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Iwan Gontscharow: Oblomow - Kapitel 45
Quellenangabe
pfad/gontscha/oblomow/oblomow.xml
typefiction
authorIwan Gontscharow
titleOblomow
publisherAnaconda
year2010
isbn978-3-86647-478-9
firstpub1859
translatorHermann Röhl
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120612
modified20170607
projectida9997c9c
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IX.

Friede und Stille lagerten über der Wyborger Seite, über ihren ungepflasterten Straßen, über den hölzernen Trottoirs, über den dürftigen Gärten, über den mit Brennesseln bewachsenen Gräben, wo am Zaun eine Ziege mit einem zerrissenen Stricke am Halse eifrig Gras abrupfte oder stumpfsinnig hindämmerte. Um die Mittagszeit klapperten wohl die stutzerhaft hohen Absätze eines vorübergehenden Schreibers auf dem Trottoir; ein Musselinvorhang an einem Fensterchen bewegte sich, und hinter den Geraniumtöpfchen schaute eine Beamtenfrau hervor; oder es tauchte plötzlich über einem Gartenzaun für einen Augenblick ein frisches Mädchengesicht auf und verschwand sofort wieder; gleich darauf tauchte ein anderes, ebensolches Gesicht auf und verschwand ebenfalls; dann erschien wieder das erste und wurde von dem zweiten abgelöst; man hörte das Kreischen und Lachen der sich schaukelnden Mädchen.

Auch in dem Hause der Frau Pschenizyna war alles still. Wenn man auf den kleinen Hof trat, stand man mitten in einer lebenden Idylle: die Hühner und Hähne gerieten in unruhige Bewegung und liefen davon, um sich in den Ecken zu verstecken; der Hund begann an der Kette umherzuspringen und laut zu bellen; Akulina hörte auf, die Kuh zu melken, der Hausknecht hielt im Holzhacken inne, und beide sahen den Besucher neugierig an.

»Zu wem wollen Sie?« fragte der Hausknecht, wies, wenn er den Namen Ilja Iljitschs oder den der Wirtin hörte, schweigend nach der Haustür und nahm dann seine Tätigkeit des Holzhackens wieder auf: der Besucher aber ging auf einem reinen, mit Sand bestreuten Steige zur Haustür, vor der auf den hinanführenden Stufen ein einfacher, sauberer Teppich lag, zog an dem messingnen, blankgeputzen Klingelgriff, worauf dann Anisja oder eines der Kinder, manchmal auch die Wirtin selbst oder Sachar die Tür öffnete – Sachar allerdings als der letzte.

Alles in Frau Pschenizynas Hause bekundete eine solche Fülle und Behäbigkeit der Wirtschaft, wie sie nicht einmal in jener früheren Zeit, als Agafja Matwjejewna noch mit ihrem Bruder in diesem Hause zusammen wohnte, vorhanden gewesen war.

Die Küche, die Kammern und das Büfett, alles war mit Regalen versehen, auf denen allerlei Geschirr stand: große und kleine, runde und ovale Schüsseln, Saucieren, Tassen, Stöße von Tellern und eine Menge von eisernen, kupfernen und irdenen Töpfen.

In den Schränken lag sowohl das der Wirtin gehörige Silberzeug, das schon längst eingelöst war und jetzt niemals versetzt wurde, als auch das Silberzeug Oblomows.

Ferner waren da ganze Reihen riesiger, dickbäuchiger und dann wieder auch winzig kleiner Teekannen und mehrere Reihen Porzellantassen; die Tassen waren von verschiedener Art: einfache, solche mit Malerei, solche mit Vergoldung, solche mit Sprüchen, solche mit flammenden Herzen, solche mit Chinesen. Ferner große Glasgefäße mit Kaffee, Zimt und Vanille, kristallene Teebüchsen, Menagen mit Öl und Essig.

Ferner waren in einem Schranke ganze Regale vollgepackt mit Paketen, Flaschen und Schächtelchen, enthaltend allerlei Hausmittel, Kräuter, Mundwasser, Pflaster, verschiedene Arten Spiritus, Kampfer, allerlei Pulver, Räuchermittel; ebendort waren Seifen, Mittel zur Reinigung von Spitzen, zur Beseitigung von Flecken, und so weiter und so weiter, – alles, was man in einem beliebigen Hause jeder Provinzstadt bei jeder wohlhabenden Hausfrau vorfindet.

Wenn Agafja Matwjejewna plötzlich die Tür des mit all diesen Dingen angefüllten Schrankes öffnete, so konnte sie selbst alle diese betäubenden Gerüche nicht ertragen und mußte für einen Augenblick das Gesicht seitwärts wenden.

In der Speisekammer hingen an der Decke, damit die Mäuse nicht herankönnten, mehrere Schinken, Käse, Zuckerhüte, gedörrter Fisch, Säcke mit getrockneten Pilzen und mit Nüssen, die bei einem Finnen gekauft waren.

Auf dem Fußboden standen Kübel mit Butter, große zugedeckte Töpfe mit Sahne, Körbe mit Eiern und was sonst nicht noch alles! Es wäre die Feder eines zweiten Homer nötig, um vollständig und eingehend alles aufzuzählen, was in allen Ecken und auf allen Regalen dieser kleinen Arche häuslichen Lebens zusammengehäuft war.

Die Küche war das wahre Palladium der Tätigkeit der großartigen Wirtin und ihrer würdigen Gehilfin Anisja. Alles war im Hause vorhanden, und alles handgerecht und auf seinem Platze; man hätte sagen können, daß in allem Ordnung und Reinlichkeit herrschte, wenn nicht ein Winkel im ganzen Hause übrig geblieben wäre, wohin niemals weder ein Lichtstrahl, noch ein frischer Lufthauch, noch das Auge der Wirtin, noch die hurtige, immer fegende Hand Anisjas drang. Das war Sachars Kammer oder Nest.

Seine Kammer hatte kein Fenster, und die stete Dunkelheit wirkte zu der Verwandlung dieses Raumes aus einer menschlichen Wohnung in eine Höhle mit. Wenn Sachar dort manchmal die Wirtin mit irgendwelchen Verbesserungs- und Reinigungsplänen antraf, so erklärte er auf das bestimmteste, es sei nicht Weibersache, anzuordnen, wo und wie die Bürsten und die Stiefel liegen sollten; es gehe niemanden etwas an, warum bei ihm die Kleider in einem Haufen auf dem Fußboden lägen und sein Bett sich in der Ecke hinter dem Ofen im Staube befände; er sei es doch, der die Kleider trage und in diesem Bette schlafe, und nicht sie. Was aber den Badequast und die Bretter und die beiden Ziegelsteine und den Faßboden und die beiden Holzscheite anlange, die er bei sich in seinem Zimmer aufbewahre, so seien ihm die in der Wirtschaft unentbehrlich (wozu er sie aber brauche, das erklärte er nicht); der Staub ferner und die Spinnen seien ihm nicht störend; kurz, wie er seine Nase nicht zu ihnen in die Küche steckte, so wünsche er auch, daß sie ihn in Ruhe ließen.

