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Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil

Herman Melville: Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil - Kapitel 20
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typefiction
authorHermann Melville
titleOmoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil
publisherVerlag von Gustav Mayer
year1847
translatorFriedrich Gerstäcker
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Capitel XVII.

Wir werden vor den Consul und Capitän geführt; die französischen Priester besuchen uns.

Wir waren etwa zwei Wochen in der Calabouse Beretanee als Capitän Bob eines Morgens splitternackt und nur mit einem Arm voll alter Tappa zu uns kam und sich bei uns ankleidete um auszugehen.

Diese Operation war sehr einfach. Die Tappa bestand aus einem einzigen langen Stück von der gröbsten Art, dessen eines Ende er an den ersten Stamm befestigte, der als Säule unserer Calabouse Dach trug; dann, soweit es ihm die Länge des Zeugs erlaubte, zurück trat, das Ende, was er hielt um seinen Leib befestigte und sich nun bis an den Pfosten fest hinanwickelte. Dies wunderliche Costüme mußte natürlich seine Wohlbeleibtheit noch vermehren, so daß er förmlich im Gange watschelte. Bob blieb jedoch nur der Tracht seiner Vorfahren getreu, denn in alter Zeit war der »Kihee« oder große Gürtel für beide Geschlechter Mode gewesen, und er als Gentleman von der alten Schule, jede Neuerung hassend, blieb »der letzte der Kihee's«, dem frühern Brauche treu.

Er kündigte uns jetzt an, daß er Befehl habe, sämmtliche Gefangenen vor den Consul zu führen und ganz zufrieden damit bildeten wir eine Prozession, und begann mit dem alten keuchenden Mann an der Spitze, unsern Marsch nach der Stadt, während wir von einigen zwanzig Eingeborenen begleitet oder vielmehr bewacht wurden.

Als wir die Office des Consuls erreichten, fanden wir Wilson dort, der mit noch vier oder fünf Europäern in einer Reihe saß und dadurch wahrscheinlich einen etwas imponirenden Eindruck auf uns hervorbringen wollte.

Auf einer Seite war ein Lager angebracht, auf welchem Capitän Guy ruhte, er sah etwas besser aus und beabsichtigte, wie wir hörten, bald wieder an Bord seines Fahrzeugs zu gehen. Er sagte übrigens gar nichts und überließ dem Consul die ganze Verhandlung.

Dieser erhob sich jetzt und ein mit einer rothen Schnur zugebundenes Papier aufrollend, las er uns den Inhalt ab.

Wie wir bald fanden war es ein Zeugniß von John Jermin, Obersteuermann der britischen Colonienbarke Julia, Guy, Master, und wies sich, als ein langer Bericht von Thatsachen aus, die schon von der Barke Auslaufen in Sidney an, bis zu unsrer Ankunft im Hafen gesammelt sein mußten. Obgleich nun so künstlich gestellt, daß es gegen uns Alle hart zeugen mußte, so war es doch in den einzelnen Details ziemlich correct, überging jedoch Alles, was sich Jermin selber hatte zu Schulden kommen lassen, gänzlich mit Stillschweigen, was den Schlußworten eine besondere Wichtigkeit verlieh. Diese lauteten nemlich: »– und weiterhin saget dies Dokument nichts.«

Wir sahen uns Alle nach dem Steuermann um; er war aber nicht gegenwärtig.

Das nächste Zeugniß bestand aus des Capitäns Aussage, der sich jedoch, wie Alles, was dieser unglückliche junge Mann bis dahin hervorgebracht, als ziemlich unbedeutend erwies und schnell beseitigt wurde.

Die dritte Anklage war die der an Bord zurückgebliebenen Seeleute, den Verräther Spunt mit eingeschlossen, der wie es schien als »Schiffszeuge« aufgetreten war. Sie erwies sich als ein wirklich nichtswürdiges Stück von Uebertreibung und die, die es unterschrieben hatten, wußten sicher nicht, was es bedeutete; Wymontoo auf keinen Fall, dessen Zeichen ebenfalls darunter stand. Umsonst befahl der Consul während dies verlesen wurde, wiederholt Stillschweigen; bei jedem Paragraph brachen wir in lautes Geschrei aus.

Nachdem dies beendet worden, zog Wilson, der indessen so steif wie eine Handspeiche dagesessen, feierlich die Schiffsartikel aus ihrer Blechbüchse; dies Dokument sah schauerlich schmutzig und gelb und verblichen aus und konnte kaum noch entziffert werden, nichts desto weniger las es der Konsul und frug endlich, während er auf die Zeichen der darunter angegebenen Mannschaft deutete, ob wir diese als die unsrigen erkännten.

