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Odyssee

Homer: Odyssee - Kapitel 41
Quellenangabe
typeepos
authorHomer
translatorJohann Heinrich Voß
year1990
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3 458 32904 8
titleOdyssee
sendergerd.bouillon
firstpub1781
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350  Ihm antwortete drauf der männerbeherrschende Sauhirt:
Dieses will ich dir, Fremdling, und nach der Wahrheit erzählen.
Immer noch lebt Laertes; doch täglich flehet er Zeus an,
Daß in seinem Hause sein Geist den Gliedern entschwinde.
Denn untröstlich beweint er des fernen Sohnes Gedächtnis,
355  Und den Tod des edlen geliebten Weibes der Jugend,
Der ihn so innig gekränkt, und sein herbes Alter beschleunigt.
Diese starb vor Gram um ihren berühmten Odysseus,
Ach! den traurigsten Tod! So sterbe keiner der Freunde,
Welcher in diesem Lande mir Liebes und Gutes getan hat.
360  Als noch jene lebte, wiewohl in steter Betrübnis,
Hatt' ich noch etwas Lust zu fragen und mich zu erkunden.
Denn sie erzog mich selbst mit Ktimene, ihrer geschmückten
Tugendreichen Tochter, der jüngsten ihres Geschlechtes;
Diese erzog sie mit mir, und ehrte mich wenig geringer.
365  Und da wir beide das Ziel der lieblichen Jugend erreichten,
Gaben sie jene nach Samä, und nahmen große Geschenke.
Und mich kleidete sie, die Mutter, mit prächtigen Kleidern,
Einem Mantel und Rock, und gab mir Schuh' an die Füße,
Sandte mich her aufs Land, und tat mir Gutes auf Gutes.
370  Dieses muß ich nun alles entbehren: aber die Götter
Segnen mit reichem Gedeihn die Arbeit, welche mir obliegt;
Hievon ess' ich und trinke, und geb' auch ehrlichen Leuten.
Von der Königin selbst ist keine Freude zu hoffen,
Weder Wort noch Tat, seitdem die Plage das Haus traf,
375  Jener verwüstende Schwarm! Und Knechte wünschen doch herzlich,
Vor der Frau des Hauses zu reden, und alles zu hören,
Und zu essen und trinken, und dann auch etwas zu Felde
Mitzunehmen: wodurch das Herz der Bedienten erfreut wird.

Ihm antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:

380  Ei so bist du als Kind, Eumäos, Hüter der Schweine,
Fern von dem Vaterland und deinen Eltern verirret!
Aber verkündige mir, und sage die lautere Wahrheit:
Ward die prächtige Stadt von Kriegesscharen verwüstet,
Welche dein Vater einst und die treffliche Mutter bewohnten?
385  Oder fanden dich einsam bei Schafen oder bei Rindern
Räuber, und schleppten dich fort zu den Schiffen, und boten im Hause
Dieses Mannes dich feil, der dich nach Würden bezahlte?

Ihm antwortete drauf der männerbeherrschende Sauhirt:
Fremdling, weil du mich fragst und so genau dich erkundest,

390  Nun so sitze still, erfreue dich horchend, und trinke
Wein. Die Nächte sind lang; man kann ausruhen, und kann auch
Angenehme Gespräch' anhören. Es zwinget dich niemand,
Frühe schlafen zu gehn; auch vieles Schlafen ist schädlich.
Sehnt sich der übrigen einer in seinem Herzen zur Ruhe,
395  Dieser gehe zu Bett; und sobald der Morgen sich rötet,
Frühstück' er, und treibe des Königes Schweine zu Felde.
Aber wir wollen hier in der Hütte noch essen und trinken,
Um einander das Herz durch Erinnerung trauriger Leiden
Aufzuheitern; denn auch der Trübsal denket man gerne,
400  Wenn man so vieles erduldet, so viele Länder durchirrt ist.
Jetzo will ich dir das verkündigen, was du mich fragtest:

Eine der Inseln im Meer heißt Syria, wenn du sie kennest,
Über Ortygia hin, wo die Sonnenwende zu sehn ist.
Groß ist diese nicht sehr von Umfang, aber doch fruchtbar,

405  Reich an Schafen und Rindern, an Wein und schönem Getreide.
Nimmer besucht der Hunger, und nimmer eine der andern
Schrecklichen Seuchen das Volk, die die armen Sterblichen hinrafft.
Sondern wann in der Stadt die Menschen das Alter erreichen,
Kömmt die Freundin der Pfeil' und der Gott des silbernen Bogens,
410  Welche sie unversehens mit sanften Geschossen erlegen.
Allda sind zwo Städte, die zwiefach alles geteilet;
Und von diesen beiden war einst mein Vater Beherrscher,
Ktesios, Ormenos' Sohn, ein Bild der unsterblichen Götter.

