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Gutenberg > Carl Spitteler >

Olympischer Frühling

Carl Spitteler: Olympischer Frühling - Kapitel 23
Quellenangabe
typeepos
booktitleOlympischer Frühling
authorCarl Spitteler
year1945
publisherArtemis Verlag
addressZürich
titleOlympischer Frühling
pages3
created20021108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1905
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Achter Gesang
Hyphaist der Zwerg

                      Goldfischlein atzend wandelt überm Marmorteiche
Geduldig auf und ab Pallas die Gnadenreiche,
Weil Aphrodite sah von fern der Atzung zu.
«Laß helfen», rief sie, «leih mir von den Brocken du.»
Und kaum daß Aphrodite nach dem Teich gekommen,
Kamen die Fischlein allesamt zu ihr geschwommen.
Wieviel des Brotes immer Pallas mochte spenden,
Sie nahmens nicht, allein von Aphroditens Händen.
«Merkwürdig, sieh doch», rief die Falsche, «sonderbar!
Warum verlassen dich die Fischlein ganz und gar?»
Pallas erboste: «Schlänglein, keine eitle Wonne!
Im Schatten fisch ich halt, du einfach in der Sonne:
Ständ ich, wo du, so nähmen sie von mir die Letze.»
«Wohlan denn, laß versuchen, tauschen wir die Plätze!»
Kaum aber hatten sie den Platz gewechselt, jach
Schwammen die Fischlein wieder Aphroditen nach.
Die Achsel lüpfte Pallas: «Und? Was ist dabei?
Spar, bitte, deiner Blicklein töricht Sieggeschrei!
Ein Gleichnis tuts noch nicht, man muß es erst verstehen.
Der Fische Stumpfsinn läßt das Beispiel sinnreich sehen.
Das Urteil möchte anders lauten, glaub daran,
Wenn zwischen mir und dir entscheiden würd ein Mann.»
«Weswegen? Sag, bekenn!» «Des wenigen Geistes wegen.»
«Du!» zischte Aphrodite, «nicht so überlegen!
Denn nicht am Eigenruhme, weißt, erwährt sich Geist
Und Selberdünkel, sondern daß man ihn beweist.»
«Laß sehn die Probe», herrschte Pallas, «schweig indessen!»!
«Topp da! Mit deinem Witz mag ich mich fröhlich messen.»

Und also lebhaft fort in munterm Bosheitschauer,
Verblümt mit Lächelgleißen zwischen süß und sauer.
Bis ihnen der vernünftige Einfall kam von oben,
An einem Beispiel ihre Schlauheit zu erproben.
Und dieses setzten sie zum Beispiel des Examens:
Daß, wer das nächste Mannsbild, gleichviel welchen Namens,
Von einer grünen Sonne könnte überzeugen,
Vor deren Geiste sollte sich die andre beugen.
«Doch ich», bedingte Pallas, «will die erste sein.»
Gnädig bewilligt Aphrodite: «Wegen mein!
Hingegen mir gebührt nunmehr die Wahl der Szene:
Der Pfirsichumgang.» Das gewährte wieder jene.
Alles vereinbart, huschten sie ins Gartenhaus
Und lugten auf die Straße nach den Wandrern aus.
«Wer kommt als erster?» Sieh, da kam gedankenschwer
Asklep der Arzt mit würdevollem Schritt daher.
Ein Zuruf. Arglos nahte, ahnungslos der Kniffe,
Asklep. Und Pallas erst verpfuscht ihm die Begriffe.
Mit 'dennoch', 'trotzdem', 'nichtsdesweniger' und 'zwar'
Rührt ihre Redekochkunst ihm den Hirnbrei gar,
Und ihrer Hände hitzig Gaukelspiel verstärkte
Das Hafermus, das ihre fleißige Zunge werkte.
So trieb sie durch den Pfirsichgang ihn in die Enge.
Doch immer streckt er aus dem logischen Gedränge
Den Kopf hervor, und könnt er keine Gründe schenken,
So schüttelt er das Ohr mit zweifelndem Bedenken.
«Nun was, Asklep?» begann, als aus dem Pfirsich beide
Zum Vorschein kamen, Aphrodite: «Nun entscheide,
Wie ist die Sonne?» Zaudernd gab er Antwort: «Hum!
Ist schwierig zu beschreiben, Worte bleiben stumm,
So etwas zwischen gelb und grün und blau und rot.
Ich suchs, ich habs, der Ausdruck einzig schafft mir Not.»