Anisja, die er einmal dort antraf, überschüttete er mit einer solchen Flut verächtlicher Schimpfworte und machte eine so ernstgemeinte drohende Bewegung mit dem Ellbogen gegen ihre Brust, daß sie sich von da an fürchtete zu ihm hineinzusehen. Als die Sache an die höhere Instanz, das heißt an Ilja Iljitsch, gebracht und diesem zu geneigter Entscheidung vorgelegt war, ging der gnädige Herr hin, um eine Inspektion vorzunehmen und, wie es sich gehörte, strenge Anordnungen zu treffen; aber nachdem er bloß den Kopf zu Sachar durch die Tür hineingesteckt und einen Augenblick lang alles, was da war, angesehen hatte, spuckte er nur aus und sagte kein Wort.

»Was habt ihr nun erreicht?« sagte Sachar zu Agafja Matwjejewna und Anisja, die mit Ilja Iljitsch mitgekommen waren in der Hoffnung, daß sein Eingreifen zu einer Umänderung führen werde. Dann lächelte er auf seine Weise über das ganze Gesicht, so daß die Augenbrauen und der Backenbart sich nach den Seiten auseinanderzogen.

In den übrigen Zimmern war es überall hell, rein und frisch. Die alten verschossenen Vorhänge waren verschwunden und die Fenster und Türen des Salons und des Wohnzimmers mit blauen und grünen Draperien und Musselinvorhängen mit roten Festons versehen, alles die Arbeit der Hände Agafa Matwjejewnas.

Die Kissen waren weiß wie Schnee und erhoben sich wie ein Berg fast bis zur Zimmerdecke; die Bettdecke war von Seide und gesteppt.

Ganze Wochen lang war das Zimmer der Wirtin mit mehreren ausgezogenen und aneinandergereihten Chambretischen vollgestellt, auf denen diese Decken und Ilja Iljitschs Schlafrock ausgebreitet lagen.

Agafja Matwjejewna schnitt alles eigenhändig zu, legte Watte unter und steppte es durch, wobei sie sich mit ihrer festen Brust gegen die Arbeit legte, die Augen unverwandt auf sie heftete und sogar den Mund in Benutzung nahm, wenn ein Faden abgebissen werden mußte; sie arbeitete mit Liebe und mit unermüdlichem Fleiße und belohnte sich bescheiden mit dem Gedanken, daß der Schlafrock und die Decken den prächtigen Ilja Iljitsch einhüllen und wärmen und ihm zu Wohlgefühl und behaglicher Ruhe verhelfen würden.

Ganze Tage lang beobachtete er, in seinem Zimmer auf dem Sofa liegend, wie ihre nackten Arme, der Nadel und dem Faden folgend, sich hin und her bewegten. Bei dem Zischen des eingefädelten und dem Knistern des abgebissenen Fadens schlummerte er zu wiederholten Malen ein, wie einst in Oblomowka.

»Hören Sie doch auf zu arbeiten; Sie müssen ja müde werden!« suchte er ihr Einhalt zu tun.

»Gott liebt die Arbeit!« antwortete sie, ohne die Augen und die Hände von der Arbeit zu lassen.

Der Kaffee wurde ihm ebenso sorgfältig, reinlich und schmackhaft zubereitet und serviert wie vor einigen Jahren, als er in diese Wohnung eingezogen war. Suppe mit Gekröse, Makkaroni mit Parmesankäse, Fischpastete, Botwinja, junge Hühner vom eigenen Hofe, all dies löste einander in strenger Ordnung ab und brachte in das eintönige Leben des kleinen Häuschens eine angenehme Abwechslung.

In die Fenster warf vom Morgen bis zum Abend die Sonne ihre fröhlichen Strahlen herein, in der einen Hälfte des Tages von der einen, in der andern von der andern Seite; denn dank den auf beiden Seiten sich ausbreitenden Gemüsegärten hatte das Licht einen durch nichts behinderten Zugang. Die Kanarienvögel schmetterten lustig; die Geranien sowie die Hyazinthen, die die Kinder manchmal aus dem gräflichen Garten mitbrachten, erfüllten das kleine Zimmer mit ihrem starken Dufte, der sich in angenehmer Weise mit dem Rauche einer echten Havannazigarre und dem Geruche des Zimts und der Vanille mischte, die die Wirtin mit kräftigen Armbewegungen im Mörser stieß.

Ilja Iljitsch führte ein Leben, das gleichsam in einen Goldrahmen eingefaßt war, und in dem wie in einem Diorama nur die gewöhnlichen Phasen des Tages und der Nacht und der Jahreszeiten miteinander abwechselten, während andere Veränderungen fehlten, namentlich bedeutendere zufällige Ereignisse, die vom untersten Grunde des Lebens den ganzen oft bitteren und trüben Bodensatz aufwühlen.

Seit Stolz Oblomowka von den Zahlungen befreit hatte, die auf Grund des vom Bruder ergaunerten Schuldscheines aus den Einnahmen geleistet waren, und seit der Bruder und Tarantjew sich vollständig entfernt hatten, war mit ihnen auch jedes feindliche Element aus Ilja Iljitschs Leben verschwunden. Es umgaben ihn jetzt lauter schlichte, gutherzige, ihn liebende Persönlichkeiten, die es sich sämtlich zur Aufgabe gemacht hatten, durch ihre Existenz seinem Leben eine Stütze zu sein und ihm dazu zu verhelfen, daß er dasselbe gar nicht bemerke und gar nicht fühle.

Agafja Matwjejewna stand auf dem Höhepunkte ihres Lebens; sie lebte in so vollem Maße, wie es früher nie der Fall gewesen war, und sie fühlte das auch; nur konnte sie es, wie auch früher, niemals aussprechen, oder, richtiger gesagt, es kam ihr nicht in den Sinn, dies zu tun. Sie bat nur den lieben Gott, Ilja Iljitsch ein recht langes Leben zu schenken und ihn von aller »Trübsal, Heimsuchung und Not« zu befreien; ihr eigenes Geschick aber sowie das ihrer Kinder und ihres ganzen Hauses stellte sie dem Willen Gottes anheim. Ihr Gesicht aber drückte beständig die gleiche Glückseligkeit aus, ein Gefühl vollständiger Befriedigung ohne weitere Wünsche, also ein Gefühl, das nur selten vorkommt und bei keiner anderen Charakteranlage möglich ist.

