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Iwan Gontscharow: Oblomow - Kapitel 24
Quellenangabe
pfad/gontscha/oblomow/oblomow.xml
typefiction
authorIwan Gontscharow
titleOblomow
publisherAnaconda
year2010
isbn978-3-86647-478-9
firstpub1859
translatorHermann Röhl
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120612
modified20170607
projectida9997c9c
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XII.

Er lief hin, um Olga zu suchen. Bei ihr zu Hause wurde ihm gesagt, sie sei ausgegangen; er ging ins Dorf, aber sie war nicht dort. Da erblickte er sie in der Ferne: wie ein Engel gen Himmel fährt, so stieg sie den Berg hinan, so leicht stützte sie sich auf ihre Füße, so wiegte sich ihre Gestalt.

Er eilte ihr nach; aber sie berührte kaum das Gras und schien tatsächlich davonzufliegen. Als er bis zur halben Höhe des Berges gelangt war, fing er an, sie zu rufen.

Sie wartete auf ihn; so wie er ihr aber ein paar Schritte näher gekommen war, eilte sie jedesmal wieder vorwärts, brachte wieder eine größere Entfernung zwischen sich und ihn, blieb von neuem stehen und lachte.

Endlich machte er halt, da er überzeugt war, daß sie ihm nicht weglaufen werde. Und wirklich lief sie ein paar Schritte zu ihm herab, gab ihm die Hand und zog ihn lachend hinter sich her.

Sie gingen in das Wäldchen; er nahm den Hut ab, und sie wischte ihm mit ihrem Taschentuche den Schweiß von der Stirn und fächelte ihm mit dem Sonnenschirm Luft ins Gesicht.

Olga war besonders lebhaft, redelustig und mutwillig; oder sie ließ sich plötzlich durch einen Anfall von Zärtlichkeit hinreißen und versank dann auf einmal in Gedanken.

»Rate mal, was ich gestern getan habe«, sagte sie, als sie sich im Schatten hingesetzt hatten.

»Hast du gelesen?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Geschrieben?«

»Nein.«

»Gesungen?«

»Nein. Ich habe mir Karten legen lassen!« sagte sie. »Die Wirtschafterin der Gräfin war gestern da; sie versteht aus den Karten zu weissagen, und da habe ich sie gebeten, mir Karten zu legen.«

»Nun, und?«

»Es war nichts Besonderes. Es kam eine Reise heraus, dann eine Menge Menschen, und überall ein blonder Herr, überall . . . Ich wurde ganz rot, als sie in Katjas Gegenwart auf einmal sagte, der Carreau-König denke an mich. Als sie sagen wollte, an wen ich dächte, da warf ich die Karten durcheinander und lief weg. Denkst du an mich?« fragte sie plötzlich.

»Ach!« sagte er. »Wenn ich nur weniger an dich denken könnte!«

»Und ich nun erst!« sagte sie nachdenklich. »Ich habe schon ganz vergessen, wie man überhaupt anders leben kann. Als du in der vorigen Woche schmolltest und zwei Tage lang nicht kamst (weißt du wohl noch, du warst ärgerlich), da veränderte ich mich auf einmal und wurde schlecht. Ich schalt Katja wie du deinen Sachar; ich sah, daß sie im stillen weinte, hatte aber gar kein Mitleid mit ihr. Wenn ma tante mich nach etwas fragte, so gab ich ihr keine Antwort: ich hörte nicht, was sie sagte, tat nichts und wollte nirgends hin. Aber sowie du kamst, wurde ich im Handumdrehen eine ganz andere. Ich habe Katja mein lila Kleid geschenkt . . .«

»Das ist Liebe!« sagte er pathetisch.

