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Iwan Gontscharow: Oblomow - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorIwan Gontscharow
titleOblomow
publisherAnaconda
year2010
isbn978-3-86647-478-9
firstpub1859
translatorHermann Röhl
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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VIII.

Nachdem Sachar hinter Tarantjew und Alexejew bei ihrem Weggehen die Tür zugemacht hatte, setzte er sich nicht auf die Ofenbank; denn er erwartete, daß der Herr ihn sogleich wieder rufen werde, weil er gehört hatte, daß dieser zu schreiben beabsichtigte. Aber in Oblomows Zimmer war alles still wie in einem Grabe.

Sachar sah durchs Schlüsselloch, und was erblickte er? Ilja Iljitsch lag auf dem Sofa und stützte den Kopf in die Hand; vor ihm lag ein Buch. Sachar öffnete die Tür.

»Warum liegen Sie denn wieder?« fragte er.

»Störe mich nicht; du siehst doch, daß ich lese!« antwortete Oblomow kurz.

»Es ist Zeit, daß Sie sich waschen und schreiben«, sagte der beharrliche Sachar.

»Ja, es ist wirklich Zeit«, erwiderte Ilja Iljitsch, zur Besinnung kommend. »Gleich; geh nur! Ich will nachdenken.«

»Wann hat er es nur fertig bekommen, sich wieder hinzulegen!« brummte Sachar, während er auf den Ofen sprang. »Ein flinker Mensch.«

Oblomow hatte die in der langen Zeit schon vergilbte Seite zu Ende gelesen, auf der er vor einem Monat seine Lektüre abgebrochen hatte. Er legte das Buch gähnend auf seinen Platz; dann vertiefte er sich in die unabweisbaren Gedanken über das »Unglück in zwiefacher Hinsicht«.

»Wie langweilig!« flüsterte er, indem er die Beine bald ausstreckte, bald an den Leib zog.

Er hatte große Lust, sich einer süßen Ruhe und angenehmen Träumereien zu überlassen; er wandte die Augen zum Himmel und suchte seine geliebte Sonne; aber sie hatte gerade ihren höchsten Stand erreicht und übergoß nur mit blendendem Glanze die Kalkwand des Hauses, hinter dem sie abends immer den Blicken Oblomows entschwand.

»Nein, zuerst die Arbeit«, sagte er streng zu sich selbst, »und dann . . .«

Der Morgen war nach ländlicher Lebensweise längst vorbei, nach Petersburger seinem Ende nah. An Ilja Iljitschs Ohr drang von draußen der vermischte Lärm menschlicher und nicht menschlicher Stimmen: der Gesang wandernder Künstler, der meist von Hundegebell begleitet wurde. Es kamen Leute, die allerlei Meergetier zeigten; alle möglichen Produkte wurden gebracht und mit verschiedenen Stimmen ausgeboten.

Er legte sich auf den Rücken und schob beide Hände unter den Kopf. Ilja Iljitsch beschäftigte sich mit der Ausarbeitung seines Planes für das Gut. Er durchlief schnell im Geiste einige wichtige grundlegende Paragraphen über den Pachtzins und über das Pflügen, dachte sich eine neue, strengere Maßregel gegen die Faulheit und das Vagabundieren der Bauern aus und ging dann zur Einrichtung seines eigenen Lebens auf dem Lande über.

Es beschäftigte ihn der Bau eines Gutshauses; er verweilte mit Vergnügen einige Minuten bei der Verteilung der Zimmer, bestimmte die Länge und die Breite des Speisezimmers und des Billardzimmers und überlegte, nach welcher Seite die Fenster seines Arbeitszimmers hinausgehen sollten; er dachte sogar an die Möbel und an die Teppiche.

Darauf errichtete er einige Nebengebäude, unter Berücksichtigung der Zahl der Gäste, die er aufzunehmen beabsichtigte, und bestimmte die Plätze für die Ställe, die Scheunen, die Gesindewohnungen und für anderweitige Baulichkeiten.

Endlich wandte er sich zum Garten: er beschloß, die alten Linden und Eichen alle so zu lassen, wie sie waren, die Apfel- und Birnbäume aber umhauen zu lassen und an ihrer Stelle Akazien zu pflanzen; er nahm auch schon einen Park in Aussicht; aber als er im Kopfe einen ungefähren Kostenanschlag machte, fand er, daß die Sache doch zu teuer würde, verschob dies auf eine andere Zeit und ging zu dem Blumengarten und den Treibhäusern über.

Hier leuchtete in seinem Kopfe der Gedanke an das künftige Obst mit solcher Lebhaftigkeit auf, daß er sich plötzlich um einige Jahre voraus auf das Gut versetzt sah, wenn dieses schon nach seinem Plane eingerichtet sein und er dann dauernd dort leben würde.

Er stellte sich folgendes vor: er sitzt an einem Sommerabende auf der Terrasse am Teetisch, unter dem für die Sonne undurchdringlichen Laubdache der Bäume, mit einer langen Pfeife, zieht träge den Rauch ein und genießt nachdenklich die Aussicht, die sich zwischen den Bäumen auftut, und die Kühle und die Stille. In der Ferne liegen die gelben Kornfelder; die Sonne senkt sich hinter das wohlbekannte Birkenwäldchen hinab und rötet den spiegelglatten Teich; von den Feldern steigt ein Dampf auf; es wird kühl; die Dämmerung bricht an, die Bauern kehren in Scharen nach Hause zurück.

Das Gesinde sitzt müßig am Tor; dort ertönen fröhliche Stimmen, Gelächter und Balalaikaspiel; die Mädchen spielen Haschen; um ihn selbst tollen seine Kleinen herum, klettern ihm auf die Knie, hängen sich an seinen Hals; beim Samowar sitzt sie, die Königin all dessen, was ihn umgibt, seine Göttin . . . ein Weib, seine Frau! Unterdessen aber sind in dem mit eleganter Einfachheit möblierten Speisezimmer freundliche Lichter angezündet und der große runde Tisch gedeckt worden; Sachar, der zum Haushofmeister befördert worden ist und schon einen vollständig ergrauten Backenbart hat, deckt den Tisch, stellt das lieblich tönende Kristallgeschirr darauf und legt das Silberzeug umher, wobei er alle Augenblicke bald ein Glas, bald eine Gabel auf die Erde fallen läßt; sie setzen sich zu dem opulenten Abendbrot hin; da sitzt auch sein Kamerad von der Kindheit her, sein unveränderlicher Freund Stolz, und andere, ihm sämtlich wohlbekannte Gäste. Nachher gehen sie schlafen . . .

Oblomows Gesicht wurde plötzlich von der Röte der Glückseligkeit übergossen: die Träumerei war so klar, so lebhaft und so poetisch, daß er auf einmal sein Gesicht dem Kissen zuwandte. Er empfand eine undeutliche Sehnsucht nach Liebe und stillem Glück, ein heißes Verlangen nach den Feldern und Hügeln seiner Heimat, nach seinem Hause, nach einer Frau und Kindern . . .

Nachdem er etwa fünf Minuten lang so mit dem Gesichte nach unten dagelegen hatte, drehte er sich wieder auf den Rücken. Sein Gesicht strahlte von einer sanften Rührung: er war glücklich.

Mit einem wonnigen Gefühle streckte er langsam die Beine aus, so daß sich dabei die Beinkleider ein wenig in die Höhe schoben; aber er beachtete diese kleine Unordnung nicht. Die gefällige Phantasie trug ihn in leichtem, freiem Fluge in eine ferne Zukunft.

Jetzt nahm ihn sein Lieblingsgedanke vollständig in Anspruch: er dachte an eine kleine Kolonie von Freunden, die sich in kleinen Dörfern und Farmen, in einer Entfernung von fünfzehn bis zwanzig Werst um sein Gut herum, ansiedeln werden. Dann werden sie täglich beieinander die Reihe herum zusammenkommen, Mittagbrot und Abendbrot essen und tanzen; ihm stehen lauter heitere Tage vor Augen, lauter heitere Gesichter, ohne Sorgen und Runzeln, lachende, runde Gesichter mit roter, gesunder Hautfarbe, mit Doppelkinn und mit nie versagendem Appetit; es wird ein ewiger Sommer, eine ewige Freude, ein wonniges Schmausen, ein süßes Nichtstun sein . . .

»O Gott, o Gott!« sagte er aus der Fülle der Seligkeit heraus und kam zur Besinnung.

Von draußen erscholl es fünfstimmig: »Kartoffeln!« – »Sand! Brauchen Sie keinen Sand?« – »Kohlen! Kohlen!« – »Barmherzige Herrschaften, spenden Sie etwas zum Bau eines Gotteshauses!« Und aus der Nachbarschaft, wo ein Haus neu gebaut wurde, hörte man das Pochen der Äxte und die Rufe der Arbeiter.

»Ach!« seufzte Ilja Iljitsch laut und schmerzlich. Und dann dachte er: »Was ist das für ein Leben! Wie gräßlich ist dieser großstädtische Lärm! Wann wird das ersehnte paradiesische Leben beginnen? Wann werde ich zu meinen heimatlichen Feldern und Wäldern zurückkehren? Könnte ich doch jetzt unter einem Baume im Grase liegen und durch die Zweige nach der Sonne blicken und zählen, wieviel Vögelchen auf den Zweigen umherspringen! Und da bringt einem eine rotbackige Magd mit nackten, runden, weichen Armen und sonngebräuntem Halse bald das Frühstück und bald das Mittagessen auf den Grasplatz heraus; sie schlägt die Augen nieder, die Schelmin, und lächelt . . . Wann wird diese Zeit nur endlich anbrechen? . . .«

»Aber der Plan! Aber der Dorfschulze! Aber die Wohnung!« sagte eine Stimme in seinem Gedächtnisse.

