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Iwan Gontscharow: Oblomow - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/gontscha/oblomow/oblomow.xml
typefiction
authorIwan Gontscharow
titleOblomow
publisherAnaconda
year2010
isbn978-3-86647-478-9
firstpub1859
translatorHermann Röhl
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120612
modified20170607
projectida9997c9c
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IV.

Obgleich es schon spät war, brachten sie es doch noch fertig, zu diesem und jenem heranzufahren, um geschäftliche Angelegenheiten zu erledigen; dann nahm Stolz einen Besitzer von Goldgruben zum Mittagessen mit; dann fuhren sie mit diesem letzteren nach seinem Landhause, um da Tee zu trinken, und trafen dort eine große Gesellschaft an; so war Oblomow aus seiner völligen Einsamkeit auf einmal in einen ganzen Schwarm von Menschen hineingeraten. Erst spät in der Nacht kehrten sie nach Hause zurück.

Ebenso am zweiten und am dritten Tage; so verging die ganze Woche unmerklich wie im Fluge. Oblomow protestierte, beklagte sich, widersprach, wurde aber von seinem Freunde mit fortgerissen und begleitete ihn überallhin.

Eines Tages, als sie von irgendwo spät heimgekehrt waren, opponierte er besonders heftig gegen diese unruhevolle Lebensweise.

»Ganze Tage lang«, brummte Oblomow, während er sich in seinen Schlafrock hüllte, »zieht man die Stiefel nicht aus: die Füße brennen mir ordentlich davon! Mir mißfällt dieses euer Petersburger Leben!« fuhr er fort, indem er sich auf das Sofa legte.

»Was für ein Leben gefällt dir denn?« fragte Stolz.

»Ein andersartiges als das hiesige.«

»Was hat dir denn eigentlich hier so besonders mißfallen?«

»Alles, das ewige Wettrennen, das ewige Spiel unwürdiger, kleinlicher Leidenschaften, besonders der Habgier, der gegenseitigen Versperrung des Weges, der Klatschsucht, der Verleumdung, der gegenseitigen Nasenstüber, und daß man vom Kopf bis zu den Füßen gemustert wird; wenn man zuhört, wovon die Leute reden, wird man ganz schwindlig und dumm im Kopfe. Sie machen äußerlich einen so verständigen Eindruck, haben so würdevolle Gesichter; aber man hört weiter nichts als: ›Diesem ist das und das gegeben worden; jener hat eine Pacht bekommen.‹ – ›Aber ich bitte Sie, wie hat er das verdient?‹ ruft einer. ›Dieser hat gestern im Klub beim Spiel verloren; jener bekommt dreihunderttausend Rubel!‹ Diese Öde, diese Öde, diese Öde! . . . Wo bleibt denn da der Mensch? Wo bleibt seine Totalität? Wohin ist er verschwunden, wie hat er sich nur so in Kleingeld umwechseln können?«

»Die Welt und die Gesellschaft müssen sich doch mit etwas beschäftigen«, erwiderte Stolz; »ein jeder hat seine eigenen Interessen. So ist das Leben nun einmal eingerichtet . . .«

»›Die Welt, die Gesellschaft!‹ Du bringst mich wohl absichtlich in diese Welt und in diese Gesellschaft hinein, Andrei, um mir die Luft zum Verweilen in ihr zu benehmen. ›Das Leben‹: das ist ein schönes Leben! Was will man darin suchen? Etwas, was den Verstand und das Herz interessiert? Sieh nur einmal zu, wo der Mittelpunkt ist, um den das alles sich dreht: es gibt keinen solchen, es gibt nichts Tiefes, nichts, was einem an die Seele griffe. Das alles sind tote, schlafende Menschen und schlechter als ich, diese Mitglieder der Welt und der Gesellschaft! Wovon lassen sie sich im Leben leiten? Da liegen sie nun nicht still, sondern rennen tagtäglich umher, vorwärts und rückwärts, wie die Fliegen, ohne Sinn und Zweck! Man tritt in einen Salon und ist entzückt davon, wie symmetrisch die Gäste verteilt sind, wie friedlich und tiefsinnig sie dasitzen – bei den Karten. Das muß man sagen, eine herrliche Lebensaufgabe! Ein vorzügliches Vorbild für einen Geist, der nach Bewegung trachtet! Sind das etwa nicht Tote? Schlafen sie etwa nicht ihr ganzes Leben lang im Sitzen? Inwiefern bin ich mehr zu tadeln als sie, der ich bei mir zu Hause stilliege und meinen Geist nicht mit den Dreien und Buben infiziere?«