Sie hatte an Körperfülle zugenommen; ihre Brust und ihre Schultern strahlten dieselbe vollständige Zufriedenheit aus; in ihren Augen leuchteten Sanftmut und nur wirtschaftliche Sorge. Es hatte sich bei ihr wieder jene Würde und jene Ruhe eingestellt, mit denen sie früher inmitten ihrer gehorsamen Untergebenen, Anisjas, Akulinas und des Hausknechtes, das Haus beherrscht hatte. Wie früher ging sie nicht, sondern glitt sie gleichsam vom Schranke zur Küche, von der Küche zur Speisekammer und erteilte gleichmäßig und ohne Hast ihre Befehle, mit dem vollen Bewußtsein dessen, was sie tat.

Anisja war noch lebhafter geworden als früher, weil mehr Arbeit vorhanden war. Beständig war sie in geschäftiger Bewegung, lief umher und arbeitete, alles nach Anweisung der Wirtin. Ihre Augen waren sogar noch heller als früher, und die Nase, diese redende Nase, ragte ordentlich vor ihrer ganzen Person hervor, wurde ganz rot von Sorgen, Gedanken und Absichten und redete ordentlich, auch wenn die Zunge schwieg.

Jede von beiden kleidete sich der Würde ihres Ranges und ihrer Pflichten entsprechend. Die Wirtin besaß jetzt einen großen Schrank mit einer Menge von seidenen Kleidern, Mantillen und Mänteln: ihre Hauben bestellte sie sich auf jener Seite, beinah in der Liteinaja-Straße; ihr Schuhzeug kaufte sie nicht auf dem Apraxin-Markte, sondern im Kaufhause, und ihr Hut stammte (man denke!) aus der Morskaja-Straße! Und Anisja zog, wenn sie mit dem Kochen fertig war, und namentlich Sonntags, ein wollenes Kleid an. Nur Akulina ging immer noch wie früher: den Saum des Rockes in den Gürtel gesteckt; und der Hausknecht konnte sich selbst in der heißesten Sommerzeit nicht von seinem Halbpelze trennen.

Von Sachar ist wenig zu vermelden. Er hatte sich aus einem grauen Frack eine Jacke gemacht; welche Farbe seine Beinkleider hatten, und woraus seine Krawatte hergestellt war, ließ sich nicht sagen. Er putzte die Stiefel, schlief dann, saß am Tore und blickte dort stumpfsinnig nach den spärlichen Passanten; oder endlich er saß in einem nahegelegenen Kramladen und tat dort ganz dasselbe und in ganz derselben Weise wie früher, zuerst in Oblomowka und dann in der Gorochowaja-Straße.

Und Oblomow selbst? Oblomow selbst war der volle Reflex und Ausdruck jener Ruhe, Zufriedenheit und ungestörten Stille. Indem er sein Dasein betrachtete und überdachte und sich immer mehr in dasselbe einlebte, kam er schließlich zu der Überzeugung daß er nichts mehr zu erstreben, nichts mehr zu suchen brauchte, und daß das Ideal seines Lebens sich verwirklicht hatte, wenn auch ohne Poesie und ohne jene hellen Farben, mit denen ehemals seine Phantasie ihm das großzügige, sorglose Herrenleben auf seinem Gute inmitten der Bauern und des Gutsgesindes ausgemalt hatte.

Er betrachtete sein gegenwärtiges Dasein als eine Fortsetzung derselben Lebensweise in Oblomowka, nur mit verändertem Kolorit der Örtlichkeit und zum Teil auch der Zeit. Auch hier war es ihm wie in Oblomowka gelungen, sich billig mit dem Leben abzufinden, sich bei ihm eine ungestörte Ruhe einzuhandeln und sie sich für die Dauer zu sichern.

Er triumphierte innerlich, daß er sich von den lästigen, quälenden Forderungen und Drohungen des Lebens davongemacht und sich von jener Gegend des Himmels entfernt hatte, unter der die Blitze großer Freuden leuchten und die plötzlichen Donnerschläge großer Leiden erschallen, wo trügerische Hoffnungen und prächtige Glücksvisionen ihr Spiel treiben, wo an dem Menschen der eigene Gedanke nagt und frißt und die Leidenschaft ihn tötet, wo der Geist bald fällt, bald triumphiert, wo der Mensch einen beständigen Kampf durchmacht und den Kampfplatz gemartert, aber immer unzufrieden und ungesättigt verläßt. Ohne den Genuß kennengelernt zu haben, der im Kampfe selbst liegt, hatte er in Gedanken auf ihn verzichtet, und seine Seele fühlte sich nur in dem vergessenen Winkelchen ruhig, das von Bewegung, Kampf und Leben unberührt war.

Wenn aber seine Phantasie noch einmal aufflammte, vergessene Erinnerungen und unerfüllte Träumereien wieder lebendig wurden, wenn in seinem Gewissen Vorwürfe rege wurden, wegen seines so und nicht anders verbrachten Lebens, dann schlief er unruhig, wachte auf, sprang aus dem Bette und beweinte manchmal mit kalten Tränen der Hoffnungslosigkeit das lichte, für immer erloschene Lebensideal, so wie man einen teuren Entschlafenen beweint mit dem bitteren Bewußtsein, für ihn während seines Lebens nicht genug getan zu haben.

Dann blickte er auf seine Umgebung, genoß die irdischen Güter und beruhigte sich, indem er nachdenklich zusah, wie still und ruhig die Sonne in der feurigen Glut des Abendrotes unterging, und sagte sich schließlich, sein Leben habe sich nicht nur so einfach und schlicht gestaltet, sondern es sei auch so geschaffen, ja dazu prädestiniert, die Möglichkeit der idealen ruhigen Seite des menschlichen Daseins zu beweisen.

Anderen, dachte er, ist das Los zugefallen, die unruhige Seite des Lebens zum Ausdruck zu bringen, schaffend und zerstörend zu wirken: ein jeder hat eben seine Bestimmung!

Das war die Philosophie, die sich Oblomow als ein zweiter Plato zurechtgemacht hatte, und die ihn inmitten der Fragen und der strengen Forderungen der Pflicht und der Bestimmung einwiegte! Er war nicht zum Gladiator für die Arena geboren und erzogen, sondern zum friedlichen Zuschauer des Kampfes; seine ängstliche, träge Seele konnte weder die Aufregung des Glückes noch die schmerzhaften Schläge des Lebens ertragen; folglich brachte er in seiner Person nur das eine Gebiet des Lebens zur Anschauung und hatte keinen Anlaß, im Leben noch etwas zu erstreben, zu ändern oder zu bereuen.

