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Iwan Gontscharow: Oblomow - Kapitel 26
Quellenangabe
pfad/gontscha/oblomow/oblomow.xml
typefiction
authorIwan Gontscharow
titleOblomow
publisherAnaconda
year2010
isbn978-3-86647-478-9
firstpub1859
translatorHermann Röhl
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120612
modified20170607
projectida9997c9c
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II.

Er ging; Oblomow aber setzte sich in unangenehmer Gemütsstimmung auf den Lehnstuhl und bemühte sich lange, lange, die widerwärtige Empfindung loszuwerden. Endlich erinnerte er sich an den heutigen Morgen, und die häßliche Erscheinung Tarantjews flatterte ihm aus dem Kopfe; auf seinem Gesichte erschien wieder ein Lächeln.

Er stellte sich vor den Spiegel, verwandte viel Zeit darauf, seine Krawatte in Ordnung zu bringen, lächelte lange und besah seine Backe, ob da keine Spur von Olgas heißem Kusse zurückgeblieben sei.

»Zwei ›Niemals‹«, sagte er in freudiger Aufregung. »Und was ist zwischen ihnen für ein Unterschied: das eine ist schon verwelkt, das andere aber ist so üppig aufgeblüht . . .«

Dann versank er immer tiefer in Gedanken. Er fühlte, daß der lichte, wolkenlose Feiertag der Liebe vergangen war, daß die Liebe tatsächlich eine Pflicht geworden war, daß sie sich mit dem ganzen Leben vermischte, in den Bestand der gewöhnlichen Lebensfunktionen eintrat und ihre bunten Regenbogenfarben allmählich verlor.

Vielleicht hatte an diesem Morgen ihr letzter rosiger Strahl geschimmert, und sie wird nun nicht mehr hell leuchten, sondern unsichtbar das Leben erwärmen; sie wird vom Leben verschlungen werden und in demselben eine zwar starke, aber verborgene Triebfeder sein. Und von nun an werden ihre Äußerungen einen so einfachen, gewöhnlichen Charakter tragen.

Die Dichtung geht zu Ende, und es beginnt die ernste Prosa: die Verhandlung vor Gericht, die Fahrt nach Oblomowka, der Hausbau, die Aufnahme der Hypothek beim Kuratorium, die Anlegung der Landstraße, die endlosen geschäftlichen Auseinandersetzungen mit den Bauern, die Verteilung der Arbeiten, die Ernte, das Dreschen, das Klappern der Rechenmaschine, das sorgenvolle Gesicht des Verwalters, die Adelswahlen, die Gerichtssitzungen.

Nur ab und zu, nur mitunter wird ihn ein heller Blick Olgas treffen, und dann muß er wieder zu den Arbeiten fahren, nach der Stadt fahren, dann kommt wieder der Verwalter, und wieder klappert die Rechenmaschine.

Es kommen Gäste; aber auch das ist keine Erholung: es wird davon gesprochen, wieviel Branntwein ein jeder in seiner Brennerei herstellt, wieviel Ellen Tuch er dem Fiskus liefert . . . Ist das ein Genuß? Ist es das, was er für sich erhofft hat? Ist es etwa das Leben? . . . Und doch leben die Leute so, als ob darin das ganze Leben bestände. Und Andrei findet an einem solchen Leben Gefallen!

Aber die Heirat, die Hochzeit – das war doch die Poesie des Lebens; das war eine Blume, deren Aufblühen nah bevorstand. Er stellte es sich vor, wie er Olga zum Altare führen werde: sie trägt auf dem Kopfe einen blühenden Orangenzweig mit einem langen Schleier. In der Menge läßt sich ein Geflüster der Bewunderung vernehmen. Verschämt, mit leise wogendem Busen, mit stolz und anmutig gesenktem Kopfe, reicht sie ihm die Hand und weiß nicht, wie sie alle anblicken soll. Bald leuchtet ein Lächeln auf ihrem Gesichte auf, bald werden Tränen sichtbar, bald versetzt irgendein Gedanke die Falte über der Augenbraue in Bewegung.