»Was? Das lila Kleid?«

»Alles! Ich erkenne in deinen Worten mich selbst: auch für mich gibt es ohne dich keinen Tag und kein Leben; in der Nacht träume ich immer von blumigen Tälern. Wenn ich dich sehe, bin ich gut und arbeitsfreudig; wenn ich dich nicht sehe, langweile ich mich, bin träge und möchte mich hinlegen und an nichts denken . . . Liebe nur und schäme dich deiner Liebe nicht . . .«

Auf einmal verstummte er. »Was rede ich da? Ich bin ja in ganz anderer Absicht hergekommen!« dachte er, räusperte sich und zog die Augenbrauen zusammen.

»Aber wenn ich nun plötzlich sterbe?« fragte sie.

»Was für ein Gedanke!« erwiderte er nachlässig.

»Ja«, sagte sie. »ich werde mich erkälten; es wird sich ein Fieber herausbilden. Du kommst hierher – ich bin nicht da. Du gehst zu uns – es wird dir gesagt: ›Sie ist krank.‹ Am andern Tag dieselbe Geschichte; die Fensterläden an meinem Zimmer sind geschlossen; der Arzt schüttelt den Kopf: Katja kommt weinend auf den Zehen zu dir hinaus und flüstert dir zu: ›Sie ist krank; sie wird sterben . . .‹«

»Ach! . . .« sagte Oblomow plötzlich.

Sie lachte.

»Was wird dann aus dir werden?« fragte sie, ihm ins Gesicht sehend.

»Was aus mir werden wird? Ich werde wahnsinnig werden oder mich erschießen; du aber wirst auf einmal wieder gesund werden!«

»Nein, nein, höre auf!« sagte sie ängstlich. »Auf was für ein Thema sind wir da gekommen! Komm du nur nicht zu mir, wenn du tot bist; ich fürchte mich vor Gestorbenen . . .«

Er lachte, und sie ebenfalls.

»O, Gott, was sind wir für Kinder!« sagte sie, von diesem Geschwätze wieder zur Besinnung kommend.

Er räusperte sich wieder. »Höre mal . . . ich wollte sagen . . .«

»Was denn?« fragte sie, sich lebhaft zu ihm hinwendend.

Er schwieg ängstlich.

»Nun, so sprich doch!« bat sie und zupfte ihn leise am Ärmel.

»Es ist nichts weiter; ich dachte nur so . . .« sagte er verlegen.

»Nein, du hast etwas auf dem Herzen!« Er schwieg.

»Wenn es etwas Schreckliches ist, dann sage es lieber nicht!« bat sie. »Nein, sage es nur doch!« fügte sie dann schnell hinzu.

»Ach, es ist nichts Besonderes, nur dummes Zeug.«

»Nein, nein, du hast etwas; sprich!« setzte sie ihm zu, faßte ihn kräftig an beiden Rockaufschlägen vor der Brust und hielt ihn so nahe an sich, daß er das Gesicht bald rechts, bald links wenden mußte, um sie nicht zu küssen.

Er hätte das Gesicht nicht weggewendet; aber ihr strenges »Niemals« klang ihm immer noch in den Ohren.

»So rede doch!« drängte sie ihn beharrlich.

»Ich kann nicht; es ist auch nicht nötig . . .« erwiderte er, um loszukommen.

»Wie konntest du denn predigen, das Vertrauen sei die Grundlage des beiderseitigen Glückes; es dürfe keine Falte im Herzen geben, in die das Auge des andern Liebenden nicht hineinsähe. Wessen Worte sind das?«

»Ich wollte nur sagen«, begann er langsam, »daß ich dich so liebe, dich so liebe, daß, wenn . . .« Er zauderte.

»Nun?« fragte sie ungeduldig.

»Daß, wenn du jetzt einen andern liebgewännest und er besser imstande wäre dich glücklich zu machen, daß ich dann schweigend meinen Gram hinunterwürgen und jenem Platz machen würde.«

Sie ließ seinen Rock plötzlich aus den Händen.

»Warum?« fragte sie erstaunt. »Das verstehe ich nicht. Ich würde dich niemandem abtreten; ich will nicht, daß du mit einer andern glücklich wirst. Das ist etwas Verzwicktes; ich verstehe es nicht.«

Ihr Blick schweifte nachdenklich über die Baumgruppen hin. »Also du liebst mich nicht?« fragte sie dann.

