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Iwan Gontscharow: Oblomow - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/gontscha/oblomow/oblomow.xml
typefiction
authorIwan Gontscharow
titleOblomow
publisherAnaconda
year2010
isbn978-3-86647-478-9
firstpub1859
translatorHermann Röhl
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120612
modified20170607
projectida9997c9c
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VII.

Sachar war über fünfzig Jahre alt. Er war nicht mehr ein direkter Nachkomme jener russischen CalebsCaleb = treuer Diener, in Anlehnung an Walter Scotts Roman Die Braut von Lammermoor. Anm. d. Übers., die die Ritter der Bedientenstube ohne Furcht und Tadel genannt zu werden verdienten, ihren Herren gegenüber von einer bis zur Selbstverleugnung gehenden Ergebenheit waren, sich durch alle möglichen Tugenden auszeichneten und keine Laster hatten.

Dieser Ritter war einer mit Furcht und mit Tadel. Er gehörte zwei Perioden an, und beide hatten ihm ihren Stempel aufgeprägt. Von der einen hatte er die grenzenlose Ergebenheit gegen die Oblomowsche Familie geerbt, von der anderen, der späteren, die Raffiniertheit und die moralische Verderbtheit.

Obwohl er seinem Herrn leidenschaftlich ergeben war, verging doch nur selten ein Tag, ohne daß er ihn belogen hätte. Der Diener der alten Zeit pflegte seinen Herrn von Verschwendung und Unmäßigkeit zurückzuhalten; Sachar aber trank selbst gern mit seinen Freunden auf seines Herrn Kosten; der frühere Diener war keusch wie ein Eunuch; dieser aber lief immer zu einer verdächtigen Gevatterin. Jener verwahrte das Geld seines Herrn sicherer als ein Schrank; Sachar aber suchte bei jeder Ausgabe seinen Herrn um zehn Kopeken zu betrügen und eignete sich einen auf dem Tische liegenden Zehner oder Fünfer unfehlbar an. Desgleichen, wenn Ilja Iljitsch vergaß, Sachar das Geld abzufordern, das dieser bei einem Einkauf herausbekommen hatte, erhielt er es nie zurück.

Größere Summen stahl er nicht, vielleicht weil er seine Bedürfnisse nach Zehnkopekenstücken maß, oder weil er dabei abgefaßt zu werden fürchtete, jedenfalls nicht aus einem Übermaß von Ehrlichkeit.

Ein Caleb der alten Zeit wäre wie ein gut dressierter Jagdhund bei den ihm anvertrauten Eßwaren eher gestorben, als daß er sie angerührt hätte; dieser aber lauerte nur darauf, wie er auch das essen und trinken könne, was ihm nicht anvertraut war. Jener war nur darauf bedacht, daß sein Herr tüchtig aß, und betrübte sich, wenn der das nicht tat; dieser aber betrübte sich, wenn der Herr alles, was auf dem Teller lag, vollständig verzehrte.

Außerdem war Sachar ein Klatschmaul. In der Küche, im Kramladen und bei den Zusammenkünften am Haustor beklagte er sich alle Tage, er könne dieses Leben gar nicht ertragen; einen so schlechten Herrn habe es noch nie gegeben: er sei launisch und geizig und jähzornig; man könne es ihm auf keine Weise recht machen; kurz, es sei besser, tot zu sein als bei ihm zu leben.

Das tat Sachar nicht aus Bosheit und nicht in der Absicht, seinem Herrn zu schaden, sondern nur so zufolge einer Gewohnheit, die er von seinem Großvater und von seinem Vater geerbt hatte, auf den Herrn bei jeder geeigneten Gelegenheit zu schimpfen.

Aus Langerweile oder aus Mangel an anderweitigem Gesprächsstoff, oder um bei seiner Zuhörerschaft größeres Interesse zu erwecken, verbreitete er manchmal über seinen Herrn eine Unwahrheit.

