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Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil

Herman Melville: Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorHermann Melville
titleOmoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil
publisherVerlag von Gustav Mayer
year1847
translatorFriedrich Gerstäcker
correctorreuters@abc.de
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Capitel I.

Mein Empfang an Bord.

An einem wundervollen tropischen Nachmittage war es, als wir, wie ich in der Einleitung erwähnte, glücklich aus der Bai von Typee entkamen. Das Schiff, dem wir zuruderten, lag mit seinem großen Marssegel backgebraßt etwa eine League vom Lande, und war der einzige Gegenstand, der die weite monotone Wasserwüste dort unterbrach.

Je näher wir kamen, desto mehr erkannten wir übrigens, daß es nur ein höchst mittelmäßiges, unordentlich aussehendes Fahrzeug sei, mit dunkeln, wettergefärbten Rumpf und Takelwerk und unnatürlich weißgebleichten und nachlässig aufgeriggten Segeln, die allerdings für die innere Einrichtung nicht besonders sprachen. Die vier Boote, die an den Seiten befestigt hingen, verkündeten den Wallfischfänger, und über die Bulwarks nachlässig gebogen, lehnten die Matrosen; wilde, ruppig aussehende Burschen mit schottischen Mützen und verschossenen blauen Jacken, manche von ihnen mit einer wahren Mumienfarbe, zu der wohl Sonne wie Krankheit gleichviel beigetragen hatten. –

Auf dem Quarterdeck stand Einer, den ich für den Obersteuermann hielt; er trug einen breitrandigen Panamahut und sein Fernglas war, als wir uns näherten, auf uns gerichtet.

Sobald sie uns mit bloßen Augen vom Deck aus erkennen konnten, klang ein Ausruf des Erstaunens von vor bis aft und alle betrachteten uns mit neugierigen, verwunderten Blicken; sie hatten aber auch wahrlich Ursache dazu. Die wilde Bootsmannschaft gar nicht zu erwähnen, die in all ihrer Aufregung keuchte und hetzte und ganz Leben und Bewegung schien, mußte mein eigenes Aussehen allein schon die Neugierde eines Jeden, selbst des nüchternsten Menschen rege machen. Ein Mantel vom Zeug der Eingeborenen hing über meine Schultern, und neben ungeschorenem Bart und ungeschnittenem Haupthaar verrieth sicherlich mein ganzes Wesen und sonstiges Aussehen, welch wunderliche Abenteuer ich kürzlich bestanden haben mußte; ich erreichte auch kaum das Deck, so bestürmten sie mich schon, von allen Seiten mit einer solchen Unmasse von Fragen, daß ich sie kaum verstehen, vielweniger beantworten konnte.

Wie wunderbar aber doch, beiläufig gesagt, das Schicksal oft wieder Menschen, die sich einmal kennen gelernt haben, zusammenführt; so fand ich hier zwei Leute, mit denen ich schon in früherer Zeit befreundet gewesen, und zwar mit dem Einen, einem alten Kriegschiffsegler, in Rio Janeiro. Mit dem Zweiten hatte ich in einem Matrosenkosthaus in Liverpool zusammen gewohnt. Ich erinnerte mich noch recht gut der Zeit, wo wir an Princes-Dock's inmitten eines Schwarms von Polizeibeamten, Kofferträgern, Bettlern u. dgl. Abschied von einander genommen, und hier sahen wir uns wieder. Jahre waren indeß vorbeigerollt, manch lange Seemeile hatten wir durchzogen und wurden jetzt unter Umständen aufs Neue zusammengeworfen, die mich fast meine eigne Existenz bezweifeln ließen.

Nur wenige Momente vergingen, ehe der Kapitän mich in die Kajüte rufen ließ.

Er war noch ein junger Mann, blaß und zart gebaut, und glich eher einem bleichsüchtigen Handlungscommis als einem derben Seekapitän. Er ließ mich niedersetzen und mir durch den Steward ein Glas Pisco Dieses spirituose Getränk erhält seinen Namen von einer nicht unbedeutenden Stadt in Peru, wo es in großen Quantitäten gebraut wird; es ist an der ganzen westl. Küste von Südamerika wohl bekannt, auch schon nach Australien ausgeführt und sehr billig. reichen; in dem Zustande aber, in dem ich damals war, machte mich dies starke Getränk so confus, daß ich gar nicht mehr wußte, was mit mir vorginge. Auf die Frage übrigens, ob ich mich »einschiffen« wollte, antwortete ich natürlich bejahend, mit der Bedingung jedoch, daß er mich bloß für eine Fahrt schiffte und im nächsten Hafen, wenn ich es verlangen würde, wieder aussetze. Seeleute gehen auf diese Art in der Südsee häufig an Bord von Wallfischfängern. Der Capitän nahm auch mein Anerbieten an, und ich bekam die Schiffsgesetze zum unterzeichnen vorgelegt.

Der Obersteuermann wurde nun heruntergerufen und damit beauftragt, einen »ordentlichen Menschen« aus mir zu machen; nicht aber etwa weil sich der Capitän besonders für mich interessirt hätte, sondern bloß, damit ich nicht zum Scandal herumliefe und sobald als möglich Dienste thun könne.

Wieder an Deck angekommen, legte mich der Obersteuermann auf den Windlaß hin, untersuchte mein krankes Bein, dotierte es dann mit irgend einem mir unbekannten Kram aus der Medicinkiste und rollte es in Segeltuch ein; machte aber ein so dickes Bündel daraus, daß ich kaum darüber hinweg sehen konnte und, auf dem Windlaß sitzend, das Bein vor mir ausgestreckt, einem Matrosen mit der Gicht glich. Während dies geschah nahm mir Einer meinen Tappamantel ab und zog mir an dessen Platz eine blaue Jacke an, und ein Anderer, ebenfalls mit dem freundlichen Wunsche, einen civilisirten Sterblichen aus mir zu machen, arbeitete mit einer Art Papierscheere an meinem Kopf herum, was meine beiden Ohren in nicht unbedeutende Gefahr, Haar und Bart aber in kurzer Zeit an Deck brachte.