Zu Hause, wenn die Gäste weggefahren sind, wirft sie sich, noch in dem reichen Kleide, ihm an die Brust, so wie sie es heute getan hat . . .

»Nein, ich will zu Olga hinlaufen; ich kann nicht denken und fühlen, wenn ich allein bin«, sagte er sich. »Ich werde es allen Menschen erzählen, der ganzen Welt . . . nein, zuerst der Tante, dann dem Baron; ich werde es an Stolz schreiben – der wird sich mal wundern! Dann werde ich es Sachar sagen; er wird sich bis zur Erde verbeugen und vor Freude heulen; ich werde ihm fünfundzwanzig Rubel geben. Anisja wird hereinkommen; sie wird nach meiner Hand greifen, um sie zu küssen: ich werde ihr zehn Rubel geben; dann . . . werde ich es vor Freude der ganzen Welt zuschreien; ich werde so laut schreien, daß die ganze Welt sagen wird: ›Oblomow ist glücklich; Oblomow heiratet!‹ Jetzt will ich zu Olga laufen; dort erwartet mich ein langes Flüstern, ein geheimer Vertrag, auf Grund dessen zwei Leben in eines zusammenfließen! . . .«

Er lief zu Olga hin. Sie hörte lächelnd seine Phantasien an; aber als er aufsprang, um zur Tante zu laufen und es ihr mitzuteilen, da zogen sich ihre Brauen so zusammen, daß er es mit der Angst bekam.

»Zu niemand ein Wort!« sagte sie, legte den Finger an die Lippen und drohte ihm, er solle leiser sprechen, damit die Tante es nicht vom andern Zimmer aus höre. »Es ist noch nicht an der Zeit!«

»Wann wird es denn an der Zeit sein? Es ist doch zwischen uns alles abgeredet!« sagte er ungeduldig. »Was sollen wir denn jetzt machen? Womit sollen wir anfangen?« fragte er. »Wir können doch nicht dasitzen und die Hände in den Schoß legen. Es beginnt die Pflicht, das ernste Leben . . .«

»Ja, das beginnt«, stimmte sie ihm zu und blickte ihn unverwandt an.

»Nun, und da wollte ich den ersten Schritt tun und zur Tante gehen . . .«

»Das ist der letzte Schritt.«

»Welcher ist denn der erste?«

»Der erste ist: zum Gericht zu gehen; du mußtest ja wohl ein Dokument abfassen?«

»Ja . . . ich will morgen . . .«

»Warum denn nicht heute?«

»Heute . . . heute ist doch so ein besonderer Tag, und da soll ich von dir fortgehn, Olga?«

»Nun gut, morgen. Und dann?«

»Dann will ich es der Tante sagen und an Stolz schreiben.«

»Nein, dann mußt du nach Oblomowka fahren . . . Andrei Iwanowitsch hat ja geschrieben, was auf dem Gute getan werden muß: ich weiß nicht, was ihr da für Dinge vorhabt, es war ja wohl ein Bau?« fragte sie, ihm ins Gesicht sehend.

»Mein Gott!« erwiderte Oblomow, »wenn wir auf Stolz hören wollen, dann wird die Tante im Leben nicht an die Reihe kommen! Er sagt, ich solle mit dem Hausbau anfangen, dann eine Fahrstraße anlegen, eine Schule einrichten . . . Mit alledem wird man im ganzen Leben nicht fertig. Wir wollen zusammen hinfahren, Olga, und dann . . .«

»Aber wo sollen wir da bleiben? Gibt es denn da ein ordentliches Haus?«

»Nein; das alte ist sehr schlecht; ich glaube, die Freitreppe ist ganz wackelig geworden . . .«

»Wo sollen wir denn da bleiben?« fragte sie.

