinerie herausgearbeitet hätte. Eine halbe Stunde etwa blieben Steuermann und Capitän in der Cajüte zusammen, wo des Erstern rauhe Stimme weit über die feinen Laute des Andern hervorschallten.

Dies war das erste Mal gewesen, daß Jermin in seinen Streitigkeiten mit den Matrosen den Kürzern gezogen, was ihn natürlich nicht wenig in Wuth setzte. In der Cajüte hatte er, wie der Steward nachher erklärte, dem Capitän auch rund heraus erklärt, daß sich dieser in Zukunft selber um sein Schiff bekümmern möge, denn wenn das die Art wäre, wie er seine Offiziere behandeln ließe, dann wolle er nichts weiter damit zu thun haben. Nach manchen derben Redensarten beruhigte ihn endlich der Capitän damit, daß er ihm versicherte, der Zimmermann solle bei der ersten passenden Gelegenheit die neunschwänzige Katze zu kosten bekommen; obgleich das Experiment, wie die Sachen jetzt standen, gewiß ein etwas gefährliches gewesen wäre. Auf diese Zusage hin entschloß sich denn Jermin, wenn auch zögernd, die Sache für jetzt ruhen zu lassen, und ersäufte alle Gedanken daran in einer Kanne Flip, die der Steward auf des Capitäns Befehl schnell für ihn hatte bereiten müssen.

Das waren die einzigen Folgen, die dieser Kampf je hatte.

In noch nicht ganz achtundvierzig Stunden, nachdem wir Nukuhewa verlassen, begrüßte uns in weiter Ferne die blaue Insel St. Christina, und als wir dem Ufer näher kamen, wurde das grimme schwarze Takelwerk und der wespenartige Rumpf eines kleines Kriegsschiffs sichtbar, dessen Masten und Raaen scharf gegen den Horizont abstachen. Es lag in der Bai vor Anker und wies sich als eine französische Corvette aus.

Dies schien unserm Capitän ungemein zu behagen, und an Deck kommend, untersuchte er sie aus den Besanwanten mit seinem Glas. Im Anfang mochte er auch wohl beabsichtigt haben, gar nicht vor Anker zu gehen, jetzt aber, im schlimmsten Fall auf den Beistand der Corvette zählend, änderte er seinen Plan, warf dicht neben dieser den Anker aus, und ließ sich dann augenblicklich an ihren Bord hinübersetzen, um dem Befehlshaber derselben seine Aufwartung zu machen, und ihn auch noch wahrscheinlich zu bitten, ihm bei der Wiedererlangung seiner Matrosen behülflich zu sein.

Nach kaum zwanzig Minuten kehrte er zurück und brachte zwei Offiziere in undress Uniform und Backenbärten und drei grimmig aussehende, trunkene alte Häuptlinge mit an Bord. Einer von diesen hatte seine Beine durch die Armlöcher einer alten rothen Weste geschoben, ein Anderer trug ein Paar Sporen an den nackten Hacken und der Dritte einen dreieckigen Hut mit Federn; außer diesen Auszeichnungen befanden sie sich total in ihrer Landestracht, d. h. mit einem Stück Matte um den Lenden. So unanständig aber auch ihr äußeres Ansehen und Betragen sein mochte, so wurde uns doch bald klar, daß sie nichts weniger waren, als eine Deputation der ehrwürdigen Geistlichkeit der Insel, die an Bord gekommen, uns unter ein scharfes Taboo Das »Taboo« ist ein ganz eigentümliches und wohl noch keinem Europäer vollkommen klar gewordenes Gesetz – es verbietet theils, theils erlaubt es irgend etwas. Tabotirte Männer dürfen oft alle Theile der Insel durchziehen, und selbst feindliche Stämme besuchen – ist aber eine Sache tabotirt, wie hier das Fahrzeug, so wird es dadurch für die Eingebornen fast wie geheiligt. zu stellen. Das sollte nämlich die unordentlichen Scenen wie auch Desertionen verhindern, die dadurch erleichtert werden, sobald die Eingeborenen, Männer und Frauen, freien Ein- und Ausgang auf Fahrzeugen haben.