Mit den Jahren stellten sich die Aufregungen und die Reue seltener ein, und er legte sich still und allmählich in den schlichten, geräumigen Sarg seiner übrigen Existenz, den er sich mit seinen eigenen Händen hergestellt hatte, wie die alten Eremiten, die, wenn sie sich vom Leben abwenden, sich selbst ein Grab graben.

Er phantasierte nicht mehr davon, wie er das Gut einrichten und mit all seinen Hausgenossen dorthin übersiedeln wolle. Der von Stolz eingesetzte Verwalter schickte ihm pünktlich zu Weihnachten eine sehr beträchtliche Geldsumme; die Bauern brachten Brot und Geflügel, und im Hause herrschten Wohlstand und Fröhlichkeit.

Ilja Iljitsch schaffte sich sogar einen Wagen und zwei Pferde an; aber mit der ihm eigenen Vorsicht kaufte er sich solche Pferde, die erst nach dem dritten Peitschenschlage von der Haustür weggingen. Bei dem ersten und zweiten Schlage schwankte zuerst das eine Pferd und trat seitwärts, dann schwankte das andere Pferd und trat seitwärts; und dann erst streckten sie eifrig den Hals, den Rücken und den Schwanz aus, setzten sich gleichzeitig in Bewegung und fingen, mit den Köpfen nickend, an zu laufen. Mit diesem Gespann fuhr Wanja nach der andern Seite der Newa zum Gymnasium, und die Wirtin benutzte es bei allerlei Einkäufen.

In der Butterwoche und in der Osterwoche machte die ganze Familie mit Einschluß Ilja Iljitschs eine Spazierfahrt, die sie auch zu den Schaubuden führte. Ab und zu nahm er eine Loge und besuchte, ebenfalls mit dem ganzen Hause, das Theater.

Im Sommer wurden Ausflüge in die Umgegend der Stadt unternommen, am Elias-Freitage ging es nach der Pulvermühle. Man hätte sagen können, daß die gewöhnlichen Ereignisse des Lebens einander ablösten, ohne verderbliche Veränderungen herbeizuführen, wenn die schmerzhaften Schläge des Lebens die kleinen, friedlichen Winkel überhaupt nicht träfen. Aber leider ertönt der Donnerschlag, der die Fundamente der Berge und den gewaltigen Luftraum erschüttert, auch in einem Mauseloch, zwar schwächer und dumpfer, aber doch in einer für das Mauseloch empfindlichen Weise.

Ilja Iljitsch aß, wie in Oblomowka, mit viel Appetit und große Quantitäten, ging und arbeitete träge und wenig, ebenfalls wie in Oblomowka. Trotz des zunehmenden Lebensalters trank er sorglos Wein und Johannisbeerschnaps und gönnte sich noch sorgloser einen langen Nachmittagsschlaf. Auf einmal veränderte sich alles.

Als er eines Tages nach Tische sich erholt und geschlummert hatte und vom Sofa aufstehen wollte, war er dazu nicht imstande; er wollte ein Wort sagen, aber die Zunge gehorchte ihm nicht. Erschrocken winkte er nur mit der Hand, um jemand zur Hilfe herbeizurufen.

Hätte er mit niemandem als mit Sachar zusammen gewohnt, so würde er mit der Hand bis zum andern Morgen haben telegraphieren und schließlich sterben können, was man dann am andern Tage erfahren hätte, aber das Auge der Wirtin wachte über ihn wie das der Vorsehung; sie bedurfte keines Verstandes; ihr Herz erriet, daß ihrem Ilja Iljitsch etwas zugestoßen sei.

Und kaum war ihr diese Erkenntnis gekommen, da flog auch schon Anisja in einer Droschke zum Arzte, und die Wirtin legte ihm Eis auf den Kopf und schleppte zugleich aus dem geheimnisvollen Schränkchen alle möglichen Arten Spiritus und Wundwasser herbei, alles, was sie auf Grund ihrer eigenen Gewöhnung und fremder Mitteilung für nützlich erachtete. Sogar Sachar hatte unterdes Zeit gefunden, den einen Stiefel anzuziehen, und beteiligte sich so, mit einem Stiefel, zusammen mit dem Arzte, der Wirtin und Anisja an der Pflege seines Herrn.

Der Arzt brachte Ilja Iljitsch zum Bewußtsein zurück, ließ ihn zur Ader und erklärte dann, es liege ein Schlaganfall vor, und er müsse eine andre Lebensweise führen.

Branntwein, Bier und Wein wurde ihm mit wenigen, seltenen Ausnahmen verboten, ferner Fleischkost, sowie alle fetten und scharf gewürzten Speisen; statt dessen wurde ihm tägliche Bewegung und mäßiger Schlaf, nur des Nachts, vorgeschrieben. Ohne Agafja Matwjejewnas Aufsicht wäre nichts davon zur Ausführung gelangt; aber sie verstand es, dieses System dadurch durchzusetzen, daß sie ihm das ganze Haus unterordnete und bald durch List, bald durch Freundlichkeit Oblomow von den verführerischen Gelüsten nach Wein, nach einem Mittagsschlafe und fetten Fischpasteten abbrachte.

Kaum schlummerte er ein, so fiel im Zimmer ein Stuhl ganz von selbst um, oder es ging im Nebenzimmer altes, unbrauchbares Geschirr geräuschvoll entzwei, oder es machten auch die Kinder einen Lärm, daß man hätte davonlaufen mögen! Wenn das nicht half, so ließ sich ihre sanfte Stimme vernehmen: sie rief ihn und fragte ihn nach etwas.

Der Gartensteig wurde in den Gemüsegarten hinein verlängert, und Ilja Iljitsch führte auf ihm morgens und abends einen zweistündigen Spaziergang aus. Sie ging mit ihm oder, wenn sie nicht konnte, Mascha oder Wanja oder ein alter Bekannter, der dienstfertige, sich in alles fügende, mit allem einverstandene Alexejew.

Da ging nun Ilja Iljitsch, sich auf Wanjas Schulter stützend, langsam auf dem Steige hin. Wanja, der schon fast ein Jüngling war und die Gymnasiastenuniform trug, mäßigte seinen forschen, schnellen Schritt nur mit Mühe, um ihn dem Gange Ilja Iljitschs anzupassen. Oblomow konnte mit dem einen Bein nicht ganz unbehindert auftreten – eine Nachwirkung des Schlaganfalles.

»Na, lieber Wanja, dann wollen wir wieder ins Zimmer gehen!« sagte er.

