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Iwan Gontscharow: Oblomow - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorIwan Gontscharow
titleOblomow
publisherAnaconda
year2010
isbn978-3-86647-478-9
firstpub1859
translatorHermann Röhl
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120612
modified20170607
projectida9997c9c
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IV.

»Guten Tag, Landsmann!« sagte Tarantjew in barschem Tone und streckte Oblomow seine haarige Hand hin.

»Warum liegst du denn zu dieser Tageszeit noch im Bette wie ein Klotz?«

»Komm nicht so nah heran, komm nicht so nah heran; du kommst aus der Kälte!« sagte Oblomow und deckte sich fest mit der Bettdecke zu.

»Was ist das für eine Idee: ›aus der Kälte‹!« schrie Tarantjew. »Wenn dir jemand die Hand gibt, dann nimm sie! Es ist bald zwölf, und er liegt noch im Bett!«

Er wollte Oblomow vom Bette in die Höhe heben; aber dieser kam ihm zuvor, streckte schnell die Beine heraus und fuhr mit den Füßen gleichzeitig in beide Pantoffeln.

»Ich wollte diesen Augenblick selbst aufstehen«, sagte er gähnend.

»Ich kenne dich, wie du aufstehst: du hättest dich bis zum Mittagessen im Bette herumgerekelt. He, Sachar! Wo steckst du denn, alter Esel! Hilf mal schnell deinem Herrn beim Anziehen!«

»Schaffen Sie sich erst Ihren eigenen Sachar an, und dann schimpfen Sie!« sagte Sachar, der ins Zimmer trat und Tarantjew grimmig anblickte. »Und wie Sie den Fußboden vollgetreten haben, wie ein Hausierer!« fügte er hinzu.

»Er redet auch noch, der Unverschämte!« sagte Tarantjew und hob das Bein in die Höhe, um dem vorbeigehenden Sachar von hinten einen Tritt zu versetzen; aber Sachar blieb stehen, drehte sich nach ihm hin und machte sich zur Gegenwehr fertig.

»Rühren Sie mich nur an!« rief er wütend mit seiner heiseren Stimme. »Was soll das heißen? Ich gehe wieder hinaus . . .« sagte er und ging wieder nach der Tür zurück.

»So hör' doch auf, Michei Andrejewitsch; wie heftig du gleich bist! Warum reizt du ihn denn?« sagte Oblomow. »Gib mir meine Kleider her, Sachar!«

Sachar kehrte wieder um und schlüpfte, nach Tarantjew hinschielend, hurtig an ihm vorbei.

Oblomow stützte sich mit dem Ellbogen auf ihn, stand mit Selbstüberwindung wie ein sehr ermüdeter Mensch vom Bette auf, ging mißmutig zu einem großen Lehnstuhl, ließ sich in ihn hineinsinken und verharrte regungslos in der Haltung, wie er sich hingesetzt hatte.

Sachar nahm von einem Tischchen Pomade, einen Kamm und eine Bürste, pomadisierte ihm den Kopf, machte ihm einen Scheitel und frisierte ihn dann mit der Bürste.

»Wollen Sie sich jetzt auch waschen?« fragte er.

»Ich will noch ein bißchen warten«, antwortete Oblomow. »Geh nur wieder nach deiner Stube.«

»Ach, sind Sie auch da?« sagte Tarantjew auf einmal, sich zu Alexejew wendend, während Sachar seinen Herrn frisierte. »Ich hatte Sie gar nicht gesehen. Weshalb sind Sie denn hier? Aber was ist Ihr Verwandter für ein gemeiner Kerl! Ich hatte es Ihnen schon sagen wollen . . .«

»Was für ein Verwandter? Ich habe gar keinen Verwandten«, antwortete der bestürzte Alexejew schüchtern und sah Tarantjew mit großen Augen an.

»Na, der, der hier ebenfalls angestellt ist, wie heißt er doch? . . . Afanasjew heißt er. Wie sollte er denn nicht Ihr Verwandter sein? Natürlich ist er Ihr Verwandter.«

»Ich heiße ja aber nicht Afanasjew; ich heiße Alexejew«, erwiderte Alexejew. »Ich habe keinen Verwandten.«

»Na, daß das nicht ein Verwandter von Ihnen ist! Er sieht ebenso unansehnlich aus wie Sie und heißt ebenfalls Wasili Nikolajewitsch.«

»Bei Gott, er ist nicht mit mir verwandt! Ich heiße Iwan Alexejewitsch.«

»Na, ganz egal, er hat mit Ihnen Ähnlichkeit. Aber er ist ein gemeiner Kerl; das können Sie ihm wiedersagen, wenn Sie ihn sehen.«

»Ich kenne ihn nicht und habe ihn nie gesehen«, sagte Alexejew und öffnete seine Tabaksdose.

»Geben Sie mir mal eine Prise!« sagte Tarantjew. »Haben Sie da nur gewöhnlichen Schnupftabak, keinen französischen? Wahrhaftig«, fuhr er fort, nachdem er geschnupft hatte; »warum haben Sie keinen französischen?« fügte er dann in strengem Tone hinzu.

