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Iwan Gontscharow: Oblomow - Kapitel 25
Quellenangabe
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typefiction
authorIwan Gontscharow
titleOblomow
publisherAnaconda
year2010
isbn978-3-86647-478-9
firstpub1859
translatorHermann Röhl
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120612
modified20170607
projectida9997c9c
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Dritter Teil

 

I.

Oblomow strahlte, als er nach Hause ging. Sein Blut war in Wallung, seine Augen glänzten. Es schien ihm, als ob sogar seine Haare brannten. In dieser Verfassung trat er in sein Zimmer – und auf einmal verschwand der strahlende Glanz, und seine Augen blieben mit unangenehmem Erstaunen regungslos auf einem Punkte haften: in seinem Lehnstuhl saß Tarantjew.

»Warum läßt du denn so lange auf dich warten? Wo treibst du dich herum?« fragte Tarantjew in strengem Tone, indem er ihm seine haarige Hand hinstreckte. »Auch dein alter Teufel hat das Gehorchen ganz verlernt: ich verlange etwas zu essen, bekomme aber nichts; ich verlange Schnaps, auch den hat er mir nicht gegeben.«

»Ich bin hier im Wäldchen spazierengegangen«, erwiderte Oblomow lässig; er konnte noch gar nicht recht zu sich kommen von dem Verdrusse, den ihm das Erscheinen seines Landsmannes, und noch dazu in einem solchen Augenblicke, bereitete.

Er hatte die düstere Sphäre, in der er so lange gelebt hatte, vergessen und sich ihrer beklemmenden Luft entwöhnt. Tarantjew zog ihn in einem Augenblicke gleichsam vom Himmel wieder in den Sumpf hinab. Peinlich berührt fragte sich Oblomow, warum Tarantjew wohl gekommen sei, und ob er lange zu bleiben beabsichtigte; eine besondere Qual war für ihn die Vermutung, der Gast werde am Ende gar zum Mittagessen dableiben, und es werde dann ihm selbst nicht möglich sein zu Iljinskis zu gehen. Wie er den Menschen loswerden könnte, selbst mit einigen Kosten, das war der einzige Gedanke, der ihn beschäftigte. Er wartete schweigend und mürrisch, was Tarantjew sagen werde.

»Warum nimmst du denn die Wohnung gar nicht in Augenschein, Landsmann?« fragte Tarantjew.

»Das ist jetzt nicht mehr erforderlich«, erwiderte Oblomow; er gab sich dabei Mühe, Tarantjew nicht anzusehen. »Ich . . . werde nicht hinziehen.«

»Wa-as? Du wirst nicht hinziehen?« versetzte Tarantjew in drohendem Tone. »Hast sie gemietet und wirst nun nicht hinziehen? Und der Kontrakt?«

»Was für ein Kontrakt?«

»Hast du das schon vergessen? Du hast einen Kontrakt auf ein Jahr unterschrieben. Gib achthundert Rubel und dann geh, wohin du willst. Vier Reflektanten haben sich die Wohnung angesehen und sie mieten wollen; alle sind sie abgewiesen worden. Der eine wollte sie gleich auf drei Jahre mieten.«

Oblomow erinnerte sich erst jetzt, daß Tarantjew ihm gerade am Tage des Umzuges nach dem Landhause ein Schriftstück gebracht und er es in der Eile, ohne es zu lesen, unterschrieben hatte.

»Ach, mein Gott, was habe ich da angerichtet!« dachte er. »Aber ich brauche gar keine Wohnung«, sagte er. »Ich fahre ins Ausland . . .«

»Ins Ausland!« unterbrach ihn Tarantjew. »Mit diesem Deutschen? Ist das eine Idee! Du wirst nicht hinfahren!«

»Warum soll ich nicht hinfahren? Einen Paß habe ich auch schon; ich werde ihn dir zeigen. Auch einen Koffer habe ich mir gekauft.«

»Du wirst nicht hinfahren!« wiederholte Tarantjew gleichmütig. »Aber weißt du, gib mir lieber das Geld für ein halbes Jahr im voraus.«

»Ich habe kein Geld.«

»Dann verschaffe dir welches, wo du willst. Der Bruder meiner Gevatterin, Iwan Matwjejewitsch, liebt keine Scherze. Er macht gleich eine Eingabe beim Gericht; da kommst du nicht los. Ich habe aus meiner eigenen Tasche für dich ausgelegt; gib mir das Geld wieder.«

»Wo hattest du denn so viel Geld her?« fragte Oblomow.