»Ja, ja!« antwortete Ilja Iljitsch eilig; »gleich, diesen Augenblick!«

Oblomow richtete sich schnell auf und setzte sich auf dem Sofa aufrecht hin; dann ließ er die Beine auf den Fußboden hinab, fuhr in beide Pantoffeln gleichzeitig hinein und blieb so eine Weile sitzen; dann stand er ganz auf und blieb so etwa zwei Minuten lang nachdenklich stehen.

»Sachar, Sachar!« rief er laut, indem er nach dem Tische und dem Tintenfasse hinblickte.

»Was ist denn da noch los?« hörte man mit dem Geräusche des Sprunges zugleich. »Meine Beine können mich kaum noch tragen«, fügte Sachar, heiser flüsternd, hinzu.

»Sachar!« wiederholte Ilja Iljitsch nachdenklich, ohne die Augen von dem Tische abzuwenden. »Sieh mal, Bruder . . .« begann er und zeigte dabei auf das Tintenfaß; aber ohne den Satz zu beenden, versank er wieder in seine Gedanken. Nun begannen sich seine Arme nach oben zu strecken; die Knie knickten ein; er fing an, sich zu recken und zu gähnen . . .

»Es war doch noch«, sagte er, sich immer noch reckend, in einzelnen Absätzen, »Käse übriggeblieben . . . und . . . gib mir Madeira; bis zum Mittagessen ist noch lange hin . . . da will ich jetzt ein bißchen frühstücken . . .«

»Wo soll welcher übriggeblieben sein?« antwortete Sachar. »Es ist nichts übriggeblieben . . .«

»Wie kannst du sagen, es sei nichts übriggeblieben?« unterbrach ihn Ilja Iljitsch. »Ich erinnere mich ganz genau: es war noch ein Stück von der Größe . . .«

»Nein, bewahre! Es ist kein Stück übriggeblieben!« wiederholte Sachar hartnäckig.

»Doch!« sagte Ilja Iljitsch.

»Nein!« antwortete Sachar.

»Na, dann kaufe welchen!«

»Geben Sie mir, bitte, Geld!«

»Da liegt kleines Geld; das nimm!«

»Hier ist nur ein Rubel und vierzig Kopeken; ich brauche aber einen Rubel und sechzig.«

»Da war auch noch Kupfer.«

»Ich habe keins gesehen«, sagte Sachar, von einem Bein auf das andere tretend. »Silber war da, und das liegt auch noch da; aber Kupfer war nicht da.«

»Doch, es war welches da; der Hausierer hat es mir selbst gestern in die Hand gegeben.«

»Ich bin dabei gewesen, als er Ihnen das Geld gab«, erwiderte Sachar. »Ich habe gesehen, daß er Ihnen Silber gab; aber Kupfer habe ich keins gesehen . . .«

»Hat es auch nicht am Ende Tarantjew weggenommen?« dachte Ilja Iljitsch zweifelnd. »Aber nein; der hätte auch das Silber genommen.«

»Also was ist denn noch zu essen da?« fragte er.

»Es ist nichts übriggeblieben. Höchstens vielleicht von dem gestrigen Schinken; ich muß mal Anisja fragen«, antwortete Sachar. »Soll ich den bringen?«

»Ja, bringe, was da ist. Aber wie geht es nur zu, daß nichts übriggeblieben ist?«

»Es ist eben nichts übriggeblieben«, versetzte Sachar und ging hinaus. Ilja Iljitsch aber ging langsam und nachdenklich im Zimmer auf und ab.

»Ja, ich habe viel Sorge und Mühe«, sagte er leise. »Zum Beispiel schon mit dem Plane – was werde ich mit dem noch für eine Unmenge von Arbeit haben! . . . Aber Käse war doch übriggeblieben«, fügte er nachdenklich hinzu; »den hat dieser Sachar aufgegessen, und nun sagt er, es sei keiner übriggeblieben! – Und wo sind nur die Kupfermünzen geblieben?« sagte er und fuhr mit der Hand auf dem Tische umher.

Nach einer Viertelstunde öffnete Sachar die Tür mit dem Präsentierbrett, das er in beiden Händen hielt, und wollte, nachdem er ins Zimmer hereingetreten war, die Tür mit dem Fuße wieder zumachen; aber er verfehlte sie und stieß in die leere Luft: es fiel ein Glas herunter und mit ihm zugleich noch der Stöpsel der Karaffe und eine Semmel.

»Du kannst doch nicht einen Schritt tun, ohne daß so etwas passiert!« sagte Ilja Iljitsch. »Na, dann hebe wenigstens auf, was du hingeworfen hast; aber er steht noch da und sieht es verwundert an!«

Mit dem Präsentierbrett in den Händen bückte sich Sachar, um die Semmel aufzuheben; aber als er sich niedergekauert hatte, bemerkte er plötzlich, daß er beide Hände voll hatte und die Semmel nicht aufheben konnte.

»Na, so hebe sie doch auf!« sagte Ilja Iljitsch spöttisch. »Was machst du denn? Woran liegt es?«

»Oh, hol' euch der Teufel, ihr verfluchten Dinger!« wandte sich Sachar wütend an die hingefallenen Gegenstände. »Wo hat man das aber auch jemals gehört, daß einer kurz vor dem Mittagessen noch frühstückt?«

Dann stellte er das Präsentierbrett hin und hob die heruntergefallenen Gegenstände vom Fußboden auf. Die Semmel bepustete er erst, ehe er sie auf den Tisch legte.

Ilja Iljitsch machte sich an sein Frühstück; Sachar aber stellte sich in einiger Entfernung von ihm hin, sah ihn von der Seite an und beabsichtigte anscheinend, etwas zu sagen.

Aber Oblomow frühstückte, ohne ihm die geringste Aufmerksamkeit zuzuwenden.

Sachar hustete ein paarmal.

Oblomow kümmerte sich auch darum nicht.

»Der Hausverwalter hat soeben wieder hergeschickt«, begann Sachar endlich zaghaft: »Der Baumeister ist bei ihm gewesen und hat gefragt, ob er nicht unsere Wohnung einmal ansehen könne. Es ist wegen des Umbaues . . .«

Ilja Iljitsch aß weiter, ohne ein Wort zu erwidern.

»Ilja Iljitsch!« sagte Sachar nach einem kurzen Stillschweigen noch leiser.

Ilja Iljitsch tat, als hörte er nicht.

»Er verlangt, daß wir in der nächsten Woche ausziehen«, fuhr Sachar heiser fort.

Oblomow trank ein Glas Wein und schwieg.

»Was sollen wir denn tun, Ilja Iljitsch?« fragte Sachar beinah flüsternd.

»Ich habe dir doch verboten, mit mir davon zu reden«, erwiderte Ilja Iljitsch in strengem Tone, stand auf und ging auf Sachar zu. Dieser wich vor ihm zurück.

»Was du für ein giftiger Mensch bist, Sachar!« fügte Oblomow empört hinzu.

Sachar fühlte sich beleidigt.

»Nun sehe einer an«, sagte er: »›Giftig!‹ Wieso soll ich giftig sein? Ich habe keinen Menschen gemordet.«

»Natürlich bist du giftig!« wiederholte Ilja Iljitsch. »Du vergiftest mir mein Leben!«

»Ich bin nicht giftig«, entgegnete Sachar hartnäckig.

»Warum setzt du mir denn mit der Wohnung zu?«

»Was soll ich denn machen?«

»Aber ich, was soll ich denn machen?«

»Sie wollten ja an den Hauswirt schreiben.«

»Na, ich werde auch an ihn schreiben; warte nur; so plötzlich geht das nicht!«

»Sie sollten jetzt gleich schreiben.«

»Jetzt gleich, jetzt gleich! Ich habe noch Wichtigeres zu tun. Du denkst wohl, das ist so wie Holzhacken? Eins, zwei, drei, und die Geschichte ist fertig? Da«, sagte Oblomow, indem er die trockene Feder im Tintenfaß umdrehte; »Tinte ist auch nicht da! Wie soll ich denn schreiben?«

»Ich werde sie sofort mit Kwaß anrühren«, sagte Sachar, nahm das Tintenfaß und lief hurtig ins Vorzimmer. Oblomow machte sich daran, Papier zu suchen.

»Auch Papier ist nicht da«, sagte er zu sich selbst, während er im Tischkasten herumwühlte und auf dem Tische herumtastete. »Nein, so geht das nicht! Ach, dieser Sachar: er verdirbt einem das ganze Leben!«

»Na, und du willst kein giftiger Mensch sein?« sagte Ilja Iljitsch zu dem wieder eintretenden Sachar. »Um nichts kümmerst du dich! Wie kommt es denn, daß wir kein Papier im Hause haben?«

»Was verhängen Sie da für eine Strafe über mich, Ilja Iljitsch? Ich bin ein Christ: warum schimpfen Sie mich: ›giftig‹? Da haben Sie ja einen schönen Ausdruck gefunden: ›giftig‹! Ich bin unter dem alten Herrn geboren und aufgewachsen; er hat mich manchmal ›Hund‹ geschimpft und an den Ohren gezogen; aber so ein Wort habe ich von ihm nicht zu hören bekommen; so etwas ist ihm nicht eingefallen! Das ist ja geradezu eine Sünde! Hier ist Papier, bitte!« Er nahm von einer Etage einen halben Bogen graues Papier und reichte ihn ihm hin.

»Kann man denn darauf schreiben?« fragte Oblomow und warf das Papier hin. »Damit decke ich mir immer zur Nacht mein Wasserglas zu, damit mir nicht etwas Giftiges hineinfällt.«

Sachar wandte sich ab und sah nach der Wand hin.

