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Odyssee

Homer: Odyssee - Kapitel 46
Quellenangabe
typeepos
authorHomer
translatorJohann Heinrich Voß
year1990
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3 458 32904 8
titleOdyssee
sendergerd.bouillon
firstpub1781
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405  Und Antinoos rief, und gab ihm dieses zur Antwort:
Jüngling von trotziger Red' und verwegenem Mute, was sagst du?
Schenkten so vieles, wie ich, ihm auch die übrigen Freier,
In drei Monden würd' er dies Haus nicht wieder besuchen!

Also sprach er, und hob den Schemel unter dem Tische

410  Drohend empor, auf welchem die Füße des Schmausenden ruhten.
Aber die andern gaben ihm all', und füllten den Ranzen
Ihm mit Fleisch und Brot. Und jetzo wollte Odysseus
Wieder zur Schwelle gehn, der Achaier Geschenke zu kosten;
Aber er stellte sich erst vor Antinoos' Tafel, und sagte:

415 

Lieber, beschenke mich auch! Du scheinst mir nicht der Geringste,
Sondern ein edler Achaier, du hast ein königlich Ansehn:
Darum mußt du mir auch mehr Speise geben, als andre;
Und ich werde dein Lob in allen Landen verkünden.
Denn auch ich war ehmals ein glücklicher Mann, und Bewohner

420  Eines reichen Palastes, und gab dem irrenden Fremdling
Oftmals, wer er auch war, und welche Not ihn auch drängte;
Und unzählige Knechte besaß ich, und andere Güter,
Die man zum Überfluß und zur Pracht der Reichen erfodert.
Aber das nahm mir Zeus nach seinem heiligen Ratschluß;
425  Denn er verleitete mich, mit küstenumirrenden Räubern
Weit nach Ägyptos zu schiffen, um mein Verderben zu finden.
Und ich legte die Schiff' im Strom Ägyptos vor Anker;
Dringend ermahnt' ich jetzo die lieben Reisegefährten,
An dem Gestade zu bleiben, und unsere Schiffe zu hüten,
430  Und versendete Wachen umher auf die Höhen des Landes.
Aber sie wurden vom Trotz und Übermute verleitet,
Daß sie ohne Verzug der Ägypter schöne Gefilde
Plünderten, ihre Weiber gefangen führten, die Männer
Und unmündigen Kinder ermordeten. Und ihr Geschrei kam
435  Schnell in die Stadt. Sobald der Morgen sich rötete, zogen
Streiter zu Roß und zu Fuße daher, und vom blitzenden Erze
Strahlte das ganze Gefilde. Der Donnerer Zeus Kronion
Sendete meinen Gefährten die schändliche Flucht, und es wagte
Keiner dem Feinde zu stehn; denn ringsum drohte Verderben.
440  Viele töteten sie mit ehernen Lanzen, und viele
Schleppten sie lebend hinweg zu harter sklavischer Arbeit.
Aber nach Kypros schenkten sie mich dem begegnenden Fremdling
Dmetor, Jasos' Sohne, dem mächtigen Herrscher in Kypros.
Und von dannen komm' ich nun hier, mit Kummer beladen.

445 

Und Antinoos rief, und gab ihm dieses zur Antwort:
Welch ein Himmlischer straft uns mit dieser Plage des Gastmahls?
Stelle dich dort in die Mitte, und hebe dich weg von der Tafel,
Daß du mir nicht ein herbes Ägyptos und Kypros erblickest!
Ha du bist mir der frechste, der unverschämteste Bettler!

450  Gehst nach der Reihe bei allen umher; und ohne Bedenken
Geben sie dir! Wozu auch so sparsam, oder so ängstlich,
Fremdes Gut zu verschenken, wo man so reichlich versorgt ist!

Weichend erwiderte drauf der erfindungsreiche Odysseus:
Götter, wie wenig gleichen dein Herz und deine Gestalt sich!

455  Von dem Deinigen schenkst du dem Darbenden schwerlich ein Salzkorn,
Da du an fremdem Tische dich nicht erbarmst, ein wenig
Mir von der Speise zu geben, womit du so reichlich versorgt bist!

Also sprach er; da ward Antinoos' Herz noch erboster;
Drohend blickt' er ihn an, und sprach die geflügelten Worte:

460 

Nun so sollst du gewiß auf diesem Saale nicht wieder
Unbeschädigt entrinnen, da du noch Schmähungen redest!

Sprach's, und warf mit dem Schemel die rechte Schulter Odysseus'
Dicht am Gelenke des Halses. Er aber stand, wie ein Felsen,
Fest, und wankte nicht von Antinoos' mächtigem Wurfe;

465  Sondern schüttelte schweigend das Haupt, und sann auf Verderben;
Ging dann zur Schwelle zurück, und setzte sich, legte den Ranzen
Voll von Speise nieder, und sprach zu der Freier Versammlung:

Höret mich an, ihr Freier der weitgepriesenen Fürstin,
Daß ich rede, wie mir das Herz im Busen gebietet.

