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Ohne Bewilligung

Leopold Kompert: Ohne Bewilligung - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Dorfgeher
authorLeopold Kompert
year1997
publisherWallstein Verlag
addressGöttingen
isbn3-89244-080-8
titleOhne Bewilligung
pages5-44
created20000120
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1848
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Die ersten drei Jahre seines Brautstandes waren vorüber und Jaikew hatte noch keine ›Familie‹. Es waren zwar während dieser Zeit eine Menge ›Familianten‹ gestorben, aber die zweiten und dritten Söhne der reichen ›Balbatim‹ waren ihm immer zuvorgekommen; nicht eine Familie war für ihn geblieben. Sein ›Resel‹ war indeß zu einer schönen Rose erblüht.

Das war es auch vielleicht, was unsern Jaikew bewog, Erde und Himmel in Bewegung zu setzen, damit er seinen ›Reschojin‹ oder die Heirathsbewilligung erhalte. Wenn nur nicht der ›Staat‹ gerade in der Mitte zwischen beiden gelegen wäre! Auf eine ›Familie‹ konnte er sich nun einmal keine Hoffnung machen; sie flog ihm immer hart am Mund vorüber. Da wollte Jaikew es versuchen, ob es nicht auch ohne Familie gehen würde. Er stellte also die Zeugnisse zusammen, die er zur Heirathsbewilligung nöthig hatte, und da selbst das Kleinste und Unbedeutenste unserer Wißbegierde etwas zuführen kann, so wollen wir das ziemlich dicke Bündel von ›Attesten, Gutachten und Bestätigungen‹, die alle auf theure Stempelbogen geschrieben sein mußten, ein wenig durchblättern.

Zuerst der ›Conscriptionsbogen‹, worin bestätigt wurde, daß Jaikew vom Soldatwerden frei sei. Er war schon einmal bei der Assentirung gewesen – hatte aber eine schwache Brust. Nun, das war in der Ordnung!

Dann kam das ›Blutverwandtschaftszeugniß‹, ein sehr nöthiger Beweis, daß Jaikew in keinem unerlaubten Gliede mit seiner Braut verwandt war.

Hierauf das ›Bne Zionzeugniß‹, von dem wir bereits wissen.

Das ›Schulzeugniß‹, daß er geboren wurde und

Ein ›Beschneidungszeugniß‹, was eigentlich unnöthig war; denn wozu ward er geboren?

Ein ›Wohlverhaltungszeugniß‹, daß er ein wohlgesitteter Mensch sei. Nun, in diesem Punkte konnte man wahrhaftig ruhig sein. Jaikew that das ganze Jahr nichts Schlechtes; er betrank sich nie und machte Nachts keinen Lärm. Wir fragen noch, wer verhält sich im Ghetto nicht wohl?

Endlich kam noch das ›Religionszeugniß‹, als nothwendige Ergänzung zu dem Geburts- und dem andern Zeugniß, wie nämlich Jaikew acht Tage nach seiner Geburt auf jüdische Weise getauft wurde und zuletzt

Der ›Todtenschein‹, daß sein Vater bereits das Zeitliche gesegnet. –

Mit so viel Zeugnissen, Bogen und Scheinen sollte man glauben, hätte Jaikew eben so viele Heiratsbewilligungen erlangt; – aber er bekam nicht eine! Denn das Wichtigste fehlte in dem dicken Bündel; nämlich der Auszug aus dem Judenfamilienbuche, Jaikew war leider kein Familiant.

Die Zeugnisse wurden eingereicht, ein halbes Jahr verstrich, während Jaikew schon wähnte, das Gubernium hätte schon längst sein großes Amtssiegel auf den Reschojin gedrückt. Da bracht ihm an einem Sabbat der ›Magistratspolizei‹ das ganze Bündel zurück, in Begleitung noch einer andern ›Zustellung‹, deren ganzer Inhalt sich auf die wenigen Worte beschränkte, wie da dem Jakob Lederer, Handelsjud, wohnhaft sub N, G 15 wohl bekannt sein solle, daß man ohne den Auszug aus dem Judenfamilienbuche, wenn man sonst nicht durch die Bestimmungen der Gesetze (die hier nach ihren §§ angeführt wären) befreit sei, um die Heirathsbewilligung nicht einkommen dürfe, wie also der Jakob Lederer schon wegen Unkenntniß der Gesetze und Unterlassung ihrer Befolgung für diesmal gänzlich abzuweisen sei. –

