Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Herman Melville >

Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil

Herman Melville: Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/melville/oomo-ge1/oomo-ge1xml
typefiction
authorHermann Melville
titleOmoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil
publisherVerlag von Gustav Mayer
year1847
translatorFriedrich Gerstäcker
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20121115
projectid4467cf98
Schließen

Navigation:

Capitel VIII.

Tahiti. Eine Ueberraschung. Mehr über Bembo.

Am nächsten Morgen noch in früher Dämmerung, sahen wir die Kuppen von Tahiti, die bei klarem Wetter auf neunzig Meilen Entfernung erkannt werden können.

– Hivarhoo, schrie Wymantoo jauchzend und lief, als er das Land zuerst in weiter Ferne erkannte, auf das Bugspriet hinaus. Da aber die Wolken verschwanden und er die drei Gipfel erkannte; die Obelisken gleich gegen das Firmament abstachen, da traten ihm die Thränen in die Augen. Armer Bursche, es war nicht Hivarhoo! Hivarhoo lag manche lange Meile entfernt.

Tahiti ist auf jeden Fall die berühmteste Insel in der Südsee, ja verschiedene Ursachen haben sie ordentlich klassisch gemacht. Schon ihre natürliche Gestaltung zeichnet sie vor den übrigen Gruppen aus; zwei runde und kühne Vorgebirge, deren Gipfel sich bis 9000 Fuß über die Meeresfläche erheben, sind durch einen niedern schmalen Isthmus mit einander verbunden, und das Ganze umfaßt etwa einen Umkreis von hundert Miles. Von den großen Centralkuppen der größern Peninsula, Orohena, Aorai und Pirohitee strahlt das Land nach allen Seiten der See zu in niederen grünen Bergrücken aus. Zwischen diesen liegen breite, schattige Thäler von herrlichen Strömen bewässert und dicht bewaldet. Tahiti umschließt auch, was nicht bei allen andern Inseln der Fall ist, ein Gürtel von niederm, ungemein kräftigen Fruchtboden, der mit der üppigsten Vegetation bedeckt ist; hier wohnen hauptsächlich die Eingeborenen.

Von der See aus gesehen ist der Anblick wundervoll. Dem Auge bietet sich eine förmliche Masse von grünen Tinten, die in wundervollen Schattierungen bis zu den höchsten Gipfeln der Berge hinaufsteigen; Thäler und Gebirgsrücken, Schluchten und Wasserfälle wechseln dabei ab, und hie und da werfen die höheren Klippen ihre weiten Schatten über die tiefer liegenden Gebirge, zwischen denen dann wieder die Cascaden in den Sonnenstrahlen blitzen, als ob sie sich durch lauter Lauben und Grotten ergössen. Ein solcher Zauber liegt hier über der Landschaft, daß sie dem Kommenden so frisch, wie eben aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen, erscheint.

Das Gemälde verliert auch, wenn man näher kommt, keineswegs an Schönheit, und die Behauptung ist wahrlich nicht übertrieben, daß ein Europäer, wenn er diese Thäler zum ersten Mal betritt, seinen Sinnen kaum glauben mag, die ihm vorlügen wollen, es gäbe in der Wirklichkeit ein solch wunderherrliches, paradiesisches Land. Kein Wunder, daß die Franzosen dieser Insel den Beinamen von Neu-Cytherea gaben. De Bourgainville sagt: oft glaubte ich in dem Garten von Eden selbst zu wandeln.

Der Anblick des Landes erfüllte uns mit einem unbeschreiblichen Entzücken. Nach langer Kreuzfahrt in einem Hafen einzulaufen ist stets angenehm genug für einen Seemann, der sich dann allerlei freudigen Hoffnungen überläßt; uns aber mußte dieser Abschnitt in unsrer Seefahrt, aus noch weit andern Gründen, ein sehr willkommener sein.

Seit wir dem Lande zusegelten, waren denn auch unsere Aussichten viel besprochen worden. Viele behaupteten, wenn der Capitän das Schiff verließe, so seien die Matrosen ebenfalls nicht mehr an dasselbe gebunden. Ueberhaupt galt das im Vorcastle als allgemein angenommen; obgleich ein Marinegesetz vielleicht anders darüber abgesprochen hätte. Auf jeden Fall befand sich Mannschaft wie Schiff in einem solchen Zustande, daß wir, komme was da wolle, viele Feiertage und einen ziemlich langen Aufenthalt in Tahiti erwarten durften.