»Na, aber es tut nichts; gib es nur her; ich werde das Konzept darauf schreiben, und Alexejew kann es nachher ins Reine schreiben.«

Ilja Iljitsch setzte sich an den Tisch und schrieb schnell hin: »Sehr geehrter Herr!«

»Was für schauderhafte Tinte!« sagte er. »Pass' ein andermal besser auf, Sachar, und verrichte deine Obliegenheiten, wie es sich gehört!«

Er dachte ein wenig nach und begann zu schreiben.

»Die Wohnung, welche ich im zweiten Stock des Hauses innehabe, in welchem Sie einige bauliche Veränderungen vorzunehmen beabsichtigen, entspricht völlig meiner Lebensweise und den Gewohnheiten, welche ich mir infolge des langen Wohnens in diesem Hause angeeignet habe. Da ich durch meinen leibeigenen Diener Sachar Trosimow erfahre, daß Sie mir haben mitteilen lassen, daß die von mir gemietete Wohnung . . .«

Oblomow hielt inne und las das Geschriebene durch.

»Das ist ungeschickt«, sagte er. »Da steht zweimal hintereinander ›daß‹ und dort zweimal ›welcher‹.

Er flüsterte etwas vor sich hin und stellte die Worte um: nun kam es so heraus, daß sich »welcher« auf »Stock« bezog – was wieder unbeholfen war. Er korrigierte das, so gut es ging, und begann darüber nachzudenken, wie er das doppelte »daß« vermeiden könne. Bald strich er das Wort aus, bald schrieb er es wieder hin. Wohl dreimal stellte er das »daß« um; aber es kam entweder ein Unsinn heraus oder eine zu nahe Nachbarschaft mit dem andern »daß«.

»Daß ich dieses andere ›daß‹ auch gar nicht loswerden kann!« sagte er ungeduldig. »Ach was! Hol' der Teufel diesen ganzen Brief! Soll ich mir hier den Kopf über solche Lappalien zerbrechen? Ich bin es nicht mehr gewohnt, Geschäftsbriefe zu schreiben. Und jetzt ist es schon bald drei Uhr.«

»Sachar, da hast du es!« Er zerriß den Brief in vier Stücke und warf sie auf den Fußboden.

»Siehst du es?« fragte er.

»Ja, ich sehe es«, antwortete Sachar und sammelte die Papierfetzen auf.

»Also setze mir nicht mehr mit der Wohnung zu. Aber was hast du denn da?«

»Die Rechnungen.«

»Ach, du großer Gott! Du zermarterst mich ganz! Na, wieviel ist es denn? Sag' schnell!«

»Der Fleischer hat 84 Rubel 54 Kopeken zu bekommen.«

Ilja Iljitsch schlug vor Erstaunen die Hände zusammen.

»Hast du den Verstand verloren? Schon allein der Fleischer einen solchen Haufen Geld?«

»Sie haben drei Monate lang nicht bezahlt; da wird es eben ein Haufen! Hier steht es alles aufgeschrieben; Betrug ist nicht dabei!«

»Na, und Du willst kein giftiger Mensch sein?« sagte Oblomow. »Für eine Million Rindfleisch hat er gekauft! Ist denn dein Bauch eine Scheune, daß so viel hineingeht? Wenn ich nur wenigstens etwas davon gehabt hätte!«

»Ich habe es nicht aufgegessen«, antwortete Sachar grob.

»Nein, du hast es nicht gegessen!«

»Warum machen Sie mir mein bißchen tägliches Brot zum Vorwurf? Da, sehen Sie weiter!«

Und er hielt ihm die Rechnungen hin.

»Nun, wer hat denn noch etwas zu bekommen?« fragte Ilja Iljitsch und stieß die unsauberen Büchelchen ärgerlich von sich.

»Der Bäcker und der Gemüsehändler zusammen 121 Rubel 18 Kopeken.«

»Das ist ja mein Ruin! Das ist ja unerhört!« rief Oblomow ganz außer sich. »Bist du denn eine Kuh, daß du soviel Grünzeug zusammenfaßt?«

»Nein, ich bin ein giftiger Mensch!« bemerkte Sachar bitter und drehte sich so herum, daß er seinem Herrn nur die Seite zuwandte. »Wenn Sie Michei Andrejewitsch nicht so oft zu sich gelassen hätten, würde weniger herauskommen«, fügte er hinzu.

»Na, wieviel macht das alles zusammen? Rechne es mal aus!« sagte Ilja Iljitsch und fing selbst an zu rechnen.

Sachar stellte dieselbe Berechnung an den Fingern an.

»Weiß der Teufel, was da für ein Unsinn herauskommt: jedesmal etwas anderes!« sagte Oblomow. »Na. wieviel hast du denn heraus? Zweihundert, wie?«

»Warten Sie nur, lassen Sie mir Zeit!« antwortete Sachar brummend mit zusammengekniffenen Augen. »Acht Zehner und zehn Zehner sind achtzehn Zehner, und noch zwei Zehner . . .«

»Na, auf die Art wirst du im Leben nicht fertig«, sagte Ilja Iljitsch. »Geh auf dein Zimmer; die Rechnungen gib mir morgen und sorge für Papier und Tinte . . . So ein Haufen Geld! Ich habe doch gesagt, es soll in kleinen Posten bezahlt werden – aber nein, er will durchaus, daß alles auf einmal bezahlt wird . . . so ein Volk!«

»Zweihundertfünf Rubel zweiundsiebzig Kopeken«, sagte Sachar, der mit der Addition fertig geworden war. »Bitte, geben Sie mir das Geld!«

»Na, so was! Will er das Geld sofort haben! Warte noch: ich will die Rechnungen morgen prüfen . . .«

»Wie Sie wollen, Ilja Iljitsch; aber die Leute möchten ihr Geld haben . . .«

»Nun, nun, hör' nur auf! Ich habe gesagt: morgen; also wirst du es morgen bekommen. Geh auf dein Zimmer; ich werde arbeiten; ich habe wichtigere Sorgen.«

Ilja Iljitsch setzte sich auf einen Lehnstuhl, zog die Beine unter den Leib und wollte sich gerade seinen Gedanken überlassen, als die Klingel ertönte.

Es erschien ein Mann von kleiner Statur, mit einem mäßigen Bäuchlein, weißem Gesichte, roten Backen und einer Glatze, die im Nacken von dichten schwarzen Haaren wie von Fransen umgeben war. Diese Glatze war rund, rein und glänzte so, als wäre sie aus Elfenbein gedrechselt. Charakteristisch für das Gesicht des Besuchers war ein besorgter, prüfender Ausdruck allem gegenüber, was er ansah, ein zurückhaltender Blick, ein maßvolles Lächeln und ein diskreter, berufsmäßiger Anstand.

Er trug einen bequemen Frack, der sich fast schon bei einer bloßen Berührung weit und gemächlich wie ein Tor öffnete. Seine Wäsche war von einer so blendenden Weiße, als ob sie mit der Glatze harmonieren sollte. Am Zeigefinger der rechten Hand steckte ein dicker goldener Ring mit einem dunklen Stein.

»Doktor! Welcher glückliche Zufall führt Sie her?« rief Oblomow, streckte dem Gaste die eine Hand hin und zog mit der andern einen Stuhl heran.

»Es wurde mir langweilig, daß Sie immer gesund sind und mich nicht rufen lassen, und da bin ich von selbst hergekommen«, antwortete der Arzt scherzend. »Nein«, fügte er dann ernst hinzu, »ich war hier oben bei Ihrem Nachbar, und da wollte ich doch auch einmal zu Ihnen hereinschauen.«

»Sehr dankbar. Wie geht es denn dem Nachbar?«

»Wie soll es ihm gehen? Die Geschichte wird sich noch drei, vier Wochen, vielleicht auch bis zum Herbst hinziehen; aber dann . . . wird die Wassersucht in die Brust steigen: das bekannte Ende. Nun, und wie geht es Ihnen?«

Oblomow schüttelte traurig den Kopf

»Schlecht, Doktor. Ich habe selbst schon daran gedacht, Sie um Rat zu fragen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Mein Magen verdaut fast gar nicht; unter der Herzgrube fühle ich einen Druck; ich leide an quälendem Sodbrennen, das Atmen fällt mir schwer . . .« sagte Oblomow mit kläglicher Miene.

»Geben Sie Ihre Hand her!« sagte der Arzt, faßte den Puls und schloß eine Minute lang die Augen. »Husten Sie?« fragte er.

»Ja, des Nachts; besonders wenn ich zu Abend gegessen habe.«

»Hm! Haben Sie häufig Herzklopfen? Kopfschmerzen?«

Der Arzt stellte noch mehr Fragen ähnlicher Art; dann neigte er seine Glatze und dachte tief nach. Nach zwei Minuten hob er plötzlich den Kopf in die Höhe und sagte in entschiedenem Tone:

»Wenn Sie noch zwei, drei Jahre in diesem Klima leben, immer stilliegen und fette, schwere Sachen essen – so werden Sie am Schlagfluß sterben.«

Oblomow fuhr zusammen.

»Was soll ich denn tun? Belehren Sie mich, um Gotteswillen!« bat er.

»Dasselbe, was andere Leute tun: ins Ausland reisen.«

»Ins Ausland!« wiederholte Oblomow erstaunt.

