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Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil

Herman Melville: Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil - Kapitel 10
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typefiction
authorHermann Melville
titleOmoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil
publisherVerlag von Gustav Mayer
year1847
translatorFriedrich Gerstäcker
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Capitel VII.

Ropey. Spahn und Spunt. Ein Sturm. Die Korallen-Inseln.

Ich möchte hier, indeß wir doch so ruhig unsre Bahn fortsetzen, einen armen Teufel erwähnen, den wir an Bord hatten und der gewöhnlich Ropey genannt wurde.

Er war ein wunderliches Individuum, das unser Fahrzeug als Landlubber betreten hatte, und sich dabei so ängstlich und ungeschickt anstellte, daß der Steuermann alle Hoffnung aufgab, je einen Seemann aus ihm zu machen. Er steckte ihn deshalb in die Kajüte als Steward, welchen Posten früher ein Seemann eingenommen; Ropey zeigte sich hier aber eben so ungeschickt zwischen dem Geschirr, als draußen zwischen dem Takelwerk. Eines schönen Morgens, da die See ein bischen hohl ging und das Schiff ein wenig stampfte, stürzte er denn auch einmal, mit einer hölzernen Terrine voll Suppe, mitten in die Kajüte hinein, und verbrannte die Offiziere so, daß sie sich in einer vollen Woche nicht wieder erholen konnten; noch an demselben Nachmittag steckten sie ihn wieder ins Vorcastle.

Nun ist wohl Niemand so herzlich verachtet, wie ein eben solcher erbärmlicher »Gutfürgarnichts-Landlubber«; so unnütz aber auch ein solcher Charakter sein mag, so ist doch eine Schiffsgesellschaft selten oder nie geneigt, ihn irgend einen Nutzen daraus ziehen zu lassen. Man betrachtet ihn gewöhnlich als eine Maschine, und wo irgend eine harte schwere Arbeit zu thun ist, da wird er gewiß hingesteckt. Soll ein bedeutendes Theeren vorgenommen werden, so wird er Hals über Kopf in das Theerfaß geschoben und dabei angestellt; apportiren muß er wie ein Hund. Schickt ihn der Steuermann nach seinem Quadrant, so begegnet ihm vielleicht unterwegs der Capitän, der ihm sagt, er soll Dakum zupfen, und während er zu diesem Zwecke ein altes Tauende sucht, so kommt gewiß ein Matrose und möchte wissen, was er hier herumzukriechen hat, und warum er nicht zum Vorcastle geht.

»Gehorcht dem letzten Befehl« ist ein unumstößliches Gesetz in See; der Landlubber aber, aus Furcht etwas zu verweigern, stürzt rath- und thatlos von einem Ort zum andern und erhält am Ende nichts weiter als Knuffe und Stöße aus allen Ecken.

Zu seinen andern Leiden gehört noch das, daß er den Mund nicht aufthun darf ohne gefragt zu sein, und Gnade ihm Gott, wenn er sich einmal unterfangen wollte, einen Witz zu machen, das würde er bis an's Ende seiner Tage zu hören bekommen; obgleich er sich die Späße Anderer über ihn selbst ruhig muß gefallen lassen.

Wehe ihm, wenn er beim Essen auch nur einen Seitenblick auf das Fleisch wirft, ehe die Andern zugelangt haben, und dabei muß er Alles auf sich nehmen, was irgend Jemand an Bord ausgeführt hat und nun nicht eingestehen will. Er ist das, was der heimliche Hallunke »Niemand« am Ufer gewöhnlich vertritt, und sein Elend nimmt wirklich kein Ende. Des Landlubbers Geist erliegt endlich diesen ewigen Angriffen, und das erste Resultat seiner Melancholie ist eine totale Vernachlässigung seiner Toilette. Anstatt aber, daß nun die Matrosen in etwas auf ihn Rücksicht nehmen sollten, ist kaum seine Reinlichkeit in Frage gestellt, als sich auch Alle, wie die Christen im Mittelalter auf die Juden, über ihn werfen und ihn zu den Leespeygaten schleppen, wo er trotz Hülfe- und Jammerschrei, bis auf die Unterkleider ausgezogen und erbarmungslos abgescheuert wird.