Die Ceremonie dieser Sache wurde bald beendet. Die Häuptlinge gingen ein wenig bei Seite, steckten ihre alten geschorenen Schädel zusammen und machten Hokus Pokus, dann riß ihr Führer einen langen Streifen von seinem weißen Tappagürtel und überreichte ihn einem der französischen Offiziere, der ihn wieder, dabei erklärend was damit geschehen solle, Jermin übermachte. Der Steuermann stieg nun schleunigst damit zum Klüverbaum hinaus und befestigte dort dies mystische Symbol des Bannes. Kaum war das auch geschehen, so zeigte sich sein Erfolg auf eine ganze Schaar schwimmender Mädchen, die eben hatten zu uns heran kommen wollen. Ihre Arme emporwerfend, schlugen sie das Wasser wie die Delphine, wandten sich und kehrten mit dem lauten Ausruf: »Taboo! Taboo!« zum Ufer zurück.

Die Nacht nach unsrer Ankunft sollten der Steuermann und der Mowree abwechselnd die Wache halten, d. h. sich alle vier Stunden ablösen, während die Mannschaft, wie das gewöhnlich vor Anker der Fall ist, die ganze Nacht unter Luken blieb. Mistrauen in die Leute mochte aber in diesem Falle die Hauptursache solcher Vorkehrungen sein, denn es lag auch fast außer allem Zweifel, daß Einige den Versuch machen würden, zu desertiren. Deshalb, als Jermins erste Wache begann – um Mitternacht, die sogenannte Hundewache – bis wohin sich Alles beruhigt hatte, nahm er dicht neben der Vorcastleluke mit einer Piscoflasche seinen Platz und schien vollkommen bereit, die erste Physiognomie, die sich über Deck zeigen möchte, mit seiner breitkräftigen Faust zu begrüßen.

So vorbereitet, hatte er wahrscheinlich auch geglaubt, er würde wach bleiben; es dauerte aber gar nicht lange, so nickte er ein und schlief nun mit einer so herzlichen Seelenruhe und schnarchte durch seine schiefe Nase so fabelhaft, daß er schon dadurch alle die, die wirklich an Flucht dachten, wach halten mußte. Als er wieder zu sich kam, dämmerte es gerade; er konnte aber doch genug erkennen, um zu sehen, daß zwei Bote fehlten und wußte augenblicklich was vorgefallen sei.

Den Mowree aus einem alten Segel herausziehend, in das er sich eingewickelt hatte, hieß er ihm augenblicklich ein andres Boot klar machen und flog dann in die Kajüte dem Capitän die Flucht der Matrosen anzuzeigen. Als er wieder an Deck kam, tauchte er in das Vorcastle hinab, um von hier ein paar Ruderer heraufzuholen, hörte aber auch schon, kaum dort angelangt, einen Schrei und einen Schlag ins Wasser und sah nun, sich über das Bulwark hinauslehnend, den Mowree und das Boot, die übereinander herum rollten.

Dieses war nämlich vor Abend zu seinem Platz am Starbordquarter hinaufgehißt und befestigt worden. Irgend Jemand hatte aber dann die Falle, die es hielten, so durchschnitten, daß ein mäßiger Druck sie zerreißen mußte. Bembos Gewicht entsprach diesem vollkommen, denn kaum sprang er hinein, als es abriß und mit ihm niederstürzte. Noch ein andres Boot hing an der Seite, doch das Geschehene lehrte sie Vorsicht und gut war es wahrlich, daß sie es vorher untersuchten, denn die Flüchtigen hatten ein Loch in den Boden geschnitten, durch das ein erwachsener Mann hätte durchschlüpfen können.

Jermin raste förmlich, er schleuderte mit aller Kraft, deren er fähig war, seinen Hut breit an Deck und wollte über Bord springen und zur Corvette schwimmen, einen Cutter zu requiriren, als Capitän Guy erschien und ihn ersuchte, da zu bleiben, wo er wäre. Unterdessen hatte auch der Offizier an Bord des Franzosen unsre Bewegungen bemerkt und rief uns an, um zu erfahren was vorgefallen sei.

Guy schrie es ihm durch sein Sprachrohr zu, und er versprach augenblicklich Leute, die den Deserteuren folgen sollten. Eine Bootmannspfeife wurde gehört, ein oder zwei Befehle gegeben, ein großer Cutter schoß von dem Stern des Kriegsschiffes herbei und war mit wenigen Ruderschlägen an unsrer Seite. Unser Steuermann sprang hinein und sie griffen aus, dem Ufer zu.

Ein andrer Cutter mit bewaffneter Mannschaft folgte diesem bald darauf.

Nach einer Stunde etwa kehrte der erste zurück und hatte die beiden Wallfischboote im Schlepptau, die sie, wie Schildkröten umgekehrt, am Ufer gefunden.

