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Odyssee

Homer: Odyssee - Kapitel 43
Quellenangabe
typeepos
authorHomer
translatorJohann Heinrich Voß
year1990
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3 458 32904 8
titleOdyssee
sendergerd.bouillon
firstpub1781
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240  Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Vater, ich habe viel von dem großen Ruhme gehöret
Deines Mutes im Kampf, und deiner Weisheit im Rate,
Aber du sprachst zu kühn! Ich erstaune! Wie wär' es doch möglich
Daß zween Männer allein so viele Starke bekämpften?
245  Siehe der Freier sind nicht zehn nur, oder nur zwanzig;
Sondern bei weitem mehr! Berechne du selber die Menge:
Aus Dulichions Fluren sind zweiundfünfzig erlesne
Mutige Jünglinge hier, von sechs Aufwärtern begleitet;
Aus der bergichten Samä sind vierundzwanzig in allem;
250  Aus Zakynthos Gefilden sind zwanzig achaiische Fürsten;
Und aus Ithaka selbst sind zwölfe der tapfersten Männer.
Diesen großen Haufen begleitet Medon der Herold,
Und der göttliche Sänger, und zween erfahrene Köche.
Wollten wir diesen allen im Hause begegnen; du möchtest
255  Traurig und schreckenvoll die Strafe der Trotzigen enden.
Überlege vielmehr, ob du noch andere Freunde
Finden kannst, die uns mit freudigem Mute beschützen.

Ihm antwortete drauf der herrliche Dulder Odysseus:
Nun ich verkündige dir, merk auf, und höre die Worte!

260  Denke nach: wird uns Athene und Vater Kronion
Gnügen; oder ist's nötig, noch andere Hilfe zu suchen?

Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Wahrlich mächtige Helfer sind jene, welche du nennest!
Denn sie sitzen hoch in den Wolken, und herrschen mit Allmacht

265  Über die Menschen auf Erden, und alle unsterblichen Götter.

Ihm antwortete drauf der herrliche Dulder Odysseus:
Diese werden gewiß in der schrecklichen Stunde des Kampfes
Uns nicht lange verlassen, wann nun in meinem Palaste
Zwischen den Freiern und uns die Gewalt des Krieges entscheidet.

270  Aber gehe du jetzo, sobald der Morgen sich rötet,
Heim, und bleib' in dem Schwarm der übermütigen Freier.
Dorthin folg' ich dir bald, geführt von dem Hirten Eumäos,
Und wie ein mühebeladner bejahrter Bettler gestaltet.
Werden mich dann im Hause die Freier beschimpfen, so dulde
275  Standhaft dein Herz im Busen, wie sehr ich beleidiget werde!
Schleppten sie auch bei den Füßen mich durch den Saal vor die Haustür,
Oder würfen nach mir; du mußt geduldig es ansehn!
Freilich kannst du sie wohl mit freundlichen Worten ermahnen,
Ihr ruchloses Verfahren zu mäßigen; aber sie werden
280  Dich nicht hören: denn schon naht ihnen der Tag des Verderbens!
Noch verkünd' ich dir dieses, bewahr' es im innersten Herzen:
Wann die Göttin des Rats Athene mir es gebietet;
Siehe dann werd' ich dir mit dem Haupte winken. So bald du
Dieses siehst, darin nimm aus dem Saale die Waffen des Krieges,
285  Und verwahre sie alle im Winkel des oberen Söllers.
Aber erkundigen sich die Freier, wo sie geblieben;
Dann besänftige sie mit guten Worten: Ich trug sie
Aus dem Rauche hinweg; denn sie sehen den alten nicht ähnlich,
Wie sie Odysseus einst, gen Troja schiffend, zurückließ!
290  Sondern sind ganz entstellt von dem rußichten Dampfe des Feuers.
Und noch ein größeres gab Kronion mir zu bedenken:
Daß ihr nicht etwa im Rausch euch zankt, und einander verwundet,
Und die Freuden des Mahls und die Liebe zu Penelopeia
Blutig entweiht! denn selbst das Eisen ziehet den Mann an! -
295  Aber uns beiden laß zwei Schwerter unten im Saale
Und zween Speere zurück, und zween stierlederne Schilde;
Daß wir beim Überfall sie ergreifen. Jene wird sicher
Pallas Athene verblenden, und Zeus' allwaltende Vorsicht!
Noch verkünd' ich dir dieses, bewahr' es im innersten Herzen:
300  Bist du wirklich mein Sohn, und unsers edlen Geblütes;
So erfahre von dir kein Mensch, daß Odysseus daheim sei;
Nicht Laertes einmal darf's wissen, oder der Sauhirt,
Keiner auch von dem Gesinde, ja selbst nicht Penelopeia;
Sondern nur ich und du; damit wir der Weiber Gesinnung
305  Prüfen, auch unsere Knechte zugleich ein wenig erforschen,
Wo man uns beide noch mit treuem Herzen verehret,
Oder wer untreu ward, und deine Ehre dir weigert.