»Meiner geht jetzt immer zu der und der Witwe«, sagte er mit seiner heiseren Stimme leise im Vertrauen: »gestern hat er ein Billett an sie geschrieben.«

Oder er erzählte, sein Herr sei ein solcher Kartenspieler und Trunkenbold, wie es noch nie einen auf der Welt gegeben habe; die ganzen Nächte hindurch, bis zum Morgen, dresche er Karten und trinke Branntwein.

Nichts davon war wahr: Ilja Iljitsch ging zu keiner Witwe, schlief nachts friedlich und rührte keine Karte an.

Sachar war unsauber. Er rasierte sich nur selten, und obgleich er sich die Hände und das Gesicht wusch, so schien es doch, als tue er nur so, wie wenn er sich wasche; auch hätte man ihn mit keiner Seife rein bekommen können. Wenn er ins Badehaus ging, so wurden seine schwarzen Hände nur für ein paar Stunden rot, dann aber wieder schwarz.

Er war sehr ungeschickt: wenn er das Haustor oder eine Tür öffnen wollte, so öffnete er den einen Flügel, und der andere ging dabei zu; lief er dann zu diesem hin, so schloß sich der erste wieder.

Nie hob er ein Taschentuch oder einen andern Gegenstand mit einem Male vom Fußboden auf, sondern bückte sich immer ungefähr dreimal, wie wenn er es haschen wollte, frühestens beim vierten Mal hob er es auf und ließ es mitunter dann noch einmal wieder hinfallen.

Wenn er eine größere Menge Geschirr oder anderer Dinge durch das Zimmer trug, so begannen gleich vom ersten Schritte an die obersten Gegenstände auf den Fußboden zu fallen. Zuerst fiel einer herunter; er machte plötzlich eine verspätete nutzlose Bewegung, um ihn am Fallen zu hindern, und ließ dabei noch zwei hinfallen. Verwundert den Mund aufsperrend, sah er nach den fallenden Gegenständen hin und nicht nach denen, die er noch in den Händen hatte, und hielt infolgedessen das Präsentierbrett schief, so daß immer noch mehr Gegenstände herunterrutschten, – und auf diese Art brachte er manchmal nur ein einziges Glas oder einen einzigen Teller an das andere Ende des Zimmers, und manchmal warf er schimpfend und fluchend auch noch das letzte Stück, das er in den Händen behalten hatte, absichtlich auf den Boden.

Wenn er durch das Zimmer ging, so stieß er bald mit dem Fuße, bald mit der Seite an einen Tisch oder an einen Stuhl; nicht immer traf er geradewegs in den offenstehenden Türflügel hinein, sondern stieß mit der Schulter an den andern und schimpfte dabei auf die beiden Türflügel oder auf den Hauswirt oder auf den Zimmermann, der die Tür gemacht hatte.

In Oblomows Wohnzimmer waren fast alle Gegenstände zerbrochen oder zerschlagen, namentlich die kleinen, die eine behutsame Behandlung verlangten, – und alles von Sachars Gnaden. Er brachte seine Fähigkeit, einen Gegenstand in die Hand zu nehmen, bei allen Gegenständen in gleicher Weise zur Anwendung, ohne in der Art der Behandlung zwischen dem einen und dem andern einen Unterschied zu machen.

Wenn ihm zum Beispiel befohlen wurde, eine Kerze zu putzen oder Wasser in ein Glas zu gießen, so verwandte er darauf soviel Kraft, wie zum Öffnen des Haustores erforderlich war.

Wehe, wenn Sachar von einem Eifer, es dem Herrn recht zu machen, ergriffen wurde und auf den Einfall geriet, alles aufzuräumen, zu reinigen, zurechtzustellen und alles flink und mit einem Male in Ordnung zu bringen! Die Beschädigungen und Zerstörungen nahmen dann gar kein Ende: ein feindlicher Soldat, der in das Haus eingedrungen wäre, hätte kaum soviel Unheil anrichten können. Es begann ein Zerbrechen und Hinwerfen der verschiedenen Gegenstände, ein Zerschlagen des Geschirrs, ein Umwerfen der Stühle; und das Ende vom Liede war, daß er aus dem Zimmer gejagt werden mußte oder von selbst schimpfend und fluchend hinausging.

