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Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil

Herman Melville: Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil - Kapitel 21
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typefiction
authorHermann Melville
titleOmoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil
publisherVerlag von Gustav Mayer
year1847
translatorFriedrich Gerstäcker
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Capitel XVIII.

Die kleine Jule segelt ohne uns.

Um uns die ausgesprochene Drohung recht wahrscheinlich zu machen, ließ uns Wilson nach dem Kinderspiel mit den vorgebrachten Klagen nochmals vor sich kommen.

Dieselbe Geschichte wurde noch einmal durchgespielt, ohne daß er dadurch ein andres Resultat erreichte, was ihn besonders deshalb sehr ärgern mußte, da er jetzt nothwendiger Weise anfing einzusehen, daß wir ihn und seine Pläne durchschauten oder uns wenigstens nicht im mindesten vor alle dem fürchteten, was er gegen uns unternehmen konnte.

Wahrscheinlich hatte er damals, als Guy ihm zuerst sein Leiden klagte, damit groß gethan, wie bald er uns wieder zum Gehorsam zwingen wolle; aber Drohungen, Handschellen, Fußblöcke, geheimnißvolle Andeutungen und Gott weiß was sonst noch, war alles umsonst verschwendet worden und er sah sich an derselben Stelle als vorher. Wir wußten recht gut, wie das bis jetzt Geschehene keine ernsthaften Folgen für uns haben könne und lachten Wilson deshalb mit all seinem unsinnigen Großthun aus.

Vom Steuermann sahen wir nichts mehr, seit er die Julia verlassen, hörten aber oft genug von ihm.

Es schien daß er an Bord blieb und dort ganz allein Haus hielt, während Viner, der ihn manchmal besuchte, endlich ganz sein Gast wurde. Diese beiden Bursche hatten jetzt gute Zeiten; sie zapften des Kapitäns Fässer an, spielten Karten und gaben Abends Ball, wozu sie die Damen vom Ufer aus einluden. In der That trieben sie es so arg, daß sich die Missionäre endlich beklagten und der Steuermann einen tüchtigen Verweis vom Capitän erhielt.

Dies kränkte ihn so, daß er immer noch mehr trank. Eines Nachmittags, wo er mit einer außergewöhnlich starken Ladung auf dem Verdeck stand, fühlte er sich plötzlich durch das Betragen einer Anzahl von Eingebornen beleidigt. Diese nämlich wollten in einem großen Canoe vorbeirudern, als sie Jermin plötzlich anschrie, sie sollten an Bord kommen und ihre Papiere zeigen darüber erschraken die armen Teufel so, daß sie die Flucht ergriffen und dem Ufer zuruderten. Jermin aber, über solche Hintansetzung jeder Höflichkeit empört, ließ augenblicklich sein eignes Boot herunter, bewaffnete Wymontoo und den Dänen mit mächtigen Schiffssäbeln und selbst eine ähnliche Wehr ergreifend, sprang er in das Boot hinab, an dessen Stern die Schiffsflagge wehte und folgte den Flüchtigen.

Die entsetzten Wilden, die natürlich glaubten sie hätten es mit Piraten zu thun, erreichten das Ufer, rissen ihr Canoe auf den Strand und flohen nun schreiend durch die Stadt, während der Steuermann, ihnen dicht auf den Hacken, mit seinem Säbel links und rechts um sich hieb. Eine Menschenschaar versammelte sich bald und der »Karhowree toonee« ward gefaßt und vor Wilson gebracht.

Nun traf es sich zufällig, daß Wilson gerade in dem Hause eines Eingebornen mit Capitän Guy gemüthlich bei einer Parthie Cribbage saß, während eine vollbäuchige Brandyflasche daneben Wache stand. Dies machte aber einen so besänftigenden Eindruck auf den Steuermann, daß er jeden feindseligen Gedanken augenblicklich fahren ließ und sich erbot mitzuspielen. Der Consul befand sich zu dieser Zeit fast eben so angetrunken wie Jermin selber und hatte nichts dagegen, und da auch der Capitän seinen Steuermann nicht beleidigen durfte, so saßen die Drei denn gar bald friedlich und traulich beisammen und hielten die ganze Nacht aus. Von Jermins Vergehen wurde natürlich nicht wieder gesprochen.

Etwas Erzählungswerthes entstand aber doch aus diesem Streich.