»Ja, so ein gemeiner Kerl wie Ihr Verwandter ist mir noch nie vorgekommen«, fuhr Tarantjew fort. »Da habe ich mir einmal (es wird jetzt schon zwei Jahre her sein) fünfzig Rubel von ihm geborgt. Na, fünfzig Rubel, ist das etwa eine große Summe? Man möchte meinen, das könnte er doch wohl vergessen. Aber nein, er denkt daran: alle Monat, wo er mich nur trifft, sagt er: ›Wie steht es denn mit Ihrer Schuld?‹ Der Mensch wurde mir wirklich langweilig. Und damit nicht genug: gestern kam er zu uns ins Ministerium und sagte: ›Sie haben gewiß Ihr Gehalt bekommen; jetzt könnten Sie mir das Geld zurückgeben.‹ Ich gab ihm mein Gehalt hin; aber dann habe ich ihn vor aller Ohren so madig gemacht, daß er kaum die Tür fand. ›Ich bin ein armer Mensch‹, sagte er, ›ich habe das Geld selbst nötig!‹ Als ob ich es nicht nötig hätte! Bin ich denn ein reicher Mann, daß ich ihm immer fünfzig Rubel hinspucken kann? Gib mir eine Zigarre, Landsmann!«

»Die Zigarren sind dort, in dem Kistchen«, antwortete Oblomow, nach einer Etagere zeigend.

Er saß nachdenklich in der ihm eigenen schönen, trägen Haltung auf dem Lehnstuhl, ohne zu bemerken, was um ihn herum geschah, und ohne zu hören, was gesprochen wurde. Liebevoll betrachtete und streichelte er seine kleinen weißen Hände.

»Ach herrje! Sind das immer noch dieselben?« fragte Tarantjew in strengem Tone, indem er eine Zigarre herausnahm und Oblomow anblickte.

»Ja, es sind dieselben«, antwortete Oblomow mechanisch.

»Und ich habe dir doch gesagt, du möchtest andre kaufen, ausländische! Du merkst dir immer gar nicht, was man dir sagt! Also sorge dafür, daß am nächsten Sonnabend unbedingt welche da sind, sonst werde ich lange Zeit nicht mehr zu dir kommen. Nun seh einer, was das für ein Schund ist«, fuhr er fort, nachdem er die Zigarre angezündet und eine Rauchwolke in die Luft geblasen, eine zweite eingesogen hatte. »Gar nicht zu rauchen!«

»Du bist ja heute so früh gekommen, Michei Andrejewitsch«, sagte Oblomow gähnend.

»Du bist meiner wohl überdrüssig, ja?«

»Nein, ich meinte nur so; du kommst sonst gewöhnlich erst unmittelbar vor dem Mittagessen; jetzt ist es aber erst zwölf durch.«

»Ich bin absichtlich früher gekommen, um mich zu erkundigen, was es bei dir heute zu Mittag geben wird. Du fütterst mich immer mit so elenden Gerichten, daß ich fragen möchte, was du heute zu machen angeordnet hast.«

»Frage doch dort, in der Küche«, antwortete Oblomow.

Tarantjew ging hinaus.

»Aber ich bitte dich«, sagte er, als er zurückkam: »Rindfleisch und Kalbsbraten! Ach, Bruder Oblomow, du verstehst nicht zu leben, und dabei bist du doch Gutsbesitzer! Ist das ein Leben für einen adligen Herrn? Du lebst ja wie ein Kleinbürger und verstehst es nicht, einen Freund zu bewirten! Na, ist Madeira gekauft?«

»Ich weiß es nicht; frage Sachar«, erwiderte Oblomow, der fast gar nicht nach ihm hinhörte. »Wein wird gewiß da sein.«

»Die frühere Sorte, von dem deutschen Weinhändler? Nein, laß welchen im Englischen Magazin kaufen.«

»Na, dieser wird auch gut genug sein«, sagte Oblomow. »Sonst muß ich erst noch hinschicken.«

»Warte mal, gib mir Geld; ich muß noch anderswohin gehen; da komme ich dort vorbei und werde welchen mitbringen.«

Oblomow kramte im Tischkasten umher und nahm einen Zehnrubelschein (damals von roter Farbe) heraus.

»Madeira kostet sieben Rubel«, sagte Oblomow: »hier sind zehn.«

»Gib nur alles her: die Leute geben mir da heraus; sei unbesorgt!«

Er riß die Banknote Oblomow aus den Händen und steckte sie schnell in die Tasche.

»Na, dann werde ich jetzt gehen«, sagte Tarantjew, indem er den Hut aufsetzte. »Um fünf bin ich wieder hier. Ich muß noch anderswohin gehen: es ist mir eine Anstellung bei der Branntweinakzise in Aussicht gestellt, und ich soll dort einmal nachfragen . . . Ja, was ich noch sagen wollte, Ilja Iljitsch: willst du nicht heute einen Wagen nehmen und nach Jekateringof fahren? Dann könntest du mich mitnehmen.«

Oblomow schüttelte zum Zeichen der Verneinung den Kopf.

»Wie steht's? Bist du zu faul, oder tut dir das Geld leid? Ach, du Mehlsack!« sagte Tarantjew. »Na, adieu einstweilen!«

»Warte, Michei Andrejewitsch«, unterbrach in Oblomow. »Ich möchte dich über etwas um Rat fragen.«

»Was ist denn noch? Sprich schnell, ich habe keine Zeit.«

»Es ist ein zwiefaches Unglück über mich hereingebrochen. Ich werde aus der Wohnung hinausgejagt . . .«

»Gewiß hast du keine Miete bezahlt; da geschieht dir recht«, sagte Tarantjew und wollte gehen.

