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Iwan Gontscharow: Oblomow - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/gontscha/oblomow/oblomow.xml
typefiction
authorIwan Gontscharow
titleOblomow
publisherAnaconda
year2010
isbn978-3-86647-478-9
firstpub1859
translatorHermann Röhl
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120612
modified20170607
projectida9997c9c
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VIII.

Dieser ganze Tag war für Oblomow ein Tag fortwährender Enttäuschungen. Er verbrachte ihn mit Olgas Tante zusammen, einer sehr klugen, feinen Dame; diese war immer schön gekleidet: sie trug immer ein neues, ihr vorzüglich sitzendes seidenes Kleid und einen eleganten Spitzenkragen; auch die Haube war geschmackvoll gearbeitet und die Bänder in koketter Weise zu ihrem fast fünfzigjährigen, aber noch frischen Gesichte passend ausgesucht. An einem Kettchen hing eine goldene Lorgnette.

Ihre Stellungen und Bewegungen waren voll Würde; sie drapierte sich sehr geschickt in einen kostbaren Schal, stützte sich gelegentlich mit dem Ellbogen auf ein gesticktes Kissen und streckte sich majestätisch auf dem Sofa aus. Man sah sie nie mit einer Arbeit beschäftigt: sich zu bücken, zu nähen, sich mit geringen Dingen abzugeben, das paßte nicht zu ihrem Gesichte und zu ihrer würdevollen Figur. Auch ihre Befehle erteilte sie den Dienern und Dienerinnen in lässigem Tone, kurz und trocken.

Sie las manchmal, schrieb niemals, sprach aber gut, jedoch meist französisch. Indessen hatte sie sofort gemerkt, daß Oblomow das Französische nicht mit voller Freiheit beherrschte, und war daher gleich am zweiten Tage zum Russischen übergegangen.

Im Gespräche ließ sie sich weder auf phantastische Träumereien noch auf rechthaberische Debatten ein; sie schien in ihrem Kopfe eine strenge Grenzlinie gezogen zu haben, die ihr Verstand niemals überschritt. Aus allem war zu ersehen, daß das Gefühl und allerlei Arten von Zuneigung, die Liebe nicht ausgeschlossen, in ihrem Leben nur in gleicher Weise wie andere Elemente ihren Platz einnahmen oder eingenommen hatten, während man bei anderen Frauen gleich auf den ersten Blick sieht, daß die Liebe, wenn nicht tatsächlich, so doch in ihren Reden bei allen Lebensfragen mitspricht, und daß alles andere nur nebenbei einen Platz findet, soweit die Liebe ihm einen solchen übrig läßt.

Bei dieser Frau stand im Vordergrunde die Kunst zu leben, sich selbst zu regieren, das Denken mit dem Wollen und das Wollen mit dem Ausführen im Gleichgewichte zu halten. Es war unmöglich, sie unvorbereitet zu überrumpeln; sie glich einem achtsamen Feinde, dessen erwartungsvollen Blick man immer auf sich gerichtet findet, mag man sich auch noch so viel Mühe geben, ihn zu belauern.

Ihr Element war die vornehme Gesellschaft, und daher befleißigte sie sich vor jedem Gedanken, vor jedem Worte und vor jeder Bewegung einer taktvollen Vorsicht.

Nie gewährte sie jemandem einen Einblick in die verborgenen Regungen ihres Herzens; niemandem vertraute sie die Geheimnisse ihrer Seele an; man sah nie bei ihr eine gute Freundin oder eine alte Frau, mit der sie bei einem Täßchen Kaffee geflüstert hätte. Nur mit dem Baron v. Langwagen war sie oft unter vier Augen zusammen, und abends saß er manchmal bis Mitternacht bei ihr, aber fast immer in Olgas Beisein; und dabei schwiegen sie meist; aber sie schwiegen in einer gewissen bedeutsamen, klugen Art, als wüßten sie etwas, was andere nicht wüßten; weiter taten sie nichts.

Sie schienen gern zusammen zu sein – das war der einzige Schluß, den man ziehen konnte, wenn man sie beide ansah; sie verkehrte mit ihm ebenso wie mit andern, wohlwollend und freundlich, aber ebenso gleichmäßig und ruhig.

Böse Zungen benutzten dies und wiesen auf eine alte Freundschaft und auf eine gemeinsame Reise ins Ausland hin; aber in den Beziehungen der Tante zu ihm war auch nicht ein Schatten irgendwelcher geheimen besonderen Zuneigung wahrnehmbar; wäre aber eine solche vorhanden gewesen, so hätte sie sich doch mit Notwendigkeit äußern müssen.

Zudem war er der Kurator des kleinen Gutes, welches Olga gehörte; dieses war bei einem Lieferungskontrakte verpfändet worden und immer noch mit Beschlag belegt.

Der Baron führte den Prozeß, das heißt, er veranlaßte einen Beamten, die nötigen Schriftsätze abzufassen, las sie durch seine Lorgnette, unterschrieb sie und schickte diesen selben Beamten mit ihnen zu den Gerichtsbehörden; er selbst aber sorgte mittels seiner Verbindungen in der vornehmen Welt dafür, daß der Prozeß einen befriedigenden Gang nahm. So war denn zu hoffen, daß er bald glücklich werde beendet werden. Dieser Umstand brachte die bösen Gerüchte zum Schweigen, und man gewöhnte sich, den Baron bei seinem Verkehr im Hause wie einen Verwandten anzusehen.

Er war etwa fünfzig Jahre alt, aber noch sehr frisch, färbte sich nur den Schnurrbart und hinkte ein wenig auf dem einen Fuße. Er war von der feinsten Höflichkeit, rauchte nie in Damengesellschaft, schlug nie ein Bein über das andere und tadelte streng die jungen Männer, die es sich in Gesellschaft erlaubten, sich in den Lehnstuhl zurückzuwerfen und Knie und Stiefel bis zur Höhe der Nase zu heben. Auch wenn er im Zimmer saß, hatte er die Handschuhe an; er zog sie nur aus, wenn er sich zu Tische setzte.

Gekleidet war er immer nach dem neuesten Geschmacke und trug im Knopfloch seines Frackes eine Menge Ordensbändchen. Er fuhr immer in einer Kutsche und schonte die Pferde außerordentlich: wenn er in den Wagen stieg, ging er vorher rings um ihn herum und besah das Geschirr und sogar die Hufe der Pferde; manchmal zog er sogar sein weißes Taschentuch heraus und rieb damit an der Schulter oder am Rücken der Pferde, um zu sehen, ob sie auch gut geputzt seien.

