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Iwan Gontscharow: Oblomow - Kapitel 28
Quellenangabe
pfad/gontscha/oblomow/oblomow.xml
typefiction
authorIwan Gontscharow
titleOblomow
publisherAnaconda
year2010
isbn978-3-86647-478-9
firstpub1859
translatorHermann Röhl
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120612
modified20170607
projectida9997c9c
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IV

Er sagte zu Olga, er habe mit dem Bruder der Wirtin Rücksprache genommen, und fügte eilig aus seinem eigenen Kopfe hinzu, es sei Hoffnung vorhanden, daß er noch in dieser Woche die Wohnung einem andern Mieter werde übergeben können.

Olga fuhr vor dem Mittagessen noch mit der Tante aus, um einen Besuch zu machen, und er wollte sich unterdes in der Nachbarschaft Wohnungen ansehen. Er ging in zwei Häuser; in dem einen fand er eine Wohnung von vier Zimmern für viertausend Rubel; in dem andern wurden ihm für fünf Zimmer sechstausend Rubel abgefordert.

»Entsetzlich, entsetzlich!« rief er aus und lief, sich die Ohren zuhaltend, von den erstaunten Hausverwaltern weg. Er wollte zu diesen Summen noch die mehr als tausend Rubel hinzuzählen, die er der Frau Pschenizyna zu zahlen hatte, kam aber vor Angst mit der Addition nicht zustande; er beschleunigte nur seinen Schritt und lief zu Olga.

Dort war Gesellschaft. Olga war munter und lebhaft; sie redete, sie sang und rief allgemeine Begeisterung hervor. Nur Oblomow hörte zerstreut zu; sie aber redete und sang nur für ihn, damit er nicht kopfhängerisch und mit niedergeschlagenen Augen dasäße, und damit auch in ihm alles unaufhörlich redete und sänge.

»Komm morgen ins Theater; wir haben eine Loge«, sagte sie.

»Am Abend, bei dem Schmutz und bei der weiten Entfernung!« dachte Oblomow; aber als er ihr in die Augen blickte, antwortete er auf ihr Lächeln mit einem Lächeln der Zustimmung.

»Abonniere auf einen Parkettplatz«, fügte sie hinzu. »In der nächsten Woche kommen Majewskis; ma tante hat sie zu uns in die Loge eingeladen.«

Sie blickte ihm in die Augen, um zu sehen, wie er sich freute. »O Gott!« dachte er entsetzt. »Und ich habe nur dreihundert Rubel.«

»Weißt du, bitte den Baron darum; er ist dort mit allen bekannt und wird dir gleich morgen einen Platz beschaffen.«

Sie lächelte wieder, und er lächelte, als er sie ansah, und bat mit einem Lächeln den Baron; dieser übernahm es, ebenfalls mit einem Lächeln, ihm ein Billett zu besorgen.

»Jetzt mußt du noch im Parkett sitzen; aber nachher, wenn du die geschäftlichen Angelegenheiten erledigt haben wirst«, fügte Olga hinzu, »dann wirst du mit Fug und Recht einen Platz in unserer Loge einnehmen.«

Und sie lächelte von ganzem Herzen, so wie sie eben zu lächeln pflegte, wenn sie vollkommen glücklich war.

O wie glückselig wurde ihm auf einmal zumute, als Olga den Vorhang der verlockenden Ferne ein wenig lüftete, die hinter ihrem Lächeln wie hinter Blumen verborgen lag!

Oblomow vergaß sogar die Geldangelegenheit; erst als er am nächsten Morgen das an den Fenstern vorbeihuschende Aktenpaket des Bruders sah, fiel ihm die Vollmacht ein, und er bat Iwan Matwjejewitsch, sie auf dem Gericht beglaubigen zu lassen. Dieser las die Vollmacht durch, sagte, ein Punkt darin sei unklar ausgedrückt, und übernahm es, ihm eine klarere Fassung zu geben.

Das Dokument wurde noch einmal umgeschrieben, endlich beglaubigt und zur Post geschickt. Oblomow machte Olga davon triumphierend Mitteilung und beruhigte sich für lange Zeit.

Er freute sich, daß er vor dem Eintreffen der Antwort keine Wohnung zu suchen brauchte, und daß er das Geld allmählich abwohnte.

»Eigentlich könnte man auch hier wohnen«, dachte er; »es ist nur von allem so weit entfernt; aber im Hause herrscht bei ihnen eine strenge Ordnung, und die Wirtschaft ist bei ihnen vorzüglich im Gange.«

Die Wirtschaft war tatsächlich ausgezeichnet im Gange. Obgleich Oblomow seine eigene Küche hielt, hatte die Wirtin doch auch für diese ein wachsames Auge.

Ilja Iljitsch kam eines Tages in die Küche und fand dort Agafja Matwjejewna und Anisja, wie sie einander beinah umschlungen hielten.

Wenn es eine Sympathie der Seelen gibt, wenn verwandte Herzen einander schon von weitem wittern, so war das noch nie so augenfällig bewiesen worden wie durch die Sympathie zwischen Agafja Matwjejewna und Anisja. Gleich auf den ersten Blick, beim Anhören des ersten Wortes, beim Ansehen der ersten Bewegungen hatten sie einander begriffen und schätzen gelernt.

An Anisjas geschicktem Verfahren, wie sie, mit einer Ofenkrücke und einem Lappen bewaffnet, mit aufgestreiften Ärmeln in fünf Minuten die Küche in Ordnung brachte, in der ein halbes Jahr lang kein Feuer gebrannt hatte, wie sie mit einer Bürste im Umsehen den Staub von den Küchenbrettern, den Wänden und von dem Tische entfernte, wie sie, weit und kräftig mit dem Besen ausholend, den Fußboden und die Bänke abfegte, wie sie in einem Augenblicke die Asche aus dem Ofen herausscharrte: an alledem erkannte Agafja Matwjejewna mit Bewunderung, von welchem Schlage Anisja war, und was für eine große Hilfe diese ihr bei ihren wirtschaftlichen Verrichtungen sein konnte. Seitdem hatte sie ihr einen Platz in ihrem Herzen eingeräumt.

