Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Herman Melville >

Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil

Herman Melville: Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/melville/oomo-ge1/oomo-ge1xml
typefiction
authorHermann Melville
titleOmoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil
publisherVerlag von Gustav Mayer
year1847
translatorFriedrich Gerstäcker
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20121115
projectid4467cf98
Schließen

Navigation:

Capitel XV.

Wir empfangen im Hotel der Calabouse Besuch. Leben in der Calabouse.

Da der Platz, in welchem wir gefangen gehalten wurden, nach allen Seiten zu offen, und so nahe der Besen-Straße lag, so konnten wir natürlich von Allen die dort passirten, gesehen werden und es fehlte uns zwischen einem so faulen neugierigen Volk, wie die Tahitier sind, keineswegs an Besuchen. Ein paar Tage hindurch kamen und gingen sie fortwährend, indeß wir, schändlicher Weise, an den Füßen festgehalten, eine passive Audienz geben mußten. In dieser Zeit waren wir sicherlich das Hauptgespräch der Nachbarschaft und ich zweifle nicht im mindesten daran, daß Fremde aus den entferntesten Städten hierher geführt wurden die »Karhowrees« (weißen Männer) zu sehen, wie man die zur Stadt kommenden Bauern wohl in eine Menagerie führt.

Alles dies gab uns aber auch herrliche Gelegenheit unsre Betrachtungen anzustellen, und ich sah wirklich mit schmerzlichem Erstaunen die ungeheure Anzahl von kränklichen und meistens verwachsenen Personen, die dort vorbeikamen. Dies soll von einer ansteckenden Krankheit herrühren, die unter der Behandlung der Eingeborenen fast stets die Muskeln und Knochen des Körpers angreift, vorzüglich entstellt sie den Rücken auf eine wirklich traurige Art.

Obgleich nun diese und andre körperliche Leiden vor der Entdeckung der Inseln durch die Weißen unbekannt waren, so existirt doch dort eine dann und wann vorkommende Krankheit, die auf ihnen seit den ältesten bekannten Zeiten geherrscht hat. Es ist dies die Fa-Fa oder Elephantiasis; sie greift nur die Füße und Beine an und schwellt diese in manchen Fällen zu der Stärke eines ausgewachsenen Körpers an, während sich die Haut mit Schuppen bedeckt. Nun sollte man eigentlich denken, der mit solcher Krankheit Behaftete könne gar nicht daran denken zu marschiren, das ist aber keineswegs der Fall, und sie scheinen fast so aktiv wie alle Andern. Schmerzen haben sie nicht dabei und tragen ihr Leiden mit einer merkwürdigen Fassung und Ergebenheit.

Die Fa-Fa kommt sehr allmählich und Jahre vergehen, ehe die Glieder zu ihrer vollen Stärke geschwollen sind. Ihre Entstehung wird von den Eingeborenen verschiedenen Ursachen zugeschrieben; im Allgemeinen glaubt man aber, daß sie das Essen von unreifer Brodfrucht und indianischer Rübe am häufigsten herbeiführt. Nach dem was ich darüber erfahren konnte, ist diese Krankheit nicht erblich; nie und in keinem Grad derselben versuchen sie eine Heilung, denn die Elephantiasis wird für unheilbar gehalten.

Die Fa-Fa erinnert mich übrigens an einen armen Teufel von Matrosen, den ich später auf Roorootoo, einer einsamen Insel etwa zwei Tagereisen von Tahiti entfernt, fand.

Jene Insel ist sehr klein und die Einwohner derselben sind fast ausgestorben, oder auf andere übergesiedelt. Wir schickten ein Boot hinüber, um zu sehen ob wir einige Yanis bekommen könnten, denn die Yanis von Roorootoo waren bei den umliegenden Inseln so berühmt, wie die sicilier Orangen im mittelländischen Meere. Wie ich aber ans Ufer trat wurde ich, neben einem kleinen erbärmlichen Gebäude, zu meinem nicht geringem Erstaunen von einem weißen Manne angeredet, der aus einer zerfallenen Hütte hervorkroch und auf uns zuhinkte. Sein Haar und Bart umgab wirr und unverschnitten Kopf und Gesicht; sein Antlitz sah todtenbleich und eingefallen aus und das eine Bein war ihm durch die Fa-Fa zu einer kaum glaublichen Stärke angeschwollen. Hier sah ich zum ersten Male einen Fremden, der an dieser Krankheit litt; dies schreckliche Schauspiel ergriff mich aufs Tiefste.