»Nicht doch! Ich bezahle immer pränumerando. Nein, der Hauswirt will meine Wohnung zur Herstellung einer andern mitbenutzen . . . Aber warte doch! Wo willst du hin? Rate mir, was ich tun soll: der Wirt drängt mich; in einer Woche soll ich ausziehen . . .«

»Bin ich als dein Ratgeber angestellt? . . . Da hast du eine falsche Vorstellung . . .«

»Ich habe gar keine Vorstellung«, erwiderte Oblomow; »mach' nicht solchen Lärm und schreie nicht so, sondern denke lieber nach, was ich tun soll. Du bist ein praktischer Mensch . . .«

Tarantjew hörte nicht mehr nach ihm hin, sondern überlegte etwas.

»Na, meinetwegen; du kannst dich bei mir bedanken«, sagte er, nahm den Hut wieder ab und setzte sich hin. »Ordne an, daß es beim Mittagessen Champagner geben soll: deine Angelegenheit ist erledigt.«

»Wie denn das?« fragte Oblomow.

»Wird es auch Champagner geben?«

»Meinetwegen, wenn dein Rat das wert ist . . .«

»Du selbst bist meinen Rat nicht wert. Warum soll ich dir umsonst Rat geben? Da, frage den da«, fügte er, auf Alexejew weisend, hinzu, »oder seinen Verwandten!«

»Nun, nun, laß gut sein und sprich!« bat Oblomow.

»Nun, so höre: du ziehst gleich morgen in eine andre Wohnung . . .«

»Ach herrje! So eine Idee! Das habe ich auch selbst gewußt . . .«

»Warte, unterbrich mich nicht!« schrie Tarantjew. »Zieh morgen zu meiner Gevatterin, nach der Wyborger SeiteEine Vorstadt im Nordosten auf dem rechten Newaufer. Anm. d. Übers. . . .«

»Was ist das für eine Neuigkeit? Nach der Wyborger Seite! Da laufen ja, wie es heißt, im Winter die Wölfe herum.«

»Es kommt schon vor, daß von den Inseln welche herüberlaufen; aber was geht dich das an?«

»Da ist es langweilig und öde; kein Mensch ist da.«

»Unsinn! Da wohnt meine Gevatterin; die hat ein eigenes Haus mit großen Gemüsegärten. Sie ist eine vornehme Frau, eine Witwe mit zwei Kindern. Bei ihr wohnt ihr unverheirateter Bruder, ein höchst geistvoller Mensch, nicht so einer wie der, der da in der Ecke sitzt«, sagte er, auf Alexejew weisend. »Der steckt mich und dich in die Tasche.«

»Was geht das alles mich an?« versetzte Oblomow ungeduldig. »Ich werde nicht dorthin ziehen.«

»Das will ich doch einmal sehen, ob du nicht doch hinziehen wirst. Nein, wenn du um Rat fragst, dann befolge auch, was man dir sagt.«

»Ich ziehe nicht um«, sagte Oblomow entschieden.

»Na, dann hol' dich der Teufel!« antwortete Tarantjew, stülpte sich den Hut auf den Kopf und ging zur Tür.

»Du bist ein wunderlicher Patron!« sagte Tarantjew umkehrend. »Was sagt dir denn hier so sehr zu?«

»Was mir zusagt? Hier habe ich alles in der Nähe«, erwiderte Oblomow: »Die Läden und das Theater und meine Bekannten, alles . . . Ich wohne im Zentrum der Stadt . . .«

»So–o?« unterbrach ihn Tarantjew. »Aber wie lange ist es her, daß du nicht aus dem Hause gegangen bist, sag' mal? Wie lange ist es her, daß du nicht im Theater gewesen bist? Zu welchen Bekannten gehst du denn? Was hast du denn von diesem Zentrum der Stadt, wenn ich fragen darf?«

»Was ich davon habe? Unendlich viel habe ich davon!«

»Siehst du wohl, du weißt es selbst nicht! Und nun stelle dir einmal vor, wie es dort sein wird: du wirst bei meiner Gevatterin, einer vornehmen Frau, in aller Ruhe und Stille wohnen; kein Mensch wird dich stören; kein Lärm und Spektakel; alles ist rein und sauber. Sieh nur, du wohnst ja hier wie in einer Herberge und bist doch ein adliger Herr, ein Gutsbesitzer! Dort aber hast du Reinlichkeit und Stille; du hast jemand, mit dem du sprechen kannst, wenn du dich langweilst. Außer mir wird niemand zu dir kommen. Es sind zwei Kinderchen da, mit denen kannst du spielen, soviel du Lust hast! Was willst du noch mehr? Und der pekuniäre Vorteil, der gewaltige pekuniäre Vorteil! Was bezahlst du hier?«

»Fünfzehnhundert Rubel.«

»Und dort wirst du tausend Rubel fast für das ganze Haus bezahlen! Und was sind das für helle, prächtige Zimmer! Sie wünschte sich schon lange einen stillen, pünktlichen Mieter; da werde ich ihr dich zuweisen . . .«

Oblomow schüttelte zerstreut zum Zeichen der Verneinung den Kopf.

»Unsinn, du wirst umziehen!« sagte Tarantjew. »Bedenke nur, daß du da nur halb so teuer leben wirst: schon allein an der Wohnung wirst du fünfhundert Rubel ersparen. Du wirst noch einmal so gut essen, und sauberer; weder die Köchin noch Sachar werden dich bestehlen . . .«

Aus Sachars Zimmer ließ sich ein Brummen vernehmen.

