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Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil

Herman Melville: Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil - Kapitel 14
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typefiction
authorHermann Melville
titleOmoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil
publisherVerlag von Gustav Mayer
year1847
translatorFriedrich Gerstäcker
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Capitel XI.

Die wüthende Mannschaft. Jermin findet einen alten Schiffskameraden. Wir laufen in den Hafen ein. Jim, der Lootse.

Bembos Plan war hauptsächlich durch die Wache den Uebrigen bekannt geworden und jetzt, da wir uns gerettet sahen, stießen sie einen wilden Racheschrei aus und stürzten auf ihn zu.

Gerade vorher durch Dunk und den Steward befreit, stand er jetzt in dumpfem Brüten am Besanmast, und als die wüthenden Matrosen herbeistürmten, rollten seine Blut unterlaufenen Augen und das hochgehobene Messer blinkte ihm über den Kopf.

– Nieder mit ihm! – Schlagt ihn zu Boden! – Hängt ihn an die große Raae! waren die Ausrufungen; doch er stand unbewegt, und einen Augenblick scheuten sich wirklich Alle ihn anzugreifen.

– Memmen! donnerte da Salem und warf sich auf ihn.

Der Stahl zuckte wie ein Blitz herunter, that aber kein Leides, denn des Matrosen Herz schlug fest an gegen das des Neuseeländers, ehe dieser nur eine Ahnung davon hatte.

Sie fielen Beide an Deck. Bembos Messer wurde ihm aber augenblicklich entrissen und er selbst von allen Seiten sicher gefaßt.

– Nach vorn, nach vorn mit ihm, ging der Schrei. Laßt ihn einen Seesprung thun! über Bord mit dem Kannibalen! Und über Deck wurde er hingeschleppt, während er mit Zähnen und Nägeln dagegen ankämpfte.

All dieser fürchterliche Lärm war dicht über dem Kopfe des Steuermanns vorgegangen und weckte ihn endlich aus seinem Todtenschlaf, so daß er taumelnd an Deck kam.

– Was ist das? schrie er, und sprang mitten zwischen die Leute hinein.

– Es ist der Mowree, Sur; sie wollen ihn morden, Sur! winselte jetzt der arme Ropey und drückte sich dicht an ihn an.

Avast! avast! brüllte Jermin und sprang auf Bembo zu, während er zwei oder drei der Matrosen bei Seite warf; der Elende war aber schon halb auf die Bulwarks gehoben, und diese erbebten vor seinem krampfhaften Ringen.

Umsonst suchten der Doktor und Andere ihn zu retten; die Leute wollten auf nichts hören.

– Mord und Meuterei bei der salzigen See! schrie der Steuermann und mit den Armen links und rechts hinüberwerfend hatte er den Mowree plötzlich bei den Schultern erfaßt.

– Hier sind zwei von uns und was Ihr mit ihm thut, müßt Ihr auch mit mir thun.

– Ueber dann mit allen Beiden, brummte der Zimmermann und sprang nach vorn; die Uebrigen wichen aber Jermins muthiger Entschlossenheit und mit Blitzesschnelle stand Bembo unbeschädigt an Deck.

– Aft mit Euch! schrie sein Befreier und er stieß Bembo gerade wieder zwischen die Leute hinein, dem er jedoch dicht auf den Hacken folgte, auch den Matrosen gar keine Zeit dabei gab, einen neuen Entschluß zu fassen. Endlich erreichten sie die Kajütenluke, in diese schob er den Neuseeländer hinein, schloß sie hinter ihm und stellte sich davor. Während allen hier beschriebenen Vorfällen sprach Bembo keine Silbe.

– Nun nach vorn, wohin Ihr gehört, brüllte der Steuermann den Seeleuten zu, die sich jetzt wieder sammelten, aber gar nicht daran dachten, ihr Opfer zu verlieren.

– Den Mowree, den Mowree! verlangten sie.

Auf des Steuermanns wiederholte Fragen trat jetzt der Doktor vor und erzählte, was Bembo gethan hatte, und einen Augenblick schien Jermin wirklich zu zögern, dann aber drehte er den Schlüssel um, und zischte durch die fest auf einander gebissenen Zähne:

– Ihr könnt ihn nicht bekommen; ich liefere ihn dem Konsul aus. So, nun nach vorn mit Euch, nach vorne. Wenn Jemand ersäuft werden soll, dann werde ich's Euch sagen. Fort mit Euch, Ihr blutdürstigen Piratenhunde!