In Papeetee wanderte zu dieser Zeit eine kleine alte englische Hexe herum, die von den Matrosen, »Mütterchen Tot« genannt wurde. Diese hatte von Neuseeland bis zu den Sandwichinseln fast das ganze stille Meer durchzogen und hielt überall eine kleine Hütte, wo sie Seeleute mit Nachtquartier, Rum und Würfeln versorgte. Auf den Missionärinseln mußte ein solches Geschäft natürlich als sehr strafbar erscheinen und an verschiedenen Orten hatten sie Mütterchen Tot's Laden geschlossen und diese mit ihrem ganzen Kram auf das erste Schiff gebracht, das veranlaßt werden konnte, sie irgend wo anders hinzubringen. Sie ließ sich aber nicht irre machen und begann mit einer unglaublichen Ausdauer, wohin sie auch kam, jedes Mal ihr Geschäft von neuem, so daß sie bald berüchtigt wurde.

Ein kleiner einäugiger Schuhflicker, dem sie es auf eine oder die andere Art angethan haben mußte, folgte ihr überall umher, besserte Schuhe für weiße Leute aus, kochte für die Alte, und ließ sich, ohne zu murren, tagtäglich und auf das Gotteslästerlichste von ihr heruntermachen. Sonderbarer Weise kam ihm dabei eine alte zerfetzte Bibel selten von der Seite, und wenn er nur einen Augenblick Zeit hatte, und es hinter dem Rücken seiner Dame thun konnte, so saß er und studirte darin. Diese fromme Eigenschaft brachte dann die alte Dame in die äußerste Wuth und gar nicht selten schlug sie ihm das Buch um die Ohren und suchte es zu verbrennen. Mutter Tot und ihr Mann Joseph waren in der That ein wunderliches Paar.

Doch zu meiner Erzählung.

Etwa eine Woche nach unsrer Ankunft im Hafen war die alte Dame wieder einmal gezwungen worden, ihr Geschäft aufzugeben und das zwar hauptsächlich durch Wilsons Einfluß, der, aus irgend einer unbekannten Ursache, sie gründlich haßte. Die Alte natürlich fühlte dieselbe freundliche Zuneigung für ihn.

An dem Abend nun, wo sich der Consul mit seinen Freunden so wohl befand, schritt sie an jenem Hause vorbei, schaute neugierig durch die Bambus und erkannte kaum ihren alten Feind in solchem Zustande, als sie auch schon beschloß, diesen Moment zu benutzen, um ihre Rache an ihm auszulassen.

Da die Nacht sehr dunkel war, eilte sie erst heimwärts, eine alte, ungeheure Schiffslaterne, die gewöhnlich in ihrer Hütte hing, zu holen; damit kehrte sie nach dem Hause zurück und wartete nun geduldig, bis die Zecher aufbrechen würden. Dies geschah etwa um Mitternacht und Wilson ging voran, während zwei Eingeborene ihn zu beiden Seiten unterstützten und aufrecht hielten; gerade aber als sie in den dunkeln Schatten einer Straße traten, wurde dem aufs Aeußerste erstaunten Wilson ein blendendes Licht dicht an die Nase gehoben, während die alte Hexe vor ihm kniete und die Laterne mit ausgestreckten Händen ihm entgegen hielt.

Hahaha, mein feiner Rathsherr, Ihr verklagt eine arme alte Frau wie ich bin, weil sie Rum verkauft, und jetzt laßt Ihr Euch selber betrunken nach Hause führen? Pfui, Ihr Schuft, ich verachte Euch.

Und sie spie ihn an.

Die armen Eingeborenen über das, was sie für eine übernatürliche Erscheinung hielten, zum Tode erschreckt, ließen den zitternden Consul fallen und flohen nach allen Seiten; Mutter Tot aber, nachdem sie ihrem vollen Grimm erst Luft gemacht, hinkte fort und ließ die drei Zecher sehen, wie sie allein nach Hause kamen.

Am folgenden Tage nach unserer Zusammenkunft mit Wilson erfuhren wir, daß Capitän Guy an Bord seines eignen Fahrzeugs gegangen sei, um neue Mannschaft anzunehmen. Ein gutes Handgeld wurde geboten und ein schwerer Sack mit spanischen Dollars lag neben den zum Unterzeichnen auf der Gangspilltrommel ausgebreiteten Schiffsartikeln.

Nun befanden sich gerade eine Menge müßiger Matrosen am Ufer und zwar größtentheils Beachcombers, die sich zu einer förmlichen Bande organisirt und einen Schotten Namens Mack zu ihrem »Kommodore« gewählt hatten. Nach den Gesetzen dieser Brüderschaft war es keinem Mitglied gestattet, sich auf irgend einem Fahrzeug einzuschiffen, ohne daß er von den Uebrigen die Erlaubniß dazu bekommen, und da sich fast alle entlassenen Seeleute gezwungen sahen, dieser Gesellschaft beizutreten, so controllirte sie förmlich den Hafen.

Mack und seine Leute kannten nun unsere Geschichte sehr gut, ja hatten uns sogar mehrmals besucht und waren, was sie als Matrosen auch sein mußten, aufgebracht gegen Capitän Guy.

