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Johann Gottfried Seume: Obolen - Kapitel 7
Quellenangabe
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authorJohann Gottfried Seume
booktitleProsaische und poetische Werke ? Siebenter Theil
titleObolen
publisherBerlin. Gustav Hempel
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Bemerkungen

Es wird dem rechtschaffenen Menschenfreunde so schwer zu glauben, daß er von irgend Jemand gehaßt werde, weil der Haß seiner Seele fremd ist.

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Die hellste, unparteilichste Philosophie muß gestehen, daß Egoismus das Grundprincip aller unserer Gesinnungen und Handlungen, folglich unserer Moralität sei. Aber wehe dem kalten Vernunftmenschen, der dieses Resultat seiner Untersuchungen beständig eingedenk mit sich herumträgt! Es ist die größte Wohlthat des Schöpfers, daß wir so oft Dinge vergessen, deren nackte Wahrheit unserm Herzen seine wohlthätige, leidenschaftliche Wärme nehmen und uns statt des großen Enthusiasmus für alles Gute oft nur eine engbrüstige Selbstsucht geben würde.

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Derjenige ist immer der Tugendhafteste, der seinen Vortheil am Besten versteht und sich den bleibendsten Vortheil erwerben kann.

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Wenn uns der Richter in uns nicht verdammt, so wird es uns leicht, das Verdammungsurtheil von Andern anzuhören; aber die Lossprechung durch einen fremden Richter schlägt uns nieder, wenn der innere Inquisitor die Absolution nicht unterschreibt.

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Wen Lob und Tadel in die Höhe heben und zu Boden schlagen, ist ebenso schwach, als Der vermessen ist, dem Beides ganz gleichgültig bleibt.

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Niemand sage, daß er ein Mann sei, wenn ihn ein Unglück, das nur ihn selbst allein betrifft, noch sehr lebhaft rühren kann.

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Wo nur eiskalte Vernunft herrscht, ist furchtbare Härte; wo nur gute menschliche Empfindung führt, meistens Schwachheit. Das beste Lebensregiment ist, wo das Gefühl die Segel schwellt und die Vernunft das Ruder hält.

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Jede Lebensperiode hat ihre Leidenschaft zur Feindin; und wie man Niemand vor seinem Ende vollkommen glücklich nennen darf, so darf man Niemand vor seinem Ende vollkommen weise nennen.

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Ein Dankbrief muß ganz aus dem Herzen geschrieben sein, weil die Dankbarkeit ein Gefühl ist.

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Wenn heute Jemand bekennt, daß er sich gestern geirrt hat, so heißt das so viel, daß er heute weiser ist, als er gestern war. Dieses sollte billig den Widerwillen mindern, den wir gegen Entschuldigungen und Abbitten haben.

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Auf dem Theater giebt es Personen, die man sehen und nicht hören, und andere, die man hören und nicht sehen muß; sehr wenige darf man sehen und hören zugleich, und sehr viele sollte man weder sehen noch hören.

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An dem Maßstabe des Verdienstes steig' ich hinauf von dem gewöhnlich guten Hausvater zu dem Manne der Stadt, zu dem Manne des Landes, zum Manne der Nation, zum Manne des Erdbodens, zum Manne des Universums. Der gute Hausvater arbeitet in und für den engen Kreis einer Familie; seinen Werth sieht nur seine Hausgenossenschaft und sein traulicher Nachbar: solcher Männer hat zum Glück jede Stadt noch viele. Der Mann der Stadt wirkt weiter; seine Mitbürger empfinden die Wohlthätigkeit seiner Arbeiten, ihnen opfert er seinen Fleiß, seinen Muth, seine Beharrlichkeit: jede Stadt hat solche Männer in ihrer Geschichte, deren Andenken sie verehrt. Der Mann des Landes weihet seine Kräfte dem Wohl seiner Provinz, verbreitet Licht um sich, lehrt die Vortheile sehen und sie verfolgen, steht wie ein Fels gegen den Druck der Despotie und rettet einer Million das Palladium der Gerechtigkeit und Freiheit: solche Männer waren Solon, Lykurg, Moritz der Sachse. Männer der Nation geben ganzen Völkern durch ihre Kraft einen Schwung, machen durch ihr Leben die Periode ihres Ruhms und bleiben die Fixsterne an dem Horizonte ihrer Geschichte: solche Männer waren Alexander der Macedonier, waren einige große Römer; so ein Mann war Hermann, war Heinrich der Vierte der Gallier, war Gustav Wasa, war Peter der Erste. Männer des Erdbodens sind keiner Nation, sondern aller; sie wirken fort durch Reiche und Zeiten, und ihre Namen werden genannt mit Ehrfurcht vom Aufgang zum Niedergang: solche Männer waren Sokrates, Christus, Rousseau. Unter den Königen war noch keiner groß genung, daß er zu ihnen gesetzt werden könnte. Peter, der Russe, steht ihrem Geiste am Nächsten. Ein Mann der Welt umfaßt mit seinem Geiste die Systeme der Sterne, mißt Bahnen, wiegt Schweren, zieht Grenzen den Welten und öffnet die Bücher des Urwesens: ein solcher Mann war Newton, der Brite.

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