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Iwan Gontscharow: Oblomow - Kapitel 46
Quellenangabe
pfad/gontscha/oblomow/oblomow.xml
typefiction
authorIwan Gontscharow
titleOblomow
publisherAnaconda
year2010
isbn978-3-86647-478-9
firstpub1859
translatorHermann Röhl
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120612
modified20170607
projectida9997c9c
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Es waren fünf Jahre vergangen. Vieles hatte sich auch auf der Wyborger Seite verändert: an der früher wenig bebauten Straße, an der das Haus der Frau Pschenizyna lag, waren Landhäuser entstanden, und zwischen ihnen erhob sich ein langgestrecktes, steinernes staatliches Gebäude, welches die Sonnenstrahlen verhinderte, lustig in die Fensterscheiben des friedlichen Asyls der Trägheit und Ruhe hineinzuscheinen.

Auch das Häuschen selbst war ein wenig gealtert; es sah vernachlässigt und unsauber aus wie ein Mensch, der sich nicht rasiert hat. Die Farbe war abgegangen, die Dachrinnen stellenweise zerbrochen; infolgedessen standen auf dem Hofe Schmutzpfützen, über die wie früher ein schmales Brett gelegt war. Wenn jemand durch das Pförtchen hereinkam, sprang der alte schwarze Hund nicht mehr eifrig an der Kette umher, sondern bellte heiser und träge, ohne aus seiner Hütte herauszukommen.

Und welche Veränderungen waren im Innern des Häuschens vorgegangen! Dort herrschte eine fremde Frau, und andere Kinder als die früheren tollten umher. Dort erschien wieder von Zeit zu Zeit das rote Trinkergesicht des händelsüchtigen Tarantjew, aber nicht mehr das Gesicht des sanften, dienstfertigen Alexejew. Weder Sachar noch Anisja sind zu sehen: eine neue dicke Köchin wirtschaftet in der Küche und erfüllt widerwillig und unter groben Bemerkungen Agafja Matwjejewnas stille Befehle, und dieselbe Akulina mit dem in den Gürtel gesteckten Kleidersaume wäscht die Töpfe und Kübel; derselbe verschlafene Hausknecht in demselben Schafpelze beschließt müßig sein Leben in seinem Kämmerchen. Neben dem Gitterzaun huscht zu bestimmten Stunden am frühen Morgen und am Nachmittag wieder die Gestalt des »Bruders« vorbei, mit dem großen Paket unter dem Arm und Sommers und Winters in Gummischuhen.

Was ist aus Oblomow geworden? Wo ist er? Wo? Auf dem nächsten Kirchhofe ruht sein Leib unter einer bescheidenen Urne zwischen Gebüsch an einem stillen Plätzchen. Fliedersträuche, die eine Freundeshand gepflanzt hat, neigen sich wie schlummernd über das Grab, und ungestört wächst auf ihm duftender Wermut. Es scheint, daß der Engel der Stille selbst den Schlaf des Ruhenden behütet.

Wie sorgsam auch das Auge seiner Frau jeden Augenblick seines Lebens bewacht hatte, so hatten doch die stete Ruhe, die stete Stille und das träge Hinüberschleichen von einem Tage zum andern unvermerkt die Maschinerie seines Lebens zum Stillstande gebracht, Ilja Iljitsch war anscheinend ohne Schmerzen und Qualen verschieden, so wie eine Uhr stehen bleibt, die man aufzuziehen vergessen hat.

Niemand sah seine letzten Augenblicke, und niemand hörte sein Stöhnen vor dem Tode. Der Schlaganfall hatte sich noch einmal wiederholt, nach einem Jahre, und war wieder glücklich vorübergegangen; nur wurde Ilja Iljitsch blaß und schwach, aß wenig, ging nur noch wenig in das Gärtchen hinaus und wurde immer schweigsamer und melancholischer; manchmal weinte er sogar. Er ahnte den nahen Tod und fürchtete ihn.

Mehrere Male befiel ihn ein Unwohlsein, das aber vorüberging. Eines Morgens brachte ihm Agafja Matwjejewna wie gewöhnlich den Kaffee und – fand ihn auf seinem Totenbette ebenso sanft ruhend, wie wenn er schliefe; nur der Kopf hatte sich ein wenig vom Kissen heruntergeschoben, und die Hand war krampfhaft gegen das Herz gedrückt, wo das Blut anscheinend zusammengeströmt war und gestockt hatte.

