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Johann Gottfried Seume: Obolen - Kapitel 16
Quellenangabe
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typemisc
authorJohann Gottfried Seume
booktitleProsaische und poetische Werke ? Siebenter Theil
titleObolen
publisherBerlin. Gustav Hempel
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Impertinenzen.

Dieser Aufsatz wurde zuerst veröffentlicht in der Zeitung für die elegante Welt, 1804, Nr. 151 u. 152. Das Wort Impertinenz ist wie viele andere bei Weitem nicht so schlimm, als es aussieht und als es der Schnack des sogenannten guten Tons gemacht hat; es heißt etymologisch weiter nichts als eine Sache, die nicht an ihrem rechten Orte steht; so wie das noch härtere Wort Insolenz weiter nichts bedeutet als eine Sache, die gewöhnlich nicht zu geschehen Pflegt. Wenn Jemand zu einem Andern sagt: » Vous êtes un impertinent!« muß dieser Andere ihn etwas durch die Lunge schießen oder stechen, oder er kann keine Uniform wieder anziehen und ad interim nicht sicher in einer Gesellschaft comme il faut erscheinen. Obgleich beide Wörter, Impertinenz und Insolenz, ursprünglich eben weiter nichts Schlechtes und höchstens nur einen Solöcismus des Lebens bezeichnen, so hat sie doch der Euphemismus der Gesellschaft schwer verpönt, und vielen feinen Leuten ist eine Impertinenz activ und Passiv weit schrecklicher als ein entschieden schlechter Streich. Auch wäre es leicht psychologisch zu bestimmen, warum eine Impertinenz mehr schmerzt als eine größere wirkliche Beleidigung, gegen die das Gesetz Genugthuung giebt. Man kann beide im Leben füglich als gleichbedeutend annehmen; beide beruhen auf Anmaßung und Geltendmachung falscher Vorzüge, die in den Augen der Vernünftigen durchaus kein gesellschaftliches Vorrecht geben können. Ueberhaupt ist ein gesellschaftliches Vorrecht in dem seinen Ton ein ebenso nichtiges Unding als ein politisches in dem gesunden Staatsrecht. Alles ist indessen nicht Impertinenz, was so aussieht; und es ist schon eine sehr große, Vieles ohne Fug dafür auszuschreien. Alles, was seinen vernünftigen Grund in den jedesmaligen Verhältnissen der Dinge hat, ist sehr pertinent, also gar keine Impertinenz.

Die Impertinenz ist eine feinere übermüthige Beeinträchtigung des moralischen Menschen, ohne daß der rechtliche deswegen in den Gesetzen der bürgerlichen Gesellschaft eine Sicherstellung hätte. Eine Impertinenz ist also mehr und weniger als eine wirkliche Beleidigung, die eine Injurienklage rechtlich macht: weniger vor den Gerichtsschranken, da die Absicht nicht liquid gemacht werden kann; mehr als boshafte Verachtung des moralischen Menschenwerths. Impertinenz ist meistens der schlimme Charakter aufschäumender junger Leute aller Stände oder solcher Männer, deren Geist nicht aus der Jugendgährung herauskommt. Hohnneckerei und Einschneiden, um sein Uebergewicht in irgend einem Punkt zum Verdruß Anderer fühlen zu lassen, ist das Wesen der Impertinenz. Es ist also nichts ärgerlicher als diese Aeußerung und zugleich zu allen Zeiten nichts gewöhnlicher, feiner und gröber. Es ist die Pleonexie in der Gesellschaft, die im Recht so viel Zerrüttung anrichtet. Jede Lage des Lebens und jeder sogenannte Vorzug haben eine eigene Impertinenz, die in der täglichen Gesellschaft manchen vernünftigen Genuß stört. Zu meiner eigenen Epanorthose und vielleicht zum Behuf Anderer, die mit mir zu epanorthosiren Lust haben, will ich mir die Freiheit nehmen, einige dieser Impertinenzen aufzuzählen, zu untersuchen und dadurch vielleicht etwas zur Abstellung derselben beizutragen.