Zum Glück wurde er nur selten von einem solchen Eifer ergriffen.

Alles dies kam natürlich daher, daß er nicht in der Enge und dem Halbdunkel eleganter, luxuriöser möblierter Wohnzimmer und Boudoirs, wo alles mögliche herumsteht, seine Erziehung empfangen und sich seine Manieren angeeignet hatte, sondern auf dem Lande, in aller Ruhe, in weitem Raume und in freier Luft.

Dort hatte er sich daran gewöhnt, an massiven Gegenständen seinen Dienst zu tun, ohne sich in seinen Bewegungen irgendwelchen Zwang aufzuerlegen; er hatte immer mit kräftigen, haltbaren Werkzeugen hantiert, wie zum Beispiel mit Schaufeln, Brechstangen, eisernen Türklinken und solchen Stühlen, die man nicht umstößt.

Manche Dinge, ein Leuchter, eine Lampe, ein transparentes Bild, ein Briefbeschwerer, befanden sich drei, vier Jahre lang auf ihrem Fleck, ohne daß ihnen etwas passiert wäre; kaum nahm er sie in die Hand, da waren sie auch schon zerbrochen.

»Ach«, sagte er dabei manchmal erstaunt zu Oblomow.

»Sehen Sie nur mal, gnädiger Herr, wie seltsam: ich habe das Ding nur in die Hand genommen, und da ist es gleich entzweigegangen!«

Oder aber er sagte überhaupt nichts, sondern stellte den betreffenden Gegenstand heimlich so schnell wie möglich wieder auf seinen Fleck und suchte nachher dem Herrn einzureden, daß dieser ihn selbst zerbrochen habe. Manchmal rechtfertigte er sich auch, wie wir das am Anfange unserer Erzählung gesehen haben, mit der Ausrede, auch so ein Ding müsse endlich einmal ein Ende nehmen, selbst wenn es von Eisen sei; ewig könne es nicht dauern.

In den beiden ersten Fällen war es noch möglich, mit ihm zu streiten; aber wenn er sich im Notfalle hinter das letzte Argument verschanzte, dann war jeder Widerspruch nutzlos, und er behielt ohne Appellation Recht.

Sachar hatte sich ein für allemal einen bestimmten Wirkungskreis abgegrenzt, den er freiwillig nie überschritt.

Er stellte morgens den Samowar auf, putzte die Stiefel und reinigte diejenigen Kleider, die der Herr verlangte, aber beileibe nicht diejenigen, die er nicht verlangte, und wenn sie zehn Jahre lang dahingen.

Dann fegte er (aber nicht jeden Tag) die Mitte des Zimmers aus, ohne in die Ecken einzudringen, und wischte nur von demjenigen Tische den Staub ab, auf welchem nichts lag, damit er nicht irgendwelche Gegenstände wegzunehmen brauchte.

Darauf hielt er sich dann bereits für berechtigt, auf der Ofenbank zu druseln oder mit Anisja in der Küche und mit anderen Dienstboten am Haustore zu schwatzen, ohne sich um etwas weiter zu kümmern.

Wenn ihm befohlen wurde, über dieses Pensum hinaus etwas zu tun, so erfüllte er den Befehl nur ungern, nachdem er darüber hin und her gestritten und die Zwecklosigkeit des Befehles oder die Unmöglichkeit seiner Ausführung zu beweisen gesucht hatte.

Durch kein Mittel ließ er sich dazu bringen, in den Kreis der Beschäftigungen, die er für sich festgesetzt hatte, eine neue ständige Tätigkeit aufzunehmen.

Wenn ihm befohlen wurde, etwas zu reinigen, abzuwaschen oder dies fortzutragen und jenes zu bringen, so führte er den Befehl gewöhnlich mit Gebrumm aus; aber wenn jemand verlangte, daß er nachher dasselbe dauernd tun solle, so war das von ihm schlechterdings nicht zu erreichen.

Am zweiten und dritten Tage mußte man ihm dasselbe aufs neue befehlen und sich mit ihm aufs neue in unerquickliche Erörterungen einlassen.