Unter der Zustellung stand der Name eines Magistratsrathes unterfertigt, zum Beweise, daß das dicke Bündel mit Zeugnissen während eines halben Jahres noch keinen Fuß über das Rathhaus hinausgesetzt hatte. –

Jaikew Lederer und seine ›Rose‹ sahen dadurch ihre nächste Zukunft wie mit einem scharfen Messer durchschnitten; es vergingen wieder drei Jahre, ehe sie sich von der ersten Abfertigung erholt hatten. Eines hatte aber die Zustellung abzufertigen vergessen, nämlich, daß sie aufhören sollten, einander anzugehören, sich zu lieben und zu hoffen, wiewohl das ›implicite‹ ebenfalls verstanden ward. –

Es ist etwas Rührendes um so ein altgewordenes Brautpaar. Nur ganz schämig tritt da die Liebe auf, sie drückt sich verstohlen die Hände und erröthet nur, wenn es die Leute nicht sehen. Sie kennt das Geheimniß, das sie in den ersten blühenden Jahren erwachen hieß, beinahe auswendig und kann doch nicht sagen, wie es nach gänzlicher Lösung aussieht – ihr Sehnen gränzt so nahe an Befriedigung und ist doch nur ein peinliches Mittelgefühl zwischen beiden. Die Leute hatten ihren Spaß daran, wenn sie über das alte Brautpaar spotten konnten. Am Sabbat gingen Jaikew und Resel gewöhnlich ganz allein spazieren, denn sie paßten weder zu den ›Jungen‹ noch zu den Eheleuten. Die Leute meinten dann, warum man denn die Zwei so allein gehen lasse? ob denn das nicht gefährlich sei? – –

Jaikew hatte noch einmal ›eingereicht‹ und diesmal ließ die ›Zustellung‹ nur vier Wochen auf sich warten. Dafür war sie diesmal in einem weit weniger zärtlichen Tone abgefaßt, als das erste Mal; es stand darin von einer ›Nichtmehrbehelligung‹ des Gerichtes und andern ›Zurechtweisungen‹, wie diese lieblichen Ausdrücke lauten. Es war im vierzehnten Jahre ihres Brautstandes, Jaikew war ein alter Jung' mit sechs und dreißig Jahren, Resel zählte nur um drei weniger. Jaikew brachte die Zustellung in's Haus seiner Braut, sie lasen sie zusammen und der ›alte Jung'‹ und die ›alte Mad‹ weinten zusammen wie Kinder oder etwa wie Jakob und Rahel, als ihnen Laban ebenfalls seine Abfertigung zugeschickt hatte. –

In Jaikew artete die vierzehnjährige Geduld zuletzt in stille Wuth aus. Eines Tages sprach er zu seiner Resel: »Ich seh' schon, mit dem Reschojin ist nichts, der Magistrat will nicht und ich will auch nicht länger warten. Möchtest Du nicht Chasne (Hochzeit) machen, Resel?«

Resel schwieg dazu und noch sonderbarer, sie erröthete nicht einmal bei einer so zarten Frage. War sie denn mit dem Klange und dem Begriff der ›Chasne‹ so gar nicht in der langen Zeit vertraut worden?

»Nu möchtest Du?« fragte er noch einmal.

»Ich möcht'«, sagte sie leise.