Eine der gewöhnlichsten Impertinenzen ist wie bekannt die Impertinenz des Geldes. Diese ist eine der erträglichsten, weil sie meistens eine der gröbsten und dümmsten ist; denn Grobheit und Dummheit verschmerzt man immer an Andern am Ersten. Diese Impertinenz ist indessen nicht übel auf die fast allgemeine Feilheit der Menschen für Geld berechnet und kann, wenn sie nur etwas mit Schonung betrieben wird, sehr weit gehen, ohne ihr eigenthümliches Angesicht zu zeigen. Sie hat zuweilen sogar noch den Blick der Gutmüthigkeit, und man vergiebt es noch allenfalls einem reichen Manne, wenn er geschmacklos prächtig bewirthet und einem armen Teufel empfindlich bemerklich macht, daß man nur bei ihm so köstliche Weine, so gute Capern und so herrlichen Caviar finden könne, er solle sich also ohne Umstände gütlich thun. Freilich zieht sich ein etwas feinerer Mann sehr bald von einem solchen Tische zurück, wo er dergleichen Bemerkungen geflissentlich wiederholt hört, und sollte er auch zu Hause sich seine Kartoffeln selbst kochen. Aber sehr ärgerlich kann diese Impertinenz werden, wenn sie mit einem aufgeschossenen Glückspilz oder einem reichen Erben auf dem Fußstege der Chaussee reitet oder im prächtigen Wagen um die Ecken der Stadtstraßen jagt. Da die Polizei gewöhnlich sehr wenig gehörige Notiz von dieser Ungebühr zu nehmen Pflegt, so ist das Pertinenteste, immer einen tüchtigen Knotenstock oder eine wichtige Knotenpeitsche zu führen, um sein einfaches Knochensystem gegen das zusammengesetzte dieser Impertinenz zu sichern. Virginitate rapta Praetor non potest dare restitutionem in integrum;Man rechnet darauf, daß der Gemahl oder Hausfreund diese Worte der wißbegierigen Dame verständlich machen wird. das gilt auch, wenn ein Bein entzwei gefahren ist. Die Fußgänger verdienen ans dem sehr einfachen rechtlichen Grunde mehr Beachtung, weil sie sich verhalten wie 100 zu 1, und weil, wenn man es gründlich untersucht, eigentlich meistens die Fußgänger den Wagen ziehen und auf dem Gaule sitzen helfen. Die traurigsten Opfer dieser Geldimpertinenz sind die armen Handwerksleute, die man für die Kundschaft von einigen Goldstücken das ganze Jahr mit der gewissenlosesten Herabwürdigung behandelt.

Weit empfindlicher ist die Impertinenz des feinen Tons und des vornehmen Wesens. Diese sitzt für den geübten Bemerker meistens auf der Nase, am Mundwinkel, auf der Hutstülpe, in dem in die Halskrause begrabenen Kinne und in hundert andern Schattirungen der Personalität. Oft trifft man sie mit der vorigen zusammen sublimirt, und dann wird sie ein eignes Gemisch hervortretender anmaßlicher Geckerei. Sie füttert sich mit Modejournalen, weiß die Galatage, die neuen Schnitte, die geheimen Anekdoten, die Theatergeschichten, die feinern und geübtern Scandale und jeden Artikel des comme il faut an der Seine, der Themse, der Newa, der Spree und der Wien und macht daraus ein kleinstädtisches lächerliches Gemengsel. Dazu gehört nicht selten, daß die Muttersprache absichtlich geradbrecht und der halbfremde Schnack recht schnarrend vornehm durch die Nasengänge hervorgeschnürt wird. Wer den letzten Ball nicht kennt, keinen neuen Frack trägt, das letzte Vaudeville nicht weiß, keine Charade dreht und nicht mit der Schönheit des Tages getanzt oder doch wenigstens gesprochen hat, ist bei den Herren dieser Gilde ein jämmerlicher Wicht und wenig mehr als ein Hurone, der sehr zufrieden sein muß, wenn man ihn nur gar nicht bemerkt.

Weniger beleidigend, aber etwas abgeschmackter und lächerlicher ist die Impertinenz der Gelehrsamkeit. Es ist wol sehr ausgemacht, daß viele Gelehrte weit gescheiter sein würden, wenn sie nicht so viel Schule hätten; und Gelehrsamkeit ist oft gerade das Gegentheil von Verstand und Vernunft. Gelehrte Impertinenz ist etwas mehr als Pedanterei. Letztere ist meistens sehr gutmüthig, erstere fast immer nur ein frivoler Ausbruch des innern Juckens in einem halbgebildeten Gehirn, das übelgesammelte Galimathias aus Plato, Aristoteles und Consorten Leuten aufzutischen, die es entweder nicht brauchen können oder es besser wissen. Diese Impertinenz ist nicht selten sehr spruchreich aus den Alten und schleudert den classischen Donner anathematisch um sich her. Carcioma et stipes et fungus et si quid vilius istis, sind die Floskeln, mit denen sie einen Mann überstreuen, der sich vermessen hat, hie und da einige Midasohren mehr zu sehen, als in der Fabel stehen. Besonders ist einer Classe Philosophen Jeder ein hebes et obtussum ingenium, ein gemeiner Flachkopf, der die schibolethische Weisheit ihrer Quidditäten nicht ehrfurchtsvoll anstaunt und es wol gar wagt, sie in die kleine Dose Menschenverstandes durch die Sprache des gewöhnlichen Lebens aufzulösen. Zum Glück bekümmert sich um diese Art Impertinenz selten ein Mann, der den Schulstaub etwas abgeschüttelt hat, und sie findet sich jetzt auch in Journalen nur noch selten, da sie der einen Hälfte zu viel Aufwand kostet und die andere sie nur selten versteht.