»Und es wird auch mehr Ordnung herrschen«, fuhr Tarantjew fort; »jetzt ist es einem ja widerwärtig, sich bei dir an den Tisch zu setzen! Man möchte nach dem Pfeffer greifen, aber es ist kein Pfeffer da; auch Essig ist nicht gekauft. Die Wäsche geht, wie du selbst sagst, verloren; überall liegt Staub – mit einem Worte, es ist gräßlich! Dort aber wird eine Frau die Wirtschaft führen; weder du noch dein Esel, der Sachar . . .«

Das Brummen in Sachars Zimmer wurde stärker.

». . . dieser alte Hund«, fuhr Tarantjew fort, »keiner von euch wird dann mehr an etwas zu denken brauchen; du wirst in voller Pension leben. Was ist da noch zu überlegen? Zieh um, und alles ist erledigt . . .«

»Aber wie kann ich denn so plötzlich mir nichts dir nichts nach der Wyborger Seite . . .«

»Mit dir ist aber auch nichts anzufangen!« sagte Tarantjew und wischte sich den Schweiß vom Gesichte. »Jetzt ist es Sommer: da ist es dort ganz wie in einer Sommerfrische. Warum willst du hier in der Gorochowaja-Straße während des Sommers verfaulen? Dort ist der Besborodkin-Park; OchtaEine Ortschaft an der Newa. Anm. d. Übers. hast du ganz in der Nähe; die Newa ist nur zwei Schritte entfernt; du hast deinen eigenen Gemüsegarten, keinen Staub, keine schlechte Luft! Da ist nichts weiter zu überlegen: ich will gleich nach dem Mittagessen schleunigst zu ihr hin (gib mir Geld zu einer Droschke!), und morgen kannst du umziehen . . .«

»Was ist das für ein Mensch!« sagte Oblomow. »Denkt er sich da auf einmal weiß der Teufel was aus: ich soll nach der Wyborger Seite . . . Sich so etwas auszudenken, das ist keine Kunst. Nein, mach' lieber ein schlaues Mittel ausfindig, daß ich hierbleiben kann. Ich wohne hier nun schon acht Jahre und habe keine Lust zu einer Veränderung . . .«

»Die Sache ist abgetan: du ziehst um. Ich eile sogleich zu meiner Gevatterin; nach der neuen Stelle, die mir versprochen ist, will ich mich ein andermal erkundigen . . .«

Er wollte fortgehen.

»Warte, warte! Wo willst du hin?« hielt ihn Oblomow zurück. »Ich habe noch eine Angelegenheit; die ist noch wichtiger. Sieh nur, was für einen Brief ich von meinem Dorfschulzen bekommen habe, und sage mir, was ich da tun soll.«

»Na, da siehst du es, was für ein Mensch du von deiner Geburt an bist!« erwiderte Tarantjew. »Nichts verstehst du selbst zu machen. Immer muß ich einspringen, immer ich! Na, wozu bist du denn eigentlich zu gebrauchen? Du bist nicht ein Mensch, sondern einfach eine Strohpuppe!«

»Wo ist nur der Brief? Sachar, Sachar! Er muß ihn wieder irgendwohin versteckt haben!« sagte Oblomow.

»Hier ist der Brief des Dorfschulzen«, bemerkte Alexejew und reichte ihm den zerknitterten Brief hin.

»Ja, da ist er«, sagte Oblomow und begann ihn laut vorzulesen.

»Was sagst du dazu? Wie soll ich mich verhalten?« fragte Ilja Iljitsch, sobald er mit dem Vorlesen fertig war. »Dürre, Zahlungsrückstände . . .«

»Du bist ein verlorener Mensch, ein ganz verlorener Mensch!« sagte Tarantjew.

»Warum soll ich denn ein verlorener Mensch sein?«

»Natürlich bist du ein verlorener Mensch!«

»Na, wenn ich ein verlorener Mensch bin, dann sage mir, was ich tun soll.«

»Aber was bekomme ich dafür?«

»Ich habe ja schon gesagt: es soll Champagner geben; was willst du denn noch weiter?«

»Der Champagner ist für das Auffinden der Wohnung. Ich überhäufe dich ja mit Wohltaten; aber du hast dafür keine Empfindung; du streitest noch; du bist undankbar! Versuch's doch mal und suche dir selbst eine Wohnung! Und was will noch die Wohnung besagen! Die Hauptsache ist die Ruhe, die dich da umfangen wird: es wird dir ganz so sein, als ob du bei deiner leiblichen Schwester lebtest. Dann sind da noch die beiden Kinderchen und der unverheiratete Bruder, und ich werde dich täglich besuchen . . .«

»Nun gut, gut«, unterbrach ihn Oblomow; »sag' nur jetzt, was ich mit dem Dorfschulzen anfangen soll.«

»Nein, versprich erst, daß es auch Porter zum Mittagessen geben wird; dann werde ich es sagen.«

»Nun auch noch Porter! Du kannst doch gar nicht genug bekommen!«

»Na, dann adieu!« sagte Tarantjew und setzte den Hut wieder auf.

»Ach, du mein Gott! Da schreibt mir der Dorfschulze, die Einnahme werde um zweitausend Rubel geringer ausfallen, und da verlangt der noch obendrein Porter! Na, gut, kaufe Porter!«

»Gib mir noch Geld!« sagte Tarantjew.

»Du bekommst ja noch von dem Zehnrubelschein etwas heraus.«

»Und für die Droschke nach der Wyborger Seite?« antwortete Tarantjew.