»Das sind schon alte, tausendmal vorgebrachte Dinge«, bemerkte Stolz. »Hast du nicht etwas Neueres zu sagen?«

»Und unsere jungen Leute aus den besseren Kreisen, was tun sie? Schlafen sie etwa nicht, wenn sie tanzen und auf dem Newski-Prospekt promenieren und umherfahren? Mit solchen Hohlheiten füllen sie einen Tag nach dem andern aus! Und sieh nur, mit welchem Stolze, mit welcher großartigen Würde, mit welchem zurückweisenden Blicke sie denjenigen anschauen, der nicht so gekleidet ist wie sie und keinen so vornehmen Namen und Stand hat. Und dabei bilden sich diese Unglücklichen noch ein, höher zu stehen als die Menge: ›Wir nehmen im Staatsdienst Stellen ein, wie sie außer uns niemand einnimmt; wir sitzen in der ersten Reihe des Parketts; wir sind auf dem Balle beim Fürsten N., wo nur wir Zutritt haben . . .‹ Wenn sie aber unter sich zusammenkommen, so betrinken sie sich und raufen miteinander wie die Wilden! Sind das etwa lebende, wache Menschen? Und so sind nicht nur die jungen Leute; sieh einmal die Erwachsenen an! Sie kommen zusammen und bewirten einander: aber es ist keine Treuherzigkeit, keine Biederkeit, keine wechselseitige Zuneigung dabei! Sie kommen zum Mittagessen und zum Abendessen zusammen wie zu einer Pflicht, ohne Fröhlichkeit, kühl, um mit ihrem Koche und mit ihrem Salon zu prahlen und sich nachher insgeheim übereinander lustig zu machen und einander ein Bein zu stellen. Vorgestern beim Mittagessen wußte ich gar nicht, wo ich meine Augen lassen sollte, und wäre am liebsten unter den Tisch gekrochen, als die Leute anfingen, den guten Ruf der Abwesenden zu zerstückeln: ›Der ist dumm, dieser gemein, ein andrer ein Dieb, ein dritter lächerlich‹ – es war eine richtige Hetzjagd! Und während sie so redeten, sahen sie einander an, als ob sie sagen wollten: ›Sowie du aus der Tür heraus bist, wird es dir ebenso ergehen . . .‹ Warum kommen sie denn zusammen, wenn sie eine solche Gesinnung haben? Warum drücken sie einander so kräftig die Hände? Man hört weder ein aufrichtiges Lachen, noch sieht man einen Schimmer von Zuneigung! Sie bemühen sich, mit Leuten in Verkehr zu kommen, die einen hohen Rang und einen berühmten Namen haben. ›Bei mir ist der und der gewesen, und ich war bei dem und dem!‹ rühmen sie sich nachher . . . Was ist das für ein Leben? Ich mag ein solches Leben nicht. Was kann ich da lernen, was für mich daraus entnehmen?«

»Weißt du was, Ilja?« sagte Stolz. »Du urteilst ganz wie die Leute der alten Zeit: in alten Büchern steht das alles ebenso geschrieben. Übrigens ist auch das gut: wenigstens denkst du nach und schläfst nicht. Nun, was willst du noch weiter sagen? Fahre fort!«

»Was soll ich noch hinzufügen? Sieh selbst: niemand hier hat ein frisches, gesundes Gesicht.«