»Im Gegenteil, ich liebe dich bis zur Selbstverleugnung, da ich ja bereit bin mich aufzuopfern.«

»Aber warum willst du das tun? Wer bittet dich darum?«

»Ich sage: falls du einen andern liebgewännest.«

»Einen andern! Hast du den Verstand verloren? Warum sollte ich das denn tun, da ich doch dich liebe? Wirst du etwa eine andre liebgewinnen?«

»Warum hörst du mich an? Ich rede Gott weiß was für Zeug zusammen, und du glaubst es! Ich wollte ja eigentlich etwas ganz anderes sagen . . .«

»Was wolltest du denn sagen?«

»Ich wollte sagen, daß ich mich dir gegenüber vergehe, mich schon lange dir gegenüber vergehe . . .«

»Wodurch? Wieso?« fragte sie. »Liebst du mich nicht? Hast du vielleicht nur gescherzt? Sprich schnell!«

»Nein, nein, das ist es alles nicht!« sagte er bekümmert. »Sieh mal . . .« begann er unentschlossen, »wir sehen uns . . . heimlich . . .«

»Heimlich? Wieso denn heimlich? Ich sage meiner Tante fast jedesmal, daß ich mit dir zusammen gewesen bin . . .«

»Wirklich jedesmal?« fragte er unruhig.

»Was ist denn dabei Schlechtes?«

»Ich habe einen Fehler begangen: ich hätte dir schon längst sagen müssen, daß das . . . nicht üblich ist . . .«

»Das hast du mir gesagt«, versetzte sie.

»Habe ich es dir gesagt? Ah! Ja, in der Tat, ich . . . habe es angedeutet. Somit habe ich also meine Pflicht erfüllt.«

Er schöpfte Mut und freute sich, daß Olga ihm die Last der Verantwortung so leicht abnahm.

»Nun, und was noch?« fragte sie.

»Ferner . . . weiter nichts«, antwortete er.

»Das ist nicht wahr«, versetzte Olga in entschiedenem Tone. »Du hast noch etwas; du hast nicht alles gesagt.«

»Ja, ich dachte«, begann er und versuchte dabei, seinen Worten einen nachlässigen Ton zu verleihen, »daß . . .«

Er hielt inne; sie wartete.

»Daß wir seltener zusammenkommen sollten . . .« Er sah sie schüchtern an.

Sie schwieg.

»Warum?« fragte sie dann nach kurzem Überlegen.

»An mir nagt eine Schlange: das ist das Gewissen . . . Wir bleiben so lange unter vier Augen; ich rege mich auf, das Herz klopft mir heftig, du bist ebenfalls unruhig . . . ich fürchte . . .« Er hatte nur mit Mühe soweit gesprochen.

»Was fürchtest du?«

»Du bist jung und kennst nicht alle Gefahren, Olga. Manchmal hat der Mensch keine Gewalt über sich; eine höllische Macht setzt sich in ihm fest; Finsternis senkt sich auf sein Herz herab, und in seinen Augen zucken Blitze. Die Klarheit des Geistes wird getrübt: die Achtung vor der Reinheit der Unschuld, all das wird wie von einem Wirbelwinde davongetragen; der Mensch weiß von sich selbst nicht mehr; die Leidenschaft haucht ihn an; er verliert die Selbstbeherrschung – und dann öffnet sich unter seinen Füßen ein Abgrund.«

Er fuhr ordentlich zusammen.

»Nun gut, mag er sich öffnen!« sagte sie und sah ihn mit großen Augen an.

Er schwieg; weiter hatte er entweder nichts zu sagen, oder es war weiter nichts notwendig.