Wehe, wehe dem Landlubber in See, er ist das unglückseligste Menschenkind auf der weiten, weiten Welt; und zwar ein solcher aus dem ff war unser Ropey. Er sah auch gleich so aus, sein Gesicht blieb ein förmliches Räthsel und obgleich scharf und lederfarben, trug es weder die Glätte der Jugend noch die Runzeln des Alters, und ich wäre z. B. ums Leben nicht im Stande gewesen zu sagen, ob er zwanzig oder fünfzig Jahr alt war.

Was seine Geschichte anbetrifft, so mußte er in früherer Zeit ein Bäckergeselle in London gewesen sein, wo er damals Sonntags einen blauen Rock mit Metallknöpfen trug und seine Nachmittage in dem Wirthshaus zubrachte, seine Pfeife rauchte und sein Ale trank – ein heiterer, lebenskräftiger Bäckergeselle. Das dauerte aber nicht lange; ein alter »Misch Dich in Alles« erklärte ihm plötzlich, London sei eine ganz gute Stadt für ältliche Gentlemen und Invaliden; für einen jungen Mann von Geist wäre aber Australien gerade das rechte, und an einem unglückseligen Tag ordnete Ropey seine Finanzen und schiffte sich richtig nach Australien ein.

In Sidney mit einem kleinen Capital angekommen, verbesserten sich nach harter Arbeit und unermüdlichem Kneeten seine Umstände, und er nahm sich ein Weib, die Lady aber schien mit seinen Eigenschaften nicht ganz zufrieden, und war an einem lauwarmen Sommermorgen mit seinem Gelde und Werkmeister plötzlich verschwunden. Ropey ging darauf augenblicklich in das Gasthaus von »Pfeife und Krug«, fing an zu trinken und beschloß beim fünften Glas Selbstmord, ein Entschluß, den er auch ausführte, denn er schiffte sich am nächsten Tag als Landlubber an Bord der Julia ein.

Der Exbäcker würde sich übrigens noch viel besser befunden haben, wäre sein Herz nicht so unendlich weich gewesen; ein freundliches Wort machte einen Narren aus ihm, und die meisten Verlegenheiten, in die er kam, hatten darin ihren Ursprung.

So, um ein Beispiel zu geben, saß Ropey manchmal Morgens ganz früh, wenn die Wache eben aufgestanden und beim Frühstück war, in einer Ecke und verzehrte traurig seine Delikatessen. Matrosen nun, eben vom Schlaf erwacht, sind keineswegs Engel, und deshalb wird dabei selten ein Wort gesprochen; grimmig und unrasirt sitzen sie alle schweigend da und kauen ihren Zwieback. Zu solcher Zeit kommt nun einer von den zutraulich aussehenden Schuften, – Flash-Jack nicht selten – über die Kisten hingekrochen und setzt sich mit seinem Becher neben den Landlubber.

– Harte Bissen das, Ropey, beginnt er; hart genug noch dazu für Einen, der die Sache besser kennt und in London gelebt hat. Ich sage, Ropey, wenn Ihr nun heute morgen in Holborn wärt, was würdet Ihr da zu frühstücken haben?

– Zu frühstücken? rief Ropey mit Entzücken; o sprecht nicht davon.

– Was fehlt denn dem Burschen, knurrt hier ein alter Seebär und dreht sich wild nach ihm um.

– O nichts, nichts, fiel Jack ein und bat Ropey, während er sich zu ihm hinüberlegte und ihm zuflüsterte leiser zu reden, fortzufahren.

– O, schwelgte dieser dann in der Erinnerung, während seine beiden Augen wie ein Paar Laternen glänzten, – o dann ging ich zu Mutter Moll, die so kostbare Muffins bäckt; dort ging ich hin wißt Ihr, setzte mich in die beste Ecke und ließ mir fürs erste Mal ein halb Viertel geben, um damit anzufangen.

– Und dann, Ropey?