»Das liegt am Klima«, unterbrach ihn Stolz. »Du hast doch auch ein welkes Gesicht und läufst nicht herum, sondern liegst immer.«

»Niemand hat einen offenen, ruhigen Blick«, fuhr Oblomow fort; »alle stecken einander wechselseitig mit einer Art von Sorge und Bekümmernis an; sie suchen schmerzlich etwas. Und wenn sie noch die Wahrheit und das ihnen und anderen Heilsame suchten; aber nein, sie werden blaß vor Neid, wenn einem Kameraden etwas gelingt. Der eine hat diese Sorge: morgen muß er aufs Gericht gehen; sein Prozeß zieht sich schon in das fünfte Jahr hin; die Gegenpartei gewinnt die Oberhand, und er hat schon fünf Jahre lang nur den einen Gedanken und nur den einen Wunsch mit sich herumgetragen, den andern zu Fall zu bringen und über dessen Falle das Gebäude seines eigenen Wohlstandes zu errichten. Fünf Jahre lang im Wartezimmer umherzugehen, herumzusitzen und zu seufzen – das ist das Ideal und Ziel eines Lebens! Ein andrer fühlt sich todunglücklich, weil er dazu verdammt ist, täglich ins Büro zu gehen und da bis fünf Uhr zu sitzen: und jener seufzt schwer weil ihm ein solches Glück nicht beschieden ist . . .«

»Du bist ein Philosoph«, sagte Stolz. »Alle machen sich Mühe und Sorgen; nur du bedarfst nichts.«

»Da fragte mich dieser Herr mit der gelben Hautfarbe und der Brille in aufdringlicher Weise«, fuhr Oblomow fort, »ob ich die Rede eines gewissen Abgeordneten gelesen hätte, und starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an, als ich ihm sagte, ich läse überhaupt keine Zeitungen. Und dann fing er an, über Louis Philippe zu reden, als ob der sein leiblicher Vater wäre. Dann setzte er mir mit der Frage zu, was ich für den Grund der Abreise des französischen Gesandten aus Rom hielte. Wie kann man sich nur für sein ganzes Leben dazu verurteilen, sich täglich mit Neuigkeiten aus der ganzen Welt voll zu stopfen und eine Woche lang ein Geschrei darüber zu machen, bis man sich ausgeschrien hat! Heute hat Mehmed Ali ein Schiff nach Konstantinopel geschickt, und da zerbricht dieser Herr sich nun den Kopf darüber, warum der das getan hat. Morgen hat Don Carlos Unglück gehabt, und da ist er in furchtbarer Aufregung. Hier wird ein Kanal gebaut, dort ist eine Truppenabteilung nach dem Osten geschickt worden; um Gottes willen, es brennt ein Krieg! Er sieht im Gesichte ganz entstellt aus, läuft umher und vollführt ein Geschrei, als ob die Truppen gegen ihn selbst marschieren. Da erörtern diese Leute nun die Sache kreuz und quer und stellen ihre Vermutungen auf; aber in Wirklichkeit ist sie ihnen selbst gleichgültig; sie interessieren sich gar nicht dafür; durch all das Geschrei hindurch merkt man, wie sie eigentlich in tiefem Schlafe liegen! All das ist ihnen etwas Fremdes; es ist, als ob sie nicht ihre eigene Mütze auf dem Kopfe hätten. Sie haben keine eigene Beschäftigung; so stürzen sie denn nach allen Seiten hin, ohne Ziel und Richtung. Unter diesem universellen Interesse verbirgt sich die Leerheit und der Mangel an Sympathie allem gegenüber! Aber sich einen bescheidenen, arbeitsvollen Weg zu erwählen, diesen zu verfolgen, ein tiefes Geleise auf ihm herzustellen, das ist langweilig, das erregt kein Aufsehen; dabei hilft einem das allumfassende Wissen nichts, und man kann niemandem Sand in die Augen streuen.«

»Na, du und ich, wir sind nicht nach allen Seiten hingestürzt, Ilja. Wo ist denn unser bescheidener, arbeitsvoller Weg?« fragte Stolz.