Es half nichts daß sie baten oder droheten, Jermin, obgleich keineswegs schon ganz nüchtern, blieb unerschütterlich und es dauerte auch nicht lange so zerstreuten sie sich wieder, um, sobald die erste Wuth verraucht war, das Vorhergegangene zu vergessen.

Obgleich wir keine Gelegenheit bekamen es von ihm selbst zu hören, so lag doch außer allem Zweifel, daß uns der Mowree hatte vernichten wollen um das an der Mannschaft zu rächen, was ihm am vorigen Abend widerfahren. Er war ja nie freundlich gegen uns Alle gewesen, und da er sich selbst auf sein Schwimmen verlassen konnte, so durfte er hoffen, seine Rache im vollsten Maße zu befriedigen.

Während des ganzen Vorgangs that der Doktor sein Bestes ihn zu retten, doch umsonst. In der That wäre auch kein anderer Mensch wie Jermin im Stande gewesen, den Neuseeländer seinem, schon fast gewissen, Tode zu entreißen.

Als endlich der Morgen nach diesen wilden Scenen dämmerte, hielten wir uns ein wenig leewärts vom Hafen und erwarteten die Ankunft des Konsuls, der dem Steuermann versprochen hatte, ihn noch einmal aufzusuchen.

Indessen hatten die Leute dem Böttcher sein Geheimniß entpreßt und die Folge davon war, daß er selbst fortwährend zwischen der Vor- und Hinterluke hin und herkriechen mußte.

Der Steuermann merkte sicherlich was vorging; das Singen, Tanzen und die dann und wann vorfallenden Prügeleien verriethen ihm auf jeden Fall die Ursache; aber er sagte nichts.

Durch diese geistige Aufregung verloren aber auch der Doktor und ich immer mehr den friedlichen Einfluß, den wir bis dahin ausgeübt.

Dem Zustand der Dinge vertrauend, daß das Fahrzeug doch endlich noch einlaufen würde, und da sie auch vernahmen, daß der Steuermann das wirklich gesagt hatte, so schienen sie für den Augenblick in gar keiner besondern Eile, noch dazu da Spunt für einen fortwährenden Vorrath ihres Lieblingsgetränkes sorgte.

Was Bembo betrifft, so wurde uns gesagt, der Steuermann hätte ihn in doppelte Eisen gelegt und in des Capitäns Kajüte eingeschlossen; und da er auch die Thür oben verschlossen hielt, so sahen wir von diesem Augenblick an den Mowree nie wieder, ein Umstand, der durch den Lauf der Erzählung erklärt werden wird.

Der Nachmittag kam, aber kein Consul, und die Sonne sank mehr und mehr ohne daß uns selbst Nachricht vom Ufer wurde. Das ärgerte natürlich den Steuermann, und vielleicht noch mehr deshalb, weil er sich Mühe gegeben hatte; bei Wilsons Ankunft vollkommen nüchtern zu sein.

Etwa zwei Stunden vor Sonnenuntergang segelte ein kleiner Schooner aus dem Hafen und schien nach der gegenüberliegenden Insel von Imeeo oder Moreea zu wollen, die leicht erkennbar in etwa fünfzehn Miles Entfernung lag. Da der Wind übrigens nachließ, so faßte sie die Strömung und führte sie dicht unter unserm Bug hin, wo wir die Eingeborenen an ihrem Deck recht bequem erkennen konnten.

Es lag vielleicht ein Dutzend von ihnen, auf Matten ausgestreckt und ihre Pfeifen rauchend, an Deck; da sie aber so nahe kamen, und das wilde Schreien und Toben unsrer Mannschaft hörten, so mochten sie wahrscheinlich glauben wir wären Piraten, denn plötzlich rannten sie in wilder Eile nach ihren Rudern und suchten nun, so schnell als nur irgend möglich, von uns fortzukommen.

Der Anblick unsrer Sechspfünder, die jetzt noch des Spaßes halber aus den Schießluken geschoben wurden, trug natürlich nicht wenig dazu bei ihren Verdacht zur Gewißheit zu machen. Sie waren aber noch nicht weit als ein weißer Mann mit einer rother Schärpe um den Leib auf ihrem Deck erschien und die Eingeborenen augenblicklich mit Rudern aufhörten.

Uns laut anrufend, sagte er, er wollte an Bord kommen, und nach einiger Verwirrung auf dem Schooner wurde von diesem ein kleines Canoe in See gelassen, und in ein paar Minuten war der Fremde bei uns, der sich als ein alter Schiffskamerad Jermins, als einen gewissen Viner auswies. Lange todt vermuthet, lebte er jetzt hier auf der Insel.

Das Wiedersehen dieser Männer unter solchen Umständen ist einer jener tausend Vorfälle, die übertrieben scheinen mögen, aber oft in der Wirklichkeit stattfinden.

