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Iwan Gontscharow: Oblomow - Kapitel 35
Quellenangabe
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typefiction
authorIwan Gontscharow
titleOblomow
publisherAnaconda
year2010
isbn978-3-86647-478-9
firstpub1859
translatorHermann Röhl
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120612
modified20170607
projectida9997c9c
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XI.

Vier Monate! Noch vier Monate des Zwanges, der heimlichen Zusammenkünfte, der argwöhnisch lächelnden Gesichter!« dachte Oblomow, als er die Treppe zu Iljinskis hinaufstieg. »O Gott, wann wird das enden? Und Olga wird mich zur Eile antreiben: nach ihrem Willen soll ich alles heute oder morgen tun. Sie ist so energisch und unbeugsam! Es ist schwer, sie von etwas zu überzeugen . . .«

Oblomow gelangte zu Olgas Zimmer, fast ohne einem Menschen zu begegnen. Olga saß in ihrem kleinen, vor dem Schlafzimmer gelegenen Salon und war in die Lektüre eines Buches vertieft.

Er stand plötzlich vor ihr, so daß sie zusammenfuhr; dann streckte sie ihm freundlich lächelnd die Hand hin; aber ihre Augen schienen noch in dem Buche weiter zu lesen. Sie sah zerstreut aus.

»Du bist allein?« fragte er sie.

»Ja, ma tante ist nach Zarskoje Selo gefahren; sie hatte mich aufgefordert mitzukommen. Wir werden bei Tisch beinah allein sein: es kommt nur Marja Semjonowna; sonst hätte ich dich nicht empfangen können. Heute kannst du dich der Tante nicht eröffnen. Wie langweilig das alles ist! Dafür kannst du es morgen tun . . .« fügte sie hinzu und lächelte. »Aber was hättest du gesagt, wenn ich heute nach Zarskoje Selo gefahren wäre?« fragte sie scherzend.

Er schwieg.

»Hast du Sorgen?« fuhr sie fort.

»Ich habe einen Brief von meinem Gutsnachbar bekommen«, sagte er eintönig.

»Wo ist er? Hast du ihn bei dir?«

Er gab ihr den Brief.

»Ich kann das nicht entziffern«, sagte sie. nachdem sie das Blatt angesehen hatte.

Er nahm den Brief wieder zurück und las ihn ihr vor. Sie dachte nach.

»Was wirst du jetzt tun?« fragte sie nach einem kurzen Stillschweigen.

»Ich habe mich heute mit dem Bruder meiner Wirtin beraten«, antwortete Oblomow; »er empfiehlt mir als Bevollmächtigten einen gewissen Isai Fomitsch Saterty. Ich werde ihn beauftragen, diese ganze Sache in Ordnung zu bringen . . .«

»Einen fremden, unbekannten Menschen!« versetzte Olga erstaunt. »Der soll den Pachtzins einziehen, die Angelegenheiten der Bauern ordnen, den Verkauf des Getreides beaufsichtigen . . .«

»Er sagt, das sei eine grundehrliche Seele, und er sei schon zwölf Jahre sein Kollege . . . Er stottere nur ein wenig.«

»Und dieser Bruder deiner Wirtin, was ist der selbst für ein Mensch? Kennst du ihn?«

»Nein, aber er scheint ein solider, praktischer Mensch zu sein; zudem wohne ich bei ihm im Hause; da würde er sich doch schämen, mich zu betrügen!«

Olga schwieg und saß mit niedergeschlagenen Augen da.

»Sonst müßte ich ja selbst fahren«, sagte Oblomow. »Das würde mir, offen gestanden, nicht zusagen. Ich bin gar nicht mehr gewöhnt, auf den Landstraßen zu reisen, besonders im Winter . . . Im Winter bin ich sogar niemals gereist.«

Sie blickte immer noch nach unten und bewegte die Spitze ihres Schuhes.

»Und selbst wenn ich hinfahre«, fuhr Oblomow fort, »so wird dabei entschieden nichts herauskommen; ich werde nichts Rechtes erreichen; die Bauern werden mich betrügen; der Dorfschulze wird sagen, was er will, und ich werde ihm glauben müssen; an Geld wird er mir geben, soviel ihm beliebt. Ach, leider ist Andrei nicht hier; der würde alles in Ordnung bringen!« fügte er betrübt hinzu.