Und als Anisja ihrerseits nur einmal gesehen hatte, wie Agafja Matwjejewna in der Küche herrschte, wie sie mit ihren brauenlosen Falkenaugen jede ungeschickte Bewegung der schwerfälligen Akulina sah, wie sie ihr ihre Befehle zurief, dies aus dem Herde herauszunehmen, dies hineinzustellen, dies zu wärmen, dies zu salzen, wie sie auf dem Markte mit einem einzigen Blick und höchstens durch Berühren mit dem Finger ohne jeden Irrtum erkannte, wie viele Monate ein Huhn alt und ob der Fisch schon lange tot war, und wann die Petersilie oder der Salat von den Beeten gepflückt waren: da hob sie voll Staunen und respektvoller Furcht die Augen zu ihr in die Höhe und sagte sich, daß sie, Anisja, ihren Beruf verfehlt habe, daß das richtige Feld für ihre Tätigkeit nicht Oblomows Küche sei, wo ihre Flinkheit und die nimmer müde, nervöse Fieberhaftigkeit ihrer Bewegungen nur darauf gerichtet sei, irgend etwas, was Sachar hinfallen ließ, einen Teller oder ein Glas, noch im Fallen zu erhaschen, und wo ihre Erfahrung und die Feinheit ihrer Überlegungen durch den finsteren Neid und den groben Hochmut ihres Mannes unterdrückt wurden. Die beiden Frauen hatten füreinander Verständnis und wurden unzertrennlich.

Wenn Oblomow nicht zu Hause Mittagbrot aß, hielt sich Anisja in der Küche der Wirtin auf und stürzte aus Liebe zur Sache von einer Ecke in die andre, stellte die Töpfe ans Feuer und nahm sie ab, öffnete fast in ein und demselben Augenblicke den Schrank, nahm das Erforderliche heraus und schlug ihn wieder zu, ehe Akulina überhaupt begriffen hatte, um was es sich handelte. Anisjas Belohnung dafür bestand in einem Mittagessen, in sechs Tassen Kaffee am Morgen und ebensovielen am Abend und in einem langen, offenherzigen Gespräche mit der Wirtin selbst, das mitunter in vertraulichem Flüstertone geführt wurde.

Wenn Oblomow zu Hause Mittagbrot aß, so half die Wirtin Anisja, das heißt, sie zeigte ihr mit einem Worte oder mit dem Finger, ob es Zeit oder noch zu früh sei, den Braten herauszunehmen, ob zu der Sauce etwas Rotwein oder Sahne hinzugetan werden und daß der Fisch anders gekocht werden müsse, und zwar so und so.

Und, o Gott, was für Kenntnisse tauschten sie miteinander auf wirtschaftlichem Gebiete aus, nicht nur im Ressort der kulinarischen Angelegenheiten, sondern auch in dem der Leinwand, des Zwirns, des Nähens, des Waschens der Wäsche, der Anfertigung von Kleidern, der Reinigung von Blonden, Spitzen und Handschuhen, des Entfernens von Flecken aus verschiedenen Stoffen, sowie des Gebrauches verschiedener als Hausmittel dienender Mixturen und Kräuter – kurz auf dem Gebiete all der Kenntnisse, die der beobachtende Verstand und eine jahrhundertelange Erfahrung in einer gewissen Lebenssphäre zusammengetragen haben!

Ilja Iljitsch stand des Morgens um neun Uhr auf, sah manchmal, wie das Aktenpaket unter dem Arme des zum Dienst gehenden Bruders hinter dem Gitter des Zaunes vorbeihuschte, und machte sich daran, seinen Kaffee zu trinken. Der Kaffee war immer gleich vorzüglich, die Sahne dick, die Semmeln kuchenartig und knusprig.

Dann zündete er sich eine Zigarre an und hörte aufmerksam zu, wie die Henne laut gluckste, wie die Küchlein piepten, und wie die Kanarienvögel und die Zeisige sangen. Er hatte sie nicht hinausschaffen lassen; »sie erinnern mich an das Gut, an Oblomowka«, sagte er.

Dann setzte er sich, um die in der Sommerfrische angefangenen Bücher zu Ende zu lesen; manchmal legte er sich auch mit einem Buche bequem auf das Sofa und las so. Es herrschte eine ideale Stille; höchstens ging ein Soldat auf der Straße vorbei oder ein Häufchen Bauern mit Beilen im Gürtel. Nur ganz selten verirrte sich ein Hausierer in diese abgelegene Gegend, blieb vor dem Gitterzaune stehen und schrie eine halbe Stunde lang: »Äpfel, Astrachaner Melonen!« so daß man ihm schließlich etwas wider den eigenen Willen abkaufte.

Manchmal kam Mascha, das Töchterchen der Wirtin, zu ihm, um ihm von ihrer Mama zu bestellen, es seien Pfifferlinge oder Reizker zu kaufen; ob sie für ihn einen Krug voll nehmen solle; oder er rief ihren Sohn Wanja zu sich herein, fragte ihn, was er gelernt habe, ließ ihn etwas vorlesen oder schreiben und sah zu, ob er gut schrieb und las.

Wenn die Kinder die Tür nicht hinter sich zumachten, sah er den nackten Hals und die unaufhörlich in flinker Bewegung befindlichen Arme und den Rücken der Wirtin.

Sie war immer bei der Arbeit, immer plättete sie etwas oder stieß etwas im Mörser oder rieb etwas auf dem Reibeisen, und sie genierte sich nicht mehr und warf den Schal nicht um, wenn sie bemerkte, daß er sie durch die halbgeöffnete Tür sah; sie lächelte nur und stieß, rieb und plättete auf dem großen Tische eifrig weiter.

Er trat manchmal mit einem Buche zur Tür, sah seine Wirtin an und redete mit ihr ein paar Worte.

»Sie sind immer bei der Arbeit!« sagte er einmal zu ihr.

Sie lächelte und machte sich von neuem eifrig daran, den Griff der Kaffeemühle zu drehen, und ihr Ellbogen beschrieb so hurtig seine Kreise, daß es Oblomow vor den Augen flimmerte.

»Sie werden ja müde werden«, fuhr er fort.

»Nein, ich bin es gewohnt«, antwortete sie, mit der Mühle rasselnd.

»Aber wenn Sie nun keine Arbeit haben, was machen Sie dann?«

»Wie meinen Sie das: keine Arbeit? Arbeit ist immer da«, sagte sie. »Am Vormittag muß ich das Mittagessen kochen, nach dem Mittagessen nähen und zum Abend das Abendbrot besorgen.«

»Essen Sie denn Abendbrot?«

»Wie könnte man denn ohne Abendbrot leben? Freilich essen wir Abendbrot. Nur vor den Festtagen gehen wir zum Abendgottesdienst.«

»Das ist gut«, lobte Oblomow. »In welche Kirche gehen Sie denn?«

»In die Kirche Zu Christi Geburt; das ist unsere Pfarrkirche.«

»Aber lesen Sie etwas?«

Sie sah ihn mit einem stumpfen Blicke an und schwieg.