Oblomow verstummte plötzlich.

»Ja, ich will nur erst . . . meinen Plan . . . fertigmachen«, sagte er. »Überlassen wir diese Menschen in Gottes Namen sich selbst!« fügte er dann ärgerlich hinzu. »Ich greife sie nicht an, erhebe keine Anklage gegen sie; ich sehe in ihrem Leben nur nicht das normale Leben. Nein, das ist kein Leben, sondern eine Karikatur des normalen, idealen Lebens, das die Natur dem Menschen als Ziel gewiesen hat . . .«

»Wie ist denn dieses ideale, normale Leben beschaffen?«

Oblomow antwortete nicht.

»Na, dann sage mir, was für einen Lebensplan du für dich entwerfen würdest«, fuhr Stolz fort zu fragen.

»Einen solchen Plan habe ich schon entworfen.«

»Wie sieht er denn aus? Erzähle mir, bitte, wie er aussieht.«

»Wie er aussieht?« sagte Oblomow, indem er sich auf den Rücken drehte und nach der Zimmerdecke blickte. »Ja, wie sieht er aus? Ich würde auf das Gut fahren.«

»Was hindert dich denn daran?«

»Mein Reformplan ist noch nicht vollendet. Ferner würde ich nicht allein hinfahren, sondern mit meiner Frau . . .«

»Ah! Sieh mal an! Na, dazu helfe dir Gott! Worauf wartest du denn? Noch drei, vier Jahre, dann nimmt dich keine mehr . . .«

»Was ist zu tun? Es ist mir nun einmal nicht beschieden!« sagte Oblomow seufzend. »Meine Vermögensverhältnisse erlauben es nicht!«

»Ich bitte dich! Und Oblomowka? Dreihundert Seelen!«

»Was will das heißen? Wie kann man davon mit einer Frau leben?«

»Zwei Personen, und du fragst, wie man davon leben kann!«

»Aber wenn nun Kinder kommen?«

»Wenn du die Kinder richtig erziehst, werden sie sich selbst etwas erwerben: du mußt nur verstehen, sie dazu anzuleiten . . .«

»Nein, wie darf man aus Edelleuten Handwerker machen!« unterbrach ihn Oblomow trocken. »Und auch abgesehen von den Kindern, wo sind da nur zwei Personen? Das sagt man wohl so, daß Mann und Frau nur zwei Personen seien; aber in Wirklichkeit kommt, sowie man sich verheiratet hat, eine Unmenge von Weibern ins Haus gekrochen. Blicke in eine beliebige Familie hinein: da siehst du Weiber, die mit der Hausfrau verwandt sind, und solche, die nicht mit ihr verwandt und nicht in der Wirtschaft tätig sind; wenn sie nicht da wohnen, so kommen sie täglich, um Kaffee zu trinken und Mittagbrot zu essen . . . Wie soll man von dreihundert Seelen ein solches Pensionat durchfüttern?«

»Na, gut; wenn du nun dreihunderttausend Rubel geschenkt bekämest, was würdest du damit anfangen?« fragte Stolz mit lebhafter Neugier.

»Ich würde sie sofort auf die Bank bringen und von den Zinsen leben«, antwortete Oblomow.

»Zinsen gibt es da nur wenig; warum würdest du das Kapital nicht irgendeiner Gesellschaft übergeben, wie zum Beispiel der unsrigen?«

»Nein, Andrei, du wirst mich nicht betören.«

»Wie? Auch mir würdest du es nicht anvertrauen?«

»Um keinen Preis; von deiner Person ist ja dabei nicht die Rede; aber es kann doch alles mögliche passieren: na, wenn nun die Gesellschaft Konkurs macht, dann habe ich alles verloren. Bei der Bank ist das eine andre Sache.«

»Na, gut; was würdest du also weiter tun?«

»Ich würde in mein neues, bequem eingerichtetes Haus ziehen . . . In der Umgegend würden gute Nachbarn wohnen, du zum Beispiel . . . Aber nein, du kannst ja nicht an einem Orte stillsitzen.«