Nachmittag kam und nichts wurde mehr von den Deserteuren gehört; indessen knüpfte ich mit dem langen Doktor eine Unterhaltung an und wir amüsirten uns dabei, die vor uns liegende Scenerie zu betrachten. Die Bai lag regungslos vor uns; die Sonne stand hoch und heiß, und dann und wann glitt still und verstohlen ein dunkles Canoe hinter irgend einer Landspitze vor und schoß schnell und flüchtig über die ruhige Wasserfläche dahin.

An dem ganzen Morgen hinkten auch unsre armen Kranken am Deck herum und schauten mit sehnsüchtigen Blicken nach dem Lande hinüber, wo die Palmen wehten und sie in ihren freundlichen Schatten einzuladen schienen. Die armen Burschen; wie segensreich würde jene balsamische Luft auf ihre zerrüttete Gesundheit eingewirkt haben; der hartherzige Jermin versicherte sie aber mit einem Fluch, daß kein Fuß von ihnen jemals das Land da drüben betreten solle.

Gegen Sonnenuntergang sahen wir, wie sich ein dunkler Menschenhaufe der Küste zuwälzte; vor ihm her, o trauriger Anblick – kamen die Flüchtlinge im bloßen Kopfe – ihre Jacken und Beinkleider zerrissen, die Gesichter mit Blut und Staub bedeckt und die Arme mit Bast auf den Rücken gebunden; hinter ihnen drein stürmte schreiend und jubelnd eine Schaar von Eingeborenen und stieß sie mit den Spitzen ihrer langen Speere, während sie die Mannschaft der Corvette an der Flanke mit Cutlassen bedrohte.

Die, dem König der Bai versprochene Muskete und ein Becher voll Pulver für jeden Wiedergefangenen, hatte die ganze Bevölkerung auf die Beine gebracht, und so erfolgreich war ihre Jagd gewesen, daß sie nicht allein sämmtliche an diesem Tage entflohene Deserteure, sondern auch fünf von denen wieder einlieferten, die sich bei dem frühern Besuch auf der Insel empfohlen hatten. Die Eingeborenen halfen jedoch nur als Spürhunde auf dieser Jagd; sie fanden das Wild auf und überließen nachher die Gefangennahme desselben den Franzosen, denn so wenig hier, wie auf andern Inseln denken sie daran, sich einer Abtheilung verzweifelter Seeleute entgegen zu stellen. Sie wissen besser, was sie ihrem eignen Leben schuldig sind.

Die Deserteure wurden wieder an Bord gebracht, wenn sie aber auch im Anfang ein bischen mürrisch drein schauten, so behandelten sie die Sache doch bald als einen zwar mißglückten, doch lustigen Streich.

Um nun nicht noch eine zweite Nacht bei Hytyhoo liegen zu bleiben, ließ Capitän Guy den Anker gleich nach Dunkelwerden wieder lichten; am nächsten Morgen dagegen, als wir schon alle glaubten, wir wären nun auf einem langen Kreuzzuge begriffen, änderten wir plötzlich unsern Cours nach La Dominica oder Hivarhoo zu – eine Insel, die gerade nördlich von der eben verlassenen liegt. Der Grund davon war, wie wir später erfuhren, eine Nachricht, die unser Capitän von dem Franzosen erhalten, daß dort nemlich mehrere englische Matrosen erst kürzlich von einem amerikanischen Wallfischfänger an's Ufer gegangen seien, und sich nun auf einem Fahrzeug ihres eignen Landes einzuschiffen wünschten.

Wir machten das Land am Nachmittage aus, und erreichten bald darauf eine freundliche von schattiger Bucht begrenzte Bai. Fock- und Hauptmarssegel wurden backgebraßt und gleich darauf tanzte die flinke Jule plötzlich wie ein rasch eingezügeltes Pferd, in ihrem Cours gehemmt auf den Wogen, während der Schaum hoch an ihrem Bug emporspritzte.

Dies war der Platz, wo wir die Leute zu bekommen gedachten und ein Boot wurde deshalb klargemacht, um ans Ufer zu gehen; hierzu mußte aber eine besondere Auswahl zwischen den Matrosen getroffen und zwar solche genommen werden, von welchen man am wenigsten fürchtete, daß sie ausreißen würden. Nach langem Delibriren wählten Capitän und Steuermann denn auch endlich vier Seeleute, denen sie am meisten vertrauen konnten, d. h. sie nahmen solche aus der Mannschaft, die sie für die am wenigsten schurkischen und liederlichsten hielten.