Etwa vor fünfzehn Jahren waren diese beiden Leute als Offiziere auf der Barke »Jane« zusammen gesegelt, als sie etwa in der Nähe der neuen Hebriden eines Nachts auf einen Riff liefen und die Jane aus einander ging. Die Boote wurden jedoch gerettet und auch einige Provisionen, ein Quadrant und mehrere andere Artikel; mehrere Leute aber über Bord gewaschen ehe sie von Deck abkommen konnten.

Die drei Boote durch den Capitän, Jermin und den dritten Steuermann befehligt, segelten dann einer kleinen englischen Niederlassung in der Inselbai von Neuseeland entgegen, und hielten sich natürlich so viel als möglich zusammen. Ein Sturm trennte sie aber, eines der Boote schlug um, von dem nur ein Mann wieder aufgefischt wurde, und Jermin erreichte endlich mit dem seinigen eine Brig, die ihn an Bord nahm und später in Sidney ans Land setzte.

Seit dieser Zeit segelte unser Steuermann von dem Hafen aus und hörte nie wieder von seinen alten Schiffskameraden, die er nun natürlich verloren geben mußte; man kann sich deshalb sein Erstaunen denken, als Viner, der verlorene dritte Steuermann, jetzt an Deck sprang, auf ihn zueilte und seine Hand aus Leibeskräften schüttelte.

Während jenes Sturmes ward sein Boot leewärts von den Andern getrieben und hatte endlich eine Insel erreicht, wo sie auch freundlich von den Eingeborenen empfangen wurden. Einer von ihnen veruneinigte sich aber nach einigen Tagen, einer Frau wegen, mit den Wilden und da ihm seine Kameraden beistanden, so wurden sie alle erschlagen, nur Viner, der sich gerade damals in einem benachbarten Dorfe aufhielt, entging diesem Blutbad.

Nach mehr als zwei Jahren gelang es ihm auf einem amerikanischen Wallfischfahrer zu entfliehen, der später in Valparaiso landete. Von der Zeit an diente er bis vor etwa achtzehn Monaten vor dem Mast, wo er in Tahiti ans Ufer ging und jetzt Eigenthümer des Schooners war, den wir sahen, und mit den benachbarten Inseln Handel trieb.

Da gerade nach Dunkelwerden die Briese wieder etwas lebhafter an zu wehen fing, so verließ uns Viner, versprach aber, seinen alten Schiffskameraden in drei Tagen im Papeeteehafen wieder zu finden.

Durch des Tages wüstes Zechen und Toben ermattet, ging die Mannschaft ziemlich früh zur Ruhe und überließ das Deck dem Steward und zweien der Leute; der Steuermann mit dem Koch und dem Dänen sollte sie um Mitternacht ablösen. In dieser Stunde war das Schiff – das jetzt unter kurzen Segeln vor Ufer stand – zu wenden.

Nicht lang nach Mitternacht wurden wir im Vorcastle durch die Löwenstimme Jermins geweckt, der den Klüver zu setzen befahl; gleich darauf schmetterte eine Handspeiche auf unsre Luke nieder und rief die Mannschaft: das Schiff in den Hafen zu nehmen.

Dieser Befehl kam uns ganz unerwartet; wir erfuhren aber bald, daß der Steuermann, der sich nicht mehr länger auf den Consul verlassen wollte, und auch wohl wußte, daß er die Leute nicht von ihrem einmal gefaßten Plan abbringen konnte, plötzlich seinen eignen entworfen hatte. Er beabsichtigte bis zum Eingang des Hafens hinanzulaufen und dort sein Signal für einen Lootsen zu geben.

Trotzdem weigerten sich die Matrosen jetzt auf das Bestimmteste noch irgend etwas, was es auch sei, für das Fahrzeug zu thun. Sinken oder Stranden, sie schwuren, keine Hand mehr anzulegen und weder ich noch der Doktor konnten sie zu etwas anderem bewegen. Diese Starrköpfigkeit rührte natürlich auch sehr viel mit von der gestrigen Schwelgerei her.

Mit einer starken Briese nun, mit allen Segeln gehetzt und ein Fahrzeug in den Händen von vier oder fünf noch dazu durch zwei Nachtwachen erschöpften Männern, wurde unsre Lage denn auch wirklich bedenklich; überdies schien der Steuermann tollköpfiger als je zu werden und ließ das Schiff mehre Male wenden.

