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Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil

Herman Melville: Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil - Kapitel 22
Quellenangabe
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typefiction
authorHermann Melville
titleOmoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil
publisherVerlag von Gustav Mayer
year1847
translatorFriedrich Gerstäcker
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Capitel XlX.

Jermin leistet uns einen guten Dienst. Freundschaften in Polynesien.

Da das Schiff nun einmal fort war, so wollten wir doch auch gern wissen, was nun mit uns geschehen würde; darüber konnte uns aber Capitän Bob gar nichts sagen, mir versicherte er uns, daß er noch alle als unter seiner Obhut stehend betrachten müsse. Uebrigens brachte er uns nie wieder zu Bett und wir konnten sonst thun und lassen was wir wollten.

An demselben Tage, an welchem uns die Julia verlassen, kam aber plötzlich der alte Mann in großer Noth zu uns und erklärte, daß er den Eimer Brod nicht mehr ausgeliefert bekäme; auch hätte Wilson sich geweigert, Lebensmittel hierher zu senden. Dies war natürlich nichts weiter, als ein freundschaftlicher Wink für uns, hinzugehen, wohin es uns beliebe; doch so leicht wollten wir uns nicht abschütteln lassen. Um daher unsern alten Feind zu ärgern, beschlossen wir noch da zu bleiben, wo wir wären. Ueberdies erfuhren wir auch, daß der Consul der Spott der ganzen Stadt wäre und sie ihn häufig mit seinen hoffnungsvollen Protegés in der Calabouse neckten.

Da wir uns auch ohne alle Hülfsquellen befanden, so gab es für uns gegenwärtig gar keinen bessern Platz, als die Calabouse; überdies hatten wir den alten Capitän Bob auch wirklich lieb gewonnen und dachten gar nicht daran, ihn so schnell zu verlassen.

Ueber unseren Lebensunterhalt suchten wir ihn zu beruhigen, denn wir beabsichtigten unser Fouragirsystem jetzt auf einen weiteren Umkreis auszudehnen.

Dem alten Jermin waren wir dabei nicht wenig verpflichtet, denn er hatte unsere Kisten mit ihren sämmtlichen Inhalt ans Ufer gesandt. Diese standen unter der Obhut eines kleinen, nicht gar entfernt wohnenden Häuptlings, dem übrigens der Consul befohlen hatte sie nicht auszuliefern; wir sollten dorthin gehen und jedesmal unsere Toilette machen.

Wir besuchten denn auch Mahinee, den alten Häuptling, und Capitän Bob begleitete uns, bestand aber dort so fest auf die Auslieferung unserer Sachen, daß Jener es nicht länger verweigern konnte. Die Kisten wurden nun in feierlicher Prozession in die Calabouse getragen, wo wir den innern Raum höchst geschmackvoll arrangirten und das Ganze so herstellten, daß der alte Bob und seine Freunde die Calabouse Beretanee für den am prächtigsten ausgestatteten Salon in ganz Tahiti erklärten. So lange wir die Calabouse in diesem Zustand ließen, wurden auch wirklich die Gerichtssitzungen der Eingeborenen dort gehalten, der Richter Mahinee und seine Gefährten nahmen auf den Kisten Platz, während die Verklagten und Zuschauer sich in voller Länge auf den Boden warfen; wir aber, die Fußblöcke als eine Art Gallerie betrachtend, gar andächtig zuschauten und unsere Meinung über die verschiedenen Verhandlungen abgaben.

Hier sollte ich eigentlich noch erwähnen, daß vor dem Abgang der Julia die Leute fast alle die Kleider, die sie möglicher Weise entbehren konnten, verhandelt hatten. Jetzt wurde aber beschlossen, sparsamer damit umzugehen.

Der Inhalt der Kisten bestand aus den wunderlichsten und gemischtesten Gegenständen, Nähzeug, Spließeisen, Streifen Kattun, Tauenden, Matrosenmessern und tausend andern Sachen, die ein Seemann nur brauchen kann. Kleidungsstücke fanden sich jedoch höchst mäßig darin und selbst nach mehrmaliger Durchwühlung konnten wir wenig mehr zu Tage fördern als alte Röcke, Ueberbleibsel von Jacken, Hosenbeine und dann und wann eine einzelne Socke; alle diese Dinge waren übrigens keineswegs werthlos, denn unter den armen Tahitiern wird jedes europäische Stück sehr geachtet. Es kommt ja von Beretanee, Fenooa, Pararee (England, das Land der Wunder) und das ist genug.

Die Kisten selber wurden für äußerst kostbar gehalten, vorzüglich die, die noch ganze Schlösser hatten und dem Inhaber erlaubten den Deckel zuzuschließen und mit dem Schlüssel fortzugehen. Risse, Sprünge wurden jedoch als große Fehler betrachtet und ein alter Bursche, dem des Doktors große und, beiläufig gesagt, wohlgefüllte Mahagonikiste besonders gefiel, blieb äußerst gern auf derselben sitzen, wobei wir ihn einmal erwischten, wie er eine Art Balsam auf einen Theil der sehr zerkratzten Politur strich, um die Schönheit des Deckels wieder herzustellen.