Sie blickte ihn lange an, als ob die Falten auf seiner Stirn beschriebene Zeilen wären, die sie läse, rief sich selbst jedes seiner Worte, jeden seiner Blicke ins Gedächtnis, durchlief in Gedanken die ganze Entwicklungsgeschichte ihrer Liebe, gelangte zu dem dunklen Abend im Park und errötete plötzlich. »Du redest lauter Unsinn!« sagte sie hastig, indem sie zur Seite blickte. »Ich habe keine Blitze in deinen Augen gesehen . . . du siehst mich meistens an, wie mich meine Kinderfrau Kusminitschna ansah!« fügte sie hinzu und lachte.

»Du scherzest, Olga; ich aber rede nicht im Scherz . . . und ich habe noch nicht alles gesagt.«

»Was willst du denn noch sagen?« fragte sie. »Was ist da für ein Abgrund?«

Er seufzte.

»Daß wir nicht unter vier Augen zusammensein dürfen . . .«

»Warum nicht?«

»Es schickt sich nicht.«

Sie dachte nach.

»Ja, man sagt, daß es sich nicht schickt«, sagte sie wie in Gedanken versunken. »Aber warum nicht?«

»Was wird man sagen, wenn man es erfährt, wenn es sich herumspricht . . .«

»Wer wird denn etwas sagen? Eine Mutter habe ich nicht; sie wäre die einzige, die mich fragen könnte, warum ich mit dir zusammenkomme, und sie wäre die einzige, vor der ich zur Antwort in Tränen ausbrechen und der ich sagen würde, daß ich nichts Schlechtes tue und du ebensowenig. Sie würde mir glauben. Wer könnte denn sonst noch Anstoß nehmen?« fragte sie.

»Die Tante«, antwortete Oblomow.

»Die Tante?«

Olga schüttelte traurig den Kopf.

»Die fragt mich nie. Wenn ich ganz und gar wegginge, würde sie nicht nach mir suchen und nicht nach mir fragen, und ich würde nicht mehr zu ihr kommen, um ihr zu sagen, wo ich gewesen sei, und was ich getan hätte. Wer noch?«

»Die andern, alle . . . Neulich sah Sonitschka dich und mich an und lächelte, und alle diese Herren und Damen, die mit ihr zusammen waren, ebenfalls.«

Er erzählte ihr von all der Unruhe, in der er sich seitdem befunden hatte.

»Solange sie nur mich ansah«, fügte er hinzu, »machte ich mir nichts daraus; aber als dieser selbe Blick auf dich fiel, da wurden mir die Hände und Füße kalt . . .«

»Nun, und . . .« fragte sie kühl.

»Nun, seitdem quäle ich mich Tag und Nacht und zerbreche mir den Kopf, wie man dem Gerede vorbeugen könnte; ich habe mir Sorge darum gemacht, im stillen, um dich nicht zu erschrecken . . . Ich wollte schon lange mit dir reden . . .«

»Das war eine unnötige Sorge!« erwiderte sie. »Ich wußte es auch ohne dich . . .«

»Wie hast du es erfahren?« fragte er erstaunt.

»Ganz einfach. Sonitschka hat mit mir gesprochen, mich auszuhorchen gesucht, Anspielungen gemacht und mich sogar belehrt, wie ich mich dir gegenüber benehmen solle . . .«

»Davon hast du mir kein Wort gesagt. Olga!« sagte er vorwurfsvoll.

»Du hast mir ebenfalls bis jetzt nichts von deiner Sorge gesagt!«

»Was hast du ihr geantwortet?« fragte er.

»Nichts! Was hätte ich darauf antworten sollen? Ich bin nur rot geworden.«

»O Gott! Ist es dahin gekommen: du wirst rot!« sagte er entsetzt. »Wie unvorsichtig wir sind! Was wird das für Folgen haben?«

Er sah sie fragend an.

»Ich weiß es nicht«, antwortete sie kurz.

Oblomow hatte, als er von seiner Sorge Olga Mitteilung machte, gedacht, er werde sich nun beruhigen, werde aus ihren Augen und aus ihrer klaren Rede Willenskraft schöpfen; nun aber, da er keine frische, entschiedene Antwort erhielt, wurde er mutlos.