Und sein trefflicher Sohn Telemachos sagte dagegen:
Vater, ich hoffe, du sollst mein Herz hinfüro noch näher

310  Kennen lernen; ich hin nicht unvorsichtig und sorglos!
Aber ich glaube doch nicht, daß diese Prüfung uns beiden
Auch im mindesten nütze. Denn überlege nur selber:
Lange gingst du umher, wenn du die Werke der Männer
Nahe belauschen wolltest; indes verschwelgen die andern
315  Ruhig in deinem Palast und ohne Scheu dein Vermögen.
Zwar der Weiber Gesinnung zu prüfen, rat' ich dir selber:
Wer dich im Hause verachtet, und wer unsträflich geblieben.
Aber daß wir die Männer auf allen Höfen erforschen,
Dieses wünscht' ich nicht; verspar' es lieber auf künftig,
320  Wenn du wirklich ein Zeichen vom großen Kronion gesehn hast.

Also besprachen diese sich jetzo untereinander.
Aber Telemachos' Freunde, die ihn von Pylos geleitet,
Steurten nach Ithakas Stadt mit dem schöngezimmerten Schiffe.
Als sie jetzo die Bucht des tiefen Hafens erreichten,

325  Zogen sie eilend das schwärzliche Schiff ans hohe Gestade;
Ihre Geräte trugen die stolzen Diener von dannen.
Und sie brachten in Klytios' Haus die schönen Geschenke,
Sandten dann einen Herold voran zu des edlen Odysseus'
Hause, um Botschaft zu bringen der klugen Penelopeia,
330  Daß ihr Sohn auf dem Lande sei, und dem Schiffe befohlen,
Nach der Stadt zu fahren: damit vor Kummer des Herzens
Nicht die hohe Fürstin ihr Antlitz mit Tränen benetzte.
Diesem begegnete jetzo der edle Hüter der Schweine;
Beide gingen, der Mutter die selbige Botschaft zu bringen.

335 

Als sie jetzo ins Haus des göttlichen Königes kamen,
Hub der Herold an vor allen Mägden, und sagte:

Fürstin, dein lieber Sohn ist jetzo wieder gekommen!
Aber der Sauhirt trat zu Penelopeia, und sagte
Alles, was ihm ihr Sohn befohlen hatte zu sagen.

340  Und nachdem er der Fürstin Telemachos' Worte verkündigt,
Eilt' er zurück zu den Schweinen, den Hof des Hauses verlassend.

Aber die Freier wurden bestürzt und niedergeschlagen;
Und sie gingen hinaus vor die hohe Mauer des Hofes,
Allda setzten sie sich ratschlagend nieder am Tore.

345  Und des Polybos' Sohn Eurymachos sprach zur Versammlung:

Lieben, ein großes Werk hat Telemachos kühnlich vollendet,
Diese Reise! Wir dachten, er würde sie nimmer vollenden!
Aber wohlan, man ziehe das beste der schwärzlichen Schiffe
In das Meer, und rüst' es mit Ruderern, daß sie den andern

350  Schnell die Botschaft verkünden, um eilig wiederzukehren.

Also sprach er; und siehe Amphinomes wandte sein Antlitz
Gegen den tiefen Hafen, und sahe das Schiff in der Mündung,
Sahe die Segel gesenkt, und die Ruder in eilenden Händen;
Und mit herzlicher Lache begann er zu seinen Gesellen:

355 

Keiner ferneren Botschaft bedarf es; sie sind schon zu Hause!
Ihnen verkündete dieses ein Himmlischer; oder sie selber
Sahn das segelnde Schiff, und vermochten es nicht zu erreichen!