Wohl wissend, daß jetzt, wenn dem Schiff vor morgen noch etwas begegne, Alles dem Betragen der Mannschaft zugeschrieben werden würde, und recht böse Folgen haben könnte, sollten wir je deshalb zur Verantwortung gezogen werden, rief ich die an Deck befindlichen zusammen, um Zeuge meiner Erklärung zu sein, daß ich jetzt, da die Julia für den Hafen bestimmt sei (das einzige, wonach ich wenigstens bis dahin gestrebt) Willens und bereit wäre zu thun was in meinen Kräften stände, sie dorthin zu führen. Hierin folgte der Doktor meinem Beispiel.

Die Stunden bis zum Morgen verflossen in Angst und Sorge, wo wir dann windwärts von der Mündung des Hafens darauf zuhielten und die Unionflagge vom Top des Focks flattern ließen. Kein Zeichen jedoch von Boot oder Lootse war zu sehen und, nachdem wir mehrere Male immer umsonst dicht hinan gefahren waren, setzten wir die Flagge auf den Besan–Union unten in Roth. – Aber auch das half nichts.

Jermin, über diese nichtswürdige Nachlässigkeit derer am Ufer empört, und sie blos Wilson Schuld gebend, beschloß jetzt, auf seine eigne Verantwortung keck in den Hafen zu halten und verließ sich dabei auf das, was er sich noch von der Einfahrt erinnerte, da er vor mehreren Jahren einmal hier eingelaufen.

Dieser Entschluß war charakteristisch. Selbst mit einem guten Lootsen wird die Einfahrt in den Papeeteehafen als sehr schwierig betrachtet. Von einem kühnen Bogen des Ufers aus ist er seewärts durch die Korallenriffe beschützt, über die sich die rollenden Wogen mit großer Kraft brechen, und diese Barriere erstreckt sich quer über die Bai und nach der Venusspitze Es ist dies die nördlichste Spitze der Insel und von Cooks Observatorium so genannt, das dort während seiner ersten Reise aufgestellt wurde. zu, im Distrikt von Matavai und etwa acht oder neun Miles entfernt. Hier befindet sich eine Oeffnung, durch welche Schiffe einlaufen und auf dem glatten, tiefen Canal zwischen den Riffen und dem Ufer zum Hafen hinfahren können. Die Seeleute ziehen übrigens gewöhnlich den leewärts gelegenen Eingang vor, da der Wind innerhalb der Riffe sehr wechselt. Dieser letztere Kanal ist eine offene Stelle in der Barriere, die der Bai und Stadt von Papeetee gerade gegenüber liegt, aber sehr eng, und die unbestimmten Winde, Strömungen und gesunkene Felsen lassen nicht selten Schiffe mit ihrem Kiel gegen den harten Grund streichen.

Der Steuermann ließ sich aber nicht irre machen, stellte die Leute, über die er gebieten konnte, an die Brassen, sprang selbst auf die Bulwarks, rief ihnen noch einmal zu hübsch munter zu sein, und gab dann seinen Befehl: Ruder auf! In wenigen Minuten liefen wir ein und da es übrigens gegen Nachmittag ging, so verließ uns der Wind immer mehr und während die Klippen an unsern beiden Borden schäumten, behielten wir kaum noch Steuerweg. Weiter glitten wir aber, immer weiter in der spiegelglatten Bucht, vermieden die grünen dunkeln Gegenstände, die hier und da über unsre Bahn gestreut schienen und Jermin blickte nur manchmal mit größter Gemüthsruhe vor sich in das Wasser hinunter und dann um sich her, ohne ein Wort weiter zu sprechen. So, leise hingeweht durch unsre felsige Bahn, hatten wir bald jede Gefahr hinter uns und liefen in die tiefe, ruhige Bucht ein. Dies war das beste Stückchen Seemannskunst, das uns Jermin jemals zeigte.

Als wir nun nach der Fregatte und den übrigen Schiffen hinüber hielten, kam plötzlich ein Canoe zwischen ihnen vor und auf uns zu. Ein Knabe und ein alter Mann saßen darin, beides Eingeborene; der Erste fast nackt und der Zweite mit einem alten nautischen Frack bekleidet. Beide ruderten auch mit aller Kraft, der Alte nur riß manchmal sein Ruder aus dem Wasser, versetzte dem Jungen eins damit über den Kopf, und dann gingen sie wieder mit vereinter Anstrengung an die Arbeit. Als sie in Rufsnähe kamen, sprang der Alte auf seine Füße und gestikulirte, sein Holz schwingend, auf die wunderbarste Art in der Luft herum, indeß er fortwährend ein Kauderwälsch herausstieß, von dem wir nur erst nach einer langen Weile einzelne Worte verstehen konnten.

