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Iwan Gontscharow: Oblomow - Kapitel 27
Quellenangabe
pfad/gontscha/oblomow/oblomow.xml
typefiction
authorIwan Gontscharow
titleOblomow
publisherAnaconda
year2010
isbn978-3-86647-478-9
firstpub1859
translatorHermann Röhl
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120612
modified20170607
projectida9997c9c
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III.

Ende August trat Regenwetter ein, und auf denjenigen Landhäusern, die mit Öfen versehen waren, rauchten die Schornsteine; wo aber keine Öfen vorhanden waren, da gingen die Bewohner mit verbundenen Backen umher, und schließlich leerten sich die Landhäuser nach und nach.

Oblomow war diese Zeit her gar nicht nach der Stadt gekommen, und eines Morgens wurden die Möbel der Iljinskischen Damen an seinen Fenstern vorbeigetragen und vorbeigefahren. Es erschien ihm zwar jetzt nicht mehr als eine Heldentat, in eine andere Wohnung zu ziehen, irgendwo en passant zu Mittag zu essen und einen ganzen Tag über nicht auf dem Sofa zu hegen; aber er wußte nicht, wo er auch nur für die Nacht sein Haupt hinlegen sollte.

Ganz allein in dem Landhause zu bleiben, nachdem der Park und das Wäldchen öde geworden und die Läden an Olgas Fenstern geschlossen waren, das erschien ihm geradezu als ein Ding der Unmöglichkeit.

Er ging durch Olgas leere Zimmer, wanderte im Parke umher, stieg vom Berge hinab, und sein Herz zog sich vor Traurigkeit zusammen.

Er befahl Sachar und Anisja, nach der Wyborger Seite zu ziehen; denn er hatte sich entschlossen, dort solange zu bleiben, bis er eine neue Wohnung gefunden haben würde; er selbst aber fuhr in die Stadt, aß schnell in einem Restaurant zu Mittag und verbrachte den Abend bei Olga.

Aber die Herbstabende in der Stadt glichen nicht den langen, hellen Tagen und Abenden im Parke und im Wäldchen. Hier konnte er Olga nicht mehr dreimal am Tage sehen; hier kam Katja nicht mehr zu ihm gelaufen, und er schickte Sachar nicht mit einem Briefchen fünf Werst weit. Und dieses ganze sommerlich schöne Liebesepos geriet gewissermaßen ins Stocken, rückte langsamer fort, als ob es keinen rechten Inhalt mehr hätte.

Sie schwiegen manchmal eine halbe Stunde lang. Olga vertiefte sich in ihre Arbeit und zählte still mit der Nadel die kleinen Vierecke des Musters; er aber vertiefte sich in ein Chaos von Gedanken und lebte, dem gegenwärtigen Augenblicke weit vorauseilend, in der Zukunft.

Nur manchmal zuckte er, wenn er sie unverwandt ansah, leidenschaftlich zusammen, oder sie schaute ihn flüchtig an und lächelte, wenn sie einen Blick voll zärtlicher Ergebenheit und stummer Glückseligkeit in seinen Augen auffing.

Drei Tage hintereinander fuhr er in die Stadt zu Olga und aß bei ihnen zu Mittag unter dem Vorwande, es sei da bei ihm noch nichts eingerichtet; er werde im Laufe der Woche ausziehen und fühle sich daher in der neuen Wohnung nicht wie zu Hause.

Aber am vierten Tage war es ihm bereits peinlich, wieder hinzukommen, und nachdem er sich eine Weile in der Nähe des Iljinskischen Hauses umhergetrieben hatte, fuhr er mit einem Seufzer nach Hause.

Am fünften Tage speisten die Damen nicht zu Hause.

Am sechsten Tage sagte Olga zu ihm, er möchte nach einem bestimmten Ladengeschäft kommen; sie werde dort sein; dann aber könne er sie zu Fuß nach Hause begleiten, und der Wagen werde hinterher fahren.

All das war peinlich: es begegneten ihm und ihr Bekannte und grüßten; einige blieben auch stehen, um ein paar Worte zu reden.

»Ach, du mein Gott, welche Qual!« sagte er; die Angst und das Gefühl der Unbehaglichkeit trieben ihm den Schweiß aus allen Poren.