Hernach nahm Aphrodite die Bekehrung auf,
Zog an der Hand ihn zum Spalier in kindischem Lauf,
Pflückt einen saftigen Pfirsich, voll und prall und rund,
Biß ab und schob den Imbiß jenem in den Mund.
Dann wallten sie großäugig, armverschränkt die Bahn,
Sprachen kein Wort und lächelten einander an.
Feinspöttisch meinte Pallas: «Lächeln mit den Augen
Ist fürs Gemüt. Zur Logik wird es wenig taugen.
Allein wo sind sie?» Weg. Vergangen und verschwunden.
Und als sie auferschienen über einige Stunden,
Schritt züchtig Aphrodite. Aber sagt doch, seht,
Was hüpft dort für ein Spielball übers Rasenbeet?
Ist das der würdige Asklep?! Gemsfüßig sprang
Er wie ein Kreisel durch den Garten, jauchzt und sang:
«Grün ist die Sonne, erbsgrün, grasgrün wie Smaragd!
Oder auch mäusegrau, wenns Aphrodite sagt.
Allein der Mond, der benedeite Mond ist weiß.
Das wag mir niemand abzustreiten, weil ichs weiß!»
So jauchzend tanzt er ab und hinterließ die Frauen.
Unmutig grollte Pallas und verzog die Brauen.
Doch Aphrodite hauchte: «Liebste, laß dich weisen:
Handum ins Netz der Narrheit gängelst du die Weisen
Mit Blümchenzucker aus dem Honigreich des Schönen.
Genug davon. Komm, laß ein ander Glöcklein tönen.»
Sie sprachs. Vereinigt schritten zum ambrosischen Mahle
Die zwei. Und Nektar schlürften sie aus goldner Schale.

Dann, nach genoßner Mahlzeit, träg von Wohlbehagen:
«Was rätst du, Pallas, Traute, freundlich laß dich fragen,
Womit ergötzen wir die liebe Leber nun?
Soll man ein wenig wandeln? oder was sonst tun?»
Pallas gewährte: «Laß uns wandeln, meinetwegen.»
So machten sie sich auf, feldein, der Stadt entgegen.
Und haufenweis umringte sie mit scheuen Tritten
Das Volk, bewundernd, starren Blicks nach Aphroditen.
«Ach weh mir, Pallas!» seufzte diese, «Pein und Scham!
Wie hin ich dieser lästigen Bewundrung gram!
Du Glückliche bewegst dich lediger und freier.»
Ihr kam zurück: «Warum denn trägst du keinen Schleier?»
Desgleichen später auf dem Markt beim Glockenturm,
Wo Aphroditens Schritt umflog ein Jubelsturm:
«Ach wüßtest du, o Pallas, wie mich plagt der Neid
Auf deine unbemerkte Unansehnlichkeit!
Kein Zuruf, wohl dir, kränkt dein zagend Zartgefühl.»
Ihr kam die Antwort: «Aber wanderst ins Gewühl!»

Doch auf dem Heimweg, oben zwischen Wall und Graben,
Im Schanzenwinkel, über Stadt und Land erhaben,
Saß vor der Tür Hyphaist der Töpfer, einen Krug
Bemalend, den er sorgsam auf den Knieen trug.
Gedeihen schien zu folgen seinen Pinselzügen,
Denn ob dem fleißgen Handwerk sang er vor Vergnügen.
Er sah nicht auf, bemerkte nicht die edlen Gäste.
«Nun», höhnte Pallas, «Aphrodite, Liebste, Beste!
Glückauf! dein Wunsch geschieht. Hier bleibst du unbeachtet.»
«Weil er mich halt nicht sieht, nur sein Geschäft betrachtet.»
Stand stille, hüstelte ein wenig und begann:
«Was malst du da?» Hyphaistos sprach: «Was gehts dich an?»
«So sieh doch endlich einmal auf, Altmeister traut.»
Er sprach: «Wozu? Ich hab schon manche Gans geschaut.»
Laut jauchzte Pallas, daß die Mauern widergellten.
Doch Aphrodite spie: «Das soll er mir entgelten!»