»– Ah Ihr pemi – ah Ihr kommt – weshalb Ihr kommt? – Ihr seid schön – kommt ohne Pilot – Ich sage Ihr hört? – Ich sage, Ihr ita maitai (nicht gut) – Ihr hört? – Ihr kein Pilot – Ja – Ihr, verdammt mich – Ihr kein Pilot, gar nicht; Ich verdamm' Euch – Ihr hört?«

Diese Tirade, die uns deutlich bewies, daß der alte profane Schuft, was er auch wolle, dies doch im vollkommen guten Ernst meine, versetzte die Schiffsmannschaft in die beste Laune und donnerndes Gelächter antwortete ihm. Das schien ihn aber ganz außer sich zu setzen; der Knabe, der mit gehobnem Ruder ganz verblüfft um sich starrte, erhielt einen derben Hieb über die Ohren, der ihn mit Blitzesschnelle wieder an seine Arbeit gehen hieß und das Canoe bis dicht an uns heran führte. Der Redner begann jetzt von neuem, und wir fanden nun, daß all diese freundlichen Worte gegen den Steuermann gerichtet gewesen, der immer noch oben auf den Bulwarks stand.

Jermin war übrigens keineswegs zum Spaßen aufgelegt und befahl ihm nur, mit einem Matrosensegen, sich zu packen. Das brachte aber den alten Burschen erst recht in Wuth und er fluchte schlimmer als ich bis dahin selbst civilisirte Menschen hatte fluchen hören.

Ihr sabbee Ein verdorbenes Wort aus dem Französischen savoir, das, viel von Matrosen fast aller Nationen gebraucht, auch auf die Eingeborenen der verschiedenen Inseln übergegangen ist. mie – ich weiß – Ihr Pratie – sehe Euch lange Zeit – aber ich nicht kommen – Ih sabbee Euch – Ihr ita maitai nuee (Superlativ von schlecht).

– Macht, daß Ihr fortkommt! schrie Jermin wüthend, geht zum Teufel oder ich werfe eine Harpune nach Euch.

Anstatt dem Befehl aber zu gehorchen, ließ Jim sein Canoe bis dicht an den Gangweg hinschießen und stand in wenigen Sekunden an Deck; dann, das fettige Taschentuch noch mehr in seine Stirn ziehend während er gleich darauf seinem Frack einen verzweifelten Ruck versetzte, schritt er zum Steuermann hinan und gab ihm, in noch blumenreicherer Sprache als vorher, zu verstehen, daß er den berühmten Jim vor sich habe und das Schiff bis der Anker nieder sei, unter seinem Befehl stände, wonach er zu wissen wünschte, ob irgend Jemand noch etwas dagegen einzuwenden habe.

Da jetzt kein Zweifel blieb, daß er der wirklich sei, für den er sich ausgebe, so wurde ihm das Fahrzeug übergeben.

Unser Gentleman begann nun die Julia vor Anker zu bringen, sprang vorn auf das Bug und brüllte aus: »loff, loff! haltie ob – haltie ob!« und dann bestand er darauf, daß ihm der Mann am Ruder jedesmal achtungsvoll darauf antworte. Der Wind war jetzt so weit eingeschlafen, daß wir fast unsern ganzen Steuerweg verloren hatten; dennoch machte der alte Mann mit seinen Befehlen einen Scandal, wie eine weiße Boe am Bord des fliegenden Holländers.

Jim war denn auch wirklich der regelmäßige Lootse des Hafens, einen Posten von nicht geringem Einkommen und, in seinen Augen wenigstens, von ungemeiner Wichtigkeit. Unsere unceremoniöse Einfahrt betrachtete er daher als eine große Beleidigung, die nicht allein seiner Würde, sondern auch seinem Einkommen bedeutenden Schaden zufügen konnte.

Der alte Mann ist übrigens eine Art Hexenmeister und lebt in einem gewissen Einverständniß mit den Elementen; bestimmte Phänomene derselben erweisen sich denn auch so, als ob sie blos zu seinem eignen Nutzen und Frommen beständen. Ungewöhnlich klares Wetter mit einer ruhigen steten Briese stellt sich als ein sicheres Zeichen heraus, daß ein Kauffahrer in der Nähe ist; Wallfische, die in der Nähe des Hafens sichtbar werden, bedeuten die Ankunft eines Wallfischfahrers, und Blitz und Donner, so selten es vorkommt, wird zur ganz bestimmten Ankündigung eines Kriegsschiffes.

Jim, der Lootse ist wirklich ein Charakter und Niemand besucht Tahiti, der nicht irgend eine wunderliche Geschichte über ihn hört.

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