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Iwan Gontscharow: Oblomow - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/gontscha/oblomow/oblomow.xml
typefiction
authorIwan Gontscharow
titleOblomow
publisherAnaconda
year2010
isbn978-3-86647-478-9
firstpub1859
translatorHermann Röhl
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120612
modified20170607
projectida9997c9c
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VI.

Was tat er zu Hause? Las er? Schrieb er? Lernte er?

Ja, wenn ihm ein Buch oder eine Zeitung in die Hände fiel, so las er darin.

Wenn er von einer aufsehenerregenden Neuerscheinung hörte, so erwachte bei ihm das Verlangen, mit ihr bekannt zu werden; er bestellte sich das Buch, und wenn er es bald bekam, so machte er sich daran; es begann sich bei ihm eine Vorstellung von dem Gegenstande zu bilden; noch ein Schritt, und er hätte sich dieses Gegenstandes bemeistert. Aber wenn man nun nach ihm hinsah so lag er schon wieder da und blickte apathisch nach der Zimmerdecke; das Buch aber lag, ohne ausgelesen und ohne verstanden zu sein, neben ihm.

Die Abkühlung stellte sich bei ihm noch schneller ein als die Begierde; und nun kehrte er zu dem beiseite gelegten Buche nie wieder zurück.

Und dabei hatte er als Knabe ebenso wie andere, ebenso wie alle gelernt, und zwar bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahre in einem Pensionate; dann hatten die alten Oblomows nach langen Kämpfen sich entschlossen, ihren lieben Ilja nach Moskau zu schicken, wo er nolens volens den wissenschaftlichen Kursus ganz durchmachte.

Sein schüchterner, apathischer Charakter hinderte ihn, seine Trägheit und seine Launen unter fremden Leuten in der Schule, wo keine Ausnahmen zu Gunsten verwöhnter Muttersöhnchen gemacht wurden, vollständig an den Tag zu legen. Er saß notgedrungen mit gerader Körperhaltung in der Klasse da, hörte an, was die Lehrer sagten, weil er nichts anderes tun durfte, und lernte mit Mühe, mit Schweiß und mit vielen Seufzern auswendig, was ihm aufgegeben war. Alles das hielt er für eine Strafe, die ihm Gott für seine Sünden gesandt habe.

Über die Zeile hinaus, unter der der Lehrer bei Stellung der Aufgabe mit dem Nagel einen Strich gezogen hatte, sah er nichts an; er stellte ihm keine Fragen und erbat sich keine Erklärungen. Er begnügte sich mit dem, was im Hefte geschrieben stand, und äußerte auch dann keine aufdringliche Neugierde, wenn ihm nicht alles verständlich geworden war, was er gehört und gelernt hatte.

Wenn es ihm mit Mühe und Not gelang, ein Buch zu bewältigen, das sich Statistik, Geschichte oder Nationalökonomie nannte, so war er ganz zufrieden.

Wenn ihm aber Stolz Bücher brachte, die er über das in der Schule Gelernte hinaus lesen sollte, so sah ihn Oblomow lange schweigend an.

»Auch du, Brutus, bist gegen mich?« sagte er mit einem Seufzer und machte sich an die Bücher heran.

Ein so maßloses Lesen schien ihm eine unnatürliche Belastung.

»Wozu sind denn alle diese Hefte, auf die man eine Unmenge von Papier, Zeit und Tinte verwendet? Wozu sind die Lehrbücher da? Und schließlich, wozu dienen die sechs, sieben Jahre des Einsiedlerlebens, all die Strenge, die Strafen, das Stillsitzen und Brüten über den Aufgaben, das Verbot umherzulaufen, zu tollen, sich zu vergnügen, wenn damit noch nicht alles zu Ende ist?«

»Wann soll man denn leben?« fragte er sich wieder. »Wann soll man denn endlich dieses Kapital von Kenntnissen in Umlauf setzen, von denen der größte Teil im Leben zu nichts gebraucht werden kann? Die Nationalökonomie zum Beispiel, die Algebra, die Geometrie – was soll ich damit in Oblomowka anfangen?«

»Und selbst die Geschichte stürzt einen nur in Bekümmernis. Man lernt, man liest, daß da eine Zeit der Not hereingebrochen ist; die Menschen sind unglücklich; sie raffen ihre Kräfte zusammen, arbeiten, hasten, leiden schrecklich und mühen sich ab und suchen sich bessere Tage zu schaffen. Nun haben die besseren Tage begonnen – wenigstens nun könnte die Geschichte selbst sich erholen: aber nein, wieder erscheinen dunkle Wolken, das Gebäude stürzt zusammen; es muß wieder gearbeitet und gehastet werden . . . Die besseren Tage verweilen nicht; sie laufen davon – und so fließt das Leben immer, alles fließt, ist fortwährend in der Umänderung begriffen.«

Eine ernste Lektüre ermüdete ihn. Es gelang den Denkern nicht, in ihm den Durst nach den Wahrheiten der spekulativen Wissenschaften zu erwecken.