Trotz alledem, das heißt obwohl Sachar gern trank, klatschte, seinem Herrn Fünfer und Zehner wegnahm, allerlei Dinge zerbrach und zerschlug und faul war, ergab sich dennoch als Gesamtresultat, daß er ein seinem Herrn tief ergebener Diener war.

Er hätte sich keinen Augenblick bedacht, für ihn ins Feuer oder ins Wasser zu gehen, ohne daß er dies für eine Großtat gehalten hätte, die der Bewunderung oder irgendwelcher Belohnungen würdig gewesen wäre. Er sah das als etwas Natürliches an, das gar nicht anders sein könne, oder, richtiger gesagt, er dachte überhaupt nichts darüber, sondern handelte so ohne alle Überlegungen.

Theoretische Ansichten über diesen Gegenstand hatte er keine. Es kam ihm nie in den Sinn, über seine Gefühle gegen Ilja Iljitsch und seine Beziehungen zu ihm eine Untersuchung anzustellen; er hatte diese Gefühle und Beziehungen nicht selbst erfunden, sondern sie von seinem Vater, seinem Großvater, seinen Brüdern und dem Gesinde, in dessen Mitte er geboren und aufgewachsen war, übernommen, und sie waren ihm in Fleisch und Blut übergegangen.

Sachar wäre für seinen Herrn gestorben, weil er das für seine unweigerliche, angeborene Pflicht hielt, und hätte sich sogar, ohne sich irgendwelche Gedanken darüber zu machen, für ihn in den Tod gestürzt, gerade wie ein Hund beim Zusammentreffen mit einem wilden Tier im Walde sich auf dieses stürzt, ohne darüber nachzudenken, warum er sich auf dasselbe stürzen muß und nicht sein Herr.

Andrerseits, wenn es zum Beispiel notwendig gewesen wäre, die ganze Nacht am Bette des Herrn aufzusitzen, ohne ein Auge zu schließen, und davon die Gesundheit oder gar das Leben des Herrn abgehangen hätte, wäre Sachar sicher eingeschlafen.

Äußerlich bekundete er nicht nur keinen sklavischen Respekt vor seinem Herrn, sondern war sogar im Verkehr mit ihm grob und familiär, wurde über ihn um jeder Kleinigkeit willen ernstlich ärgerlich und verleumdete ihn sogar, wie schon gesagt, am Haustore. Aber dennoch wurde dadurch das echte verwandtschaftliche Gefühl seiner Ergebenheit, nicht gegen Ilja Iljitsch speziell, sondern gegen alles, was den Namen Oblomow trug und ihm deshalb lieb und wert war, nur vorübergehend verdunkelt, aber ganz und gar nicht verringert.

Vielleicht stand dieses Gefühl sogar im Widerspruch zu Sachars eigener Ansicht über Oblomows Persönlichkeit; vielleicht rief die Kenntnis des Charakters seines Herrn bei Sachar andere Ansichten hervor. Wahrscheinlich würde Sachar, wenn man ihn über den Grad seiner Anhänglichkeit an Ilja Iljitsch belehrt hätte, dies bestritten haben.

Sachar liebte Oblomowka wie die Katze den Dachboden, wie das Pferd den Stall, wie der Hund die Hütte, in der er geboren und aufgewachsen ist. Innerhalb der Sphäre dieser Anhänglichkeit hatten sich bei ihm besondere persönliche Empfindungen herausgebildet.

Zum Beispiel liebte er den Oblomowschen Kutscher mehr als den Koch, die Viehmagd Warwara mehr als diese beiden, Ilja Iljitsch aber weniger als diese alle; aber trotzdem stand der Oblomowsche Koch in seinen Augen hoch über allen andern Köchen der Welt und Ilja Iljitsch hoch über allen andern Gutsbesitzern.

Den Schankwirt Taraska konnte er nicht leiden; aber er hätte diesen Taraska nicht für den besten Menschen in der ganzen Welt hingegeben, nur deswegen, weil Taraska ein Oblomowkaer war.