»Wir müssen uns hier eine Wohnung suchen.«

»Zu diesem Zwecke mußt du ebenfalls nach der Stadt fahren«, bemerkte sie. »Das ist der zweite Schritt . . .«

»Dann . . .« begann er.

»Tue nur zuerst diese beiden Schritte; dann wollen wir weiter sehen.«

»Wie geht denn das zu?« dachte Oblomow traurig. »Kein langes Flüstern, kein geheimer Vertrag, auf Grund dessen zwei Leben in eins zusammenfließen! Alles nimmt einen ganz anderen Verlauf. Wie sonderbar Olga ist! Sie bleibt nicht auf einem Fleck stehen, denkt nicht wonnevoll über einen poetischen Augenblick nach, gerade als ob ihr solche Träumerei fremd wäre, als ob sie nicht das Bedürfnis hätte, sich in ihre Gedanken zu versenken! ›Fahre sogleich nach dem Gerichte, suche eine Wohnung!‹ verlangt sie, gerade wie Andrei! Es scheint, als hätten sich alle verschworen, mit dem Leben zu hasten!«

Am andern Tage begab er sich mit einem Bogen Stempelpapier in die Stadt. Zuerst wollte er nach dem Gericht; er fuhr nur ungern hin, gähnte und blickte nach rechts und links. Er wußte nicht recht, wo das Gericht war, und fuhr deshalb zu Iwan Gerasimowitsch, um sich zu erkundigen, in welcher Abteilung er sich die Beglaubigung beschaffen könne.

Dieser freute sich über Oblomows Besuch und wollte ihn nicht ohne Frühstück fortlassen. Dann ließ er noch einen Freund holen, um diesen zu befragen, wie die Sache gemacht werden müsse, da er selbst sich schon längst von den Geschäften zurückgezogen hatte.

Das Frühstück und die Beratung endeten erst um drei Uhr; nach dem Gericht zu gehen, dazu war es schon zu spät; der nächste Tag aber war gerade ein Sonnabend, mithin waren da die Büros geschlossen. Die Sache mußte also bis zum Montag aufgeschoben werden.

Oblomow begab sich nach der Wyborger Seite, in seine neue Wohnung. Lange fuhr er in schmalen Gassen zwischen langen Zäunen dahin. Endlich fand er einen Schutzmann; dieser sagte, das betreffende Haus liege in einem andern Revier, nebenan; »hier, diese Straße entlang«, und er wies auf noch eine Straße hin, eine Straße ohne Häuser, mit Zäunen, mit Gras und mit im Schmutze eingetrockneten Geleisen.

Oblomow fuhr wieder eine Strecke und betrachtete die Brennesseln an den Zäunen und die über die Zäune hinüberblickenden Ebereschen. Endlich zeigte ihm der Schutzmann, der mitgefahren war, auf einem Hofe ein altes Häuschen und sagte: »Dieses ist es.«

»Haus der Witwe des Kollegiensekretärs Pschenizyn«, las Oblomow am Tore und befahl auf den Hof zu fahren.

Der Hof war von der Größe eines Zimmers, so daß der Wagen mit der Deichsel in eine Ecke stieß und eine Schar von Hühnern erschreckte, welche gackernd eilig, manche sogar fliegend, nach verschiedenen Seiten auseinanderstoben; ein großer schwarzer Hund begann mit wütendem Gebell nach rechts und links an seiner Kette zu reißen, um die Mäuler der Pferde zu erreichen.

Oblomow saß im Wagen ganz dicht bei den Fenstern und war in Verlegenheit, wie er aussteigen sollte. An den Fenstern, die mit Reseda, Tausendschönchen und Ringelblumen vollgestellt waren, erschienen Köpfe in eifriger Bewegung. Oblomow stieg mit Mühe aus dem Wagen aus; der Hund erhob ein noch ärgeres Gebell.

