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Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil

Herman Melville: Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorHermann Melville
titleOmoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil
publisherVerlag von Gustav Mayer
year1847
translatorFriedrich Gerstäcker
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Vorwort.

Nirgends wohl zeigt sich die sorglose Tollkühnheit und der wilde zügellose Leichtsinn der Matrosen stärker und auffallender, als gerade in der Südsee oder im stillen Ocean. Größtenteils sind die Fahrzeuge, welche diese Gewässer durchziehen, mit dem Pottfisch- oder Wallfischfang beschäftigt, und das ist schon an sich ein Geschäft, was die abenteuerlichsten, heißköpfigsten Matrosen aller Nationen hier zusammenzieht und ihnen in gar mancher Hinsicht fast völlige Freiheit gewährt, ihren Launen zu fröhnen. Solche Reisen sind auch meistenteils ungemein lang und gefährlich, denn die einzigen erreichbaren Häfen liegen an den barbarischen oder doch nur halbcivilisirten Inseln Polynesiens, oder die gesetzlose westliche Küste von Süd-Amerika entlang; deshalb fallen auch nicht selten, und keineswegs mit dem Wallfischfang in Verbindung stehende Scenen auf solchen Fahrzeugen des stillen Oceans vor.

Ohne hier einen genauen Bericht über Wallfischfang geben zu wollen, denn der Plan des Werkes schloß das ganz aus, habe ich mich nur bemüht dem Leser, während ich zugleich meine eigenen Schicksale und Abenteuer schilderte, einen kleinen Begriff von dem Leben und Treiben zu geben gesucht, das an Bord mancher Wallfischfänger herrscht.

Dabei habe ich mich auch zugleich bemüht den gegenwärtigen Zustand der bekehrten und halbbekehrten Polynesier zu beschreiben, und wie der Verkehr mit Fremden und die Lehren der Missionaire auf sie eingewirkt haben.

Als umherstreifender Matrose verlebte ich etwa drei Monate in den verschiedenen Theilen der Inseln Tahiti und Imeeo, und zwar in Verhältnissen die mir, so ungünstig sie auch für mich selbst sein mochten, doch gestatteten, am allerbesten und ungestörtesten richtige Beobachtungen anzustellen.

Wo ich die Missionäre erwähnte, habe ich mich, wie sich das auch wohl von selbst versteht, fest und treu nur an Tatsachen gehalten, und wenn ich manches hier rüge, was mir nicht gefiel, so geschah es nicht um zu tadeln, sondern vielmehr eine günstigere Aenderung der Dinge herbeizuführen. Auch die hie und da eingeflochtenen scherzhaften Bemerkungen über die Tahitier sollen keineswegs jene Nation lächerlich machen; ich schilderte sie nur nach dem wunderlichen Eindruck, den ihr erster Anblick, ihre erste Bekanntschaft, auf mich, den Fremden machte; mein eignes Wesen wird ihnen vielleicht ebenso komisch vorgekommen sein.

Die gegenwärtige Erzählung beginnt da, wo die »Vier Jahre auf den Marquesas« schließen, steht aber weiter in keiner Verbindung mit dem früheren Werk, als daß ich selbst der Held der einen wie der andern bin. Alles was der Leser deshalb über die Marquesas zu wissen braucht, wenn diese nicht selber genug Interesse haben sollten ihn zu fesseln, wird in einer kurzen Einleitung gesagt werden.

Um übrigens denen meiner freundlichen Leser, welche die »Vier Jahre auf den Marquesas« gelesen haben und dabei auch über Toby's Flucht im Unklaren geblieben sind, diesen kleinen Nachtrag jener Erzählung, wie ich ihn aus Toby's Munde selbst empfing, zu liefern, so will ich hier seine Flucht au« dem Typeethal so kurz als möglich erzählen. Zu diesen Abenteuern im stillen Ocean gehört es aber eigentlich nicht, und soll blos zum Verständniß, oder vielmehr zur Vervollständigung des Früheren dienen.