Sie begaben sich zur Tür. Aber Agafja Matwjejewna kam ihnen entgegen.

»Wohin wollt ihr denn so früh?« fragte sie, ihnen den Eintritt verwehrend.

»Wieso ›so früh‹? Wir sind wohl zwanzigmal hin und zurück gegangen, und von hier bis zum Zaune sind fünfzig Saschen, das macht zwei Werst.«

»Wievielmal seid ihr gegangen?« fragte sie ihren Sohn.

Dieser wurde verlegen.

»Lüge nicht; sieh mich an!« drohte sie, ihm in die Augen schauend. »Ich sehe das gleich. Denk an den Sonntag; ich lasse dich nicht zu Besuch gehen.«

»Nein, Mamachen, wirklich, wir sind wohl zwölfmal hin und her gegangen.«

»Ach, was bist du für ein Schelm!« sagte Oblomow. »Du hast immer an Akazienblättern gerupft; ich aber habe jedesmal gezählt . . .«

»Nein, geht nur noch länger! Ich habe auch die Fischsuppe noch nicht fertig!« entschied die Wirtin und schlug ihnen die Tür vor der Nase zu.

Und Oblomow mußte, er mochte wollen oder nicht, noch acht Touren abzählen; dann erst durfte er ins Zimmer gehen. Dort dampfte auf dem großen, runden Tische die Fischsuppe. Oblomow setzte sich auf seinen Platz; er saß allein auf dem Sofa; rechts neben ihm saß auf einem Stuhle Agafja Matwjejewna, links auf einem kleinen Kinderstuhle mit einem Riegel zum Vorschieben saß ein etwa dreijähriges Kind. Neben dieses setzte sich Mascha, die schon ein Mädchen von ungefähr dreizehn Jahren war, dann Wanja und endlich, Oblomow gegenüber, auch Alexejew, der an diesem Tage zu Gaste war.

»Warten Sie, ich möchte Ihnen noch einen Bars geben; da ist gerade ein recht fetter!« sagte Agafja Matwjejewna, indem sie Oblomow einen Bars auf den Teller legte.

»Dazu würde eine Pastete gut schmecken!« bemerkte Oblomow.

»Das habe ich vergessen, ganz vergessen! Und ich hatte es noch gestern abend vor: aber mein Gedächtnis läßt mich jetzt ganz im Stich!« erwiderte Agafja Matwjejewna listig. »Und Ihnen habe ich auch vergessen Kohl zu den Koteletts zu kochen«, fügte sie, sich an Alexejew wendend, hinzu. »Nehmen Sie so vorlieb!«

Auch das war wieder eine List.

»Das tut ja nichts; ich esse alles«, versetzte Alexejew.

»Warum bekommt er denn eigentlich nicht Schinken mit Erbsen oder ein Beefsteak?« fragte Oblomow. »Das sind seine Lieblingsgerichte . . .«

»Ich bin selbst auf den Markt gegangen, Ilja Iljitsch, und habe mich umgesehen; aber es war kein gutes Rindfleisch da! Dafür habe ich Ihnen eine Gelatine aus Kirschsirup machen lassen; ich weiß, daß Sie die gern essen«, fügte sie, sich zu Alexejew wendend, hinzu.

Die Gelatine war für Ilja Iljitsch unschädlich, und deshalb mußte auch der mit allem einverstandene Alexejew sie gern essen.

Nach dem Mittagessen konnte niemand und nichts Oblomow davon abhalten, sich hinzulegen. Er streckte sich gewöhnlich gleich dort auf dem Sofa auf den Rücken hin, aber nur um ein Stündchen so zu liegen. Damit er nicht einschlafe, pflegte die Wirtin ihm gleich dort, während er auf dem Sofa lag, den Kaffee einzugießen; auch spielten die Kinder in demselben Zimmer auf dem Teppich, und Ilja Iljitsch mußte, er mochte wollen oder nicht, sich daran beteiligen.

»Necke den kleinen Andrei nicht; er wird gleich anfangen zu weinen!« schalt er Wanja, als dieser das Kind neckte.

»Mascha, paß auf, der kleine Andrei wird sich am Stuhl stoßen!« warnte er besorgt, als das Kind unter die Stühle gekrochen war.

Und Mascha stürzte hin, um das »Brüderchen«, wie sie den Kleinen nannte, hervorzuholen.

Alles wurde für eine Weile still; die Wirtin war in die Küche gegangen, um nachzusehen, ob der Kaffee noch nicht fertig sei. Die Kinder hatten sich beruhigt. Im Zimmer ließ sich ein Schnarchen vernehmen, anfangs leise, wie con sordino, dann lauter, und als Agafja Matwjejewna mit der dampfenden Kaffeekanne erschien, schlug ihr ein Schnarchen wie in einer Fuhrmannsherberge entgegen.

Sie sah Alexejew vorwurfsvoll an und wiegte den Kopf hin und her.

»Ich habe ihn geweckt; aber er hat sich nicht darum gekümmert«, sagte Alexejew zu seiner Rechtfertigung.

Sie stellte schnell die Kaffeekanne auf den Tisch, hob den kleinen Andrei vom Fußboden auf und setzte ihn sachte auf das Sofa zu Ilja Iljitsch. Das Kind kroch an ihm hin, gelangte bis zum Gesichte und faßte ihn an die Nase.

»Ah! Was ist? Wer ist das?« sagte Ilja Iljitsch beunruhigt beim Erwachen.

»Sie waren eingeschlafen, und der kleine Andrei ist hinaufgekrochen und hat Sie aufgeweckt«, sagte die Wirtin freundlich.

»Wann wäre ich denn eingeschlafen?« rechtfertigte sich Oblomow, indem er den kleinen Andrei in seine Arme nahm. »Als ob ich nicht gemerkt hätte, wie er mit seinen Händchen an mir herumkrabbelte. Ich höre alles! Ach, du Schlingel: hat er mich an die Nase gefaßt! Ich will dich! Warte nur, warte nur!« sagte er, das Kind hätschelnd und liebkosend. Dann setzte er es auf den Fußboden und seufzte so, daß es durch das ganze Zimmer schallte. »Erzählen Sie etwas, Iwan Alexejewitsch!« sagte er.

»Wir haben ja schon alles durchgesprochen. Ilja Iljitsch; ich weiß nichts mehr zu erzählen«, antwortete dieser.