Und wie nun immerfort den lieben Heimweg lang
Pallas vergnügten Herzens für sich summt und sang:
«Dein Singen», keifte jene, «lohnt dir kaum die Mühe.
Du und dein saubrer Günstling spotten mein zu frühe.
Ich zahl ihms grausam heim!» «Haltla! Ich werd ihn schützen.»
«Ich lache des! Dein Schutz wird ihm kein Bröslein nützen.»
Und also fort von Spruch zum Widerspruch die Kette,
Bis daß sie sich auf eine feierliche Wette
Vertrugen, was von beiden möge schwerer wägen:
Ob Aphroditens Rache oder Pallas' Segen.
Und ihrer Zuversicht zum prahlenden Beweis
Setzten sie beide je ein köstlich Pfand zum Preis,
Auf daß es scharf verspüre, welche unterliege,
Und Schadenfreude leihe Salz und Schmack dem Siege.
«Mein goldnes Mieder, Aphrodite, setz ich dir.»
«Ich dir den kleinodübersäten Gürtel hier.»
«Doch wo ein Richter, der des Kampfes Regel finde?
Hernach das Urteil spreche, das uns beide binde?»
Bei diesen Worten trat in ihre Mitte, sieh,
Von hinten her die Schicksalsbotin Eironie.
«Ich habe eure Wette», sagte sie, «vernommen.
Als Richter will ich dienen, falls ich euch willkommen.»
Verwundert nach dem Fremdling schauten um die zwei,
Dann stimmten sie zusammen: «Ei wohlan, es sei!
Richt uns! Und schimpflich büße, wer dein Recht verletzt.»
Eironia sprach: «Zu Recht und Regel sei gesetzt:
Dreimal mag Aphrodite dem Hyphaistos schaden,
Und dreimal Pallas ihn begünstigen mit Gnaden.
Im Fall nachher Hyphaist sein elend Los beklagt,
So wird das Mieder Aphroditen zugesagt.
Doch gleißt sein Antlitz Glück, ist Pallas Siegerin,
Der schöne Gürtel kommt ihr füglich zu Gewinn.
Auf nun, ans Werk! Der einen wie der andern gibt
Das Schicksal jede Handlung frei, die ihr beliebt.»

Als erste machte Aphrodite sich ans Werk.
Hyphaist ins Mark zu treffen, war ihr Augenmerk.
Ihn zu ergründen stellte sie zu diesem Zwecke
Sich morgens auf die Lauer an der Schanzenecke,
Geduldig wartend. Lange stand sie nicht, so drang
Ein Brummen ihr zu Ohren, ähnlich wie Gesang:
«Hyphaistos heiß ich, bin bescheiden bloß ein Töpfer,
Abschreiber der Natur, nicht Urgestaltenschöpfer,
Von innen derb und knorrig, außen unansehnlich,
An Wuchs ein Zwerg, an Schönheit eher affenähnlich.
Und doch, juchhei! so froschzufrieden so wie ich
Ist im Olymp nicht Zeus, nicht Eidechs sicherlich.
Ei, sagt mir doch, warum sollt ich nicht fröhlich sein?
Die ganze Welt mit allem, was sie hält, ist mein.
Komm doch, du Tropf, schau her, sie sitzt auf meinen Schalen;
Ein jedes Ding ist da, denn alles läßt sich malen.
Ob garstig, ob gefällig, freundlich oder bös,
Gleichviel: es dient mir, gibt mir lieblichen Erlös.
Nicht wahr, der Esel, nehm ich, und das Krokodil
Sind häßlich ohne Frage, boshaft, wenn man will.
Kaum aber nimmt mein Pinsel eins davon beim Ohr,
So kommt dir jetzt sein Schnabel plötzlich traulich vor.
Weiß nicht, durch welch ein närrisch Wunder das geschieht.
Und wenn ichs wüßte, einerlei, mich kümmerts nicht.
Eins ist, was ich im Kopf und in den Zehen weiß:
Juchhe, wie ist die Welt so reich! Juchheißaheiß!»

So sang mit Schnörkeln, die er frei vermannigfachte,
Hyphaistos, während Aphrodite für sich lachte.
Ein Weilchen blieb es folgends stille. Aber dann
Hub wiederum das frohgemute Brummen an:
«Wenn ich auf meine plumpen Fußgestelle seh,
Mit denen ich die weite Welt durchtrollen geh,
So mach ich mir kein Hehl und Lichteleien keine:
Das sind nicht Aphroditens, nicht Apollons Beine.
Sind mir doch lieb und wert, so klobig wie sie sind.
Dienen mir treu und unermüdlich und geschwind,
Geläufig mich an jede Stelle stops zu führen,
Wo in den Winkeln etwas Gutes ist zu spüren.
Hansdampf! Es kommt mir nicht von selbst ins Haus gestohlen.
Die feinen Kräutlein muß man suchen, muß man holen.»