Toby's Flucht aus dem Typee-Thal.

An dem Morgen, an dem mich mein Kamerad, wie in der Erzählung erwähnt, verließ, wurde er durch eine Menge von Eingeborenen zum Ufer begleitet; einige von diesen trugen Früchte und Schweine, um mit den Booten, die sie dort zu finden erwarteten, Handel zu treiben.

Als sie durch die bewohnte Gegend des Thales zogen, schlossen sich ihnen eine Masse Anderer an, die fast von jeder Seite, schreiend und jubelnd, herbeikamen. So aufgeregt schien die ganze Gesellschaft, daß Toby, dem doch gewiß daran gelegen war den Strand zu erreichen, kaum mit ihnen Schritt halten konnte.

Plötzlich kamen sie zu einer Stelle, wo der Pfad einen Arm des Hauptstroms durchschnitt. Da traf ein eigentümlicher Klang ihr Ohr und Alle blieben stehen und horchten. Es war Mow-Mow, der einäugige Häuptling, der vorausgegangen sein mußte, und jetzt seine schwere Kriegslanze gegen den hohlen Stamm eines Baumes schlug.

Dies schien ein Alarmzeichen zu sein, denn jetzt wurde nichts gehört wie die Rufe: »Happar, Happar!« und die Krieger warfen und schwangen ihre Speere, und die Weiber und Knaben riefen einander unverständliche Ermuthigungen zu, und suchten Steine auf im Bett des Stromes.

Im nächsten Augenblick sprangen Mow-Mow und zwei oder drei andre Häuptlinge aus dem Hain heraus, in dem sie sich bis dahin versteckt gehalten, und der Spektakel vermehrte sich nun um das Zehnfache.

– Aha, dachte Toby, nun setzt's Schläge! und er bat schon einen der jungen Leute um seinen Speer; dieser aber verweigerte ihn, indem ihm der junge Krieger lächelnd sagte: die Waffe sei sehr gut für ihn (Typee), aber ein weißer Mann könne viel besser mit seinen Fäusten kämpfen.

Solcher muntern Laune schienen auch alle Uebrige zu sein, und trotz ihrer kriegerischen Ausrufungen und Stellungen thaten sie gerade, als ob es etwas ungemein Interessantes wäre, ein Dutzend Pfeile und Wurfspieße aus dem Dickicht heraus zu erwarten.

Während mein Kamerad noch umsonst zu begreifen suchte, was dies Alles bedeute, trennte sich eine gute Anzahl der Insulaner von den Uebrigen und liefen in eine benachbarte Baumgruppe, wo sie lauernd das Resultat abzuwarten schienen. Nach einer kleinen Weile winkte ihnen jedoch Mow-Mow, der weiter vorne stand, zu, vorsichtig heranzukommen, und das thaten sie denn auch und zwar so leise, daß man kein Blatt rauschen hörte. So krochen sie etwa eine Viertelstunde vorwärts und hielten dann und wann an, um zu lauschen.

Toby'n gefiel nun diese Art von Herumschleichen gar nicht, wenn es einen Kampf gab so wollte er auch gern daß der gleich anfangen sollte. Sein Wunsch schien aber in Erfüllung zu gehen, denn gerade in demselben Moment als sich die Krieger dem dichtesten Theil des Waldes näherten, schlug das fürchterlichste Geheul von allen Seiten an sein Ohr, und Pfeile und Steine zischten und donnerten über den Pfad hinüber. Doch kein Feind war zu sehen, ja kein Mann stürzte, obgleich die Waffen wie Hagel zwischen sie hinein schlugen.