»Wie können Sie sagen, daß Sie nichts mehr wissen? Sie kommen doch unter Menschen: gibt es da nichts Neues? Ich denke, Sie lesen auch Zeitungen?«

»Ja, das tue ich manchmal, oder andere lesen Zeitungen und reden darüber, und ich höre zu. So hat gestern bei Alexei Spiridonowitsch der Sohn, ein Student, vorgelesen . . .«

»Was hat er denn vorgelesen?«

»Von den Engländern, daß sie jemandem Gewehre und Schießpulver geliefert haben. Alexei Spiridonowitsch sagte, es werde Krieg geben.«

»Wem haben sie denn das geliefert?«

»Nach Spanien, oder nach Indien – ich erinnere mich nicht; aber der Gesandte war sehr unzufrieden.«

»Was denn für ein Gesandter?« fragte Oblomow.

»Das habe ich schon wieder vergessen!« sagte Alexejew, indem er die Nase zur Zimmerdecke aufhob und sich zu erinnern versuchte.

»Mit wem denn Krieg?«

»Mit dem türkischen Pascha, glaube ich.«

»Na, was gibt es sonst noch Neues in der Politik?« fragte Ilja Iljitsch nach einem kurzen Stillschweigen.

»Da schreiben sie in der Zeitung, daß die Erdkugel sich immer mehr abkühle; sie werde einmal ganz kalt werden.«

»Aber hören Sie mal! Ist denn das Politik?« sagte Oblomow.

Alexejew war betroffen. »Dmitri Alexejewitsch hat zuerst von Politik gesprochen«, entschuldigte er sich; »aber dann hat er immer weiter gelesen und nicht gesagt, wo sie aufhörte. Ich weiß, daß das schon zur Literatur gehört.«

»Was hat er denn über Literatur vorgelesen?« fragte Oblomow.

»Er hat vorgelesen, die besten Schriftsteller seien Dmitrijew, Karamsin, Batjuschkow und Schukowski . . .«

»Nicht auch Puschkin?«

»Puschkin war nicht dabei. Ich habe mich selbst gewundert, warum er nicht dabei war! Er ist doch ein Chenie«, sagte Alexejew, indem er G wie Ch aussprach.

Es folgte ein Stillschweigen. Die Wirtin brachte ihre Handarbeit herein und begann mit der Nadel hin und her zu fahren, wobei sie ab und zu Ilja Iljitsch und Alexejew ansah und achtsam horchte, ob es nicht irgendwo eine Ungehörigkeit oder einen Lärm gebe, ob sich auch nicht Sachar mit Anisja herumzankte, ob Akulina auch das Geschirr abwasche, und ob auch nicht das Pförtchen auf dem Hofe knarre, das heißt, ob sich auch nicht der Hausknecht nach dem »Etablissement« davonmache.

Oblomow versank sachte in Schweigen und Nachdenken. Dieses Nachdenken war nicht Schlaf und nicht Wachen: er ließ sorglos seine Gedanken frei umherirren, ohne sie auf einen bestimmten Gegenstand zu konzentrieren, horchte ruhig auf das gleichmäßige Pochen seines Herzens und zwinkerte manchmal mit den Augen wie jemand, der seinen Blick nirgendhin richtete. Er geriet in einen undefinierbaren, rätselhaften Zustand hinein, in eine Art von Halluzination.

Es stellen sich bei dem Menschen manchmal seltene, kurze, nachdenkliche Augenblicke ein, wo es ihm scheint, als durchlebe er etwas schon irgendeinmal und irgendwo Erlebtes zum zweiten Mal. Ob er das jetzt vor ihm Vorgehende einmal geträumt oder ob er es früher erlebt und dann vergessen hat, weiß er nicht; aber er sieht: es sitzen dieselben Personen um ihn herum, die damals um ihn herumsaßen, und dieselben Worte sind schon früher einmal gesprochen worden. Die Phantasie hat nicht die Kraft, ihn wieder dorthin zu versetzen, und das Gedächtnis läßt die Vergangenheit nicht wieder auferstehen und ruft ein unsicheres Schwanken hervor.

Dasselbe ging jetzt in Oblomow vor. Es umfing ihn eine schon irgendwo dagewesene Stille; ein bekanntes Pendel bewegte sich hin und her; das Knistern eines abgebissenen Fadens wurde vernehmbar: bekannte Worte und ein bekanntes Flüstern wiederholten sich.

»Ich kann doch gar nicht mit dem Faden in das Nadelöhr treffen; da, Mascha, du hast schärfere Augen!«

Er blickte träge, mechanisch und wie selbstvergessen nach dem Gesichte der Wirtin hin, und aus der Tiefe seiner Erinnerungen tauchte eine Gestalt auf, die er kannte, die er irgendwo gesehen hatte. Er suchte herauszubekommen, wann und wo das gewesen war . . .

Und er sah den großen, dunklen, von einem Talglichte beleuchteten Salon in seinem Elternhause; er sah, wie seine verstorbene Mutter und ihre weiblichen Gäste an einem runden Tische saßen; sie nähten schweigend; der Vater ging schweigend auf und ab. Die Gegenwart und die Vergangenheit flossen zusammen und vermischten sich.

Es träumte ihn, daß er jenes gelobte Land erreicht habe, wo Ströme von Milch und Honig fließen, wo die Menschen Brot essen, das sie nicht erarbeitet haben, und in Gold und Silber gekleidet gehen.

Er hörte die Erzählungen von Träumen und von Vorzeichen, das Klappern der Teller, das Klopfen der Messer; er schmiegte sich an die Kinderfrau und lauschte ihrer greisenhaften, zitternden Stimme:

»Militrisa Kirbitjewna«, sagte sie zu ihm, indem sie auf die Gestalt der Wirtin hinwies.

An dem blauen Himmel schwamm, wie es ihm schien, dasselbe Wölkchen wie damals; derselbe Wind wehte ins Fenster herein und spielte mit seinen Haaren; ein Oblomowkaer Truthahn ging vor dem Fenster vorbei und kollerte.

Da fing der Hund an zu bellen: es kam gewiß Besuch. Ob wohl Andrei mit seinem Vater aus Werchlowo gekommen war? Das war für ihn ein Festtag. In der Tat, das mußte er sein: die Schritte kamen immer näher; die Tür ging auf »Andrei!« rief er. Wirklich stand Andrei vor ihm, aber nicht der Knabe, sondern der gereifte Mann.

Oblomow kam zur Besinnung: er sah wachend, nicht etwa halluzinierend, den wirklichen, wahrhaftigen Stolz vor sich. Die Wirtin ergriff schnell das kleine Kind, riß ihre Näharbeit vom Tische und führte die Kinder hinaus; auch Alexejew verschwand. Stolz und Oblomow blieben allein und sahen einander schweigend und ohne sich zu rühren an. Stolz drang ordentlich mit den Augen in das Innere seines Freundes ein.