Er stieg die Freitreppe hinan und stieß mit einer runzeligen alten Frau zusammen; sie trug einen Sarafan, dessen Saum sie sich in den Gürtel gesteckt hatte.

»Zu wem wollen Sie?« fragte sie.

»Zu der Hauswirtin, Frau Pschenizyna.«

Die Alte ließ verwundert den Kopf hängen.

»Wollen Sie nicht mit Iwan Matwjejewitsch sprechen?« fragte sie. »Er ist aber nicht zu Hause; er ist noch nicht vom Büro gekommen.«

»Ich möchte die Wirtin sprechen«, erwiderte Oblomow.

Unterdessen hatte das lebhafte Treiben im Hause fortgedauert. Es schaute bald aus dem einen, bald aus dem andern Fenster ein Kopf heraus; hinter der Alten wurde die Tür ein wenig geöffnet und dann wieder zugemacht; von dort blickten mehrere Personen heraus.

Oblomow wandte sich um: auf dem Hofe sahen zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, neugierig nach ihm hin. Von irgendwoher erschien ein verschlafener Knecht in einem Schafpelz; mit der Hand die Augen gegen die Sonne schützend, beobachtete er träge Oblomow und den Wagen. Der Hund bellte immer noch heftig in einzelnen Absätzen, und sowie Oblomow sich bewegte oder ein Pferd mit dem Hufe stampfte, begann wieder das Springen an der Kette und ein ununterbrochenes Gebell.

Über einen Zaun rechts hinweg erblickte Oblomow einen endlosen Gemüsegarten mit Kohl; links über einen Zaun hinweg waren einige Bäume und eine grüne hölzerne Laube zu sehen.

»Sie wünschen Agafja Matwjejewna zu sprechen?« fragte die Alte. »Weshalb?«

»Sage der Hausfrau«, erwiderte Oblomow, »daß ich mit ihr sprechen möchte; ich habe hier eine Wohnung gemietet . . .«

»Sie sind also der neue Mieter, ein Bekannter von Michei Andrejewitsch? Warten Sie einen Augenblick; ich werde es melden.«

Sie öffnete die Tür, und von der Tür stürzten einige Personen weg und rannten schleunigst in die Stuben. Er sah noch in der Geschwindigkeit eine Frauensperson mit nacktem Halse und nackten Armen, ohne Haube, mit weißer Haut, ziemlich füllig; sie lächelte, weil ein Fremder sie so gesehen hatte, und lief ebenfalls von der Tür fort.

»Bitte, kommen Sie ins Zimmer«, sagte die Alte, als sie zurückgekehrt war, und führte Oblomow durch ein kleines Vorzimmer in ein ziemlich geräumiges Zimmer und bat ihn zu warten. »Die Wirtin wird gleich kommen«, fügte sie hinzu.

»Aber der Hund bellt immer noch«, dachte Oblomow, während er sich im Zimmer umsah.

Plötzlich blieben seine Augen auf bekannten Gegenständen haften: das ganze Zimmer war mit seinen Sachen vollgestopft. Die Tische waren voll Staub, die Stühle in einem Haufen auf das Bett gepackt; Matratzen, Geschirr, Schränke, alles in Unordnung.

»Was ist das? Und nichts aufgestellt, nichts aufgeräumt?« sagte er. »Was für eine greuliche Wirtschaft!«

Auf einmal knarrte hinter ihm eine Tür, und in das Zimmer trat eben jene Frauensperson, die er mit nacktem Halse und nackten Armen gesehen hatte.

Sie mochte etwa dreißig Jahre alt sein. Sie hatte ein volles, sehr weißes Gesicht, das den Eindruck machte, als könne die Röte nicht durch die Wangen hindurchdringen. Augenbrauen waren bei ihr fast gar nicht vorhanden, sondern an ihrer Stelle zwei ein wenig hervorragende glänzende Streifen mit spärlichen, hellen Haaren. Die Augen waren grau und wie der ganze Gesichtsausdruck gutmütig, die Hände weiß, aber rauh mit stark hervortretenden blauen Aderknoten.