Eine augenblickliche Pause entstand nun; da aber ermannten sich die Typee's und warfen sich mit geschwungenen Speeren in das Dickicht; auch Toby blieb keineswegs zurück, denn er hatte ja noch eine alte Rechnung mit den Happar's abzumachen. Während er aber noch in wildester Aufregung dem Ort zustürmte, wo er den Feind vermuthete und eben nach dem Speer eines andern Kriegers griff, um wenigstens eine Waffe zu haben, herrschte wiederum Todtenschweigen und der Wald lag in durch nichts unterbrochener Ruhe da. Das sollte aber nicht lange dauern. Als sich Toby noch überrascht und bestürzt über diese, ihm unerklärliche Zurückhaltung umsah, sprang aus dem Dickicht die Partei hervor, die sich zuerst so vorsichtig fortgeschlichen hatte und Alle vereinigten sich jetzt in ein wildes unauslöschliches Gelächter.

Es war Alles nur Spiel gewesen und Toby, der sich in Eile und Aufregung ganz außer Athem gelaufen hatte, ärgerte sich nicht wenig so zum Narren gehabt zu sein.

Später fand er, daß die ganze Sache zu seiner besondern Erbauung veranstaltet worden war; zu welchem Zweck blieb ihm allerdings dunkel, nur vermuthete, ja fürchtete er, sie hätten ihn damit aufhalten wollen, denn er fand auch, daß sie jetzt keineswegs in so großer Eile schienen, als das früher der Fall gewesen war. Die Zeit, ehe sie die See erreichten, dauerte ihm entsetzlich lang; da kamen zwei Männer auf sie zugelaufen und es wurde jetzt ein förmlicher Halt gemacht, bei dessen lebhafter Berathung Toby seinen Namen sehr häufig nennen hörte. Natürlich machte ihn das um so eifriger, zu erfahren, was am Strande vorgehe, umsonst versuchte er aber vorauszueilen, sie hielten ihn zurück.

Nach einigen Minuten endete die Verhandlung, und während ein Theil von ihnen dem Wasser zulief, umgab ihn ein andrer und bat ihn dringend sich niederzusetzen; auch mitgebrachte Speisen breiteten sie vor ihm ans und reichten ihm eine Pfeife zum Rauchen. Toby bezwang auch seine Ungeduld eine Weile, endlich aber sprang er wieder auf und eilte vorwärts. Nun überholten sie ihn zwar wieder und umzingelten ihn, hielten ihn aber doch nicht weiter zurück, so daß er die See endlich erreichen konnte.

An einem freien grasigen Platz, und zwar dicht unter dem Schatten der Happarberge, wo sich ein Pfad durch das Thal hinabwand, verließen sie die, dasselbe bis dahin von beiden Seiten einengenden Halden. Doch ein Boot konnten sie nirgends erkennen, nur eine Menge von Männern und Frauen stand am Ufer und schien sich um einen Mann zu drängen, der eifrig mit ihnen sprach. Als sich Toby diesem näherte, sah er, daß das für in kein Fremder sei. Es war ein alter grauhaariger Matrose, den wir Beide in Nukuheva gesehen hatten, wo er bei dem König Mowanna ein ganz behagliches Günstlings-Leben führte, Jimmy genannt wurde und in seines Herrn Rath ein gar bedeutendes Wort mit einzulegen hatte. Er trug einen Manilla-Hut und eine Art Tappa-Schlafrock, der weit genug vorn aufstand, um auf seiner Brust einen tättowirten Vers sehen zu lassen.

Dieser alte Bursche hatte sich hier zur Ruhe gesetzt, kannte die Landessprache und wurde auch deshalb von den Franzosen sehr häufig als Dollmetscher gebraucht. Sobald Schiffe anlandeten ging er gewöhnlich in seinem kleinen Canoe an Bord und regalirte die Matrosen mit Hofanekdoten, daß z. B. Se. Majestät eine schändliche Intrigue mit einer jungen Dame in Happar, einer öffentlichen Festtänzerin, betreibe und andere eben so unglaubliche Erzählungen über die Marquesaner im Allgemeinen. So erinnere ich mich recht gut, daß er einst auf die Dolly kam und der Mannschaft im Vertrauen mittheilte, es lebe ein Ungeheuer auf der Insel, das sich weit in den Bergen drin versteckt halte, um ein Paar riesengroße Hörner zu verbergen, die ihm aus der Stirn wüchsen, Nachts aber krieche es im Dunkeln auf die Menschenjagd herum und irgend Jemand, der einmal zufällig an seine Hütte gekommen sei, wolle diese ganz voll Knochen gefunden haben.