»Bist du es, Andrei?« fragte Oblomow kaum hörbar vor Aufregung, wie nur ein Liebhaber nach einer langen Trennung seine Geliebte fragt.

»Ja, ich bin es«, antwortete Andrei leise. »Du lebst und bist gesund?«

Oblomow umarmte ihn und drückte sich fest an ihn.

»Ach!« sagte er zur Antwort in gedehntem Tone und brachte in diesem Ach die ganze Macht der Traurigkeit und Freude zum Ausdruck, die in seiner Seele lange verborgen gelegen hatte, und von der er seit ihrer Trennung vielleicht nie jemanden etwas hatte merken lassen.

Sie setzten sich und sahen einander wieder unverwandt an.

»Bist du gesund?« fragte Andrei.

»Ja, jetzt bin ich es, Gott sei Dank.«

»Aber du bist krank gewesen?«

»Ja, Andrei, ich habe einen Schlaganfall gehabt . . .«

»Ist es möglich? O Gott!« rief Andrei erschrocken und teilnahmsvoll. »Aber doch ohne schlimme Folgen?«

»Ja, nur das linke Bein habe ich nicht recht in der Gewalt . . .« antwortete Oblomow.

»Ach, Ilja, Ilja! Was ist nur mit dir? Du hast dich ja ganz und gar gehen lassen! Was hast du denn diese ganze Zeit her getan? Das ist keine Kleinigkeit: wir haben uns schon seit mehr als vier Jahren nicht gesehen!«

Oblomow seufzte.

»Warum bist du denn nicht nach Oblomowka gefahren? Warum hast du nicht geschrieben?«

»Was soll ich dir sagen, Andrei? Du kennst mich; frage nicht weiter!« antwortete Oblomow traurig.

»Und du bist immer noch hier, in dieser Wohnung?« sagte Stolz, sich im Zimmer umsehend. »Du bist nicht ausgezogen?«

»Ja, ich bin immer noch hier Und jetzt werde ich auch nicht mehr ausziehen!«

»Wie? Entschieden nicht?«

»Ja, Andrei, entschieden nicht!«

Stolz blickte ihn unverwandt an, dachte nach und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Und was macht Olga Sergejewna? Ist sie gesund? Wo ist sie? Denkt sie noch . . .«

Er sprach nicht zu Ende.

»Sie ist gesund und denkt noch an dich, als ob ihr euch erst gestern getrennt hättet. Ich werde dir gleich sagen, wo sie ist. . . .«

»Und die Kinder?«

»Auch die Kinder sind gesund . . . Aber sage mal, Ilja: du scherzest doch nur, daß du hierbleiben willst? Ich bin gekommen, um dich zu holen, um dich von hier wegzuschaffen, zu uns, aufs Land . . .«

»Nein, nein!« erwiderte Oblomow, die Stimme senkend und nach der Tür hinblickend; er befand sich offenbar in großer Aufregung. »Nein, bitte, fange nicht davon an; sage so etwas nicht . . .«

»Warum nicht? Was ist mit dir?« begann Stolz. »Du kennst mich: ich habe mir schon längst diese Aufgabe gestellt und werde nicht davon ablassen. Bisher haben mich allerlei Geschäfte davon zurückgehalten; aber jetzt bin ich frei. Du mußt mit uns zusammen wohnen, in unserer Nähe: Olga und ich haben das beschlossen, und so wird es auch geschehen. Gott sei Dank, daß ich dich in einem solchen Zustande und nicht in einem schlimmeren vorgefunden habe. Ich hatte es nicht zu hoffen gewagt . . . Komm also! . . . Ich habe vor, dich nötigenfalls mit Gewalt fortzuschaffen! Du mußt anders leben; du weißt schon wie . . .«

Oblomow hatte diese erregte Rede ungeduldig angehört.

»Schreie nicht so; bitte, sprich leiser!« bat er flehentlich. »Dort . . .«

»Was ist dort?«

»Man wird es hören . . . die Wirtin wird denken, ich wolle wirklich wegziehen . . .«

»Nun, was schadet das? Mag sie es doch denken!«

»Ach, wie wäre das möglich!« unterbrach ihn Oblomow. »Höre, Andrei!« fügte er plötzlich in einem entschlossenen Tone, wie man ihn an ihm gar nicht gewohnt war, hinzu, »mache keine vergeblichen Versuche; rede mir nicht zu: ich bleibe hier.«

Stolz richtete einen Blick des Erstaunens auf seinen Freund. Oblomow sah ihn ruhig und mit entschlossener Miene an.

»Du gehst zugrunde, Ilja!« sagte er. »Dieses Haus, dieses Weib . . . dieses ganze Dasein . . . Es ist nicht möglich: komm mit, komm mit!«

Er faßte ihn am Ärmel und zog ihn zur Tür.

»Warum willst du mich fortführen? Wohin?« sagte Oblomow, sich sträubend.

»Weg aus dieser Grube, aus diesem Sumpfe, ans Licht, ins Freie, wo es ein gesundes, normales Leben gibt!« rief Stolz, auf seinem Verlangen ernst, fast gebieterisch bestehend. »Wo bist du? Was ist aus dir geworden? Komm zur Besinnung! Ist dies das Leben, zu dem du dich in deiner Jugend vorbereitet hast? wie ein Maulwurf in einer Höhle zu schlafen? Erinnere dich an alles . . .«

»Erinnere mich an nichts, rühre die Vergangenheit nicht auf: du wirst sie nicht wieder zurückbringen!« sagte Oblomow mit festem Gesichtsausdruck und im vollen Bewußtsein seines Verstandes und Willens. »Was willst du mit mir anfangen? Mit jener Welt, in die du mich hineinziehen möchtest, bin ich für immer zerfallen; es wird dir nicht gelingen, die beiden getrennten Hälften zusammenzulöten und zu vereinigen. Ich bin mit einer wunden Stelle an dieser Grube festgewachsen: wenn du versuchst, mich loszureißen, so wird das mein Tod sein.«

»Aber blicke doch um dich: wo bist du, und mit wem lebst du hier?«

»Ich weiß es, ich fühle es . . . Ach, Andrei, ich fühle das alles, verstehe das alles: ich schäme mich schon lange, auf der Welt zu leben! Aber ich bin nicht imstande, mit dir deinen Weg zu gehen, selbst wenn ich wollte . . . Vielleicht wäre es das letzte Mal noch möglich gewesen. Jetzt . . .« (er schlug die Augen nieder und schwieg ein Weilchen) »jetzt ist es zu spät . . . Geh weg und halte dich nicht mit mir auf! Ich bin deiner Freundschaft würdig, das weiß Gott; aber ich bin nicht wert, daß du dich um mich abmühst.«

»Nein, Ilja, du sagst da etwas, aber nicht alles. Ich werde dich trotzdem wegbringen und werde es gerade deswegen tun, weil ich etwas argwöhne . . . Höre mal«, fuhr er fort, »zieh dir etwas an und komm mit mir mit; verlebe den Abend mit mir zusammen! Ich werde dir vieles, vieles erzählen; du weißt wohl gar nicht, was für ein reges Leben bei uns jetzt herrscht, du hast nichts davon gehört?«

Oblomow blickte ihn fragend an.