»Haben Sie Bücher?« fragte er.

»Der Bruder hat welche; aber er liest nicht darin. Zeitungen bekommen wir aus einem Restaurant; da liest der Bruder manchmal etwas daraus vor . . . Aber mein kleiner Wanja hat viele Bücher.«

»Ruhen Sie sich denn niemals aus?«

»Nein, wirklich nicht, weiß Gott!«

»Sie gehen auch nicht ins Theater?«

»Der Bruder ist zu Ostern einmal dagewesen.«

»Und Sie?«

»Wann habe ich dazu Zeit? Wie sollte es mit dem Abendbrot werden?« fragte sie, indem sie von der Seite nach ihm hinsah.

»Die Köchin kann es doch auch ohne sie besorgen . . .«

»Akulina?« erwiderte sie erstaunt. »Wie wäre das möglich? Die kann ohne mich nichts tun. Sie würde mit dem Abendbrot bis zum andern Tage nicht fertig werden. Ich habe auch alle Schlüssel.«

Stillschweigen. Oblomow betrachtete mit Vergnügen ihre vollen, runden Arme.

»Was Sie für schöne Arme haben«, sagte er plötzlich. »Man könnte sie ohne weiteres malen.«

Sie lächelte und genierte sich ein wenig.

»Es ist gar zu unbequem, mit Ärmeln zu arbeiten«, entschuldigte sie sich. »Heutzutage sind ja solche Kleider Mode, bei denen man sich die ganzen Ärmel fortwährend beschmutzen würde.«

Sie verstummte. Oblomow schwieg ebenfalls.

»Ich will nur erst den Kaffee zu Ende mahlen«, flüsterte die Wirtin vor sich hin. »Dann will ich Zucker schlagen. Daß ich nur nicht vergesse, Zimt holen zu lassen.«

»Sie sollten sich wieder verheiraten«, sagte Oblomow. »Sie sind eine vortreffliche Hausfrau.«

Sie lächelte und schüttete den Kaffee in ein großes Glasgefäß.

»Wirklich«, fügte Oblomow hinzu.

»Wer wird mich mit den Kindern nehmen?« antwortete sie und begann etwas im Kopfe zu berechnen.

»Zwanzig Stück . . .« sagte sie nachdenklich. »Wird sie die wirklich alle gebrauchen? . . .« Und nachdem sie das Glasgefäß in den Schrank gestellt hatte, lief sie in die Küche. Oblomow aber ging in sein Zimmer und begann in seinem Buche zu lesen.

»Was für eine frische, gesunde Frauensperson das ist, und wie wirtschaftlich! Sie sollte sich wirklich verheiraten . . .« sagte er zu sich selbst und versank in Gedanken an . . . Olga.

Bei gutem Wetter setzte Oblomow die Mütze auf und ging in der Umgegend umher; aber bald geriet er in argen Schmutz, bald in unangenehme Kollision mit Hunden, und kehrte dann nach Hause zurück.

Zu Hause aber war schon der Tisch gedeckt, und es wurde ihm das schmackhafte Essen sauber serviert. Manchmal streckte sich durch die Tür ein nackter Arm mit einem Teller, und er wurde gebeten, die Pastete der Wirtin zu probieren.

»Still und gut ist es in dieser Gegend, nur langweilig!« sagte Oblomow, während er nach der Oper fuhr.

Als er einmal erst spät aus dem Theater zurückkam, mußte er nebst dem Droschkenkutscher fast eine Stunde lang am Tore klopfen; der Hund, der wütend an der Kette sprang, hatte von seinem Gebell schon seine Stimme verloren. Oblomow, der ganz durchgefroren und sehr aufgebracht war, erklärte, er werde gleich am nächsten Tage ausziehen. Aber es verging dieser nächste Tag und der darauffolgende und eine ganze Woche – und er zog immer noch nicht aus.

Es war ihm sehr langweilig, daß er an den nicht festgesetzten Tagen Olga nicht sehen, ihre Stimme nicht hören, in ihren Augen nicht die immer gleiche, unwandelbare Freundlichkeit, Liebe und Glückseligkeit lesen konnte.

Dafür lebte er an den festgesetzten Tagen wie im Sommer, konnte sich gar nicht satt hören an ihrem Gesange oder blickte ihr in die Augen; waren aber andre zugegen, so genügte ihm ein einziger Blick von ihr, der allen übrigen gleichgültig, ihm aber tief und bedeutungsvoll erschien.

In dem Maße aber, wie der Winter heranrückte, wurden ihre Zusammenkünfte unter vier Augen seltener. Zu Iljinskis kamen nun häufig Gäste, und es gelang Oblomow oft ganze Tage lang nicht, mit ihr auch nur zwei Worte zu sprechen. Sie wechselten nur Blicke miteinander. Olgas Blicke drückten manchmal Müdigkeit und Ungeduld aus.

Sie blickte alle Gäste mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Oblomow langweilte sich sogar ein paarmal und wollte eines Tages nach dem Mittagessen seinen Hut nehmen.

»Wo wollen Sie denn hin?« fragte Olga, die schnell zu ihm trat, erstaunt und griff nach seinem Hute.

»Erlauben Sie, daß ich nach Hause zurückkehre . . .«

»Wozu?« fragte sie. Eine ihrer Brauen lag höher als die andre. »Was wollen Sie denn da tun?«

»Ich bin so . . .« sagte er und konnte vor Schlaffigkeit kaum die Augen aufreißen.

»Das wird Ihnen niemand erlauben. Sie wollen sich doch nicht etwa schlafen legen?« fragte sie und blickte ihm in strenger Miene abwechselnd in das eine und dann in das andre Auge.

»Aber ich bitte Sie!« erwiderte Oblomow lebhaft. »Bei Tage schlafen! Ich langweile mich einfach.«

Und er überließ ihr seinen Hut.

»Heute fahren wir ins Theater«, sagte sie.

»Aber ich darf nicht mit dir zusammen in der Loge sitzen«, fügte er seufzend hinzu.