Sein Gesicht zuckte unentschlossen; sein Blick irrte trübsinnig umher. In seinem Innern bildete sich schon ein leichtes Fieber aus. Er hatte Olga fast vergessen: vor seinem geistigen Blicke drängten sich Sonitschka mit ihrem Manne und deren Gäste; er hörte ihre Gespräche und ihr Lachen.

Statt wie gewöhnlich eine schnelle, geschickte Antwort zu geben, schwieg Olga, sah ihn kalt an und wiederholte nur noch kälter ihr »Ich weiß es nicht«. Er aber gab sich nicht die Mühe oder verstand es nicht, in den verborgenen Sinn dieses »Ich weiß es nicht« einzudringen.

Auch er schwieg: ohne fremde Hilfe gelangte bei ihm kein Gedanke und kein Vorsatz zur Reife, so daß er wie ein reifer Apfel von selbst heruntergefallen wäre: er mußte immer erst gepflückt werden.

Olga blickte ihn eine Weile an; dann legte sie ihre Mantille um, nahm ihr Tuch von dem Zweige, an den sie es gehängt hatte, tat es um ihren Kopf und faßte ihren Sonnenschirm.

»Wo willst du hin? So früh!« fragte er, plötzlich zur Besinnung kommend.

»Nein, es ist schon spät. Du hast recht«, sagte sie nachdenklich und niedergeschlagen, »wir sind zu weit gegangen und in eine Sackgasse geraten: wir müssen uns so schnell wie möglich trennen und die Spuren des Geschehenen verwischen. Lebe wohl!« fügte sie in trockenem, bitterem Tone hinzu und schickte sich an, mit gesenktem Kopfe den Steig entlang zu gehen.

»Olga, ich bitte dich! Was redest du da! Das ist doch unmöglich, daß wir mit einander nicht mehr zusammenkommen sollten! Aber ich . . . Olga!«

Sie hörte nicht auf ihn und ging schneller; der Sand knirschte trocken unter ihren Schuhen.

»Olga Sergejewna!« rief er.

Sie hörte nicht und ging weiter.

»Um Gottes willen, kehre um!« rief er, vor Schluchzen kaum verständlich. »Auch einen Verbrecher muß man ja doch anhören . . . O Gott! Hat sie überhaupt ein Herz? . . . Da sieht man, wie die Frauen sind!«

Er setzte sich hin und bedeckte sich mit beiden Händen die Augen. Schritte waren nicht mehr zu hören.

»Sie ist fortgegangen!« sagte er beinah entsetzt und hob den Kopf in die Höhe.

Olga stand vor ihm.

Er ergriff sie froh bei der Hand.

»Du bist nicht fortgegangen, du wirst nicht fortgehen? . . .« sagte er. »Geh nicht fort: bedenke, daß, wenn du fortgehst, ich ein toter Mensch bin.«

»Aber wenn ich nicht fortgehe, bin ich eine Verbrecherin und du ein Verbrecher: bedenke du das, Ilja!«

»Ach, nein . . .«

»Du sagst: ›nein‹! Aber wenn Sonitschka und ihr Mann uns noch einmal zusammen finden, bin ich verloren.«

Er fuhr zusammen.

»Höre mich an!« begann er eilig und stockend; »ich habe noch nicht alles gesagt . . .« Er hielt inne.

Das, was ihm zu Hause so einfach, natürlich und notwendig erschienen war, ihn so angelächelt hatte, sein Glück gewesen war, das wurde auf einmal eine Art von Abgrund. Er fand nicht den Mut, ihn zu überschreiten. Dazu bedurfte es eines entschlossenen, kühnen Schrittes.

»Es kommt jemand«, sagte Olga.

Auf einem Seitenwege wurden Schritte vernehmbar.