Olga lächelte; das heißt, es lächelten an ihr nur die Lippen, aber nicht das Herz: ihr Herz war voll Traurigkeit. Sie begann durchs Fenster zu blicken, kniff das eine Auge ein wenig zusammen und verfolgte jeden vorbeifahrenden Wagen.

»Dieser mein künftiger Bevollmächtigter aber hat ein großes Gut verwaltet«, fuhr er fort, »und der Gutsbesitzer hat ihn nur deshalb entlassen, weil er stottert. Ich werde ihm Vollmacht geben und ihm die Baupläne einhändigen: er wird den Ankauf von Materialien zum Bau des Hauses vornehmen, den Pachtzins einziehen, das Getreide verkaufen, mir Geld bringen, und dann . . . Wie freue ich mich, liebe Olga«, sagte er, indem er ihr die Hand küßte, »daß ich dich nicht zu verlassen brauche! Ich hätte die Trennung nicht ertragen; ohne dich auf dem Gute zu sein, so ganz allein . . . das ist entsetzlich! Nur müssen wir jetzt sehr vorsichtig sein.«

Sie blickte ihn mit großen Augen an und wartete.

»Ja«, begann er langsam, beinah stotternd, zu reden; »wir dürfen uns nur selten sehen; gestern ist wieder bei uns darüber geredet worden, sogar in der Wohnung der Wirtin . . . aber das will ich nicht . . . Sowie alle Geschäfte erledigt sein werden, wird der Bevollmächtigte den Bau anordnen und Geld bringen . . . das alles wird etwa in einem Jahre beendet sein . . . dann wird es keine Trennung mehr geben; wir werden der Tante alles sagen, und . . . und . . .«

Er blickte Olga an: sie war bewußtlos. Ihr Kopf hatte sich zur Seite geneigt; zwischen den bläulich gewordenen Lippen waren die Zähne sichtbar. Er hatte in dem Überschwang seiner Freude und seiner Zukunftspläne nicht bemerkt, daß Olga bei den Worten: »Wenn die Geschäfte erledigt sein werden, wird der Bevollmächtigte den Bau anordnen«, blaß geworden war und den Schluß seiner Rede nicht gehört hatte.

»Olga! . . . O Gott, ihr ist nicht wohl!« sagte er und zog die Klingel.

»Dem Fräulein ist nicht wohl«, sagte er zu der herbeilaufenden Katja. »Schnell, Wasser! . . . Ein Riechfläschchen . . .«

»Herr Gott! Den ganzen Morgen war sie so vergnügt . . . Was ist ihr nur?« flüsterte Katja, die von dem Tische der Tante das Riechfläschchen brachte und eilig ein Glas Wasser holte.

Olga kam wieder zu sich, stand mit Katjas und Oblomows Hilfe vom Lehnstuhl auf und ging schwankend in ihr Schlafzimmer.

»Es wird vorübergehen«, sagte sie mit schwacher Stimme. »Das sind die Nerven; ich habe in der Nacht schlecht geschlafen. Katja, mach die Tür zu; und Sie bitte ich, auf mich zu warten; sowie ich mich erholt haben werde, komme ich wieder herein.«

Oblomow blieb allein; er legte das Ohr an die Tür, sah durch das Schlüsselloch; aber es war nichts zu hören und zu sehen. Nach einer halben Stunde ging er durch den Korridor nach der Mädchenstube und fragte Katja, wie es dem Fräulein gehe.

»Ganz leidlich«, antwortete Katja. »Sie hatte sich hingelegt und mich hinausgeschickt; nachher bin ich wieder hineingegangen: da saß sie auf dem Lehnstuhl.«

Oblomow ging wieder in den Salon und horchte wieder an der Tür; aber es war nichts zu hören.

Er klopfte ganz leise mit dem Finger an; aber es kam keine Antwort.

Er setzte sich hin und versank in Gedanken. Vieles überlegte er in diesen anderthalb Stunden; vieles änderte sich in seinen Anschauungen; viele neue Entschlüsse faßte er. Der, bei dem er schließlich stehen blieb, war folgender: er wollte selbst mit dem Bevollmächtigten nach dem Gute fahren, vorher aber die Einwilligung der Tante zu der Heirat erbitten, sich mit Olga in aller Form verloben, Iwan Gerasimowitsch mit dem Suchen einer Wohnung beauftragen und sich sogar Geld borgen . . . nur soviel, wie zur Hochzeit nötig sei.