»Gut«, rief Jaikew, »in vierzehn Tag' machen wir Chasne und wenn auch ohne Reschojin.« –

Kann man nach vierzehn Jahren auch etwas anderes anfangen? Die Eltern des alten Brautpaars hatten gegen diese Selbstbewilligung auch nichts einzuwenden, nach zweimal sieben Jahren läßt man schon die ›Familianten‹ fahren. Die Hochzeit ward auf dem Lag BeomerDie sieben Wochen zwischen dem Pesach (Ostern) und Schabuoth (Wochenfest) haben eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Fasten, nach dem Aschermittwoch. Jede Art Lustbarkeit wird aus Scheu vor der Einwirkung gewisser böser Kräfte, die um diese Zeit walten, unterlassen. Nur der drei und dreißigste Tag ist davon ausgenommen; da fallen Hochzeiten und sonstige Unterhaltungen vor. Dieser Tag heißt Lag Beomer oder auch Schülerfest. festgesetzt.

Die Chasne wurde nicht in der Gemeinde, sondern auf einem Dorfe gehalten, weil man jede Öffentlichkeit vermeiden mußte. Es wurden nur so viel Gäste dazu geladen, als man nöthig hatte, um ein Minjan (zehn Personen) herauszubringen. Es ging überhaupt ohne alles Gepränge dabei zu. Die Chuppe oder der Traghimmel, worunter die Zwei getraut werden sollten, wurde nicht unter freiem Himmel, sondern in der Stube aufgerichtet und da sprach ein armer RebbeNach talmudischer Ehegesetzordnung innerhalb des Ghettos vollkommen giltig., weil der Kreisrabbiner als öffentliche Standesperson sie nicht vermählen durfte, den Segen über den alten Jung' und seine Braut.

Bei dem großen Hochzeitsmal, das darauf folgte, war die junge Frau besonders traurig. Unter der goldenen Haube, mit der sie früher zum Zeichen, daß sie nun nicht mehr zu den Mädchen gehörte, bedeckt war und deren Fransen ihr tief in die Augen hingen, rannen heiße Thränen hervor. Es kränkte die Arme, daß sie so heimlich und hinter aller Welt ihre Chasne haben mußte, als hätte sie Gott behüt' früher etwas angestellt.

»Sei still, Resel«, flüsterte ihr der weit lustigere Jaikew zu, »ich hab' Dich auch ohne Reschojin gern.« –

Am anderen Tage war aber Jaikew Lederer ganz seelig – zu seinem Glücke fehlte nicht einmal – der ›Reschojin‹.

 

Verstummt war, sagten wir, das Jontefliedel auf seinen Lippen, dafür zuckte darauf ein bitterer Schmerz, der sich sogar bis in die Augen zu erstrecken schien – verschwunden war das lächelnde Cholemoedgesicht. –

Wißt ihr nun, warum Jaikew Lederer den Mädchen und Jungen, die zur ›Bne Zionprüfung‹ gingen so lange nachblickte? warum er sein Kind so stürmisch bei der Hand nahm und es mitführte? woher seine plötzliche Wandlung?

Der Mensch betrübt sich oft maaßlos über ganz unbedeutende Dinge, die ihm bei kälterem Blut oft eben so lächerlich erscheinen. So hätte Jaikew Lederer sich eigentlich aus dem Schimpf des Rothhaarigen nichts machen sollen denn sein Kind war durch ›ehrlicher‹ Leute Kind, wenn auch ohne – Reschojin. –

Vielleicht war es eine dunkle Ahnung, die ihn plötzlich wie ein Räuber überfiel, daß der eben gehörte Schimpf nur die Unterlage eines weit größeren Unheils sei. –

Mittags, als Jaikew Lederer mit Weib und Kind bei Tisch saß, klopfte es an die Thüre und auf das ›Herein‹ trat der ›Magistratspolizei‹, einen Zettel in der Hand, in die stille Behausung. Wer kennt nicht aus eigener Erfahrung den Schrecken, der von der exekutiven Gewalt ausgeht? Jaikew Lederer und sein Weib waren blaß wie der Tod geworden.

Die eingetretene ›Polizei‹ war übrigens eine alte Bekanntschaft von Jaikew; sie hatte ihm immer die ›Zustellungen‹ und Abfertigungen vom Magistrate zugebracht und dafür, so traurig gewöhnlich der Inhalt war, etwas in die Hand bekommen. Die Polizei grüßte bei ihrem Eintreten auch ganz familiär und entledigte sich ihres Auftrages nicht in jener bärenbeißigen Weise, die schon mit der Kralle nach Einem greift, wenn man noch zehn Schritte vor ihr steht.