Doch um zu Toby zurückzukehren, so sah er kaum den alten Burschen am Ufer, als er auf ihn zulief und die Eingeborenen schlossen einen Cirkel um die Beiden.

Jimmy begrüßte ihn erst und sagte ihm dann, daß er recht gut wisse, wie wir Beide vom Schiff weggelaufen und unter den Typee's seien, ja Mowanna habe ihn sogar dazu aufgefordert sie zurückzubringen, um die Belohnung dann mit ihm zu theilen, die auf weggelaufene Matrosen gesetzt worden; jedoch versicherte er, eine solche Zumuthung mit Entrüstung zurückgewiesen zu haben.

Dies Alles setzte meinen Kameraden nicht wenig in Erstaunen, denn er hatte gar nicht geglaubt, daß jemals Weiße die Typee's freundschaftlich besuchten. Jimmy behauptete jedoch, daß dies manchmal der Fall sei, obgleich er selten in die Bai hinein käme und kaum jemals zu Wasser zurückkehre. Durch eine Bekanntschaft mit einem Typee und Nukuheva-Priester war er selbst tabotirt worden. Er erzählte aber dabei, daß er hier manchmal Früchte, für die in Nukuheva liegenden Schiffe, ankaufe; in der That sei er in diesem Augenblick zu solchem Zwecke da und zwar über die Happarberge gekommen. Am nächsten Tag brächten die Insulaner die bestellte Frucht an den Strand, häuften sie dort auf und Boote kämen an, sie abzuholen.

Jimmy frug jetzt Toby ob er wünsche die Insel zu verlassen; wenn das der Fall wäre, so läge gerade ein Schiff im andern Hafen, dem Leute fehlten, und er würde ihn mit Vergnügen über die Berge führen und an Bord bringen.

– Nein, sagte Toby, ich kann diese Insel nicht ohne meinen Kameraden verlassen und der ist noch oben im Thal, weil sie nicht wollten, daß er mich begleite. Kommt, wir wollen ihn holen.

– Wie würde er aber mit uns, da er den bösen Fuß hat, über die Berge haben klettern können! Nein, das geht nicht, laßt ihn lieber noch bis morgen dort, und dann kann ich ihn bis Nukuheva im Boot schaffen.

– Nein, das geht nicht, rief Toby; auf jeden Fall muß ich ihn mit hierher bringen, und damit wollte er augenblicklich zurückkehren um mich zu holen. Noch hatte er aber keine zwanzig Schritte gethan, als die Eingeborenen hinter ihm herliefen und ihn zurückhielten, ja weder auf sein Bitten noch sein Wüthen achteten und ihm unter keiner Bedingung mehr erlaubten, das Thal zu betreten.

So wenig wußte er damals, daß eben jener Jimmy ein herzloser Schuft war, der, davon überzeugt, die Insulaner würden uns Beide nie zusammenziehen lassen, nur seinen eignen Vortheil im Auge hatte, Toby auf das Schiff zu bringen.

Noch rang dieser mit den Eingeborenen als Jimmy zu ihm trat und ihn ermahnte, die Wilden nicht böse zu machen, da sie sonst zum Schlimmsten fähig wären. Endlich ließ er Toby auf ein altes zerbrochenes Canoe dicht neben einen großen Steinhaufen niedersitzen, auf dem, von vier Rudern unterstützt, eine Art Heiligthum oder Götzenbild stand, dem die Fischer, wenn sie sich hier versammelten, ihre Opfer brachten. Jimmy behauptete, dieser Platz sei gänzlich Taboo und Keiner würde ihn, so lange er sich in dessen Schatten befinde, belästigen; dann ging er fort und sprach sehr ernstlich mit Mow-Mow und den andern Häuptlingen, während sich die Uebrigen dicht um den Taboo-Platz schaarten, Toby dabei fortwährend aufmerksam betrachteten, und sich angelegentlich mitsammen unterhielten.