Oblomow nahm noch einen Rubel heraus und reichte ihn ihm ärgerlich hin.

»Dein Dorfschulze ist ein Gauner – das ist es, was ich dir sagen will«, begann Tarantjew, während er den Rubel in die Tasche steckte; »und du glaubst ihm, du alte Schlafmütze. Sieh nur, was er für ein Lied anstimmt: Dürre, Mißernte, Zahlungsrückstände; und Bauern sind davongelaufen. Er lügt; all das ist erlogen! Ich habe gehört, daß in unserer Gegend auf dem Gute Schumilowskoje von der vorjährigen Ernte alle Schulden bezahlt sind, und bei dir ist auf einmal Dürre und Mißernte. Schumilowskoje liegt nur fünfzig Werst von deinem Gute entfernt: warum ist denn da das Getreide nicht verbrannt? Ferner hat er sich das mit den Zahlungsrückständen ausgedacht! Warum hat er nicht aufgepaßt? Warum ist er so nachlässig gewesen? Gibt es etwa in unserer Gegend keine Arbeit und keinen Absatz? O dieser Betrüger! Ich würde ihn mir gehörig vornehmen! Und die Bauern sind deswegen fortgegangen, weil er selbst wahrscheinlich von ihnen Bestechungen angenommen und sie dann hat laufen lassen; aber sich bei dem Bezirkshauptmann zu beklagen, das ist ihm gar nicht eingefallen.«

»Das ist nicht möglich«, sagte Oblomow; »er teilt mir ja sogar die Antwort des Bezirkshauptmanns in seinem Briefe mit, in so natürlich klingender Weise . . .«

»Ach, du! Du verstehst eben gar nichts. Alle Gauner schreiben in natürlich klingender Weise; das kannst du mir schon glauben! Da sitzt zum Beispiel«, fuhr er, auf Alexejew weisend, fort, »eine ehrliche Seele, ein dummes Schaf; wird der in natürlich klingender Weise schreiben? Niemals. Aber sein Verwandter, obwohl er ein gemeiner Kerl und eine Kanaille ist, der kann so schreiben. Auch du kannst nicht in natürlich klingender Weise schreiben! Also ist dein Dorfschulze schon allein deswegen eine Kanaille, weil er in geschickter, natürlich klingender Weise geschrieben hat. Sieh nur, wie er die einzelnen Worte ausgewählt hat: ›nach dem Orte ihrer Ansässigkeit zurückzuschaffen‹.«

»Was soll ich denn mit ihm anfangen?« fragte Oblomow.

»Setze ihn sofort ab!«

»Aber wen soll ich einsetzen? Woher kenne ich die Bauern? Ein anderer wird vielleicht noch schlechter sein. Ich bin seit zwölf Jahren nicht dort gewesen.«

»Fahre selbst nach dem Gute hin: ohne das geht es nicht. Bleib den Sommer über dort und zieh zum Herbst geradeswegs in die neue Wohnung! Ich werde schon dafür sorgen, daß sie fertig und bereit ist.«

»In eine neue Wohnung ziehen, selbst nach dem Gute fahren! Was du einem immer für schreckliche Mittel vorschlägst!« sagte Oblomow unzufrieden. »Nein, ich möchte doch die Extreme vermeiden und einen Mittelweg einschlagen . . .«

»Na, Bruder Ilja Iljitsch, du wirst vollständig zugrunde gehen. Ich hätte an deiner Stelle schon längst auf das Gut Hypotheken aufgenommen und mir für das Geld ein anderes gekauft, oder auch ein Haus, hier, an einer hübschen Stelle: das wäre mehr wert als dein Gut. Dann aber würde ich auch auf das Haus Hypotheken aufnehmen und mir ein anderes kaufen . . . Gib mir dein Gut; dann sollten die Leute schon etwas von mir zu hören bekommen!«

»Hör' auf zu prahlen und denke ein Mittel aus, wie die Sache in Ordnung kommen kann, ohne daß ich aus der Wohnung ausziehen und auf das Gut zu fahren brauche . . .« bemerkte Oblomow.

»Wirst du dich denn jemals vom Flecke rühren?« sagte Tarantjew. »Sieh dich mal selbst an: wozu bist du denn zu gebrauchen? Was hat das Vaterland von dir für Nutzen? Er kann nicht einmal auf das Gut fahren!«

»Jetzt ist es mir noch zu früh«, antwortete Ilja Iljitsch. »Laß mich vorher mit dem Plane für die Reformen fertig werden, die ich auf dem Gute einzuführen beabsichtige. Aber weißt du was, Michei Andrejewitsch?« sagte Oblomow plötzlich: »Fahr du hin! Die Sache ist dir bekannt; die Gegend kennst du ebenfalls, und ich würde gern alle Kosten tragen.«

»Bin ich etwa dein Verwalter?« erwiderte Tarantjew hochmütig. »Ich bin es auch gar nicht mehr gewohnt, mit Bauern umzugehen . . .«

»Was soll ich dann nur tun?« sagte Oblomow melancholisch. »Ich weiß es wirklich nicht.«

»Na, schreib an den Bezirkshauptmann; frage ihn, ob der Dorfschulze mit ihm über die davongelaufenen Bauern gesprochen hat«, riet Tarantjew, »und bitte ihn, einmal nach deinem Gute mit heranzufahren. Ferner schreibe an den Gouverneur, er möchte dem Bezirkshauptmann aufgeben, über die Führung des Dorfschulzen zu berichten. Schreibe so: ›Wollen Eurer Exzellenz mir eine väterliche Teilnahme erweisen und mit barmherzigem Auge auf das unvermeidliche schreckliche Unglück hinblicken, das mir infolge der frechen Handlungsweise des Dorfschulzen droht, und auf den vollständigen Ruin, dem ich mit meiner Frau und mit meinen ohne jede Pflege und ohne einen Bissen Brot zurückbleibenden unmündigen zwölf Kindern unfehlbar verfallen muß.‹«

Oblomow lachte.

