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Iwan Gontscharow: Oblomow - Kapitel 23
Quellenangabe
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typefiction
authorIwan Gontscharow
titleOblomow
publisherAnaconda
year2010
isbn978-3-86647-478-9
firstpub1859
translatorHermann Röhl
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120612
modified20170607
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XI.

Oblomow fand zu Hause einen Brief von Stolz vor; dieser Brief begann und schloß mit den Worten: »Jetzt oder nie!« Ferner enthielt er eine Menge Vorwürfe wegen seiner Unregsamkeit und außerdem eine Aufforderung, unter allen Umständen nach der Schweiz zu kommen, wohin Stolz demnächst zu reisen beabsichtigte, und zuletzt mit nach Italien zu gehen.

Wenn Oblomow sich dazu nicht entschließen könne, so riet er ihm, sich nach seinem Gute zu begeben, zu sehen, wie es mit seinen Angelegenheiten stehe, die Bauern aus ihrem Schlendrian aufzurütteln, seine Einnahmen zu kontrollieren und zu sichern und persönlich die nötigen Anordnungen für den Bau eines neuen Hauses zu treffen.

»Denk an unsere Abrede: jetzt oder nie!« schloß er.

»Jetzt, jetzt, jetzt!« rief Oblomow. »Andrei weiß nicht, welche Dichtung sich in meinem Leben abspielt. Was für eine Arbeit verlangt er denn noch außerdem von mir? Kann etwa irgendeine andere Beschäftigung mich jemals in so hohem Grade in Anspruch nehmen? Er sollte es nur einmal probieren! Da liest man über die Franzosen und Engländer, sie täten weiter nichts als arbeiten, hätten immer ihre Geschäfte im Kopfe! Aber doch reisen sie in ganz Europa herum, manche sogar nach Asien und Afrika, bloß so zum Vergnügen, ohne jeden geschäftlichen Zweck, der eine, um ein Album vollzuzeichnen oder Altertümer auszugraben, ein andrer, um Löwen zu schießen oder Schlangen zu fangen. Oder sie sitzen auch bloß so in vornehmem Nichtstun zu Hause, frühstücken und dinieren mit ihren Freunden und mit Frauen – das sind ihre ganzen Geschäfte! Bin ich denn ein Zuchthäusler? Andrei weiß weiter nichts als: ›Arbeite, arbeite wie ein Pferd!‹ Wozu soll ich das tun? Ich bin satt und habe etwas anzuziehen. Aber Olga hat wieder gefragt, ob ich vorhätte nach Oblomowka zu fahren . . .«

Er machte sich daran, zu schreiben und zu überlegen, und fuhr sogar zu einem Baumeister hin. Bald lag bei ihm auf einem kleinen Tischchen ein Plan des Hauses und des Gartens ausgebreitet. Das Haus war für eine Familie eingerichtet, geräumig und mit zwei Balkonen versehen.

»Hier wohne ich, hier Olga, hier ist das Schlafzimmer, das Kinderzimmer . . .« dachte er lächelnd. »Aber die Bauern, die Bauern . . .« und das Lächeln verflog; er runzelte sorgenvoll die Stirn. »Der Nachbar hat mir geschrieben; er geht auf alle möglichen Einzelheiten ein, spricht vom Pflügen, von der Ernte . . . Wie langweilig das ist! Und dann macht er mir noch den Vorschlag, ob wir nicht auf gemeinsame Kosten eine Fahrstraße nach dem großen Marktflecken bauen wollen, mit einer Brücke über das Flüßchen; er verlangt dreitausend Rubel und möchte, daß ich eine Hypothek auf Oblomowka aufnehme . . . Aber woher soll ich wissen, ob das auch wirklich notwendig ist, und ob etwas Vernünftiges dabei herauskommt? Betrügt er mich auch nicht? . . . Allerdings, er ist ein redlicher Mensch: Stolz kennt ihn; aber er kann sich ja auch selbst irren, und dann habe ich mein Geld verloren! Dreitausend Rubel, so ein Haufe Geld! Wo soll ich die hernehmen? Nein, es ist schrecklich! Und dann schreibt er noch, ich möchte einige Bauern nach dem noch unangebauten Lande versetzen, und fordert so schnell wie möglich eine Antwort – alles so schnell wie möglich. Er will es übernehmen, alle Dokumente, die zur Aufnahme einer Hypothek auf das Gut erforderlich sind, an das Kuratorium einzusenden. Ich soll ihm eine Vollmacht hinschicken und vorher aufs Gericht gehen und sie beglaubigen lassen – nein, was er alles von mir verlangt! Aber ich weiß gar nicht, wo das Gericht ist, und wie man da die Tür aufmacht.«

Nach vierzehn Tagen hatte ihm Oblomow immer noch nicht geantwortet, obwohl ihn sogar Olga wiederholt gefragt hatte, ob er schon auf dem Gerichte gewesen sei. Kürzlich hatte auch Stolz je einen Brief an ihn und an sie geschrieben und darin gefragt, was er tue.

