Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Herman Melville >

Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil

Herman Melville: Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/melville/oomo-ge1/oomo-ge1xml
typefiction
authorHermann Melville
titleOmoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil
publisherVerlag von Gustav Mayer
year1847
translatorFriedrich Gerstäcker
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20121115
projectid4467cf98
Schließen

Navigation:

Capitel XVI.

Eine alte Bekanntschaft besucht uns.

Noch nicht lange hatten wir uns in dieser theilweisen Freiheit befunden, als wir eines Morgens den Doktor Johnson auf der Besenstraße herankommen sahen.

Die Nachricht war uns schon früher geworden, daß er uns besuchen wolle, und wir erriethen seine Absicht. Da wir uns nämlich jetzt in des Konsuls Obhut befänden, so mußten die Ausgaben, die unser Aufenthalt verursachte, natürlich auch von ihm, d. h. von der Regierung bestritten werden, und Johnson, als ein Freund Wilsons, eines guten Honorares gewiß, schien nicht Übel Lust zu haben, uns zu diesem Zweck zu benutzen. Allerdings konnte es sonderbar erscheinen, daß er von uns verlangte Medizin zu nehmen, während er an Bord selbst gesagt, daß wir sie nicht brauchten; doch schien er wenigstens den Versuch machen zu wollen.

Seine Annäherung wurde durch eine der aufgestellten Wachen verkündigt, wonach Einer vorschlug, ihn hereinzulassen und dann selbst in den Block zu setzen. Doktor Lattengeist hatte aber einen anderen Plan.

Sehr freundlich und liebevoll kam Johnson endlich heran, stemmte seinen Spazierstock auf den Block, und schaute wohlwollend, wie wir da so vor ihm lagen, auf uns nieder.

– Nun, meine Burschen, begann er nach einer Weile; wie befindet Ihr Euch heute Morgen?

Die Leute, die sich sehr niedergeschlagen stellten, antworteten mit einem inartikulirten Gestöhn und er fuhr fort:

– Jene armen Burschen, die ich vor einigen Tagen sah, die Kranken meine ich, wie geht es denen? Und er ließ seine Blicke aufmerksam von Einem zum Andern schweifen. Endlich wählte er sich Einen, der am trübseligsten drein schaute aus, und bemerkte es käme ihm vor, als ob er sich außergewöhnlich unwohl befände.

Ja, sagte der Matrose wehmüthig, ich fürchte, Doktor, ich werde wohl bald meine Meßzahl verlieren (ein Seeausdruck für Sterben); und er schloß dabei die Augen und stöhnte.

– Was sagt er? frug Johnson und wandte sich schnell nach uns zu.

– Ei nun, erwiederte Flash-Jack, der als Dolmetscher volontirte; er meint, er würde bald abfahren.

– Abfahren? frug wiederum erstaunt der Doktor; wohin abfahren?

Das Wort wurde ihm erklärt und er trat jetzt über den Fußblock den Puls des Mannes zu fühlen.

– Wie ist sein Name? sagte er und wandte sich diesmal an den alten Navy Bob.

– Wir nennen ihn Jingling Joe, erwiederte dieser würdige Mann.

– Nun denn, Leute, Ihr müßt gut acht auf den armen Joe haben, und ich will ihm ein Pulver schicken, das er nach der Anweisung darauf zu nehmen hat. Einige von Euch werden doch Wohl lesen können?

Der junge Mensch da kann's, erwiederte Bob und zeigte so scharf nach dem Platz hin auf dem ich lag, als ob er die Aufmerksamkeit der Uebrigen auf ein Segel am Horizont hätte lenken wollen. Nachdem der Doktor nun die Andern untersucht, von denen Einige wirklich krank gewesen, jetzt aber Reconvalescenten waren, Manche sich dagegen erst krank stellten, wandte er sich gegen die ganze Gesellschaft und sagte:

– Leute, wenn noch Jemand von Euch etwas fehlt, so laßt es mich wissen; auf des Konsuls Befehl soll ich hier jeden Tag nachfragen und wenn Ihr krank seid, so versteht sichs von selbst, daß ich Euch die nöthigen Medizinen verschreibe. Dieser schnelle Wechsel von Schiffskost zum Landleben spielt Euch Matrosen gewöhnlich bös mit; seht Euch daher vor mit dem Fruchtessen. Guten Tag. Morgen ganz früh schicke ich Euch die Medizin.