Dafür griffen ihm die Dichter gewaltig an das Herz: er wurde ein Jüngling wie alle. Auch für ihn kam die glückliche, niemandem versagte, allen lächelnde Zeit des wahrhaften Lebens, der aufblühenden Kräfte, der Hoffnungen auf ein schönes Dasein, der Sehnsucht nach dem Guten, nach Heldenhaftigkeit, nach Tätigkeit, die Periode des starken Herzklopfens, des mächtig schlagenden Pulses, des Bebens, der begeisterten Reden und der süßen Tränen. Geist und Herz wurden hell; er schüttelte die Schläfrigkeit ab; seine Seele verlangte nach Tätigkeit.

Stolz war ihm behilflich, diese Periode zu verlängern, soviel es bei einer solchen Natur, wie die seines Freundes, nur irgend möglich war. Er faßte Oblomow bei seiner Neigung zu den Dichtern und hielt ihn anderthalb Jahre lang unter dem Herrscherstabe des Gedankens und der Wissenschaft fest.

Indem er den begeisterten Schwung des jugendlichen Phantasierens ausnutzte, setzte er in die Lektüre der Dichter noch andere Ziele als den Genuß ein, zeigte ihm mit sittlichem Ernste in der Ferne ihren beiderseitigen Lebensweg und begeisterte ihn für die Zukunft. Beide wurden gerührt, weinten und gaben einander das feierliche Versprechen, einen vernünftigen, hellen Weg zu wandeln.

Stolzens jugendliche Glut übertrug sich auf Oblomow, und er brannte vor Begierde nach Arbeit und nach einem fernen, aber lockenden Ziele.

Aber die Blüte des Lebens erschloß sich, ohne sich zur Frucht zu entwickeln. Oblomow ernüchterte sich und las nur ab und zu auf Stolzens Anregung ein oder das andere Buch, aber nicht mit einem Male, nicht eilig; nein, ohne Eifer ließ er seine Augen träge über die Zeilen hinlaufen.

Mochte die Stelle, zu der er gelangt war, noch so interessant sein: wenn bei dieser Stelle die Stunde des Mittagessens oder Schlafengehens gekommen war, so legte er das Buch aufgeklappt, mit dem Einbande nach oben, hin und ging zum Mittagessen oder löschte das Licht aus und legte sich schlafen. Wenn ihm ein erster Band gegeben wurde, so erbat er sich, nachdem er ihn durchgelesen hatte, nicht den zweiten; wurde ihm dieser aber gebracht, so las er ihn langsam durch. Später bewältigte er nicht einmal mehr den ersten Band, sondern verbrachte den größten Teil seiner freien Zeit in der Weise, daß er den Arm auf den Tisch und den Kopf auf den Arm legte; manchmal benutzte er statt des Armes das Buch, das ihm Stolz zum Lesen aufgedrängt hatte.

So schloß Oblomow seine wissenschaftliche Laufbahn ab. Der Tag, an welchem er seine letzte Vorlesung gehört hatte, hatte für sein Lernen die Bedeutung der Säulen des Herkules. Der Direktor des Institutes zog durch seine Unterschrift auf dem Zeugnis, ähnlich wie früher der Lehrer mit dem Nagel im Buche, gleichsam einen Strich, über welchen hinaus seine wissenschaftlichen Bestrebungen auszudehnen unser Held nicht mehr für nötig hielt.

Sein Kopf stellte ein buntscheckiges Archiv von toten Tatsachen, Personen, Epochen, Ziffern, Religionen, zusammenhangslosen nationalökonomischen, mathematischen und anderen Wahrheiten, Problemen, Thesen und so weiter dar.

Es war eine Art Bibliothek, bestehend aus einzelnen Bänden, die verschiedenen Gebieten des Wissens angehörten.

Das Lernen hatte auf Ilja Iljitsch eine seltsame Wirkung ausgeübt: bei ihm lag zwischen der Wissenschaft und dem Leben ein ganzer Abgrund, den er nicht zu überschreiten versuchte. Das Leben war bei ihm eine Sache für sich und die Wissenschaft auch eine Sache für sich.