Schon jahrelang hatte er sich hier aufgehalten und damals, als sich die Krankheit zu zeigen begann, gar nicht geglaubt, daß sie es wirtlich wäre, sondern sie nur stets für etwas Vorübergehendes gehalten. Da sich das Uebel aber immer mehr herausstellte, und er endlich fand daß ihn nur ein schleuniger Klimawechsel retten konnte, da wollte ihn kein Schiff mehr als Matrosen aufnehmen und als Passagier mitzugehen, daran durfte er gar nicht denken. Dies spricht allerdings nicht besonders für das Mitleiden der Schiffskapitäne, die aber, die den stillen Ocean befahren, sind besonders in neuerer Zeit so oft und so häufig angegangen, daß sie, ohnedies schon nicht übermäßig mitleidig, anfangen ganz hartherzig zu werden.

Ich bedauerte den armen Teufel von Grund meiner Seele, konnte aber nichts thun, da unser Capitän unerbittlich blieb. »Was, sagte er, hier sind wir eben im Beginn einer sechsmonatlichen Fahrt angekommen und ich soll mir gleich einen solchen Passagier aufladen, denn zurück kann ich doch nicht wieder. Laßt ihn auf der Insel, da befindet er sich überdies besser als auf der See.« Und auf der Insel blieb er und wird auch wahrscheinlich dort sterben müssen.

Später hörte ich noch ein Mal von diesem Unglücklichen; seine Versuche, ein nördliches Klima zu erreichen, waren noch immer fruchtlos geblieben und sein hartes Schicksal näherte sich seinem Ende.

Trotz der physischen Entartung der Tahitier als Volk, sind doch recht stattliche und majestätische Figuren unter den Männern, und zarte, nymphenartige, wunderliebliche Gestalten unter den Frauen, keineswegs selten. Noch jetzt finden sich dieselben reizenden Geschöpfe dort, wie sie vor einem Jahrhundert Wallisschiffe umschwammen und tahitische Schönheit ist sicherlich so verführerisch geblieben, als sie damals war – weiche, volle Gestalten mit großen träumenden Augen.

Die natürliche Hautfarbe beider Geschlechter ist ziemlich hell, doch erscheinen die Männer dunkler als die Frauen, da sie sich der Sonne mehr aussetzen; übrigens sind die dunkeln Männer unter ihnen am meisten geachtet, denn man glaubt, daß diese Farbe Stärke in Leib und Seele andeute. Es giebt daher auch ein altes Lied unter ihnen:

»Wenn dunkel die Wange der Mutter
Dann läßt der Sohn die Kriegsmuschel tönen,
Wenn sie stark war, dann giebt er Gesetze.«

Kein Wunder also, daß die Tahitier bei solchem Begriffe von Männlichkeit mit Verachtung auf alle bleichen, kränklich aussehenden Europäer herabsehen, während ein Matrose, der ein Gesicht hat wie die Brust eines gebackenen Truthahns, für einen wackern Burschen oder, um ihren eignen Ausdruck zu gebrauchen, für einen »taata tona«, d. h. einen Mann von Knochen gehalten wird.

Da wir gerade von Knochen reden, so fällt mir eine häßliche Gewohnheit von ihnen ein; sie machen nemlich Fischhaken und Bohrer aus den Knochen ihrer Feinde; ähnlich wie die Skandinavier, die die Schädel der Erschlagenen zu Tassen und Bechern verwandten. –

Doch um zu unsrer Calabouse in Beretanee zurückzukehren, so war das Interesse, das wir bei denen erregten, die uns besuchten, ganz erstaunlich. Stundenlang standen sie dort, ereiferten sich ganz unnöthig und tanzten mit all' der Lebhaftigkeit ihrer Race hin und her. Jedesmal aber nahmen sie unsre Partei und schimpften merkwürdig auf den Consul, den sie für »Ita maitai nuee«, d. h. schlecht, wirklich sehr schlecht, erklärten. Sie müssen schon von früher her etwas auf ihn gehabt haben.