470  Nicht der mindeste Schmerz noch Kummer beuget die Seele
Eines Mannes, der, streitend für seine Güter, vom Feinde
Wunden empfängt, für die Herden der Rinder und wollichten Schafe:
Doch Antinoos warf mich wegen des traurigen Hungers,
Welcher den elenden Menschen so vielen Kummer verursacht!
475  Aber beschützt auch die Armen der Götter und Göttinnen Rache,
Dann ereile der Tod Antinoos vor der Vermählung!

Und Eupeithes' Sohn Antinoos gab ihm zur Antwort:
Fremdling, sitze geruhig und iß, oder gehe von hinnen;
Daß dich die Jünglinge nicht bei den Händen und Füßen, du Schwätzer,

480  Durch den Palast fortschleppen, und deine Glieder zerreißen!

Also sprach er; allein die übrigen zürnten ihm heftig.
Also redete mancher der übermütigen Freier:

Übel, Antinoos, tatst du, den armen Fremdling zu werfen!
Unglückseliger! wenn er nun gar ein Himmlischer wäre!

485  Denn oft tragen die Götter entfernter Fremdlinge Bildung;
Unter jeder Gestalt durchwandern sie Länder und Städte,
Daß sie den Frevel der Menschen und ihre Frömmigkeit schauen.

Also sprachen die Freier; allein er verachtete solches.
Aber Telemachos schwoll das Herz von großer Betrübnis.

490  Als er ihn warf: doch netzt' ihm keine Träne die Wangen;
Sondern er schüttelte schweigend das Haupt, und sann auf Verderben.

Auch in der Kammer vernahm es die kluge Penelopeia,
Als man ihn warf im Saal, und redete unter den Weibern:

Also treffe dich selbst der bogenberühmte Apollon!

495  Aber die Schaffnerin Eurynome gab ihr zur Antwort:

Ja! wenn die Sache, mein Kind, nach unsern Wünschen geschehe,
Keiner von diesen erlebte die goldene Röte des Morgens!

Ihr antwortete drauf die kluge Penelopeia:
Mutter, verhaßt sind mir alle, denn alle trachten nach Unglück!

500  Aber Antinoos gleicht doch am meisten dem schwarzen Verhängnis!
Denn es wanket im Saal ein unglückseliger Fremdling
Bittend umher bei den Männern; ihn zwingt der äußerste Mangel.
Und die übrigen füllten ihm alle den Ranzen mit Gaben;
Er nur warf ihm am Hals auf die rechte Schulter den Schemel.

505 

Also redete sie, umringt von dienenden Weibern,
Sitzend in ihrer Kammer. Nun aß der edle Odysseus;
Und sie berief zu sich den edlen Hirten, und sagte:

Eile schnell in den Saal, Eumäos, und heiße den Fremdling
Zu mir kommen. Ich möcht' ihn ein wenig sprechen und fragen:

510  Ob er etwa gehört von dem leidengeübten Odysseus,
Oder ihn selber gesehn; denn er scheint viel Länder zu kennen.

Ihr antwortetest du, Eumäos, Hüter der Schweine:
Schwiegen nur die Achaier, o Königin, drinnen im Saale,
Wahrlich er würde dein Herz durch seine Reden erfreuen!

515  Denn ich hatt' ihn bei mir drei Tag' und Nächt' in der Hütte,
Wo er zuerst ankam, nachdem er vom Schiffe geflohn war;
Und doch hat er mir nicht sein Leiden alles erzählet.
So aufmerksam ein Mann den gottbegeisterten Sänger
Anschaut, welcher die Menschen mit reizenden Liedern erfreuet;
520  Voller Begierde horcht die Versammlung seinem Gesange:
Eben so rührt' er mein Herz, da er bei mir saß in der Hütte.
Und er saget, er sei durch seinen Vater ein Gastfreund
Von Odysseus, und wohne in Kreta, Minos' Geburtsland;
Und von dannen komm' er nun hier, durch mancherlei Trübsal
525  Weiter und weiter gewälzt; auch hab' er gehört, daß Odysseus
Nahe bei uns im fetten Gebiet der thesprotischen Männer
Leb', und mit großem Gut heimkehre zu seinem Palaste.

Ihm antwortete drauf die kluge Penelopeia:
Geh, und ruf ihn hieher, damit er mir selber erzähle.

530  Jene mögen indes vor der Türe sitzen und scherzen,
Oder auch dort im Saale, da ihre Herzen vergnügt sind.
Denn ihr eigenes Gut liegt unversehrt in den Häusern,
Speise und süßer Wein, und nähret bloß das Gesinde.
Aber sie schalten von Tage zu Tag' in unserem Hause,
535  Schlachten unsere Rinder und Schaf' und gemästeten Ziegen
Für den üppigen Schmaus, und schweigen im funkelnden Weine
Ohne Scheu; und alles wird leer: denn es fehlt uns ein solcher
Mann, wie Odysseus war, die Plage vom Hause zu wenden.
Käm' Odysseus zurück in seine Heimat, er würde
540  Bald mit seinem Sohne den Frevel der Männer bestrafen!