Diese Schuld wird er von dem Erlös für das Getreide zurückzahlen können. Warum war er nur so kleinmütig gewesen? Ach, wie kann alles in einem Augenblicke sein Aussehen ändern! Und dort, auf dem Gute, wird er mit dem Bevollmächtigten zusammen den Pachtzins einziehen; und zuletzt wird er auch noch an Stolz schreiben: der wird ihm Geld geben und dann herkommen und ihm Oblomowka prächtig in Ordnung bringen; er wird nach allen Seiten Fahrstraßen anlegen, Brücken bauen und Schulen einrichten . . . Und dann wird er dort mit Olga zusammen leben! . . . O Gott, dann wird es ja da sein, das Glück! Wie war es nur zugegangen, daß ihm das alles nicht vorher eingefallen war! Auf einmal wurde ihm so leicht und fröhlich ums Herz; er fing an von einer Ecke in die andre zu gehen, schnippte sogar leise mit den Fingern, schrie beinahe vor Freude auf, trat an Olgas Tür heran und rief sie leise mit fröhlicher Stimme: »Olga, Olga! Ich möchte Ihnen etwas sagen!« sagte er, die Lippen an die Tür haltend. »Etwas, was Sie in keiner Weise erwarten . . .«

Er nahm sich sogar vor, heute nicht von ihr wegzugehen, sondern auf die Tante zu warten. »Gleich heute wollen wir es ihr mitteilen, und ich werde als Bräutigam von hier wegfahren.«

Die Tür öffnete sich leise, und Olga erschien: er sah sie an und verlor auf einmal wieder allen Mut; seine Freude war wie ins Wasser gefallen: Olga machte den Eindruck, als sei sie etwas gealtert. Sie war blaß; aber ihre Augen glänzten; in den fest geschlossenen Lippen, in jedem Zuge ihres Gesichtes barg sich innerliches, intensives Leben, das nur durch eine gewaltsam erzwungene Ruhe und Starrheit wie in Eis geschmiedet war.

In ihrem Blicke las er einen Entschluß; aber was für einen, das wußte er noch nicht; indes pochte ihm das Herz so stark, wie es noch nie gepocht hatte. Ein solcher Augenblick war in seinem Leben noch nicht vorgekommen.

»Höre, Olga, sieh mich nicht so an! Ich fürchte mich davor!« sagte er. »Ich habe es mir anders überlegt: die Sache muß ganz anders eingerichtet werden . . .« fuhr er dann fort, indem er allmählich die Stimme senkte, stockte und sich bemühte, in den Sinn dieses ihm neuen Ausdrucks ihrer Augen, ihrer Lippen und ihrer gleichsam redenden Brauen einzudringen. »Ich habe mich entschlossen, selbst nach dem Gute zu fahren mit dem Bevollmächtigten zusammen . . . um dort . . .« Die letzten Worte sprach er kaum hörbar.

Sie schwieg und sah ihn starr an, als ob sie ein Gespenst wäre. Eine trübe Ahnung sagte ihm, was für einen Urteilsspruch ihn erwarte, und er griff nach seinem Hute; aber er zögerte zu fragen: er fürchtete sich davor, die verhängnisvolle und vielleicht unwiderrufliche Entscheidung zu hören. Endlich überwand er sich.

»Habe ich dich richtig verstanden?« fragte er sie mit veränderter Stimme.

Sie neigte langsam und sanft den Kopf zum Zeichen der Bejahung. Obgleich er ihren Gedanken schon vorher erraten hatte, wurde er doch blaß. Er blieb noch immer vor ihr stehen.

Sie war etwas matt, erschien aber so ruhig und regungslos wie eine steinerne Bildsäule. Das war jene unnatürliche Ruhe, die sich einstellt, wenn ein fester Vorsatz oder ein tief verletztes Gefühl dem Menschen plötzlich die Kraft verleiht, sich zu beherrschen, allerdings nur für den Augenblick. Sie glich einem Verwundeten, der die Wunde mit der Hand zusammendrückt, um noch etwas Notwendiges zu sagen und dann zu sterben.

»Du wirst mich nicht hassen?« fragte er.

»Wofür?« sagte sie mit schwacher Stimme.