– Ei dann, Flashy, fuhr das arme ahnungslose und in seinem Thema wärmer werdende Opfer fort – dann rückte ich mir den Stuhl ein bischen näher zum Tisch und rief nach Betty – Betty, das Mädchen, das die Kunden bedient. Betty, mein Herzchen, sagte ich dann, Du siehst ganz rosig schön aus diesen Morgen; gieb mir ein Paar hübsche Scheiben Schweinskeule und Eier, Betty, mein Herzchen, und dann möchte ich eine Pinte Ale haben und drei hübsche heiße Muffins und Butter und ein Scheibchen Cheshire, und Betty, mein gutes Kindchen, dann möchte ich noch –

– Ein Stück Haifisch und einen Strick, schrie der schwarze Dan fluchend und gleich darauf wurde der arme Teufel über die Kisten geschleppt und an Deck geknufft.

Ich hatte es mir stets zur Pflicht gemacht, gegen den armen Ropey freundlich zu sein, wo ich nur konnte, und aus diesem Grunde war ich auch sein großer Liebling.

Die beiden Kompagnons, wie sie von den Matrosen genannt wurden, oder Spahn und Spunt, wenn sie klassificirt werden mußten, weihten jetzt ihre Zeit, noch dazu da es einem Hafen zuging, immer mehr der Flasche und befanden sich zum großen Aerger und Neid der übrigen Mannschaft in einem fortwährenden, wenn auch noch geringen Grade von Seligkeit.

So fidel sie aber auch im Ganzen sein mochten, ein Paar discretere Trinker konnten kaum gefunden werden. Niemand sah sie einen Schluck thun, außer wenn das regelmäßige Maß ausgeschenkt wurde. Das Geheimniß war aber nicht so gut versteckt, daß wir nicht doch am Ende dahinter gekommen wären.

Die Fäßchen Pisco wurden nemlich unter den hinteren Luken gehalten, die auch zu diesem Zweck mit eisernen Stangen und Schlössern versehen waren. Der Böttcher jedoch unternahm zu Zeiten einen verbrecherischen Streifzug dorthin, indem er in die Vorluken hinabstieg, und nun, mit Gefahr erdrückt zu werden, über, und durch, und zwischen tausend Gegenständen hin, bis zu dem Platze kroch wo sie lagen.

Bei seiner ersten Expedition fand er das Einzige, an das er kommen konnte mit dem Spuntloche oben; ein Stück eines eisernen Reifens mußte ihm nun als Werkzeug dienen und durch entsetzliches Stoßen und Drücken und Klopfen gelang es ihm endlich den Spunt hineinzustoßen. Die Art, das Getränk heraus zu bekommen, war eben so ingenieus; sein Halstuch tauchte er mit Hülfe des eisernen Reifens hinein und drückte es dann immer in ein kleines mitgebrachtes Gefäß aus, bis er das gefüllt hatte.

Spunt war ein Mann nach eines Kellermeisters Herzen; er trank ruhig, bis er gerade handbar benebelt war und so hielt er sich, wurde weder schlimmer noch besser, sondern blieb nach seinem eignen Ausdruck »gerade recht.« In diesem interessanten Zustande hatte er ein gewisses freies Schaukeln in seinem Gange, eine eigne Art den Bund seiner Segelhosen heraufzuziehen, und vermied dem, mit dem er sprach, ins Auge zu sehen, sonst aber befand er sich immer munter. Wunderbarer Weise wurde er dann aber auch ganz ungewöhnlich patriotisch, und zeigte das am häufigsten und auf höchst komische Art, sobald ihm Dunk, ein gutmüthiger Däne mit viereckigem Gesicht, ebenfalls Matrose an Bord, begegnete.

Hier muß ich jedoch vorher bemerken, daß der Böttcher auf echte Seemannsart ein ungeheurer Verehrer Lord Nelsons war; sonderbarer Weise machte er sich aber einen ganz falschen Begriff von dessen äußerer Erscheinung; denn nicht zufrieden damit ihn eines Auges und Armes zu berauben, behauptete er steif und fest, daß der Seeheld auch in einer seiner Schlachten ein Bein verloren habe. In dieser Voraussetzung nun, hoppte er manchmal, das eine Bein hinter seinem Rücken mit dem rechten Arm gefaßt und zu gleicher Zeit das eine Auge geschlossen, auf den Dänen los und schrie ihm in dieser Stellung zu, ihn anzuschauen und den Mann zu sehen, der seine Landsleute bei Kopenhagen so in die Pfanne gehauen hätte.