Drei Jahre lang hatte Agafja Matwjejewna nun als Witwe gelebt; in dieser Zeit hatte sich alles wieder in den früheren Zustand zurückverändert. Der Bruder hatte sich mit Lieferungen für den Staat befaßt, war aber dabei verarmt; durch allerlei List und Kriecherei war es ihm mit Not und Mühe gelungen, seine frühere Sekretärstelle in der Kanzlei, »wo die Bauern eingetragen werden«, wiederzubekommen, und so ging er denn wieder zu Fuß zum Dienste, brachte Viertelrubel, halbe Rubel und Zwanzigkopekenstücke heim und füllte damit einen Kasten an, den er vor jedem Späherblick versteckt hielt. Die Wirtschaft wurde in ebenso ordinärer, einfacher Form, aber auch mit ebenso delikater, reichlicher Beköstigung wie in früherer Zeit, vor der Oblomowschen Periode, geführt.

Die erste Rolle im Hause spielte die Frau des Bruders, Irma Panteljejewna, das heißt, sie nahm für sich das Recht in Anspruch, spät aufzustehen, dreimal Kaffee zu trinken, dreimal am Tage den Anzug zu wechseln und, was die Wirtschaft anlangte, nur darauf zu sehen, daß ihre Unterröcke so steif wie möglich gestärkt wurden. Um alles übrige kümmerte sie sich nicht, und Agafja Matwjejewna war wie früher das lebendige Pendel im Hause: sie hatte die Küche unter sich, sorgte dafür, daß ein jeder im Hause Tee und Kaffee bekam, nähte für alle und beaufsichtigte das Weißzeug, die Kinder, Akulina und den Hausknecht.

Aber warum tat sie das? Sie war ja doch Frau Oblomowna, eine Gutsbesitzerin; sie hätte getrennt für sich und unabhängig leben können und brauchte sich um niemanden und um nichts zu kümmern? Was konnte sie veranlassen, die Last eines fremden Haushaltes, die Sorge um fremde Kinder und all die Kleinigkeiten auf sich zu nehmen, mit denen sich eine Frau sonst nur entweder aus inniger Liebe, im Gefühl der heiligen, durch die Familienbande ihr auferlegten Pflicht, oder aber um des täglichen Brotes willen abgibt? Wo waren denn Sachar und Anisja, die nach allen Rechten ihre Diener waren? Wo war endlich das lebende Pfand, das ihr Mann ihr hinterlassen hatte, der kleine Andrei? Wo waren ihre Kinder von dem ersten Manne?

Ihre Kinder waren versorgt; das heißt, Wanja hatte die Schule durchgemacht und war in den Staatsdienst getreten; Mascha hatte den Aufseher eines staatlichen Gebäudes geheiratet; den kleinen Andrei aber hatten sich Stolz und seine Frau zur Erziehung erbeten und betrachteten ihn als ein Glied ihrer Familie. Agafja Matwjejewna war nie der Meinung gewesen, daß der kleine Andrei und ihre ersten Kinder einen ähnlichen Lebensgang haben müßten, und hatte sie in dieser Hinsicht nie auf die gleiche Stufe gestellt, obwohl sie in ihrem Herzen vielleicht unbewußt ihnen allen den gleichen Platz zuerteilte. Aber die Erziehung, die Lebensweise und das künftige Leben des kleinen Andrei mußten nach ihrer Auffassung von Wanjas und Maschas Leben himmelweit verschieden sein.

»Was sind die denn? Ebensolche gewöhnliche Sorte wie ich selbst«, sagte sie geringschätzig. »Sie sind von gemeiner Herkunft; aber dieser«, fügte sie mit Bezug auf den kleinen Andrei beinah hochachtungsvoll hinzu und streichelte ihn mit einer gewissen wenn nicht Schüchternheit so doch Behutsamkeit, »dieser ist ein Herrchen! Wie schön weiß er aussieht, wie ein Glasapfel, und was für kleine Händchen und Füßchen er hat, und Härchen wie Seide. Er kommt ganz nach seinem seligen Vater!«

Daher ging sie widerspruchslos und sogar mit einer gewissen Freude auf Stolzens Anerbieten, Andrei zur Erziehung zu übernehmen, ein; denn sie war der Meinung, daß dort sein richtiger Platz sei und nicht bei ihr, in »gemeiner Umgebung«, mit ihren schmutzigen Neffen, den Kindern des Bruders, zusammen.