»Für alles, was ich dir angetan habe . . .«

»Was hast du mir angetan?«

»Ich habe dich geliebt; das ist eine Beleidigung!«

Sie lächelte mitleidig.

»Dafür«, fuhr er mit gesenktem Kopfe fort, »daß du dich geirrt hast. Vielleicht wirst du mir verzeihen, wenn du dich daran erinnerst, daß ich dich gewarnt und dir vorhergesagt habe, du werdest dich schämen und es bereuen . . .«

»Ich bereue es nicht. Es ist mir nur ein Schmerz, ein so tiefer Schmerz . . .« sagte sie und hielt inne, um Atem zu schöpfen.

»Um so schlimmer für mich«, antwortete Oblomow; »indes, ich verdiene es. Aber du, wodurch hast du solche Qual verdient?«

»Durch meinen Stolz«, versetzte sie; »ich bin gestraft; ich habe zu sehr auf meine Kraft vertraut – das ist der Punkt, in dem ich mich geirrt habe, nicht der, von dem du es fürchtetest. Ich habe nicht von erster Jugend und Schönheit geträumt; aber ich dachte, ich würde dich beleben, du könntest noch für mich leben – aber du warst schon längst gestorben. Ich habe diesen Irrtum nicht vorhergesehen; ich habe immer wieder gewartet und gehofft und da sehe ich nun, wie es steht! . . .« fügte sie mühsam mit einem Seufzer hinzu. Sie schwieg; dann setzte sie sich hin.

»Ich kann nicht stehen; die Beine zittern mir. Ein Stein wäre von dem, was ich getan habe, lebendig geworden«, fuhr sie mit matter Stimme fort. »Jetzt tue ich nichts mehr, keinen Schritt; ich gehe nicht einmal mehr in den Sommergarten; es ist alles nutzlos: du bist gestorben! Bist du derselben Ansicht wie ich, Ilja?« fügte sie dann nach einer kurzen Pause hinzu. »Wirst du mir nie den Vorwurf machen, ich hätte mich aus Stolz oder aus einer Laune von dir getrennt?«

Er schüttelte verneinend den Kopf.

»Bist du davon überzeugt, daß uns nichts übrig geblieben ist, keine Hoffnung?«

»Ja«, sagte er, »du hast recht. Aber vielleicht«, fügte er dann unsicher hinzu, »werde ich in einem Jahre . . .« Er hatte nicht den Mut, seinem Glücke den Todesstoß zu versetzen.

»Glaubst du wirklich, daß du in einem Jahre deine Angelegenheiten und dein Leben geordnet haben wirst?« fragte sie. »Denke einmal nach!«

Er seufzte, versank in Gedanken und kämpfte mit sich selbst. Sie las diesen Kampf auf seinem Gesichte.

»Höre«, sagte sie, »ich habe soeben das Bild meiner Mutter lange angeschaut und, wie ich glaube, in ihren Augen Rat und Kraft gefunden. Wenn du jetzt als ehrlicher Mensch . . . Vergiß nicht, Ilja: wir sind keine Kinder und scherzen nicht; es handelt sich um das ganze Leben! Frage in strengem Ernste dein eigenes Gewissen und dann sage (ich werde dir glauben, ich kenne dich): wird deine Kraft für das ganze Leben ausreichen? Wirst du für mich das sein, was ich brauche? Du kennst mich und verstehst also, was ich sagen will. Wenn du mutig und nach reiflicher Überlegung ja sagst, dann nehme ich meinen Entschluß zurück: hier ist meine Hand, und ich will mit dir gehen, wohin du willst, ins Ausland, aufs Gut, ja sogar nach der Wyborger Seite!«

Er schwieg.

»Wenn du wüßtest, wie ich dich liebe . . .«

»Ich erwarte nicht Liebesversicherungen, sondern eine kurze Antwort«, unterbrach sie ihn beinahe trocken.

»Quäle mich nicht, Olga!« flehte er traurig.

»Nun, Ilja, habe ich recht oder nicht?«

»Ja«, sagte er vernehmlich und entschlossen, »du hast recht!«

»Dann ist es Zeit, daß wir uns trennen«, entschied sie, »ehe jemand dich hier trifft und sieht, in welcher Verfassung ich mich befinde!«

Er ging immer noch nicht.

»Und wenn du mich auch heiratest, was dann?« fragte sie.