Alle gaben sich den fröhlichsten Hoffnungen hin, und selbst die Kranken, die sich seit dem Wechsel in unsrer Lage reißend schnell, erholt hatten, waren auf den Decks und lehnten an den Bulwarks, und zwar Einige voller Lust und Leben, Andere in schweigender Bewunderung über das herrliche Schauspiel, das sich vor ihnen ausbreitete: – Tahiti von der See aus.

Das Quarterdeck stach übrigens sehr bedeutend gegen Das ab, was am andern Ende des Fahrzeugs vorging. Der Mowree saß dort, wie gewöhnlich in sich selbst hineinbrütend, und Jermin schritt in tiefen Gedanken hin und her, während er von Zeit zu Zeit nach luvwärts hinüberblickte oder in die Kajüte sprang und schnell wieder zurückkehrte.

All unsere leichten Segel wie liebend gegen das Land hin ausgebreitet, hielten wir unsern Weg, bis wir durch des Doktors Glas Papeetee, den Hauptort von Tahiti erkannten. Verschiedene Schiffe lagen dort im Hafen und unter diesen auch eines, das dunkel und mächtig emporstarrte; die beiden Reihen Zähne verkündeten eine Fregatte. Dies war die Reine blanche, kürzlich von den Marquesas eingetroffen, und führte an der Fockstenge die Flagge des Contre-Admirals Du Petit Thouars. Kaum hatten wir sie ausmachen können, als der dumpfe Donner ihrer Kanonen über die Wasserfläche zu uns herüberschallte, ihr Feuern geschah zu Ehren eines Vertrags oder vielmehr, soweit er die Eingeborenen betraf, einer gezwungenen Abtretung von Tahiti an die Franzosen, welche diesen Morgen abgeschlossen worden war. Die Kanonade hatte kaum nachgelassen, als Jermins Stimme eine so unerwartete Ordre gab, daß Jeder in die Höhe fuhr.

– Steht bei hier und braßt die große Raae back.

– Was bedeutet das? – sollen wir denn nicht in den Hafen? schrieen die Leute. –

– Schnell hier hinter und keine Worte, schrie der Steuermann.

Im nächsten Augenblick knarrte die Raae herum und die Julia lag mit ihrem Klüverbaum in See hinaus deutend, ruhig wie eine Ente auf den Wogen. Wir sahen uns Alle einander verwundert an, als ob wir fragen wollten, was nun geschehen würde.

Plötzlich erschien der Steward an Deck und trug eine Matraze, die er im Hintertheil von des Capitäns Boot ausbreitete, zwei oder drei Kisten und andere Sachen, die ebenfalls seinem Master gehörten, wurden auch hineingelegt.

Das genügte. Der Matrose braucht keine große Auseinandersetzung, um zu begreifen, was vorgeht.

Noch immer den Plan beibehaltend, die Julia trotz allem, was sich ihm entgegenstellen konnte, in See zu lassen, wollte der Capitän jetzt ans Ufer fahren, während er indessen sein Fahrzeug unter dem Befehl des Steuermanns ließ, der ihn nach einem gewissen Zeitraum hier wieder abholen sollte. Alles das konnte natürlich sehr leicht geschehen, ohne daß wir etwa näher zum Land zu segeln brauchten, als wir jetzt lagen; kranke Capitäne von Wallfischfängern greifen denn auch nicht selten zu einem solchen Mittel, um sich wiederherzustellen, ohne dabei ihr Fahrzeug selbst aufzuhalten. In diesem Falle war es aber gänzlich ungerecht, und selbst gegen jedes Princip von Klugheit und Menschlichkeit anstreitend, denn wenn es auch von Guy's Seite mehr Entschlossenheit zeigte als wir ihm jemals zugetraut, so bewies es doch zu gleicher Zeit eine unbegreifliche Kurzsichtigkeit, daß er vermuthen konnte, seine Mannschaft würde sich gutwillig solcher Willkür fügen.

Bald fanden wir, daß unsre Vermuthungen ganz richtig gewesen und die Leute wurden wüthend. Spahn und Spunt erboten sich augenblicklich an die Spitze einer Meuterei zu treten, und während Jermin unter Deck war, sprangen Vier oder Fünft aft, befestigten die Kajütenthüren und Andere schlangen die Brassen los und ließen das Hauptsegel wieder herum schwingen, während sie den Uebrigen zuriefen, ihnen mit beizustehen und dem Lande zu zuhalten.