Sprach's; da erhuben sie sich, und gingen zum Ufer des Meeres,
Zogen dann eilend das schwärzliche Schiff ans hohe Gestade;

360  Ihre Geräte trugen die stolzen Diener zu Hause.
Aber sie selber eilten zum Markt; und keinen der andern
Ließen sie unter sich sitzen, der Jünglinge oder der Greise.
Und Eupeithes' Sohn Antinoos sprach zur Versammlung:

Wunder! wie haben die Götter doch den vom Verderben errettet!

365  Tages stellten wir Späher umher auf die luftigen Höhen,
Immer andre nach andern; und wann die Sonne sich senkte,
Ruhten wir nimmer die Nacht auf dem Lande, sondern im Meere
Kreuzten wir mit dem Schiff, und harrten der heiligen Frühe,
Auf Telemachos laurend, damit wir ihn fingen und heimlich
370  Töteten. Aber ihn führte der Himmlischen einer zu Hause!
Nun so wollen wir hier auf den Tod des Telemachos sinnen!
Laßt ihn ja nicht entfliehn! Denn ich fürchte, so lange der Jüngling
Lebt, wir werden nimmer zu unserem Zwecke gelangen.
Denn er selber kennt schon alle Künste der Klugheit,
375  Und die Völker sind uns nicht mehr so gänzlich gewogen.
Aber wohlan, bevor er zur allgemeinen Versammlung
Rufe das Volk der Achaier; denn säumen wird er gewiß nicht,
Sondern im heftigen Zorn aufstehn, und allen verkünden,
Wie wir ihn zu ermorden gesucht, und wie er entflohn sei.
380  Diese werden die Tat nicht loben, wann sie ihn hören;
Ja sie könnten uns gar mißhandeln, und aus dem Lande
Unserer Väter uns alle zu fremden Völkern verjagen.
Darum laßt uns zuvor ihn töten, fern auf dem Lande,
Oder auch auf dem Wege! Die Güter behalten wir selber,
385  Alles unter uns teilend nach Billigkeit; aber die Häuser
Geben wir seiner Mutter, und wen sie zum Bräutigam wählet.
Mißfällt aber mein Rat der Versammlung, und wünschet ihr lieber,
Daß Telemachos leb', und des Vaters Erbe behalte;
Nun so laßt uns nicht länger in solcher großen Versammlung
390  Seine köstlichen Schätze verprassen; sondern es werbe
Jeder außer dem Hause mit Brautgeschenken; sie aber
Wähle den Mann, der am meisten ihr schenkt, und dem sie beschert ist.

Also sprach er; und alle verstummten umher, und schwiegen.
Endlich erhub sich und sprach Amphinomos vor der Versammlung,

395  Nisos' rühmlicher Sohn, des aretiadischen Königs;
Der aus des weizenreichen Dulichions grünen Gefilden
War der erste der Freier, und dessen Rede der Fürstin
Noch am meisten gefiel; denn edel war seine Gesinnung:
Dieser erhub sich, und sprach wohlmeinend zu der Versammlung:

400 

Lieben, ich wünschte nicht, daß wir Telemachos heimlich
Töteten; fürchterlich ist es, ein Königsgeschlecht zu ermorden!
Aber laßt uns zuvor der Götter Willen erforschen.
Wann der ewige Rat des großen Kronions es billigt,
Dann ermord' ich ihn selber, und rat' es jedem der andern:

405  Aber verbieten es uns die Götter, dann rat' ich zu ruhen.

Also sprach er, und allen gefiel Amphinomos' Rede.
Schnell erhuben sie sich, und gingen zur Wohnung Odysseus',
Kamen, und setzten sich nieder auf schöngebildete Throne.

Aber jetzo beschloß die kluge Penelopeia,

410  Sich zu zeigen den Freiern voll übermütiger Bosheit.
Denn sie vernahm des Sohnes Gefahr in ihren Gemächern;
Medon der Herold entdeckte sie ihr, der die Freier belauschet.
Und sie ging zu dem Saale, von ihren Mägden begleitet.
Als das göttliche Weib die Freier jetzo erreichte,
415  Stand sie still an der Schwelle des schönen gewölbeten Saales;
Ihre Wangen umwallte der feine Schleier des Hauptes.
Und sie redet' Antinoos an mit scheltenden Worten:

Tückischer frecher Empörer Antinoos, nennen doch alle
Dich in Ithakas Volke den besten deiner Gespielen