Eine bittrere Impertinenz aber ist die Impertinenz des Witzes. Wenn Geld und hoher Ton, etwas Kenntnisse und vieler Witz ohne Gutmütigkeit zusammentreffen, welches wol zuweilen der Fall ist, entsteht daraus die impertinenteste Mischung zu einer wahren Seelenpest. Nichts ist schneidender als der Witz aus dem Kopfe eines lieblosen Spötters, wo er nicht selten wohnt. Je boshafter der Witz ist, desto ächter ist er meistens; denn desto entfernter und auffallender sind die Aehnlichkeiten, die er zusammenbringt. Nichts ist bekanntlich angenehmer und gefährlicher für alle Parteien als Witz; und es ist sehr schwer, daß ein Witzbold nicht bald impertinent oder gar unverschämt werden sollte. Hierher gehört aber keineswegs, wenn ein scharfsinniger Kopf sich mit sarkastischen Lakonismen für feinere boshafte Mißhandlungen rächt, gegen welche das geschriebene Gesetz keine Züchtigung hat bestimmen können. Die französischen Spießbürger hatten Piron etwas abderitisch beleidigt; er ging also in ihrer Gegend umher und schlug mit seinem Rohr allen Disteln die Köpfe herunter: » Je Leur coupe les vivres«, sagte er skeptisch, als man ihn um die Meinung seiner Beschäftigung fragte. Als allgemeine Strafe ist die Sentenz freilich nicht ganz ohne alle ungerechte Anmaßlichkeit; aber sie ging mit gerechtem Unwillen aus der Seele des Dichters hervor, wenn man anders Piron dafür gelten lassen will. Die Krankheit des Witzes ist der Kitzel; auf diesen folgt das Lachen, erst in der Seele des Urhebers selbst, dann bei den Hörern, wenn der Witz Sterling war. Aber eben dieser Kitzel bleibt selten in den Schranken schöner moralischer Schonung und kennt keinen Zügel mehr, wenn er einmal wie Phaëthon's Rosse den Sprung gewonnen hat. Er thut desto weher, da er meistens nur kleine Menschlichkeiten und Lieblingsschwachheiten trifft, die selten großen Einfluß auf das Leben haben. Verbrechen und Laster können nie blutig genug gegeißelt werden und fordern etwas mehr als Witz; für sie gehört Juvenalischer Zorn mit ewig tief brennender Beize.

Eine vorzüglich bösartige Impertinenz ist die Impertinenz der Würde, oder vielmehr des Amts. Man möchte freilich mit dem Amte sogleich auch gern Würde geben; es gelingt aber selten, und man hat dadurch das Wort nur mehrdeutig gemacht. Die Römer müssen bei aller ihrer Verworfenheit nie so frivol gewesen sein; denn ihr dignitas ist nie in einem zweideutigen Sinne gebraucht worden. Shakespeare's Hamlet zählt in seinem Selbstgespräch die Mißhandlungen von Leuten in der Würde ( the insults of office) zu den Qualen des Lebens, in denen nur die Ungewißheit der Zukunft die ausgestreckte Hand von dem spitzigen Instrument zurückzieht. Es ist leicht zu begreifen, daß ein Mann durch wiederholte Verdrießlichkeiten vielleicht ein sogenanntes Amtsgesicht erhält, das etwas Murrsinn auf der Stirne trägt; aber nur Halbbildung und Rohheit in den ersten Rechtsbegriffen kann das Unangenehme der Unterordnung härter machen, als es nach der Nothwendigkeit der Sache ist.