Er sangs und schwieg. Nichts mehr. Der Psalter schien beendet.
Flugs hatt ein Steinchen Aphrodite aufbehändet
Und wirbelt es empor. «Was tut dem Männlein weher?
Schlag ich die Hand ihm? Lahm ich ihm die Füße eher?»
Das Steinchen zauderte. Doch als es niederfiel:
«Du lähmst ihn an den Füßen», lautete das Spiel.
Tagfolgends aber, als der Morgen angebrochen:
«Ai!» schrie Hyphaist, von spitzem Schmerz ins Bein gestochen.
Und hinkt und humpelte herum vor Pein und Plage
Und stöhnt und ächzt und knurrte die verdroßne Klage:
«Pfui Leid! Soll wegen diesem dummen Hinkebein
Fortan die frohe Wanderschaft zu Ende sein?»

«Jetzt aber ich!» rief Pallas. «Mir gebt her den Lahmen!»
Drückt eine Scheibe aus Hyphaistos' Fensterrahmen,
Setzte dafür ein wundersames Spiegelglas:
Was in der weiten Welt sich umtrieb, zeigte das
Samt allen Dingen, zwar zu kleinerm Maß vermindert,
Doch Form und Farbe gab sie gänzlich unbehindert.
Frohlockend rief Hyphaist: «Gelobt! Ich habs bequem.
Jetzt seh ichs wie zuvor und lieg noch außerdem.
Und schöner, guck, und wahrer glänzt das Spiegelbild
Als drunten sein leibhaftig Vorspiel roh und wild.»

Eironia sprach: «Was recht ist, wird mir da bewußt:
Für diesmal, Aphrodite, bist du im Verlust.»
Gereizt vernahm sies, und die Nasenflügel schnoben.
«Fahr hin! Zum zweiten Male wollen wirs erproben.»
Ein bucklig Werkelweib, triefäugig als ein Graus,
Schickt Aphrodite zweitens dem Hyphaist ins Haus,
Das ihn vom Sessel putzt und aus dem Zimmer stäubte
Und Tag und Nacht mit belferndem Gezänk betäubte.
Pallas hingegen hing den Vogel Phantasie
Im Käfig an die Decke, dessen Melodie
In Frühling wandelt die verdroßne Winternacht
Und Regennaß in sonnengoldne Sommerpracht.
Und als Eironia nun Hyphaist zu prüfen kam
Und förschelnd allerlei zu frägeln unternahm,
Ob ihm des bösen Weibes Geifer nicht die Galle
Verschüttet und verscheucht die Lebensgeister alle,
Verlor vor Iltiszorn Hyphaistos Maß und Zügel,
Und Fäustlings hinterm Ofen packend einen Prügel:
«Weh deines Lästermaules schmutzigem Lügenranft,
Wenn du mein Werkweib schmähst, die Huldin mild und sanft!»

«Mir ist um Aphroditen», sprach Eironia, «leid.
Doch Pallas hat gesiegt. Bedaure den Entscheid.»

Das Gift verschluckend, nahm die Schönin das von oben:
«Gegönnt! Des Endesieges wird sie nicht sich loben.»
Drei Tage schlich sie sorgenvoll und kummerschwer,
Mit tückischen Gedanken schwanger, trüb umher.
«Jetzt weiß ich», zischte sie, «den schlimmsten, tiefsten Stich:
Jetzt treff ich ihn ins Herz: ich mach ihn lächerlich.»
Und diese Narrheit gab sie unvermerkt ihm ein,
Daß er für Hera schmachten mußt in Liebespein.
Hera, die hohe, stolze Himmelskönigin,
Der alte, pöbelhafte Zwerg, verrückt von Sinn!
Ein kläglich Schauspiel gab Hyphaist dem Volke da.
Wo Heras fürstliche Erscheinung nur geschah,
Sah man in erster Reihe nun den Liebestollen
Tränen vergießen, seufzen, Karpfenaugen rollen.
Im Mitleid halb ertrunken, halb ersäuft in Schande,
Ward bald sein Name zum Gespött in Stadt und Lande.
Die Tür verrammelt er, verschloß die Fensterladen,
Schuf sich ein Uhrwerk, das mit Schlegeln war geladen;
Und wenn der Eisenräder rasselnder Betrieb
Die Schlegel trommelte, ihn prügelnd Hieb auf Hieb,
Tanzt er hochauf vor Schmerz und Invergnügen. «Ai!
Au weh! Recht so! Schlag stärker! Noch mehr! Ai, juchhai!
Du Narr, du Unverschämter, wart, ich will dich lehren,
Die Himmelskönigin, du Tropf, im Traum begehren!»