»Wo soll ich denn so viele Kinder hernehmen, wenn man von mir verlangt, daß ich sie aufzeige?« sagte er.

»Unsinn! Schreib nur: ›mit meinen zwölf Kindern‹; das wird durch das eine Ohr hinein- und durch das andere hinausgehen, und kein Mensch wird Nachforschungen anstellen; dafür wird es natürlich klingen. Der Gouverneur wird den Brief seinem Sekretär übergeben; an den schreibst du gleichzeitig, selbstverständlich mit einer Einlage; der wird dann das Erforderliche veranlassen. Und bitte doch auch deine Nachbarn; wen hast du denn da?«

»Dobrynin wohnt da in der Nähe«, antwortete Oblomow. »Ich bin hier häufig mit ihm zusammengetroffen; er ist jetzt dort.«

»Schreib auch an den; bitte ihn recht schön; etwa so: ›Erweisen Sie mir damit einen sehr wertvollen Dienst, und verpflichten Sie mich als Christ, als Freund und als Nachbar zu Dank!‹ Und lege dem Brief irgendein Geschenk aus Petersburg bei, zum Beispiel Zigarren. So mußt du das machen; aber du verstehst eben nichts. Du bist ein verlorener Mensch! Ich würde dem Dorfschulzen schon die Flötentöne beibringen, wenn ich sein Herr wäre; ich würde es ihm gehörig geben! Wann geht denn die Post dorthin ab?«

»Übermorgen«, antwortete Oblomow.

»Dann setz dich hin und schreib gleich!«

»Sie geht ja doch erst übermorgen; also warum soll ich denn gleich schreiben?« versetzte Oblomow. »Das kann ich ja auch noch morgen tun. Aber höre mal, Michei Andrejewitsch«, fügte er hinzu, »setze deinen ›Wohltaten‹ die Krone auf: ich werde meinetwegen zum Mittagessen noch einen Fisch oder ein Geflügel hinzufügen.«

»Was soll ich denn noch tun?« fragte Tarantjew.

»Setz dich hin und schreib. Drei Briefe herunterzuschreiben, das dauert ja bei dir nicht lange. Du bringst das in einer so natürlich klingenden Weise heraus . . .« fügte er hinzu, wobei er sich Mühe gab, ein Lächeln zu unterdrücken. »Und Iwan Alexejewitsch hier könnte es abschreiben.«

»Puh, was sind das für Einfälle!« antwortete Tarantjew. »Ich soll deine Briefe schreiben! Ich schreibe seit vorgestern nicht einmal auf dem Büro; sowie ich mich zum Schreiben hinsetze, kommt mir eine Träne ins linke Auge, ich habe mich offenbar erkältet. Und auch der Kopf ist mir geschwollen und tut mir weh, wenn ich mich bücke. Du Faulpelz, du Faulpelz! Du gehst zugrunde, Bruder Ilja Iljitsch; um nichts und wieder nichts gehst du zugrunde!«

»Ach, wenn doch Andrei recht bald käme!« sagte Oblomow. »Der würde alles in Ordnung bringen . . .«

»Na, das ist mir auch der richtige Wohltäter!« unterbrach ihn Tarantjew. »So ein verfluchter Deutscher, so ein geriebener Schwindler! . . .«

Tarantjew hegte eine Art von instinktiver Abneigung gegen die Ausländer. In seinen Augen waren die Worte Franzose, Deutscher, Engländer gleichbedeutend mit Gauner, Betrüger, Preller oder Dieb. Er machte nicht einmal zwischen den Nationen einen Unterschied: sie waren in seinen Augen alle von gleicher Art.

»Hör' mal, Michei Andrejewitsch«, sagte Oblomow in strengem Tone, »ich möchte dich bitten, dich in deinen Ausdrücken zu mäßigen, besonders wenn es sich um einen mir so nahestehenden Menschen handelt . . .«

»Um einen dir so nahestehenden Menschen!« erwiderte Tarantjew voller Haß. »Wie ist er denn mit dir verwandt? Er ist ja doch ein Deutscher!«

»Er steht mir näher als jeder Verwandte: ich bin mit ihm zusammen aufgewachsen, bin mit ihm zusammen in die Schule gegangen und dulde keine Schmähworte über ihn . . .«

Tarantjew wurde vor Zorn dunkelrot.

»Ah, wenn du einen Deutschen mir vorziehst«, sagte er, »so setze ich keinen Fuß mehr über die Schwelle.«

Er setzte den Hut auf und ging zur Tür. Oblomow wurde augenblicklich sanfter.

»Du solltest in ihm meinen Freund achten und von ihm mit größter Vorsicht sprechen. Das ist alles, was ich verlange! Ich möchte meinen, das ist kein großer Dienst«, sagte er.