Er hatte alle existierenden und längst nicht mehr existierenden Rechte gelernt, auch einen Kursus des praktischen Gerichtsverfahrens durchgemacht; aber als er anläßlich eines Diebstahls im Hause eine Anzeige an die Polizei schreiben mußte, nahm er einen Bogen Papier und eine Feder, dachte lange, lange nach und ließ dann einen Schreiber rufen.

Die Rechnungsbücher auf dem Gute führte der Dorfschulze. »Was könnte die Wissenschaft dabei helfen?« fragte er sich zweifelnd.

Und er kehrte ohne eine Last von Kenntnissen, die seinem frei im Kopfe sich ergehenden oder müßig schlummernden Denken eine Richtung hätten geben können, in seine Einsamkeit zurück.

Was tat er denn eigentlich? Er fuhr immer noch fort, sich einen idealen Plan seines eigenen Lebens zu entwerfen. In seinem Leben fand er (und nicht ohne Grund) soviel Weisheit und Poesie, daß sie sich nie ausschöpfen ließen, auch ohne Bücher und Gelehrsamkeit.

Nachdem er auf den Staatsdienst und das gesellschaftliche Leben verzichtet hatte, begann er, die Aufgabe seines Daseins in anderer Weise zu lösen; er dachte über seine Bestimmungen nach und entdeckte endlich, daß der Kreis seiner Tätigkeit und seines Lebens in ihm selbst verborgen lag. Er kam zu der Erkenntnis, daß das Familienglück und die Sorge für das Gut ihm als Anteil zugefallen seien. Bis dahin hatte er seine Angelegenheiten nicht ordentlich gekannt; an seiner Statt hatte sich manchmal Stolz darum gekümmert. Er hatte weder mit seinen Einnahmen noch mit seinen Ausgaben genauer Bescheid gewußt, nie ein Budget aufgestellt, – kurz, er hatte nichts getan.

Der alte Oblomow hatte seinem Sohne das Gut so übergeben, wie er es von seinem Vater übernommen hatte. Obgleich er sein ganzes Leben auf dem Gute verbrachte, hatte er sich nicht, wie das heutzutage viele tun, auf Klügeleien eingelassen und sich nicht über allerlei Erfindungen den Kopf zerbrochen: wie man neue Quellen der Produktivität der Felder erschließen oder die alten erweitern und verstärken könne, und so weiter. Wie und womit die Felder zur Zeit des Großvaters besät worden waren, und wie die Wege für den Absatz der landwirtschaftlichen Produkte damals gewesen waren, so war das auch bei ihm geblieben.

Übrigens war der Alte sehr zufrieden gewesen, wenn eine gute Ernte oder eine Preissteigerung ihm eine größere Einnahme als im vorhergehenden Jahre verschaffte: er hatte das »göttlichen Segen« genannt. Er war nur kein Freund neuer Erfindungen und Künsteleien zum Zwecke des Gelderwerbs gewesen.

»Unsere Väter und Großväter sind nicht dümmer gewesen als wir«, hatte er auf irgendwelche seiner Meinung nach schädlichen Ratschläge geantwortet, »und haben doch glücklich gelebt; und auch wir werden glücklich leben; so Gott will, werden wir immer satt zu essen haben.«

Wenn er ohne alle listigen Schlauheiten von seinem Gute soviel Einnahme hatte, wie er brauchte, um täglich mit seiner Familie und einigen Gästen reichlich zu Mittag und zu Abend essen zu können, so hatte er Gott gedankt und es für eine Sünde gehalten, nach größerem Erwerbe zu streben. Wenn der Verwalter ihm zweitausend Rubel brachte, wobei er ein Drittel in seine Tasche gesteckt hatte, und unter Tränen sich auf den Hagelschlag, die Dürre und die Mißernte berief, so hatte der alte Oblomow sich bekreuzt und ebenfalls unter Tränen gesagt: »Es ist Gottes Wille; mit Gott wollen wir nicht hadern! Wir müssen Gott auch für das danken, was wir bekommen haben.«

Seit dem Tode der beiden Alten hatten sich die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Gutes nicht nur nicht verbessert, sondern sie waren, wie aus den Briefen des Dorfschulzen zu ersehen war, schlechter geworden. Es war klar, daß Ilja IIjitsch selbst hinreisen und an Ort und Stelle die Ursache der allmählichen Verminderung der Einnahmen untersuchen mußte.