Einst besuchten uns dort Phöniker, berühmt in der Seefahrt

415  Und Erzschinder, und führten im Schiff unzähliges Spielzeug.
Aber im Hause des Vaters war eine phönikische Sklavin,
Schöngebildet und groß und klug in künstlicher Arbeit.
Diese verführten mit List die ränkegeübten Phöniker.
Einer von ihnen pflog, da sie wusch, beim schwärzlichen Schiffe,
420  Heimlicher Liebe mit ihr; die das Herz der biegsamen Weiber
Ganz in die Irre führt, wenn eine die Tugend auch ehret.
Dieser fragte darauf, wer sie wär', und von wannen sie käme;
Und sie zeigte sogleich zu des Vaters hohem Palaste:

Meine Geburtstadt ist die erzdurchschimmerte Sidon,

425  Und ich rühme mich dort des reichen Arybas' Tochter.
Aber mich raubeten einst, da ich vom Felde zurückkam,
Taphische Räuber, und brachten mich hier, und boten im Hause
Dieses Mannes mich feil, der mich nach Würden bezahlte.

Ihr antwortete drauf der Mann, der sie heimlich beschlagen

430  Möchtest du jetzo denn nicht mit uns nach Hause zurückgehn,
Deiner Eltern hohen Palast, und Vater und Mutter
Wiedersehn? Denn sie leben noch beid', und man nennt sie begütert.

Und das phönikische Weib antwortete jenem, und sagte:
Ja auch dieses geschehe, wofern ihr Schiffer mir eidlich

435  Angelobt, mich sicher und wohl nach Hause zu bringen.

Also sprach sie; und alle beschworen, was sie verlangte.
Als sie es jetzo gelobt, und vollendet den heiligen Eidschwur,
Hub die Phönikerin an, und sprach zu der Männer Versammlung:

Seid nun still, und keiner von eures Schiffes Genossen

440  Rede mit Worten mich an, er begegne mir auf der Straße,
Oder beim Wasserschöpfen: daß niemand zu unserem Hause
Gehend dem Alten es sag', und dieser vielleicht mir aus Argwohn
Schwere Band' anlege, und euch das Verderben bereitet
Sondern haltet die Sache geheim, und beschleunigt den Einkauf
445  Aber sobald ihr das Schiff mit Lebensgütern beladen;
Dann geh' einer geschwind' in die Burg, und bringe mir Botschaft,
Nehmen will ich, was mir an goldnem Geschirr' in die Hand fällt;
Und ich möcht' euch gerne die Fahrt noch höher bezahlen.
Denn ich erziehe den Sohn des alten Herrn im Palaste,
450  Welcher schon witzig ist, und aus dem Hause so mitläuft.
Diesen brächt' ich gerne zum Schiff; ihr würdet nicht wenig
Für ihn lösen, wohin ihr ihn auch in die Fremde verkauftet.

Also sprach das Weib, und kehrte zum schönen Palaste.
Und die Phöniker weilten ein ganzes Jahr auf der Insel,

455  Kauften und schleppten ins Schiff unzählige Güter zusammen.
Als sie das hohle Schiff zur Heimfahrt hatten befrachtet,
Sandten sie einen Genossen, dem Weibe die Botschaft zu bringen.
Dieser listige Mann, der in des Vaters Palast kam,
Bracht' ein goldnes Geschmeide, besetzt mit köstlichem Bernstein,
460  Welches die Mägde des Hauses und meine treffliche Mutter
Mit den Händen befühlten und sehr aufmerksam besahen.
Als sie über den Preis nun handelten, winkt' er der Sklavin
Heimlich, und eilte zurück zu dem hohlen Schiffe. Die Sklavin
Nahm mich drauf bei der Hand, und führte mich aus dem Palaste.
465  Und sie fand in dem vorderen Saal Weinbecher und Tische
Für die Gäste gestellt, die meinen Vater besuchten;
Diese waren anitzt auf dem Markt' in des Volkes Versammlung.
Hurtig raubte sie drei der Gefäße, verbarg sie im Busen,
Eilte dann weg, von mir einfältigen Kinde begleitet.
470  Und die Sonne sank, und Dunkel umhüllte die Pfade.
Jetzo hatten wir schnell den berühmten Hafen erreichet,
Wo der Phöniker Schiff das Meer zu durcheilen bereit lag.
Diese bestiegen mit uns das Verdeck des Schiffes, und steurten
Über die Woge des Meers, von Gottes Winde getrieben.
475  Also durchsegelten wir sechs Tag' und Nächte die Wasser.
Als der siebente Tag von Zeus Kronion gesandt ward,
Tötete Artemis plötzlich das Weib mit ihrem Geschosse.
Rauschend fiel sie hinab in das Wasser des Raums, wie ein Seehuhn.
Und man warf sie, den Fischen und Ungeheuern zur Beute,
480  Über den Bord; allein ich blieb mit traurigem Herzen.
Wind und Woge trieben sie jetzt an Ithakas Ufer,
Wo Laertes mich mit seinem Vermögen erkaufte.
Also hab' ich dies Land zuerst mit Augen gesehen.