»Es wird doch nicht etwa gar Sonitschka sein?« fragte Oblomow; seine Augen waren vor Schreck regungslos.

Es gingen zwei Herren und eine Dame vorüber, sämtlich unbekannt. Dem armen Oblomow fiel ein Stein vom Herzen.

»Olga«, begann er hastig und faßte sie bei der Hand, »wir wollen von hier an eine Stelle gehen, wo niemand ist.« Und als sie dorthin gelangt waren, sagte er: »Hier wollen wir uns hinsetzen.«

Er veranlaßte sie, sich auf eine Bank zu setzen, und setzte sich selbst neben sie, auf den Rasen.

»Du bist heftig geworden und fortgegangen; aber ich hatte noch nicht alles gesagt, Olga«, sagte er.

»Ich werde wieder fortgehen und nicht mehr zurückkommen, wenn du dein Spiel mit mir treibst«, erwiderte sie. »Früher einmal gefielen dir meine Tränen; jetzt möchtest du mich vielleicht zu deinen Füßen sehen und mich auf diese Weise allmählich zu deiner Sklavin machen, deine Launen herauskehren, mir Moralpredigten halten, dann weinen, dich ängstigen, mich ängstigen und dann fragen: ›Was sollen wir tun?‹ Vergessen Sie nicht, Ilja Iljitsch«, fügte sie auf einmal stolz hinzu, indem sie sich von der Bank erhob, »daß ich, seit ich Sie kennengelernt habe, sehr herangewachsen bin und weiß, wie das Spiel heißt, das Sie mit mir treiben . . . aber Tränen werden Sie bei mir nicht mehr zu sehen bekommen . . .«

»Ach, weiß Gott, ich treibe kein Spiel!« sagte er innig.

»Um so schlimmer für Sie«, versetzte sie trocken. »Auf alle Ihre Befürchtungen, Warnungen und Rätsel erwidre ich nur das eine: bis zu unserer heutigen Begegnung habe ich Sie geliebt und nicht gewußt, was ich zu tun habe; jetzt weiß ich es«, schloß sie in festem Tone, indem sie sich zum Fortgehen anschickte, »und werde Sie nicht um Rat fragen.«

»Auch ich weiß, was ich zu tun habe«, sagte er; er hielt sie an der Hand zurück, nötigte sie, wieder auf der Bank Platz zu nehmen, und schwieg einen Augenblick, um Mut zu fassen.

»Stelle dir das vor«, begann er: »mein Herz ist von einem einzigen Wunsche und mein Kopf von einem einzigen Gedanken erfüllt; aber der Wille und die Zunge gehorchen mir nicht; ich will reden, aber die Worte gehen mir nicht von der Zunge. Und dabei ist es so einfach, so . . . Hilf mir doch, Olga!«

»Ich weiß nicht, was Sie im Sinne haben . . .«

»Um Gotteswillen, sprich doch ohne dieses ›Sie‹: dein stolzer Blick tötet mich; jedes deiner Worte fällt mir wie ein Stück Eis aufs Herz . . .«

Sie lachte.

»Du bist nicht gescheit!« sagte sie, ihm die Hand auf den Kopf legend.

»So ist's recht; siehst du, nun bin ich wieder fähig zu denken und zu reden! Olga«, sagte er, indem er vor ihr auf die Knie fiel: »werde mein Weib!«

Sie schwieg und wandte sich von ihm nach der entgegengesetzten Seite hin ab.

»Olga, gib mir die Hand!« fuhr er fort.

Sie gab sie ihm nicht. Er nahm sie selbst und führte sie an seine Lippen. Sie entzog sie ihm nicht. Ihre Hand war warm, weich und ein wenig feucht. Er bemühte sich, ihr ins Gesicht zu sehen; aber sie wandte sich immer mehr ab.

»Was bedeutet dieses Stillschweigen?« fragte er beunruhigt und küßte ihre Hand.

»Das ist ein Zeichen der Einwilligung!« erwiderte sie leise, immer noch ohne ihn anzusehen.