Man glaubt übrigens gar nicht, welche wunderbare Liebe die Eingeborenen für Matrosenkisten hegen; ja, die Frauen sollen ihre Männer fortwährend quälen, ihnen doch wo möglich eine solche zu verschaffen; man kann sich also denken, daß die Erlangung unseres Eigenthums, und zwar eines Eigenthums, das so werthvolle Gegenstände in sich schloß, ein sehr wichtiger Umstand für uns sein mußte.

Die Insulaner sind jedoch fast eben so wie andere Menschen; kaum war also bekannt geworden, daß wir plötzlich einen solchen Reichthum erlangt, als unser gutes Glück uns auch eine Masse von »Tayo's« oder Freunden brachte, die ungemein gern, nach dem Nationalgebrauch, ein Freundschaftsbündniß mit uns schließen und unsere leisesten Wünsche erfüllen wollten.

Die wirklich sonderbare Art, auf welche die Polynesier in unglaublich kurzer Zeit mit Andern innige Freundschaft schließen, verdient eine Bemerkung. Dies Gefühl hat auch wirklich einen edeln und schönen Ursprung; jetzt freilich ist es mehr in ein feiles, eigennütziges Verfahren ausgeartet und wird dem, den es betrifft, mehr zum Fluch als zum Segen.

Damals erfüllte das erste Erscheinen der Weißen die Herzen der Insulaner mit Liebe und Bewunderung und wir lesen noch oft von Kriegern, die in ihren Canoes zu den Schiffen hinausruderten und unter den wunderlichsten Geberden dem, der ihnen von den Fremden gefiel, ihre Freundschaft anboten. Diese Gewohnheit hat sich auf einigen Inseln auch noch bis auf den heutigen Tag erhalten.

Nicht gar so sehr weit von Tahiti entfernt liegt eine kleine Insel, die selten von Fahrzeugen berührt wird und an der ich einst vor Anker ging.

Natürlich hatten wir bald unter den einfachen Natursöhnen jeder seinen Freund. Der meinige war Poky, ein stattlicher junger Mann, der nie genug für mich thun konnte. Jeden Morgen nach Sonnenaufgang kam sein, mit allerlei Früchten beladenes Canoe, an unser Schiff, dort schaffte er seine Ladung an Bord und befestigte den schwanken Kahn an Bugspriet, um jeden Augenblick bereit zu sein, irgend einen Auftrag für mich auszuführen.

Da er so unermüdlich war, so sagte ich Poky eines Tags, daß ich gern Muscheln und sonstige Merkwürdigkeiten hätte, und fort ruderte er augenblicklich und ließ vierundzwanzig Stunden nichts wieder von sich hören. Am nächsten Morgen erst glitt sein schwerbeladenes Canoe langsam am Ufer hin und der stark belaubte Gipfel eines jungen Baumes diente ihm dabei zum Segel. Um seine Ladung trocken zu halten, hatte er auch ein kleines Schutzdach über sein Boot gebaut, und dieses mit grüner Flechtenarbeit eingefaßt; darin aber lag eine Menge von gelben Bananas und Muscheln, junger Cocosnüsse und rothe Corallenzweige, zwei oder drei Stücken wunderlich geschnitztes Holz, einen kleinen Taschengötzen so schwarz wie Kohle, und Rollen von gedruckter Tappa.

Wir bekamen einen Feiertag, und als wir ans Ufer gingen war Poky natürlich mein Begleiter und Führer. Einen bessern hätte ich mir denn auch gar nicht wünschen können, denn von seinem schönen Lande kannte er jeden Zollbreit und während er mich herumführte, ward ich Jedem, der uns Begegnenden, als Poky's »tayo harhowree nuee« oder als sein intimer, weißer Freund vorgestellt.

Er zeigte mir alle Löwen der Insel, ja er that noch mehr, er führte mich auch zu einer reizenden kleinen Löwin, einer jungen Dame, der Tochter eines Häuptlings, deren Schönheitsruf sich so weit verbreitet hatte, daß er sogar bis auf die benachbarten Inseln gedrungen war, von denen Werber bis hierher kamen, unter andern Tooboi, der Erbe von Tamatoy, des Königs von Raiatair – eine der Gesellschaftsinseln. Das Mädchen war auch wirklich schön, ein ganzer Himmel lag in ihren sonnigen Augen und ihr voller runder Arm schaute gar verführerisch unter dem weißen Tappagewande hervor.

Obgleich nun Poky's Aufmerksamkeiten kein Ende nahmen, so erwähnte er doch nie das Wort »Belohnung« und als endlich der Tag unserer Abreise heranrückte, kam auch mit ihm sein Canoe bis an den Rand mit Geschenken für mich beladen. Ich gab ihm alles, was ich aus meiner Kiste entbehren konnte und ging dann an Deck, um meinen Platz an der Ankerwinde zu nehmen. Poky folgte mir und arbeitete mit mir an derselben Handspeiche.

Endlich lichtete sich der Anker und fort segelten wir auf der Bai, während mehr als zwanzig Schaluppen an unserm Stern hingen. Endlich verließen sie uns; so lange aber als ich die schlanken Boote erkennen konnte, stand Poky allein und regungslos im Vordertheil seines Canoes.

 

Ende des ersten Bandes.

 

Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.

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