Jedoch konnte Olga die Tätigkeit ihres Freundes nur oberflächlich beobachten und nur auf dem ihr zugänglichen Gebiete: sie konnte feststellen, ob er heiter aussah, ob er gern überall hinfuhr, ob er sich zur festgesetzten Stunde im Wäldchen einstellte, und bis zu welchem Grade eine Stadtneuigkeit und ein allgemeines Gespräch ihn interessierte. Am eifrigsten paßte sie auf, ob er auch das Hauptziel seines Lebens nicht aus dem Auge ließ. Sie fragte ihn zwar auch nach der Gerichtsbehörde, aber nur um an Stolz etwas über die Geschäfte ihres Freundes berichten zu können.

Der Sommer war auf seiner Höhe; der Juli ging zu Ende; das Wetter war herrlich. Von Olga trennte sich Oblomow fast gar nicht. An heiteren Tagen war er mit ihr im Park; an heißen Mittagen verlor er sich mit ihr im Wäldchen zwischen den Fichten, saß zu ihren Füßen und las ihr vor; sie stickte schon einen zweiten Kanevasstreifen: für ihn. Auch im übertragenen Sinne war bei ihnen heißer Sommer: es stiegen manchmal Wolken auf und zogen wieder vorüber.

Wenn ihn schwere Träume ängstigten und Zweifel an sein Herz pochten, so hielt Olga wie ein Schutzengel Wache; sie blickte ihm mit ihren hellen Augen ins Gesicht, brachte in Erfahrung, was ihm auf dem Herzen lag – und alles wurde wieder still und ruhig, und das Gefühl floß wieder gleichmäßig dahin wie ein Fluß und spiegelte die neuen Wolkengebilde des Himmels wider.

Olgas Ansichten über das Leben, über die Liebe und über alles andere wurden noch klarer und bestimmter. Sie schaute noch zuversichtlicher als vorher um sich und ließ sich durch die Zukunft nicht bange machen; es entwickelten sich in ihr neue Seiten des Verstandes und neue Charakterzüge. Ihr Charakter zeigte bald eine poetische Mannigfaltigkeit und Tiefe, bald eine regelmäßige, klare Bedächtigkeit und Schlichtheit.

Sie besaß eine Energie, die nicht nur alle Unbilden des Schicksals, sondern sogar Oblomows Trägheit und Apathie überwand. Sobald sie sich etwas vorgenommen hatte, betrieb sie auch mit dem größten Eifer die Ausführung. Dann redete sie von nichts anderem. Und auch wenn sie nicht davon redete, sah man, daß sie immer nur dies eine im Kopfe hatte, daß sie es nicht vergessen, nicht davon abstehen, sich nicht beirren lassen, immer ihre Gedanken darauf richten und ihr Ziel erreichen werde.

Es war ihm unbegreiflich, wo sie diese Kraft und dieses Taktgefühl herhatte, zu wissen und zu verstehen, was sie tun mußte, und wie sie es tun mußte, was auch immer sich begeben mochte.

»Das kommt daher«, dachte er, »weil bei ihr die eine Augenbraue nie mit der andern in einer geraden Linie, sondern immer ein wenig höher liegt und über ihr sich so ein feines, kaum bemerkbares Fältchen bildet . . . Dort, in diesem Fältchen, steckte ihre Energie.«

Mochte ihr Gesicht auch einen noch so ruhigen, heiteren Ausdruck aufweisen, diese Falte glättete sich dennoch nie, und die Braue hatte nie eine gleichmäßige Lage. Aber äußere Kraft, heftige Manieren und Neigungen besaß sie nicht. Ihre Ausdauer bei der Verfolgung ihrer Absichten und ihre Energie hatten nicht die Wirkung, sie auch nur einen Schritt über die dem echten Weibe gesetzte Grenze hinauszuführen. Sie wollte keine Salonlöwin sein, wollte nicht einen ungeschickten Verehrer mit scharfen Worten abtrumpfen, wollte nicht durch die Schnelligkeit ihres Verstandes die ganze Gesellschaft in Erstaunen versetzen, damit jemand aus einer Ecke: »Bravo, bravo!« riefe.

Sie war sogar nicht frei von der vielen Frauen eigenen Ängstlichkeit. Sie fing allerdings beim Anblick eines Mäuschens nicht an zu zittern und fiel nicht in Ohnmacht, wenn jemand einen Stuhl umstieß; aber sie fürchtete sich, sich von Hause allzu weit zu entfernen, kehrte um, wenn sie einen ihr verdächtig vorkommenden Bauer sah, und machte zur Nacht das Fenster zu, damit nicht Diebe einstiegen – alles nach Frauenart.

Ferner war sie dem Gefühle der Teilnahme und des Mitleides außerordentlich zugänglich! Es war nicht schwer, sie zu Tränen zu rühren; der Zugang zu ihrem Herzen war leicht. In der Liebe war sie überaus zärtlich; in allen ihren Beziehungen zu allen Menschen bewies sie die größte Milde und die freundlichste Aufmerksamkeit – kurz, sie war ein Weib! Manchmal glänzten in ihren Reden ironische Bemerkungen funkenartig auf; aber es lag darin doch ein solcher Schimmer von Anmut und sanfter, liebenswürdiger Klugheit, daß ein jeder sich mit Freuden zur Zielscheibe machen ließ!