»Nun, was tut das? Ist es denn nichts, daß wir einander sehen, daß du uns im Zwischenakte besuchst und am Schlusse zu mir kommst und mich an deinem Arme zum Wagen geleitest? Haben Sie die Güte, ins Theater zu fahren!« fügte sie in befehlendem Tone hinzu. »Was ist das für eine neue Mode!«

Es war nichts dagegen zu machen; er fuhr ins Theater, gähnte, als ob er die ganze Bühne verschlingen wollte, kratzte sich den Nacken und schlug fortwährend ein Bein über das andre. »Ach, wenn die Wartezeit doch recht bald zu Ende wäre und ich neben ihr sitzen könnte und mich nicht so weit herzuschleppen brauchte!« dachte er. »Aber nach einem solchen Sommer sie jetzt nur ab und zu einmal verstohlen zu sehen und die Rolle eines verliebten Knaben zu spielen, das ist langweilig . . . Die Wahrheit zu sagen, ich würde heute nicht ins Theater gefahren sein, wenn ich schon verheiratet wäre: diese Oper höre ich schon zum sechsten Mal . . .«

Im Zwischenakte ging er zu Olga in die Loge und konnte sich kaum zwischen zwei Stutzern zu ihr durchdrängen. Nach fünf Minuten schlüpfte er wieder hinaus und blieb am Eingange zum Parkett im Gedränge stehen. Der Akt begann, und alle begaben sich eilig auf ihre Plätze. Die Stutzer aus Olgas Loge waren ebenfalls da, sahen aber Oblomow nicht. »Was war das soeben für ein Herr in der Loge bei Iljinskis?« fragte der eine den andern.

»Es ist ein gewisser Oblomow«, antwortete der andre lässig.

»Was für ein Oblomow?«

»Er ist Gutsbesitzer, ein Freund von Stolz.«

»Ah!« sagte der andre bedeutsam. »Ein Freund von Stolz. Was hat er denn da zu suchen?«

»Dieu sait!« antwortete der andre, und alle gingen nach ihren Plätzen auseinander. Aber Oblomow hatte infolge dieses unbedeutenden Gespräches alle Fassung verloren.

»Was für ein Herr? . . . Ein gewisser Oblomow . . . was hat er da zu suchen . . . Dieu sait« – all dies pochte ihm im Kopfe. »Ein gewisser!« dachte er. »Was ich da zu suchen habe? Welche Frage! Ich liebe Olga; ich bin ihr . . . Aber da wird nun schon in der vornehmen Gesellschaft die Frage aufgeworfen, was ich da zu suchen habe. Sie sind darauf aufmerksam geworden . . . Ach, du mein Gott! Gewiß, da muß etwas geschehen . . .«

Er sah nicht mehr, was auf der Bühne geschah, was für Ritter und Damen dort auftraten; aus dem Orchester ertönte rauschende Musik; aber er hörte sie nicht. Er sah sich nach allen Seiten um und zählte, wieviel Bekannte im Theater seien: hier, da, überall saßen welche; alle fragten: »Was ist das für ein Herr, der zu Olga in die Loge geht?« – »Ein gewisser Oblomow!« sagten alle.

»Ja, ich bin ›ein gewisser‹!« dachte er schüchtern und niedergeschlagen. »Man kennt mich, weil ich ein Freund von Stolz bin. Warum bin ich bei Olga? ›Dieu sait! . . .‹ Da, da, diese Stutzer sehen nach mir her und dann nach Olgas Loge!«

Er blickte nach der Loge: Olgas Opernglas war auf ihn gerichtet.

»Ach, du mein Gott!« dachte er. »Und sie wendet kein Auge von mir! Was hat sie denn an mir so Besonderes gefunden? Ich bin wohl eine Rarität! Da! ich glaube, jetzt will sie auf die Bühne hin . . . ich glaube, die Stutzer sehen nach mir her und lachen . . . O Gott, o Gott!«

In seiner Aufregung, kratzte er sich wieder wütend den Nacken und legte die Beine bald so, bald so übereinander. Sie lud die Stutzer ein, nach dem Theater bei ihr und der Tante Tee zu trinken, versprach, die Kavatine zu wiederholen, und forderte auch Oblomow auf hinzukommen.

»Nein«, dachte er, »ich werde heute nicht hinfahren. Ich muß die Sache schnell zur Entscheidung bringen, und dann . . . Wie geht das zu? Mein Bevollmächtigter schickt mir vom Lande keine Antwort? . . . Ich wäre längst weggefahren und hätte mich vor der Abreise in aller Form mit Olga verlobt . . . Ach, sie sieht immer nach mir her! Es ist wahrhaftig ein Unglück!«

Er wartete das Ende der Oper nicht ab und fuhr nach Hause. Allmählich verwischte sich dieser Eindruck wieder, und er sah wieder, zitternd vor Glückseligkeit, Olga an, wenn sie beide allein waren, hörte, die Tränen des Entzückens unterdrückend, zu, wenn sie in Gegenwart aller sang, und legte sich, nach Hause zurückgekehrt, ohne Olgas Wissen auf das Sofa, aber nicht um zu schlafen, nicht um wie ein toter Klotz dazuliegen, sondern um sich in Träumereien von ihr zu ergehen, von seinem Glücke zu phantasieren und einen ahnenden Blick in sein künftiges friedliches häusliches Leben zu werfen, in dem Olga strahlen und alles um sie herum von ihrem Lichte erglänzen würde. Bei diesem Blicke in die Zukunft sah er manchmal unwillkürlich, manchmal auch absichtlich nach der halbgeöffneten Tür und nach den sich flink bewegenden Armen der Wirtin.

Eines Tages herrschte in der Natur und im Hause eine ideale Stille: kein Wagen rasselte, keine Tür wurde zugeschlagen; im Vorzimmer tickte das Pendel der Uhr gleichmäßig, und die Kanarienvögel sangen; aber das störte die Stille nicht, sondern verlieh ihr nur einen gewissen Anflug von Leben.

Ilja Iljitsch lag nachlässig auf dem Sofa und spielte mit dem Pantoffel: er ließ ihn auf den Fußboden fallen, hob ihn mit dem Fuße in die Luft, drehte ihn dort hin und her; der Pantoffel fiel hin, und er nahm ihn wieder mit dem Fuße vom Fußboden auf . . . Da kam Sachar herein und blieb an der Tür stehen.

»Was willst du?« fragte Oblomow lässig.

Sachar schwieg und sah ihn beinah gerade, nicht von der Seite, an.

»Nun?« fragte Oblomow, ihn verwundert anblickend. »Die Pastete ist wohl fertig?«

»Haben Sie eine Wohnung gefunden?« fragte Sachar seinerseits.