– Seht her, Dunk, sagte er dabei, während er oftmals gefährliche Seitensprünge machen mußte sein Gleichgewicht zu behaupten, und mit dem einen Auge stark blinzte, um das andere geschlossen zu halten. – Seht her, Dunk: ein Mann – hängt mich – nur ein halber Mann – der nur einen Arm, ein Bein und ein Auge hatte – hängt mich – ja der nur überhaupt ein Stück von einem Leichnam war, prügelte Eure ganze schäbige Nation. Leugnet Ihr das, Ihr Lubber?

Der Däne war ein höchst gutmüthiges Wesen und da er nur sehr wenig Englisch verstand, so gab er selten eine Antwort darauf; Spunt ließ aber dann sein eines Bein wieder herunter und stolperte mit der Miene eines Mannes fort, der es nicht der Mühe werth hält noch etwas Weiteres darüber zu sagen.

Das freundliche, blaue Wetter, das uns in der Nähe der Marquesas-Inseln begünstigt, veränderte sich aber, je mehr wir südlich kamen und uns Tahiti näherten. In diesem gewöhnlich ruhigen Meere bläßt der Wind manchmal mit großer Gewalt, obgleich, wie jeder Seemann weiß, ein solcher von Gewürzdüften geschwängerter Sturm in den Tropen des stillen Ozeans, gar sehr verschieden von einem heulenden Orkan im nördlichen atlantischen Meere ist.

Trotz des Windes ließ aber der Steuermann die Segel fast sämmtlich oben, und die kleine Jule hielt sich wirklich tapfer und brav. Wenn sie auch manchmal in den Wasserschlünden umgelegt wurde, so sprang sie doch immer wieder augenblicklich auf ihren Kiel, und ließ sich nichts anhaben. Jeder alter Balken in ihr krachte dann, jedes gespließte Tau sah aus als ob es im Nu wieder von einander gehen wollte, und dennoch flog sie auf ihrer Bahn, trotz allem was sich ihr entgegen stemmen mochte, wie ein kecker Renner dahin. Jermin, ein wahrer Seejockey, stellte sich manchmal in die Bindenetketten, während ihm der Schaum über Kopf und Kragen schlug und schrie dabei: »Brav gemacht, meine Jule – preß hinein mein Herzchen, Hurrah!«

Eines Nachmittags hörten wir einmal ein wunderliches Prasseln oben im Takelwerk, das uns nach allen Richtungen hinaus sandte; es war die große Marsstenge. Krach! brach sie gerade über dem Top ab und schlug dort durch das Takelwerk gehalten, von Seite zu Seite, während Alles was dazu gehörte um sie herum schlenkerte. Sie hing nur noch an wenigen Spähnen und flog mit jeder Woge gegen die Raaen an, während die Segel in lauter Streifen hinausflatterten, und die lockeren Taue sich zusammenrollten und die Luft wie Peitschenschnüre schlugen. »Von unten fort!« ging der Ruf und nieder an Deck kamen die Blöcke, wie eben so viele Kugeln. Die Stenge überschlug sich, schoß zischend in die See und sprang im nächsten Moment wieder mit ihrer vollen Länge daraus zurück. Der Kamm einer Woge brach sich über ihr, – das Schiff glitt vorbei, und wir sahen das Holz nicht wieder.

So lange diese lebendige Briese dauerte, befand sich unser schwarzer Koch Baltimore in nicht geringer Verlegenheit.

Die Cambuse, oder das Kochhaus der Julia, war nemlich, wie das auf vielen Südseefahrern der Fall ist, an der Larbordseite des Vorcastles angebracht. Unter solch einem Segeldruck aber und bei so hoher See tauchte die Barke ihren Bug dann und wann unter, und schöpfte grüne glasige Wogen ein, die sich über dem Vordertheil brachen, jenen Theil des Schiffs förmlich unter Wasser setzten und dann bis aft wuschen. Die Cambuse, ziemlich fest auf ihrem Platz befestigt, diente solcher Ueberschwemmung als eine Art Wehrdamm.