Dagegen fürchtete sie sich nicht vor Zugwind und ging in der Dämmerung leicht gekleidet im Freien – das focht sie nicht an! Sie war kerngesund, aß mit gutem Appetit, hatte ihre Lieblingsgerichte und wußte auch, wie sie zubereitet werden mußten.

All das wissen viele Frauen; aber viele wissen nicht, was sie in dem einen oder anderen Falle zu tun haben, und selbst wenn sie es wissen, so ist es doch nur etwas Entlehntes, Auswendiggelerntes, und sie wissen nicht, warum sie es so und nicht anders machen, und berufen sich immer gleich auf die Autorität einer Tante oder Kusine.

Viele Frauen wissen nicht einmal selbst, was sie wollen, und wenn sie auch einen Entschluß fassen, so tun sie es in so unsicherer Weise, als ob sie nicht recht wüßten, ob sie sollten oder nicht. Das kommt wohl daher, daß ihre Augenbrauen gleichmäßig liegen, eine bogenförmige Gestalt haben und mit den Fingern zurechtgezupft sind, und daß sie keine Falte auf der Stirn haben.

Zwischen Oblomow und Olga hatten sich geheime, für andere unsichtbare Beziehungen herausgebildet: jeder Blick, jedes unbedeutende Wort, das sie in Gegenwart anderer sprachen, hatte für sie beide seine besondere Bedeutung. Sie sahen in allem eine Hindeutung auf ihre Liebe.

Auch Olga wurde manchmal trotz ihres Selbstvertrauens dunkelrot, wenn bei Tische irgendwelche Liebesaffäre erzählt wurde, die mit der ihrigen Ähnlichkeit hatte; und da alle Liebesaffären einander sehr gleichen, so kam sie recht oft in die Lage zu erröten.

Und Oblomow nahm sich bei einer Anspielung auf diesen Gegenstand in seiner Verlegenheit beim Tee auf einmal einen solchen Haufen Zwiebacke, daß unfehlbar irgend jemand loslachte.

Sie wurden scharfsichtig und behutsam. Manchmal erzählte Olga der Tante nicht, daß sie sich mit Oblomow getroffen hatte; und er erklärte zu Hause, er wolle nach der Stadt fahren, ging aber in Wirklichkeit in den Park.

Aber wie klar auch Olgas Verstand war, und wie selbstbewußt sie auch alles um sich herum anblickte, und wie frisch und gesund sie auch war; so zeigten sich doch bei ihr gewisse neue krankhafte Symptome. Es bemächtigte sich ihrer zeitweilig eine Unruhe; über die sie sich Gedanken machte, und die sie sich nicht zu erklären wußte.

Manchmal, wenn sie an einem heißen Mittage, mit Oblomow untergefaßt, dahinging, lehnte sie sich träge auf seine Schulter, ging nur mechanisch in einer Art von Ermattung weiter und schwieg beharrlich. Ihre Munterkeit war dahin; der müde, der Lebhaftigkeit ermangelnde Blick wurde regungslos, richtete sich irgendwohin auf einen Punkt, und sie war zu träge, um ihn auf einen andern Gegenstand zu wenden.

Sie hatte ein Gefühl des Druckes; es beengte ihr etwas die Brust und machte ihr Unruhe. Sie nahm die Mantille und das Halstuch ab; aber auch das half nichts; alles bedrückte und beengte sie. Sie hätte sich am liebsten unter einen Baum gestreckt und so ganze Stunden lang gelegen.

Oblomow war ganz ratlos; er fächelte ihr mit einem Zweige das Gesicht; aber sie wies seine sorgliche Bemühung durch eine ungeduldige Geste ab und quälte sich weiter.

Dann seufzte sie auf einmal, blickte mit wieder klarer Besinnung um sich, sah ihn an, drückte ihm die Hand, lächelte, gewann ihre Heiterkeit und Selbstbeherrschung wieder und lachte sogar.

Besonders eines Abends verfiel sie in diesen beunruhigenden Zustand, in einen durch die Liebe verursachten Lunatismus, und erschien ihrem Freunde in einem neuen Lichte.

Es war schwül und heiß; vom Walde her hörte man das dumpfe Rauschen des warmen Windes; der Himmel hatte sich mit schweren Wolken bedeckt. Es wurde immer dunkler und dunkler.

»Es wird Regen geben«, sagte der Baron und fuhr nach Hause.

Die Tante zog sich in ihr Zimmer zurück. Olga spielte lange, in tiefen Gedanken, Klavier; aber dann hörte sie auf. »Ich kann nicht; die Finger zittern mir; es ist mir, als sollte ich ersticken«, sagte sie zu Oblomow. »Wir wollen in den Garten gehen.«

Lange gingen sie schweigend Arm in Arm durch die Alleen. Olgas Hände waren feucht und weich. Sie traten in den Park.