– Ach, was hilft denn das viele Fragen, fuhr der schwarze Dan dazwischen. Capitän Guy weiß so gut wie wir, daß wir es unterschrieben haben.

– Ruhe Sir, gebot Wilson, der durch solche Fragen gehofft hatte einen ganz besonderen Eindruck auf die Matrosen hervorzubringen, sich nun aber durch des alten Seemanns Derbheit getäuscht sah.

Eine Pause von mehreren Minuten entstand nun, während welcher die Richter mit Capitän Guy einerseits mit halblauter Stimme das Obige besprachen, während wir uns indessen die Köpfe zerbrachen, was Wilson wohl dabei beabsichtigt haben könnte, solche Klagen aufzusetzen.

Die allgemeine Ansicht sprach sich endlich dahin aus, das Ganze sei nur deshalb geschehen, uns einzuschüchtern. Und so war es denn auch, denn Wilson, der jetzt aufstand, redete uns bald auf folgende Art an:

– Ihr seht, Leute, daß jede Vorbereitung getroffen ist, Euch nach Sidney in Euer Verhör zu schicken. Die Rosa (ein kleiner australischer Schooner, der damals im Hafen lag) segelt in höchstens zehn Tagen dorthin ab, die Julia wird heute über acht Tage auslaufen. Weigert Ihr Euch noch immer an ihren Bord zu gehen?

Ein einstimmiges »Ja« antwortete ihm.

Hierauf wechselten der Consul und der Capitän Blicke miteinander und der Letztere konnte den Ausdruck bittrer Täuschung gar nicht verbergen.

Da gewahrte ich plötzlich wie Guy's Auge auf mir haftete und jetzt zum ersten Male sprach er; er befahl mir nemlich, näher zu ihm zu kommen. Ich trat gegen ihn hin.

– Wart Ihr es nicht, den wir von der Insel aufnahmen?

– Ja.

– Ihr seid es also, der sein Leben meiner Menschlichkeit verdankt; aber sehen Sie, Mr. Wilson, das ist die Dankbarkeit eines Matrosen.

Diese Beschuldigung konnte ich nicht auf mir sitzen lassen und erklärte ihm nun ziemlich rund heraus, daß ich recht gut wisse, weshalb er ein Boot in die Bai gesandt habe. Seine Mannschaft war durch Deserteure so geschwächt worden, daß er nur Matrosen dort zu finden hoffte, die er nothwendig brauchte. Das Fahrzeug selbst war die Ursache meiner Rettung nicht der Capitän desselben.

Doktor Lattengeist hatte ebenfalls ein paar Worte mit einzulegen und schilderte Capitän Guy's Charakter in einem kurzen Abriß, aber zum Vergnügen der anwesenden Matrosen höchst treffend.

Die Sache schien jetzt eine ernsthafte Wendung nehmen zu wollen; die Matrosen wurden immer lauter und fingen schon an, davon zu reden, daß sie am besten den Capitän und Konsul mit in die Calabeuse nähmen.

Die andern Richter geboten mehrmals Schweigen und dies wurde auch endlich wieder hergestellt. Dann redete uns Wilson zum letzten Male an, sagte noch etwas über die Rosa und Sidney und beschloß damit uns besonders darauf aufmerksam zu machen, daß noch eine volle Woche verginge, ehe die Julia segle.

Wahrscheinlich hoffte er, dies werde bei ruhiger Ueberlegung seine Wirkung auf uns nicht verfehlen, und entließ uns worauf er Capitän Bob befahl, den Rückmarsch mit seinen Gefangenen anzutreten.

Zwei Tage nach den oben beschriebenen Vorfällen wurden wir eines Morgens durch den Besuch von drei französischen Priestern beehrt, und wir mußten diese ans jeden Fall für besser erzogen als die englischen Missionäre halten, welche Letztere uns nur ihre Karten in Gestalt eines ganzen Packets Traktätchen geschickt hatten.