»Jaikew Lederer«, sagte sie, indem sie ihm eine Zustellung, überreichte, »ihr müßt Euch Dienstag früh, Schlag 9 Uhr aufs Rathaus stellen. Ihr seid vom Herrn Bürgermeister vorgeladen.«

»Wer? ich?« fragte Jaikew mit jener lächelnden Unschuld, wie sie die Angst erpreßt, »was will der Bürgermeister von mir?«

Die Polizei entschuldigte sich, daß sie diese Frage nicht beantworten könne, und setzte sich währenddem ganz breit an den Tisch hin, als wollte sie sagen: wenn ich will, so habt ihr das Alles nicht! Resel verstand diese stumme Sprache der ausübenden Gewalt, sie schnitt sogleich ein großes Stück Jontefkuchen und stellte es ihr, wie einen schuldigen Tribut, hin. Mehr und weniger schmeicheln wir ja alle der ›Gewalt‹, Resel wollte sie mit einem Stück Kuchen kirren!

Im Angesichte der essenden Polizei hatte Jaikew eine mühsame Fassung erheuchelt, kaum war sie aber fort, so stieß er Gabel und Messer von sich und bedeckte sich mit beiden Händen das Antlitz.

»Wehgeschrien«, rief Resel, »was hast du angestellt Jaikew? Du hast doch keinen Diebstahl gekauft?«

Zu jeder andern Zeit würde eine solche Frage, selbst von seinem Weibe, unsern Jaikew höchstlichst aufgebracht haben, jetzt war sein Denken und Fühlen in Schmerz untergegangen.

»Schmah Jisroel«, schrie er, »hast Du vergessen, daß wir uns ohne Reschojin genommen haben? Ich wett' mein Kopf, es ist wegen dem. Durch was hab' ich mich denn so versündigt?«

Es ist das ein eigenthümlicher Zug im Charakter guter Menschen, daß sie alles Unglück aus ihrer Schuld ableiten wollen. Dieses Fatum der ›Sünde‹ übt namentlich im Ghetto seine dunkle Macht. Vielleicht haben das die Propheten des alten Bundes verschuldet, die das Kleinste wie das Größte in das gemeinschaftliche Gefäß der ›Sünde‹ warfen, bis sie es überschäumen ließen. Der Niedersatz des verschütteten Maaßes ist im Ghetto geblieben. Und doch liegt unser Unglück so selten in uns, denn was hatte sich z.B. Jaikew Lederer versündigt, daß ein neuer König über Ägypten d.i. ein neuer Bürgermeister gekommen war?

Der neue Bürgermeister nun, voll Begierde, sich auszuzeichnen, wollte dazu auf den Schultern unseres Jaikew Lederer gelangen. Das Verhältniß des Ghettos zum ›Staat‹ ist noch immer der Art; es gibt so viele nicht aufgehobene, sondern nur ›eingeschlummerte‹ Bestimmungen und Verordnungen, die über dem Nacken eines Juden wie unsichtbare Schwerter hängen, daß selbst niedere Beamte sich in der Rolle eines kleinen ›Haman‹ gefallen können. Im Ghetto sind daher die Blicke, wenn so ein ›Neuer‹ kommt, stets in ängstlicher Erwartung auf ihn gerichtet. Was bringt er mit? Wird er sich auszeichnen wollen? Wie wird er gegen die Juden sein? Denn die sind sicher die Ersten an der Reihe – erst später und wenn ein langer Wirkungskreis sie mit der eigentlichen Milde des Richters vertraut machte, sieht man sie gleichsam von der Strenge ›nachlassen‹ und man hat Beispiele, daß sie das Ghetto oft zu seinen besten Freunden bekehrt hat. Hoffen wir übrigens dies auch von dem neuen Bürgermeister.