»Würdest du etwa immer da sitzenbleiben und nirgends hinfahren?«

»Um keinen Preis!«

»Warum ist man denn geschäftig, überall Eisenbahnen und Dampfschiffe zu bauen, wenn das Ideal des Lebens darin besteht, an einem Orte stillzusitzen? Dann wollen wir doch eine Eingabe machen, Ilja, sie möchten mit dem Bau innehalten; wir fahren ja doch nicht darauf.«

»Es gibt aber außer uns noch viele Menschen; da sind zahllose Verwalter, Agenten, Kaufleute, Beamte, müßige Reisende, die keine eigene Häuslichkeit haben; die mögen darauf fahren!«

»Und was bist du denn?«

Oblomow schwieg.

»Zu welcher Kategorie der menschlichen Gesellschaft zählst du dich?«

»Frage Sachar«, antwortete Oblomow.

Stolz erfüllte Oblomows Wunsch buchstäblich.

»Sachar!« rief er.

Sachar kam mit verschlafenen Augen herein.

»Was ist das für einer, der da liegt?« fragte Stolz.

Sachar wurde auf einmal wach und blickte von der Seite mißtrauisch zuerst Stolz und dann Oblomow an.

»Was soll die Frage bedeuten? Sehen Sie das denn nicht?«

»Nein, ich sehe es nicht«, sagte Stolz.

»Wunderlich! Das ist ein gnädiger Herr, Ilja Iljitsch.«

Er lächelte.

»Gut, du kannst wieder gehen.«

»Ein gnädiger Herr!« wiederholte Sachar und brach in ein lautes Gelächter aus.

»Na, ein Gentleman«, korrigierte Oblomow ärgerlich.

»Nein, nein, du bist ein gnädiger Herr!« fuhr Stolz lachend fort.

»Was ist dazwischen für ein Unterschied?« sagte Oblomow. »Ein Gentleman ist ein ebensolcher gnädiger Herr.«

»Ein Gentleman«, definierte Stolz, »ist ein solcher gnädiger Herr, der sich selbst die Strümpfe anzieht und sich selbst die Stiefel auszieht.«

»Ja, ein Engländer tut das selbst, weil die nicht sehr viel Diener haben; aber ein Russe . . .«

»Fahre nur fort, mir das Ideal deines Lebens zu zeichnen . . . Also, gute Freunde ringsumher; was nun weiter? Wie würdest du deine Tage verbringen?«

»Nun, ich würde am Morgen aufstehen«, begann Oblomow, indem er die Hände unter den Hinterkopf legte und ein Ausdruck von Ruhe sich über sein Gesicht verbreitete; er war im Geiste schon auf dem Gute. »Es ist schönes Wetter, der Himmel ganz blau; kein Wölkchen ist zu sehen«, sagte er. »Die eine Seite des Hauses, die mit dem Balkon, liegt auf meinem Plane nach Osten zu, nach dem Garten und den Feldern hin, die andre nach dem Dorfe zu. Einstweilen, bis meine Frau aufwacht, würde ich den Schlafrock anziehen und im Garten promenieren, um die Morgenluft einzuatmen; dort würde ich schon den Gärtner finden; wir würden zusammen die Blumen begießen und die Sträucher und Bäume beschneiden. Ich stelle ein Bukett für meine Frau zusammen. Dann gehe ich hin, um ein Bad zu nehmen, sei es in der Wanne oder im Flusse. Wenn ich zurückkomme, ist die Balkontür schon geöffnet; meine Frau wartet dort auf mich in einer Bluse und mit einem leichten Häubchen, das kaum auf ihrem Kopfe haftet und anscheinend jeden Augenblick davonfliegen kann. ›Der Tee ist fertig‹, sagt sie. Was für ein Kuß! Was für ein Tee! Was für ein bequemer Lehnstuhl! Ich setze mich an den Tisch; auf dem Tische stehen Zwiebäcke, Sahne, frische Butter . . .«