»Ja; was ist dabei?«

»Aber ich bitte Sie, Doktor, ins Ausland! Wie wäre das möglich?«

»Warum soll es nicht möglich sein?«

Oblomow ließ schweigend seine Augen über seine eigene Gestalt, dann über sein Zimmer hingleiten und wiederholte mechanisch:

»Ins Ausland!«

»Was hindert Sie denn daran?«

»Welche Frage! Alles . . .«

»Wieso denn alles? Haben Sie kein Geld?«

»Ja, ja, ich habe wirklich kein Geld«, versetzte Oblomow lebhaft; er freute sich über dieses allernatürlichste Hindernis, hinter das er sich vollständig verschanzen konnte. »Sehen Sie nur einmal, was mir mein Dorfschulze schreibt . . . Wo ist der Brief nur? Wo habe ich ihn gelassen? Sachar!«

»Gut, gut«, sagte der Arzt. »Das ist nicht meine Sache; meine Pflicht ist, Ihnen zu sagen, daß Sie Ihre Lebensweise ändern müssen, Ihren Wohnort, die Luft, Ihre Beschäftigung – alles, alles.«

»Gut, ich werde es mir überlegen«, sagte Oblomow. »Wohin soll ich denn fahren, und was soll ich tun?« fragte er.

»Fahren Sie nach Kissingen oder nach Ems«, erwiderte der Arzt. »Verbringen Sie da den Juni und den Juli; trinken Sie Brunnen. Begeben Sie sich dann nach der Schweiz oder nach Tirol: machen Sie eine Traubenkur durch; verbringen Sie dort den September und Oktober . . .«

»Weiß der Teufel, wo ich überall hin soll; nach Tirol!« flüsterte Ilja Iljitsch kaum hörbar.

»Dann irgendwohin in eine trockene Gegend, zum Beispiel nach Ägypten . . .«

»Auch das noch!« dachte Oblomow.

»Verscheuchen Sie die Sorgen und Bekümmernisse . . .«

»Sie haben gut reden«, bemerkte Oblomow. »Sie bekommen keine solchen Briefe von einem Dorfschulzen . . .«

»Desgleichen müssen Sie das Denken vermeiden«, fuhr der Arzt fort.

»Das Denken?«

»Ja, geistige Anstrengung.«

»Und mein Plan für die Einrichtung des Gutes? Ich bitte Sie, bin ich denn ein gefühlloser Klotz?«

»Na, tun Sie, was Sie wollen! Meine Pflicht ist es nur, Sie zu warnen. Auch vor Leidenschaften müssen Sie sich hüten: sie schaden der Kur. Sie müssen sich zu zerstreuen suchen: durch Spazierritte, durch Tanzen, durch mäßige Bewegung in reiner Luft, durch angenehme Gespräche, namentlich mit Damen, damit das Herz leicht schlägt und nur infolge von angenehmen Empfindungen.«

Oblomow hörte ihm mit gesenktem Kopfe zu.

»Und ferner?« fragte er.

»Hüten Sie sich zu lesen oder zu schreiben: davor wolle Sie Gott bewahren! Mieten Sie sich eine Villa, deren Fenster nach Süden liegen: recht viel Blumen, Musik und Frauen müssen Sie um sich haben . . .«

»Und wie ist's mit der Nahrung?«

»Vermeiden Sie Fleischnahrung, überhaupt jede tierische Nahrung, auch mehlreiche und stark gewürzte Kost. Sie können leichte Bouillon und Gemüse genießen; nur nehmen Sie sich in acht: jetzt kommen fast überall Cholerafälle vor; also muß man recht vorsichtig sein . . . Gehen können Sie täglich acht Stunden. Schaffen Sie sich ein Gewehr an . . .«

»Herr Gott! . . .« stöhnte Oblomow.

»Und endlich im Winter«, schloß der Arzt, »fahren Sie nach Paris; zerstreuen Sie sich dort im Wirbel des Lebens, seien Sie nicht melancholisch: fahren Sie vom Theater auf einen Ball; besuchen Sie Maskeraden, machen Sie Landpartien und Visiten; Sie müssen Freunde und Lärm und Gelächter um sich haben . . .«

»Ist nicht sonst noch etwas nötig?« fragte Oblomow mit schlecht verhehltem Ärger.

Der Arzt dachte nach.

»Vielleicht würde Ihnen die Seeluft gut tun: setzen Sie sich in England auf einen Dampfer und fahren Sie nach Amerika hinüber . . .«

Er stand auf und schickte sich an, sich zu empfehlen.

»Wenn Sie das alles genau befolgen«, sagte er, »so . . .«

»Gut, gut, ich werde es unbedingt befolgen«, antwortete Oblomow bissig, während er ihn zur Tür begleitete.

Als der Arzt gegangen war, blieb Oblomow in einem ganz kläglichen Zustande zurück. Er schloß die Augen, legte beide Hände auf den Kopf, zog sich auf seinem Sessel zu einem Knäuel zusammen und saß so da, ohne nach etwas hinzublicken, und ohne etwas zu fühlen.

Hinter ihm ließ sich ein schüchterner Anruf vernehmen:

»Ilja Iljitsch!«

»Nun?« antwortete er.

»Was soll ich denn dem Hausverwalter sagen?«

»Worüber?«

»Nun, über das Umziehen.«

»Fängst du schon wieder damit an?« rief Oblomow erstaunt.

»Aber was soll ich denn tun, Väterchen Ilja Iljitsch? Sagen Sie selbst: mein Leben ist ja so schon ein recht trauriges; ich blicke in meinen Sarg hinein . . .«

»Nein, mich willst du offenbar in den Sarg bringen mit deinem Umzug«, sagte Oblomow. »Hör' mal, was der Arzt sagt!«

Sachar wußte nicht, was er noch sagen sollte; er seufzte nur so tief, daß die Enden seines Halstuches auf seiner Brust zitterten.

»Du hast wohl beschlossen, mich umzubringen, nicht wahr?« fragte Oblomow wieder. »Du bist meiner wohl überdrüssig geworden, he? Na, so rede doch!«

»Wie können Sie so etwas sagen? Möchten Sie lange und gesund leben! Wer wünscht Ihnen Übles?« brummte Sachar, den die tragische Wendung, die das Gespräch genommen hatte, ganz in Verwirrung brachte.

»Du!« antwortete Ilja Iljitsch. »Ich habe dir verboten, von dem Umzuge noch ein Wort zu sagen; aber es vergeht kein Tag, wo du mich nicht fünfmal daran erinnerst: das muß mir ja auf die Nerven fallen – begreife das doch! Mit meiner Gesundheit ist es so wie so schon nicht weit her!«

»Ich habe gedacht, gnädiger Herr, daß . . . warum sollten wir nicht umziehen? habe ich gedacht«, sagte Sachar mit einer Stimme, die vor innerer Aufregung zitterte.

»Warum sollten wir nicht umziehen! Du urteilst darüber so leichthin!« antwortete Oblomow und drehte sich mitsamt dem Lehnstuhl zu Sachar um. »Hast du das auch ordentlich überlegt, was das heißt: umziehen? He? Gewiß hast du das nicht überlegt?«

»Nein, so recht habe ich es nicht überlegt«, antwortete Sachar demütig, da er bereit war, seinem Herrn in allen Stücken beizustimmen, damit es nur nicht zu pathetischen Szenen käme, die ihm widerwärtiger waren als ein bitterer Rettich.

»Wenn du es nicht überlegt hast, so höre zu, und dann sage selbst, ob wir umziehen können oder nicht. Was bedeutet das: umziehen? Das bedeutet: der Herr soll auf einen ganzen Tag ausgehen und vom Morgen an vollständig angekleidet sein . . .«

»Was ist dabei, wenn Sie auch ausgehen?« versetzte Sachar. »Warum sollten Sie nicht einen ganzen Tag lang abwesend sein können? Es ist ja doch ungesund, immer zu Hause zu sitzen. Sehen Sie nur, wie kränklich Sie geworden sind! Früher waren Sie frisch und gesund wie eine Gurke; aber jetzt, wo Sie immer zu Hause sitzen, sehen Sie Gott weiß wie aus. Sie sollten auf den Straßen umhergehen und sich die Leute und sonst was ansehen . . .«

»Schwatz nicht solchen Unsinn, sondern höre!« sagte Oblomow. »Auf den Straßen umhergehen!«

»Ja, wirklich«, fuhr Sachar mit großem Eifer fort. »Da ist, wie es heißt, ein unerhörtes Wunderwesen hergebracht worden; das sollten Sie sich ansehen. Sie sollten ins Theater oder auf einen Maskenball gehen, und wir würden unterdessen hier in Ihrer Abwesenheit den Umzug bewerkstelligen.«

»Schwatz keine Torheiten! Du sorgst ja vortrefflich für die Ruhe deines Herrn! Deiner Meinung nach soll ich mich den ganzen Tag herumtreiben; es kümmert dich nicht, daß ich Gott weiß wo und wie zu Mittag esse und mich nach dem Mittagessen nicht zum Ausruhen hinlegen kann . . . In meiner Abwesenheit wollt ihr hier umziehen! Wenn man da nicht sehr vorsichtig ist, bringt man nur Trümmer in die neue Wohnung. Ich weiß«, fuhr Oblomow mit wachsender Sicherheit fort, »was so ein Umzug zu bedeuten hat! Das bedeutet Wirrwarr und Lärm; alle Sachen liegen in einem Haufen auf dem Fußboden: da ist ein Koffer und eine Sofalehne, und da sind Bilder und Tabakspfeifen und Bücher und Flaschen, die man zu anderer Zeit nie zu sehen kriegt, die aber nun, weiß der Teufel woher, zum Vorschein kommen! Da muß man seine Augen überall haben, damit die Sachen nicht verloren gehen oder zerbrochen werden . . . die eine Hälfte ist hier, die andere auf dem Möbelwagen oder in der neuen Wohnung: man möchte rauchen und nimmt die Pfeife zur Hand; aber der Tabak ist schon weggefahren. Man will sich hinsetzen; aber es ist nichts da, worauf man sich setzen könnte. Man mag anrühren, was man will, so macht man sich schmutzig; alles ist voll Staub; man kann sich nicht waschen und muß mit solchen Händen umhergehen wie deine . . .«

»Meine Hände sind rein«, bemerkte Sachar und zeigte seine Hände, die aber mit Schuhsohlen Ähnlichkeit hatten.