Auch die Tante blickte ihn mit ihren großen, matten Augen an und roch nachdenklich an ihrem Riechfläschchen, als ob sie von Oblomows Anblick Kopfschmerzen bekommen habe. Und was hatte er für eine gewaltige Strecke zu fahren! Von der Wyborger Seite herein und abends wieder hinaus – das dauerte drei Stunden!

»Laß es uns der Tante sagen!« bat Oblomow dringend. »Dann kann ich vom Morgen an bei euch bleiben, und niemand wird darüber reden . . .«

»Bist du denn auf dem Gericht gewesen?« fragte Olga.

Oblomow hätte gern gesagt: »Ich bin dagewesen und habe alles erledigt«; aber er wußte, daß Olga ihn dann prüfend ansehen und ihm sogleich die Lüge vom Gesichte ablesen würde. Er seufzte zur Antwort.

»Ach, wenn du wüßtest, wie schwer das ist!« sagte er.

»Und hast du mit dem Bruder der Wirtin gesprochen? Hast du eine Wohnung gefunden?« fragte sie dann, ohne die Augen zu erheben.

»Er ist morgens nie zu Hause, und abends bin ich immer hier«, versetzte Oblomow, erfreut darüber, daß er eine ausreichende Entschuldigung hatte.

Jetzt war es Olga, die seufzte; aber sie sagte nichts.

»Morgen werde ich ganz bestimmt mit dem Bruder der Wirtin reden«, suchte Oblomow sie zu beruhigen. »Morgen ist Sonntag; da geht er nicht aufs Büro.«

»Ehe das nicht alles in Ordnung gebracht ist, können wir es der Tante nicht sagen«, erwiderte Olga nachdenklich; »und wir müssen auch seltener zusammenkommen . . .«

»Ja, ja . . . das ist wahr«, stimmte Oblomow ihr ängstlich bei. »Iß bei uns immer Sonntags zu Mittag, an unserm jour fixe, und dann allenfalls noch als einziger Gast Mittwochs«, sagte sie. »Und außerdem können wir uns auch noch im Theater sehen; du wirst ja erfahren, wann wir hinfahren; dann komm doch auch hin.«

»Ja, das ist wahr«, sagte er, erfreut darüber, daß sie die Sorge für die Regelung ihrer Zusammenkünfte auf sich genommen hatte.

»Und wenn einmal ein schöner Tag ist«, schloß sie, »so fahre ich im Sommergarten spazieren, und du kannst ebenfalls dahinkommen. Das wird uns an den Park erinnern . . . Ja, ja, der Park!« wiederholte sie mit tiefer Empfindung.

Er küßte ihr schweigend die Hand und verabschiedete sich von ihr bis Sonntag. Sie sah ihm traurig nach; dann setzte sie sich an das Klavier und vertiefte sich ganz in die Töne. Ihr Herz weinte über etwas, und auch die Töne weinten. Sie wollte singen – aber es war ihr nicht möglich!

Am andern Tage stand Oblomow auf und zog seinen einfachen, kurzen Rock an, den er in der Sommerfrische getragen hatte. Von dem Schlafrock hatte er schon längst Abschied genommen und Befehl gegeben, ihn im Schranke zu verwahren.

Sachar trat wie gewöhnlich mit dem schwankenden Präsentierbrett, auf dem er den Kaffee und die Brezeln trug, an den Tisch heran. Hinter Sachar schob sich wie gewöhnlich Anisja mit dem Oberkörper durch die Tür und paßte auf, ob Sachar das Geschirr auch bis zum Tische hinbrachte, und verschwand sogleich wieder geräuschlos, wenn Sachar das Präsentierbrett glücklich auf den Tisch gestellt hatte; oder aber sie sprang hurtig zu ihm heran, wenn ein Gegenstand von dem Brette herunterfiel, und bemühte sich, die übrigen zu retten. Im letzteren Falle schimpfte Sachar mörderlich, zuerst auf die Sachen und dann auf seine Frau und holte mit dem Ellbogen gegen ihre Brust aus.

»Was für ein vorzüglicher Kaffee das ist! Wer hat den gekocht?« fragte Oblomow.