Alles dies geschah in einem Augenblick und die Sachen standen äußerst kritisch als Doktor Lattengeist und ich selber zwischen sie traten, und sie veranlaßten, nichts hastig zu thun, sondern die Sache erst ruhig zu bereden, da wir ja völlig Zeit und das Schiff ganz in unsrer Gewalt hätten.

Während die Vorbereitungen indessen immer noch in der Kajüte getroffen wurden, musterten wir die Leute und hielten auf dem Vorcastle unsere Berathung.

Allerdings kostete es Mühe, diese Tollköpfe zu einer ruhigen Ueberlegung der Sache zu bringen, des Doktors Einfluß zeigte sich aber doch am Ende, und mit wenigen Ausnahmen beschlossen sie, sich durch ihn leiten zu lassen, natürlich dabei versichert, daß in diesem Falle das Fahrzeug ruhig vor Anker gehen müsse, ohne daß irgend Jemand von ihnen weitere Umstände hätte oder besondere Gefahr liefe. Außerdem versicherten sie uns noch geradezu, daß sie, wenn friedliche Mittel fehl schlügen, unter jeder Bedingung die kleine Jule nehmen und nach Papeetee hineinführen würden, und wenn sie alle dafür hängen müßten. Für den Augenblick sollte übrigens der Capitän seinen Willen haben.

Indessen war alles fertig gemacht, das Boot herunter gelassen und zu den Fallreepen gebracht, und der Capitän durch den Steuermann und Steward an Deck geführt worden. Wir sahen ihn hier seit zwei Monaten zum ersten Male wieder und er hatte sich sehr verändert. Als ob er gern jedem Auge ausweichen wolle, bedeckte ein großer, breitrandiger Paytohut seinen Kopf und wir konnten sein Gesicht nur dann zu sehen bekommen, wenn der Wind den Rand desselben zurückschlug. Durch ein an der großen Raae angebrachtes Nocktakel ließen ihn der Koch und Bembo in das Boot hinab; als er aber stöhnend niederglitt, muß er auf jeden Fall die Verwünschungen gehört haben, die ihm seine Leute nachsandten.

Während der Steward noch unten alles in Ordnung brachte, drehte sich der Steuermann plötzlich nach einer geheimen Unterredung mit dem Mowree gegen uns um – und erklärte, er würde mit dem Capitän ans Ufer fahren, sobald als möglich aber zurückkehren. Während seiner Abwesenheit sollte Bembo, als nächster im Rang nach ihm, den Befehl übernehmen, da ja auch weiter nichts zu thun sei, als die Barke in sicherer Entfernung vom Lande zu halten. Er sprang dann ins Boot hinunter und steuerte, mit dem Koch und Steward als Ruderer, dem Ufer zu.

Daß Guy, dem Rath des Steuermanns gerade entgegen, das Schiff so in den Händen der Leute ließ, war ein anderer Beweis seiner Albernheit; wären der Doktor und ich nicht an Bord gewesen, Gott weiß wie dann Alles gekommen.

Für jetzt hatten wir nun Bembo als Capitän und soweit als es Seemannskunst betraf, hätte wohl schwerlich ein Besserer gefunden werden können. Nur mit seinem Englisch stand es ein wenig schwach, denn er kannte einzig und allein die nautischen Benennungen, und nachher alle nur erdenklichen Flüche, sonst aber weiter gar nichts.

Als Harpunier, der Zutritt zur Kajüte hatte, wurde dieser Mann, den Seegebräuchen gemäß, die keine Ausnahme kennen, über die Matrosen gestellt, und wenn auch noch nicht civilisirt, so fiel doch Keinem ein, etwas außerordentliches darin zu finden oder dagegen zu murren.

Eine nähere Nachricht möchte ich aber doch hier über Bembo geben. Wenige von uns mochten ihn gern leiden, und fast alle, der Steuermann ausgenommen, fürchteten den düstern trotzigen Wilden oder mißtrauten ihm wenigstens; auch schien das Gefühl gegenseitig stattzufinden. Wenn ihn nicht seine Pflicht dahin rief, so ging er selten unter die Mannschaft, die sich überdies gar schlimme Geschichten über ihn erzählte. So sollte er besonders an einem Erbübel leiden, nämlich »Menschen todt zu schlagen und sie zu fressen«; darüber wußte man jedoch weiter nichts Genaues, als daß er, was sich allerdings nicht leugnen ließ, von einer Kannibalen-Race abstammte.