Das Kleid saß ihr eng anliegend; man sah, daß sie zu keinerlei künstlichen Mitteln ihre Ursache nahm und nicht einmal einen über das Notwendige hinausgehenden Unterrock anlegte, um den Umfang der Hüften zu vergrößern und die Taille dünner erscheinen zu lassen. Infolgedessen hätte sogar ihre verhüllte Büste, wenn kein Brusttuch darüber lag, einem Maler oder Bildhauer als Modell zu einer kräftigen, gesunden Brust dienen können, ohne daß dabei ihr Schamgefühl verletzt worden wäre. Ihr Kleid erschien im Vergleich mit dem eleganten Schal und der Staatshaube alt und abgetragen.

Sie hatte keinen Besuch erwartet und, als Oblomow sie zu sprechen wünschte, über ihr werktägliches Hauskleid ihren Sonntagsschal geworfen und den Kopf mit einer Haube bedeckt. Sie trat schüchtern herein, blieb dann stehen und sah Oblomow verlegen an.

Er stand auf und machte ihr eine Verbeugung.

»Habe ich das Vergnügen, Frau Pschenizyna zu sehen?« fragte er.

»Ja«, antwortete sie. »Vielleicht wünschen Sie mit dem Bruder zu reden?« fragte sie unsicher. »Er ist noch auf dem Büro; vor fünf Uhr kommt er nicht.«

»Nein, ich wollte mit Ihnen sprechen«, begann Oblomow, als sie sich auf das Sofa gesetzt hatte; sie hatte möglichst weit von ihm entfernt Platz genommen und betrachtete die Zipfel ihres Schals, der sie wie eine Pferdedecke bis zum Fußboden einhüllte. Auch die Arme verbarg sie unter dem Schal.

»Ich habe hier eine Wohnung gemietet; jetzt muß ich mir Umstände halber eine Wohnung in einem andern Stadtteil suchen; darum bin ich hergekommen, um die Sache mit Ihnen zu besprechen . . .«

Sie hörte stumpfsinnig zu und dachte stumpfsinnig nach.

»Der Bruder ist jetzt nicht da«, sagte sie dann.

»Aber das Haus gehört ja doch Ihnen?« fragte Oblomow.

»Ja«, antwortete sie kurz.

»Da dachte ich, daß Sie selbst eine Entscheidung treffen könnten . . .«

»Aber der Bruder ist nicht da; der verwaltet bei uns alles«, sagte sie eintönig; sie blickte dabei Oblomow zum ersten Male gerade an, schlug dann aber die Augen wieder auf ihren Schal nieder.

»Sie hat ein einfaches, aber angenehmes Gesicht«, sagte Oblomow bei sich nachsichtig; »sie ist gewiß eine gute Frau!« In diesem Augenblicke schob sich der Kopf eines Mädchens durch die Tür. Agafja Matwjejewna gab ihr drohend einen heimlichen Wink mit dem Kopfe, und sie verschwand wieder.

»Wo ist denn Ihr Bruder angestellt?«

»In der Kanzlei.«

»In welcher?

»Wo die Bauern eingetragen werden . . . ich weiß nicht wie sie heißt.«

Sie lächelte gutmütig; aber in demselben Augenblicke nahm ihr Gesicht wieder seinen gewöhnlichen Ausdruck an.

»Sie wohnen hier nicht mit Ihrem Bruder allein zusammen?« fragte Oblomow.