»Die Wirtin selbst«, antwortete Sachar. »Schon seit sechs Tagen kocht sie ihn immer. Sie sagt: ›Ihr nehmt zuviel Zichorie daran und kocht den Kaffee nicht genug. Laßt es mich machen!‹«

»Ein vorzüglicher Kaffee!« sagte Oblomow noch einmal und goß sich eine zweite Tasse ein. »Bestelle ihr meinen Dank.«

»Da ist sie selbst«, versetzte Sachar und wies nach der halbgeöffneten Tür des Nebenzimmers. »Das ist bei denen hier eine Art Büfettzimmer: sie arbeitet da auch und hat da den Tee, den Zucker und den Kaffee liegen; auch das Geschirr steht da.«

Oblomow konnte nur den Rücken der Wirtin sehen, ihren Hinterkopf, einen Teil ihres weißen Halses und die nackten Arme.

»Warum fährt sie denn da mit den Armen so flink umher?« fragte Oblomow.

»Wer kann's wissen! Sie plättet wohl Spitzen.«

Oblomow verfolgte ihre Bewegungen: wie die Ellbogen sich hin und her drehten, wie der Rücken sich beugte und wieder aufrichtete.

Wenn sie sich nach vorn beugte, wurden unten ein reiner Unterrock, reine Strümpfe und die drallen, fleischigen Beine sichtbar.

»Eine Beamtenfrau; aber Ellbogen hat sie wie eine Gräfin, sogar mit Grübchen!« dachte Oblomow.

Am Mittag kam Sachar herein, um zu fragen, ob es ihm gefällig sei, die Pastete der Hausleute zu probieren; die Wirtin lasse es ihm anbieten.

»Heute ist Sonntag; da wird bei ihnen eine Pastete gebacken.«

»Na, das kann ich mir schon denken, das wird eine schöne Pastete sein!« sagte Oblomow geringschätzig. »Mit Zwiebeln und Mohrrüben . . .«

»Die Pastete ist nicht schlechter als unsere in Oblomowka«, bemerkte Sachar, »mit jungen Hühnern und frischen Pilzen.«

»Ach, das muß gut schmecken; bring mir etwas davon her! Wer bäckt denn bei ihnen? Diese schmutzige Frauensperson?«

»Die? Bewahre!« erwiderte Sachar verächtlich. »Wenn die Wirtin nicht dabei ist, versteht die nicht einmal den Teig in den Ofen zu schieben. Die Wirtin macht in der Küche alles selbst. Die Pastete hat sie mit Anisja zusammen gebacken.«

Nach fünf Minuten streckte sich aus dem Nebenzimmer zu Oblomow ein nackter, mit dem ihm bereits bekannten Schal nur sehr wenig bedeckter Arm herein, mit einem Teller, auf dem ein gewaltiges Stück Pastete einen heißen Dampf ausströmte.

»Ich danke ergebenst«, sagte Oblomow freundlich, indem er die Pastete hinnahm, und durch die Tür sehend, heftete er seine Blicke auf die hohe Brust und die nackten Schultern.

Die Tür wurde eilig zugemacht.

»Ist Ihnen nicht ein Schnaps gefällig?« fragte eine Stimme.

»Ich trinke nicht; ich danke ergebenst«, antwortete Oblomow noch freundlicher; »was haben Sie denn für welchen?«

»Eigenen, im Hause hergestellten; wir setzen ihn selbst auf Johannisblättern an«, sagte die Stimme.

»Die Sorte habe ich noch nie getrunken; gestatten Sie mir, ihn zu probieren!«

Der nackte Arm streckte sich wieder mit einem Teller und einem Glase Schnaps herein. Oblomow trank es aus; es schmeckte ihm sehr gut.

»Ich bin Ihnen sehr dankbar«, sagte er und bemühte sich durch die Tür zu sehen; aber die Tür wurde zugeschlagen.

»Warum lassen Sie sich denn nicht blicken, damit ich Ihnen einen Guten Morgen wünschen kann?« rief Oblomow vorwurfsvoll.

Die Wirtin lachte hinter der Tür.

»Ich bin noch im Alltagskleide; ich bin immer in der Küche gewesen. Ich werde mich gleich anziehen; der Bruder kommt bald von der Messe«, antwortete sie.

»Ach, da Sie gerade von Ihrem Bruder reden«, bemerkte Oblomow: »ich muß mit ihm sprechen. Bitten Sie ihn doch, zu mir hereinzukommen.«

»Schön, ich werde es ihm sagen, sobald er kommt.«

»Aber wer hustet denn da bei Ihnen? Wer hat denn einen so trockenen Husten?« fragte Oblomow.

»Das ist die Großmutter; die hustet bei uns schon im achten Jahre.«

Und die Tür wurde zugeschlagen.

