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Johann Gottfried Seume: Obolen - Kapitel 8
Quellenangabe
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authorJohann Gottfried Seume
booktitleProsaische und poetische Werke ? Siebenter Theil
titleObolen
publisherBerlin. Gustav Hempel
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Anekdoten.

Bei der Belagerung von Warschau durch die Preußen und Russen 1794 gab man bei einer feierlichen Gelegenheit in der Stadt ein patriotisches Fest, wo man trotz der feindlichen Kanonade recht heiter und fröhlich war. Beim Handkuß ermunterten die Damen die Herren, welche ziemlich wohl getrunken hatten, zu einem Unternehmen, um das Fest mit größerem Glanze zu krönen. Voll Enthusiasmus und Weins eilte ein junger General mit seinen ebenso feurigen Officieren sofort hinaus in die Werke und that einen Ausfall, der aber in der Hitze so übel berechnet war, daß die Polen dabei einige hundert Mann, einige Kanonen und einige brave Officiere verloren.

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Der König – – war einigemal in der Gesellschaft eingeschlafen. Der alte Ob – weckte ihn endlich und sagte: »Wachen Sie doch, Sire! man spricht ja schon überall davon, daß Sie schlafen.«

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Der König – – war in seinen öffentlichen Geschäften immer sehr ängstlich um die Meinung der Höfe P – und B – besorgt. »Sehen Ew. Majestät nur nicht immer nach Norden und Süden,« sagte der alte Ob –; »man wird doch endlich von beiden Seiten mit uns Kegel schieben; und bei diesem Spiel, wissen Sie wol, wirft man meistens nach dem König.«

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Im Sommer 1795 manövrirte S– zu Warschau beständig mit Colonnen und ließ sodann die Soldaten nach seiner Weise mit fürchterlichem Hurrah bei jeder Parade mit gefällten Bajonnetten laufen. »Nicht wahr, mein Herr,« sagte er zu einem Preußischen Officier von Distinction, der dem Manöver zusahe, »so muß man es machen, so muß es gehen?« »Nach dem es ist, Ew. Excellenz,« antwortete dieser ganz lakonisch; »kann doch wol nichts helfen.«

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Als ich in Riga auf dem Licenthause war, wo eben ein Transport Manuscripte von der Zaluski'schen Bibliothek angekommen war, um nach Petersburg zu gehen, untersuchten einige Zollleute mit vieler Kritik eine lateinische Handschrift, um ausfindig zu machen, ob sie esthnisch oder lettisch sei. Die Literaturzeitung hat allerdings nicht Unrecht, wenn sie klagt, wie nachlässig man mit den gelehrten Schätzen umgegangen. Die Kisten waren gepackt, wie man ohngefähr Tabaksblätter packt. Zwischen Grodno und Bjelostock sah ich eine zweite Division der Bibliothek nach Petersburg marschiren. Der Regen konnte von allen Seiten in die zerplatzten Kisten schlagen, Bücher waren herausgefallen, und ein ganzer Wagen war in einen Hohlweg hinabgestürzt, wo die Gelehrsamkeit in einem traurigen Mischmasch durch einander lag.

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Gleich nach der Eroberung der Prager Linien kam ein ehrlicher Pole, der uns sonst in der Gefangenschaft zu besuchen pflegte, um Abschied zu nehmen. Er war Hauptmann von einem Regiments, das bei der Action fast zu Grunde gerichtet worden war, und er selbst war mit wenigen seiner Leute dem Tode entgangen. Eine große Thräne stand dem Manne im Auge. »Die Ihrigen haben wieder gesiegt,« sagte er heftig zitternd und hob den verwundeten Arm unwillkürlich empor; »mein Vaterland ist nun ohne Rettung verloren. Wenn mir künftig noch Jemand von Gott, Vorsehung, Gerechtigkeit und Tugend spricht, so will ich ihm die Antwort ins Gesicht speien. Dort liegen Weiber und Kinder und Greise zu Hunderten gemordet. Ihre Kameraden schlachten noch. Es sind keine Soldaten mehr dort; aber nun schänden sie Mädchen, um sie dann zu tödten; ich schäme mich, ein menschliches Gesicht zu tragen.« Eben wollte Einer von uns dem verzweifelnden Manne etwas Tröstendes sagen und den Himmel rechtfertigen, so stürzte er mit einem fürchterlichen Fluche zur Thür hinaus, und wir sahen ihn nicht mehr.

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Ein Postcommissär bat bei dem Reichstage um das Indigenat als polnischer Edelmann. Viele waren durchaus darwider und fragten, welche Verdienste denn der Mann um das Vaterland habe. Der alte Ob – bemerkte, daß doch wol nicht immer Verdienste zu solchen Ansprüchen gehörten, die man wenigstens in dieser Rücksicht wol schwerlich bei Lakaien und Opernbedienten angetroffen haben könnte. Damit zielte er auf einige etwas auffallende öffentliche Promotionen. Der Candidat aber habe wirklich ein großes Verdienst um den Staat, bemerkte er kaustisch. Als man hören wollte, welches, setzte er hinzu: seit undenklichen Zeiten wären von seiner Station bis zur folgenden nur drei Meilen gewesen ; er aber habe mathematisch bewiesen, es seien viere, und habe also der Republik eine Meile Land gewonnen. Man lachte, und die Petition ging durch.

Zweites Bändchen.

Unserm guten Vater
Gleim
mit inniger Liebe und wahrer Ehrfurcht gewidmet.

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