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Johann Gottfried Seume: Obolen - Kapitel 9
Quellenangabe
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authorJohann Gottfried Seume
booktitleProsaische und poetische Werke ? Siebenter Theil
titleObolen
publisherBerlin. Gustav Hempel
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Widmung des zweiten Bändchens an Gleim

Verehrungswürdiger Mann!

Gegen die Patriarchen der Nation, unter welchen Sie schon längst stehen, ist man nicht in Gefahr, Schmeichler zu werden. Man spricht mit Rührung und doch mit Zuversicht die Empfindung seines Herzens, und Alle, die selbst Herz haben, stimmen mit reinem Beifall ein; die Uebrigen werden nicht gezählt.

Ich habe nie Ihr Angesicht gesehen, aber ich habe mich oft von Ihrem Geiste genährt, und der Rath, den Sie einst dem unerfahrnen Jünglinge ertheilten, ist in meiner Seele geblieben. Sie schenkten mir ein gütiges, ermunterndes Lob: das war viel und könnte mich stolz machen; aber Sie sagen, daß Sie mich lieben: das ist mehr und macht mich glücklich. Ich gäbe Ihre wenigen Worte nicht für eine Ministerschaft hin; denn diese stempelt nicht so ächt als Gleim's Wahl. Wenn ich ein Greis sein werde, kann ich künftig noch damit die Enkel überzeugen, daß ich nicht ganz werthlos war; und dieses Gefühl wird mir mehr wohlthun, als wenn ich mit besternter Brust auf einer Goldkiste säße.

Was ich Ihnen hier bringe, sind immer noch nur Obolen. Glücklichere Geister werden Talente geben; ich zweifle jetzt, daß ich je selbst eines geben werde. Wenn Sie nur hier und da einen Gedanken finden, der in glücklichern Stunden zu etwas Besserm hätte geprägt werden können, so sind Sie gewiß zufrieden, und ich bin belohnt.

Oft übersinne ich, zu welcher Menschenclasse ich endlich wol gehöre, da ich für die meisten Lagen unsers Lebens so wenig Analoges habe, und bin dann manchmal etwas traurig, daß es so ist; aber auf alle Fälle gehöre ich doch zu den ehrlichen guten Leuten. Unter dieser Rubrike, die bei dem Allen so außerordentlich stark nicht ist, nehmen Sie mich gewiß mit hin, wenn mich auch der Kopf oder das Herz zuweilen ohne Faden in Labyrinthe führen sollte. Wo ist das sublunarische Vernunftwesen, das nie den Faden vergessen oder verloren hätte?

Verzeihen Sie väterlich der gutmüthigen Offenheit! Diese Zeilen sollten nur ein Ausdruck meiner wahren Liebe, Hochachtung und Ehrfurcht sein. Wenn auch das Denkmal nicht bleibt, so bleibt doch die Gesinnung.

Seume.

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