»Was für eine einfache Frau das ist«, dachte Oblomow; »aber sie hat etwas Anziehendes . . . Und sie hält sich sauber!«

Bisher hatte er den »Bruder« der Wirtin noch nicht kennengelernt. Er hatte nur vom Bette aus gesehen (und auch das nur selten), wie frühmorgens ein Mensch mit einem großen Paket Akten unter dem Arm an dem Gitterzaune außen entlanghuschte und in einer Seitengasse verschwand, und wie dann um fünf Uhr derselbe Mensch bei seiner Rückkehr wieder mit demselben Pakete an den Fenstern vorbeihuschte und hinter der Haustür verschwand. Im Hause war von ihm nichts zu hören.

Jedoch war zu merken, daß da Leute wohnten, besonders morgens: in der Küche klopften die Messer: durchs Fenster hörte man, wie die Magd in einer Ecke etwas wusch, wie der Hausknecht Holz hackte oder auf einem zweirädrigen Gestell eine Tonne mit Wasser herbeibrachte; hinter der Wand weinten die Kinder, oder es ließ sich der hartnäckige trockne Husten der alten Frau vernehmen.

Oblomow hatte vier Zimmer, das heißt die ganze Flucht der »guten Stube«. Die Wirtin hauste mit ihrer Familie in zwei geringeren Zimmern, und der Bruder wohnte oben in der Giebelstube. Das Wohnzimmer und das Schlafzimmer Oblomows lagen mit den Fenstern nach dem Hofe hinaus, der Salon nach dem Gärtchen und der Saal nach dem großen Gemüsegarten mit Kohl und Kartoffeln.

Im Salon waren die Fenster mit verschlossenen Kattunvorhängen versehen. An den Wänden standen einfache Stühle von imitiertem Nußbaumholz, unter dem Spiegel ein L'hombre-Tisch; auf den Fensterbrettern drängten sich Töpfe mit Geranien und Tausendschönchen; darüber hingen vier Käfige mit Zeisigen und Kanarienvögeln.

Der Bruder kam auf den Zehen herein und erwiderte Oblomows Gruß mit einer dreimaligen Verbeugung. Seine Dienstuniform war von unten bis oben zugeknöpft, so daß man nicht erkennen konnte, ob er weiße Wäsche trug oder nicht; die Krawatte war in einen einfachen Knoten gebunden und die Enden unten versteckt.

Er war ungefähr vierzig Jahre alt; über der Stirn trug er eine aufrechtstehende Tolle und an den Schläfen zwei Haarbüschel, die ohne Sorgfalt lose herabhingen und mit mittelgroßen Hundeohren Ähnlichkeit hatten. Seine grauen Augen richteten sich nicht sofort gerade auf einen Gegenstand, sondern sahen zuerst nur verstohlen hin und blieben erst beim zweiten Male auf ihm haften.

Seiner Hände schien er sich zu schämen und bemühte sich, sie beim Sprechen zu verstecken, entweder beide auf dem Rücken oder die eine an der Brust unter dem Rocke und die andere auf dem Rücken. Wenn er seinem Vorgesetzten ein Aktenstück übergab und etwas daran erklärte, so hielt er die eine Hand auf dem Rücken und zeigte mit dem Mittelfinger der andern Hand, den Nagel nach unten drehend, vorsichtig auf die betreffende Zeile oder auf das betreffende Wort und verbarg, nachdem er darauf hingezeigt hatte, die Hand sofort wieder hinten, vielleicht weil seine Finger dick und rot waren und ein wenig zitterten und er mit gutem Grunde es für nicht ganz anständig hielt, sie oft zur Schau zu stellen.

»Sie haben befohlen, daß ich zu Ihnen kommen solle«, begann er, indem er Oblomow seinen doppelten Blick zuwarf.

»Ja, ich wollte mit Ihnen wegen der Wohnung sprechen. Bitte, setzen Sie sich!« antwortete Oblomow höflich.

Nach zweimaliger Aufforderung entschloß sich Iwan Matwjejewitsch, Platz zu nehmen, wobei er den Oberkörper nach vorn beugte und die Hände in die Ärmel zog.