Um diese Zeit herum trug Baltimore stets das, was er seine Sturmkleider nannte, einen Südwester (einen getheerten Segeltuchhut mit breiter Hinterkrämpe) und ein paar gut eingeschmierte Seestiefeln, die ihm fast bis an die Knie reichten. So ausgestattet, um dem Wasser wo möglich Trotz zu bieten, zog sich bei diesem Unwetter unser Hoherpriester der Küche in sein innerstes Gemach zurück, und verrichtete dort seine ruhigen Arbeiten in geheimnißvollem Schweigen.

So ängstlich war aber der alte Mann, einmal gelegentlich über Bord gewaschen zu werden, daß er wirklich das eine Ende eines schwachen Falltaues au seinen Gürtel befestigte und den Rest um sich herumwindend diesen dann und wann benutzte. Wenn er von seiner Kambüse fort mußte, wickelte er sich aus und befestigte das eine Ende in einem Ring an Deck, so daß ihn eine Welle wohl umwaschen aber weiter nichts mit ihm anfangen konnte.

Eines Abends, als er sich gerade mit der Bereitung des Soupers beschäftigte, bäumte die Julia, wie ein spieliges Fohlen auf ihren Stern, und schöpfte, als sie vorn wieder, niederschlug, eine entsetzliche See. Nichts konnte dieser widerstehen. Ein Theil des verfaulten vordern Bulwarks brach krachend herein, schlug gegen die Cambuse, riß diese aus ihren Bändern und schlug sie von Seite zu Seite bis sie endlich am Windlaß strandete. Das Wasser schoß dann in einer wahren Fluth über Deck, überschwemmte Töpfe, Pfannen und Kessel und nahm selbst den alten Baltimore mit, der einem Delphine gleich darin herum sprudelte. Erst am Gangspill hinten theilte sich die Woge, und ließ den alten Koch, der die ausgegangene und fast entzwei gebissene Pfeife noch immer fest zwischen den Zähnen hielt, hoch und trocken auf der hintern Luke liegen.

Die wenigen Mann an Deck waren nach Matrosenart in das Takelwerk des Hauptmastes gesprungen und jubelten nur über das Unglück des armen Teufels.

In derselben Nacht brach unser Klüverbaum wie ein Pfeifenstengel ab und der Brodgewinner kam an Run herunter.

Am nächsten Morgen hatte sich der Wind bedeutend gelegt, ebenso die See; am Nachmittag waren fast alle unsere erlittenen Schäden wieder ausgebessert und wir segelten so ruhig dahin wie immer. Die zerstörten Bulwarks konnten wir freilich nicht wieder ausbessern, denn wir führten nichts an Bord was sie ersetzen konnte, sobald es also an zu wehen fing, brach die Fluth über unsern zerrissenen Bug; aber die kleine Jule schlug ihre Hacken noch immer so hoch in die Höhe als früher.

Wie weit wir westlich segelten, nachdem wir die Marquesas-Inseln verlassen, oder wie unsere Länge und Breite zu gewissen Zeiten gewesen sein mag, oder wie viele Meilen wir nach Tahiti zu machten, ist etwas, über das ich leider keine Auskunft geben kann. Jermin besorgte die ganze Messung und behielt das, wie schon vorher erwähnt, bei sich selber. Mittags brachte er seinen Quadranten an Deck, ein altes rostiges Ding, das eher aussah, als ob es einem Astrologen als einem Seemann gehörte, und manchmal, wenn er gerade ein bischen viel getrunken hatte, taumelte er, mit dem Instrument am Auge auf dem ganzen Deck herum und suchte überall die Sonne, die er doch, wie jeder nüchterne Mensch wissen mußte, über sich finden konnte. Wie in aller Welt er es manchmal zu Wege brachte, die Breite zu bestimmen, in der wir uns befanden, ist mehr als ich sagen kann, und die Länge muß er entweder durch Regel de tri oder geheime Offenbarung entdeckt haben. Daran war aber der Chronometer nicht etwa schuld, von dem vielleicht der Leser glauben möchte, er wäre unregelmäßig gegangen oder nicht zuverlässig gewesen, o Gott bewahre, der stand stockstill und bewahrte deshalb auch wahrscheinlich die ganz genaue und treue Greenwich-Zeit – die es damals gewesen als er stehen geblieben.