»Na, zeige sie mir nur gar nicht!« sagte Ilja Iljitsch, sich abwendend. »Und wenn man trinken will und nach der Karaffe greift, so ist kein Glas da . . .«

»Man kann auch aus der Karaffe trinken!« wandte Sachar treuherzig ein.

»Ja, bei euch kann man alles: man kann auch das Ausfegen unterlassen und das Staubwischen unterlassen und das Teppichklopfen unterlassen. Und in der neuen Wohnung«, fuhr Ilja Iljitsch fort, der sich selbst durch das ihm lebhaft vor Augen tretende Bild des Umzugs hinreißen ließ, »da kann man drei Tage lang keine Ordnung schaffen, nichts ist an seinem Platze: die Bilder stehen an den Wänden auf dem Fußboden; die Überschuhe liegen auf dem Bette; die Stiefel befinden sich in ein und demselben Bündel mit dem Tee und der Pomade. Wo man nur hinsieht, ist etwas beschädigt: da ist an einem Lehnstuhl ein Bein abgebrochen, da das Glas eines Bildes zerschlagen oder das Sofa voller Flecke. Wenn man nach etwas fragt, so ist es nicht da; niemand weiß, wo es ist; es ist entweder verlorengegangen oder in der alten Wohnung vergessen: da kann man dann dahin laufen . . .«

»Manchmal läuft man zehnmal hin und her«, unterbrach ihn Sachar.

»Da siehst du es selbst!« fuhr Oblomow fort. »Und wenn man in der neuen Wohnung am Morgen aufsteht, was ist das dann für eine verdrießliche Lage! Weder Wasser noch Kohlen sind da; und im Winter sitzt man so in der Kälte da, die Zimmer sind eisig, und Holz hat man nicht; da kann man dann laufen und sich welches borgen . . .«

»Und zu was für Nachbarn man manchmal durch Gottes Fügung hingerät«, bemerkte wieder Sachar; »von manchen bekommt man trotz allen Bittens nicht einmal einen Krug Wasser, geschweige denn eine Tracht Holz.«

»Das ist es eben!« sagte Ilja Iljitsch. »Wenn man am Abend den Umzug hinter sich hat, so könnte man glauben, die Mühsal hätte ein Ende: aber nein, man muß sich noch ein paar Wochen lang plagen. Man denkt, es ist alles in Ordnung gekommen; wenn man aber näher hinsieht, so fehlt immer noch dies und jenes: die Rouleaus sind noch nicht aufgehängt, die Bilder noch nicht angenagelt; man arbeitet sich rein zunichte, das ganze Leben wird einem verleidet . . . Und die Ausgaben, die Ausgaben . . .«

»Das vorige Mal, vor acht Jahren, hat es zweihundert Rubel gekostet; ich erinnere mich noch, als ob es heute wäre«, bestätigte Sachar.

»Na, siehst du, ist das etwa ein Spaß?« sagte Ilja Iljitsch. »Und wie unbehaglich fühlt man sich am Anfang in der neuen Wohnung! Wie lange dauert es, bis man sich daran gewöhnt! Ich werde fünf Nächte hindurch an dem neuen Orte nicht schlafen können; es wird mir traurig zumute werden, wenn ich morgens aufstehe und statt dieses Aushängeschildes des Drechslers etwas anderes mir gegenüber sehe; und wenn vor dem Mittagessen nicht diese alte Frau mit dem kurzgeschnittenen Kopfhaar aus dem Fenster heraussieht, dann werde ich das schmerzlich vermissen . . . Siehst du nun selbst ein, in welche unglückliche Lage du deinen Herrn bringen wolltest, ja?« fragte Ilja Iljitsch vorwurfsvoll.

»Ja, ich sehe es ein«, flüsterte Sachar demütig.

»Warum hast du mir denn geraten umzuziehen? Ist es denn menschenmöglich, das alles auszuhalten?«

»Ich dachte, daß doch andere Leute, die nicht schlechter sind als wir, umziehen, und daß wir es da auch könnten . . .« erwiderte Sachar.

»Was? Was?« fragte Ilja Iljitsch erstaunt und erhob sich halb von seinem Lehnstuhl. »Was hast du da gesagt?«

Sachar wurde plötzlich verlegen, da er nicht wußte, wodurch er seinem Herrn Anlaß zu einem so pathetischen Ausrufe und zu einer so aufgeregten Gebärde gegeben haben könne. Er schwieg.

»Andere Leute, die nicht schlechter sind!« wiederholte Ilja Iljitsch ganz entsetzt. »Da hast du dich einmal verschnappt! Jetzt weiß ich, daß ich für dich ganz dasselbe bin wie ›andere Leute‹!«

Oblomow verbeugte sich ironisch vor Sachar und machte ein höchst beleidigtes Gesicht.

»Aber ich bitte Sie, Ilja Iljitsch, stelle ich Sie denn mit jemand auf die gleiche Stufe?«

»Geh mir aus den Augen!« sagte Oblomow gebieterisch und wies mit der Hand nach der Tür. »Ich kann dich nicht sehen. Ah! ›andere Leute‹! Schön!«

Sachar entfernte sich mit einem tiefen Seufzer und ging nach seinem Zimmer.

»Ist das ein Leben, wenn man es so bedenkt!« brummte er, als er sich auf die Ofenbank setzte.

»Mein Gott!« stöhnte auch Oblomow, »da wollte ich nun den Vormittag der geschäftlichen Arbeit widmen, und nun ist mir für den ganzen Tag die Stimmung verdorben! Und wer hat das getan? Mein eigener Diener, mein ergebener, erprobter Diener; und was hat er gesagt! Wie konnte er das nur fertig bringen?«

Oblomow konnte sich lange Zeit nicht beruhigen; er legte sich hin, stand wieder auf, ging im Zimmer hin und her und legte sich wieder hin. Darin, daß Sachar ihn auf die Stufe »anderer Leute« herabgestellt hatte, sah er eine Verletzung seines Rechtes, auf Grund dessen Sachar die Person seines Herrn jedem andern Menschen unbedingt vorzuziehen hatte. Er drang in die Tiefe dieses Vergleiches ein und untersuchte, was eigentlich die »anderen Leute« seien, und was er selbst sei, inwieweit diese Parallele möglich und gerechtfertigt sei, und wie schwer die Beleidigung sei, die ihm Sachar zugefügt hatte; ferner, ob Sachar ihn mit Bewußtsein gekränkt habe, das heißt ob er wirklich die bestimmte Ansicht habe, daß er, Ilja Iljitsch, ganz dasselbe sei wie »andere Leute«, oder ob seine Zunge das nur so hingesprochen habe ohne Mitwirkung des Kopfes. Dies alles hatte Oblomows Selbstgefühl verletzt, und er beschloß, seinem Diener den Unterschied zwischen ihm, dem Herrn, und jenen Menschen, die Sachar unter der Bezeichnung »andere Leute« verstand, deutlich zu machen und ihm die ganze Schändlichkeit seines Benehmens zum Bewußtsein zu bringen.

»Sachar!« rief er in gedehntem, feierlichem Tone.

Als Sachar diesen Ruf hörte, sprang er nicht wie gewöhnlich mit Gepolter von der Ofenbank herunter und brummte nicht; er kroch langsam vom Ofen herab und ging, mit den Armen und den Seiten an alles anstoßend, nach dem Wohnzimmer hin, sachte und widerwillig wie ein Hund, der an der Stimme seines Herrn merkt, daß ein von ihm verübter Streich entdeckt ist und er vor Gericht gerufen wird.

Sachar öffnete die Tür halb, entschloß sich aber nicht dazu, einzutreten.

»Komm herein!« sagte Ilja Iljitsch.

Obwohl sich die Tür mit Leichtigkeit öffnen ließ, machte Sachar sie doch so auf, als könne er sich gar nicht hindurchquetschen, und blieb infolgedessen in der Tür eingeklemmt stehen, ohne hereinzukommen.

Oblomow saß auf dem Rande des Bettes.

»Komm hierher!« sagte er energisch.

Sachar machte sich mühsam aus der Tür frei, schloß sie aber sogleich hinter sich und lehnte sich mit dem Rücken eng gegen sie. »Hierher!« sagte Ilja Iljitsch und wies mit dem Finger auf eine Stelle neben sich. Sachar machte einen halben Schritt vorwärts und blieb ungefähr sechs Schritte von dem ihm angewiesenen Orte entfernt stehen.

»Noch näher!« sagte Oblomow.

Sachar tat, als ginge er, schaukelte aber nur hin und her, stampfte mit den Beinen und blieb an derselben Stelle.

Da Ilja Iljitsch sah, daß es ihm diesmal schlechterdings nicht gelingen werde, Sachar näher heranzulocken, so ließ er ihn dort, wo er stand, und sah ihn eine Weile schweigend und vorwurfsvoll an.

Sachar, der sich bei dieser schweigenden Musterung seiner Person unbehaglich fühlte, tat, als bemerke er seinen Herrn gar nicht, wandte ihm, während er so dastand, mehr als sonst je die Seite zu und warf in diesem Augenblick nicht einmal den sonst bei ihm üblichen schrägen Blick nach Ilja Iljitsch hin.

Er blickte hartnäckig nach der anderen Seite, nach links; dort sah er etwas, was er schon längst kannte: die fransenartigen Spinnweben an den Bildern, und in der Spinne sah er einen lebenden Vorwurf für seine Nachlässigkeit.

»Sachar!« sagte Ilja Iljitsch leise und würdevoll.