420  An Verstand und Reden; allein du warest es nimmer!
Rasender, sprich, was suchst du Telemachos' Tod und Verderben;
Und verachtest die Stimme der Leidenden, deren Kronion
Waltet? Es ist ja Sünde, das Unglück andrer zu suchen!
Weißt du nicht mehr, wie einst dein Vater flehend zu uns kam,
425  Von dem Volke geschreckt? Denn sie waren heftig erbittert,
Weil er die Räuberschiffe der Taphier hatte begleitet,
Und die Thesproten beraubt, die Genossen unseres Bundes.
Töten wollten sie ihn, und sein Herz dem Busen entreißen,
Und ausplündern den reichen Palast voll köstlicher Güter;
430  Aber Odysseus hielt sie zurück, und stillte den Aufruhr.
Und nun entehrst du sein Haus durch Schwelgen, wirbst um die Gattin,
Tötest sein einziges Kind, und meine Seele betrübst du.
Aber ich rate dir jetzt, halt ein, und zähme die andern!

Aber Polybos' Sohn Eurymachos sagte dagegen:

435  O Ikarios Tochter, du kluge Penelopeia,
Sei getrost, und laß dich diese Gedanken nicht kümmern!
Wahrlich er lebt nicht der Mann, und wird nicht leben noch aufstehn,
Welcher an deinen Sohn Telemachos Hand anlege,
Nimmer, so lang' ich leb', und mein Auge die Erde noch schauet!
440  Denn ich sage hier frei, und werd' es wahrlich erfüllen:
Schnell wird sein schwarzes Blut an meiner Lanze herunter
Triefen! Auch mir hat oft der Städteverwüster Odysseus,
Sitzend auf seinem Schoß, ein Stück gebratenes Fleisches
In die Hände gegeben, und roten Wein mir gereichet.
445  Drum ist Telemachos mir von allen Menschen der liebste;
Und ich sag' es, er soll sich durchaus vor dem Tode nicht fürchten,
Von den Freiern: allein von Gott ist er unvermeidlich!

Also sprach er ihr zu, und dacht' ihn selbst zu ermorden.
Jene stieg hinauf in den prächtigen Söller, und weinte

450  Ihren trauten Gemahl Odysseus, bis ihr Athene
Sanft mit süßem Schlummer die Augenlider bedeckte.

Abends kam zu Odysseus und seinem Sohne der Sauhirt.
Diese standen jetzt, und bereiteten emsig die Mahlzeit,
Da sie ein jähriges Schwein geopfert. Aber Athene

455  Hatte zuvor sich genaht dem Laertiaden Odysseus,
Ihn mit der Rute gerührt, und wieder zum Greise verwandelt,
Und mit schmutzigen Lumpen bekleidet: daß ihn der Sauhirt
Nicht erkennte, und dann mit überwallendem Herzen
Liefe, die Botschaft zu bringen der keuschen Penelopeia.

460 

Und Telemachos rief dem kommenden Hirten entgegen:
Kommst du, edler Eumäos? Was hört man in Ithaka Neues?
Ob wohl die mutigen Freier vom Hinterhalte zurück sind,
Oder ob sie noch immer auf mich Heimkehrenden lauren?

Ihm antwortetest du, Eumäos, Hüter der Schweine:

465  Hierum hab' ich mich nicht bekümmert, die Stadt zu durchwandern,
Und die Leute zu fragen; es lag mir näher am Herzen,
Da ich die Botschaft gebracht, aufs Eiligste wiederzukehren.
Doch begegnete mir von deinen Gefährten ein Herold,
Der auch deiner Mutter zuerst die Botschaft verkündet.
470  Noch ein anderes weiß ich, das sah ich selber mit Augen.
Diesseits über der Stadt, dicht an dem hermeiischen Hügel,
War ich bereits gekommen; da sah ich in unserem Hafen
Landen ein hurtiges Schiff, mit vielen Männern gerüstet,
Und mit Schilden beschwert und langen doppelten Lanzen.
475  Und ich meinte, sie waren's; allein ich weiß es nicht sicher.

Also sprach er; da blickte Telemachos' heilige Stärke
Lächelnd den Vater an, doch unbemerkt von Eumäos.
Als sie die Arbeit jetzo vollbracht, und die Speise bereitet,
Teilten sie alles gleich, und labten ihr Herz an dem Mahle.

480  Und nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war,
Legten sie sich zur Ruh, und genossen die Gabe des Schlafes.
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