»Nein, noch nicht. Wieso?«

»Ich habe noch nicht alles eingeräumt: das Geschirr, die Kleider, die Koffer, das liegt alles noch in der Kammer in einem Haufen. Soll ich es einräumen, ja?«

»Warte noch damit«, antwortete Oblomow zerstreut. »Ich erwarte noch eine Antwort von meinem Gutsnachbar.«

»Also wird die Hochzeit nach Weihnachten sein?« fügte Sachar hinzu.

»Was für eine Hochzeit?« fragte Oblomow, indem er plötzlich aufstand.

»Na, natürlich die Ihrige!« antwortete Sachar in bestimmtem Tone, als ob es sich um eine längst entschiedene Sache handele. »Sie heiraten doch?«

»Ich hei-ra-te! Wen denn?« fragte Oblomow entsetzt und starrte Sachar mit weitgeöffneten Augen erstaunt an.

»Das Iljinskische Fräu–« Sachar hatte das Wort noch nicht zu Ende gesprochen, als Oblomow schon ganz nahe vor ihm stand.

»Was redest du da, du Unglücklicher? Wer hat dir diesen Gedanken eingegeben?« rief Oblomow pathetisch mit gedämpfter Stimme und rückte seinem Diener noch mehr auf den Leib.

»Wieso soll ich ein Unglücklicher sein? Das bin ich Gott sei Dank nicht!« versetzte Sachar und wich dabei zur Tür zurück. »Wer mir das gesagt hat? Die Iljinskischen Leute haben es schon im Sommer gesagt.«

»Sssst! . . .« zischte ihm Oblomow zu, hob den Finger in die Höhe und drohte ihm. »Kein Wort weiter!«

»Habe ich mir das etwa ausgedacht?« sagte Sachar.

»Kein Wort!« wiederholte Oblomow, indem er ihn drohend ansah und auf die Tür wies. Sachar ging hinaus und seufzte so laut, daß es durch alle Zimmer zu hören war.

Oblomow konnte sich gar nicht fassen; er stand immer noch in derselben Haltung da und blickte voll Entsetzen nach der Stelle hin, wo Sachar gestanden hatte; dann legte er in heller Verzweiflung die Hände an den Kopf und setzte sich auf den Lehnstuhl.

»Die Dienstboten wissen es!« dieser Gedanke bohrte in seinem Kopfe herum. »In den Gesindestuben und in den Küchen wird darüber geredet! Dahin ist es also gekommen! Er hat sich erdreistet zu fragen, wann die Hochzeit sein werde. Und die Tante argwöhnt noch nichts, oder wenn sie etwas argwöhnt, so vielleicht etwas anderes, Böses . . . O weh, o weh, o weh, was mag sie denken! Und ich? Und Olga?«

»Ich Unglücklicher, was habe ich angerichtet?« sagte er und warf sich auf das Sofa, mit dem Gesicht auf das Kissen. »Die Hochzeit! Dieser poetische Augenblick im Leben der Liebenden, der Gipfel der Glückseligkeit – von dem reden die Lakaien und Kutscher schon jetzt, zu einer Zeit, wo noch nichts entschieden ist, wo ich noch keine Antwort von meinem Gutsnachbar habe, wo meine Brieftasche leer ist, wo ich noch keine Wohnung gefunden habe . . .«

Er begann den poetischen Augenblick zu zergliedern, der auf einmal seine schönen Farben verloren hatte, sowie Sachar angefangen hatte von ihm zu sprechen. Oblomow betrachtete nun die Kehrseite der Medaille; er wälzte sich qualvoll von einer Seite auf die andre, legte sich auf den Rücken, sprang plötzlich auf, machte drei Schritte durch das Zimmer und legte sich wieder hin.

»Na, das wird nicht gut werden!« dachte Sachar ängstlich im Vorzimmer. »Mußte mich auch der Böse plagen, davon anzufangen!«

»Woher wissen sie es nur?« fragte sich Oblomow. »Olga hat geschwiegen; ich habe nicht einmal gewagt laut daran zu denken; aber im Vorzimmer haben sie die ganze Frage schon entschieden! Das kommt von den Zusammenkünften unter vier Augen, von der Poesie der Morgen- und Abendröte, von den leidenschaftlichen Blicken und dem bezaubernden Gesange! Ach, diese Poesie der Liebe: sie nimmt nie ein gutes Ende! Man muß zuerst vor den Traualtar treten und dann in der rosigen Atmosphäre schwimmen . . . Mein Gott, mein Gott! Ich müßte zur Tante hinlaufen, Olga bei der Hand fassen und sagen: ›Hier ist meine Braut!‹ aber es ist nichts in Bereitschaft: ich habe keine Antwort von meinem Gutsnachbarn, kein Geld, keine Wohnung! Nein, ich muß zuerst meinem Sachar diesen Gedanken aus dem Kopfe heraustreiben, die Gerüchte wie eine Flamme ersticken, damit sie sich nicht noch weiter ausbreiten, damit sich nicht Feuer und Rauch entwickeln . . . Hochzeit! Was ist eine Hochzeit? . . .« Er wollte schon lächeln in Erinnerung an seine frühere ideale Vorstellung von einer Hochzeit, an den langen Schleier, den blühenden Orangenzweig, das Geflüster der Menge . . .

Aber die Farben waren nicht mehr dieselben: dort in der Menge befand sich der grobe, unsaubere Sachar, die ganze Dienerschaft der Iljinskischen Damen, eine Reihe von Kutschen, fremde, kalte, neugierige Gesichter. Und auch was ihm noch weiter vorschwebte, war alles so langweilig und schrecklich . . .

»Ich muß meinem Sachar diesen Gedanken aus dem Kopfe heraustreiben, damit er ihn für eine Torheit hält«, sagte er sich, während er sich bald krampfhaft aufregte, bald qualvoll nachdachte. Nach einer Stunde rief er Sachar.

Sachar tat, als höre er nicht, und wollte sich leise nach der Küche davonmachen. Er hatte schon die Tür aufgemacht, ohne daß sie geknarrt hätte; aber er traf, als er sich seitwärts hindurchschieben wollte, nicht in die offene Hälfte hinein, sondern stieß mit der Schulter so stark gegen den andern Flügel, daß sich beide Flügel mit lautem Geräusche auseinandertaten.

»Sachar!« rief Oblomow gebieterisch.

»Was steht zu Ihren Diensten?« antwortete Sachar vom Vorzimmer aus.