Trotzdem, was ihm Jimmy eben gesagt, näherte sich ihm eine alte Frau und setzte sich neben ihn auf das Canoe. Typee Mortarkee? redete sie ihn an.

Mortarkee nuee, erwiderte Toby.

Dann frug sie ihn, ob er nach Nukuheva wolle, als er das aber bejahete, füllten sich ihre Augen mit Thränen und sie erhob sich und ging fort.

Diese Alte war, wie er von den Matrosen später erfuhr, die Frau eines alten Königs aus dem Innern der Insel, dessen Thal mit dem der Typees in Verbindung stand und dessen Stamm mit diesen auch verwandt sein mußte, da sie einerlei Namen führten. Als sie ihn verließ, kam Jimmy wieder zu Toby und versicherte ihm, er hätte die ganze Sache eben mit den Eingeborenen besprochen und es bliebe ihm nichts als das Eine zu thun übrig. Die Insulaner verweigerten ihm die Rückkehr in's Thal – der alte Schuft hatte sie selbst dazu beredet – und nur Beiden würde es zum Schaden gereichen, wenn sie länger hier am Ufer stehen blieben. –

Deshalb fuhr er fort, gehen wir jetzt lieber über Land nach Nukuheva und morgen hole ich Tommo, wie sie ihn nennen, zu Wasser nach. Sie haben mir versprochen, ihn bis Tagesanbruch hierher zu schaffen und nachher leidet unsre Fahrt weiter gar keinen Aufenthalt.

– Nein, nein, rief Toby verzweifelt, ich kann ihn nicht so verlassen, wir müssen zusammen fliehen.

– Gut, brummte da der alte Matrose, so bleibt alle Beide hier; das weiß ich aber, und so weit kenne ich die Sitten des Landes, geschieht das, so kriegt Keiner von Euch je wieder die See zu sehen. Dagegen versicherte er Toby mit tausend Schwüren, er wolle mich auf jeden Fall morgen nach Nukuheva führen, wenn er nur heute mit ihm ginge.

– Woher wißt Ihr aber, daß sie ihn morgen zum Strande bringen werden, wenn sie es heute nicht thun wollen? Der alte Matrose nannte aber so viele Ursachen und that dies unter so wunderlichen Gebräuchen, daß Toby nur noch verwirrter dadurch wurde. Auch begriff er jetzt gar nicht, warum sie ihn nicht wieder zurücklassen wollten, und fing noch dazu an, dem alten Burschen zu mißtrauen. Doch, was sollte er thun! blieb er hier, so befanden wir uns auf der alten Stelle; ging er aber, so konnte er ja auch mir vielleicht Hülfe bringen.

Tausend Zweifel bestürmten dabei sein Herz und traurig sinnend saß er auf dem alten Canoe, während die Wilden ihn immer aufmerksamer und neugieriger betrachteten. Endlich legte ihm Jimmy die Hand auf die Schulter und sagte:

– Es wird spät; Nukuheva ist noch weit und ich kann das Land der Happars nicht im Dunkeln kreuzen. Ihr seht wie die Sachen stehen, kommt jetzt mit mir und Alles wird gut gehen; denn bleibt Ihr hier, so habt weder Ihr, noch Tommo auf Rettung zu hoffen.

– Leider Gottes sehe ich wie Alles ist, seufzte Toby, stand auf und warf einen traurigen Blick in das Thal zurück; ich werde mich Euch wohl anvertrauen müssen.

– Nun so haltet Euch dicht an meiner Seite, sagte der Matrose, und laßt uns machen, daß wir fortkommen.