Er verkehrte mit Oblomow in familiärem, grobem Tone, gerade wie ein Schamane seinen Götzen grob und familiär behandelt: er fegt ihn ab, läßt ihn hinfallen, schlägt ihn vielleicht sogar mitunter im Ärger; aber in seiner Seele bleibt doch dauernd das Bewußtsein bestehen, daß dieser Götze ein höheres Wesen ist als er selbst.

Der geringste Anlaß genügte, um dieses Gefühl aus Sachars tiefstem Herzensgrunde ans Licht zu rufen und ihn dazu zu bringen, daß er seinen Herrn mit Ehrfurcht betrachtete und manchmal sogar vor Rührung in Tränen ausbrach. Er war weit davon entfernt, irgendeinen andern Herrn über den seinigen oder auch nur mit diesem auf eine Stufe zu stellen! Und wehe jedem, der sich hätte in den Sinn kommen lassen, dies zu tun!

Sachar blickte auf alle andern Herren, die Oblomow besuchten, etwas von oben herab und bediente sie, reichte ihnen Tee und so weiter mit einer Art von Herablassung, wie wenn er ihnen zu verstehen geben wollte, welche Ehre sie dadurch genössen, daß sie sich bei seinem Herrn befänden. Er pflegte sie grob abzuweisen: »Der Herr schläft«, sagte er, indem er den Ankömmling hochmütig vom Kopfe bis zu den Füßen musterte.

Manchmal begann er statt der Klatschereien und Verleumdungen auf einmal in den Kramläden und bei den Zusammenkünften am Haustore Ilja Iljitsch maßlos zu loben und konnte dann in seiner Begeisterung gar kein Ende finden. Er fing plötzlich an, die vortrefflichen Eigenschaften seines Herrn aufzuzählen, seinen Verstand, seine Freundlichkeit, seine Freigiebigkeit und seine Herzensgüte; und wo es seinem Herrn an geeigneten Eigenschaften für einen solchen Panegyrikus mangelte, borgte er sie von anderen und legte ihm Vornehmheit, Reichtum oder außerordentlichen Einfluß bei.

Wenn er den Hausknecht, den Hausverwalter oder sogar den Hauswirt selbst einschüchtern wollte, tat er dies immer dadurch, daß er seinen Herrn ins Treffen führte: »Warte nur, ich werde es meinem Herrn sagen«, sagte er in drohendem Tone; »dann wirst du's schon kriegen!« Eine höhere Autorität erkannte er auf der ganzen Welt nicht an.

Aber das äußerliche Verhältnis Oblomows und Sachars hatte immer gewissermaßen einen feindseligen Charakter. Bei ihrem Zusammenleben waren sie einer des anderen überdrüssig geworden. Wenn zwei Menschen täglich in naher Berührung miteinander sind, so gestaltet sich das Verhältnis nicht ohne das Zutun eines jeden von ihnen gut: es ist von der einen und von der andern Seite viel Lebenserfahrung, korrektes Denken und Herzenswärme erforderlich, um nur die trefflichen Eigenschaften des andern mit Genuß zu empfinden, durch die beiderseitigen Fehler aber weder den andern zu verletzen noch sich verletzen zu lassen.

Ilja Iljitsch kannte schon Sachars einzige gute Eigenschaft, daß er ihm grenzenlos ergeben war, war an sie gewöhnt und glaubte seinerseits ebenfalls, das könne und dürfe gar nicht anders sein; da er sich nun an diese gute Eigenschaft ein für allemal gewöhnt hatte, so hatte er an ihr keine besondere Freude mehr; dagegen konnte er, trotz seiner Gleichgültigkeit gegen alles, die unzähligen kleinen Fehler Sachars nicht mit Geduld ertragen.

Wie Sachar trotz der den Dienern der alten Zeit eigenen Ergebenheit, die er in der Tiefe seiner Seele gegen seinen Herrn hegte, sich von diesen durch neuzeitliche Fehler unterschied, so empfand seinerseits auch Ilja Iljitsch, wiewohl er innerlich die Ergebenheit seines Dieners zu schätzen wußte, gegen ihn nicht mehr jene freundschaftliche, fast verwandtschaftliche Zuneigung, welche die Herren in früherer Zeit zu ihren Dienern gehabt hatten. Er erlaubte sich manchmal, sich mit Sachar derb herumzuzanken.