Sachar antwortete nicht: er schien zu denken: »Na, was willst du? Etwa einen anderen Sachar? Ich stehe ja hier!« und ließ seinen Blick, an dem Herrn vorbei, von links nach rechts wandern; dort erinnerte ihn der von dichtem Staube wie mit Musselin bedeckte Spiegel ebenfalls an seine eigene Person: durch den Staub hindurch blickte ihn wild und mürrisch wie aus einem Nebel sein eigenes finsteres, unschönes Gesicht an.

Unzufrieden wandte er seinen Blick von diesem traurigen, ihm nur zu wohlbekannten Gegenstande ab und entschloß sich, ihn für einen Augenblick auf Ilja Iljitsch zu richten. Ihre Blicke begegneten einander.

Sachar ertrug den Vorwurf nicht, der in den Augen seines Herrn lag, und schlug die seinigen nieder, so daß er nach seinen Füßen blickte: dort las er wieder auf dem von Staub und Flecken bedeckten Teppich ein trauriges Zeugnis über seinen Eifer im herrschaftlichen Dienste.

»Sachar!« wiederholte Ilja Iljitsch im Tone tiefer Empfindung.

»Was befehlen Sie?« flüsterte Sachar kaum hörbar und fuhr beinah zusammen, da er eine pathetische Rede ahnte.

»Gib mir Kwaß!« sagte Ilja Iljitsch.

Sachar fiel ein Stein vom Herzen; vor Freuden stürzte er flink wie ein Knabe nach dem Büfett hin und brachte den Kwaß.

»Nun, wie ist dir zumute?« fragte Ilja Iljitsch sanft, als er aus dem Glase getrunken hatte und es in der Hand hielt. »Doch wohl nicht gut?«

Der Ausdruck von Wildheit auf Sachars Gesicht milderte sich sofort durch einen in seinen Zügen aufleuchtenden Strahl von Reue. Sachar fühlte die ersten Symptome eines in seiner Brust erwachenden und an sein Herz heranrückenden Gefühles der Ehrfurcht vor seinem Herrn, und er begann plötzlich, ihm gerade in die Augen zu sehen.

»Bist du dir deines Vergehens bewußt?« fragte Ilja Iljitsch.

»Was soll das für ein ›Vergehen‹ sein?« dachte Sachar betrübt. »Wohl irgend etwas Klägliches; man fängt ja unwillkürlich an zu weinen, wenn er einen so vornimmt.«

»Aber, Ilja Iljitsch«, begann Sachar im tiefsten Tone seines Stimmregisters, »ich habe ja nichts gesagt, als daß . . .«

»Nein, warte noch!« unterbrach ihn Oblomow. »Verstehst du, was du getan hast? Hier, stelle das Glas auf den Tisch und antworte!«

Sachar antwortete nicht und verstand absolut nicht, was er getan haben sollte; aber das hinderte ihn nicht, voll Ehrfurcht auf seinen Herrn zu blicken; er senkte sogar schuldbewußt ein wenig den Kopf.

»Und du willst kein giftiger Mensch sein?« sagte Oblomow.

Sachar schwieg immer noch und zwinkerte nur dreimal heftig mit den Augen.

»Du hast deinen Herrn gekränkt!« sagte Ilja Iljitsch; er sprach jedes Wort einzeln aus, sah Sachar unverwandt an und weidete sich an dessen Verwirrung.

Sachar wußte nicht, wo er vor Verlegenheit bleiben sollte.

»Du hast mich ja doch gekränkt?« fragte Ilja Iljitsch.

»Ja, ich habe Sie gekränkt«, flüsterte Sachar, der bei diesem neuen »kläglichen« Worte alle Fassung verloren hatte. Er ließ seine Blicke nach rechts, nach links und geradeaus schweifen, indem er bei irgend etwas Rettung suchte, und wieder kamen ihm die Spinnweben und der Staub und sein eigenes Spiegelbild und das Gesicht des Herrn flüchtig vor Augen.

»Wenn mich doch die Erde verschlänge! Ach, daß der Tod für mich nicht kommen will!« dachte er, als er sah, daß, wie er sich auch drehen und wenden mochte, er einer pathetischen Szene doch nicht entgehen konnte. Und er fühlte, daß er immer häufiger mit den Augen zwinkern mußte und ihm jeden Augenblick die Tränen kommen konnten.

Endlich antwortete er dem Herrn mit einem bekannten Verse, nur in Prosa:

»Wodurch habe ich Sie denn gekränkt, Ilja Iljitsch?« sagte er beinah weinend.

»Wodurch du mich gekränkt hast?« erwiderte Oblomow. »Hast du wohl bedacht, was das bedeutet: ›ein anderer‹?« Er hielt inne und fuhr fort, Sachar anzusehen.

»Soll ich dir sagen, was das bedeutet?«

Sachar drehte sich hin und her wie ein Bär in seinem Lager und seufzte so, daß es durch das ganze Zimmer schallte.

»Der ›andere‹, den du meinst, ist ein elender, unglücklicher, grober, ungebildeter Mensch; er wohnt in einer schmutzigen, ärmlichen Dachkammer; oder er schläft auch auf einer Filzdecke im Freien. Was kann einem solchen Menschen Schlimmes widerfahren? Nichts. Er frißt Kartoffeln und Hering. Die Not treibt ihn von einem Winkel in den andern, und er läuft den ganzen Tag umher. Der zieht, wenn's nötig ist, auch nach einer andern Wohnung um. Zum Beispiel dieser Ljagajew, der nimmt sein Lineal unter den Arm, bindet seine zwei Hemden in ein Taschentuch und geht davon. Wenn man ihn fragt: ›Wo gehst du hin?‹ so antwortet er: ›Ich ziehe um.‹« Siehst du, so macht es der ›andere‹! Und ich bin deiner Ansicht nach so ein ›anderer‹, was?«

Sachar sah seinen Herrn an, trat von einem Beine auf das andere und schwieg.

»Was für ein Mensch ist der ›andere‹?« fuhr Oblomow fort. »Der ›andere‹, das ist ein Mensch, der sich selbst die Stiefel putzt und sich selbst ankleidet, wenn er auch manchmal wie ein Herr aussieht; aber das ist nur Schwindelei; er weiß nicht einmal, was überhaupt Dienerschaft ist; er hat niemand, den er schicken könnte; er läuft selbst, um das Nötige einzuholen; auch das Holz im Ofen rührt er selbst um; manchmal wischt er auch Staub . . .«

»Unter den Deutschen gibt es viele solche«, sagte Sachar finster.

»Ganz richtig! Aber ich? Was meinst du, bin auch ich so ein ›anderer‹?«

»Nein, Sie sind etwas ganz anderes!« sagte Sachar kläglich; er begriff immer noch nicht, was sein Herr eigentlich sagen wollte. »Gott weiß, was über Sie gekommen ist . . .«

»Ich bin etwas ganz anderes, wie? Warte, überlege mal, was du da sagst! Sieh einmal zu, wie der ›andere‹ lebt. Der ›andere‹ arbeitet, ohne müde zu werden, läuft umher, hastet sich ab«, fuhr Oblomow fort; »wenn er nicht arbeitet, ißt er auch nicht. Der ›andere‹ macht Bücklinge; der ›andere‹ bittet und erniedrigt sich . . . Aber ich? Na, sag' mal selbst: was meinst du: bin ich so ein ›anderer‹, ja?«

»Hören Sie doch auf, Väterchen, mich mit kläglichen Worten zu quälen!« flehte Sachar. »Ach, du mein Gott!«

»Ich soll ein ›anderer‹ sein! Renne ich etwa umher, arbeite ich etwa? Esse ich wenig, wie? Sehe ich mager oder jämmerlich aus? Habe ich etwa an irgend etwas Mangel? Ich meine, es ist jemand da, der mir alles zu reichen und alles für mich zu tun hat! Solange ich lebe, habe ich mir noch nie einen Strumpf auf das Bein gezogen, Gott sei Dank! Ich werde mir doch nicht damit Mühe machen; warum sollte ich das tun? Und wem sage ich das? Hast du mich nicht von meiner Kindheit an gepflegt? Du weißt das alles; du hast gesehen, daß ich zart und schonend erzogen bin, daß ich nie weder Kälte noch Hunger zu ertragen brauchte, keine Not gekannt, mir mein Brot nicht durch Arbeit erworben und mich überhaupt nicht mit grober Arbeit befaßt habe. Woher hast du also den Mut genommen, mich mit ›anderen Leuten‹ zu vergleichen? Besitze ich denn eine solche Gesundheit wie diese ›anderen‹? Kann ich etwa das alles tun und ertragen?«

Sachar hatte endgültig alle Fähigkeit verloren, Oblomows Rede zu verstehen; aber seine Lippen blähten sich vor innerer Erregung auf; die pathetische Szene donnerte wie ein Gewitter über seinem Haupte. Er schwieg.

»Sachar!« sagte Ilja Iljitsch noch einmal.

»Was befehlen Sie?« zischte Sachar kaum hörbar.

»Gib mir noch Kwaß!«

Sachar brachte den Kwaß und wollte, als Ilja Iljitsch getrunken und das Glas zurückgegeben hatte, flink wieder nach seiner Stube gehen.

»Nein, nein, bleib hier!« sagte Oblomow. »Ich frage dich: wie konntest du deinen Herrn so bitter kränken, den du, als er noch ein kleines Kind war, auf deinen Armen getragen hast, dem du dein Leben lang dienst, und der dir so viele Wohltaten erweist?«

Sachar konnte es nicht länger aushalten: die Worte »Wohltaten erweist« gaben ihm den letzten Stoß! Er begann immer häufiger zu zwinkern. Je weniger er verstand, was Ilja Iljitsch in so pathetischer Redeweise zu ihm sagte, um so trauriger wurde ihm zumute.