Tinor und Fayway erschienen hier und die gute alte Frau umarmte Toby's Kniee, während Fayway kaum weniger bewegt, einige Worte Englisch sprach, die sie gelernt hatte und drei Finger vor ihm aufhob, als ein Zeichen, daß er in so viel Tagen zurückkehren würde.

Endlich zog Jimmy den, noch fast immer widerstrebenden Toby aus der Menschenmasse heraus, winkte einem jungen Typee, der mit einem Ferkel auf der Schulter nicht fern stand, und alle drei brachen nach den Gebirgen auf.

– Ich habe ihnen gesagt, lachte der Alte, daß Ihr zurückkämt, die werden aber lange warten müssen. Toby wandte sich und sah die Eingeborenen alle in Bewegung; die Mädchen schwenkten ihre Tappas zum Abschied und die Männer ihre Speere. Endlich betrat die letzte Figur den Hain und hob noch einmal wie mahnend den Arm gegen ihn empor.

Die Eingeborenen müssen auf jeden Fall auf seine Rückkehr gerechnet haben; sie hielten uns wahrscheinlich für ein paar unzertrennliche Freunde, von denen der Eine dem Andern sein Wort unter keiner Bedingung brechen würde; auch hatte ich ihnen ja gesagt, Toby müsse mir die Medicin holen, die ich so sehr brauchte, was wahrscheinlich durch den Matrosen noch bestätigt wurde. Nichts desto weniger bleibt mir ihr wunderliches halb herzliches, halb feindliches Betragen noch bis auf den heutigen Tag ein Räthsel.

– Ihr seht nun, was ich für ein Taboo-Mann bin, sagte der Matrose, während sie auf dem Pfad dahin schritten. Mow-Mow machte mir ein Geschenk mit diesem Ferkel hier, und der Mann, der es trägt, geht gerade durch Happar durch und hinein bis Nukuheva mit uns. Er ist Taboo so lange er bei mir ist, ebenso wie Ihr, und ebenso wird es Tommo morgen sein. So seid denn gutes Muths, morgen früh werdet Ihr ihn wieder sehen.

Das Erklettern des Berges ging ziemlich leicht von statten, da die, dem Meere am nächsten Abhänge selten so hoch sind als die, weiter im Innern gelegenen. Auch der Pfad wand sich reizend zwischen den schattigen Laubgängen hin und es dauerte nicht lange, so standen sie oben auf dem Gipfel des Gebirgsrückens, der die beiden Thäler von einander schied. Die weißen Cascaden, welche die Quellen des Typeethales auszeichnen, ließen sich vor allem deutlich erkennen, doch fand Toby, da sie auf der Kuppe weiter schritten, daß sich das Thal der Happars keineswegs so weit in das Land hineindehne als das der Typees, deshalb mochten wir auch wohl das Letztere im Irrthum betreten haben. – Nun sagte Jimmy, während sie in das Happarthal mit schnellen Schritten hinabstiegen, nun will ich Euch meine beiden Frauen hier zeigen. Wir Taboo-Männer haben in allen Thälern Weiber.

Er hatte sich aber doch getäuscht, denn als wir das im schattigen Thal errichtete Haus betraten, fanden wir es leer; die Damen waren ausgegangen und Jimmy spielte den entrüsteten Ehemann. Doch die Wahrheit zu gestehen, so blieben sie nicht lange und bewillkommten Jimmy dann herzlich; ebenso Toby, über den sie sich sehr neugierig bezeugten. Uebrigens schien ein Weißer hier keineswegs so viel Bewunderung und Aufmerksamkeit zu erregen, wie das in Typee der Fall war.

Des alten Matrosen Frauen mußten nun etwas zu essen bereiten, da die Wanderer noch vor Dunkelwerden in Nukuheva eintreffen wollten; die Happars frugen Jimmy viel über seinen Begleiter. Auch Toby sah sich aufmerksam zwischen ihnen um, den Burschen zu erkennen, der ihm den Hieb über den Kopf gegeben; dieser, mit seinem Speer so bereitwillige Gentleman aber hatte wahrscheinlich nicht unangenehme Rückerinnerungen wecken wollen und war nirgends zu sehen. Sein Anblick würde auch schwerlich dazu beigetragen haben, ihn an das freundliche Happa zu fesseln.