Und der göttliche Held Odysseus gab ihm zur Antwort:

485  Wahrlich, Eumäos, ich fühl' es im Innersten meines Herzens,
Alles, was du mir jetzo von deinen Leiden erzählt hast!
Aber dir hat doch Zeus bei dem Bösen auch Gutes verliehen,
Da du, nach großen Leiden, in dieses gütigen Mannes
Wohnung kamst, der dir sorgfältig zu essen und trinken
490  Reicht; denn du lebst hier ganz gemächlich. Aber ich Armer
Irre, von Stadt zu Stadt vertrieben, Hilfe zu suchen!

Also besprachen diese sich jetzo untereinander,
Legten sich dann zur Ruh, nicht lange, sondern ein wenig;
Denn bald rötete sich der Morgen. Aber am Ufer

495  Lösten Telemachos Freunde die Segel, senkten den Mastbaum
Eilend herab, vollendeten dann mit Rudern die Landung,
Warfen die Anker aus, und banden mit Seilen das Schiff an.
Und nun stiegen sie selbst ans krumme Gestade des Meeres,
Eilten das Mahl zu bereiten, und mischten des funkelnden Weines.
500  Und nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war,
Sprach der verständige Jüngling Telemachos zu der Versammlung:

Rudert, ihr andern, jetzt nach der Stadt mit dem schwärzlichen Schiffe;
Ich will erst ein wenig zu meinen Hirten aufs Land gehn.
Abends komm' ich zur Stadt, sobald ich das Meine besehen.

505  Morgen dächt' ich euch wohl ein gutes Mahl nach der Reise
Vorzusetzen, von Fleisch und herzerfreuendem Weine.

Und der göttliche Mann Theoklymenos gab ihm zur Antwort:
Aber wohin geh ich denn, mein Sohn? zu wessen Palaste
Unter den Männern, die hier in der felsichten Ithaka herrschen?

510  Geh ich gerade zu deinem und deiner Mutter Palaste?

Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Sonst geböt' ich dir wohl, gerade zu unserem Hause
Hinzugehn; auch sollt' es an nichts gebrechen: doch jetzo
Würd' es dich selbst beschweren. Denn ich bin fern, und die Mutter

515  Siehet dich nicht; sie erscheint nicht oft vor den Freiern im Saale;
Abgesondert wirkt sie im obern Stock' ihr Gewebe.
Aber ich will indes dir einen anderen nennen:
Geh zu Eurymachos hin, des Polybos trefflichem Sohne,
Welcher jetzt, wie ein Gott, in der Ithaker Volke geehrt wird.
520  Und er ist auch bei weitem der Edelste, wünscht auch am meisten
Meine Mutter zum Weib , und Odysseus' Würde zu erben.
Aber das weiß Kronion, der Gott des hohen Olympos,
Ob vor der Hochzeit noch der böse Tag sie ereile!

Sprach's; und rechtsher flog ein heilweissagender Vogel,

525  Phöbos schneller Gesandte, der Habicht: zwischen den Klauen
Hielt er und rupfte die Taub', und goß die Federn zur Erde
Zwischen Telemachos nieder und seinem schwärzlichen Schiffe.
Eilend rief Theoklymenos ihn von den Freunden besonders,
Faßte des Jünglings Hand, und erhub die Stimme der Weisheit:

530 

Jüngling, nicht ohne Gott flog dir zur Rechten der Vogel;
Denn ich erkenn' an ihm die heilweissagenden Zeichen!
Außer eurem Geschlecht erhebt sich nimmer ein König
In der Ithaker Volk; auf euch ruht ewig die Herrschaft!

Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:

535  Fremdling, erfülleten doch die Götter, was du geweissagt!
Dann erkenntest du bald an vielen und großen Geschenken
Deinen Freund, und jeder Begegnende priese dich selig!

Also sprach er, und rief dem treuen Gefährten Peiräos:
Klytios' Sohn, Peiräos, du bist von allen Gefährten,

540  Die mich nach Pylos gebracht, mir immer am meisten gewillfahrt.
Führe mir denn auch nun zu deinem Hause den Fremdling;
Ehr' und bewirt' ihn dort, bis ich heimkehre, mit Sorgfalt!

Und der lanzenberühmte Peiräos sagte dagegen:
Wenn du auch noch so lange, Telemachos, draußen verweilest,

545  Gerne bewirt' ich den Gast; auch soll es an nichts ihm gebrechen!

Also sprach er, und trat in das Schiff, und befahl den Gefährten,
Einzusteigen, und schnell die Seile vom Ufer zu lösen
Und sie traten ins Schiff, und setzten sich hin auf die Bänke.

Aber Telemachos band um die Füße die prächtigen Sohlen,

550  Nahm dann die mächtige Lanze, mit scharfer eherner Spitze,
Von des Schiffes Verdeck. Die andern lösten die Seile,
Stießen ab, und fuhren zur Stadt mit dem schwärzlichen Schiffe,
Wie es Telemachos hieß, der geliebte Sohn von Odysseus.
Dieser eilte von dannen mit hurtigen Füßen zum Hofe,
555  Wo die Herden der Schwein' itzt ruheten, welche der Sauhirt
Schützte, der gute Mann, der seinen Herren so treu war.
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