»Verzeihen Sie mir, Ilja Iljitsch«, begann er reuevoll mit seiner heiseren Stimme; »ich habe nur aus Dummheit, wirklich nur aus Dummheit . . .«

Aber da er nicht verstand, was er getan hatte, so wußte er nicht, welches Zeitwort er am Ende seines Satzes gebrauchen sollte.

»Ich aber«, fuhr Oblomow im Tone eines Menschen fort, der gekränkt und nicht nach Verdienst gewürdigt ist, »ich sorge mich Tag und Nacht und mühe mich ab; manchmal brennt mir ordentlich der Kopf und das Herz pocht mir nur so; ich schlafe nachts nicht, sondern wälze mich herum und denke immer darüber nach, wie es sich wohl am besten machen ließe . . . und worüber denke ich nach? Für wen mühe ich mich ab? Immer für euch, für die Bauern, also auch für dich. Wenn du manchmal siehst, wie ich mich mit dem Kopfe ganz unter die Bettdecke verkrieche, dann denkst du vielleicht, daß ich wie ein Klotz daliege und schlafe; nein, ich schlafe nicht; ich bin immer in diese Gedanken versunken, wie es einzurichten sei, daß die Bauern an nichts Not leiden, gegen Fremde keinen Neid empfinden, mich nicht am Jüngsten Tage mit Tränen bei Gott dem Herrn verklagen, sondern für mich beten und meiner im Guten gedenken!« schloß Oblomow mit bitterem Vorwurf.

Durch die letzten »kläglichen« Worte wurde Sachars Rührung eine endgültige. Er begann allmählich zu schluchzen; die zischenden, heiseren Laute flossen nun zu einem einzigen Tone zusammen, den es auf keinem Instrumente gibt, höchstens auf einem chinesischen Gong oder einem indischen Tamtam.

»Väterchen Ilja Iljitsch!« flehte er, »hören Sie auf! Was reden Sie da, um Gottes willen! Ach, du allerheiligste Muttergottes! Was für ein Unglück ist aus heiterem Himmel über uns hereingebrochen . . .«

»Du aber«, fuhr Oblomow, ohne auf ihn zu hören, fort, »du solltest dich schämen, so etwas zu sagen! Was habe ich da für eine Schlange an meinem Busen gewärmt!«

»Eine Schlange!« rief Sachar, schlug die Hände zusammen und brach in ein solches Geheul aus, als ob zwanzig Käfer ins Zimmer hereingeflogen wären und darin umhersummten. »Wann habe ich denn von einer Schlange gesprochen?« sagte er zwischen dem Schluchzen. »Nicht einmal geträumt habe ich jemals von einem so garstigen Tiere!«

Sie verstanden einander beide nicht mehr, und schließlich kam es dahin, daß keiner von beiden sich selbst mehr verstand.

»Wie hast du nur so etwas über deine Lippen bringen können?« fuhr Ilja Iljitsch fort. »Und ich habe noch in meinem Plane für ihn ein besonderes Haus bestimmt und einen Gemüsegarten und ein Getreidedeputat und habe ein Gehalt für ihn angesetzt! Du solltest mein Verwalter und mein Haushofmeister und mein Vertrauensmann in geschäftlichen Angelegenheiten sein! Die Bauern sollten sich tief vor dir verneigen und alle zu dir: ›Sachar Trosimowitsch‹ sagen, immer: ›Sachar Trosimowitsch!‹ Aber er ist immer noch nicht zufrieden und rechnet mich zu den ›anderen Leuten‹! Das ist der Lohn! In so schöner Weise ehrt er seinen Herrn!«

Sachar schluchzte immer noch, und auch Ilja Iljitsch selbst war gerührt. Während er Sachar Vorhaltungen machte, durchdrang ihn gleichzeitig das Bewußtsein der Wohltaten, die er den Bauern erwiesen hatte, und die letzten Vorwürfe brachte er mit zitternder Stimme und mit Tränen in den Augen heraus.

»Na, jetzt geh mit Gott!« sagte er in versöhnlichem Tone zu Sachar. »Warte, gib mir noch Kwaß! Die Kehle ist mir ganz trocken geworden: du hättest von selbst darauf kommen sollen, mir zu trinken zu geben; hörst du nicht, daß dein Herr heiser ist? Daran bist du schuld!«

»Ich hoffe, daß du dein Vergehen eingesehen hast«, sagte Ilja Iljitsch, als Sachar den Kwaß gebracht hatte, »und daß du in Zukunft deinen Herrn nicht wieder mit anderen Leuten auf eine Stufe stellen wirst. Um deine Schuld wieder gutzumachen, richte es irgendwie mit dem Hauswirt ein, daß ich nicht umzuziehen brauche. Da sieht man's, wie du dafür sorgst, daß dein Herr seine Ruhe hat: du hast mich ganz wirr gemacht und mich eines neuen nützlichen Gedankens beraubt. Und wem hast du damit geschadet? Dir selbst; denn euren Interessen habe ich mich vollständig gewidmet; um euretwillen habe ich den Abschied genommen und sitze hier eingeschlossen . . . Na, Gott verzeihe es dir! Da, es schlägt drei! Nur noch zwei Stunden bis zum Mittagessen; was kann man in zwei Stunden fertigbringen? Nichts. Und dabei habe ich eine Unmenge zu tun. In Gottes Namen, ich werde den Brief bis zur folgenden Post verschieben und den Plan morgen entwerfen. Na, jetzt aber werde ich mich ein bißchen hinlegen: ich bin ganz schwach geworden; laß die Rouleaus herunter und schließe mich fest ein, damit ich nicht gestört werde; vielleicht werde ich ein Stündchen schlafen; aber um halb fünf wecke mich . . .«

Sachar sperrte seinen Herrn im Wohnzimmer von der ganzen Welt ab; zuerst deckte er ihn selbst mit der Bettdecke zu und stopfte sie unter ihn herunter; dann ließ er die Rouleaus herab, schloß alle Türen fest zu und ging auf sein Zimmer. »Daß du verrecktest; so ein Waldteufel!« brummte er, während er sich die Tränenspuren abwischte und auf die Ofenbank hinaufstieg. »Der reine Waldteufel! Ein besonderes Haus, ein Gemüsegarten, ein Gehalt!« sagte Sachar, der nur die letzten Worte verstanden hatte. »Ja, klägliche Worte zu reden, das versteht er meisterlich: er schneidet einem ordentlich mit einem Messer ins Herz . . . Aber hier ist mein Haus und mein Gemüsegarten; hier werde ich mich auch einst zur letzten Ruhe ausstrecken!« sagte er und schlug grimmig auf die Ofenbank: »Ein Gehalt! Wenn ich mir nicht die Zehner und Fünfer aneignete, so hätte ich kein Geld, um mir Tabak zu kaufen und die Gevatterin zu traktieren! Hol' dich der Teufel! . . . Man möchte am liebsten tot sein!«

Ilja Iljitsch hatte sich auf den Rücken gelegt, schlief aber nicht sogleich ein. Er dachte und dachte und regte sich auf . . . »Ein Unglück und noch ein Unglück!« sagte er und wickelte sich bis über den Kopf in die Bettdecke ein. »Da soll einer widerstehen!«

Aber in Wirklichkeit hatte dieses doppelte »Unglück«, das heißt der unheilverkündende Brief des Dorfschulzen und der Umzug in die neue Wohnung, aufgehört, Oblomow zu beunruhigen, und war bereits lediglich in die Reihe der unbequemen Erinnerungen eingetreten.

»Die Nachteile, mit denen der Dorfschulze droht, liegen noch in weiter Ferne«, dachte er; »bis dahin kann sich noch vieles ändern: möglicherweise kommt Regen und verbessert das Getreide; vielleicht treibt der Dorfschulze die Rückstände noch ein; die entlaufenen Bauern ›werden nach dem Orte ihrer Ansässigkeit zurückgeschafft werden‹, wie er schreibt.«

»Und wohin sind sie gegangen, diese Bauern?« dachte er und vertiefte sich in eine mehr ästhetische Erörterung dieser Frage. »Wahrscheinlich sind sie in der Nacht davongegangen, in der Nässe, ohne Brot. Wo mögen sie nur geschlafen haben? Etwa im Walde? Da kann man sich doch gar nicht hinlegen! Im Bauernhause riecht es zwar garstig; aber es ist doch wenigstens warm . . .«

»Und wozu soll ich mich beunruhigen?« dachte er. »Bald wird ja auch mein Plan fertig sein, noch zur rechten Zeit – wozu soll ich mich vorher ängstigen? Ach, was bin ich doch für ein Mensch . . .«

Der Gedanke an den Umzug beunruhigte ihn etwas mehr. Dies war das neueste, letzte »Unglück«; aber in Oblomows ruheliebendem Geiste war auch diese Tatsache bereits ein Teil der Geschichte geworden. Allerdings sah er undeutlich voraus, daß der Umzug unvermeidlich sein werde, um so mehr, da Tarantjew sich in die Angelegenheit hineingemischt hatte; aber in Gedanken sagte er sich, daß dieses die Ruhe seines Lebens störende Ereignis doch erst in einer Woche stattfinden solle, und so hatte er schon eine ganze Woche der Ruhe gewonnen!

»Vielleicht wird Sachar sich Mühe geben, es so zu arrangieren, daß ich überhaupt nicht umzuziehen brauche; möglicherweise behilft sich der Hauswirt anderweitig und verschiebt den Umbau bis zum nächsten Sommer oder verzichtet ganz darauf: na, irgendwie wird es sich schon machen lassen! Es ist ja auch wirklich ein Ding der Unmöglichkeit, das Umziehen! . . .«

So regte Oblomow sich abwechselnd auf und beruhigte sich wieder und fand schließlich in diesen beruhigenden, beschwichtigenden Worten »möglicherweise«, »vielleicht« und »irgendwie« auch diesmal wie immer eine ganze Fülle von Hoffnungen und Tröstungen, wie sie die Bundeslade unserer Väter enthalten hatte, und wappnete sich im gegenwärtigen Augenblicke mit ihnen gegen das doppelte Unglück.