Mit ihr verwandt und in sie verschmolzen ist die Impertinenz der Macht, die sich oft weiter nicht viel um alten rechtlichen Anstand bekümmert, dictatorisch auf Büttel, Stock und Bajonnettspitze hinweist und die hirnlose Willkür jeder liberalen Rechtserörterung unterschiebt und noch glaubt, viel gethan zu haben, wenn sie das Ordnung nennt. Zur Ehre der bessern Menschheit muß man indessen doch bekennen, daß man diese letzten beiden Impertinenzen mehr bei Subalternen im Civil und Militär als bei Höheren antrifft. Der Corporal ist meistens willkürlicher als der General, und der Kanzelist schneidender und absprechender als der Minister. Das mag seine psychologischen Gründe haben, die man leicht auffinden könnte. Doch will ich nicht sagen, daß nicht zuweilen das Gegentheil eintrete. »Warum haben Sie das Schmähgedicht gemacht?« fragte der französische Großvezier den armen Wicht von Dichter. »Ich muß doch leben,« erwiderte der Schuldige »Je n'en vois pas la nécessité«, war die gräßliche Antwort. So schlecht auch die Rechtfertigung des Beleidigers war, so bin ich doch schon durch diesen einzigen Ausspruch des Ministers geneigt zu glauben, er konnte nicht genug mit beißiger Lauge begossen werden. Ein treffenderes Beispiel der Impertinenz des Amts und der Macht hat vielleicht die Geschichte nicht aufzuweisen; denn der Hirschtransport und die Verordnung »Hier soll das Volk rufen: Es lebe!« sind schöne Mäßigung dagegen. Blos die römische Geschichte hat einige noch empörendere Vorfälle unter den Kaisern; aber in Allem, was in Recht und Vernunft widersprechend ist, sind nun einmal Römer und Römlinge Koryphäen.

Hiermit schließe ich meine Impertinenzen; nicht als ob es nicht viel mehrere, feinere und gröbere gäbe, die man in hundert Färbungen alle Tage im Leben sieht, auf Börsen und in Rathshallen, in Vorzimmern und auf Exercirplätzen, auf Bällen und auf Marktplätzen. Durch Impertinenz des Witzes und des sogenannten guten Tons zeichnen sich vorzüglich die Franzosen aus; jetzt kommt noch die Macht hinzu. Die Russen stehen ihnen in beiden nicht sehr nach. Versteht sich, daß dieses nur viele Individuen trifft und die Nation nur insofern, als ein solches Individuum in wichtigen Geschäften einen Theil derselben mit sich zieht. Die Engländer sind das Prototyp der Impertinenz des Geldes und der Macht in Allem, was Seewesen und Handel betrifft; sonst sind sie leidlich bescheiden. Wir Deutsche haben zu wenig Feuer, um uns durch irgend eine Art Impertinenz vorzüglich auszuzeichnen, ausgenommen vielleicht in der schwerfälligen Impertinenz des Geldes und der Gelehrsamkeit. Die Periode der Adelsimpertinenz ist ziemlich vorbei, doch vielleicht nicht ohne Rückkehr. Verstand, Gerechtigkeit und Vernunft, oder mit einem Worte, Weisheit, können nicht als impertinent gedacht werden, sondern es ist ihre Natur, daß sie überall an ihrem Orte stehen; oder sie widersprechen sich selbst und sind also nicht mehr, wofür man sie gelten lassen will. Eben aus ihrer Entstellung entsteht nach und nach die Impertinenz. Gerechtigkeit muß erscheinen als Gesetz; das Gesetz ist oft einseitig oder wol gar falsch; also erzeugt seine Anwendung und Handhabung Druck der Einzelnen zum Vortheil der Einzelnen. Dieser, mit Uebermuth verfolgt, giebt die furchtbarste Höhnung der Gerechtigkeit selbst. Die übrigen Arten Impertinenzen wird jeder Verständige in seinem Gesichtskreise leicht auffinden, und wir wollen wünschen und hoffen, daß er sie seinerseits mit bekämpfen und entfernen helfen wird.

Eine der vorzüglichsten Ursachen, warum wir wol immer mit vielen Impertinenzen heimgesucht bleiben dürften, ist, weil sie den Weibern und Mädchen fast ohne Ausnahme gefallen, wenn sie selbst nur nicht zu sehr darunter leiden. Der Grund davon ist wol, weil jede Impertinenz einen hohen Grad von physisch üppiger Lebendigkeit und von Geistesübermuth voraussetzt; zwei Dinge, wodurch man, nach den wesentlichen Vorzügen des Geldes und der rhythmischen Nase nebst Zubehör, immer am Sichersten Credit bei dem Geschlecht gewinnt. Freilich hält das nicht sonderlich lange, aber auf Dauer wird hier nicht gerechnet. Schon ein ziemlich alter Engländer sagt psychologisch: »Every woman loves at heart a rake.« Ich habe mich also vielleicht unwillkürlich bei den Damen verwahrt, wenn ich – auch mit einer ziemlich wahren Impertinenz aufhöre.

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