»Einen Deutschen achten?« erwiderte Tarantjew höchst verächtlich. »Wofür?«

»Ich habe es dir schon gesagt; wenigstens dafür, daß er mit mir zusammen aufgewachsen und mit mir zusammen in die Schule gegangen ist.«

»Das ist auch wohl eine große Sache! Mit wem ist man nicht alles in die Schule gegangen!«

»Wenn der hier wäre, so würde er mich schon längst von allen Sorgen und Plackereien befreit haben, ohne daß er Porter und Champagner verlangt hätte . . .« sagte Oblomow.

»Ah, du machst mir Vorwürfe! Hol' dich der Teufel mitsamt deinem Porter und deinem Champagner! Da, nimm dein Geld zurück . . . Wohin habe ich es nur gesteckt? Habe ich doch ganz vergessen, wo ich dieses verdammte Zeug gelassen habe!«

Er zog ein fettfleckiges beschriebenes Blatt Papier heraus.

»Nein, das ist es nicht . . .« sagte er. »Wo habe ich es nur? . . .« Er wühlte in seinen Taschen umher.

»Bemühe dich nicht, hole es nicht hervor!« sagte Oblomow. »Ich mache dir keinen Vorwurf; ich bitte dich nur, in anständigeren Ausdrücken von einem Manne zu sprechen, der mir nahesteht und so viel für mich getan hat.«

»Viel für dich getan!« entgegnete Tarantjew zornig. »Warte nur; er wird noch mehr für dich tun; höre du nur auf ihn!«

»Warum sagst du mir das?« fragte Oblomow.

»Weil, wenn dein Deutscher dich ausgeplündert haben wird, du wissen wirst, wie töricht es ist, einem Landsmann, einem Russen einen beliebigen Landstreicher vorzuziehen . . .«

»Höre, Michei Andrejewitsch . . .« begann Oblomow.

»Da ist nichts zu hören, ich habe schon genug gehört und genug Kränkungen von dir erduldet! Gott weiß, wieviel Beleidigungen ich ertragen habe . . . Sein Vater hat wohl in Sachsen nichts zu beißen und zu brechen gehabt, und da ist er hierher gekommen, um die Nase hochzutragen.«

»Warum störst du die Ruhe der Toten? Was hat denn der Vater Unrechtes getan?«

»Sie haben beide Unrechtes getan, der Vater und der Sohn«, erwiderte Tarantjew finster mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Nicht ohne Grund hat mir mein Vater den Rat gegeben, mich vor diesen Deutschen zu hüten, und der hatte in seinem Leben alle möglichen Menschen kennengelernt!«

»Aber warum mißfällt dir denn zum Beispiel der Vater?« fragte Ilja Iljitsch.

»Weil er in unser Gouvernement seinerzeit im September im bloßen Rocke und ohne Überschuhe gekommen ist und hier auf einmal seinem Sohne eine beträchtliche Erbschaft hinterlassen hat; wie geht das zu?«

»Er hat seinem Sohne nur ungefähr vierzigtausend Rubel hinterlassen. Einen Teil davon hat ihm seine Frau als Mitgift zugebracht, und das übrige hat er sich dadurch erworben, daß er Kinder unterrichtete und ein Gut verwaltete: dafür bezog er ein schönes Gehalt . . . Du siehst, daß der Vater nichts begangen hat. Was hat denn nun der Sohn begangen?«

»Das ist ein nettes Bürschchen! Auf einmal hat er die vierzigtausend Rubel seines Vaters in ein Kapital von dreihunderttausend Rubeln verwandelt, und in der dienstlichen Laufbahn hat er es zum Hofrat gebracht, und ein Gelehrter ist er auch . . . jetzt reist er überdies umher! Er ist ein Hans in allen Gassen! Wird etwa ein richtiger braver Russe all dergleichen tun? Ein Russe wählt sich ein einzelnes Gebiet für seine Tätigkeit aus und verfährt auch da nicht eilig, sondern langsam, bedächtig, mit Gemütsruhe; aber wie hat es der gemacht! Ja, wenn er noch zur Branntweinakzise gegangen wäre, dann könnte man es schon verstehen, wovon er reich geworden ist; aber nein, es ist ihm so zugefallen, durch Spitzbüberei! Die Geschichte ist unsauber! Ich meine, man müßte solche Leute vor Gericht stellen! Da treibt er sich nun jetzt weiß der Teufel wo umher!« fuhr Tarantjew fort. »Warum treibt er sich in fremden Ländern umher?«

»Er will lernen, alles sehen und wissen.«

»Lernen! Hat er denn noch nicht genug gelernt? Was will er denn noch mehr lernen? Er lügt; glaube ihm nicht; er betrügt dich ins Gesicht hinein, wie man ein kleines Kind betrügt. Lernen denn Erwachsene noch etwas? Das ist ja alles nur Schwindel! Wie wird denn ein Hofrat noch etwas lernen! Du hast in der Schule gelernt; aber lernst du etwa jetzt noch? Oder lernt etwa der hier noch?« (Er zeigte auf Alexejew.) »Oder lernt sein Verwandter noch? Welcher brave Mann lernt denn noch? Sitzt er etwa dort in einer deutschen Schule und lernt, was ihm aufgegeben wird? Er lügt! Ich habe gehört, er sei hingefahren, um eine Maschine anzusehen und zu bestellen: gewiß eine Presse, um russisches Geld herzustellen! Ich würde ihn ins Gefängnis setzen . . . Auch mit Aktien gibt er sich ab. Ach, diese Aktien, das ist nun erst der höhere Schwindel!«

Oblomow lachte auf.