Die Bäume und Büsche flossen in eine dunkle Masse zusammen; auf zwei Schritte konnte man nichts sehen; nur die mit Sand bedeckten Wege schlängelten sich wie weißliche Streifen hin.

Olga blickte starr in die Finsternis und schmiegte sich an Oblomow. Schweigend irrten sie umher.

»Ich fürchte mich!« sagte sie plötzlich zusammenfahrend, als sie, beinahe tastend, eine schmale Allee zwischen zwei schwarzen, undurchdringlichen Waldwänden entlanggingen.

»Wovor?« fragte er. »Fürchte dich nicht, Olga; ich bin bei dir.«

»Ich fürchte mich auch vor dir!« sagte sie flüsternd. »Aber es ist eine Art von angenehmer Furcht! Das Herz pocht mir heftig. Gib deine Hand her und fühle wie es schlägt.«

Aber da fuhr sie zusammen und blickte um sich.

»Siehst du wohl, siehst du wohl?« flüsterte sie, ihn mit beiden Händen fest an der Schulter fassend. »Siehst du nicht, huscht da nicht jemand im Dunkeln? . . .«

Sie drückte sich enger an ihn heran.

»Es ist niemand da . . .« sagte er; aber auch ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken.

»Decke mir recht schnell die Augen mit etwas zu . . . recht fest!« sagte sie flüsternd. ». . . So, jetzt ist es vorbei . . . Das sind die Nerven«, fügte sie aufgeregt hinzu. »Da! Da ist es wieder! Sieh, wer ist das? Wir wollen uns irgendwo auf eine Bank setzen . . .«

Er suchte tastend eine Bank und war ihr behilflich sich darauf zu setzen.

»Wir wollen nach Hause gehen, Olga!« redete er ihr zu. »Du bist krank.«

Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter.

»Nein, hier ist die Luft frischer«, sagte sie. »Ich habe Beklemmungen, da, am Herzen.«

Ihr heißer Atem streifte seine Backe.

Er berührte ihren Kopf mit der Hand – auch der Kopf glühte. Ihre Brust atmete schwer und suchte sich durch häufige Seufzer zu erleichtern.

»Wäre es nicht das Beste, wenn wir nach Hause gingen?« sagte Oblomow noch einmal beunruhigt. »Du solltest dich hinlegen . . .«

»Nein, nein, laß mich, rühre mich nicht an . . .« sagte sie matt! kaum wahrnehmbar. »Hier brennt es mir . . .« Sie zeigte auf ihre Brust.

»Nein, wirklich, laß uns nach Hause gehen . . .« drängte Oblomow.

»Nein, warte, es geht vorüber . . .«

Sie drückte ihm die Hand, blickte ihm von Zeit zu Zeit aus naher Entfernung in die Augen und schwieg lange. Dann begann sie zu weinen, anfangs leise, dann laut. Er wurde ganz fassungslos.

»Um Gotteswillen, Olga, komm schnell nach Hause!« bat er in größter Unruhe.

»Es hat nichts auf sich«, antwortete sie schluchzend. »Störe mich nicht darin; laß mich mich ausweinen . . . Die Hitze wird von den Tränen vergehen, es wird mir leichter zumute werden; das ist alles nur eine nervöse Aufregung . . .«

Er hörte in der Dunkelheit, wie sie schwer atmete, und fühlte wie ihm ihre heißen Tränen auf die Hand tropften, und wie sie ihm krampfhaft die Hand drückte.

Er bewegte keinen Finger und hielt den Atem an. Ihr Kopf lag auf seiner Schulter; ihr Atem überströmte seine Backe mit heißem Hauche . . . Er zuckte ebenfalls zusammen, wagte es aber nicht, mit den Lippen ihre Wange zu berühren.

Dann wurde sie immer stiller und stiller; ihr Atem ging gleichmäßiger . . . Sie schwieg. Er dachte, sie sei vielleicht eingeschlafen, und fürchtete sich, eine Bewegung zu machen.

»Olga!« rief er flüsternd.

»Was?« antwortete sie ebenfalls flüsternd und seufzte laut.

»Jetzt . . . jetzt ist es vorüber . . .« sagte sie matt. »Nun ist mir leichter; ich atme frei.«

»Wir wollen gehen«, sagte er.

»Ja, wir wollen gehen!« sprach sie ihm, wie widerwillig nach. »Du mein Lieber!« flüsterte sie dann zärtlich, indem sie ihm die Hand drückte, und ging, sich auf seine Schulter stützend, mit unsicheren Schritten nach Hause.

Im Saale sah er sie an: sie war schwach, aber sie lächelte in einer seltsamen, gleichsam unbewußten Art, wie im Traume.

Er ließ sie sich auf das Sofa setzen, fiel vor ihr auf die Knie und küßte ihr in tiefer Rührung mehrere Male die Hand.

Sie sah ihn, ihm ihre beiden Hände überlassend, immer noch mit demselben Lächeln an, und begleitete ihn dann mit den Augen bis zur Tür.