So wenig nun Johnson auch verstehen oder wissen mochte, so bin ich doch überzeugt, daß er fühlte, wir hätten ihn nur zum Besten: Dies schien ihn jedoch keineswegs zu kümmern, so lange es nur seinem eignen Zweck entsprach und wenn er uns wirtlich durchschaute, so ließ er es sich doch nicht merken.

Sobald denn auch die bestimmte Zeit heranrückte, kam ein junger Indianer mit einem kleinen aus Cocosnußfasern geflochtenen Korbe, der mit Pulvern, Pillen und Gläsern gefüllt war, die ihrerseits wieder sämmtlich die Verordnungen auf großmächtig daran befestigten Zetteln trugen. Die Matrosen fielen nun rasch über diese Sendung her, sie glaubten nemlich wunderbarer Weise, der ganze Vorrath müsse mit Spirituosen angesetzt sein. Doktor Lattengeist schlug sich aber hier ins Mittel, und verlangte als Arzt wenigstens zuerst die Zettel zu lesen; er erhielt also den Korb überantwortet.

Das Erste was er in die Hand nahm, war ein großes Glas mit der Umschrift »Für William; wohl einzureiben.«

Dem Inhalt nach allerdings spiritusartig; und als es dem Patienten überreicht wurde, nahm es dieser, öffnete es, roch daran und verschluckte es dann ohne weiter eine Miene zu verziehen.

Der Doktor sah ihn erschreckt an.

Es entstand jetzt eine allgemeine Bewegung. Pillen und Pulver wurden gänzlich misachtet und nur die, die Flaschen bekommen hatten, beneidet. Johnson wird auch hinlängliche Matrosenkenntniß gehabt haben, um seine Medizin mindestens genießbar zu machen; Doktor Lattengeist vermuthete das wenigstens; so viel bleibt gewiß, um die Gläser rissen sie sich förmlich und was nur ein kleines wenig gewürzig roch oder schmeckte, ging augenblicklich einen und denselben Weg. Verschreibungen wurden gänzlich misachtet.

Das größte von allen, und eine förmliche Quartflasche, erhielt der schwarze Dan; der Stoff hatte eine Art Brandy-Geruch und war überschrieben: »Für Daniel, reichlich zu trinken, bis er Linderung verspürt;« das that Dan auch wirklich und würde sie gewiß gar nicht wieder abgesetzt haben, wären nicht die Andern über ihn hergefallen. Gleich darauf ging die Medizinflasche im Kreise herum und wurde unter Lachen und Jubeln ausgetrunken.

Am nächsten Morgen fand unser Arzt seine Patienten in bester Reihe hinter den Fußblöcken ausgestreckt und so wohl und munter wie es sich nur erwarten läßt.

Die Pillen und Pulver waren übrigens gänzlich erfolglos geblieben – vielleicht auch deshalb, weil sie Niemand genommen hatte – der Vorschlag wurde nun gemacht, daß sie künftig eine Flasche Pisco begleiten solle, da nach Flash-Jack's Meinung unaufgelöste Medizin doch nur höchst trockener Stoff sei und etwas Gutes verlangte, womit man sie hinunter waschen könne.

Bis dahin hatte unser eigner M. D. Doktor Lattengeist keinen weitern Theil an dem Spas genommen; als uns Johnson aber zum dritten Male besuchte, nahm er ihn bei Seite und hatte eine Privatberedung mit ihm. Ueber was eigentlich konnten wir nicht genau heraus bekommen; nach einigen bezeichnenden Geberden aber kam es mir vor, als ob er ihm die Symptome irgend einer geheimnißvollen Desorganisation seiner Eingeweide beschriebe, die allerdings erst augenblicklich eingetreten sein mußte. Da er im Stande war, medizinische Ausdrücke nach Herzenslust zu gebrauchen, so mußte er auch wohl einen besonderen Eindruck auf den fremden Doktor gemacht haben, denn Johnson versprach ihm endlich, als er uns verließ, ganz laut, daß er ihm das Verlangte gewiß schicken würde.

Als der Medizinjunge am nächsten Morgen kam, nahm ihn der Doktor wie gewöhnlich in Empfang und zog sich nachher mit einem kleinen Gläschen, das einen dunkelbraunen Saft enthielt, zurück. Diesmal fanden wir wenig anderes im Korb, als eine große Flasche Brandy, über die wir uns endlich dahin vereinigten, daß der Inhalt in die Hälfte einer Cocosschale nach und nach ausgeschenkt und Jedem ein gehöriger Schluck verabreicht werden solle.

Als weiter nichts medizinisches mehr zu bekommen war, zerstreuten sich die Leute.