Für jetzt ist aber keineswegs daran zu denken. Der neue Bürgermeister will streng sein, er bekleidet seine Würde erst seit zwei Wochen – und darum wird es Jaikew Lederer büßen müssen, daß er ohne Reschojin geheirathet hat! – –

Ein stummer Schmerz, der sich nur zuweilen in laute Klagen Jaikews und in Thränen Resels auflöste, wogte durch die kleine Stube. Die beiden Eheleute sahen die eiserne Hand der ›Gerechtigkeit‹ vor ihren Augen auf- und niedergleiten, sie fühlten ihre unsichtbare Macht und wußten dennoch nicht wie ihr entgehen. Nach langem Brüten und Jammern, das sie zu keinem Entschluß gelangen ließ, rief endlich Jaikew, als wäre ihm ein Gedanke von Gott gekommen, freudig aus: »Weißt du was, Resel, mir fällt da was ein, schicken wir um den ›Advokaten‹, der muß uns einen guten Rath geben.« Resel war's zufrieden.

Der Advokat aber, das müssen wir früher sagen, war etwa kein gelehrter und studierter, sondern ganz einfach Rebb Lippmann Goldberger, von dem die Leute rühmten »er hat einen Kopf wie Eisen«. Nun, dieser eiserne Kopf war nicht so ganz sein Werk, sondern war erst in Folge vieler Erfahrung im juridischen Wesen herangebildet worden. Rebb Lippmann gehörte zu jener Gattung Staatsbürger, die das ganze Jahr in Processen ›bis über den Hals‹ stecken. Es verging nicht eine Woche, wo er nicht etwas auf dem Magistrat oder beim Kreisamt, oder sonst wo zu thun hatte. Dadurch und auch aus einem angebotenen Hang zur Rechthaberei, hatte er sich eine solche Kenntniß der ›äußern‹ Gerechtigkeit erworben, daß er sich getraute, seine meisten Prozesse auf eigene Faust durchzufechten. Bei den Leuten im Ghetto stand er deßhalb in großem Ansehen, denn er ließ ihnen aus dem reichen Schatze seiner Kniffe und Drehereien Manches zukommen, was ihnen bei ihren Rechtsanhaben zu Gute kam. Er zeigte ihnen die Gänge, die sie zu thun hatten, legte gescheidte Ausflüchte in ihren Mund, und wenn man ihm ein gutes Wort gab, so erfuhr er sogar von den Kanzellisten und Amtsdienern, mit denen er überhaupt auf dem besten Fuße stand, wann der und jener an die Reihe kommen werde, oder wann eine ›Eingabe‹ befördert und ›abgegangen‹ sei. Das Alles hatte ihm und zwar oft mit mehr Recht, als manchem gelernten, den Beinamen des ›Advokaten‹ zugezogen.

Der Advokat erschien. Er war nicht groß, ja eher unansehnlich, aber er hatte ein Gesicht, das wie lauter offene Messerklingen funkelte und blitzte. Man begriff sehr leicht den Kopf von Eisen. Bei seinem Eintreten fühlten sich die Eheleute sogleich um ein Merkliches erleichtert, so beruhigend wirkt die Nähe eines guten Rathes, selbst wenn er noch nicht gegeben ist.

»Nu«, fragte der Advokat und antwortete auf das ›Boruch Habo‹»Gesegnet sei der kommende.« Eben so antwortet der Eintretende weiter: »Gesegnet seien, die da sitzen: Boruch Joschwim.«Jaikews nichts, »was geht denn vor bei Euch? Machst Du nicht ein Gesicht, wie'n dreitägig Regenwetter?«

Jaikew begann nun seine Noth zu klagen, und wie er befürchte nur wegen des Reschojins die ›Zustellung‹ erhalten zu haben.

»Wo hast Du die?« fragte ihn unterbrechend der Advokat.