»Komm hierher!« sagte Ilja Iljitsch.

»Soll ich etwas bringen? Dann, bitte, sagen Sie es, und ich werde es bringen!« antwortete er.

»Komm hierher!« sagte Oblomow langsam und energisch.

»Ach, wenn ich doch tot wäre!« sagte Sachar heiser, während er langsam ins Zimmer kam.

»Nun, was steht zu Ihren Diensten?« fragte er, indem er an der Tür kleben blieb.

»Komm näher, hierher!« sagte Oblomow in feierlichem, geheimnisvollem Tone und zeigte ihm den Fleck, wo er sich hinstellen sollte, und zwar so nahe, daß Sachar seinem Herrn beinah auf die Knie zu sitzen gekommen wäre.

»Wozu soll ich denn dahin kommen? Da ist es eng; ich kann auch von hier aus hören«, war Sachars Ausrede, und er blieb hartnäckig an der Tür stehen.

»Komm näher, sage ich!« rief Oblomow drohend.

Sachar tat einen Schritt vorwärts und stand dann starr wie eine Bildsäule da, blickte durch das Fenster nach den umherlaufenden Hühnern und zeigte dem Herrn seinen einer Bürste gleichenden Backenbart. Ilja Iljitsch hatte sich im Laufe einer einzigen Stunde im Gesichte ganz verändert; er schien magerer geworden zu sein, und seine Augen liefen unruhig umher.

»Na, nun werde ich's kriegen!« dachte Sachar, dessen Miene immer finsterer wurde.

»Wie konntest du deinem Herrn eine so unpassende Frage vorlegen?« sagte Oblomow.

»Da haben wir's; nun geht's los!« dachte Sachar und zwinkerte in bänglicher Erwartung der »kläglichen Worte« heftig mit den Augen.

»Ich frage dich: wie hast du dir eine solche Torheit in den Kopf setzen können?« wiederholte Oblomow.

Sachar schwieg.

»Hörst du nicht, Sachar? Warum hast du dir erlaubt, so etwas nicht nur zu denken, sondern auch auszusprechen?«

»Erlauben Sie, Ilja Iljitsch, ich will lieber Anisja rufen . . .« antwortete Sachar und wollte zur Tür gehen.

»Ich will mit dir reden und nicht mit Anisja«, erwiderte Oblomow. »Warum hast du dir eine solche Torheit ausgedacht?«

»Ich habe es mir nicht ausgedacht«, versetzte Sachar; »die Iljinskischen Leute haben es erzählt.«

»Aber wer hat es denen erzählt?«

»Woher soll ich das wissen? Katja hat es zu Semjon gesagt, Semjon zu Nikita, Nikita zu Wasilisa, Wasilisa zu Anisja und Anisja zu mir«, sagte Sachar.

»Herr Gott, Herr Gott! Alle!« rief Oblomow ganz entsetzt. »Das ist alles Unsinn, Torheit, Lüge, Verleumdung – hörst du wohl?« rief Oblomow und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Das ist ein Ding der Unmöglichkeit!«

»Warum soll denn das unmöglich sein?« unterbrach ihn Sachar gleichmütig. »Das ist doch eine ganz gewöhnliche Sache, eine Hochzeit! Sie sind nicht der einzige, der heiratet; das tun alle Menschen!«

»Alle Menschen!« versetzte Oblomow. »Ja, das ist deine Force, mich mit anderen Leuten, mit allen Menschen auf eine Stufe zu stellen! Das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist nichts davon wahr und ist nichts davon wahr gewesen! Eine Hochzeit ist eine ganz gewöhnliche Sache: nun höre einer an! Was ist denn das, eine Hochzeit?«

Sachar wollte Oblomow anblicken; aber da er sah, daß dessen Augen mit grimmigem Ausdruck auf ihn gerichtet waren, so wandte er seinen Blick sogleich wieder nach rechts in die Ecke.

»Höre zu, ich werde dir erklären, was das ist. ›Hochzeit, Hochzeit‹, sagen müßige Menschen, allerlei Weiber und Kinder, die Leute in den Gesindestuben, in den Kaufläden und auf den Märkten. Der Mensch wird nun nicht mehr Ilja Iljitsch oder Peter Perrowitsch genannt, sondern ›der Bräutigam‹. Noch gestern wollte ihn niemand ansehen; aber morgen starren ihn alle an wie einen entlarvten Gauner. Weder im Theater noch auf der Straße läßt man ihn unbehelligt passieren. ›Da, da ist der Bräutigam!‹ flüstern alle. Und alle Menschen, die im Laufe des Tages mit ihm in Berührung kommen, bemühen sich, ein möglichst dummes Gesicht zu machen, so wie du jetzt!« (Sachar blickte schnell wieder weg auf den Hof), »und etwas recht Törichtes zu sagen«, fuhr Oblomow fort. »Siehst du, so ist der Anfang beschaffen. Und nun muß man tagtäglich, wie wenn man dazu verurteilt wäre, am Vormittag zur Braut hinfahren, immer mit gelben Handschuhen, und muß immer pikfein gekleidet sein und darf nie gelangweilt aussehen und darf nicht ordentlich essen und trinken, wie es sich gehört, sondern immer nur so ein bißchen, als ob man vom Winde und von Bukettduft lebte! Das dauert drei bis vier Monate! Siehst du es nun wohl ein? Wie könnte ich das aushalten?«

Oblomow hielt inne und beobachtete, ob diese Schilderung der Unbequemlichkeiten einer Heirat auf Sachar wohl Eindruck machte.

»Nun darf ich wohl gehen?« fragte Sachar und wandte sich zur Tür.

»Nein, bleib! Du verstehst dich so gut darauf, falsche Gerüchte zu verbreiten; nun sollst du auch erfahren, warum sie falsch sind.«

»Was soll ich denn erfahren?« sagte Sachar, nach den Zimmerwänden blickend.

»Du hast vergessen, wieviel Lauferei und Plackerei sowohl der Bräutigam als auch die Braut haben; und wen habe ich zu solchen Besorgungen? Wirst du etwa zu den Schneidern und zu den Schuhmachern und zum Möbelhändler laufen? Ich kann mich doch nicht zerreißen und allein nach allen Seiten laufen? Alle Leute in der Stadt werden es erfahren. ›Oblomow heiratet; haben Sie es schon gehört?‹ – ›Wirklich? Wen denn? Was ist das für eine? Wann ist die Hochzeit?‹« sagte Oblomow mit verschiedenen Stimmen. »Das wird das einzige Gesprächsthema sein! Ich aber werde dabei ganz herunterkommen und schon allein davon bettlägerig werden. Und du hast das ausgesonnen: Hochzeit!«

Er sah wieder Sachar an.