Während dieser ganzen Zeit hielt sich der junge Typee so dicht an Jimmy, wie sein Schatten, und obgleich er sonst munter genug gewesen, zeigte er sich doch jetzt äußerst schüchtern und einsilbig und öffnete nie seinen Mund, ausgenommen zum Essen. Einige der Happars blickten ihn auch grimmig genug an; Andere jedoch waren artiger und wollten ihn ein wenig im Thal herumführen; der Typee ließ sich aber nicht auf diese Art überlisten, denn obgleich es für Toby schwer gewesen wäre zu bestimmen, wie viele Schritte weit von seinem Führer der Taboo ihn sicher machte, so wußte Jener das doch gewiß bis auf den Zoll und hütete sich wohl darüber hinauszugehen.

Dieser arme Bursche hatte auf das Versprechen eines rothbaumwollnen Schnupftuchs und noch etwas andern hin, das er geheim hielt, diese, sicherlich für ihn höchst gefährliche, Fahrt unternommen und es war wohl das erste Mal, daß sich ein Typee auf solche Art zwischen seine grimmigsten Feinde hineinwagte.

Toby nun, während er in dem Happarhause saß, fing fast an seinen Schritt zu bereuen und bat sogar schon einmal den Matrosen, er möchte ihn bis auf den Gipfel des Gebirgsrückens zurückbegleiten. Davon wollte dieser aber nichts hören und reichte ihm, um ihn zu zerstreuen, den Inselpunsch, die sogenannte arvo. Toby kannte die narkotische Wirkung dieses Getränks und weigerte sich es anzunehmen; Jimmy aber versicherte ihm, er würde etwas hineinthun, das ihm das Betäubende benehme und den Körper aufrege, anstatt ihn zu erschlaffen. Das geschah denn auch und darin hatte er auf jeden Fall Recht gehabt, denn Toby, nachdem er ein paar Becher voll getrunken, wurde munter und vergaß fast alles Geschehene. Der alte Bursche aber ließ nun einen Theil dessen durchschimmern, was er wirklich war, obgleich Toby an dem Abend noch keinen Verdacht schöpfte; er nahm nemlich Toby das Versprechen ab, daß er ihn, weil er ihn doch aus dem Thal gerettet habe, fünf spanische Dollar gebe, sobald er seinen Vorschuß vom Schiff empfangen habe. Toby versprach ihm noch viel mehr, wenn er mich nur bringe.

Als sie das Happarthal endlich verließen, schien Niemand froher darüber zu sein, als der junge Typee. Als sie die Höhe einmal erreicht hatten, führte ihre Bahn auf mehreren Gebirgsrücken hin, die mit ungeheuren Farrnkraut bedeckt waren. Endlich betraten sie wieder Holzland, und hier überholten sie eine Abtheilung von Nukuhevakriegem, die wohlbewaffnet, große Bündel langer Stangen schleppten. Jimmy schien sie Alle zu kennen und blieb eine Zeitlang stehen, sich mit ihnen zu unterhalten und über die Wee-Wees, wie die Nukuhevaleute die Franzosen nennen, zu reden.

Die Leute mit den Stangen waren König Mowannas Männer und hatten ihre Last auf seinen Befehl in den Schluchten gehauen, um sie seinen Alliirten, den Franzosen, an Bord ihrer Fahrzeuge zu schaffen.

Toby und seine Gefährten hielten sich übrigens nicht lange mit diesen Leuten auf, denn die Sonne fing schon an zu sinken. Bald erreichten sie auch die Thäler von Nukuheva, und sahen hier, daß das französische Kriegsschiff noch immer im Hafen lag. Toby, der jetzt, mit den bekannten Gegenständen vor sich, an all das Erlebte zurückdachte, konnte sich kaum überreden, daß er nicht geträumt habe.