Die Zustellung lag noch auf dem Tische; Rebb Lippmann nahm sie zur Hand und trat damit zum Fenster, um sie besser lesen zu können. Da sah man ihn wohl eine Viertelstunde darin studieren, denn nach Art kluger und auf das Rechtswesen sich verstehender Leute, meinte der Advokat in jedem Komma und in jedem Pünktchen über dem i müsse ein geheimer Sinn wie eine Fallgrube versteckt liegen, den man nur durch Kopfzerbrechen und Nachdenken herausbringen könne. Man sieht der Advokat verstand sich auf das ›Recht‹. Nachdem er die Zustellung mehr als einmal durchgelesen und jedes Wort wie auf einer Goldwage zehnmal abgewogen, ehe er zu dessen Nachbar überging, warf er das Papier mit einer hastigen Geberde auf den Tisch und sagte:

»Kein Brösele braucht ihr Furcht zu haben, ich sags.«

Die Zustellung enthielt auch wirklich nichts, als die einfache Vorladung daß sich der Jakob Lederer, Handelsjud' und die ledige Resel Mireles Dienstag früh um 9 Uhr auf der Rathsstube Nro. 5 um so sicherer einzufinden hätten, widrigenfalls u.s.w. Es war die gewöhnliche Sprache des Magistrats.

»Meinen Sie das im Ernst, Rebb Lippmann?« fragte Resel auf die Beruhigung des Advokaten.

»Kein Brösele braucht ihr Furcht zu haben«, wiederholte der noch einmal, »das sagt Lippmann Goldberger!«

Jaikew wollte aber der so kühn ausgesprochene Trost nicht recht einleuchten, er sagte etwas kleinlaut: »Wenn aber doch, Rebb Lippmann.« –

»Narr«, entgegnete jener mit einem überlegenen Lächeln, das sich über die Bedenken Jaikews mit einem Sprunge hinwegsetzte, »Narr, wenn man Dir etwas möcht' thun wollen, hätt' man Dir denn eine Zustellung ins Haus geschickt? Da wär' der Polizei gleich gekommen und hätt' Dich eingeführt. Meinst Du der Magistrat schreibt erst lang und will Dich erst in zwei Tagen sehen, wenn er Dich beim Kragen nehmen möcht'? Auf kein Fall brauchst Du dich zu fürchten, ich versteh' mich schon darauf.«

Damit ging er schon auf die Thüre zu, denn er hatte sich seiner Pflicht als Rathgeber bereits entledigt. Aber die beiden Eheleute fühlten sich durch die so kluge Auseinandersetzung des Advokaten zwischen ›sogleich packender und sich erst eine Weile geduldender Gerechtigkeit‹ nicht im Mindesten getröstet.

»Wenn aber doch, Rebb Lippmann?« fragte Jaikew, »Sie wissen ja, wir haben ohne Reschojin uns genommen, wenn man uns doch etwas thun will?«

»In der Zustellung steht's nicht«, sagte darauf der unbarmherzige Advokat, der wieder nach kluger Leute Art fest auf dem ›Buchstaben‹ das Gesetzes fußte, und drückte schon auf die Thürklinke, um fortzugehen.

»Wenn aber doch?« schrie die ängstliche Resel und lief ihm nach, die Thränen brachen ihr stürmisch aus den Augen; »wenn man uns wegen dem Reschojin fragte, um Gotteswillen, Rebb Lippmann was sollen wir thun? was sollen wir reden? Helfen Sie uns, rathen Sie uns!«

Der tiefe Jammer der Eheleute schien auf das juridische Herz des Advokaten denn doch einen Eindruck zu machen, er kehrte sich langsam um und setzte sich an das obere Ende des Tisches, wo er eine Weile nachdenkend vor sich niederblickte. Die beiden Eheleute standen in Angst und Erwartung.

»Gut«, begann er dann, »positus, ich nehm' den Fall an, man wird euch zwei nach dem Reschojin fragen, was sollt ihr da anfangen? Dich Jaikew wird man fragen: Ist's wahr, Jakob Lederer, daß Ihr die da hier stehende, besagte Jungfer Resel Mireles zu Euerm ehelichen Weib genommen habt? Was wirst Du darauf antworten?«

»Ja«, sagte Jaikew.

»Nein, nein«, schrie der Advokat und schlug heftig auf den Tisch, »nein, tausendmal nein, wie Du nur einmal: Ja sagst, bist Du criminalisch. – Dann wird man Dich ins Verhör nehmen Resel und da wird's wieder heißen: Ist's wahr, Resel Mireles, daß Euch hier stehender, besagter Jakob Lederer zum ehelichen Weib genommen hat? Was wirst Du darauf antworten?«

»Nein«, entgegnete die weinende Resel, die hier dem Advokaten zu Lieb' eine offenbare Unwahrheit sagte.