»Was empfindest du jetzt? Was denkst du?« fragte er in Erinnerung an seine Träumerei von der verschämten Einwilligung und den Tränen.

»Dasselbe wie du«, antwortete sie, fuhr aber fort irgendwohin in den Wald zu blicken; nur das Wogen ihrer Brust verriet, daß sie sich nur mit Mühe beherrschte.

»Ob sie wohl Tränen in den Augen hat?« dachte Oblomow; aber sie schaute hartnäckig nach unten.

»Du bist gleichgültig und ruhig?« fragte er und bemühte sich, sie an der Hand zu sich heranzuziehen.

»Nicht gleichgültig, aber ruhig.«

»Warum denn?«

»Weil ich das seit langer Zeit vorhergesehen und mich an den Gedanken gewöhnt habe.«

»Schon seit langer Zeit?« fragte er erstaunt.

»Ja, von dem Augenblicke an, als ich dir den Fliederzweig gab . . . nannte ich dich in Gedanken . . .«

Sie sprach den Satz nicht zu Ende.

»Von jenem Augenblicke an!«

Er breitete die Arme weit aus und wollte Olga umschlingen. »Der Abgrund tut sich auf, die Blitze zucken, Vorsicht!« sagte sie schelmisch, entschlüpfte geschickt seiner Umarmung und wehrte seine Hände mit dem Sonnenschirme ab.

Er erinnerte sich an ihr strenges »Niemals« und mäßigte sich. »Aber du hast es ja nie gesagt und es nicht einmal irgendwie merken lassen . . .« sagte er.

»Wir Frauen heiraten nicht selbst; man verheiratet uns, oder man heiratet uns.«

»Von jenem Augenblicke an . . . wirklich?« wiederholte er nachdenklich.

»Denkst du etwa, ich würde hier mit dir allein gewesen sein, abends mit dir in der Laube gesessen, dir zugehört und dir Vertrauen geschenkt haben, wenn ich dich nicht verstanden hätte?« sagte sie stolz.

»Also so verhält sich das . . .« begann er mit unverändertem Gesichtsausdruck und ließ ihre Hand los.

In ihm regte sich ein seltsamer Gedanke. Sie sah ihn mit ruhigem Stolze an und wartete mit der größten Sicherheit; aber er hätte in diesem Augenblicke nicht Stolz und Sicherheit gewünscht, sondern Tränen, Leidenschaft und berauschendes Glücksgefühl, wenigstens für einen Augenblick; nachher mochte dann das Leben immerhin in ungestörter Ruhe dahinfließen!

Und nun auf einmal keine von dem unerwarteten Glücke hervorgerufene stürmische Tränen und keine verschämte Einwilligung! Wie war das zu verstehen!

In seinem Herzen erwachte und regte sich die Schlange des Zweifels . . . Liebte sie ihn, oder wollte sie ihn nur heiraten?

»Es gibt noch einen andern Weg zum Glücke«, sagte er.

»Was denn für einen?« fragte sie.

»Manchmal wartet die Liebe nicht, geduldet sich nicht, berechnet nicht . . . die Frau steht dann in hellen Flammen; sie zittert und bebt, sie empfindet zugleich Qualen und solche Freuden, daß . . .«

»Ich weiß nicht, was das für ein Weg ist.«

»Das ist ein Weg, auf dem die Frau alles opfert, ihre Ruhe, ihren Ruf, die Achtung, in der sie steht, und ihre Belohnung in der Liebe findet . . . diese ersetzt ihr alles.«

»Müssen wir etwa diesen Weg gehen?«

»Nein.«

»Würdest du auf diesem Wege das Glück suchen wollen, auf Kosten meiner Ruhe und meines Rufes?«

»O nein, nein! Ich schwöre bei Gott, um keinen Preis!« rief er feurig.