Der Tag näherte sich nun seinem Ende und das Land schwand mehr und mehr in blaue Ferne – träumend aber starrte ich auf die wogende See hinaus, die uns umgab. Alle meine Wünsche waren erfüllt – ich befand mich wieder an Bord eines Schiffes und durfte hoffen, nach kurzer Zeit Heimath und Freunde wiederzusehn, und dennoch – dennoch bedrückte mich ein wehmüthiges Gefühl nieder, das ich nicht abzuschütteln vermochte. Es war der Gedanke, die nie wieder zu sehen, die mich doch, trotzdem, daß sie mich als Gefangenen hielten, so freundlich und liebevoll behandelt hatten. Ich verließ sie aus immer.

So plötzlich und unerwartet war meine Flucht gewesen, und so groß kam mir jetzt der Unterschied zwischen der üppigen Ruhe am Ufer und dem rauhen, wilden, beweglichen Schiffsleben vor, daß ich nicht übel Lust hatte, alle meine eben überstandenen Abenteuer für einen Traum zu halten, und ich konnte mich kaum selbst davon überzeugen, daß diese Sonne, die jetzt in einer unbegrenzten Wasserwüste niedersank, an demselben Morgen über Gebirgen aufgegangen war und durch schattige Haine auf mich niedergeblickt hatte, während ich selbst ausgestreckt auf einer Matte in Type lag.

In das Vorcastle, etwas nach Dunkelwerden, hinabsteigend, wurde mir eine elende Coje angewiesen, eine Art Schlafkasten, von dem zwei übereinander angebracht sind, und deren zerlegene Holzmatratze mit Stücken Wollendecke überlegt, mein Lager ausmachte. Ich bekam dann einen aus aller Facon gebogenen Zinnbecher mit »Thee« – und zwar Thee wohl nur aus Höflichkeit so genannt, denn ob die Brühe der Stengel, die noch darin herumschwammen, diesen Namen wirklich verdiente, ist eine Sache, die Schiffs-Eigenthümer mit ihrem eigenen Gewissen abmachen müssen. – Ein Stück gesalzenes Rindfleisch auf einem harten Schiffszwieback als Teller wurde mir ebenfalls herauf gereicht, und ohne weitere Umstände hielt ich eine Mahlzeit, die mir allerdings nach der ungesalzenen Nebukadnezarkost des Thales delicat erschien.

Während ich mich noch so beschäftigte, paffte ein alter Matrose, auf der Kiste unter mir, ganze Wolken von Dampf zu mir empor, wischte dann, als ich mein Mahl beendet, das Mundstück der verräucherten Pfeife an seinem Aermel ab und hielt sie mir artig hinauf. Diese Aufmerksamkeit war ächt seemännisch und wer jemals im Vorcastle gelebt hat, ist auch gerade nicht so eigen. Nach ein paar tüchtigen Zügen also drehte ich mich herum und that mein Bestes, mich selbst zu vergessen – doch umsonst. Meine Krippe, anstatt vor und ast zu gehen wie es eigentlich sein sollte, bildete mit dem Kiel einen rechten Winkel, d. h. ging von Larbord nach Starbord, und da das Schiff vor dem Wind segelte, und die See ziemlich hoch ging, so rollte es dabei so, daß ich jedes Mal, wenn meine Hacken in die Höhe und mein Kopf herunter fuhr, glaubte, ich würde einen Purzelbaum schlagen. Außerdem gab es noch einige andre Sachen, die alles Mögliche thaten, meinen Schlaf zu verderben. Dann und wann schlug sogar eine Welle über Bug, und sandte ihren Antheil durch die offne Luke herab, was mir jedes Mal das kalte Wasser ins Gesicht spritzte.

Endlich nach einer schlaflosen Nacht, die zwei Mal durch den erbarmungslosen Ruf der Wache unterbrochen wurde, sah ich den ersten Tagesstrahl zu mir niederdringen und irgend Jemand stieg herab. Es war mein alter Freund mit der Pfeife.

– Hier, Kamerad, sagte ich, helft mir 'mal hier heraus und laßt mich an Deck gehen.

– Halloh, wer krächzt da? lautete die Antwort, als Jener in die Dunkelheit hineinstarrte, wo ich lag. Ah Typee, mein Kanibalenkönig, seid Ihr das? Aber hört einmal, mein Bursche, wie gehts denn Eurer Spiere? Der Obersteuermann meint, es sähe verdammt bös damit aus und er hat den Steward gestern Abend die Handsäge schärfen lassen. Ich hoffe doch nicht, daß er an Euch herumzuarbeiten bekömmt?

Noch lange vor Tageslicht erreichten wir die Bai von Nukuhewa und machten bis gegen Morgen kurze Gänge, wo wir dann einliefen und ein Boot mit den Wilden, die mich an Bord gebracht, zum Ufer schickten. Als das zurück kehrte, setzten wir Segel bei und ließen das Land im Rücken. Es wehte eine prächtige Briese und trotz meiner ruhelosen Nacht machten doch die kühlen, kräftigen Seewinde einen unbeschreiblich wohlthätigen Eindruck auf mich.

Den größten Theil des Tages saß ich nun auf dem Windlaß und unterhielt mich mit den Leuten, lernte auch dadurch das Schiff und seine bisherigen Schicksale kennen, und will die dem Leser hier kurz vorführen.

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