Einem Bekannten trat er mit einem freundlichen, höflichen Lächeln entgegen, einem Unbekannten zunächst kühl; aber wenn dieser ihm vorgestellt wurde, so trat an die Stelle des kühlen Wesens ebenfalls ein Lächeln, und der Vorgestellte konnte auf dieses Lächeln immer schon im voraus rechnen.

Er sprach über alle möglichen Themata: über die Tugend und über die Teuerung und über die Wissenschaften und über die Gesellschaft, immer mit gleicher Bedachtsamkeit; er drückte seine Meinung in klaren, präzisen Sätzen aus, als spräche er in schon fertigen Sentenzen, die zu einem Lehrbuche zusammengestellt und als Leitfaden für jedermann herausgegeben wären.

Olgas Verhältnis zur Tante war bisher von sehr einfacher, ruhiger Art gewesen; was Zärtlichkeit anlangt, so überschritt dasselbe nie die Grenzen der Mäßigkeit; niemals legte sich auch nur der Schatten einer Mißstimmung zwischen sie.

Dies kam teils von dem Charakter Marja Michailownas, der Tante Olgas, her, teils von dem vollständigen Mangel eines jeden Anlasses für beide, sich anders zu benehmen. Es kam der Tante nicht in den Sinn, von Olga etwas zu verlangen, was deren Wünschen entschieden widersprochen hätte; und der Nichte fiel es nicht im Traume ein, einen Wunsch der Tante unerfüllt, einen Rat derselben unbefolgt zu lassen.

Und wobei äußerten sich diese Wünsche? Bei der Wahl eines Kleides oder einer Frisur oder zum Beispiel bei der Frage, ob sie in das Französische Theater oder in die Oper fahren sollten.

Olga gehorchte, soweit die Tante einen Wunsch äußerte oder einen Rat aussprach, keineswegs darüber hinaus; die Tante aber äußerte ihre Wünsche und Ratschläge immer mit einer bis zur Trockenheit gehenden Mäßigung, nur soweit es ihre Rechte als Tante gestatteten, niemals in weiterem Umfange.

Dieses Verhältnis war so farblos, daß man nicht entscheiden konnte, ob es im Charakter der Tante lag, von Olga Gehorsam und eine besondere Zärtlichkeit zu beanspruchen, oder in Olgas Charakter, ihr Gehorsam und eine besondere Zärtlichkeit zu erweisen.

Aber schon beim ersten Mal, wenn man die beiden zusammen sah, konnte man erkennen, daß sie Tante und Nichte waren, nicht etwa Mutter und Tochter.

»Ich fahre nach dem Modemagazin; brauchst du etwas?« fragte die Tante wohl.

»Ja, ma tante, ich muß mein lila Kleid umändern lassen«, antwortete Olga, und sie fuhren zusammen hin. Oder Olga sagte: »Nein, ma tante, ich bin erst kürzlich dagewesen.«

Die Tante faßte sie mit zwei Fingern an beide Wangen und küßte sie auf die Stirn; Olga aber küßte der Tante die Hand. Dann fuhr die eine fort, und die andre blieb zu Hause.

»Wir mieten wieder dasselbe Landhaus?« sagte die Tante, weder als Fragesatz noch als Aussagesatz, sondern so, als ob sie es bei sich selbst überlege und sich nicht entscheiden könne.

»Ja, da ist es sehr hübsch«, sagte Olga.

Und das Landhaus wurde gemietet.

Wenn aber Olga sagte: »Ach, ma tante, sind Ihnen dieser Wald und dieser Sand denn wirklich nicht langweilig geworden? Wollen wir uns nicht lieber in einer andern Gegend umsehen?« dann erwiderte die Tante: »Schön, tun wir das!«

»Wollen wir ins Theater fahren, liebe Olga?« fragte die Tante; »es wird von diesem Stücke schon seit längerer Zeit viel Gerede gemacht.«

»Mit Vergnügen«, antwortete Olga, aber ohne besonderen Eifer, der Tante einen Gefallen zu tun, und ohne einen Ausdruck von Unterwürfigkeit.

Manchmal stritten sie sich auch ein bißchen.

»Ich bitte dich, ma chère, diese grünen Bänder stehen dir doch nicht«, sagte die Tante; »nimm doch die strohgelben.«

»Ach, ma tante, die strohgelben habe ich nun schon sechsmal angehabt; die werden einem schließlich doch über.«

»Na, dann nimm die penseefarbenen.«

»Diese hier gefallen Ihnen nicht?«

Die Tante betrachtete die Bänder genau und schüttelte langsam den Kopf.

»Tu, was du willst, ma chère; aber ich würde an deiner Stelle die penseefarbenen oder die strohgelben nehmen.«

»Nein, ma tante, ich nehme doch lieber diese«, erwiderte Olga sanft und nahm, was sie wollte.

Olga fragte die Tante um Rat, nicht wie eine Autorität, deren Ausspruch für sie Gesetz sein mußte, sondern so, wie sie jede andere ihr an Erfahrung überlegene Frau um Rat gefragt haben würde.

»Ma tante, Sie haben ja dieses Buch gelesen – ist etwas daran?« fragte sie.

»Ach, es ist ekelhaftes Zeug!« sagte die Tante und schob das Buch beiseite, ohne es jedoch zu verstecken und ohne irgendwelche Maßregeln zu ergreifen, damit Olga es nicht läse. Und dieser wäre es dann nie in den Sinn gekommen, es zu lesen. Wenn sie beide in Zweifel waren, so wurde die selbe Frage dem Baron v. Langwagen oder Stolz vorgelegt, wenn dieser da war, und das Buch wurde nach deren Ausspruche entweder gelesen oder nicht gelesen.

»Ma chère Olga!« sagte die Tante wohl: »Über diesen jungen Mann, der sich dir bei Sawadkis häufig nähert, ist mir gestern etwas erzählt worden, eine häßliche Geschichte.«

Weiter sagte sie nichts. Olga aber konnte dann tun, was sie wollte: mit ihm sprechen oder nicht.