»Warum hast du denn von ihm zu reden angefangen?«

»In der Tat, das weiß ich selbst nicht . . .«

»Aber ich weiß es: du möchtest gern erfahren, ob ich dir wohl meine Ruhe zum Opfer bringen und mit dir diesen Weg gehen würde; nicht wahr?«

»Ja, ich glaube, du hast es erraten . . . Nun, wie denkst du darüber?«

»Ich würde es nie tun, um keinen Preis!« antwortete sie mit fester Stimme.

Er dachte nach, dann seufzte er.

»Ja, das ist ein furchtbarer Weg, und eine Frau muß sehr viel Liebe besitzen, um auf ihm ihrem Manne zu folgen, um zugrunde zu gehen und doch zu lieben.«

Er sah ihr fragend ins Gesicht: es war ihr nichts anzusehen; nur die Falte über der Augenbraue bewegte sich; aber das Gesicht selbst war ruhig.

»Stelle dir einmal vor«, sagte er, »daß Sonitschka, die nicht soviel wert ist wie dein kleiner Finger, plötzlich bei einer Begegnung so täte, als kenne sie dich nicht!«

Olga lächelte, und ihr Blick blieb ebenso hell. Aber Oblomow ließ sich durch ein selbstsüchtiges Verlangen hinreißen; er wollte von dem Herzen Olgas Opfer erreichen und sich daran berauschen.

»Stelle dir vor, daß die Männer, die sich dir nähern, nicht in schüchterner Verehrung die Augen niederschlagen, sondern dich mit einem dreisten, spöttischen Lächeln ansehen . . .«

Er blickte nach ihr hin: sie schob emsig mit dem Sonnenschirme ein Steinchen auf dem Sande hin.

»Du trittst in einen Saal, und ein paar alte Damen mit Hauben kommen vor Entrüstung in unruhige Bewegung; eine von ihnen setzt sich von dir fort . . . aber dein Stolz ist immer noch der gleiche, und du bist dir bewußt, daß du über ihnen stehst und besser bist als sie.«

»Zu welchem Zwecke stellst du mir diese schrecklichen Dinge vor Augen?« sagte sie ruhig. »Ich werde diesen Weg niemals gehen.«

»Niemals?« fragte Oblomow niedergeschlagen.

»Nein, niemals!« wiederholte sie.

»Ja«, sagte er nachdenklich, »deine Kraft würde nicht ausreichen, um der Schande in die Augen zu blicken. Vielleicht würdest du vor dem Tode nicht erschrecken: nicht die Hinrichtung ist furchtbar, sondern die Vorbereitungen zu ihr, die allstündlichen Qualen; du würdest das nicht ertragen und dahinschwinden, nicht wahr?«

Er blickte ihr fortwährend in die Augen, wie sie wohl darüber dachte.

Sie machte ein heiteres Gesicht: durch die schrecklichen Bilder hatte sie sich nicht in Verwirrung setzen lassen; um ihre Lippen spielte ein leises Lächeln.

»Ich will weder dahinschwinden noch sterben! Das ist alles nicht das Richtige«, sagte sie. »Man kann sich weigern, jenen Weg zu gehen, und kann doch noch stärker lieben . . .«

»Warum würdest du dich dann weigern, jenen Weg zu gehen«, fragte er beharrlich und beinahe ärgerlich, »wenn du dich nicht vor ihm fürchtest? . . .«

»Weil diejenigen, die diesen Weg gehen . . . in der Folge immer . . . sich voneinander trennen«, sagte sie. »Ich aber . . . wie könnte ich mich von dir trennen! . . .«

Sie hielt inne, legte ihm die eine Hand auf die Schulter und sah ihn lange an; dann warf sie auf einmal den Sonnenschirm beiseite, schlang schnell und leidenschaftlich die Arme um seinen Hals und küßte ihn. Darauf wurde sie über das ganze Gesicht dunkelrot, drückte das Gesicht an seine Brust und fügte leise hinzu:

»Niemals!«

Er stieß einen Freudenschrei aus und sank ihr zu Füßen auf den Rasen.

 

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