Die französischen Priester wohnten jetzt nemlich gar nicht weit von uns. Sobald man ein kleines Stückchen die Besenstraße hinabwandelte sah man schon von fern ein roh errichtetes Kreuz durch die Bäume schimmern und kam bald zu einem wunderlieblichen Platz. Oben ein sanfter Hügel mit Brodfruchtbäumen bepflanzt, zu dem sich eine weite Savannah bis zu einer Palmengruppe hinabzog, zwischen denen wieder die blauen sonnigen Wogen hervorschimmerten. Auf dem Gipfel des Hügels stand eine einfache Capelle von Bambus, die das Kreuz überragt. Zwischen den Rohrstücken hindurch erspähten dann manchmal die neugierigen Eingeborenen einen kleinen tragbaren Altar mit Kruzifix und mit vergoldeten Leuchtern und Rauchpfannen. Ihre Neugierde führte sie aber nicht weiter, denn nichts hätte sie bewegen können, dort zu beten, solche wunderliche Ideen hatten sie von den gehaßten Fremden. Messen und Gesänge waren in ihren Augen nichts weiter als böse Zauber und die Priester selber um wenig besser als diabolische Hexenmeister, wie jene, die in alten Zeiten ihre Vorväter geängstigt.

Dicht bei der Capelle stand eine Reihe von Häusern der Eingebornen, die hübsch ausgestattet und ihnen von einem Häuptling überlassen waren. Hier, und noch dazu ganz behaglich, wohnten die Priester, die auch wohl heilig und ehrwürdig genug aussehen mochten, daheim aber, ging das Gerücht, sollten sie einer Gesellschaft von Bruder Tucks gleichen, priesterliche Gelage mit rothem Brandy halten und sehr spät des Morgens aufstehen.

Wie schade, daß sie nicht heirathen durften – wie schade für die Damen der Insel nemlich und für die Moralität überhaupt, denn was hatten diese geistlichen alten Junggesellen mit einer solchen Menge von niedlichen, kleinen Aufwärterinnen zu thun? Diese jungen Damen waren die Ersten die sie bekehrten und, o wie andächtig beteten sie.

Die Priester wurden, wie ich schon gesagt habe, für Zauberer gehalten; ihre Erscheinung widersprach jedoch dem vollkommen.

Zwei von ihnen waren kleine halbeingetrocknete Franzosen mit langen steifen Gewändern von schwarzem Tuch und fürchterlichen dreieckigen Hüten, die so entsetzlich groß waren, daß die ehrwürdigen Väter, wenn sie dieselben aufsetzten, stets drein schauten, als ob sie Lichter wären und sich auslöschen wollten.

Ihr Begleiter trug eine sehr verschiedene Tracht, und zwar eine Art Schlafrock von gelbem Flanell und einen breiträndigen Manilla Hut; dabei war er groß und breitschultrig, mit gelbem Teint, blauen Augen, gesunden Zähnen und dem richtigen breiten irischen Dialekt. Er hieß denn auch Vater Murphy der Ire, und alle protestantischen Ansiedlungen in Polynesien haßten ihn wie die Sünde. In früher Jugend war er in ein frommes Stift nach Frankreich gesandt worden, und seit der Zeit erst ein oder zweimal wieder in dem Lande seiner Geburt gewesen.

Vater Murphy kam nun mit schnellen Schritten auf uns zu und frug uns gleich von Anfang an, ob einige seine Landsleute wären; zwei waren denn das auch wirklich; der eine, ein blondlockiger, wilder Bursche, der als junger Irländer natürlich Pat hieß; der Andre dagegen, ein häßlicher, und fast melancholisch aussehender Spitzbube, ein gewisser M'Gee, dessen Lebensaussichten eine allzufrühe Deportation nach Sidney vernichtet haben mochte, so hieß es wenigstens, wenn das Gerücht nicht log.

Die meisten meiner Schiffsgefährten besaßen auch, so roh und wüst sie sonst sein mochten, wenigstens etwas, was für sie sprach, M'Gee dagegen gar nichts, und oft, wenn ich gezwungen war mit ihm zusammen zu leben, habe ich es bedauert, daß der Galgen nicht früher das beansprucht, was ihm gebührte. Es schien ordentlich als ob die Natur, da sie ihn doch nicht mehr aus der Welt zurückhalten konnte, wenigstens alles Mögliche gethan hatte, seinen Charakter außer allem Zweifel zu stellen. Schon seine Augen verriethen den ganzen Menschen; sie sahen aus, als ob eines dem andern nicht recht traute.

Der dicke Priester wandte sich denn auch augenblicklich an das gutmüthige Gesicht Pat's, der mit einem schelmischen Lächeln, die enormen Filzdeckel der beiden andern Priester betrachtete, unter denen die beiden kleinen Franzosen wie schwarze Schnecken hervorpepten.