Oblomows Erscheinen im Hause regte keinerlei Fragen an und rief keine besondere Beachtung hervor, weder bei der Tante, noch bei dem Baron, nicht einmal bei Stolz. Der letztere wollte seinen Freund in ein Haus einführen, wo alles etwas förmlich zuging, wo man nicht aufgefordert wurde nach Tische zu schlafen, ja, wo es nicht einmal für passend galt, ein Bein über das andere zu schlagen, wo man gut und sauber gekleidet sein und auf die Wahl passender Gesprächsthemata bedacht sein mußte, kurz, wo man nicht träumen, nicht in Schlaffheit versinken durfte, und wo immer ein lebhaftes Gespräch über aktuelle Gegenstände im Gange war.

Ferner dachte Stolz, wenn er in Oblomows Dasein die Gesellschaft eines jungen, sympathischen, klugen, lebhaften und etwas spottlustigen Mädchens hineinbrächte, so würde das dasselbe sein, wie wenn man in ein dunkles Zimmer eine Lampe stellt, die in alle dunklen Ecken ein gleichmäßiges Licht ergießt, die Temperatur um einige Grade erhöht und dem ganzen Zimmer einen heiteren Charakter verleiht.

Das war der ganze Effekt, den er anstrebte, als er seinen Freund mit Olga bekannt machte. Er sah nicht voraus, daß er damit ein Feuerwerk veranstaltete, und Olga und Oblomow ahnten das noch weniger.

Ilja Iljitsch saß mit der Tante etwa zwei Stunden lang zeremoniös zusammen, legte kein einziges Mal ein Bein über das andere und redete wohlanständig über alles Mögliche; er schob ihr sogar zweimal geschickt die Fußbank unter die Füße.

Der Baron kam, lächelte höflich und drückte ihm freundlich die Hand.

Oblomow benahm sich noch förmlicher, und alle drei waren miteinander so zufrieden, wie man es sich nur wünschen konnte.

Die Tante hatte Oblomows Gespräche mit Olga in den Zimmerecken und seine Spaziergänge mit ihr beachtet oder, richtiger gesagt, sie hatte sie gar nicht beachtet.

Spaziergänge mit einem jungen Manne, einem Stutzer – das wäre etwas anderes gewesen; sie würde auch dann nichts gesagt, sondern mit dem ihr eigenen Takte der Sache eine andere Gestalt gegeben haben: sie wäre selbst ein- oder zweimal mit ihnen mitgegangen oder hätte irgendeinen Dritten mitgeschickt, und die Spaziergänge hätten von selbst aufgehört. Aber »mit Monsieur Oblomow« spazierenzugehen und mit ihm in einer Ecke des großen Saales oder auf dem Balkon zusammen zu sitzen . . . was war dabei? Er hatte schon das dreißigste Lebensjahr überschritten; es war nicht zu erwarten, daß er Torheiten mit ihr reden oder ihr Bücher einer gewissen Art geben werde . . . Daran konnte überhaupt niemand denken.

Zudem hatte die Tante gehört, wie Stolz am Tage vor seiner Abreise zu Olga gesagt hatte, sie solle nicht dulden, daß Oblomow so vor sich hin dämmere; sie solle ihm das Schlafen verbieten, ihn quälen, ihn tyrannisieren, ihm allerlei Aufträge geben, kurz, ihn in Zucht halten. Auch sie, die Tante, hatte er gebeten, Oblomow nicht aus den Augen zu lassen, ihn möglichst oft einzuladen, ihn zu Spaziergängen und Spazierfahrten heranzuziehen und ihn auf jede Weise in Bewegung zu setzen, wenn er nicht ins Ausland fahre.

Olga ließ sich nicht blicken, während er bei der Tante saß, und die Zeit verging nur langsam. Oblomow fühlte, wie es ihn wieder bald heiß, bald kalt überlief. Jetzt ahnte er bereits die Ursache dieser Veränderung in Olgas Benehmen. Diese Veränderung war ihm noch schmerzlicher und peinlicher als die frühere.

Nach seiner ersten Übereilung hatte er nur Furcht und Scham empfunden; aber jetzt fühlte er sein Herz von einem unbehaglichen, erkältenden, traurigen Gefühle bedrückt, wie bei feuchtem, regnerischem Wetter. Er hatte ihr zu verstehen gegeben, daß er von ihrer Liebe zu ihm etwas erraten habe; aber vielleicht hatte er damit noch falsch geraten. Das war dann wirklich eine kaum wieder gut zu machende Beleidigung gewesen. Aber auch wenn er das Richtige getroffen hatte, wie ungeschickt hatte er sich benommen! Er war einfach ein Laffe gewesen.

Vielleicht hatte er das Gefühl verscheucht, das schüchtern an das junge, jungfräuliche Herz gepocht, sich behutsam und leicht wie ein Vögelchen auf einen Zweig gesetzt hatte: ein fremder Laut, ein Rascheln, und es fliegt davon.

Mit Zittern und Herzklopfen wartete er darauf, was Olga, wenn sie zu Tische herunterkomme, sagen werde, und wie sie es sagen und wie sie ihn ansehen werde . . .

Sie kam herunter, und er konnte sich bei ihrem Anblicke gar nicht genug wundern; er erkannte sie kaum wieder. Sie hatte ein anderes Gesicht, sogar eine andere Stimme.

Das jugendliche, naive, beinah kindliche Lächeln erschien kein einziges Mal auf ihren Lippen; kein einziges Mal sah sie ihn wie früher mit weit geöffneten Augen an, in denen entweder eine Frage oder Erstaunen oder eine gutmütige Neugier zum Ausdruck kam; jetzt war es, als hätte sie nach nichts zu fragen, nichts in Erfahrung zu bringen, sich über nichts zu wundern!

Ihr Blick folgte ihm nicht wie früher. Sie sah ihn an, wie wenn sie ihn schon längst kennte, ihn auswendig wüßte, ja, wie wenn er für sie ohne jede Bedeutung wäre, gerade so wie der Baron – kurz, es war, als hätte er sie ein Jahr lang nicht gesehen und sie wäre während dieses Jahres sehr viel reifer geworden.