In der Tür wandte er sich um: sie sah ihm immer noch nach; auf ihrem Gesichte lag immer noch dieselbe Mattigkeit, dasselbe heiße Lächeln, als ob sie es nicht unterdrücken könne . . .

In tiefen Gedanken ging er fort. Er hatte dieses Lächeln schon irgendwo gesehen; er erinnerte sich an ein Bild, auf dem eine Frau mit einem solchen Lächeln dargestellt war . . . aber nicht eine Cordelia . . .

Am andern Tage schickte er hin und ließ sich nach ihrem Befinden erkundigen. Es wurde ihm zurückgeantwortet, es gehe dem Fräulein Gott sei Dank gut; er möchte doch heute zum Mittagessen kommen; und am Abend hätten sie alle vor, fünf Werst weit wegzufahren, um ein Feuerwerk anzusehen.

Er glaubte es nicht und ging selbst hin. Olga war frisch wie eine Blume: ihre Augen glänzten munter, auf ihren Wangen zeigten sich die beiden rosa Flecke; ihre Stimme klang voll und kräftig! Aber sie wurde plötzlich verlegen und schrie fast auf, als Oblomow zu ihr trat, und sie wurde ganz rot, als er fragte, wie sie sich nach dem gestrigen Abende fühle.

»Es war eine kleine Nervenaffektion«, sagte sie eilig. »Ma tante sagt, ich müßte mich früher hinlegen. Ich habe das erst seit kurzem . . .«

Sie sprach nicht zu Ende und wandte sich ab, als bäte sie um Schonung. Aber warum sie eigentlich verlegen war, das wußte sie selbst nicht. Warum verursachte die Erinnerung an den gestrigen Abend und an diese Nervenaffektion ihr einen nagenden, brennenden Schmerz?

Sie schämte sich über etwas und ärgerte sich über etwas, halb über sich selbst, halb über Oblomow. In manchen Augenblicken aber schien es ihr, als sei Oblomow ihr noch lieber geworden, ihr noch näher getreten, als fühle sie sich zu ihm so stark hingezogen, daß sie weinen möchte, und als sei sie zu ihm seit dem gestrigen Abend in eine Art von geheimnisvoller Verwandtschaft getreten . . .

Lange Zeit schlief sie nicht ordentlich, lange Zeit ging sie des Morgens aufgeregt in der Allee hin und her, vom Hause nach dem Parke und wieder zurück, dachte und dachte und verlor sich in Vermutungen; bald machte sie ein finsteres Gesicht, bald wurde sie plötzlich dunkelrot, lächelte über etwas und konnte keinen Entschluß fassen. »Ach, Sonitschka!« dachte sie ärgerlich; »wie glücklich bist du! Du würdest sogleich zu einem Entschlusse kommen!«

Und Oblomow? Warum war er ihr gegenüber gestern stumm und regungslos gewesen, obwohl ihr Atem seine Backe mit Glut überströmte und ihre heißen Tränen ihm auf die Hand tropften und er sie beinah in seinen Armen nach Hause trug und das verräterische Pochen ihres Herzens hörte? . . . Was hätte ein andrer getan? Andre sehen so dreist aus . . .

Obgleich Oblomow seine Jugend in einem Kreise von jungen Leuten verlebt hatte, die alles wußten, alle Lebensfragen schon längst gelöst hatten, an nichts mehr glaubten und alles kalt und weise kritisierten, so war doch in seiner Seele ein warmer Glaube an Freundschaft, Liebe und Ehrenhaftigkeit lebendig geblieben, und so oft er sich auch in den Menschen geirrt hatte, hatte doch nur sein Herz dabei gelitten, aber das Fundament des Guten und der Glaube daran war kein einziges Mal erschüttert worden. Er hatte sich im stillen vor der Reinheit des Weibes gebeugt, ihre Macht und ihre Rechte anerkannt und ihr Opfer gebracht. Aber er hatte nicht Charakterfestigkeit genug besessen, um die Lehre von der Tugend und von der Achtung vor der Unschuld offen zu bekennen. Im stillen hatte er sich an ihrem Dufte berauscht; aber öffentlich hatte er sich manchmal zu dem Chore der Zyniker gestellt, die sogar vor dem Verdachte bangten, daß sie keusch seien oder vor der Keuschheit Achtung empfänden, und hatte zu ihren zügellosen Reden auch seinerseits leichtfertige Äußerungen hinzugefügt.

Er hatte es sich nie ordentlich klar gemacht, wieviel ein Wort der Tugend, der Wahrheit und der Reinheit wiegt, wenn es in den Strom der landläufigen Reden hineingeworfen wird, welche tiefe Wirkung es hervorbringen kann; er hatte nicht bedacht, daß ein solches Wort, wenn es mutig und laut, ohne falsche Schamröte, sondern mit Mannhaftigkeit ausgesprochen wird, nicht in dem häßlichen Geschrei der weltmännischen Satyrn untergeht, sondern wie eine Perle auf den tiefen Grund des gesellschaftlichen Lebens hinabsinkt und sich immer für dasselbe eine Muschel findet.