»Nein, die beiden Kinder, die ich von meinem verstorbenen Manne habe, sind bei mir, ein achtjähriger Knabe und ein sechsjähriges Mädchen«, erwiderte die Wirtin ziemlich redselig, und ihr Gesicht wurde lebhafter. »Dann noch unsere Großmutter; die ist krank; sie kann kaum gehen und geht nur noch in die Kirche; früher ging sie mit Akulina auf den Markt; aber jetzt seit NikolaDas ist der 1. Mai. Anm. d. Übers. hat sie damit aufgehört; die Füße sind ihr so geschwollen. Auch in der Kirche sitzt sie immer auf einer Stufe. Das sind auch alle. Manchmal kommt die Schwester meines verstorbenen Mannes zu uns auf Logierbesuch; und dann Michei Andrejewitsch.«

»Michei Andrejewitsch ist wohl häufig bei Ihnen?« fragte Oblomow.

»Manchmal einen Monat lang. Er ist mit dem Bruder befreundet; sie sind immer zusammen . . .«

Sie verstummte, da sie ihren ganzen Gedanken- und Wortvorrat erschöpft hatte.

»Was für eine Stille hier bei Ihnen herrscht!« sagte Oblomow. »Wenn nicht der Hund bellte, könnte man denken, es sei keine lebende Seele hier.«

Sie lächelte zur Antwort.

»Gehen Sie oft aus?« fragte Oblomow.

»Im Sommer mitunter. So waren wir neulich, am Eliasfreitage, nach der Pulvermühle gegangen.«

»Ist da viel Verkehr?« fragte Oblomow. Der Schal war ein wenig auseinandergegangen, und er blickte auf die hohe Brust, die so stark war wie ein Sofakissen und nie in wogende Bewegung kam.

»Nein, dieses Jahr waren nicht viel Leute da; es hatte am Morgen geregnet, aber nachher klärte es sich auf. Sonst ist da viel Verkehr.«

»Wo gehen Sie denn sonst noch hin?«

»Wir gehen nur wenig aus. Der Bruder und Michei Andrejewitsch gehen zu den Fischern und kochen sich da eine Fischsuppe; aber wir sind immer zu Hause.«

»Wirklich immer zu Hause?«

»Bei Gott, es ist wahr. Im vorigen Jahre waren wir in Kolpino,Vierundzwanzig Werst von Petersburg, auf dem Wege nach Moskau. Anm. d. Übers. und hier gehen wir manchmal in das Wäldchen. Am 24. Juni hat der Bruder seinen Namenstag; da findet bei uns ein großes Mittagessen statt; alle Beamten der Kanzlei essen dann bei uns.«

»Machen Sie selbst Besuche?«

»Der Bruder ja; aber ich und die Kinder, wir essen nur am Ostersonntag und zu Weihnachten bei den Verwandten meines Mannes zu Mittag.«

Es war nun nichts mehr vorhanden, worüber sie hätten sprechen können.

»Sie haben da Blumen; lieben Sie die Blumen?« fragte er.

Sie lächelte.

»Nein«, sagte sie; »wir haben keine Zeit, uns mit Blumen abzugeben. Die Kinder und Akulina sind in den gräflichen Garten gegangen, und da hat ihnen der Gärtner welche gegeben; die Geranien aber und die Aloe sind schon lange hier; die stammen noch aus der Zeit, als mein Mann lebte.«

In diesem Augenblicke kam Akulina plötzlich ins Zimmer hereingestürzt; sie hielt in den Händen einen großen Hahn, der verzweifelt mit den Flügeln schlug und kreischte.

»Soll ich dem Krämer diesen Hahn geben, Agafja Matwjejewna?« fragte sie.

»Aber was tust du, was tust du! Geh hinaus!« sagte die Wirtin verlegen. »Du siehst doch, daß Besuch hier ist!«

»Ich wollte nur fragen«, erwiderte Akulina und faßte den Hahn an den Füßen, so daß ihm der Kopf nach unten hing.

»Er bietet siebzig Kopeken.«

»Geh, geh in die Küche!« sagte Agafja Matwjejewna. »Den grauen, gesprenkelten, aber nicht diesen«, fügte sie hastig hinzu und genierte sich selbst, verbarg ihre Hände unter dem Schal und schlug die Augen nieder.