»Und dann?«

»Dann ziehe ich mir einen bequemen Rock oder ein bequemes Jackett an, lege einen Arm um die Taille meiner Frau und vertiefe mich mit ihr in eine endlose, dunkle Allee; wir gehen still, nachdenklich und schweigend; oder wir denken laut, hängen unseren Träumereien nach und zählen die Augenblicke des Glückes wie Pulsschläge; wir hören, wie das Herz bald laut bald leise pocht; wir suchen in der Natur eine Teilnahme an unseren Empfindungen . . . und gelangen unvermerkt an den Fluß, zu den Feldern . . . Der Fluß plätschert kaum; die Ähren wogen, von einem leisen Winde bewegt; es ist heiß . . . wir steigen in einen Kahn; meine Frau lenkt ihn, kaum das Ruder hebend . . .«

»Aber du bist ja ein Dichter, Ilja!« unterbrach ihn Stolz.

»Ja, ein Dichter auf dem Gebiete des Lebens; denn das Leben ist Poesie. Aber es steht den Menschen frei, es zu karikieren! Dann können wir in das Treibhaus gehen«, fuhr Oblomow fort, der sich selbst an dem Ideale des von ihm geschilderten Glückes berauschte.

Er entnahm seiner Phantasie fertige, schon längst von ihm entworfene Bilder und sprach daher lebhaft und ohne Pausen. »Wir besehen uns die Pfirsiche und die Weintrauben«, sagte er, »und ordnen an, was davon auf den Tisch kommen soll; dann kehren wir zurück, nehmen ein leichtes Frühstück ein und warten auf unsere Gäste . . . Und da kommt bald einmal ein Briefchen an meine Frau von irgendwelcher Marja Petrowna mit einem Buche oder mit Noten, bald wieder wird uns eine Ananas zum Geschenk geschickt, oder es ist bei uns selbst auf dem Mistbeete eine wundervolle Melone reif geworden, und wir schicken sie einem guten Freunde zum morgigen Mittagessen und fahren auch selbst hin . . . In der Küche aber ist unterdes die Arbeit in vollem Gange; der Koch in schneeweißer Schürze und Mütze ist eifrig beschäftigt; er stellt eine Kasserolle ans Feuer und nimmt eine andre ab; hier mischt er etwas zusammen, dort beginnt er einen Teig zu kneten, da gießt er Wasser aus . . . die Messer klopfen unermüdlich . . . es wird das Gemüse gehackt . . . dort wird Gefrorenes gedreht . . . Es ist ein Vergnügen, vor dem Mittagessen in die Küche hineinzublicken, eine Kasserolle zu öffnen und hineinzuriechen, zu sehen, wie die Pasteten zusammengerollt und Schlagsahne gemacht wird. Dann lege ich mich auf eine Chaiselongue; meine Frau liest mir etwas Neues vor; wir halten an einer Stelle inne und diskutieren über etwas . . . Aber nun kommen die Gäste, zum Beispiel du mit deiner Frau.«

»Hoho! Auch mich verheiratest du?«

»Unbedingt! Dann noch zwei, drei Freunde, immer dieselben Gesichter. Wir beginnen das gestrige, unvollendet gebliebene Gespräch von neuem; es werden Scherze gemacht, oder es tritt auch ein beredtes Stillschweigen ein, ein Nachdenken – nicht infolge des Verlustes eines Amtes, nicht infolge eines Prozesses beim Appellationsgericht, sondern infolge der Fülle befriedigter Wünsche; das ist die Beschaulichkeit des Genießens . . . Da hört man keine Philippika, die mit Schaum auf den Lippen gegen einen Abwesenden gehalten wird; man fängt keinen Blick auf, der einem zugeworfen wird und einem dasselbe verspricht, sobald man aus der Tür sein wird. Wen wir nicht gern haben, wer kein guter Mensch ist, den lassen wir nicht an unserm gastlichen Tische sitzen. In den Augen der Tischgenossen liest man ihre freundschaftliche Gesinnung; dem Lachen über Scherze hört man an, daß es ein aufrichtiges, gutgemeintes ist . . . Alles kommt von Herzen! Was die Augen und die Worte sagen, das fühlt auch das Herz! Nach dem Mittagessen folgt der Mokka und eine Havanna auf der Terrasse . . .«