Es war in ihrem Wesen nichts von Strenge, nichts von dem gestrigen Ärger; sie scherzte und lachte sogar und antwortete umständlich auf Fragen, auf die sie früher überhaupt nicht geantwortet hätte. Es war zu sehen, daß sie sich zwingen wollte zu tun, was die andern taten, und was sie selbst früher nicht getan hatte. Von der Freiheit und Ungeniertheit, mit der sie sich erlaubt hatte, alles auszusprechen, was ihr in den Sinn kam, war nichts mehr vorhanden. Wo war das alles auf einmal geblieben?

Nach Tische trat er zu ihr und fragte sie, ob sie nicht Lust hätte, spazierenzugehen. Ohne ihm zu antworten, wandte sie sich an die Tante mit der Frage:

»Wollen wir« (so!) »einen Spaziergang machen?«

»Höchstens einen kleinen«, erwiderte die Tante. »Laß mir meinen Sonnenschirm bringen.«

So gingen sie denn alle zusammen. Sie gingen langsam, blickten in die Ferne, nach Petersburg, wendeten, als sie zum Walde gelangt waren, um und kehrten auf den Balkon zurück.

»Sie sind wohl heute nicht zum Singen aufgelegt? Ich fürchte mich sogar, Sie darum zu bitten«, sagte Oblomow; er wartete darauf, ob dieses gezwungene Benehmen nicht ein Ende nehmen, ob sie nicht zu ihrer Heiterkeit zurückkehren, ob nicht wenigstens in einem Worte, in einem Lächeln und endlich im Gesange ein Strahl von Herzlichkeit, Naivität und Vertraulichkeit aufleuchten werde.

»Es ist zu heiß!« bemerkte die Tante.

»Das tut nichts; ich werde es versuchen«, sagte Olga und sang ein Lied.

Er hörte zu und traute seinen Ohren nicht.

Das war sie nicht: wo war der frühere leidenschaftliche Ton? Sie sang sehr rein, sehr korrekt und zugleich so . . . so . . . wie alle jungen Mädchen singen, wenn sie in Gesellschaft aufgefordert werden zu singen: ohne tiefere Empfindung. Sie hatte ihre Seele aus dem Gesange herausgenommen, und bei dem Zuhörer bewegte sich kein einziger Nerv.

War das Arglist, Verstellung, Zorn? Es ließ sich nicht erraten: sie machte ein freundliches Gesicht und redete bereitwillig; aber sie redete ebenso, wie sie sang, und wie alle redeten . . . Was hatte das zu bedeuten?

Oblomow nahm, ohne den Tee abzuwarten, seinen Hut und empfahl sich.

»Kommen Sie doch recht oft zu uns«, sagte die Tante. »An den Wochentagen sind wir immer allein, wenn es Ihnen da nicht langweilig ist; aber Sonntags ist immer irgend jemand bei uns, da werden Sie sich nicht langweilen.«

Der Baron stand höflich auf und machte ihm eine Verbeugung.

Olga nickte ihm wie einem guten Bekannten zu; während er zur Tür ging, wandte sie sich nach dem Fenster hin, blickte hindurch und hörte gleichmütig, wie Oblomows Schritte sich entfernten.

Diese zwei Stunden und die folgenden drei, vier Tage oder, um viel zu sagen, die folgende Woche, übten auf sie eine tiefe Wirkung aus und förderten sie gewaltig. Nur Frauen sind eines so schnellen Heranwachsens der Kräfte, einer so schnellen Entwicklung aller Seiten ihrer Seele fähig.

Sie hörte sozusagen einen Unterrichtskursus der Lebensklugheit, nicht täglich, sondern stündlich. Und jede, auch die kleinste zufällige Erfahrung, die wie ein Vogel an der Nase des Mannes vorbeifliegt, wird von einem Mädchen mit unglaublicher Geschwindigkeit aufgefangen; sie verfolgt den Flug dieses Vogels in die Ferne, und die krumme Linie, die dieser Flug beschreibt, prägt sich ihrem Gedächtnisse als ein unauslöschliches Wahrzeichen, als eine Weisung und als eine Lehre ein.

Da, wo für einen Mann ein Werstpfahl mit einer Aufschrift aufgestellt werden muß, genügt für sie ein vorübersäuselnder Windhauch, eine zitternde, mit dem Ohre kaum zu erfassende Erschütterung der Luft.

Woher, infolge welcher Ursachen lagert sich plötzlich ein ernster Gedanke auf der Stirn eines Mädchens, das noch in der vorigen Woche so sorglos war und ein so lächerlich naives Gesicht machte? Und was ist das für ein Gedanke? Was ist sein Inhalt? Es scheint in diesem Gedanken alles zu liegen, die ganze Logik, die ganze spekulative und empirische Philosophie des Mannes, ein ganzes Lebenssystem!

Der cousin, der sie noch vor kurzem als kleines Mädchen verlassen, inzwischen seinen Lehrkursus absolviert und die Epauletten bekommen hat, läuft, als er sie wiedersieht, fröhlich auf sie zu, in der Absicht, sie wie früher auf die Schulter zu klopfen, sie an den Händen zu fassen und sich mit ihr herumzudrehen, über die Stühle und Sofas wegzugaloppieren . . . aber auf einmal, nachdem er ihr aufmerksam ins Gesicht geblickt hat, wird er befangen, geht verwirrt weg und kommt zu der Erkenntnis, daß er noch ein Junge ist und sie schon ein Weib!

Woher kommt das? Was hat sich zugetragen? Ein Drama? Ein wichtiges Ereignis? Ist etwa Neues passiert, das die ganze Stadt weiß?

Niemand weiß von etwas, weder maman, noch mon oncle, noch ma tante, noch die Kinderfrau, noch das Stubenmädchen. Und sie hat auch gar keine Zeit gehabt, um etwas zu erleben: sie hat zwei Masurkas und ein paar Kontretänze getanzt und dann ein bißchen Kopfweh gehabt und in der Nacht nicht geschlafen . . .

Aber dann ist alles wieder vergangen; nur in ihrem Gesichte ist etwas Neues hinzugekommen: sie hat einen andern Blick, lacht nicht mehr laut, steckt nicht eine ganze Birne mit einem Male in den Mund, erzählt nicht, »wie es bei uns in der Pension war« . . . Auch sie hat einen Lehrkursus beendet.

Oblomow erkannte am zweiten und dritten Tage, wie der cousin, Olga kaum wieder und blickte sie schüchtern an, während sie ihn in ganz natürlicher Art ansah, nur ohne die frühere Neugier, ohne besondere Freundlichkeit, sondern so, wie sie die andern ansah.