»Wirtschaftssorgen!« sagte Oblomow.

»Ja, wir haben viele Hühner: wir verkaufen Eier und junge Hühner. Die Leute hier in dieser Straße und die Sommerfrischler und die gräflichen Herrschaften kaufen immer bei uns«, antwortete sie und blickte Oblomow dabei viel dreister an.

Auch ihr Gesicht nahm einen geschäftlich interessierten Ausdruck an; sogar die Stumpfheit verschwand, als sie über einen ihr bekannten Gegenstand zu sprechen begann. Auf jede Frage aber, die nicht etwas Sachliches betraf, das ihr geläufig war, antwortete sie mit einem Lächeln und mit einem Schweigen.

»Das müßte hier zurechtgestellt werden«, bemerkte Oblomow, auf den wüsten Haufen seiner Sachen hinweisend.

»Wir wollen es schon machen; aber der Bruder hat es nicht erlaubt«, unterbrach sie ihn lebhaft und blickte ihn nun ganz dreist an. »›Gott weiß, was er da in den Tischen und Schränken liegen hat‹, hat er gesagt; ›nachher geht noch etwas verloren, und wir werden dafür haftbar gemacht . . .‹« Sie hielt inne und lächelte.

»Was für ein vorsichtiger Mann Ihr Bruder ist!« sagte Oblomow.

Sie lächelte wieder leise und nahm wieder ihren gewöhnlichen Ausdruck an.

Das Lächeln war für sie in der Hauptsache die übliche Form, um zu verbergen, daß sie nicht wußte, was sie in diesem oder jenem Falle sagen oder tun mußte.

»Ich kann nicht auf seine Rückkehr warten; das dauert mir zu lange«, sagte Oblomow. »Vielleicht bestellen Sie ihm, daß ich umständehalber die Wohnung nicht benötige und deshalb bitte, sie einem andern Mieter zu übergeben; ich meinerseits werde ebenfalls einen Stellvertreter suchen.«

Sie hörte stumpfsinnig zu und zwinkerte gleichmäßig mit den Augen.

»Was den Kontrakt anlangt, so bitte ich, ihm freundlichst zu sagen . . .«

»Aber er ist jetzt nicht zu Hause«, wiederholte sie; »kommen Sie lieber morgen wieder her. Morgen ist Sonnabend; da geht er nicht aufs Büro . . .«

»Ich bin sehr stark beschäftigt und habe keine freie Minute«, entschuldigte sich Oblomow. »Bestellen Sie ihm nur freundlichst, da Sie ja die Anzahlung in Händen hätten und ich bemüht sein würde, einen Mieter zu finden, so . . .«

»Der Bruder ist nicht da«, sagte sie eintönig; »er kommt noch nicht . . .« Sie blickte auf die Straße. »Er muß hier vorbeikommen, an den Fenstern vorbei; wenn er kommt; kann man ihn sehen; aber er ist nicht da!«

»Na, dann werde ich jetzt gehen«, sagte Oblomow.

»Aber wenn der Bruder kommt, was soll ich ihm sagen, wann Sie einziehen werden?« fragte sie und stand vom Sofa auf.

»Bestellen Sie ihm, was ich Sie gebeten habe zu bestellen«, erwiderte Oblomow: »daß ich Umstände halber . . .«

»Sie sollten lieber morgen selbst noch einmal herkommen und mit ihm reden«, wiederholte sie.

»Morgen ist es mir unmöglich.«

»Nun, dann übermorgen, am Sonntag. Nach der Messe gibt es bei uns Schnaps und einen Imbiß. Auch Michei Andrejewitsch kommt.«

»Kommt wirklich auch Michei Andrejewitsch?« fragte Oblomow.

»Bei Gott, es ist wahr«, versicherte sie.