Viele stocken schamrot bei einem tugendhaften Worte, während sie ein leichtfertiges Wort kühn und laut aussprechen, ohne zu ahnen, daß auch dieses leider nicht wirkungslos verklingt, sondern eine lange Spur übler, manchmal gar nicht wieder gutzumachender Folgen hinter sich läßt.

Dagegen war Oblomow ehrenfest gewesen in seinem Handeln: er brauchte sich nicht vorzuwerfen, in kalter, herzloser Weise ohne Affekt und ohne inneren Kampf eine zynische Tat begangen zu haben; von solchen Flecken war sein Gewissen rein. Es hatte ihm widerstanden, die täglichen Gespräche mit anzuhören: wie der eine seine Pferde und seine Möbel und ein anderer seine Geliebte gewechselt habe, und welche Ausgaben durch diesen Wechsel entstanden seien . . . Mehr als einmal war es ihm ein tiefer Schmerz gewesen, zu sehen, daß ein Mann seine Ehre und Würde einbüßte; mehr als einmal hatte er über den schmählichen Fall einer ihm fremden Frau geweint; aber er hatte aus Furcht vor der weltmännischen Gesellschaft geschwiegen.

Das mußte man erraten; und Olga erriet es.

Die Männer lachen über solche Sonderlinge; aber die Frauen erkennen sie sofort; die reinen, keuschen Frauen lieben sie, aus Mitgefühl; die verderbten aber suchen sich ihnen zu nähern, um sich an ihnen zu erfrischen und sich von ihrer Verderbtheit zu erholen.

Der Sommer rückte weiter vor und verging. Die Morgen und die Abende wurden dunkel und feucht. Nicht nur der Flieder, sondern auch die Linden hatten abgeblüht; auch mit den Beeren war es vorbei. Oblomow und Olga sahen einander täglich.

Er holte das Leben ein, das heißt, er machte sich alles das wieder zu eigen, was er schon längst hatte beiseite liegen lassen; er wußte nun, warum der französische Gesandte aus Rom abgereist war, und warum die Engländer Schiffe mit Truppen nach dem Osten schickten; er interessierte sich dafür, wenn in Deutschland oder Frankreich eine neue Eisenbahn gebaut wurde. Aber die Anlegung einer Fahrstraße über Oblomowka nach dem großen Marktflecken zog er nicht in Erwägung, ließ sich auf dem Gericht keine Vollmacht beglaubigen und schickte seinem Freunde Stolz auf dessen Briefe keine Antwort.

Er machte sich nur das zu eigen, was innerhalb des Kreises der in Olgas Hause geführten täglichen Gespräche lag, und was in den dort gehaltenen Zeitungen stand; auch verfolgte er, dank dem energischen Drängen von Seiten Olgas, ziemlich fleißig die Neuerscheinungen der ausländischen Literatur. Alles Übrige ging in der Sphäre der reinen Liebe unter. Trotz der zahlreichen wechselnden Nuancen in dieser rosigen Atmosphäre bildete den Hauptcharakter derselben doch die Wolkenlosigkeit des Himmels.

Freilich, wenn es manchmal vorkam, daß Olga sich über Oblomow und über ihre Liebe zu ihm Gedanken machte, wenn diese Liebe unausgefüllte Zeit und unausgefüllten Raum in ihrem Herzen übrigließ, wenn ihre Fragen nicht sämtlich in seinem Kopfe eine vollständige, stets schlagfertige Antwort fanden und sein Wille auf einen Anruf von Seiten ihres Willens schwieg und er auf ihre Frische und Lebhaftigkeit nur mit einem regungslosen, leidenschaftlichen Blicke antwortete: dann versank sie in eine bedrückende Melancholie; etwas Kaltes glitt wie eine Schlange in ihr Herz, versetzte sie aus ihren schönen Träumereien in die nüchterne Wirklichkeit, und die warme Märchenwelt der Liebe verwandelte sich dann in einen Herbsttag, an dem alle Gegenstände in grauer Farbe erscheinen.

Sie suchte zu erkennen, woher es komme, daß ihr Glück kein vollständiges sei und sie nicht vollkommen befriedige. Was mangelte ihr denn? Was wollte sie noch mehr? Das war ja ihr Schicksal und ihre Bestimmung, Oblomow zu lieben. Diese Liebe wurde gerechtfertigt durch seine Sanftheit, durch seinen reinen Glauben an das Gute, ganz besonders aber durch seine Zärtlichkeit, eine Zärtlichkeit, wie sie sie noch nie in den Augen eines Mannes gesehen hatte.

Was machte es aus, daß er nicht auf jeden ihrer Blicke mit einem verständnisvollen Blicke antwortete, daß seine Stimme manchmal nicht jenen Klang hatte, den sie schon früher einmal halb im Traum, halb wachend gehört hatte . . . Das war Einbildung, Nerven; wozu auf die Nerven achten und grübeln?