»Was ist nur mit ihr vorgegangen? Was denkt und fühlt sie jetzt?« Das waren die Fragen, mit denen er sich abquälte. »Weiß Gott, ich verstehe nichts davon!«

Und wie hätte er auch verstehen sollen, daß mit ihr das vorgegangen war, was mit einem Manne erst im Alter von fünfundzwanzig Jahren, mit Hilfe von fünfundzwanzig Professoren und Bibliotheken, nach längerem Umherirren durch die Welt, manchmal sogar erst nach dem Verluste des seelischen Duftes, der Denkfrische und der Haare vorgeht, das heißt, daß sie in das Reich der Erkenntnis eingetreten war. Dieser Eintritt war bei ihr sehr mühelos und leicht erfolgt.

»Nein, das ist mir zu peinlich, zu verdrießlich!« schloß er. »Ich werde nach der Wyborger Seite ziehen, mich beschäftigen, lesen, nach Oblomowka fahren . . . allein hinfahren!« fügte er dann in tiefer Niedergeschlagenheit hinzu: »Ohne sie! Lebe wohl, mein Paradies, mein lichtes, stilles Lebensideal!«

Er ging weder am vierten, noch am fünften Tage zu den Damen hin; er las nicht, er schrieb nicht; er wollte spazierengehen und ging auf die staubige Landstraße hinaus; wenn er dort seinen Weg fortsetzte, mußte er bergauf gehen.

»Was ist das für ein Unsinn, sich in der Hitze herumzuschleppen!« sagte er zu sich selbst, gähnte, ging nach Hause zurück, legte sich auf das Sofa und schlief fest ein, so wie er früher immer in der Gorochowaja-Straße im staubigen Zimmer hinter den heruntergelassenen Rouleaus geschlafen hatte.

Er träumte unklares, verworrenes Zeug. Als er aufwachte, stand vor ihm der gedeckte Tisch, darauf eine BotwinjaKalte Suppe aus verschiedenen Küchenkräutern, hauptsächlich aber aus Bratenblättern und Kwaß, eingeschnittenen Zwiebeln, Gurken und Fischen. Anm. d. Übers. und Klopse. Sachar stand da und blickte verschlafen nach dem Fenster; im anstoßenden Zimmer klapperte Anisja mit Tellern.

Er aß zu Mittag und setzte sich ans Fenster. Es war langweilig und abgeschmackt, immer allein zu sein. Er wußte wieder nicht, wohin er wollte und was er wollte!

»Sehen Sie einmal, gnädiger Herr, die Nachbarsleute haben uns ein Kätzchen gebracht; wollen Sie es haben? Gestern fragten Sie doch nach einem«, sagte Anisja in der Absicht, ihn zu zerstreuen, und setzte ihm das Kätzchen auf die Knie. Er streichelte das Kätzchen, aber auch das Kätzchen wurde ihm schnell langweilig!

»Sachar!« sagte er.

»Was befehlen Sie?« fragte Sachar in mattem Tone.

»Ich werde vielleicht wieder in die Stadt ziehen«, sagte Oblomow.

»Wohin denn da? Wir haben ja keine Wohnung.«

»Nach der Wyborger Seite.«

»Was hat denn das für Sinn, wenn wir von einem Landhause nach einem andern ziehen?« antwortete der. »Was kann Sie denn dahin locken? Wohl die Aussicht, Michei Andrejewitsch wiederzusehen?«

»Hier ist es ungemütlich.«

»Nun noch einmal umziehen? Herr Gott! Wir sind jetzt noch wie zerschlagen; und zwei Tassen und die Dielenbürste kann ich immer noch nicht finden; wenn sie Michei Andrejewitsch nicht mit dorthin gebracht hat, sind sie unversehens verlorengegangen.«

Oblomow schwieg. Sachar ging hinaus, kam aber sogleich wieder zurück und brachte den Koffer und die Reisetasche mit hereingeschleppt.

»Was sollen wir denn damit anfangen? Es wäre das Beste, die Dinger zu verkaufen, wie?« sagte er und versetzte dem Koffer einen Stoß mit dem Fuße.

»Was redest du? Hast du den Verstand verloren? Ich reise nächstens ins Ausland«, unterbrach ihn Oblomow zornig.

»Ins Ausland!« erwiderte Sachar lächelnd. »Was Sie nicht alles sagen! Nun gar ins Ausland!«

»Was kommt dir dabei so sonderbar vor? Ich reise ab, basta . . . Mein Paß ist auch schon fertig«, sagte Oblomow.

»Aber wer wird Ihnen da die Stiefel ausziehen?« bemerkte Sachar ironisch. »Wohl die Dienstmädchen? Sie werden ja da ohne mich ganz zugrunde gehen!«

Er lächelte wieder, so daß die beiden Hälften seines Backenbartes und die Augenbrauen sich nach den Seiten hin auseinanderzogen.

»Du redest immer Dummheiten! Trage das hinaus und geh!« antwortete Oblomow ärgerlich.

Am andern Tage war Oblomow eben erst zwischen neun und zehn Uhr aufgewacht, als Sachar, der den Tee hereinbrachte, zu ihm sagte, er sei auf dem Wege zum Bäcker dem Fräulein begegnet.

»Welchem Fräulein?« fragte Oblomow.

»Welchem Fräulein? Dem Fräulein Olga Sergejewna Iljinskaja.«

»Nun?« fragte Oblomow ungeduldig.

»Na, sie hat gesagt, ich sollte Sie von ihr grüßen, und hat gefragt, ob Sie gesund wären, und was Sie machten.«

»Und was hast du gesagt?«

»Ich habe gesagt, Sie wären gesund. ›Was soll ihm denn auch passieren?‹ habe ich gesagt«, antwortete Sachar.

»Warum fügst du denn deine dummen Bemerkungen hinzu?« schalt Oblomow. »›Was soll ihm denn auch passieren?‹ Woher weiß du, was mir passiert? Nun, was noch?«

»Sie hat gefragt, wo Sie gestern zu Mittag gegessen haben.«

»Nun? . . .«

»Ich habe gesagt: ›Zu Hause. Und auch Abendbrot hat er zu Hause gegessen‹, habe ich gesagt. ›Ißt er denn auch Abendbrot?‹ hat das Fräulein gefragt. ›Er hat nur zwei junge Hühner gegessen‹, habe ich gesagt.«

»Dummkopf!« rief Oblomow energisch.