Pat und der Priester stammten aus ein und derselben Stadt im Meath und sobald sie dies gegenseitig herausbekommen, so war kein Ende mehr mit Fragen, Pat erschien ihm wie ein Brief aus der Heimath und sagte ihm hundertmal so viel. Nach einem langen Gespräch zwischen den beiden und einem klein wenig gebrochenem Englisch, das die Franzosen einwarfen, empfahl sich unser Besuch wieder. Vater Murphy hatte aber kaum zwanzig Schritt gemacht, als er auch schon wieder zurückkam und frug, ob wir irgend etwas brauchten.

– Ja, rief Einer, etwas zu essen.

Und hierauf versprach er uns frisches Weizenbrod zu schicken, das er selbst gebacken, und das in Tahiti für einen großen Luxusartikel galt. Wir alle wünschten Pat Glück einen solchen Freund gefunden zu haben, und versicherten ihm, daß er jetzt ein gemachter Mann sei.

Am nächsten Morgen erschien ein französischer Diener des Priesters, mit einigen Kleidungsstücken für den jungen Mann, und Brod für die ganze Gesellschaft. Da sich Pat's Kniee und Elbogen in einem gar traurigen Zustand befanden, mit dem unsere Mägen vollkommen harmonirten, so kann man sich leicht denken, welchen angenehmen Eindruck die Gaben auf alle dabei Betheiligten machten.

Am Nachmittag kam Vater Murphy selbst noch einmal und gab, außer den kaum minder werthvollen Geschenken, Pat auch noch manchen guten Rath, wobei er sagte, es thäte ihm leid, daß er ihn gefangen sähe und er wolle wegen seiner Freiheit mit dem Consul sprechen.

Erst zwei oder drei Tage später kam er wieder; erklärte aber, daß der Consul unerbittlich wäre und ihm nur unter der Bedingung Freiheit verstatten wolle, wenn er augenblicklich wieder an Bord seines Schiffs ginge; das rieth er ihm denn auch von Herzen an zu thun, denn Wilson mochte wohl einige fürchterliche Drohungen haben fallen lassen, was geschehen würde, wenn wir noch länger widerspenstig wären. Pat dagegen blieb standhaft und ließ sich durch gar nichts irre machen.

Des Priesters Vorwort mußte aber doch wohl einigen Eindruck auf den Consul gemacht oder ihn auf die Idee gebracht haben, noch einen andern Weg zu versuchen, denn am nächsten Tag schon schickte Wilson und ließ Pat zu sich nach Papeetee kommen, wo dieser volle drei Tage blieb.

Dort hatten sie ihn nemlich an Bord des Schiffs gebracht und ihn, um ihn zu bestechen zuerst in die Kajüte geschafft und nach Herzenslust traktirt, was sich Pat auch ruhig gefallen ließ; sobald er sich aber erklären sollte, sagte er: Nein; und nun warfen sie ihn in den untern Raum in doppelte Eisen; aber auch hier ließ er sich nicht irre machen und so mußten sie ihn denn endlich, nach vieler Mühe und entsetzlichem, Aerger zu uns zurückschicken. Wahrscheinlich hatten sie gehofft, seiner Jugend wegen leichter auf ihn einwirken zu können. Pat sah aber nur wie ein Knabe aus, an Geist war er es keineswegs.

Das Interesse nun, das Pat's Landsmann an ihm nahm, übte seinen wohlthätigen Einfluß auch auf uns aus, noch dazu, da wir sämmtlich katholisch wurden und an jedem Morgen zu Capitän Bob's nicht geringem Entsetzen die Messe hörten.

Als er es herausbekam drohete er auch, er wolle uns in den Fußblöcken lassen, wenn wir nicht davon abständen; es blieb aber bei der Drohung und fast einen und den andern Tag schlenderten wir nach der Wohnung des heiligen Mannes hinüber, hörten die Messe und bekamen etwas Gutes zu essen und zu trinken.

Doktor Lattengeist und ich wurden ganz besonders die Lieblinge des Irischen Priesters, der uns oft aus einem, sehr versteckt gehaltenen, Reisekeller, regalirte. Dieser hielt vier große eckige Glasflaschen und wurde sonderbarer Weise und so oft wir auch einen recht wackern Anlauf nahmen, nie ganz leer. In der That war der alte Irländer ein prächtiger Bursche, und Seele und Antlitz glühte ihm immer im heiligsten Feuer.

Ich trinke nie französischen Brandy, ohne daß ich Vater Murphy recht von Herzen leben lasse. Mag es ihm wohl gehen und er noch recht fröhliche Proselyten machen.

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