Er schwieg.

»Du würdest mit jedem Tage in immer tieferen Schlaf versinken, nicht wahr? Und ich? Du weißt, wie ich beschaffen bin. Ich werde nicht vorzeitig altern, werde nie des Lebens müde werden. Aber wenn wir miteinander verheiratet wären, würden wir von einem Tage zum andern gleichmäßig dahinleben, auf Weihnachten warten, tanzen und an nichts denken; wir würden uns schlafen legen und Gott danken, daß der Tag so schnell vorübergegangen sei, und am Morgen mit dem Wunsche erwachen, daß auch der neue Tag dem vorhergehenden ähnlich sein möge . . . das würde unsere Zukunft sein – ja? Ist das etwa ein Leben? Ich würde dahinsiechen und sterben . . . ohne meine Schuld, Ilja. Würdest du dann glücklich sein?«

Er ließ seine Blicke voll Pein an der Zimmerdecke umherwandern, wollte seinen Platz verlassen, davoneilen; aber die Beine gehorchten ihm nicht. Er wollte etwas sagen; aber in seinem Munde war alles trocken, die Zunge bewegte sich nicht, die Stimme kam nicht aus der Brust heraus. Er streckte ihr die Hand hin.

»Also . . .« begann er mit gebrochener Stimme; aber er sprach nicht zu Ende, sondern sagte nur mir seinem Blicke: »Lebe wohl!«

Auch sie wollte etwas sagen, sagte aber nichts; sie streckte ihm die Hand hin, aber die Hand sank, ehe sie die seinige berührt hatte, hinab; sie wollte ebenfalls sagen: »Lebe wohl!« aber die Stimme versagte ihr in der Mitte des Wortes und nahm einen falschen Ton an; ihr Gesicht verzog sich krampfhaft; sie legte die Hand und den Kopf auf seine Schulter und brach in Schluchzen aus. Es war, als hätte ihr jemand die Waffe aus den Händen gerissen. Das kluge Mädchen war verschwunden; es war nur ein gegen das Leid wehrloses Weib da.

»Lebe wohl, lebe wohl . . .« entrang es sich ihr mitten in dem Schluchzen.

Er schwieg und sah entsetzt ihre Tränen, ohne daß er den Versuch gewagt hätte, ihnen Einhalt zu tun. Er fühlte weder mit ihr noch mit sich selbst Mitleid; und doch war auch er selbst bemitleidenswert. Sie ließ sich auf ihren Lehnstuhl sinken, drückte den Kopf in das Taschentuch, stützte sich auf den Tisch und weinte bitterlich. Ihre Tränen strömten nicht wie eine heiße Flut, die infolge eines plötzlichen, vorübergehenden Schmerzes hervorbricht, wie damals im Park, sondern sie flossen untröstlich wie kalte Bäche, wie ein Herbstregen, der erbarmungslos die Fluren durchnäßt.

»Olga«, sagte er endlich, »warum quälst du dich selbst? Du liebst mich; du wirst die Trennung nicht ertragen! Nimm mich, wie ich bin; liebe das, was an mir Gutes ist!«

Sie schüttelte verneinend den Kopf, ohne ihn aufzuheben.

»Nein . . . nein . . .« sagte sie dann mit Anstrengung. »Mache dir um mich und mein Leid keine Sorgen! Ich kenne mich: ich werde mich ausweinen und dann mit dem Weinen aufhören. Jetzt aber störe mich nicht im Weinen . . . geh fort . . . Ach, nein, warte noch! . . . Gott straft mich schwer! . . . Es tut mir weh, ach, so weh . . . hier, am Herzen . . .«

Das Schluchzen erneuerte sich.