»Was geht das dich an? Ich hatte eine alte Schuld zurückgezahlt bekommen. Gib mir das Geld! Dazu bin ich hergekommen.«

»Nun gut; ich werde in den nächsten Tagen hinkommen und die Wohnung einem andern übergeben; aber jetzt habe ich Eile . . .«

Er begann sich den Rock zuzuknöpfen.

»Aber was willst du denn für eine Wohnung? Eine bessere als diese findest du in der ganzen Stadt nicht. Du hast sie ja gar nicht gesehen!« sagte Taranrjew.

»Ich will sie auch gar nicht sehen«, antwortete Oblomow. »Wozu soll ich dorthin ziehen? Sie liegt mir zu weit weg . . .«

»Von wo denn?« fragte Tarantjew grob.

Aber Oblomow sagte nicht, von wo.

»Vom Zentrum«, fügte er dann hinzu.

»Von was für einem Zentrum? Wozu hast du das nötig? Zum Stilliegen?«

»Nein, ich werde jetzt nicht mehr stilliegen.«

»Wieso nicht?«

»Es paßt mir nicht. Ich . . . werde heute . . .« begann Oblomow.

»Was denn?« unterbrach ihn Tarantjew.

»Ich werde heute nicht zu Hause zu Mittag essen . . .«

»Na, gib mir das Geld, und dann mag dich der Teufel holen!«

»Was für Geld?« fragte Oblomow ungeduldig. »Ich werde in den nächsten Tagen nach der Wohnung hinkommen und mit der Wirtin reden.«

»Ach was, mit der Wirtin? Mit meiner Gevatterin? Was versteht die davon? Ein Weib! Nein, rede du mal mit ihrem Bruder – da kannst du dich auf etwas gefaßt machen!«

»Nun gut, ich werde hinfahren und mit ihnen reden.«

»Ja, auf dich können sie lange warten! Gib mir das Geld und dann mach, daß du wegkommst!«

»Ich habe keines; ich muß mir erst welches borgen.«

»Na, dann bezahle mir jetzt wenigstens die Droschke«, setzte ihm Tarantjew zu; »drei Rubel.«

»Wo ist denn deine Droschke? Und wofür drei Rubel?«

»Ich habe sie wieder wegfahren lassen. Wie kannst du fragen: ›Wofür?‹ Er wollte mich so schon nicht fahren; ›durch den tiefen Sand?‹ sagte er. Und von hier zurück kostet es wieder drei Rubel – zusammen sechs Rubel!«

»Von hier geht eine Diligence für einen halben Rubel«, sagte Oblomow. »Na, da hast du!«

Er gab ihm vier Rubel. Tarantjew steckte sie in die Tasche.

»Also bist du mir noch zwei Rubel schuldig«, fügte er hinzu. »Und dann gib mir Geld zum Mittagessen.«

»Wieso zum Mittagessen?«

»Ich komme jetzt nicht mehr rechtzeitig nach der Stadt; ich muß unterwegs in einem Restaurant essen; hier ist alles teuer; sie nehmen einem wohl fünf Rubel ab.«

Oblomow zog schweigend einen Rubel heraus und warf ihn ihm zu. Vor Ungeduld setzte er sich nicht hin, damit Tarantjew eher fortginge; aber dieser ging nicht fort.

»Laß mir doch einen Imbiß geben«, sagte er.

»Du wolltest ja in einem Restaurant zu Mittag essen?« bemerkte Oblomow.

»Ja, zu Mittag! Aber jetzt ist es eben erst eins durch.«

Oblomow befahl Sachar, etwas zum Essen hereinzubringen.

»Es ist nichts da; wir haben nichts zurechtgemacht«, erwiderte Sachar trocken und blickte Tarantjew finster an.

»Aber wie ist das, Michei Andrejewitsch, wann werden Sie das Hemd und die Weste des gnädigen Herrn zurückbringen? . . .«

»Was für ein Hemd und was für eine Weste willst du denn noch?« versetzte Tarantjew. »Ich habe sie längst zurückgegeben.«

»Wann denn?« fragte Sachar.

»Habe ich sie dir etwa nicht in deine eigenen Hände gegeben, als ihr umzogt? Du hast die Sachen gewiß in ein Bündel gesteckt, und nun fragst du noch danach . . .«

Sachar war starr.

»Ach, du großer Gott! Was ist das für eine Schande, Ilja IIjitsch!« schrie er, sich zu Oblomow wendend.