Und schließlich, selbst wenn sie sich hätte von dieser Liebe freimachen wollen, wie sollte sie es anfangen? Es war nun einmal eine vollendete Tatsache: sie liebte ihn bereits, und die Liebe wie ein Kleid nach Belieben von sich zu werfen, das war unmöglich. »Man liebt nicht zweimal im Leben«, dachte sie; »das ist unmoralisch, sagt man . . .«

So studierte sie die Liebe, prüfte sie sorgsam, begrüßte jede neue Phase derselben mit einer Träne oder mit einem Lächeln und dachte über sie nach. Dann zeigte sich auf ihrem Gesichte jener in sich gekehrte Ausdruck, unter welchem sich sowohl Tränen als auch ein Lächeln verbargen, und über welchen Oblomow sich so ängstigte.

Aber von diesen Gedanken und von diesem inneren Ringen machte sie Oblomow keine Andeutungen.

Oblomow studierte die Liebe nicht; er überließ sich jenem wonnigen Hindämmern, von dem er seinem Freunde Stolz einstmals laut etwas vorphantasiert hatte. Zeitweilig begann er an ein stets wolkenloses Leben zu glauben und träumte wieder von Oblomowka, wie es von gutmütigen, freundschaftlich gesinnten, sorglosen Menschen bevölkert sein werde, und wie er auf der Terrasse sitzen und, von der Fülle seines Glückes befriedigt, seinen Gedanken nachhängen werde. Auch jetzt überließ er sich manchmal diesen Gedanken und schlief sogar, heimlich vor Olga, ein paarmal im Walde ein, wenn er auf sie wartete und sie sich verspätete . . . da kam plötzlich und unerwartet eine Wolke herbeigeflogen.

Eines Tages kehrten sie beide von irgendwo langsam und schweigend zurück und wollten gerade die Landstraße überschreiten, als ihnen eine Staubwolke entgegenkam und in der Staubwolke eine schnell fahrende Kutsche. In der Kutsche aber saß Sonitschka mit ihrem Manne und noch ein Herr und noch eine Dame . . .

»Olga! Olga! Olga Sergejewna!« riefen einige von ihnen. Die Kutsche hielt. Alle diese Herren und Damen stiegen aus, umringten Olga, begannen sie zu begrüßen und zu küssen und redeten dann längere Zeit, ohne Oblomow zu beachten. Dann sahen ihn alle auf einmal an, der eine Herr durch seine Lorgnette.

»Wer ist das?« fragte Sonitschka leise.

»Ilja Iljitsch Oblomow!« stellte ihn Olga vor.

Alle gingen zusammen zu Fuß nach Hause. Oblomow war verstimmt; er blieb hinter der Gesellschaft zurück und wollte schon über einen niedrigen Flechtzaun steigen, um sich durch den Roggen nach Hause zu schleichen. Aber Olga hielt ihn durch einen Blick davon zurück.

Das wäre noch nicht schlimm gewesen; aber alle diese Herren und Damen blickten ihn so seltsam an; auch das würde vielleicht noch nicht schlimm gewesen sein. Früher hatten die Leute infolge seines schläfrigen, gelangweilten Blickes und seiner nachlässigen Kleidung ihn gar nicht anders anzusehen gepflegt.

Aber diesen selben seltsamen Blick übertrugen die Herren und Damen von ihm auch auf Olga. Von diesem befremdeten Blicke, den sie auf Olga richteten, verspürte er auf einmal ein Gefühl der Kälte am Herzen, einen so qualvollen, nagenden Schmerz, daß er es nicht aushielt, sondern nach Hause ging und den ganzen Abend über in sich gekehrt und düster war.

Auch am andern Tage konnten Olgas liebenswürdiges Geplauder und freundliche Ausgelassenheit ihn nicht aufheitern. Auf ihre beharrlichen Fragen mußte er sich mit Kopfschmerz herausreden und ließ sich geduldig für fünfundsiebzig Kopeken Eau de Cologne auf den Kopf gießen.

Und dann, wieder einen Tag später, als er mit Olga spät nach Hause zurückkehrte, da blickte die Tante sie beide und besonders ihn so überaus schlau an, ließ dann ihre großen, etwas geschlossenen Augenlider herabsinken, durch die die Augen quer hindurch zu blicken schienen, und hielt sich ein Weilchen ihr Riechfläschchen nachdenklich an die Nase.

Oblomow stand Qualen aus, aber er schwieg. Der Geliebten seine Zweifel anzuvertrauen, konnte er sich nicht entschließen; er fürchtete, sie zu beunruhigen und zu erschrecken, und, um die Wahrheit zu sagen, er fürchtete auch für sich selbst; er fürchtete, diesen stillen, wolkenlosen Frieden durch eine Frage von so strengem Ernste zu stören.

Die Frage war jetzt nicht mehr, ob sie ihn, Oblomow, durch einen Irrtum oder nicht durch einen Irrtum liebgewonnen habe, sondern ob nicht seine und ihre ganze Liebe, diese Zusammenkünfte im Walde, unter vier Augen, manchmal spät abends, auf einem Irrtum beruhten.