Der Steuermann übrigens behauptete außer seiner »todten Rechnung« die Meridianentfernung von Bowbell's auch noch durch eine gelegentliche Beobachtung des Mondes zu erlangen. Dies geschieht glaube ich, dadurch, daß man mit den dazu nöthigen Instrumenten die Entfernung zwischen dem Monde und einem gewissen Sterne mißt; dies muß aber zu gleicher Zeit durch zwei Beobachter geschehen.

Obgleich nun auch der Steuermann schon allein als vollkommen genügend zu solchem Zweck angesehen werden konnte, denn gewöhnlich sah er um tiefe Zeit alles doppelt, so wurde dennoch der Doktor meistentheils aufgerufen, um Jermins Quadranten zu sekundiren und wir Matrosen amüsirten uns dann nicht wenig über die wunderlichen Stellungen, die Beide dabei annahmen. Des Steuermanns zitternde Versuche sein Instrument nach dem Stern zu richten, sahen wirklich zu komisch aus; übrigens begreife ich jetzt noch nicht, wie er ihn, wenn er ihn wirklich endlich fand, von denen unterscheiden konnte, die er im eignen Hirn trug.

Dennoch lootste er uns hin und ehe viele Tage vergingen warf einer der Leute, der hinauf gesandt war einen Riß im Fockmarssegel auszubessern, seinen Hut in die Luft und schrie: Land a hoi!

Land war es auch wirklich, in welchem Theil der Südsee aber, das wußte Jermin nur allein; obgleich Einige von uns behaupteten, selbst er wisse es nicht. Kaum hatte er aber die Ankündigung gehört, als er mit seinem Fernrohr in der Hand an Deck gesprungen kam, eine ganze Weile hindurch sah, und sich endlich mit der Miene eines Mannes nach uns umwandte, der von etwas die unbezweifelte Versicherung erhalten hätte, das er schon lange vorher gewußt.

Das Land war, seiner Aussage nach, ganz genau das, nach welchem er gesteuert und in vier und zwanzig Stunden würden wir Tahiti sehen. – Er hatte wirklich recht.

Die Insel erwies sich bald als zu der Pomatu- oder niedern Gruppe, oft auch die Koralleninseln genannt, gehörig, vielleicht die merkwürdigsten Eilande des stillen Ozeans, die östlich von Tahiti liegen und von denen aus man dieses in einem Tag Segeln erreichen kann.

Diese Inseln sind sehr zahlreich, größtentheils klein, niedrig und flach, manchmal bewaldet, stets aber mit üppigem Grün bedeckt. Viele haben eine halbmond-, manche eine hufeneisenartige Bildung, diese letztern bestehen dann nur aus einem schmalen Landstreifen, der eine Lagune umgiebt. Manche von diesen Letztern stehen nur mit der See durch einen ganz schmalen Kanal in Verbindung; manche müssen sich nur unsichtbar mit ihr vereinigen, da sie ganz eingeschlossen sind, und in diesem Falle gleichen sie einem grünen Smaragd-Ring, der einen wunderherrlichen Diamant umschließt. Noch andere Lagunen sind von zahlreichen kleinen Inseln umgeben, die dann ganz dicht an einander liegen.

Der Ursprung dieser ganzen Gruppe wird nur dem Koralleninsekt zugeschrieben.