»Aber wenn nun der Schmerz nicht vorübergeht und deine Gesundheit dadurch erschüttert wird?« sagte er. »Solche Tränen sind giftig. Olga, mein Engel, weine nicht . . . vergiß alles . . .«

»Nein, laß mich weinen! Ich weine nicht um die Zukunft, sondern um die Vergangenheit . . .« brachte sie mit Mühe heraus: »sie ist ›verwelkt, vorbei‹ . . . Nicht ich weine, sondern die Erinnerungen weinen! . . . Der Sommer . . . der Park . . . erinnerst du dich? Ich denke mit Schmerz an unsere Allee, an den Flieder . . . Das alles ist mir ans Herz gewachsen, es tut mir weh, es loszureißen! . . .«

Sie schüttelte voller Verzweiflung den Kopf und wiederholte schluchzend:

»Oh, wie weh, wie weh!«

»Wenn du aber stirbst?« sagte er plötzlich entsetzt. »Bedenke, Olga . . .«

»Nein«, unterbrach sie ihn, indem sie den Kopf in die Höhe hob und sich bemühte, ihn durch ihre Tränen hindurch anzusehen. »Ich habe erst vor kurzem erkannt, daß ich an dir das liebte, wovon ich wünschte, daß es an dir wäre, das, was mir Stolz gezeigt hatte, was er und ich uns ausgedacht hatten. Ich liebte den zukünftigen Oblomow! Du bist sanft und ehrenhaft, Ilja; du bist voll zärtlicher Liebe . . . wie ein Täuberich; du steckst den Kopf unter den Flügel – und wünschst weiter nichts mehr; du bist bereit, das ganze Leben lang unter dem Dache zu girren . . . ich aber bin von andrer Art; mir genügt das nicht; ich brauche noch etwas; aber was, das weiß ich nicht! Kannst du mich belehren, kannst du mir sagen, was das ist, das mir fehlt, mir das alles geben, damit ich . . . Aber Zärtlichkeit . . . wo gäbe es die nicht!«

Oblomow knickten die Beine zusammen; er setzte sich auf einen Lehnstuhl und trocknete sich mit dem Taschentuche die Hände und die Stirn.

Olgas Worte waren grausam gewesen; sie hatten Oblomow tief verletzt: sie hatten ihn gewissermaßen innerlich verbrannt und äußerlich kalt angeweht. Zur Antwort lächelte er nur kläglich, schmerzlich, schamhaft, wie ein Bettler, dem man seine Blöße zum Vorwurf macht. Er saß mit diesem kraftlosen Lächeln da, schwach von der Erregung und von dem Gefühle der erlittenen Kränkung; sein erloschener Blick sagte deutlich: »Ja, ich bin ein armseliger, kläglicher Mensch, ein Bettler . . . schlagt mich nur, schlagt mich nur!«

Olga wurde plötzlich gewahr, wieviel Gift ihre Worte enthalten hatten; sie stürzte eilig zu ihm hin.

»Verzeih mir, mein Freund!« sagte sie zärtlich, beinah weinend. »Ich weiß nicht, was ich rede; ich bin wie von Sinnen! Vergiß alles; wir wollen sein wie früher; mag alles bleiben, wie es war . . .«

»Nein!« sagte er, indem er plötzlich aufstand und durch eine entschiedene Gebärde ihren Gefühlsausbruch abwehrte. »Es wird nicht so bleiben! Beunruhige dich nicht darüber, daß du die Wahrheit gesagt hast: ich verdiene es«, fügte er traurig hinzu.

»Ich bin eine Schwärmerin, eine Phantastin«, erwiderte sie. »Ich habe einen unglückseligen Charakter. Warum sind andere Frauen, warum ist Sonitschka so glücklich? . . .«

Sie brach in Tränen aus.

»Geh!« sagte sie, das feuchte Tuch mit den Händen mißhandelnd. »Ich kann es nicht ertragen; die Vergangenheit ist mir noch teuer . . .«

Sie verbarg wieder das Gesicht in dem Tuche und bemühte sich, ihr Schluchzen zu unterdrücken.

»Warum ist alles zugrunde gegangen?« fragte sie plötzlich, den Kopf in die Höhe hebend. »Wer hat dich mit einem Fluche belegt, Ilja? Was hast du getan? Du bist gut, verständig, liebevoll, edel . . . und gehst zugrunde! Was ist an deinem Verderben schuld? Dieses Übel hat keinen Namen . . .«

»Doch; es hat einen Namen«, erwiderte er kaum hörbar.

Sie sah ihn fragend mit tränenerfüllten Augen an.

»Oblomowerei!« flüsterte er. Dann ergriff er ihre Hand und wollte sie küssen; aber er konnte es nicht; er drückte sie nur fest an seine Lippen, und seine heißen Tränen tropften ihr auf die Finger. Ohne den Kopf aufzuheben und ohne ihr sein Gesicht zu zeigen, wandte er sich um und ging hinaus.

 

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