»Auch übermorgen kann ich nicht«, erklärte Oblomow ungeduldig.

»Nun, dann in der nächsten Woche . . .« erwiderte sie. »Und wann werden Sie einziehen? Ich würde die Magd die Fußböden scheuern und Staub wischen lassen«, fragte sie.

»Ich werde nicht einziehen«, antwortete er.

»Wie? Aber wo sollen wir denn Ihre Sachen lassen?«

»Bestellen Sie nur Ihrem Bruder freundlichst«, begann Oblomow in einzelnen Absätzen zu sagen, indem er seine Augen gerade auf ihre Brust richtete, »daß ich Umstände halber . . .«

»Er bleibt so lange fort; er ist noch immer nicht zu sehen«, sagte sie eintönig, indem sie nach dem Zaune blickte, der die Straße von dem Hofe trennte. »Ich kenne sogar seine Schritte; auf dem Holztrottoir ist es zu hören, wenn jemand kommt. Es gehen hier nur wenige Leute . . .«

»Werden Sie ihm also bestellen, was ich Sie zu bestellen gebeten habe?« sagte Oblomow, indem er sich verbeugte und zum Gehen wandte.

»In einer halben Stunde wird er selbst da sein . . .« sagte die Wirtin mit einer ihr sonst fremden Unruhe und versuchte gewissermaßen, Oblomow mit ihrer Stimme zurückzuhalten.

»Ich kann nicht länger warten«, erklärte er und öffnete die Tür.

Als der Hund ihn auf der Freitreppe erblickte, erhob er von neuem ein Gebell und begann wieder an der Kette zu reißen. Der Kutscher, der, auf den Ellbogen gestützt, geschlafen hatte, zupfte die Pferde zurück; die Hühner rannten wieder ängstlich nach allen Seiten auseinander; aus einem Fenster schauten mehrere Köpfe heraus.

»Ich werde also dem Bruder sagen, daß Sie dagewesen sind«, sagte die Wirtin beunruhigt, als Oblomow in den Wagen stieg.

»Ja, und sagen Sie ihm, daß ich Umstände halber die Wohnung nicht für mich behalten kann und sie einem andern übergeben werde, oder er möchte auch selbst . . . sich umsehen . . .«

»Um diese Zeit kommt er sonst immer . . .« sagte sie, ihm zerstreut zuhörend. »Ich werde ihm sagen, daß Sie wiederkommen wollen.«

»Ja, in den nächsten Tagen werde ich wieder mit herankommen«, versetzte Oblomow.

Unter dem wütenden Gebell des Hundes fuhr der Wagen aus dem Hofe hinaus und schaukelte dann auf den trockenen Schmutzhöckern der ungepflasterten Straße hin und her.

Am Ende derselben wurde ein Mann von mittleren Jahren sichtbar; in einem abgetragenen Paletot, mit einem großen Paket Akten unter dem Arm, mit einem dicken Stocke und trotz des trockenen, heißen Wetters mit Gummischuhen.

Er ging schnell, blickte nach rechts und links und trat so stark auf, als ob er das Holztrottoir durchtreten wollte. Oblomow schaute ihm nach und sah, wie er in das Tor der Frau Pschenizyna einbog.

»Da ist gewiß der Bruder gekommen!« dachte er. »Hol' ihn der Teufel! Da hätte ich noch eine Stunde lang reden können, und ich habe Hunger; und es ist heiß! Auch wartet Olga auf mich . . . Ein andermal!«

»Fahr schneller!« sagte er zu dem Kutscher.

»Aber ich muß mich ja nach einer andern Wohnung umsehen!« fiel ihm plötzlich ein, während er so rechts und links nach den Zäunen blickte. Ich muß wieder zurückfahren, nach der Morjkaja oder der Konjuschennaja-StraßeFeine Straßen im Zentrum. Anm. d. Übers. . . . Ein andermal!« beschloß er.

»Fahr schneller!«

 

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