Nach Oblomows Tode lebte sie etwa ein halbes Jahr lang mit Anisja und Sachar im Hause, ganz gebrochen vor Schmerz. Sie trat einen Pfad zu dem Grabe ihres Mannes aus, weinte ohne Unterlaß, aß und trank fast nichts, nährte sich nur von Tee, tat oft nachts kein Auge zu und kam körperlich ganz herunter. Sie klagte nie jemandem gegenüber, und je weiter sie sich von dem Augenblicke der Trennung entfernte, um so mehr zog sie sich, wie es schien, in sich selbst, in ihren Kummer zurück und schloß sich von allen, sogar von Anisja, ab. Niemand wußte, wie es in ihrer Seele aussah.

»Ihre Hauswirtin weint ja immer noch um ihren Mann«, sagte auf dem Markte der Händler, von dem die Lebensmittel für das Haus entnommen wurden, zur Köchin.

»Sie grämt sich immer um ihren Mann«, sagte der Kirchenälteste, auf sie hinzeigend, zu der Hostienbäckerin in der Friedhofskirche, wohin die untröstliche Witwe allwöchentlich kam, um da zu beten und zu weinen.

»Sie ist immer noch ganz entzwei!« wurde im Hause des Bruders gesagt.

Eines Tages erschien plötzlich bei ihr unerwartet die ganze Familie des Bruders, mit den Kindern und sogar mit Tarantjew, unter dem Vorwande der Beileidsbezeigung. Sie erschöpften sich in Tröstungen und Ratschlägen, »sich nicht zugrunde zu richten, sich für die Kinder zu schonen«, lauter Redewendungen, die sie vor fünfzehn Jahren beim Tode ihres ersten Mannes zu hören bekommen hatte, und die damals von dem gewünschten Erfolg begleitet gewesen waren, die aber eigentümlicherweise bei ihr jetzt Widerwillen und Ekel hervorriefen.

Es wurde ihr erheblich leichter zumute, als die Besucher von etwas anderem zu reden anfingen und ihr erklärten, sie könnten wieder zusammen wohnen; es werde sowohl ihr leichter sein, »inmitten der Ihrigen ihr Leid zu tragen«, als auch ihnen selbst erwünscht, da niemand es so wie sie verstehe, ein Haus in Ordnung zu halten.

Sie bat um Bedenkzeit, quälte sich noch ein paar Monate lang mit ihrem Grame und willigte schließlich ein, mit ihnen zusammen zu leben. Um diese Zeit nahm Stolz den kleinen Andrei zu sich, und sie blieb allein.

Da ging sie nun in einem schwarzen Kleide, mit einem schwarzen wollenen Tuch um den Hals wie ein Schatten aus dem Zimmer in die Küche, machte wie früher die Schränke auf und zu, nähte, plättete Spitzen, aber still und ohne Energie; sie sprach, wie es schien, nur widerwillig, mit leiser Stimme, und sah nicht wie früher mit Augen um sich, die sorglos von einem Gegenstande zum andern liefen, sondern mit einem in sich gekehrten Ausdruck, mit einem verborgenen innerlichen Gedanken in den Augen. Dieser Gedanke hatte sich, wie es schien, in dem Augenblicke unsichtbar auf ihrem Gesichte gelagert, als sie ernst und lange in das tote Gesicht ihres Mannes blickte, und hatte sie seitdem nicht wieder verlassen.

Sie bewegte sich im Hause herum und verrichtete mit den Händen alles, was nötig war; aber ihre Gedanken nahmen daran nicht teil. Als sie ihren Mann verloren hatte und neben seiner Leiche stand, da begriff sie, wie es scheint, plötzlich ihr Leben und dachte über den Inhalt desselben nach, und dieser nachdenkliche Gedanke legte sich für immer wie ein Schatten auf ihr Gesicht. Nachdem sie den ersten heftigen Schmerz ausgeweint harte, konzentrierte sie ihr Denken auf das Bewußtsein dieses Verlustes: außer dem kleinen Andrei war alles übrige für sie gestorben. Nur wenn sie diesen sah, erwachten bei ihr gleichsam Anzeichen des Lebens, ihre Gesichtszüge begannen sich zu regen, ihre Augen füllten sich mit einem freudigen Glanze und strömten dann über von Tränen der Erinnerung.