»Soll ich nicht Anisja rufen?« fragte Sachar.

»Was soll dabei Anisja? Du hast die unbedachte Vermutung mir gegenüber ausgesprochen, nicht Anisja.«

»Na, wofür bestraft mich heute Gott der Herr?« flüsterte Sachar und seufzte so stark, daß sich sogar seine Schultern in die Höhe hoben.

»Und was macht das für Ausgaben?« fuhr Oblomow fort. »Und wo habe ich das Geld dazu? Hast du gesehen, wieviel Geld ich habe?« fragte Oblomow in beinahe drohendem Tone. »Und wo soll ich eine Wohnung herbekommen? Hier muß ich tausend Rubel bezahlen und dann eine andre für dreitausend Rubel mieten: und wieviel kostet nicht die Einrichtung! Und dann ein Wagen, ein Koch, der Lebensunterhalt! Wo soll ich das hernehmen?«

»Wie heiraten denn andere Leute mit dreihundert Seelen?« erwiderte Sachar, bereute es aber sofort, da sein Herr beinah vom Lehnstuhl aufgesprungen wäre und auf ihm nur so in die Höhe hüpfte.

»Kommst du mir wieder mit deinen ›anderen Leuten‹? Nimm dich in acht!« sagte er, ihm mit dem Finger drohend. »Andre Leute wohnen in zwei, höchstens drei Zimmern; die müssen auch als Eßzimmer und als Salon dienen: manche schlafen auch in denselben Räumen; die Kinder daneben; ein einziges Dienstmädchen muß die ganze Wirtschaft besorgen. Die gnädige Frau geht selbst auf den Markt! Aber wird Olga Sergejewna auf den Markt gehen?«

»Auf den Markt kann auch ich gehen«, bemerkte Sachar.

»Weißt du, wieviel Einnahme wir von Oblomowka haben?« fragte Oblomow. »Hörst du, was der Dorfschulze, schreibt? Zweitausend Rubel weniger Einnahme! Und ferner muß ich eine Fahrstraße bauen und Schulen einrichten und nach Oblomowka fahren; dort aber kann man nicht wohnen, denn es ist noch kein Haus da . . . Wie kann da von Hochzeit die Rede sein? Was hast du dir da ausgedacht?«

Oblomow hielt inne. Er selbst hatte über diese furchtbare, trostlose Aussicht einen Schreck bekommen. Die Rosen, die Orangenblüten, der Glanz des Festes, das bewundernde Flüstern der Menge, alles verblaßte plötzlich.

Sein Gesicht sah ganz entstellt aus; er war in Gedanken versunken. Dann kam er allmählich wieder zu sich, sah um sich und erblickte Sachar.

»Was willst du?« fragte er ihn unwirsch.

»Sie haben mir ja befohlen, hier zu stehen«, antwortete Sachar.

»Geh!« sagte Oblomow ungeduldig und wies ihn mit der Hand fort. Sachar ging schnell zur Tür.

»Nein, bleib!« hielt ihn Oblomow auf einmal wieder zurück.

»Bald heißt es ›Geh!‹ bald ›Bleib!‹« brummte Sachar, die Tür mit der Hand angefaßt haltend.

»Wie konntest du es wagen, über mich solche unbegründeten Gerüchte zu verbreiten?« fragte Oblomow flüsternd in starker Aufregung.

»Wann habe ich denn solche Gerüchte verbreitet, Ilja IIjitsch? Nicht ich, sondern die Iljinskischen Leute haben erzählt, der Herr hätte dem Fräulein einen Antrag . . .«

»Sssst . . .« machte Oblomow und drohte ihm mit der Hand. »Kein Wort, niemals! Hörst du wohl?«

»Ich höre«, antwortete Sachar schüchtern.

»Wirst du diese Torheiten auch nicht weiterverbreiten?«

»Nein, ich werde es nicht tun«, antwortete Sachar leise. Er hatte nicht die Hälfte von dem, was Oblomow gesagt hatte, verstanden und wußte nur, daß es »klägliche Worte« waren.

»Paß mal auf: sowie du hörst, daß die Leute darüber zu reden anfangen und dich fragen, dann sage: das ist Unsinn; es ist nie geschehen und ist ganz unmöglich!« fügte Oblomow flüsternd hinzu.

»Zu Befehl«, flüsterte Sachar kaum hörbar.

Oblomow blickte rings um sich und drohte ihm mit dem Finger. Sachar zwinkerte mit seinen erschrockenen Augen und wollte auf den Fußspitzen zur Tür gehen.

»Wer hat zuerst davon geredet?« fragte Oblomow, ihn einholend.

»Katja hat es zu Semjon gesagt, Semjon zu Nikita«, flüsterte Sachar, »Nikita zu Wasilisa . . .«

»Und du hast es zu allen weitergeplaudert! Ich will dich lehren!« zischte Oblomow drohend. »Eine Verleumdung über deinen eigenen Herrn in Umlauf zu bringen! Ah!«

»Was quälen Sie mich mit kläglichen Worten?« sagte Sachar. »Ich werde Anisja rufen. Die weiß alles . . .«

»Was weiß sie? Sprich, sprich auf der Stelle!«

Sachar machte sofort, daß er aus der Tür kam, und trat mit ungewöhnlicher Schnelligkeit in die Küche.

»Laß mal die Pfanne und geh zum Herrn!« sagte er zu Anisja und wies mit dem Daumen nach der Tür. Anisja übergab die Pfanne der Magd Akulina, zog ihren Kleidersaum aus dem Gürtel heraus, schlug sich mit den Handflächen auf die Hüften, wischte sich mit dem Zeigefinger die Nase und ging zum Herrn. In fünf Minuten hatte sie diesen beruhigt. Sie sagte ihm, niemand habe von der Hochzeit auch nur ein Wort gesprochen; das könne sie ohne Sünde beschwören und sogar das Heiligenbild von der Wand nehmen; sie höre davon zum ersten Male; die Leute hätten vielmehr etwas ganz anderes gesagt, nämlich daß der Baron dem Fräulein einen Antrag gemacht habe . . .

»Wie? Der Baron?« fragte Ilja Iljitsch, plötzlich aufspringend; nicht nur das Herz, sondern auch die Hände und Füße wurden ihm auf einmal kalt wie Eis.