Ein oder zwei Stunden waren vergangen, als Flash-Jack die Aufmerksamkeit der Uebrigen auf meinen langen Freund lenkte, den wir bis dahin gar nicht weiter beachtet hatten. Mit geschlossenen Augen lag er hinter den Fußblöcken und Jack hob seinen Arm und ließ ihn wieder fallen als ob er todt, oder wenigstens ganz besinnungslos wäre. Da ich mit den Uebrigen zu ihm hinlief, so vermuthete ich augenblicklich daß dieser Zustand mit dem kleinen Fläschchen in Verbindung stehen müsse, ich untersuchte deshalb seine Taschen und fand auch bald daß ich mich nicht getäuscht hatte. Es war Opium.

Flash-Jack riß es mir jubelnd aus der Hand, unterrichtete die ganze Gesellschaft von dem was es sei, und schlug vor, ein kleines gemeinschaftliches Schläfchen zu halten. Einige von diesen verstanden ihn nun nicht ganz und der anscheinend selige Lattengeist – der übrigens so still lag, daß ich die Echtheit seines Schlafes schon zu bezweifeln anfing, wurde jetzt wie ein bewußtloses Stück Holz herumgerollt, um gewissermaßen als erläuterndes Beispiel zu dienen, wie entsetzlich stark die Wirkung dieses Trankes sei.

Dieser Gedanke gefiel ihnen ungemein; sie warfen sich also nieder und ließen das Fläschchen von Hand zu Hand gehen, wonach dann ein Jeder, als ob die Wirkung auch gleich folgen müsse, sobald er seinen Schluck genommen, den Kopf zurück sinken ließ, die Hände auf den Magen faltete und die Augen schloß.

Gefahr hatte dieses Opium nun auch keineswegs, denn das Fläschchen war sehr klein und da es regelmäßig vertheilt wurde, so kam auf Jeden nur eine höchst unbedeutende Quantität; dennoch war die Wirkung fast wunderbar. Wie die Todten lagen sie da, Keiner rührte ein Glied und nur hie und da kam es mir vor, als ob einer oder der Andre unter den Augenlidern hervorblinze.

Da kam ein Junge gerannt und meldete den Doktor Johnson, war aber nicht wenig verwundert, als ihn plötzlich ein fast einstimmiges lautes Schnarchen als Antwort entgegen schallte; es dauerte auch gar nicht lange, so kam der Doktor heran und staunte allerdings, seine Patienten in solch unbegreiflichem Schlaf versenkt zu finden.

– Daniel, rief er endlich und stieß den Verlangten mit seinem Stock in die Seite; Daniel, mein guter Mann, richtet Euch auf, – hört Ihr?

Aber Daniel hörte nicht, und er wandte sich nun an den nächsten Schläfer.

– Joe, Joe, wach auf, ich bin es, Doktor Johnson.

Jingling Joe aber nahm mit offnem Mund und geschlossenen Augen weder von dem Doktor noch von seinen Worten Notiz.

– Segne meine Seele! rief dieser endlich mit erhobenen Händen, was ist den Leuten passirt? Halloh, Ihr da, schrie er dann und lief von Einem zum Andern, kommt zu Euch, – was um des Himmelswillen fehlt Euch denn? – Und er schlug auf die Blöcke und schrie immer lauter und lauter.

Es half ihm aber nichts. Wir blieben wie aus Stein gehauen liegen. Endlich hielt er inne, faltete über den Knopf seines Stockes die Hände und schaute uns Alle mit prüfendem Blicke an. Lautes Schnarchen war das Einzige, was an sein Ohr schlug; ein neuer Gedanke schien in ihm aufzusteigen.

– Ja, ja, murmelte er vor sich hin, die Schurken müssen sich benebelt haben. Nun, nun das geht mich weiter nichts an; da bin ich aber auch jetzt hier überflüssig. Und mit langen Schritten wandte er sich der Stadt wieder zu.

Kaum war er hinter den Bäumen verschwunden als wir, wie mit einem Zauberschlag, auf die Füße sprangen und lautes Gelächter im Waldesdom erschallte.

Ich hatte, wie wahrscheinlich die Andern Alle, das Ganze unter den halbgeschlossenen Augenlidern hervor beobachtet und wunderbarer Weise befand sich jetzt der Doktor eben so munter wie alle Uebrigen. Weshalb er Opium genommen – wenn das überhaupt geschehen, weiß ich allerdings nicht, er muß jedoch dazu wohl seinen guten Grund gehabt haben, und da das weder mich noch den Leser weiter angeht, so wollen wir es auch dabei bewenden lassen.

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.