Er hatte sich auch vorgenommen, dies zu tun, es aber immer aufgeschoben, zum Teil auch deswegen, weil eine Reise für ihn eine fast neue, unbekannte Heldentat war.

Er hatte in seinem Leben nur eine einzige Reise gemacht, in langsamer Fahrt mit einem Fuhrmann, zwischen Federbetten, Kasten und Koffern, wohlversehen mit ein paar Schinken, Semmeln und allerlei gebratenem und gekochtem Fleisch und Geflügel, und in Begleitung mehrerer Diener. So hatte er diese einzige Reise von seinem Gute nach Moskau zurückgelegt, und diese Reise betrachtete er als die Norm aller Reisen überhaupt. Aber jetzt reiste man, wie er hörte, nicht mehr so: man mußte Hals über Kopf dahinjagen!

Ferner hatte Ilja Iljitsch seine Reise auch deswegen aufgeschoben, weil er sich auf die Beschäftigung mit seinen Angelegenheiten noch nicht so vorbereitet hatte, wie es erforderlich war.

Er war nicht nach seinem Vater und nach seinem Großvater geartet. Er hatte etwas gelernt, hatte in der Gesellschaft gelebt: das alles hatte ihn zu allerlei Anschauungen geführt, die jenen fremd gewesen waren. Er sah ein, daß das Erwerben nicht nur keine Sünde sei, sondern jeder Bürger die Pflicht habe, durch redliche Arbeit den allgemeinen Wohlstand zu fördern.

Infolgedessen nahm den größten Teil jenes idealen Lebensplanes, den er in seiner Einsamkeit entwarf, dieser neue, frische, den Anforderungen der Neuzeit entsprechende Plan zur Einrichtung des Gutes und zur Leitung der Bauern ein. Die Grundidee des Planes, die Disposition, die Hauptteile, das alles war schon längst in seinem Kopfe fertig; es fehlten nur noch die Einzelheiten, die ziffermäßigen Berechnungen. Er arbeitete mehrere Jahre lang unermüdlich an diesem Plane, überlegte ihn und dachte darüber nach, wenn er ging oder lag oder unter Menschen war; bald ergänzte, bald änderte er einzelne Abschnitte, bald rief er sich das, was er am vorhergehenden Tage ausgesonnen und über Nacht vergessen hatte, wieder ins Gedächtnis zurück; mitunter aber leuchtete plötzlich wie ein Blitz ein neuer, unerwarteter Gedanke in seinem Kopfe auf und versetzte ihn in lebhafte Erregung – und dann ging die Arbeit gut vonstatten.

Er wollte nicht ein geringer Ausführer eines fremden fertigen Gedankens sein, sondern selbst eigene Ideen schaffen und sie selbst ausführen.

Wenn er morgens aus dem Bette aufgestanden war und Tee getrunken hatte, legte er sich sogleich auf das Sofa, stützte den Kopf in die Hand und dachte, ohne seine Kräfte zu schonen, solange nach, bis ihm endlich der Kopf von der schweren Arbeit müde wurde und sein Gewissen ihm sagte, er habe heute genug für das allgemeine Wohl getan.

Erst dann entschloß er sich, sich von der Mühe zu erholen und die sorgenvolle Haltung mit einer anderen, minder geschäftlichen, minder ernsten, zu angenehmen Träumereien bequemeren zu vertauschen.

Sobald Oblomow sich von den geschäftlichen Sorgen freigemacht hatte, liebte er es, Einkehr in sich selbst zu halten und in der von ihm selbst geschaffenen Welt zu leben.

Er war fähig, hohe Gedanken zu genießen, und stand dem allgemein menschlichen Leide nicht als ein Fremder gegenüber. Er weinte manchmal aus tiefster Seele bitterlich über die Nöte der Menschheit, empfand im Verborgenen namenlosen Schmerz und strebte sehnsüchtig irgendwohin in die Ferne, wahrscheinlich dorthin nach jener Welt, in die ihn sein Freund Stolz mit sich fortzureißen pflegte.

Süße Tränen flossen über seine Wangen.