»Immer die alte Leier!« erwiderte Tarantjew. »Du hast die Sachen gewiß vertrunken, und nun fragst du danach . . .«

»Nein, so lange ich lebe, habe ich noch nichts von dem Eigentum der Herrschaft vertrunken!« rief Sachar mit seiner heiseren Stimme. »Sie haben . . .«

»Hör auf, Sachar!« befahl Oblomow streng.

»Wie ist das? Haben Sie unsere Dielenbürste und zwei Tassen mit weggeschafft?« fragte Sachar wieder.

»Was für eine Dielenbürste?« schrie Tarantjew. »Ach, du alter Gauner! Gib mir lieber einen Imbiß!«

»Hören Sie wohl, Ilja Iljitsch, wie er schimpft?« sagte Sachar.

»Es ist kein Imbiß da; es ist nicht einmal Brot im Hause, und Anisja ist weggegangen«, schloß er und ging hinaus.

»Wo ißt du denn zu Mittag?« fragte Tarantjew. »Das ist ja wirklich ein reines Wunder: Oblomow geht im Wäldchen spazieren und ißt nicht zu Hause Mittagbrot . . . Wann wirst du denn die Wohnung beziehen? Es ist ja schon Herbst. Komm doch hin und sieh sie dir an!«

»Gut, gut, in den nächsten Tagen . . .«

»Und vergiß nicht, das Geld mitzubringen!«

»Nein, nein, nein . . .« sagte Oblomow ungeduldig.

»Na, hast du in der Wohnung noch einen Wunsch? Es sind da schon die Fußböden und die Zimmerdecken, die Fenster und die Türen, alles für dich neu angestrichen worden, Bruder; es kostet über hundert Rubel.«

»Ja, ja, gut . . . Ach, das wollte ich dir noch sagen«, fügte Oblomow hinzu, dem das plötzlich einfiel; »bitte, geh doch nach dem Gericht; ich muß mir eine Vollmacht beglaubigen lassen . . .«

»Bin ich etwa dein Kommissionär geworden?« versetzte Tarantjew.

»Ich lege dir auch noch etwas zum Mittagessen zu«, sagte Oblomow.

»Auf dem Wege zerreiße ich mehr Stiefel, als du mir zulegst.«

»Nun, so fahre; ich werde es bezahlen.«

»Ich kann nicht aufs Gericht gehen«, sagte Tarantjew finster.

»Warum nicht?«

»Ich habe da Feinde; die sind auf mich wütend; sie haben sich verschworen, mich zugrunde zu richten.«

»Nun gut, dann werde ich selbst hinfahren«, sagte Oblomow und griff nach seiner Mütze.

»Weißt du, sobald du in die Wohnung eingezogen sein wirst, wird Iwan Matwjejewitsch all dergleichen für dich besorgen. Das ist ein prächtiger Mensch, Bruder, gar nicht zu vergleichen mit so einem deutschen Emporkömmling! Ein echter, russischer, im Dienst ergrauter Beamter; seit dreißig Jahren sitzt er auf demselben Stuhle und leitet das ganze Büro. Er hat auch ein hübsches Sümmchen Geld, nimmt sich aber nie eine Droschke; sein Frack ist nicht besser als der meinige; er selbst ist still und bescheiden und spricht so leise, daß man ihn kaum hört; aber in fremden Ländern treibt er sich nicht umher wie dieser dein . . .«

»Tarantjew!« rief Oblomow und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Rede nicht über Dinge, die du nicht verstehst!«

Tarantjew riß bei dieser unerhörten Heftigkeit Oblomows die Augen weit auf und vergaß sogar, sich deswegen beleidigt zu zeigen, weil er unter Stolz gestellt wurde.

»Nein, wie du aber heute bist, Bruder . . .« murmelte er, indem er nach seinem Hute griff. »Was hast du für eine Courage!«

Er strich seinen Hut mit dem Ärmel glatt; dann betrachtete er ihn und Oblomows Hut, der auf einer Etagere stand.

»Du trägst ja keinen Hut, du hast ja eine Mütze«, sagte er, indem er Oblomows Hut nahm und ausprobierte. »Gib ihn mir für den Sommer, Bruder . . .«

Oblomow nahm ihm, ohne ein Wort zu sagen, seinen Hut vom Kopfe und stellte ihn an seinen früheren Platz; dann kreuzte er die Arme vor der Brust und wartete darauf, daß Tarantjew fortgehe.

»Na, hol dich der Teufel!« sagte Tarantjew, sich ungeschickt durch die Tür hindurchschiebend. »Weißt du, Bruder, du bist heute so eigentümlich . . . hm . . . Na, rede nur mal mit Iwan Matwjejewitsch und versuche, mit der Zahlung im Rückstande zu bleiben!«

 

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