Seine persönliche Erscheinung verminderte denn auch keineswegs den unangenehmen Eindruck, den sein übriges Benehmen hervorbrachte. Ganz unähnlich seinen Landsleuten war er fast noch unter der gewöhnlichen Höhe, aber stark und kräftig gebaut, und unter seiner schwartigen tättowirten Haut arbeiteten die Muskeln wie Stahlklammern; sein lockiges, kohlschwarzes Haar hing ihm über die rauhen Brauen herunter, und tief versteckte funkelnde Augen blitzten immer wie aus einem Hinterhalt hervor.

Früher schon hatte er zwei oder drei Reisen in Sidney-Wallfischfängern mitgemacht, sich aber stets wie auch bei uns, in der Insel Bai eingeschifft, wo er auch immer wieder an's Land ging, wenn das Schiff heimwärts zog. Auf solche Art schiffen sich seine Landsleute häufig an Bord der Wallfischfänger aus den Colonien ein.

Einer von den Leuten an Bord war mit dem Mowree auf seiner ersten Reise zusammengewesen und behauptete, dieser habe sich seit der Zeit auch nicht im mindesten verändert, erzählte mir aber wunderliche Geschichten von ihm, unter andern auch die folgende, die mir wohl glaublich schien, da ich die tollkühne Weise mancher Wallfischfänger kannte, und unfern trotzigen, zu Allem fähigen Wilden dabei dicht vor mir sah.

Wie man sich wohl denken kann, war Bembo ein wilder toller Bursche hinter dem Fisch her, und alle Neuseeländer sind das, da es ja schon außerdem freundlichst mit ihren blutdürstigen Neigungen harmonirt. Deshalb werden sie auch sehr häufig zu Harpunirern genommen, als welche sie treffliche Dienste leisten, denn das ist ein Posten, in dem ein nervöser, ängstlicher Mann allerdings etwas außer seinem Element sein möchte.

Beim Werfen steht der Harpunirer natürlich aufrecht in der Spitze des Boots, ein Kniee dabei gegen einen Schutz vorn gestemmt. Bembo verschmähete das aber und ließ sich stets zu seinem Fisch, frei auf dem Bootrand stehend, hinanrudern.

Doch zu meiner Geschichte.

Eines Morgens mit Tagesanbruch brachten sie ihn zu einem großen, einsamen Wallfisch, er schleuderte seine Harpune, fehlte und der Fisch tauchte unter. Nach einer Weile stieg das Ungeheuer etwa eine Mile von ihnen entfernt wieder empor und sie verfolgten ihn; der Fisch mußte aber wohl ängstlich geworden sein, denn er hielt sich jetzt fern, und der Nachmittag kam, ohne daß sie ihn erreicht hätten. Beim Wallfischfang aber wird ein Fisch so lange man ihn nur sehen kann, nie aufgegeben, und jetzt, da sie so selten werden, selbst noch oft in der Nacht verfolgt.

Endlich bekamen sie Bembo's Wallfisch zum zweiten Male neben das Boot und er schleuderte beide Harpunen; wie das aber nun, so wunderbar es auch klingen mag, gar nicht selten vorkommt, so fehlte er wieder – beide Male. Daß so etwas passiren kann, weiß ein jeder Matrose und es ist auch kein Wunder eigentlich, daß Jemand aufgeregt und unsicher wird, wenn er Stundenlang hintereinander und unter einer brennenden Sonne gerudert hat.

Die Matrosen mochten aber bei dieser Gelegenheit nicht schlecht geflucht und gemurrt haben und brachten dadurch den Mowree in volle, grimmige Wuth. Kaum schoß also das Boot zum dritten Male an das Unthier hinan, da flog er mit einem tollen Satz, die Harpune in der Rechten, hinaus auf den Rücken desselben, und stand einen Moment lang auf diesem emporgerichtet. In der nächsten Sekunde war Alles Schaum und Verwirrung und Beide verschwanden. Die Leute ruderten jetzt aus Leibeskräften zurück und ließen das Reep, so schnell sie konnten aus, während vor ihnen nichts als ein Wirbel von Blut und Seewasser sichtbar wurde.

Plötzlich tauchte ein dunkler Gegenstand empor. Das Reep straffte und mit Blitzesschnelle schoß das Boot durch das Wasser. Sie hingen fest und der Wallfisch floh.

Wo aber war der Mowree? Seine Hand lag auf dem Rand des Boots und er wurde mitten in dem tollen Schäumen und Brausen, das an dem Bug emporspritzte, an Bord gezogen.

Solch ein Mann oder Teufel war der Mowree.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.