»Gut,« meinte Rebb Lippmann, »alle beide müßt ihr nein sagen, das schreibt euch gut auf und irrt euch nicht. Dann wird man Euch aber fragen: Also, Jakob Lederer, da Ihr die besagte Resel Mireles nicht wollt zum Weib genommen haben, was ist sie Euch denn? Denn Du darfst nicht meinen, daß die auf dem Magistrat kein' Kopf auf sich haben! Was willst du da drauf antworten?«

»Sie ist mein Weib, mein ehrlich genommen Weib!« rief, sich vergessend, Jaikew. Er hätte selbst vor dem Gericht keinen andern Ausruf gethan. Resel brach in Jammern aus.

»Red' Du nur zu«, sagte der Advokat ruhiger, als man erwarten sollte, vielleicht weil Jaikew geschrien hatte, »laß' Dich nur nicht ›lernen‹!« Dann aber erhob er seine Stimme mächtiger und voller, nun schrie er ebenfalls: »Will Dir denn das nicht in dein vernagelten Kopf eingehen, daß Du nicht Ja sagen darfst? Willst Du denn gleich weg sein? Wenn man Dich fragt: Ist also besagte Resel Mireles nicht Euer Weib, was ist sie Euch denn? so mußt Du darauf antworten: Sie ist meine Haushälterin oder Wirthschafterin, und Du Resel mußt sagen: Der Jakob Lederer hält mich aus. So kommt ihr beide aus der Klemm'.«

»Seine Haushälterin«, jammerte Resel, »ich soll nur Dein' Haushälterin vorstellen, Jaikew? Hast Du das Dein Leben gehört?«

»Helft's euch anders«, sagte der Advokat und stand auf, »ich hab' gerathen, was in mein Vermögen steht. Ich sags noch einmal, Resel muß Dein' Haushälterin sein und sie muß sich von Dir aushalten lassen. Anderes weiß ich nicht.«

»Gott, Gott«, rief Jaikew, »was hat denn nur der Kaiser davon, daß er mich mit Weib und Kind nicht in Ruh' laßt? Was hab ich ihm denn Leids gethan? Er kennt mich nicht, und ich kenn ihn nicht!«

»Ist das ein Red'!« schrie der Advokat zornig, weil sich seine ganze juridische Natur gegen diesen einfältigen Ausspruch sträubte. »Willst Du denn haben, der Kaiser in Wien soll etwas von Jaikew Lederer wissen? daß der ohne Reschojin sich ein Weib genommen hat? Der Kaiser hat seine Magistrate und die haben wieder Vorschriften, der Kaiser selbst kann nicht hinausgehen über sie. Nu, das wär noch gut, wenn der Kaiser von Jaikew Lederers Herzeleid was wüßt'! der hat andre Sorgen im Kopf, er denkt jetzt villeicht an Krieg mit England oder mit dem Ruß'.«

Nach dieser kurzen aber genügenden Belehrung über ›absolute und beschränkte Monarchie‹ verließ der Advokat das Haus; aber er hinterließ dort keine Beruhigung, keinen Trost. Was nützte jede noch so kluge Verhaltungsmaßregel, wie sie sich vor dem Gerichte benehmen sollten, bei Leuten, die nun einmal ohne Reschojin geheirathet hatten?

Resel wollte sich besonders mit dem Gedanken, daß sie nur die Haushälterin Jaikews vorstellen sollte, gar nicht befreunden. Wir wollen nicht einmal sagen, daß sie zwei kummervolle Tage in Thränen zugebracht; denn die ›Männer der Geschichte‹ werden es ohnehin nicht glauben wollen, wie die Nacht oft nicht finster genug war, um die brennende Röthe auf Resels Wangen zu bedecken, wenn sie an die ›Haushälterin‹ und an das ›ausgehalten werden‹ dachte! –

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