Ihrer ganzen Umgebung stand sie fremd gegenüber. Mochte nun der Bruder über einen unnötigerweise ausgegebenen oder nicht abgehandelten Rubel, über einen angebrannten Braten, über einen nicht ganz frischen Fisch räsonieren, oder mochte die Schwägerin über nicht steif genug gestärkte Unterröcke, über schwachen und kalten Tee maulen, oder mochte die dicke Köchin grobe Reden führen: Agafja Matwjejewna beachtete nichts davon, als ob von ihr gar nicht die Rede wäre, und hörte nicht einmal das boshafte Geflüster: »Eine gnädige Frau, eine Gutsbesitzerin!«

Sie antwortete auf das alles mit der Würde ihres Schmerzes und mit ergebungsvollem Stillschweigen.

In der Christwoche, an hohen Feiertagen, an den vergnügten Abenden der Butterwoche, wenn alles im Hause jubelte, sang, aß und trank, dann brach sie plötzlich inmitten der allgemeinen Fröhlichkeit in heiße Tränen aus und versteckte sich in ihr Stübchen.

Nachher nahm sie sich wieder zusammen und blickte sogar manchmal auf den Bruder und seine Frau mit einer Art von Stolz und von Mitleid.

Sie begriff, daß die Glanzzeit ihres Lebens unwiderruflich vorbei war, daß Gott ihrem Leben eine Seele verliehen und nun wieder genommen hatte, daß in ihrem Leben eine Sonne aufgeleuchtet hatte und für immer erloschen war . . . Für immer, freilich; aber dafür hatte auch ihr Leben für immer einen Inhalt gewonnen; jetzt wußte sie, warum sie gelebt hatte, und daß sie nicht vergebens gelebt hatte.

Sie hatte so innig und so viel geliebt: sie hatte Oblomow geliebt als ihren Liebhaber, als ihren Mann und als ihren Herrn; nur verstand sie, ebenso wie früher, niemals, es jemandem zu sagen. Und es würde auch niemand von ihrer Umgebung sie verstanden haben. Wo hätte sie die Ausdrücke dafür hernehmen sollen? In dem Sprachschatze des Bruders, Tarantjews und der Schwägerin gab es keine solchen Worte, weil es keine solchen Begriffe gab; nur Ilja Iljitsch würde sie verstanden haben; aber sie hatte es ihm gegenüber niemals ausgesprochen, weil sie es damals selbst noch nicht begriffen und verstanden hatte.

Mit den Jahren begriff sie ihre Vergangenheit immer klarer und deutlicher, verbarg sie immer tiefer in ihrem Innern und wurde immer schweigsamer und verschlossener. Die hellen Strahlen und das stille Licht von den wie im Augenblick vorübergeflogenen sieben Jahren ergossen sich über ihr ganzes Leben, und sie hatte nichts mehr, was sie hätte wünschen und erstreben können.

Nur wenn Stolz für den Winter vom Gute nach der Stadt kam, lief sie zu ihm ins Haus, betrachtete leidenschaftlich den kleinen Andrei, liebkoste ihn mit schüchterner Zärtlichkeit und wollte dann etwas zu Andrei Iwanowitsch sagen, ihm danken, ja, ihm alles aussprechen, was in ihrem Herzen verborgen war und dort ein stilles Leben führte: er hätte sie verstanden, aber sie fand nicht die Worte, sondern stürzte nur zu Olga hin, drückte ihre Lippen auf deren Hände und brach dann in einen solchen Strom heißer Tränen aus, daß auch diese unwillkürlich anfing mit ihr zu weinen, und Andrei, tief erregt, eilig das Zimmer verließ.

Sie alle verband eine gemeinsame Sympathie, die Erinnerung an die kristallreine Seele des Verstorbenen. Stolz und Olga baten Agafja Matwjejewna mehrmals, mit ihnen aufs Land zu ziehen und dort bei ihnen und dem kleinen Andrei zu leben; aber sie wiederholte immer: »Wo man geboren ist und sein ganzes Leben verbracht hat, da muß man auch sterben.«

Vergeblich legte ihr Stolz über die Verwaltung des Gutes Rechenschaft ab und übersandte ihr die ihr zukommenden Einkünfte; sie gab alles zurück und bat, es für den kleinen Andrei aufzuheben.

»Es gehört ihm und nicht mir«, wiederholte sie hartnäckig. »Er wird es gebrauchen können; er ist ein Edelmann; ich aber werde auch so durchkommen.«

 

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