»Du kommst ja gar nicht unter Menschen, das hatte ich ganz vergessen. Komm mit, ich werde dir alles erzählen . . . Weißt du, wer hier am Tore im Wagen auf mich wartet . . . Ich werde sie herrufen!«

»Olga!« rief Oblomow erschrocken. Sein Gesicht sah ganz verändert aus. »Um Gotteswillen, laß sie nicht hierher, fahre weg! Lebe wohl, lebe wohl, um Gotteswillen!«

Er versuchte geradezu, Stolz hinauszudrängen; aber dieser rührte sich nicht.

»Ich darf ohne dich nicht zu ihr zurückkehren; ich habe ihr mein Wort gegeben, hörst du, Ilja? Wenn ich dich heute nicht wegbekomme, so morgen: du verzögerst die Sache nur, wirst mich aber nicht loswerden . . . Wir werden uns morgen oder übermorgen wiedersehen; aber wiedersehen werden wir uns bestimmt!«

Oblomow schwieg, ließ den Kopf hängen und wagte es nicht, Stolz anzusehen.

»Wann kommst du also? Olga wird mich fragen.«

»Ach, Andrei«, antwortete er in zärtlichem, flehendem Tone, indem er ihn umarmte und ihm den Kopf an die Schulter legte. »Laß ganz von mir ab . . . vergiß mich . . .«

»Wie? Für immer?« fragte Stolz erstaunt, machte sich aus seinen Armen los und sah ihm ins Gesicht.

»Ja!« flüsterte Oblomow.

Stolz trat einen Schritt von ihm zurück.

»Bist du das wirklich, Ilja?« rief er vorwurfsvoll. »Du stößt mich fort, und um ihretwillen, um dieses Weibes willen! . . . Mein Gott!« (er schrie beinah auf, wie infolge eines plötzlichen Schmerzes). »Dieses kleine Kind, das ich vorhin gesehen habe . . . Ilja, Ilja! Fliehe von hier, komm, komm so schnell wie möglich! Wie tief bist du gesunken! Dieses Weib was ist sie dir . . .«

»Meine Frau!« antwortete Oblomow ruhig.

Stolz stand wie versteinert da.

»Und dieses Kind ist mein Sohn! Er heißt Andrei, zur Erinnerung an dich!« fügte Oblomow hinzu und atmete ruhig auf, nachdem er so mit einem Male alles ausgesprochen und seine Seele von der Last der Geheimhaltung befreit hatte.

Jetzt war es Stolz, dessen Gesichtsausdruck sich änderte; er sah sich erstaunt und beinah geistesabwesend rings um. Vor ihm hatte plötzlich »ein Abgrund sich aufgetan«, »eine steinerne Mauer sich erhoben«, und Oblomow war gleichsam nicht mehr da, gleichsam aus seinen Augen verschwunden, in die Erde versunken, und er fühlte nur den brennenden Schmerz, den jemand empfindet, wenn er nach längerer Trennung in freudiger Aufregung herbeieilt, um einen Freund wiederzusehen, und nun erfährt, daß er schon längst nicht mehr existiert, daß er gestorben ist.

»Er ist zugrunde gegangen!« flüsterte er mechanisch. »Was werde ich nun zu Olga sagen?«

Oblomow hatte die letzten Worte gehört, wollte etwas sagen, vermochte es aber nicht. Er streckte seinem Freunde beide Arme hin, und sie umarmten einander schweigend und fest, so wie man sich vor einem Kampfe, vor dem Tode umarmt. Diese Umarmung erstickte ihre Worte, ihre Tränen, ihre Gefühle . . .

»Vergiß meinen Andrei nicht!« das waren Oblomows letzte Worte, die er mit erlöschender Stimme sprach.

Andrei ging schweigend und langsam hinaus, schritt langsam und nachdenklich über den Hof und stieg in den Wagen; Oblomow aber setzte sich auf das Sofa, stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und verbarg das Gesicht in den Händen.

»Nein, ich werde deinen Andrei nicht vergessen«, dachte Stolz traurig, während er über den Hof ging. »Du bist zugrunde gegangen, Ilja; es hat keinen Zweck, dir zu sagen, daß dein Oblomowka nicht mehr von der Welt abgeschieden daliegt, daß auch deine Heimat an die Reihe gekommen ist, von den Strahlen der Sonne beschienen zu werden! Ich werde dir nicht sagen, daß nach vier Jahren Oblomowka eine Eisenbahnstation sein wird, daß deine Bauern an der Aufschüttung des Bahndammes arbeiten werden und dann dein Getreide auf der Bahn nach dem Anlegeplatz rollen wird . . . Und dann . . . Schulen, Unterricht und alles Weitere . . . Nein, du würdest über die Morgenröte des neuen Glückes erschrecken, und deine dessen ungewohnten Augen würden dir weh tun. Aber deinen Andrei werde ich dahin führen, wohin zu gelangen dir nicht beschieden war . . . und mit ihm zusammen werde ich unsere Jugendträume verwirklichen. – Lebe wohl, du altes Oblomowka!« sagte er, zum letzten Mal nach den Fenstern des kleinen Häuschens zurückblickend. »Du hast dein Leben beschlossen!«

»Nun, was gibt es dort?« fragte Olga mit starkem Herzklopfen.

»Nichts!« antwortete Andrei trocken und kurz.

»Lebt er und ist er gesund?«

»Ja«, erwiderte Andrei widerwillig.

»Warum bist du denn so bald wieder zurückgekommen? Warum hast du mich nicht hingerufen und ihn nicht hergebracht? Laß mich hin!«

»Es ist unmöglich.«

»Was geht denn dort vor?« fragte Olga erschrocken. »Hat sich etwa ›ein Abgrund aufgetan‹? Willst du es mir nicht sagen?«

Er schwieg.

»Aber was gibt es denn da eigentlich?«

»Oblomowerei!« antwortete Andrei finster und beobachtete auf Olgas weitere Fragen, bis sie zu ihrem Hause gelangt waren, ein düsteres Schweigen.

 

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