»Umstände halber muß ich mir eine andere Wohnung suchen«, sagte Oblomow; »daher würde ich wünschen, diese einem andern Mieter zu übergeben.«

»Jetzt wird es sehr schwer sein, sie einem andern zu übergeben«, versetzte Iwan Matwjejewitsch, nachdem er in die Finger gehustet und sie dann schnell wieder in den Ärmel versteckt hatte. »Wenn Sie sich gegen Ende des Sommers herbemüht hätten; damals kamen viele her, um sich die Wohnung anzusehen.«

»Ich bin hier gewesen; aber Sie waren nicht zu Hause«, unterbrach ihn Oblomow.

»Die Schwester hat es mir gesagt«, versetzte der Beamte. »Aber beunruhigen Sie sich doch nicht wegen der Wohnung: Sie werden sich hier ja ganz behaglich fühlen. Vielleicht stört Sie das gefiederte Völkchen?«

»Was für ein gefiedertes Völkchen?«

»Die Hühner.«

Oblomow hörte zwar vom frühen Morgen an beständig vor seinen Fenstern das laute Glucksen der Henne und das Piepen der Küchlein, allein was kümmerte er sich darum? Ihm schwebte das Bild Olgas vor Augen, und er bemerkte kaum, was ihn umgab.

»Nein, die stören mich nicht«, erwiderte er; »ich glaubte, Sie meinten die Kanarienvögel; die fangen schon am Morgen an zu schmettern.«

»Wir werden sie hinaustragen«, versetzte Iwan Matwjejewitsch.

»Auch die stören mich nicht«, erwiderte Oblomow; »aber ich kann Umstände halber nicht wohnen bleiben.«

»Wie es Ihnen beliebt«, antwortete Iwan Matwjejewitsch. »Aber wenn Sie nun keinen andern Mieter finden, wie wird es dann mit dem Kontrakte werden? Werden Sie uns schadlos halten? Sie werden einen Verlust erleiden.«

»Wieviel werde ich Ihnen zu bezahlen haben?« fragte Oblomow.

»Ich werde Ihnen sogleich die Rechnung machen.«

Er brachte den Kontrakt und die Rechenmaschine.

»Also für die Wohnung achthundert Rubel; hundert Rubel haben wir als Anzahlung bekommen; es bleiben also noch siebenhundert Rubel«, sagte er.

»Verlangen Sie denn wirklich von mir die Miete für das ganze Jahr, wenn ich bei Ihnen nicht einmal zwei Wochen gewohnt habe?« unterbrach ihn Oblomow.

»Aber natürlich«, erwiderte Iwan Matwjejewitsch in sanftem, bescheidenem Tone. »Die Schwester würde sonst ungerechterweise einen Verlust erleiden. Sie ist eine arme Witwe; sie lebt nur von dem, was sie von dem Hause einnimmt; und dann hat sie höchstens noch einen kleinen Verdienst von den jungen Hühnern und den Eiern, zu Kleidern für die Kinderchen.«

»Aber ich bitte Sie, soviel kann ich doch unmöglich bezahlen«, sagte Oblomow. »Sagen Sie selbst: ich habe nicht zwei Wochen hier gewohnt. Was soll das denn vorstellen? Wofür?«

»Da! Hier steht es im Kontrakte«, erwiderte Iwan Matwjejewitsch, wies mit dem Mittelfinger auf zwei Zeilen und verbarg den Finger wieder im Ärmel. »Bitte, lesen Sie: ›Sollte ich, Oblomow, wünschen, vor der Zeit aus der Wohnung auszuziehen, so bin ich verpflichtet, sie einer andern Person unter denselben Bedingungen zu übergeben oder andernfalls Sie, Frau Pschenizyna, durch die volle Zahlung für das ganze Jahr, bis zum ersten Juni künftigen Jahres, schadlos zu halten.‹« Oblomow las den Passus selbst durch.

»Aber wie denn?« sagte er. »Das ist doch ungerecht.«

»Das ist durchaus gesetzlich«, bemerkte Iwan Matwjejewitsch. »Sie haben es selbst unterschrieben: hier ist Ihre Unterschrift!«

Wieder erschien der Finger unter der Unterschrift und verschwand wieder.

»Wieviel macht es also?« fragte Oblomow.

»Siebenhundert Rubel«, antwortete Iwan Matwjejewitsch; er begann von neuem mit demselben Finger an der Rechenmaschine zu klappern und bog ihn jedesmal flink wieder in die Faust hinein; »und für den Pferdestall und die Remise hundertundfünfzig Rubel.«

Und er klapperte noch weiter.