Eben so häufig kamen die lieben Kinder, die Frauen, uns zu besuchen und bezeigten fast noch mehr Interesse als die Männer. Mit wunderbar lebhaften Augen blickten sie uns an und schwatzten mit den kleinen rothen Mäulchen auf eine entsetzlich schnelle Art, doch wirkliches Gefühl besaßen sie wohl nicht. Neugierde, vielleicht auch ein vorübergehendes Mitleiden trieb sie hierher und viele lachten uns gerade zu aus, und suchten nur das in unsrer Lage, was ihnen komisch erschien.

Ich glaube es war der zweite Tag unsrer Haft, als ein wildes, aber wunderschönes Mädchen vor die Calabouse sprang und in schelmischer Stellung, aber etwas entfernt von uns stehen blieb und uns betrachtete. Der kleine Schalk hatte aber kein Herz und amüsirte sich königlich, besonders über den schwarzen Dan, der seinen geschwollenen Knöchel hielt und verschiedene moralische Betrachtungen über Capitain Guy und unsern Consul anstellte. Nachdem sie sich zur Genüge über ihn lustig gemacht, ließ sie sich auch herab, die Uebrigen zu beachten und blickte sich Einen nach dem Andern mit unbeschreiblich schelmischem Ausdruck an. Sobald ihr etwas als besonders komisch auffiel, durchzuckte es ihre Züge wie ein elektrischer Strahl. Blitzesschnell deutete sie mit dem kleinen malitiösen Finger darauf hin und überließ sich nun einem erbarmungslosen, aber silberhell tönenden Gelächter, das etwa so dumpf und leise klang wie eine Musikdose, die mit zugemachtem Deckel einen muntern Walzer spielt.

Nun wußte ich allerdings nichts, was in meiner eigenen Gestalt weniger lächerlich, als in der meiner Kameraden gewesen wäre, und nichts hätte sich hier auch schwerer ausführen lassen, als unter solchen Umständen heroisch auszusehen; dennoch machte es auf mich einen höchst unangenehmen Eindruck von dieser kleinen, tollen Hexe, wenn sie auch eine Insulanerin war, eben so ausgelacht zu werden; auch mochte, die Wahrheit zu gestehen, ihre wirklich auffallende Schönheit nicht wenig zu diesem Gefühle beigetragen haben. In den Klotz hinein geklemmt, und höchst unstatthaft gekleidet, fing ich an sentimental zu werden.

Ehe ihr Blick auf mich fiel, hatte ich mich, fast selbst unbewußt, in die interessanteste Stellung zurückgeworfen, die ich möglicher Weise annehmen konnte. Ich stützte meinen Kopf in die Hand und sah sinnend und nachdenkend aus. Jetzt fühlte ich, wie mir das Blut ins Gesicht stieg und wußte nun, ihr Blick haftete auf mir. Schneller und schneller schlug mir das Herz; kaum athmen konnte ich vor innerer Bewegung und – nicht das leiseste Lachen wurde gehört.

Süßer Gedanke, mein Anblick hatte sie gerührt; ich konnte die Ungewißheit nicht länger ertragen und fuhr empor. Großer Gott, da stand sie, die großen, lebhaften Augen wurden immer größer und runder, ihre ganze Gestalt zitterte in wilder, kaum zu unterdrückender Heiterkeit und um die zierlich geschnittenen Lippen zuckte ein Ausdruck, der jedes Gefühl, jede Empfindung augenblicklich über den Haufen werfen mußte.

Im nächsten Moment fuhr sie herum, brach in das tollste unmäßigste Gelächter aus, flog tanzend und wirbelnd aus der Calabouse und kehrte, Gott sei Dank, nie wieder dahin zurück.

Einige Tage vergingen und unsre Gefügigkeit wurde endlich auch durch Nachsicht von Seiten Captain Bob's belohnt.