»Wieso bin ich ein Dummkopf? Ist das etwa nicht wahr?« versetzte Sachar. »Ich kann ja meinetwegen auch noch die Knochen vorzeigen . . .«

»Nein, wirklich, so ein Dummkopf!« wiederholte Oblomow. »Nun, und was sagte sie darauf?«

»Sie hat gelächelt. ›Warum denn nur so wenig?‹ hat sie dann gesagt.«

»O dieser Dummkopf!« rief Oblomow noch einmal. »Du hättest ihr noch erzählen sollen, daß du mir das Hemd verkehrt anziehst.«

»Danach hat sie nicht gefragt; darum habe ich es nicht gesagt«, antwortete Sachar.

»Was hat sie denn noch gefragt?«

»Sie hat gefragt, was Sie diese Tage her getan hätten.«

»Nun, und was hast du darauf geantwortet?«

»Ich habe gesagt: ›Er tut nichts; er liegt immer still.‹«

»Ach! . . .« rief Oblomow höchst ärgerlich und hob die Fäuste zu den Schläfen in die Höhe. »Mach', daß du hinauskommst!« fügte er in drohendem Tone hinzu. »Wenn du dich noch einmal unterstehst, über mich solche Dummheiten zu erzählen, dann sollst du mal sehen, was ich mit dir anfange! Nein, was das für ein giftiger Mensch ist!«

»Soll ich denn etwa auf meine alten Tage noch lügen?« verteidigte sich Sachar.

»Mach', daß du hinauskommst!« wiederholte Ilja Iljitsch.

Aus den Scheltworten machte sich Sachar nichts, wenn der Herr nur nicht »klägliche Worte« gebrauchte.

»Ich habe gesagt, daß Sie nach der Wyborger Seite ziehen wollen«, schloß Sachar.

»Scher' dich hinaus!« schrie Oblomow gebieterisch.

Sachar ging hinaus und seufzte so laut, daß das ganze Vorzimmer davon ertönte; Oblomow aber machte sich daran, seinen Tee zu trinken.

Er trank nur wenig und aß von den vielen vor ihm liegenden Semmeln und Brezeln nur eine einzige Semmel, aus Furcht vor einer weiteren Indiskretion Sachars. Dann zündete er sich eine Zigarre an, setzte sich an den Tisch, schlug irgendein Buch auf, las eine Seite darin und wollte umblättern; aber es stellte sich heraus, daß das Buch nicht aufgeschnitten war.

Oblomow riß die Blätter mit dem Finger auseinander; infolgedessen bildeten sich an den Rändern der Blätter Zacken; das Buch gehörte aber nicht ihm, sondern Stolz, der bei seinen Sachen und namentlich bei seinen Büchern in einer so strengen, pedantischen Weise auf Ordnung hielt, daß man darüber entsetzt sein konnte. Die Papiere, die Bleistifte und alle Kleinigkeiten mußten auf seinem Arbeitstische genau so liegenbleiben, wie er sie hingelegt hatte.

Oblomow hätte ein Papiermesser nehmen sollen; aber es war keines da. Er konnte sich allerdings auch ein Tischmesser geben lassen, zog es aber vor, das Buch auf seinen Platz zu legen und sich zum Sofa zu begeben. Kaum hatte er sich jedoch mit dem Arme auf das gestickte Kissen gestützt, um sich möglichst bequem hinzulegen, als Sachar wieder ins Zimmer trat.

»Ich wollte noch sagen: das Fräulein hat Sie bitten lassen, in diesen . . . wie heißt das Ding doch gleich . . . zu kommen . . . na! . . .« meldete er.

»Warum hast du mir das nicht vorhin gesagt, vor zwei Stunden?« fragte Oblomow hastig.

»Sie befahlen mir ja hinauszugehen und ließen mich nicht ausreden . . .« erwiderte Sachar.

»Du bist mein böser Genius, Sachar!« sagte Oblomow pathetisch.

»Na, wieder die alte Leier!« dachte Sachar, wandte dem Herrn seinen linken Backenbart zu und blickte nach der Wand; »ganz wie neulich . . . er hat wieder so ein Wort erfunden!«

»Wohin soll ich kommen?« fragte Oblomow.

»Na, in diesen, wie heißt es doch? In das Wäldchen doch wohl . . .«

»In den Park?« fragte Oblomow.

»In den Park, ganz richtig. Sie sagte: ›Wenn er Lust hat spazierenzugehen; ich werde dort sein . . .‹«

»Ich will mich anziehen.«

Oblomow lief durch den ganzen Park und blickte hinter alle Laubwände und in alle Lauben – Olga war nicht da. Er ging die Allee entlang, in der die Aussprache stattgefunden hatte, und fand sie dort auf einer Bank, nicht weit von der Stelle, wo sie den Zweig abgebrochen und hingeworfen hatte.

»Ich glaubte schon, Sie würden gar nicht mehr kommen«, sagte sie freundlich zu ihm.

»Ich habe Sie lange im ganzen Park gesucht«, antwortete er.

»Ich wußte, daß Sie mich suchen würden, und habe mich absichtlich hierher gesetzt, in diese Allee; ich dachte, durch die würden Sie jedenfalls hindurchkommen.«

Er wollte schon fragen: »Warum dachten Sie das?« aber er sah sie an und fragte nicht.

Sie hatte ein anderes Gesicht, nicht das, welches sie damals gehabt, als sie hier spazierengingen, sondern das, welches er bei ihrem letzten Zusammensein an ihr gesehen hatte und über welches er in solche Unruhe geraten war. Auch ihre Freundlichkeit war so maßvoll, der ganze Ausdruck ihres Gesichtes so in sich gekehrt, so fest; er sah, daß sie nicht geneigt war, auf ein Spiel mit Vermutungen, Andeutungen und naiven Fragen einzugehen, und daß dieser Augenblick kindlicher Fröhlichkeit vorüber war.

Vieles, was nicht bis zu Ende ausgesprochen war, und was man unter andern Umständen mit einer listigen Frage hätte wiederaufnehmen können, war zwischen ihnen schon ohne Worte und ohne Aussprache Gott weiß wie erledigt; aber noch einmal darauf zurückzukommen war unmöglich.

»Warum haben Sie sich denn so lange nicht blicken lassen?« fragte sie.