Sachar war ebenfalls mit seinem Herrn unzufrieden. Nachdem er in seiner Jugend in dem Hause der Herrschaft als Lakai Dienst getan hatte, war er zum Wärter des kleinen Ilja Iljitsch befördert worden und hatte seitdem angefangen, sich nur für einen Luxusgegenstand zu halten, für ein aristokratisches Zubehör des Hauses, dazu bestimmt, die Opulenz der alten Familie zu bekunden, ihren Glanz aufrecht zu erhalten, aber nicht für einen notwendigen Bedarfsgegenstand. Daher kleidete er nur seinen jungen Herrn morgens an und abends aus; während der übrigen Zeit tat er einfach nichts.

Schon von Natur träge, war er es durch seine Erziehung zum Lakaien noch mehr geworden. Er machte sich unter der Dienerschaft wichtig und gab sich nicht die Mühe, den Samowar aufzustellen oder die Stuben auszufegen. Entweder druselte er im Vorzimmer, oder er ging in die Gesindestube oder in die Küche, um da zu schwatzen; oder er stand auch ganze Stunden lang, die Arme über der Brust verschränkt; am Haustor und blickte mit schläfriger Versonnenheit nach allen Seiten umher.

Und nach einem solchen Leben wurde ihm nun plötzlich eine so schwere Last aufgebürdet: er sollte den ganzen im Hause nötigen Dienst auf seinen Schultern tragen! Er sollte den Herrn bedienen und ausfegen und reinmachen und auch noch den Laufburschen spielen! Infolge all dieser Anforderungen lagerte sich in seiner Seele eine starke Verdrossenheit ab, und in seinem Wesen äußerte sich Grobheit und Rauhheit; so knurrte er denn jedesmal, wenn der Ruf des Herrn ihn zum Verlassen der Ofenbank zwang.

Aber trotz dieser äußeren Verdrossenheit und Unfreundlichkeit hatte Sachar ein recht weiches, gutes Herz. Er liebte es sogar, seine Zeit mit kleinen Kindern zu verbringen. Man konnte ihn häufig auf dem Hofe und am Haustore mit einem Haufen von Kindern zusammen sehen. Er stiftete Frieden unter ihnen, neckte sie, arrangierte ihnen Spiele oder saß auch einfach mit ihnen da: eines hatte er auf das eine Knie genommen, ein anderes auf das andere, und von hinten umschlang noch so ein Wildfang seinen Hals mit den Armen oder zupfte ihn am Backenbarte.

In dieser Lebensweise wurde Sachar von Oblomow dadurch gestört, daß dieser alle Augenblicke seine Dienste und seine Anwesenheit bei ihm verlangte, während doch Sachar durch sein Herz, durch seinen mitteilsamen Charakter, durch seine Liebe zum Nichtstun und durch seine beständige, nie aufhörende Eßlust sich bald zu der Gevatterin, bald nach der Küche, bald nach dem Kramladen, bald nach dem Haustore hingezogen fühlte.

Sie kannten einander schon lange und lebten schon lange zu zweien beisammen. Sachar hatte den kleinen Oblomow auf den Armen getragen, und Oblomow hatte ihn noch als einen jungen, flinken, gefräßigen, schlauen Burschen in der Erinnerung.

Das Band, das sie von alters her verknüpfte, war unzerreißbar. Wie Ilja Iljitsch ohne Sachars Hilfe weder aufzustehen, noch sich schlafen zu legen, noch sich zu kämmen, noch sich die Stiefel anzuziehen, noch Mittagbrot zu essen verstand, so vermochte Sachar sich keinen andern Herrn als Ilja Iljitsch und keine andere Existenz als seine jetzige vorzustellen, die darauf hinauslief, daß er seinen Herrn ankleidete, für seine Ernährung sorgte, gegen ihn grob wurde, ihn betrog und belog und ihn gleichzeitig innerlich hochschätzte und verehrte.

 

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