Einige Naturforscher behaupten, dieses wunderbare kleine Geschöpf beginne seine Bauten auf dem Grunde der See und führe sie nach Jahrhunderten bis zur Oberfläche empor, wo seine Arbeiten dann aufhören. Hierauf hält aber die rauhe Oberfläche der Koralle alle schwimmende Körper auf und bildet im Verlauf der Zeit einen Fruchtboden, in dem die durch Vögel hierhergetragenen Samen keimen und das Ganze mit üppiger Vegetation bedecken. Hier und da über diesen ganzen Archipel hin zeigen sich zahllose nackte und abgerissene Korallenbildungen, die scheinbar gerade dem Ozean entstiegen, und also sich erst bildende Inseln sind. Man glaubt das wenigstens unwillkürlich, wenn man sie sieht. Das Obige ist die gewöhnliche Meinung über diesen Gegenstand; kürzlich aber ist eine neuere Idee aufgetaucht, die gerade das Gegentheil behauptet. Statt das Phänomen dieser Inseln für etwas zu halten, das eine schaffende, aus sich selbst erstehende Kraft anzeigte, sollen es nur die Ueberreste eines frühern Continents sein, der durch das ewige Schlagen der See aus einander gerissen und abgewaschen sei.

So viel ich weiß existiren, nur wenige Brodfruchtbäume in irgend einem Theile der Pomatugruppe; auf manchen Inseln gedeiht sogar die Cocospalme nicht, obgleich diese in andern desto häufiger vorkommt. Viele von den Inseln sind deshalb auch ganz unbewohnt, andere ernähren nur eine einzige Familie; aber keine ist stark bevölkert. In einiger Hinsicht gleichen die Eingeborenen den Tahitiern, auch in ihrer Sprache; das Volk der südöstlichen Gruppen aber, obgleich wenig bekannt, hat einen bösen Ruf als Kannibalen und deshalb wird seine Gastfreundschaft von den Seefahrern selten in Anspruch genommen. Die Korallen-Inseln werden hauptsächlich von den Perlfischern besucht, die gewöhnlich in kleinen Schoonern mit kaum mehr als fünf oder sechs Mann dort anlegen. Die Perlmuscheln werden in den Lagunen und an den Riffen gefunden, und für ein halb Dutzend Nägel den Tag, ja für noch viel geringere Gegenstände, lassen sich die Eingeborenen gern miethen, danach zu tauchen.

Eine große Menge Cocosnußöl wird hier ebenfalls gewonnen, denn einige der unbewohnten Inseln sind mit dichten Cocosnußwäldern bedeckt, in denen die seit Jahren gefallenen Nüsse den Boden in dichten Schichten überlagern. Zwei oder drei Männer mit den nöthigen Apparaten versehen das Oel auszulassen, können in ein oder zwei Wochen so viel gewinnen, ein ganzes Seecanoe damit zu beladen.

Der Wind schlief jetzt ein und der Abend rückte heran, ehe wir uns der Insel näherten, sie lag aber doch den ganzen Nachmittag vor uns; sie war klein und rund, ganz von Baumwuchs entblößt und schien sich kaum vier Fuß über das Wasser zu erheben; hinter ihr lag noch eine andere und größere, über die ein tropischer Sonnenuntergang all seine Glorie goß.

Die Passate füllten kaum die mattgehobenen Segel; die Luft war von dem Aroma tausend wunderbarer Gerüche erfüllt; einer der Kranken aber, der an Deck gekommen war, und schon seit einigen Tagen Spuren von Skorbut gezeigt hatte, schrie plötzlich, als er sie einathmete, laut auf und wurde wieder hinabgetragen. Dies ist ein nicht ungewöhnlicher Fall.

Wir glitten in kaum einer Cabellänge vom Ufer, das von funkelndem Schaum umkränzt wurde, weiter, während sich die stille schlummernde Lagune in seine Umarmung schmiegte. Kein lebendes Wesen ließ sich sehen und wir waren vielleicht die ersten Sterblichen, die diesen wundervollen Platz erblickten. Der Gedanke hatte einen eigenthümlichen Reiz; und dabei dachte ich fast unwillkührlich an die endlosen Korallen-Grotten und Gallerien, die dort unten, weit aus dem Bereich des Senkbleis, in die unergründliche Tiefe reichten; was für sonderbare Wesen konnten in ihnen hausen; sicherlich jagten sich dort die Seejungfern durch die Zellen und Grotten, und fingen sich mit ihren langen Locken in den astigen Korallenarmen.

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