Er erlaubte uns Allen sich Tages über frei zu bewegen und machte nur die Bedingung, daß wir uns in Rufsnähe hielten. Dies geschah natürlich ganz gegen Wilsons Befehle, und es mußte vor diesem also geheim gehalten werden. Von den Eingeborenen hatten wir dabei nichts zu fürchten, keiner von Denen hätte es ihm verrathen; Fremde jedoch, die vorbei zogen, konnten das, vielleicht sogar unabsichtlich ausplaudern, und es wurden also in gewissen Entfernungen Knaben als Wachen aufgestellt; sobald sich ein weißer Mann blicken ließ, gaben diese den Alarm. Wie der Blitz fuhren wir Alle in unsre respektiven Löcher hinein, denn die Fußblöcke blieben zu diesem Zweck offen stehen; der obere Block wurde rasch herunter gelassen und wir waren Gefangene bis die Fremden Abschied genommen hatten.

Trotz der regelmäßigen Nahrung, die wir vom Capitain Bob erhielten, fiel diese doch so sparsam aus, daß uns oft ganz unverantwortlich hungerte. Die braven Eingeborenen trugen aber dabei nicht die Schuld, denn wir fanden bald, daß sie sich selbst einschränkten, um uns nur das zukommen zu lassen, was wir von ihnen erhielten und überdies empfingen sie ja gar nichts für ihre Güte, als den täglichen Eimer Brod.

Ein Volk wie die Tahitier versteht unter dem was wir harte Zeiten nennen, stets nur einen Mangel an Nahrungsmitteln, und so arm ist der größte Theil von ihnen, daß ein solcher Mangel fast das ganze Jahr über stattfindet. Allerdings hatten die Eingeborenen in der Nähe der Calabouse einen Ueberfluß an Limonen und Orangen, doch was halfen ihnen die? Die stillten ihren Hunger nicht, ja schärften vielmehr noch ihren Appetit. In der Zeit der Brodfruchtreife befinden sie sich wohl etwas besser, sonst aber erschöpft der Schiffsbedarf nur zu bald die unkultivirten Hülfsquellen dieses Landes, dessen besserer Theil noch überdies den Häuptlingen gehören. Viele der Aermern müßten verhungern, wenn sie nicht ihre Netze hätten.

Da Capitain Bob fast unbewußt mehr und mehr in seiner Wachsamkeit nachließ, so fingen wir auch an uns immer weiter und weiter von der Calabouse zu entfernen, wo wir durch ein systematisches Fouragiren unsere Lage doch wenigstens in etwas verbessern konnten. Glücklicher Weise standen uns die Häuser der wohlhabenden Eingeborenen eben so offen, als die der Aermern und wir würden in dem einen so freundlich behandelt, wie in dem andern.

Dann und wann kamen wir auch zur Todesfeier irgend eines fetten Schweines, dessen lautes Schreien beim Schlachten unsre Aufmerksamkeit dorthin gelenkt hatte. Hierzu versammeln sich auch häufig die Nachbarn, und Fremde sind dann stets willkommen. Nichts war uns also angenehmer, als ein lautes kräftiges Quietschen, denn es wurde uns zu einem ziemlich sichern Bürgen einer guten Mahlzeit.

Da wir gewöhnlich so ganz unerwartet bei solchen Gesellschaften erschienen, so erregten wir stets Aufsehen. Manchmal fanden wir das Opferthier noch am Leben und war dies der Fall, so verließen es die Eingeborenen gewöhnlich und sammelten sich um uns. Um hieraus entspringende Unannehmlichkeiten zu vermeiden, traf Flash-Jack gewöhnlich mit einem bloßen Messer in der einen und einem großen Knüppel in der andern Hand bei solchen Gelegenheiten ein, und Andre wieder halfen mit ungemeiner Bereitwilligkeit im Borstenabbrühen und Aufbrechen des Thieres. Nur Doktor Lattengeist und ich ließen uns nie auf derlei Hilfsleistungen ein, sondern gaben uns nur mit ganzer und ungeschwächter Energie dem Mahle hin.

Mein langer Freund erstatte sich dabei eines besonders scharfen Appetits, den zu befriedigen er übrigens auch stets bedacht war; dabei wußte er eine Unannehmlichkeit zu beseitigen, mit der wir sonst alle zu kämpfen hatten, den gänzlichen Mangel an Pfeffer und Salz. Er bat nemlich Ropey ihm etwas vom Schiff mitzubringen, was dieser auch that, das hing er sich in einem kleinen Ledersack, einem »Affenbeutel«, wie ihn die Matrosen nennen, um den Hals und hielt es vor den Uebrigen ziemlich sorgfältig versteckt.

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.