Also sprach sie; da nieste Telemachos laut, und ringsum
Scholl vom Getöse der Saal. Da lächelte Penelopeia,
Wandte sich schnell zu Eumäos, und sprach die geflügelten Worte:

Gehe mir gleich in den Saal, Eumäos, und rufe den Fremdling!

545  Siehst du nicht, wie mein Sohn mir alle Worte beniest hat?
Ja nun werde der Tod das unvermeidliche Schicksal
Aller Freier, und keiner entfliehe dem blutigen Tode!
Eins verkünd' ich dir noch, bewahre dieses im Herzen:
Wann ich merke, daß jener mir lautere Wahrheit erzählet,
550  Will ich mit schönen Gewanden, mit Rock und Mantel, ihn kleiden.

Sprach's; und der Sauhirt eilte, sobald er die Rede vernommen,
Trat vor Odysseus hin, und sprach die geflügelten Worte:

Fremder Vater, dich läßt die kluge Penelopeia
Rufen, Telemachos' Mutter; denn ihre Seele gebeut ihr,

555  Wegen des Mannes zu fragen, um den sie so herzlich betrübt ist.
Wann sie merkt, daß du ihr lautere Wahrheit erzählest,
Will sie mit Rock und Mantel dich kleiden, die du am meisten
Nötig hast. Denn Speise, den Hunger zu stillen, erlangst du
Leicht durch Betteln im Volk; es gebe dir jeder nach Willkür.

560 

Ihm antwortete drauf der herrliche Dulder Odysseus:
Gern erzählt' ich nun gleich, Eumäos, die lautere Wahrheit
Vor Ikarios' Tochter, der klugen Penelopeia.
Denn viel weiß ich von ihm: wir duldeten gleiches Verhängnis.
Aber ich fürchte nur der bösen Freier Versammlung,

565  Deren Trotz und Gewalt den eisernen Himmel erreichet.
Denn jetzt eben, da jener mich warf, daß der Schmerz mich betäubte,
Mich, der kein Böses tat, und bittend im Saale herumging;
Hat mich Telemachos weder, noch irgend ein andrer verteidigt.
Sage denn Penelopeien, sie möcht' in ihren Gemächern
570  Harren, wie sehr sie verlangt, bis erst die Sonne gesunken.
Alsdann frage sie mich nach ihres Mannes Zurückkunft,
Nahe beim Feuer mich setzend; denn meine Kleider sind elend.
Dieses weißt du auch selbst; du warst mein erster Beschützer.

Sprach's; und der Sauhirt eilte, sobald er die Rede vernommen.

575  Als er die Schwelle betrat, da fragte Penelopeia:

Bringst du ihn nicht, Eumäos, warum bedenkt sich der Fremdling?
Hält ihn etwa die Furcht vor Gewalttat, oder die Scham ab,
Durch den Palast zu gehn? Ein schamhafter Bettler ist elend!

Ihr antwortetest du, Eumäos, Hüter der Schweine:

580  Was er sagt, hat Grund; so würd' auch ein anderer denken,
Um den Trotz zu vermeiden der übermütigen Männer.
Darum bittet er, harre, bis erst die Sonne gesunken.
Auch für dich selber ist der Abend bequemer, o Fürstin,
Daß du den fremden Mann allein befragest und hörest.

585 

Ihm antwortete drauf die kluge Penelopeia:
Wer der Fremdling auch sei, so denkt er nicht unvernünftig;
Denn an keinem Orte, den sterbliche Menschen bewohnen,
Üben trotzige Männer so ausgelassene Greuel!

Also redete sie. Drauf ging der treffliche Sauhirt

590  Zu der Freier Versammlung, da sein Gewerbe bestellt war;
Und er neigte das Haupt zu Telemachos, redete leise,
Daß es die andern nicht hörten, und sprach die geflügelten Worte:

Lieber, ich gehe nun weg, die Schwein' und das andre zu hüten,
Dein und mein Vermögen; du sorg' indessen für dieses.

595  Aber vor allen erhalte dich selbst, und siehe dich wohl vor,
Daß dir kein Böses geschehe: denn viele sinnen auf Unglück.
Doch Zeus rotte sie aus, bevor sie uns Schaden bereitet!

Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Väterchen, also geschehe; doch warte bis gegen den Abend.

600  Morgen früh komm wieder, und bring' die gemästeten Opfer;
Für das übrige laß mich und die Unsterblichen sorgen.

Sprach's; und der Sauhirt setzte sich auf den zierlichen Sessel.
Und nachdem er sein Herz mit Trank und Speise gesättigt,
Eilt' er zurück zu den Schweinen, den Hof des Hauses verlassend,

605  Wo die schwelgenden Freier sich schon beim Tanz und Gesange
Freuten; denn jetzo neigte der Tag sich gegen den Abend.
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