»Ich bitte Sie, ich habe keine Pferde, ich halte mir keine: wozu brauche ich da einen Pferdestall und eine Remise?« erwiderte Oblomow mit Lebhaftigkeit.

»Das steht im Kontrakte«, bemerkte Iwan Matwjejewitsch und wies mit dem Finger auf eine Zeile. »Michei Andrejewitsch sagte, Sie würden sich Pferde halten.«

»Michei Andrejewitsch lügt!« sagte Oblomow ärgerlich. »Geben Sie mir den Kontrakt her!«

»Hier, nehmen Sie, bitte, diese Abschrift; der Kontrakt selbst gehört der Schwester«, erwiderte Iwan Matwjejewitsch sanft und nahm den Kontrakt in die Hand. »Außerdem für den Gemüsegarten und die Verpflegung aus ihm an Kohl, Rüben und anderem Gemüse, für eine Person gerechnet«, las Iwan Matwjejewitsch: »eine Pauschalsumme von zweihundertfünfzig Rubeln . . .«

Er wollte wieder mit der Rechenmaschine klappern.

»Was ist das für ein Gemüsegarten? Was für Kohl? Ich verstehe kein Wort von dem, was Sie reden!« versetzte Oblomow beinahe drohend.

»Da! Hier steht es im Kontrakt; Michei Andrejewitsch sagte, daß Sie die Wohnung unter dieser Bedingung nehmen wollen . . .«

»Was soll denn das heißen, daß Sie ohne mein Wissen und ohne meinen Willen Anordnungen treffen über das, was ich essen soll? Ich will weder Kohl noch Rüben . . .« sagte Oblomow und stand auf.

Auch Iwan Matwjejewitsch sprang von seinem Stuhl in die Höhe.

»Ich bitte Sie, wie können Sie sagen, daß es ohne Ihr Wissen und ohne Ihren Willen geschehen sei? Da steht ja Ihre Unterschrift!« entgegnete er.

Und wieder zitterte der dicke Finger über der Unterschrift, und das ganze Papier zitterte in seiner Hand.

»Wieviel rechnen Sie im ganzen heraus?« fragte Oblomow ungeduldig.

»Dann noch für das Anstreichen der Zimmerdecken und Türen, für Renovierung der Küchenfenster, für neue Türbeschläge: hundertvierundfünfzig Rubel achtundzwanzig Kopeken.«

»Wie? Auch das soll auf meine Rechnung kommen?« fragte Oblomow erstaunt. »So etwas wird doch immer auf Kosten des Wirtes gemacht. Wer zieht denn auch in eine nicht fertiggemachte Wohnung ein? . . .«

»Da! hier steht es im Kontrakt, daß es auf Ihre Rechnung gemacht werden solle«, sagte Iwan Matwjejewitsch, indem er von weitem mit dem Finger auf dem Papier die Stelle zeigte, wo das stand. »Tausendzweihundertvierundfünfzig Rubel achtundzwanzig Kopeken im ganzen!« schloß er sanft und verbarg beide Hände mit dem Kontrakte hinter seinem Rücken.

»Aber wo soll ich eine solche Summe hernehmen? Ich habe kein Geld!« versetzte Oblomow, im Zimmer auf und ab gehend. »Ich habe Ihre Rüben und Ihren Kohl auch wohl sehr nötig!«

»Wie es Ihnen beliebt«, erwiderte Iwan Matwjejewitsch leise. »Aber beunruhigen Sie sich nicht: Sie werden sich hier sehr behaglich fühlen«, fügte er hinzu. »Und was das Geld anlangt, so wird die Schwester warten.«

»Es ist mir Umstände halber unmöglich, hier wohnen zu bleiben, unmöglich! Hören Sie wohl?«

»Ich höre. Wie es Ihnen beliebt«, antwortete Iwan Matwjejewitsch unterwürfig und trat einen Schritt zurück.

»Nun gut, ich werde es mir überlegen und mich bemühen, die Wohnung einem andern Mieter zu übergeben!« sagte Oblomow und nickte dem Beamten zu.

»Es wird schwer sein; indessen, wie es Ihnen beliebt!« schloß Iwan Matwjejewitsch und ging nach dreimaliger Verbeugung hinaus.