Es kam auch vor, daß er von Verachtung des menschlichen Lasters, der Lüge, der Verleumdung und all des in der Welt verbreiteten Bösen ergriffen und von dem glühenden Wunsche erfüllt wurde, die Menschen auf ihre Wunden hinzuweisen; und plötzlich flammten in ihm Gedanken auf und gingen in seinem Kopfe hin und her wie die Wogen im Meere; dann wuchsen sie zu Vorsätzen heran und erhitzten sein ganzes Blut; seine Muskeln gerieten in Bewegung; seine Sehnen spannten sich; die Vorsätze verwandelten sich in Bestrebungen: von sittlicher Kraft erfüllt, veränderte er in einer Minute zwei-, dreimal seine Haltung, richtete sich mit leuchtenden Augen im Bette halb auf, streckte den Arm aus und blickte begeistert um sich . . . Nun, nun mußte sein Streben sich verwirklichen, sich in eine große Tat umsetzen . . . und dann, o Gott! welche Wunder, welche herrlichen Folgen konnte man von einer so hohen Kraftanstrengung erwarten! . . .

Aber siehe da, der Morgen ging vorüber, der Tag neigte sich schon zum Abend, und gleichzeitig verlangten auch Oblomows ermüdete Kräfte nach Ruhe: die Stürme und Aufregungen beruhigten sich in seiner Seele; der Kopf wurde nach der Trunkenheit des Denkens wieder nüchtern; das Blut strömte langsamer durch seine Adern.

Oblomow drehte sich in stillem Sinnen auf den Rücken herum, richtete einen melancholischen Blick durch das Fenster nach dem Himmel und verfolgte traurig mit den Augen die Sonne, die hinter einem vierstöckigen Hause versank.

Und wie oft, wie oft hatte er so den Sonnenuntergang angeschaut!

Der nächste Morgen brachte wieder Leben, wieder Erregungen und Träumereien! Er liebte es, sich manchmal vorzustellen, er sei ein unbesiegbarer Feldherr, dem gegenüber nicht nur ein Napoleon, sondern auch ein Jeruslan LasarewitschEin sagenhafter Held. Anm. d. Übers. unbedeutend seien; er ersann sich einen Krieg und eine Ursache zu diesem: es strömten zum Beispiel die Völker aus Afrika nach Europa, oder er unternahm neue Kreuzzüge und kämpfte, entschied das Schicksal von Nationen, zerstörte Städte, begnadigte, ließ hinrichten und führte edle, hochherzige Taten aus.

Oder er erwählte sich die Laufbahn eines Denkers, eines großen Künstlers: alle neigten sich vor ihm; er erntete Lorbeeren; die Menge lief hinter ihm her und rief: »Seht, seht, da geht Oblomow, unser berühmter Ilja Iljitsch!«

In schlimmen Stunden quälten ihn Sorgen; er wälzte sich von einer Seite auf die andre, legte sich mit dem Gesichte nach unten und verlor manchmal sogar vollständig die Fassung; dann stand er vom Bette auf, fiel auf die Knie und begann heiß und inbrünstig zu beten, indem er den Himmel anflehte, den drohenden Sturm irgendwie abzuwenden.

Wenn er dann die Sorge um sein eigenes Schicksal dem Himmel anheimgegeben hatte, wurde er ruhig und gleichgültig gegen alles in der Welt; mochte der Sturm dort wüten, wie er wollte.

So setzte er seine sittlichen Kräfte in Tätigkeit; so regte er sich oft ganze Tage lang auf und kam erst dann von einer bezaubernden Träumerei oder von einer qualvollen Sorge mit einem tiefen Seufzer wieder zu sich, wenn der Tag sich zum Abend neigte und die Sonne wie ein gewaltiger glühender Ball majestätisch hinter dem vierstöckigen Hause zu versinken begann.

Dann begleitete er sie wieder mit einem melancholischen Blicke und einem traurigen Lächeln und schlummerte nach den Aufregungen friedlich ein.

Niemand sah und kannte dieses innere Leben Ilja Iljitschs: alle meinten, Oblomow liege nur so da und esse nach Herzenslust; weiter könne man von ihm nichts erwarten; es stecke kaum ein Gedanke in seinem Kopfe. So redeten über ihn alle, die ihn kannten.

Stolz allerdings hatte von seinen Fähigkeiten, von dieser inneren vulkanischen Arbeit seines feurigen Kopfes und von seinem menschenfreundlichen Herzen genauere Kenntnis und hätte es bezeugen können; aber Stolz war fast nie in Petersburg anwesend.

Sachar, der sein ganzes Leben lang um seinen Herrn gewesen war, war der einzige, der dessen inneres Leben noch genauer kannte; aber er war davon überzeugt, daß er und sein Herr viel täten und durchaus normal lebten, und daß es sich nicht gehöre, anders zu leben.

 

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