»Auch das ist Unsinn!« beeilte sich Anisja zu sagen, da sie sah, daß sie vom Regen in die Traufe gekommen war. »Das hat nur Katja zu Semjon gesagt, Semjon zu Marfa; Marfa hat alles falsch an Nikita wiedererzählt, und Nikita hat gesagt: ›Es wäre gut, wenn euer Herr Ilja Iljitsch dem Fräulein einen Antrag machte . . .‹«

»Was für ein Dummkopf dieser Nikita ist!« bemerkte Oblomow.

»Das ist richtig, daß er ein Dummkopf ist«, stimmte ihm Anisja bei; »auch wenn er hinten auf der Kutsche steht, sieht er aus, als ob er schliefe. Und Wasilisa hat es auch nicht geglaubt«, fuhr sie in flinker Redeweise fort; »die hat mir noch zu Mariä HimmelfahrtAm 15. August. Anm. d. Übers. gesagt (und zu Wasilisa hat es die Kinderfrau selbst gesagt), das Fräulein denke gar nicht daran, sich zu verheiraten. ›Und euer Herr‹, sagte sie, ›hätte ja auch schon längst eine Braut für sich gefunden, wenn er überhaupt heiraten wollte.‹ Und sie hätte erst kürzlich mit Samoila darüber gesprochen, und der hätte sogar darüber gelacht und gesagt, eine Hochzeit sei da ganz ausgeschlossen. Und es sehe auch gar nicht nach Hochzeit aus, sondern eher nach einem Leichenbegräbnis; die Tante habe immer Kopfschmerzen, und das Fräulein weine und schweige; es werde auch im Hause keine Aussteuer hergestellt; das Fräulein hätte eine Unmenge zerrissener Strümpfe; aber sie träfen keine Anstalten, sie zu stopfen; und in der vorigen Woche hätten sie sogar das Silberzeug nach dem Pfandhause gebracht . . .«

»Sie haben das Silberzeug nach dem Pfandhause gebracht? Auch die haben also kein Geld!« dachte Oblomow, ließ seine Augen erschrocken an den Wänden umhergehen und richtete sie dann auf Anisjas Nase, weil er sie in ihrem Gesichte auf nichts anderes richten konnte. Sie hatte auch das alles gewissermaßen nicht mit dem Munde, sondern mit der Nase geredet.

»Hüte dich also davor, solch sinnloses Zeug zu schwatzen!« sagte Oblomow und drohte ihr mit dem Finger.

»Wie werde ich denn so etwas schwatzen! Ich denke es nicht einmal in Gedanken, geschweige denn daß ich darüber schwatzen sollte!« schnatterte Anisja, so daß es klang, als ob sie Leuchtspäne spaltete. »Und es liegt ja auch gar nichts vor; ich höre heute zum ersten Male davon, das kann ich bei Gott dem Herrn beschwören, ich will gleich in die Erde sinken! Ich bin ganz erstaunt gewesen, als der gnädige Herr das zu mir sagte; ich bekam einen gewaltigen Schreck und fing sogar am ganzen Leibe an zu zittern! Wie sollte das überhaupt möglich sein? Wie könnte es da zu einer Hochzeit kommen? Niemandem ist so etwas auch nur im Traum eingefallen. Ich rede mit keinem Menschen; ich sitze immer in der Küche. Mit den Iljinskischen Leuten bin ich seit einem Monat nicht zusammengekommen; ich habe ganz vergessen, wie sie heißen. Und hier, mit wem könnte ich wohl hier schwatzen? Mit der Wirtin rede ich nur über Wirtschaftssachen; mit der Großmutter kann man nicht reden; die hustet immer und ist auch schwerhörig; Akulina ist eine ganz dumme Person und der Hausknecht ein Trunkenbold; es bleiben nur noch die Kinderchen; aber was kann man mit denen reden? Ich habe auch schon ganz vergessen, wie das Fräulein aussah . . .«

»Genug, genug!« sagte Oblomow und winkte ihr ungeduldig mit der Hand, daß sie gehen solle.

»Wie kann man nur etwas sagen, was gar nicht wahr ist?« sprach Anisja weiter, während sie hinausging. »Wenn aber Nikita doch so etwas gesagt hat, nun, für Dummköpfe ist eben kein Gesetz geschrieben. Mir selbst kommt so etwas überhaupt nicht in den Sinn: den ganzen lieben Tag lang hat man seine Plackerei: da hat man zu solchen Dingen keine Lust. Gott weiß, wie es damit steht. Da hängt das Heiligenbild an der Wand . . .« Und nach diesen Worten verschwand die redende Nase hinter der Tür: aber das Reden hörte man noch eine Weile durch die Tür hindurch.

»Da haben wir's! Auch Anisja sagt, daß es unmöglich ist!« flüsterte Oblomow, indem er die Hände faltete.

»O Glück, Glück!« sagte er dann bitter. »Wie vergänglich, wie unzuverlässig bist du! Der Schleier, der Kranz, die Liebe, die Liebe! Aber wo soll man das Geld hernehmen? Wovon soll man leben? Auch dich muß man kaufen. Liebe, du reines, rechtmäßiges Gut!«

Von diesem Augenblicke an war es mit Oblomows Zukunftsträumereien und mit seiner Ruhe aus. Er schlief schlecht, aß wenig und blickte alles zerstreut und ingrimmig an.

Er hatte Sachar einen Schreck einjagen wollen und hatte selbst einen größeren Schreck bekommen als dieser; er war in die praktische Seite der Frage in betreff der Hochzeit eingedrungen und hatte gesehen, daß dies allerdings ein poetischer, aber zugleich auch ein praktischer, offizieller Schritt zur realen, ernsthaften Wirklichkeit und zu einer Reihe von strengen Pflichten war.

Wie ganz anders hatte er sich das Gespräch mit Sachar vorgestellt! Er erinnerte sich, wie feierlich er diesem von der Hochzeit hatte Mitteilung machen wollen; wie Sachar vor Freude aufgeheult und sich ihm zu Füßen geworfen haben würde, und wie er ihm fünfundzwanzig und Anisja zehn Rubel hatte geben wollen . . .

An alles erinnerte er sich, an das damalige Zittern vor Glückseligkeit und an Olgas Hand und an ihren leidenschaftlichen Kuß . . . und er erstarrte: »Verwelkt, vorbei!« sagte eine Stimme in seinem Innern.

»Was soll nun werden?« fragte er sich.

 

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