«Jetzt», höhnte Aphrodite, «weise deine Kunst,
Pallas! Was hilft dem Narren deiner Weisheit Gunst?»
Pallas besann sich: «Wider Schand und Narrentum»,
Bedachte sie, «weiß ich ein einzig Heil: den Ruhm.»
Verkleidet, ähnlich einer Trödelkrämerin,
Begab sie schlurpend sich zur Töpferbude hin.
«Ich möchte», feilschte sie, «mir einen Krug erwerben.»
«Da nimm», versetzt er traurig, «nimm die Lumpenscherben.»
Verständig prüfend, wählte sie den klügsten Krug,
Den sie sofort ins Schloß hinauf zum König trug.
Zeus aber, als er kaum das feine Handwerk sah,
Verstummt, verstaunt, versteinert stand er leblos da.
Hernach den Hofstaat hurtig herbescheidend, wies
Er großen Auges nach dem Kruge: «Schmeckt ihr dies?»
Und wendete das Werk und staunte neu und neuer.
Endlich mit dumpfer Stimme: «Das ist ungeheuer!
Weiß man den Meister? Wo er wohnt und wie er heißt?»
Nachlässig lehrte Pallas: «Unterm Tor. Hyphaist.»
«Schnell!» heischte Zeus, «sechs Pferde vor den Ehrenwagen!
Mit Paukenspiel den Meister hübsch zu mir zu tragen.»
Und als nun in den Wagen war Hyphaist geschoben
Und schaukelt in den Polstern, auf- und abgehoben:
«Hier wird man», mault er schmunzelnd, «angenehm geprellt,
Das kommt von dem Gefieder, das den Kasten schnellt.»

Dann oben auf dem Schloß, im königlichen Saale,
Umringt von Götterfraun beim süßen Nektarmahle,
Als ehrfurchtsvoll mit untergebnen Schüleraugen
Die Götter suchten seinen Anblick einzusaugen
Und Zeus erschien mit einem rätselhaften Buch,
Verlegen frägelnd: «Meister, einen weisen Spruch?»
Und Hera huldvoll raunte: «Wie gefällt es dir?
Und hast du etwa einen Wunsch? Und ziehts nicht hier?»
Verstummt er plötzlich, schluckend vor erstickter Not,
Die Wangen von verschämtem Herzenswünsche rot.
«Heraus damit!»rief Zeus, «was soll, was meint das Schnupfen?»
«Den kleinen Finger Heras», keucht er, «anzutupfen!»
«Gib du ihm lieber», lachte Zeus, «gib herzhaft, Schatz,
Dem braven Kobold einfach einen tüchtigen Schmatz.»
Hera sprang auf: «Vor diesem wackern Widerhold
Ekelt mir minder als vor manchem Salbenbold.»
Sprachs, und die Augen schließend, auf die Zähne beißend,
Versetzte sie den Kuß, der Eile sich befleißend.
Darob geschah ein hauserschütternd Beifallschallen
Mit lustigem Händeklatsch von den Titanen allen,
Indes Hyphaist, sprachlos, vom unverhofften Kuß,
Verblitzt, des jähen Liebesglückes Überfluß
Nicht länger mehr im krampfumschnürten Herzen dämmte
Und Kinn und Bart mit seligen Tränen überschwemmte.
Doch als sein Busen Luft, sein Atem Ton gewann,
Hub er ein ungeschlachtes Stimmentoben an,
Den Takt mit Fäusten schlagend statt des Trommelschalls
Und links und rechts den Nachbarn singend in den Hals.
Soviel lebendige Seele wohnt im Schloß, soviel
Zog um Hyphaist herum jetzt König Zeus ins Spiel.
«Betrachtet», sprach er ernst, «bedenkt und merkt dies Stück:
Das ist das echte, neidenswerte Zwergenglück.»

«O schade, Aphrodite», sprach Eironia, «schade
Um deinen schönen Gürtel! Gib ihn her gerade!»
Gehört, den Gurt vom Leib gerissen, hingeschmissen,
Ein Natternblick, dann heim, aufs Lager, in die Kissen.
Wogegen Pallas, die der Gürtel prächtig zierte,
Die Hüften wiegend, nach dem Schloß hinauf stolzierte;
Und morgensonnig, in des Schadenglückes Blüte:
«Ratet einmal, von wessen übergroßer Güte
Hab ich den wundervollen Gürtel? Denkt euch, denkt!
Den hat die liebe, gute Aphro mir geschenkt.»

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