»Ich habe sie zu küssen versucht«, dachte er voller Entsetzen, »und das ist nach dem Moralkodex ein Kriminalverbrechen, und zwar kein kleines, kein unbedeutendes! Vor ihm gibt es noch viele Vorstufen: einen Händedruck, ein Geständnis, einen Brief . . . Das haben wir alles durchgemacht. Aber«, dachte er weiter indem er den Kopf aufrichtete, »meine Absichten waren ehrenhaft; ich . . .«

Und plötzlich verschwand die Wolke; vor ihm tat sich hell und festtäglich Oblomowka auf, in strahlendem Sonnenschein, mit seinen grünen Hügeln und dem silbernen Flüßchen; und er ging mit Olga, den Arm um ihre Taille gelegt, in Gedanken vertieft, die lange Allee entlang, saß mit ihr in der Laube, auf der Terrasse . . .

Um sie herum neigten alle in tiefer Ehrfurcht den Kopf – kurz, alles war so, wie er es zu Stolz gesagt hatte.

»Ja, ja, aber damit hätten wir beginnen sollen!« dachte er wieder voll Angst. »Das dreimalige ›Ich liebe Sie‹ und der Fliederzweig und das Geständnis, all das muß das Unterpfand eines das ganze Leben hindurch dauernden Glückes sein und darf sich bei einer reinen Frau nicht wiederholen. Was bin ich denn? Wer bin ich?« fragte er sich, und es war ihm dabei, als schlüge ihn jemand mit einem Hammer auf den Kopf.

»Ich bin ein Verführer, ein Courmacher! Es fehlt nur noch, daß ich wie so ein häßlicher alter Seladon mit sinnlichen Augen und roter Nase eine einer Frau entwendete Rose ins Knopfloch stecke und einem Freunde etwas von meinem Siege ins Ohr flüstere, um . . . um . . . Ach, mein Gott, wohin ist es mit mir gekommen! Da ist der Abgrund! Auch Olga fliegt nicht hoch über ihm, sondern liegt auf seinem Grunde . . . womit hat sie das verdient, womit hat sie das verdient . . .«

Er wurde ganz schwach und matt und weinte wie ein Kind darüber, daß auf einmal die Regenbogenfarben seines Lebens verblaßt seien und Olga das Opfer sein werde. Seine ganze Liebe erschien ihm als ein Verbrechen, als ein Fleck auf dem Gewissen.

Dann beruhigte sich der aufgeregte Geist für eine kleine Weile, da Oblomow sich sagte, daß dies alles zu einem gesetzlichen Abschluß kommen werde; er werde Olga die Hand mit dem Ringe hinstrecken . . .

»Ja, ja«, sagte er vor Freude zitternd, »und ein Blick verschämter Einwilligung wird die Antwort sein . . . Sie wird kein Wort sagen; sie wird erröten, in tiefster Empfindung lächeln; dann wird ihr Blick sich mit Tränen füllen . . .«

Tränen und Lächeln, eine schweigend hingestreckte Hand, dann eine starke, lebhafte Freude, eine glückselige Hast in den Bewegungen, dann ein langes, langes Gespräch, ein Flüstern unter vier Augen, dieses vertrauliche Flüstern der Seelen, ein geheimnisvoller Vertrag, durch den zwei Leben zu einem einzigen verschmolzen werden!

Bei Kleinigkeiten, bei Gesprächen über gewöhnliche Dinge wird, niemandem als ihnen sichtbar, ihre gegenseitige Liebe durchschimmern. Und niemand wird es wagen, sie beide auch nur mit einem Blicke zu kränken . . .

Auf einmal wurde sein Gesicht sehr ernst und würdevoll.

»Ja!« sagte er zu sich selbst, »das ist sie, die Welt des wahren, edlen, dauernden Glückes! Bisher schämte ich mich, knabenhaft diese Blumen zu pflücken und den Duft der Liebe einzuatmen, Rendezvous zu verabreden, Spaziergänge bei Mondschein zu machen, das Klopfen eines jungfräulichen Herzens zu fühlen und ihre schüchternen Zukunftsträumereien kennenzulernen . . . O Gott!«

Er wurde rot bis über die Ohren.

»Noch heute abend soll Olga erfahren, welche strengen Pflichten die Liebe auferlegt; heute wird das letzte Zusammensein unter vier Augen stattfinden, heute . . .«

Er legte die Hand auf sein Herz; es klopfte stark, aber gleichmäßig, wie es bei ehrenhaften Menschen klopfen muß. Darauf geriet er wieder in Aufregung bei dem Gedanken, daß Olga zuerst traurig sein werde, wenn er ihr sage, daß sie einander nicht mehr allein sehen dürften. Dann würde er ihr schüchtern seine Absicht auseinandersetzen, vorher aber noch ihre Anschauungsweise in Erfahrung bringen und an ihrer Verlegenheit seine Freude haben; aber dann . . .

Ferner malte er sich ihre verschämte Einwilligung aus, ihr Lächeln und ihre Tränen, die schweigend hingestreckte Hand, das lange geheime Flüstern und den ersten Kuß vor den Augen der ganzen Welt.

 

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