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Iwan Gontscharow: Oblomow - Kapitel 36
Quellenangabe
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typefiction
authorIwan Gontscharow
titleOblomow
publisherAnaconda
year2010
isbn978-3-86647-478-9
firstpub1859
translatorHermann Röhl
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120612
modified20170607
projectida9997c9c
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XII.

Gott weiß, wo er den ganzen Tag über umherirrte, und was er während dieser Zeit tat; aber nach Hause kehrte er erst spät in der Nacht zurück. Die Wirtin war die erste, die das Klopfen am Tore und das Gebell des Hundes hörte; sie weckte dann Anisja und Sachar und sagte ihnen, daß ihr Herr zurückgekommen sei.

Ilja Iljitsch bemerkte es fast gar nicht, wie Sachar ihn auskleidete, ihm die Stiefel auszog und ihm den – Schlafrock umlegte!

»Was ist das?« fragte er nur, den Schlafrock ansehend.

»Die Wirtin bat ihn heute gebracht: sie hat den Schlafrock ausgewaschen und ausgebessert«, antwortete Sachar.

Oblomow blieb in der Haltung, wie er sich hingesetzt hatte, im Lehnstuhl sitzen.

Alles um ihn herum versank in Schlaf und Finsternis. Er saß, auf den Arm gestützt, da, bemerkte die Finsternis nicht und hörte nicht, wie die Uhr schlug. Sein Verstand ging in einem Chaos formloser, unklarer Gedanken unter; sie zogen dahin wie die Wolken am Himmel, ohne Ziel und ohne Zusammenhang; er hielt keinen von ihnen fest.

Sein Herz war wie zerschlagen: einstweilen war alles Leben darin verstummt. Die Rückkehr zum Leben, zur Ordnung, zu regelmäßigem Funktionieren der Lebenskräfte vollzog sich nur langsam.

Die Erschütterung war eine sehr heftige gewesen, und Oblomow fühlte weder seinen Körper, noch empfand er Müdigkeit oder irgendwelches Bedürfnis. Er wäre imstande gewesen, einen ganzen Tag lang wie ein Stein dazuliegen oder einen ganzen Tag lang zu gehen, zu fahren, sich zu bewegen, alles wie eine Maschine.

Entweder erwirbt der Mensch unter Mühe und Schmerz allmählich die Fähigkeit, sich dem Schicksal zu fügen, worauf dann der Organismus langsam und stufenweise in alle seine Tätigkeiten wieder eintritt, oder das Leid zerbricht den Menschen, und er steht nicht wieder auf – das hängt davon ab, von welcher Art das Leid, und auch, von welcher Art der Mensch ist.

Oblomow hatte kein Bewußtsein davon, wo er saß, nicht einmal davon, daß er saß: er sah mechanisch, ohne es zu bemerken, wie der Morgen herandämmerte; er hörte verständnislos, wie sich der trockene Husten der alten Frau vernehmen ließ, wie der Hausknecht anfing auf dem Hofe Holz zu hacken, wie im Hause das Pochen und Lärmen begann; er sah achtlos, wie die Wirtin und Anisja auf den Markt gingen, wie das Paket am Zaune entlang huschte.

Weder die Hähne, noch das Gebell des Hundes, noch das Knarren des Tores, nichts konnte ihn aus seiner Erstarrung erwecken. Die Tassen klapperten, der Samowar zischte.

Endlich, nach neun Uhr, öffnete Sachar mittels des Präsentierbrettes die Tür zum Wohnzimmer, schlug wie gewöhnlich nach hinten mit dem Fuße aus, um sie wieder zuzumachen, und schlug wie gewöhnlich fehl, hielt aber doch das Präsentierbrett fest: er hatte durch die lange Praxis eine gewisse Geschicklichkeit erworben und wußte zudem, daß hinter ihm Anisja durch die Tür sah und, sowie er etwas fallen ließe, sogleich herbeispringen und ihn beschämen würde.

Das Kinn gegen das Präsentierbrett drückend und dieses fest umarmend, war er glücklich bis dicht an das Bett gelangt und schickte sich eben an, das Geschirr auf den Tisch neben dem Bette zu stellen und den Herrn zu wecken – da blickte er hin und sah, daß das Bett nicht zerdrückt war und der Herr nicht darin lag.

Er fuhr zusammen und die Tasse flog auf den Fußboden; ihr folgte die Zuckerdose. Er versuchte, die Gegenstände in der Luft aufzufangen, und schaukelte dabei mit dem Präsentierbrett: da fielen auch noch andere Stücke hinunter. Er behielt nur ein Löffelchen auf dem Brette.

»Was ist denn da für ein Unglück passiert?« sagte er, während er zusah, wie Anisja die Zuckerstücke, die Scherben der Tasse und das Gebäck aufsammelte. »Wo ist denn der Herr?«

Aber der Herr saß auf dem Lehnstuhl und sah im Gesichte ganz entstellt aus. Sachar starrte ihn mit offenem Munde an. »Warum haben Sie denn die ganze Nacht auf dem Lehnstuhl gesessen und sich nicht hingelegt, Ilja Iljitsch?« fragte er.

Oblomow drehte langsam den Kopf nach ihm hin und betrachtete zerstreut seinen Diener und den verschütteten Kaffee und den auf dem Teppich umherliegenden Zucker.

»Aber du, warum hast du die Tasse zerbrochen?« sagte er und trat dann ans Fenster.

Es schneite mit großen Flocken, und der Schnee bildete auf der Erde eine dichte Decke.

»Schnee, Schnee, Schnee!« sagte er gedankenlos, während er nach dem Schnee hinsah, der in dicker Schicht auf dem Straßenzaun, sowie auf der Einfriedigung und den Beeten des Gemüsegartens lag. »Alles ist zugeschüttet!« flüsterte er verzweifelt, legte sich auf das Bett und versank in einen bleiernen Schlaf, der nichts Erquickendes hatte. Es war schon zwölf durch, als ihn das Knarren der nach der Wohnung der Wirtin führenden Tür weckte; durch die Tür schob sich ein nackter Arm mit einem Teller herein; auf dem Teller dampfte eine Pastete.

»Heute ist Sonntag«, sagte eine Stimme freundlich; »da haben wir Pasteten gebacken; ist es Ihnen nicht gefällig, sie zu probieren?«

Aber er antwortete nicht: er lag im Fieber.

 

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