Mit Cutlassen alle bewaffnet, – denn den Eingeborenen wurde hier das Lob ertheilt, daß sie die blutdürstigsten Hallunken der Südsee seien, – stiegen sie von dem invaliden Capitän selbst gefolgt, in die Schaluppe, und Guy schien sich bei dieser Gelegenheit wirklich vorgenommen zu haben, eine ausgezeichnete Rolle zu spielen. Außer seinem Cutlaß trug er noch einen alten Entergürtel und ein paar Pistolen. Gleich darauf stießen sie ab.

Mein Freund Lattengeist hatte unter andern Dingen, was in einem Schiffsvorcastle in der That etwas sonderbar aussah, ein treffliches Fernrohr; bei der gegenwärtigen Gelegenheit nahmen wir dies denn auch in Gebrauch und als sich das Boot der Landspitze näherte, so konnten wir die Leute, obgleich dem nackten Auge längst entschwunden, wie kleine, niedliche Zwerggestalten dort agiren sehen.

Das zierliche Miniatur-Boot schoß jetzt über die Brandung des Ufers, die uns wie ein langer Streifen Schaum erschien, hin; doch keine Seele ließ sich am Lande sehen. Einer von unsern Matrosen mußte nun als Wache zurückbleiben, die Andern sprangen auf den Strand und schauten sich sehr vorsichtig um, blieben fortwährend stehen und betrachteten, wie es uns vorkam, höchst mißtrauisch einen bis dicht ans Meer gehenden schattigen Hain. Doch niemand trat daraus hervor; alles lag still wie das Grab und Er mit den Pistolen, von den Uebrigen die blanken Cutlasse Schwingenden gefolgt, verschwand gleich darauf hinter den Bäumen, mußte aber doch wohl irgend einen ungastfreundlichen Angriff gefürchtet haben, denn es dauerte nicht lange, so kamen Alle, ein kleines Stück davon entfernt, wieder zum Vorschein.

Wenig Minuten später schifften sie sich wieder ein, und glitten bald nachher aufs Neue über die Wogen. Da sprang der Capitän plötzlich im Boote empor; dieses flog herum und ruderte noch einmal dem Ufer zu, und jetzt erkannten wir auch einige zwanzig oder dreißig Eingeborene, die mit Speeren bewaffnet gerade aus dem Wald kamen und allem Anschein nach den Fremden zuwinkten, nicht in solcher Eile zu sein, sondern zurückzukommen und freundlich mit ihnen zu verkehren. Man mußte ihnen aber doch wohl nicht so recht trauen, denn das Boot hielt sich immer eine kurze Strecke vom Strand, während der Capitän vorn in dessen Bug stand und seiner Pantomime nach, eine Anrede an die Insulaner hielt, in der er sie höchst wahrscheinlich aufforderte, selbst näher zu kommen. Einer von ihnen trat jetzt vor und antwortete, der Art aber nach, wie er die Arme warf, mußte er gegen die Fremden die Bitte wiederholen, zu landen. Der Capitän weigerte sich jedoch noch immer und warf seine Arme in einer andern Pantomime. Endlich sagte er etwas, was die Eingeborenen wohl ärgern mußte, denn sie drohten ihm mit den Speeren, und er feuerte nun eine seiner Pistolen auf sie ab, was die ganze Schaar in die Flucht trieb. Ein armer Bursche nur ließ seinen Speer fallen, hielt mit beiden Händen den hintern Theil seines Körpers und hinkte fort, während ich Gott weiß was darum gegeben hätte, in dem Augenblick den Schuft von Capitän selbst in Schußnähe zu haben.

Solche Handlungen unverzeihlicher Grausamkeit werden überhaupt von Seecapitänen, die an solchen noch unbekannten Inseln anlegen, keineswegs selten verübt. Selbst in der Pomatu-Gruppe, nur ein Tagessegeln von Tahiti entfernt, ist oft auf die armen Wilden, die ans Ufer kamen, sie vorbeifahren zu sehen, von Handelsschoonern aus geschossen worden, was solche nichtswürdige Hallunken nur um sich zu amüsiren thaten.

Es ist in der That kaum glaublich, in welchem Lichte manche Matrosen diese nackten Heiden betrachten und nur zu oft habe ich bemerkt, daß, je ungebildeter und roher die Menschen sind, sie auch mit desto größerer Verachtung auf solche herabsehen, die noch unter ihnen stehen.

Da des Kapitäns glühende Beredtsamkeit keinen Eindruck auf diese Wilden hervorgebracht zu haben, auch jede Hoffnung auf künftige Unterhandlungen abgeschnitten zu sein schien, so kehrte das Boot wieder zur Julia zurück.

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