Bald stiegen sie an den Strand hinab und erreichten, ehe es noch vollkommen dunkel wurde, Jimmys Haus, wo er ebenfalls wieder freundlich von seinen Nukuheva-Weibern empfangen wurde und als Erfrischung Cocosmilch und einiges Poee-Poee vorgesetzt erhielt, dann bestiegen sie ein Canoe – der Typeer natürlich mit – und ruderten zu einem Wallfischfänger hinüber, der dort lag und Leute brauchte, denn unser Fahrzeug hatte vor wenig Tagen die Anker gelichtet. Der Capitän desselben freute sich Toby zu sehen, meinte aber, er sähe sehr erschöpft aus, und würde wohl nicht ganz arbeitstüchtig sein. Dennoch verstand er sich dazu, ihn und auch mich anzunehmen, wenn ich nämlich herbei geschafft werden könnte.

Toby bat nun dringend, doch ein bewaffnetes Boot nach mir auszusenden, und mich zu retten, ohne weiter auf Jimmy's Versprechungen zu achten; davon wollte jedoch der Capitän gar Nichts hören und rieth ihm nur Geduld zu haben, da der alte Matrose sein Wort gewiß halten würde; auch die fünf Dollar schien er nicht gern auszahlen zu wollen, doch fügte er sich endlich, da Toby darauf bestand. Toby fing nemlich jetzt an, den Alten nur für einen Geldpresser zu halten und versprach ihm deshalb auch eine viel bedeutendere Summe, wenn er mich glücklich und gesund einliefern würde.

Vor Sonnenaufgang am nächsten Tag ruderte Jimmy und der Typee, mit noch mehrern andern tabotirten Eingeborenen in zwei von den Schiffsbooten nach der Bai hinüber, wollte aber unter keiner Bedingung Toby mitnehmen, der sonst, wie er betheuerte, nur Alles verderben werde. An demselben Abend kehrten sie jedoch ohne mich zurück und der Alte hatte jetzt eine Menge Ausflüchte – erklärte, sie hätten mich nicht ans Ufer bekommen können, und verschwor sich hoch und theuer, mich am nächsten Morgen aus dem Thal heraus zu holen, es möchte kosten was es wolle. Toby wollte er aber wiederum nicht mitnehmen.

Noch einmal hoffte mein armer Kamerad, der alte Schurke werde sein Wort halten, und beruhigte und vertröstete sich auf den nächsten Morgen; kaum war aber an diesem das Canoe, denn die Boote ließ der Alte am Bord, um das nächste Vorgebirge verschwunden, als der Capitän den Befehl gab die Anker zu lichten – er wollte in See stechen.

Vergebens war Toby's Bitten und Wüthen – er wurde gar nicht weiter beachtet, und als er endlich wieder zu sich kam, blähten sich die Segel im frischen Winde und das Schiff verließ rasch das Land.

Ach – sagte er zu mir, als wir uns endlich wieder fanden – wie viel schlaflose Nächte hat mir jene unfreiwillige Flucht gemacht – wie oft, wie oft habe ich mir in den bittersten härtesten Worten vorgeworfen, den Freund in solchem Zustand auf der Insel und unter Kannibalen verlassen zu haben.

 

Wenig bleibt mehr zu erzählen, Toby verließ sein Schiff in Neu-Seeland und erreichte, nach einigen andern Abenteuern und in etwas weniger als zwei Jahren, die Heimath. Natürlich hielt er mich für todt, und ich hatte ebenfalls alle Ursache zu glauben daß auch er nicht mehr unter den Lebenden wandle, ein wunderbares Begegnen führte uns aber wieder zusammen, und Toby war besonders entzückt, mich und meinen frühzeitigen Tod nicht mehr auf dem Gewissen zu haben.

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