Er schwieg. Er hätte ihr gern wieder auf einem Umwege zu verstehen gegeben, daß der geheimnisvolle Reiz ihrer gegenseitigen Beziehungen verschwunden sei, daß er sich peinlich berührt fühle durch diese Abgeschlossenheit, mit der sie sich wie mit einer Wolke umgeben habe, wie wenn sie sich in sich selbst zurückgezogen hätte, und daß er nicht wisse, wie er sich verhalten, wie er sich ihr gegenüber benehmen solle. Aber er sagte sich, bei der geringsten Hindeutung darauf werde sie ihm einen Blick des Erstaunens zuwerfen; sie werde sich dann noch kälter gegen ihn benehmen, und der Funke von Teilnahme, den er gleich zu Anfang so unvorsichtigerweise beinahe ausgelöscht habe, werde vielleicht vollständig ersterben. Er mußte ihn sachte und behutsam wieder anfachen; aber wie das zu machen sei, das wußte er schlechterdings nicht.

Er hatte ein, wenn auch nur unklares, Verständnis dafür, daß sie gewachsen und beinah größer war als er, daß es nun keine Rückkehr zu kindlicher Vertraulichkeit mehr gab, daß sie den Rubikon vor sich hatten und das verlorene Glück sich schon auf dem anderen Ufer befand: sie mußten ihn überschreiten.

Aber wie? Wenn er nun der einzige war, der ihn überschritt? Sie erkannte klarer als er, was in ihm vorging, und daher war das Übergewicht auf ihrer Seite. Sie schaute offen in seine Seele hinein; sie sah, wie am Grunde seiner Seele ein Gefühl entstanden war, das nun üppig heranwuchs und nach außen drängte, sie sah, daß weibliche List, Schlauheit und Koketterie, Sonitschkas Waffen, bei ihm unnötig waren, weil kein Kampf bevorstand.

Sie sah sogar auch, daß trotz ihrer Jugend ihr bei dieser gegenseitigen Neigung die erste und wichtigste Rolle zufiel, daß von ihm nur eine tiefe Empfindung, eine leidenschaftliche, träge Fügsamkeit, eine feste Übereinstimmung mit ihrem eigenen Pulsschlage zu erwarten war, aber keine Regung des Willens, kein tatkräftiger Gedanke.

Sie hatte in einem Augenblicke ihre Macht über ihn abgewogen und gefiel sich in dieser Rolle eines Leitsternes; sie ergoß gleichsam über einen stehenden See einen Lichtstrahl, der sich in ihm widerspiegelte. Mit einem Gefühle des Triumphes war sie sich dessen bewußt, daß sie bei diesem Zweikampf in verschiedener Form ihre Überlegenheit bewiesen hatte.

Bei dieser Komödie oder Tragödie, je nach den Umständen, treten die beiden handelnden Personen fast immer in denselben Rollen auf: in der des Quälers oder der Quälerin und in der des Opfers.

Wie jede Frau in der Hauptrolle, das heißt in der Rolle der Quälerin, konnte sich auch Olga (allerdings in geringerem Maße als andere und unbewußt) nicht das Vergnügen versagen, mit ihm katzenhaft ein wenig zu spielen; manchmal brach bei ihr wie ein Blitz, wie eine überraschende Laune ein Schimmer von Gefühl hervor; dann jedoch schloß sie sich auf einmal wieder ab und zog sich in sich selbst zurück. Aber am meisten und häufigsten stieß sie ihn vorwärts, da sie wußte, daß er von selbst keinen Schritt machen, sondern regungslos da stehen bleiben werde, wo sie ihn stehen lasse.

»Haben Sie zu tun gehabt?« fragte sie, an einem Kanevasstreifen stickend.

»Ich würde sagen, ich hätte gern zu tun gehabt; aber dieser verdammte Sachar!« stöhnte er innerlich.

»Ja, ich habe etwas gelesen«, antwortete er lässig.

»Was denn? Einen Roman?« fragte sie und hob die Augen zu ihm auf, um zu sehen, mit was für einem Gesichte er lügen werde.

»Nein, ich lese fast gar keine Romane«, antwortete er sehr ruhig. »Ich habe die ›Geschichte der Entdeckungen und Erfindungen‹ gelesen.«

»Gott sei Dank, daß ich heute eine Seite in dem Buche flüchtig durchlaufen habe!« dachte er.

»Russisch?« fragte sie.

»Nein, englisch.«

»Ah, Sie lesen englisch?«

»Mit Mühe, aber ich bringe es fertig. Und Sie, sind Sie nicht irgendwo in der Stadt gewesen?« fragte er, hauptsächlich um dem Gespräche über die Bücher ein Ende zu machen.

»Nein, ich bin immer zu Hause gewesen. Ich arbeite immer hier, in dieser Allee.«

»Immer hier?«

»Ja, diese Allee gefällt mir sehr; ich bin Ihnen dankbar dafür, daß Sie sie mir gezeigt haben; es geht hier fast niemand . . .«

»Ich habe sie Ihnen nicht gezeigt«, unterbrach er sie. »Erinnern Sie sich, wir beide sind uns zufällig in ihr begegnet.«

»Ja, in der Tat.«

Sie schwiegen beide.

»Ist Ihr Gerstenkorn ganz vergangen?« fragte sie und sah ihn gerade in das rechte Auge.

Er errötete.

»Ja, jetzt ist es, Gott sei Dank, vergangen«, erwiderte er.

»Sie müssen das Auge, sobald es zu jucken anfängt, mit gewöhnlichem Branntwein benetzen«, fuhr sie fort; »dann bildet sich kein Gerstenkorn. Das hat mich meine Kinderfrau gelehrt.«

»Warum redet sie nur immer von Gerstenkörnern?« dachte Oblomow.

»Und essen Sie kein Abendbrot!« fügte sie in ernstem Tone hinzu.

»Sachar!« rief er innerlich; er war auf ihn wütend.

»Man braucht nur ordentlich zu Abend zu essen«, fuhr sie fort, ohne die Augen von ihrer Arbeit zu erheben, »und drei Tage lang still zu liegen, besonders auf dem Rücken, dann bildet sich unfehlbar ein Gerstenkorn.«

»Dummkopf!« rief Oblomow innerlich seinem Diener zu.

»Was arbeiten Sie denn da?« fragte er, um das Gesprächsthema zu wechseln.