Da sie nun die Sache für wichtig hielten, so kamen sie in Masse zu uns in die Calabouse, und wollten wissen, ob wir, Alles in Betracht gezogen, es für vortheilhaft hielten, daß ein Theil von ihnen an Bord der Julia ging.

Natürlich war unser Hauptzweck und Wunsch, die Julia so bald als möglich aus dem Hafen zu bekommen und wir antworteten deshalb auch unbedingt: Ja; Einige priesen sogar die Julia bis in den Himmel hinein, als das beste und schnellste Schiff, das es nur geben könne. Jermin wurde ebenfalls als guter und braver Matrose gelobt und was den Capitän betraf, so war das ein ruhiger Mann, der Niemand etwas in den Weg legte. In der That wurde Alles hervorgesucht, was wir nur zum Vortheil des alten Schiffes sagen konnten und Flash-Jack versicherte zuletzt feierlichst, daß uns jetzt, da wir wieder Alle wohl und gesund wären, nichts verhindern würde, an ihren Bord zurückzukehren, wenn es nicht gälte, das Princip durchzufechten.

Das Resultat war, daß die Julia endlich neue Mannschaft bekam und zwar einen ordentlichen Neu-Engländer als Unter-Steuermann und drei gute Walfischfänger als Harpuniere.

Dabei wurde auch Alles an dem Schiff ausgebessert, was auszubessern war, und an Provisionen eingekauft, was nur ein Platz wie Tahiti liefern konnte. Was den Mowree betraf, so weigerte sich das Gericht ihn ans Ufer zu lassen und er wurde geschlossen mit in See genommen. Was weiter mit ihm geschah, habe ich nie gehört.

Ropey, der arme, arme Ropey, der ein paar Tage vorher, ehe die Julia segelte, krank geworden, wurde in Toivnor (ein kleiner Platz am Strande zwischen Papeetee und Matavai) im Matrosenhospital zurückgelassen. Hier starb er kurze Zeit daraus, aber Niemand wußte woran, wahrscheinlich haben ihn die harten Zeiten umgebracht. Mehrere von uns sahen ihn in dem Sande verscharren und ich selbst grub dort einen rohen Pfosten ein, um seinen Ruheplatz zu bezeichnen.

Der Böttcher und die Uebrigen, die gleich von Anfang an Bord geblieben waren, bildeten natürlich auch jetzt wieder einen Theil der Mannschaft.

Um übrigens dem Leser das Betragen des Konsuls und Capitäns zu erklären, die sich solche entsetzliche Mühe gaben, uns wieder an Bord zu bekommen, wird es nur weniger Worte bedürfen.

Außerdem, daß in Tahiti ein jeder Matrose 15 bis 25 Dollar Handgeld verlangt, so muß auch eine gleiche Summe für jeden einzelnen Mann als Hafengeld an die Regierung gezahlt werden. Auch schiffen sich diese Leute, mit nur wenigen Ausnahmen, fast stets für eine Fahrt ein, und verlassen also das Schiff schon wieder, ehe es die Heimath erreiche was den Capitän natürlich zwingt, noch einmal andere Matrosen, und zwar für einen ähnlichen Preis, zu werben. Nun befand sich der Schatzmeister der Julia in sehr traurigen Umständen und es mußte, um nur die nothwendigsten Ausgaben zu bestreiten, ein Theil des schon gewonnenen Thranes für einen Spottpreis in Papeetee verkauft werden.

Es war ein Sonntag in Tahiti und ein herrlicher Morgen als Capitän Bob in die Calabouse watschelte und uns durch eine Nachricht überraschte.

– Ah, meine Bursche, rief er aus – schiffin Ihr – Harrin – machi Segel – Mit andern Worten, die Julia stach in See.

Der Strand war nicht fern, und an diesem Theil fast ganz unbewohnt; dorthin liefen wir also und sahen, in etwa Cabelslänge, die kleine Julie vorbeigleiten. Ihre Bramsegel waren gesetzt und ein kleiner Knabe saß mit einem Beine über der Oberbramraae und löste das Royal. Das Verdeck lebte und webte, und die Matrosen arbeiteten und sangen auf dem Vorcastle, während sie die Anker lichteten; der wackere Jermin stand mit bloßem Kopf, wie er stets gewohnt war, auf dem Bugspriet und gab seine Befehle.

Neben dem Mann am Rad lehnte Capitän Guy sehr ruhig und vornehm und rauchte seine Cigarre.

Bald darauf erreichte das Fahrzeug die Riffe und glitt, seine Richtung ändernd, durch den Engpaß in die offne See hinaus. So verschwand, nach etwa dreiwöchentlichem Aufenthalt im Hafen die kleine Julia, und ich habe nie wieder etwas von ihr gehört.

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