»Was fletschst du die Zähne? Sage ich nicht die Wahrheit?« rief Tarantjew.

»Na, lassen wir das!« unterbrach ihn Ilja Iljitsch. »Geh in Gottes Namen dahin, wohin du gehen wolltest, und ich werde mit Iwan Alexejewitschs Hilfe alle diese Briefe schreiben und versuchen, meinen Reformplan so schnell wie möglich aufs Papier zu werfen; bei der Gelegenheit wird sich beides zusammen machen lassen . . .«

Tarantjew ging ins Vorzimmer, kehrte aber plötzlich wieder zurück.

»Das hatte ich ganz vergessen! Ich kam heute zu dir mit einem Anliegen«, begann er, jetzt in ganz höflichem Tone. »Ich bin morgen zu einer Hochzeit eingeladen: Rokotow verheiratet sich. Borge mir dazu deinen Frack, Landsmann; weißt du, meiner ist schon ein bißchen abgescheuert . . .«

»Aber wie geht denn das?« antwortete Oblomow, der bei dieser neuen Forderung ein finsteres Gesicht machte. »Mein Frack paßt dir nicht . . .«

»Er wird mir schon passen; warum sollte er mir nicht passen?« unterbrach ihn Tarantjew. »Erinnerst du dich: ich habe einmal deinen Rock anprobiert, und er saß, als ob er für mich gemacht wäre! Sachar, Sachar! Komm mal her, altes Rindvieh!« rief Tarantjew.

Sachar brummte wie ein Bär, kam aber nicht.

»Rufe ihn doch, Ilja Iljitsch! Was ist das von deinem Diener für ein Benehmen!« schalt Tarantjew.

»Sachar!« rief Oblomow.

»Ach, daß euch doch . . .« ertönte es aus Sachars Zimmer, zugleich mit dem Sprunge der Beine von der Ofenbank.

»Nun, was wollen Sie?« fragte er, sich an Tarantjew wendend.

»Gib meinen schwarzen Frack her!« befahl Ilja Iljitsch. »Michei Andrejewitsch wird ihn anprobieren, ob er ihm paßt; er muß morgen zu einer Hochzeit . . .«

»Ich gebe den Frack nicht her«, sagte Sachar in entschiedenem Tone.

»Wie kannst du es wagen, so zu antworten, wenn dein Herr es befiehlt?« schrie Tarantjew. »Warum schickst du ihn nicht ins Arbeitshaus, Ilja Iljitsch?«

»Ja, das fehlte noch, den alten Mann ins Arbeitshaus zu schicken!« sagte Oblomow. »Gib den Frack her, Sachar; sei nicht eigensinnig!«

»Ich gebe ihn nicht her«, erwiderte Sachar kaltblütig. »Mag er vorher unsere Weste und unser Hemd zurückbringen. Die sind beide schon bald fünf Monate bei ihm zu Besuch. Er hat sie sich ebenso zu einer Namenstagsfeier geborgt, und wir haben sie nicht wieder zu sehen bekommen; es ist eine Samtweste und ein Hemd von feiner holländischer Leinwand, das fünfundzwanzig Rubel gekostet hat. Ich gebe den Frack nicht her!«

»Na, dann adieu! Seid einstweilen dem Teufel befohlen!« schloß Tarantjew zornig und drohte beim Hinausgehen Sachar mit der Faust. »Vergiß nicht, Ilja Iljitsch, ich werde die Wohnung für dich mieten, hörst du?« fügte er hinzu.

»Nun gut, gut!« sagte Oblomow ungeduldig, um ihn nur loszuwerden.

»Und schreibe nur alles Erforderliche«, fuhr Tarantjew fort, »und vergiß nicht, dem Gouverneur zu schreiben, daß du zwölf Kinder hast, eines immer kleiner als das andre. Und sorge dafür, daß um fünf Uhr die Suppe auf dem Tische ist! Warum hast du denn nicht Befehl gegeben, eine Pastete zu machen?«

Aber Oblomow schwieg; er hörte schon längst nicht mehr nach ihm hin, hielt die Augen geschlossen und dachte an etwas anderes.

Nach Tarantjews Weggange herrschte im Zimmer etwa zehn Minuten lang eine durch nichts gestörte Stille. Oblomow war durch den Brief des Dorfschulzen und durch den bevorstehenden Umzug verstimmt und zum Teil auch durch Tarantjews Rederei ermüdet. Endlich stieß er einen Seufzer aus.

»Warum schreiben Sie denn nicht?« fragte Alexejew leise. »Ich würde Ihnen eine Feder schneiden.«

»Tun Sie das, und gehen Sie dann in Gottes Namen irgendwohin. Ich werde die Briefe allein aufsetzen, und Sie können dann nach Tische abschreiben.«

»Sehr wohl«, antwortete Alexejew. »Ich fürchte wirklich, daß ich Sie dabei am Ende noch stören würde. Ich werde unterdessen zu den Herren hingehen und ihnen sagen, sie möchten mit der Fahrt nach Jekateringof nicht auf uns warten. Leben Sie wohl, Ilja Iljitsch!«

Aber Ilja Iljitsch hörte nicht nach ihm hin: er hatte die Beine unter den Leib gezogen, so daß er auf dem Lehnstuhl beinah lag, und versank trübsinnig in einen Zustand, der zwischen Druseln und Nachdenken die Mitte hielt.

 

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