Oblomow zog seine Brieftasche heraus und zählte sein Geld: es waren im ganzen dreihundertundfünf Rubel. Er war starr. »Wo ist denn das Geld geblieben?« fragte er sich erstaunt, ja beinahe entsetzt. »Zu Anfang des Sommers sind mir vom Gute zwölfhundert Rubel geschickt worden, und jetzt habe ich nur noch dreihundert!«

Er begann zu rechnen und sich die gemachten Ausgaben ins Gedächtnis zurückzurufen, konnte sich aber nur auf zweihundertfünfzig Rubel besinnen.

»Wo ist denn nur das Geld geblieben?« sagte er.

»Sachar, Sachar!«

»Was befehlen Sie?«

»Wo ist denn nur all unser Geld geblieben? Wir haben ja kein Geld mehr!« fragte er.

Sachar wühlte in seinen Taschen herum, zog einen halben Rubel und ein Zehnkopekenstück heraus und legte sie auf den Tisch.

»Da! Ich habe vergessen, es zurückzugeben; das ist von dem Umzuge übriggeblieben«, sagte er.

»Wozu legst du mir das Kleingeld hin? Sage mir, wo die achthundert Rubel geblieben sind!«

»Wie soll ich das wissen? Weiß ich etwa, wofür Sie das Geld ausgeben? Was Sie den Droschkenkutschern für die Fahrten bezahlen?«

»Ja, für die Fahrten ist viel draufgegangen«, erinnerte sich Oblomow und blickte Sachar an. »Erinnerst du dich nicht, wieviel wir in der Sommerfrische dem Droschkenkutscher bezahlt haben?«

»Wie soll ich mich daran erinnern?« erwiderte Sachar. »Einmal haben Sie mir befohlen, ihm dreißig Rubel zu bezahlen; daran erinnere ich mich noch.«

»Wenn du doch so etwas notieren könntest!« sagte Oblomow vorwurfsvoll. »Es ist doch recht übel, wenn einer nicht lesen und schreiben kann!«

»Ich habe, Gott sei Dank, auch ohne lesen und schreiben zu können, mein Leben nicht schlechter verbracht als andere Leute«, versetzte Sachar, zur Seite blickend.

»Stolz hat ganz recht, wenn er sagt, ich müsse eine Schule im Dorfe einrichten!« dachte Oblomow.

»Da bei Iljinskis war ein Diener, der lesen und schreiben konnte, wie die Leute sagen«, fuhr Sachar fort. »Der hat Silberzeug aus dem Büfett gestohlen.«

»Na, danke ergebenst für einen solchen Diener!« dachte Oblomow ängstlich. »In der Tat, diese Menschen, die ein bißchen was gelernt haben, sind immer so ein unmoralisches Volk: sie sitzen in den Schenken, kaufen sich Ziehharmonikas, trinken Tee . . . Nein, zur Einrichtung von Schulen ist es noch zu früh! . . .«

»Na, wofür ist denn sonst noch Geld ausgegeben worden?« fragte er.

»Wie soll ich das wissen? Diesem Michei Andrejewitsch haben Sie in der Sommerfrische Geld gegeben . . .«

»Richtig!« versetzte Oblomow und freute sich darüber, daß er an dieses Geld erinnert wurde. »Ja, also dreißig Rubel hat der Droschkenkutscher bekommen, und ich glaube, fünfundzwanzig habe ich Tarantjew gegeben. Weißt du noch andre Ausgaben?«

Er richtete einen nachdenklichen, fragenden Blick auf Sachar; dieser sah ihn mürrisch von der Seite an.

»Ob sich Anisja nicht erinnert?«

»Wie kann die Närrin sich erinnern? Was weiß so ein Frauenzimmer?« sagte Sachar verächtlich.

»Ich kann mich auf nichts weiter besinnen«, schloß Oblomow bekümmert. »Ob auch nicht Diebe dagewesen sind?«

»Wenn Diebe dagewesen wären, hätten sie alles genommen«, sagte Sachar und ging hinaus.

Oblomow setzte sich auf den Lehnstuhl und dachte nach. »Wo soll ich denn Geld hernehmen?« dachte er so angstvoll, daß ihm kalter Schweiß ausbrach. »Wann wird mir vom Gute welches geschickt werden, und wieviel?«

Er sah auf die Uhr: es war zwei, also Zeit, um zu Olga zu fahren. Heute war der festgesetzte Tag, an dem er dort zu Mittag essen sollte. Allmählich wurde seine Stimmung heiterer; er ließ sich eine Droschke holen und fuhr nach der Morskaja-Straße.

 

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