»Einen Klingelzug«, antwortete sie, wickelte die Kanevasrolle auseinander und zeigte ihm das Muster. »Für den Baron. Ist es nicht hübsch?«

»Ja, sehr hübsch; das Muster ist allerliebst. Es ist ein Fliederzweig?«

»Ich glaube . . . ja«, antwortete sie lässig. »Ich habe es aufs Geratewohl gewählt, wie es mir gerade in die Hände kam . . .«

Sie errötete ein wenig und wickelte den Streifen rasch wieder zusammen.

»Aber das ist langweilig, wenn es so weitergeht und man aus ihr nichts herausbekommen kann«, dachte er. »Ein anderer, Stolz zum Beispiel, würde etwas herausbekommen; aber ich verstehe mich nicht darauf.«

Er zog die Augenbrauen zusammen und blickte schläfrig um sich. Sie sah ihn an; dann legte sie die Arbeit in ihr Körbchen.

»Wir wollen bis zum Wäldchen gehen«, sagte sie, gab ihm das Körbchen zu tragen, spannte selbst den Sonnenschirm auf, brachte ihr Kleid in Ordnung und setzte sich in Bewegung.

»Warum sind Sie nicht heiter?« fragte sie.

»Ich weiß es nicht, Olga Sergejewna. Woher sollte ich auch heiter sein? Und wie sollte ich es anfangen?«

»Arbeiten Sie; seien Sie häufiger mit Menschen zusammen.«

»Arbeiten! Arbeiten kann man nur, wenn man ein Ziel hat. Aber was habe ich für ein Ziel? Ich habe keines.«

»Das Ziel ist: zu leben.«

»Wenn man nicht weiß, wozu man lebt, so lebt man irgendwie, einen Tag wie den andern; man freut sich, daß der Tag vergangen und die Nacht gekommen ist, und vergißt im Schlafe die langweilige Frage, warum man an diesem Tage gelebt hat, und warum man am folgenden leben wird.«

Sie hörte schweigend mit strengem Blicke zu; in den zusammengezogenen Brauen verbarg sich ein Ausdruck von Härte; in der Linie der Lippen kroch wie eine Schlange eine Empfindung, die halb Mißtrauen und halb Geringschätzung war . . .

»Warum man gelebt hat!« wiederholte sie seine Worte. »Kann etwa irgend jemandes Existenz unnütz sein?«

»O ja, die meinige zum Beispiel«, sagte er.

»Wissen Sie noch nicht, wo das Ziel Ihres Lebens liegt?« fragte sie stehenbleibend. »Das kann ich nicht glauben; Sie verleumden sich selbst; sonst verdienten Sie gar nicht zu leben . . .«

»Ich bin schon über die Stelle hinaus, wo das Lebensziel liegen soll, und habe nichts mehr vor mir.«

Er seufzte, aber sie lächelte.

»Nichts mehr?« wiederholte sie fragend, aber lebhaft, heiter, lachend, als ob sie ihm nicht glaubte und sähe, daß er doch noch etwas vor sich habe.

»Lachen Sie nur«, fuhr er fort; »aber es ist so!«

Sie ging sachte mit gesenktem Kopfe weiter.

»Wozu, für wen werde ich leben?« sagte er, neben ihr her gehend. »Wonach soll ich streben, worauf meine Gedanken und Absichten richten? Die Blume des Lebens ist abgefallen; nur die Dornen sind übriggeblieben.«

Sie gingen langsam; sie hörte zerstreut zu, brach im Vorbeigehen einen Fliederzweig ab und reichte ihn ihm, ohne ihn anzusehen.

»Was ist das?« fragte er befremdet.

»Sie sehen ja: ein Zweig.«

»Was für ein Zweig?« sagte er, sie mit großen Augen anblickend.

»Ein Fliederzweig.«

»Das weiß ich . . . aber was hat er zu bedeuten?«

»Die Blume des Lebens und . . .«

Er blieb stehen, sie ebenfalls.

»Und? . . .« wiederholte er fragend.

»Meinen Ärger«, sagte sie, ihn mit einem nachdenklichen Blicke gerade ansehend, und ihr Lächeln sagte, daß sie wußte, was sie tat.

Die undurchdringliche Wolke, von der sie umgeben gewesen war, hatte sich verflüchtigt. Ihr Blick war beredt und verständlich. Es war, als ob sie absichtlich eine bestimmte Seite eines Buches aufschlüge und ihm erlaubte, eine bisher geheimgehaltene Stelle zu lesen.

»Also darf ich hoffen . . .« sagte er, plötzlich vor Freuden auffahrend.

»Alles! Aber . . .« Sie verstummte.

Er fühlte sich auf einmal wie neugeboren. Auch sie erkannte ihrerseits Oblomow gar nicht wieder: sein schläfriges, wie von einem Nebel umzogenes Gesicht hatte sich in einem Augenblicke verklärt; die Augen hatten sich geöffnet, die Backen eine rote Farbe gewonnen; die Denkkraft war in Bewegung gekommen; in den Augen leuchteten Wünsche und Wille. Sie las auch deutlich in diesem stummen Mienenspiele, daß Oblomow ein Lebensziel erlangt hatte.

»Das Leben, das Leben tut sich wieder vor mir auf«, sagte er wie fiebernd. »Das ist es, in Ihren Augen, in Ihrem Lächeln, in diesem Zweige, in Casta diva . . . alles ist hier . . .«

Sie schüttelte den Kopf

»Nein, nicht alles . . . nur die Hälfte.«

»Die beste Hälfte.«

»Vielleicht«, sagte sie.

»Wo ist denn die andre? Was kann es außerdem noch geben?«

»Suchen Sie!«

»Wozu?«

»Um die erste nicht zu verlieren«, erwiderte sie, reichte ihm die Hand, und sie gingen nach Hause.

Er warf bald voll Entzücken heimliche Blicke nach ihrem Köpfchen, nach ihrer Gestalt, nach ihren Locken, bald preßte er den Zweig in der Hand zusammen.

»All das ist mein! Mein!« sagte er nachdenklich und vermochte kaum daran zu glauben.

»Sie werden nicht nach der Wyborger Seite ziehen?« fragte sie, als er nach Hause ging.

Er lachte und nannte nicht einmal Sachar in Gedanken einen Dummkopf

 

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