Schon lief eine leichte, angenehme Taubheit durch seine Glieder, umnebelte seine Gefühle und versenkte sie beinahe in Schlaf, so wie der erste leichte Frost die Oberfläche der Gewässer überzieht; noch ein Augenblick, und das Bewußtsein wäre ihm geschwunden; aber auf einmal kam Ilja Iljitsch zur Besinnung und öffnete die Augen.

»Aber ich habe mich ja noch nicht gewaschen! Was ist denn das? Und ich habe auch noch nichts getan«, flüsterte er. »Ich wollte meinen Plan zu Papier bringen und habe es nicht getan; an den Bezirkshauptmann habe ich nicht geschrieben, auch an den Gouverneur nicht; einen Brief an den Hauswirt habe ich angefangen, aber nicht beendet; die Rechnungen habe ich nicht durchgesehen und auch kein Geld herausgegeben – den ganzen Vormittag habe ich verloren!« Er wurde nachdenklich.

»Was ist denn das für ein Verhalten? Der ›andere‹ würde alles getan haben!« ging es ihm durch den Kopf. »Der ›andere‹, der ›andere‹! Was ist das für ein Mensch, der ›andere‹?«

Er vertiefte sich in einen Vergleich seiner eigenen Person mit dem »andern«. Er begann angestrengt nachzudenken: und jetzt bildete sich in seinem Kopfe eine Vorstellung heraus, die derjenigen vollständig entgegengesetzt war, welche er seinem Sachar von dem »andern« vorgetragen hatte.

Er mußte bekennen, daß der »andere« alle Briefe geschrieben haben würde, ohne daß »welcher« und »daß« durch ihre Wiederholung einander gestört hätten; der »andere« würde auch in eine neue Wohnung umziehen und den Plan fertigstellen und nach dem Gute hinfahren . . .

»Auch ich könnte ja das alles . . .« dachte er. »Ich verstehe ja, möchte ich meinen, auch zu schreiben; ich habe manchmal nicht bloß Briefe, sondern auch knifflichere Sachen geschrieben! Wo ist denn diese ganze Fähigkeit geblieben? Auch das Umziehen ist kein Kunststück. Man braucht nur zu wollen! Der ›andere‹ trägt auch nie einen Schlafrock«, fügte er noch zur Charakteristik des »anderen« hinzu. »Der ›andere‹« (hier gähnte er) »schläft fast gar nicht . . . Der ›andere‹ genießt das Leben, ist überall, sieht alles, hat Interesse für alles . . . Aber ich! ich . . . bin nicht ein ›anderer‹!« sagte er; er war traurig geworden und versank in tiefes Sinnen. Er machte sogar seinen Kopf von der Bettdecke frei. Es war einer der klaren Augenblicke der Selbsterkenntnis in Oblomows Leben gekommen.

Wie schrecklich wurde ihm zumute, als auf einmal in seiner Seele eine lebendige, klare Vorstellung von dem Schicksal und der Bestimmung des Menschen auftauchte, und als, wenn auch nur für einen Moment, sich ihm eine Parallele zwischen dieser Bestimmung und seinem eigenen Leben aufdrängte, und als in seinem Kopfe allerlei Lebensfragen eine nach der andern erwachten und unordentlich und ängstlich durcheinander flatterten wie Vögel, die ein plötzlicher Sonnenstrahl in einer schlummernden Ruine geweckt hat. Betrübend und schmerzlich war ihm seine mangelhafte Entwicklung, der Stillstand im Wachstum seiner geistigen Kräfte, die Schwerfälligkeit, die ihm in allem hinderlich war; und es nagte an ihm der Neid, daß andere so voll und großzügig lebten, ihm aber gleichsam ein schwerer Stein auf den schmalen, kläglichen Pfad seines Daseins geworfen war.

In seiner schüchternen Seele wurde er sich zu seiner Qual bewußt, daß viele Fähigkeiten seines Wesens nicht geweckt, andere kaum angeregt waren und keine einzige eine volle Ausbildung gefunden hatte.

Und dabei fühlte er mit tiefem Schmerze, daß in ihm wie in einem Grabe etwas Schönes und Lichtes, vielleicht jetzt schon Erstorbenes, verschüttet war oder wie Gold im Innern eines Berges lag, und daß dieses Gold schon längst in gangbare Münze hätte umgewandelt sein sollen.

Aber der Schatz war hoch und schwer mit Unrat und angeschwemmtem Schutt überhäuft. Es war, als hätte die ihm von der Welt und dem Leben geschenkten Kostbarkeiten jemand gestohlen und in seiner eigenen Seele vergraben. Es hinderte ihn etwas daran, auf das Meer des Lebens hinauszufahren und dort mit allen Segeln des Verstandes und Willens dahinzufliegen. Irgendein geheimer Feind hatte gleich zu Beginn des Weges seine schwere Hand auf ihn gelegt und ihn von dem geraden Pfade, der zur Bestimmung des Menschen führt, weit abseits geschleudert . . .

Und es scheint, daß er sich aus dem Dickicht und der Wildnis nicht mehr auf diesen geraden Pfad hinausarbeiten kann. Der Wald um ihn herum und in seiner Seele wird immer dichter und dunkler; der Pfad, auf dem er geht, verwächst immer mehr; das lichte Bewußtsein erwacht immer seltener und weckt die schlafenden Kräfte immer nur für einen Augenblick. Verstand und Wille sind längst gelähmt, und zwar, wie es scheint, unwiederbringlich.

Die Ereignisse seines Lebens haben sich zu mikroskopischen Dimensionen verkleinert; aber auch mit diesen Ereignissen kommt er nicht zurecht; er geht nicht von dem einen Ereignisse zum andern über, sondern wird von ihnen hin und her geschleudert, eine Welle nimmt ihn von der andern in Empfang; er ist nicht imstande, dem einen Ereignisse einen spannkräftigen Willen entgegenzustellen oder sich von einem andern in vernünftiger Weise hinreißen zu lassen.

Eine tiefe Traurigkeit überkam ihn bei dieser geheimen Beichte, die er vor sich selbst ablegte. Fruchtlose bedauernde Erinnerungen an die Vergangenheit und brennende Vorwürfe seines Gewissens verwundeten ihn wie Nadeln, und er bemühte sich mit aller Kraft, die Last dieser Vorwürfe von sich abzuwälzen, einen andern Schuldigen als sich zu finden und ihren Stachel auf diesen zu richten. Aber auf wen?

»An alledem . . . ist Sachar schuld!« flüsterte er.

Er erinnerte sich an die Einzelheiten der Szene mit Sachar, und auf seinem Gesichte flammte die glühende Röte der Scham auf.

»Aber wenn jemand das gehört hätte? . . .« dachte er, und dieser Gedanke machte ihn ganz starr. »Gott sei Dank, daß Sachar nicht versteht, es jemandem wiederzuerzählen; es würde ihm auch niemand glauben, Gott sei Dank!«

Er seufzte, verwünschte sich selbst, wälzte sich von einer Seite auf die andre, suchte einen Schuldigen, fand aber keinen. Sein Ächzen und Seufzen drang sogar bis an Sachars Ohr.

»Na, wie ihn der Kwaß aufgebläht hat!« brummte Sachar ärgerlich.

»Warum bin ich nur ein solcher Mensch?« fragte sich Oblomow beinah mit Tränen und verbarg wieder den Kopf unter die Bettdecke.

Nachdem er ohne Erfolg nach dem feindlichen Elemente gesucht hatte, das ihn seiner Meinung nach hinderte, so zu leben, wie es sich gehörte, und wie »andere Leute« lebten, seufzte er, schloß die Augen, und einige Minuten darauf begann der Schlummer wieder, sein Bewußtsein allmählich in Fesseln zu schlagen.

»Ich möchte . . . ebenfalls . . .« sagte er, mühsam mit den Augen zwinkernd, »so etwas tun . . . Hat mich denn die Natur so kümmerlich ausgestattet . . . Aber nein, Gott sei Dank . . . ich kann mich nicht beklagen . . .«

Darauf wurde ein beruhigender Seufzer vernehmbar. Oblomow ging von der Aufregung zu seinem normalen Zustande, dem Zustande der Ruhe und Apathie, über.

»Offenbar ist es nun einmal mein Schicksal so . . . Was soll ich da tun? . . .« flüsterte er kaum noch, da ihn der Schlaf überwältigte.

»Zweitausend Rubel Einnahme weniger . . .« sagte er auf einmal laut im Schlaf. »Gleich, gleich, warte noch . . .« und er wurde wieder halb wach.

»Aber . . . es wäre doch interessant zu wissen . . . woher ich . . . ein solcher Mensch bin . . .« flüsterte er wieder. Seine Lider hatten sich ganz geschlossen. »Ja, woher wohl? Wahrscheinlich . . . daher, daß . . .« er strengte sich an, zu Ende zu sprechen, vermochte es aber nicht.

So machte er die Ursache nicht ausfindig. Seine Zunge und seine Lippen erstarrten plötzlich mitten im Satze; der Mund blieb halb geöffnet, wie er gewesen war. Statt der Worte erscholl noch ein Seufzer, und darauf begann das gleichmäßige Schnarchen eines fest schlafenden Menschen zu ertönen. Der Schlaf hielt den langsamen trägen Strom seiner Gedanken an und versetzte ihn in einem Augenblicke in eine andere Periode, zu anderen Menschen, an einen anderen Ort, wohin ich und der Leser, ihm folgend, uns im nächsten Kapitel ebenfalls versetzen werden.

 

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