»Du schilderst mir dasselbe Leben, das unsere Großväter und Väter geführt haben.«

»Nein, nicht dasselbe«, versetzte Oblomow, beinah beleidigt. »Wie sollte es denn dasselbe sein? Würde sich meine Frau etwa mit dem Eingemachten und den Pilzen abquälen? Würde sie etwa die Garnsträhnen zählen und die auf dem Gute hergestellte Leinwand prüfen? Würde sie etwa die Mägde ohrfeigen? Du hörst ja: wir werden Noten, Bücher, einen Flügel und elegante Möbel haben.«

»Nun, und du selbst?«

»Ich selbst würde nicht vorjährige Zeitungen lesen, würde nicht in einer altmodischen Kutsche fahren, würde nicht Gänsebraten mit Nudeln essen; sondern ich würde meinen Koch im englischen Klub oder beim englischen Gesandten lernen lassen.«

»Nun, und dann?«

»Dann, wenn die Hitze nachgelassen hat, würden wir einen Wagen mit dem Samowar und dem Dessert nach dem Birkenwäldchen schicken oder auch nach einer abgemähten Wiese, würden zwischen den Heuhaufen Teppiche ausbreiten und es uns bis zur OkroschkaKalte Suppe aus Kwaß mit Fleischstücken, Fisch, Gurken usw. Anm. d. Übers. und dem Beefsteak wohl sein lassen. Die Bauern kommen mit den Sensen auf den Schultern vom Felde; dort fährt langsam ein so hoch beladener Heuwagen vorüber, daß der ganze Wagen und das Pferd bedeckt ist; oben schaut aus dem Heu eine blumengeschmückte Bauernmütze und ein Kinderköpfchen heraus; dort singt eine Schar barfüßiger Frauen mit Sicheln in den Händen . . . Auf einmal erblicken sie die Herrschaft, verstummen und verbeugen sich tief. Eine von ihnen, mit sonngebräuntem Halse, nackten Armen, züchtig niedergeschlagenen, aber schelmischen Augen, lehnt nur zum Schein die freundlichen Blicke des gnädigen Herrn ab, ist aber selbst glücklich darüber . . . pst! . . . daß es nur ja meine Frau nicht sieht, Gott behüte uns!«

Oblomow selbst und Stolz schüttelten sich vor Lachen.

»Es ist feucht auf dem Felde«, schloß Oblomow; »es ist dunkel; der Nebel hängt über dem Roggen wie ein darübergewälztes Meer; die Pferde zucken mit den Schultern und schlagen mit den Hufen; es ist Zeit, nach Hause zurückzukehren. Zu Hause sind schon die Lichter angezündet; in der Küche klopfen etwa fünf Messer; eine Pfanne Pilze, Koteletts, Beeren . . . Dann Musik . . . Casta diva . . . Casta diva!« sang Oblomow. »Ich kann an Casta diva nicht mit Gleichmut denken«, sagte er, nachdem er den Anfang der Kavatine gesungen hatte; »wie diese Frau das, was ihr Herz erfüllt, ausweint! Welche Trauer liegt in diesen Tönen! . . . Und niemand um sie herum weiß etwas davon . . . Sie ist allein . . . Das Geheimnis bedrückt sie; sie vertraut es der Mondgöttin an . . .«

»Du liebst diese Arie? Das freut mich sehr; Olga Iljinskaja singt sie vorzüglich. Ich werde dich ihr vorstellen – ist das eine Stimme, ist das ein Gesang! Und auch sie selbst, was ist sie für ein entzückendes Kind! Übrigens urteile ich vielleicht parteiisch; ich habe eine Schwäche für sie . . . Aber laß dich nicht ablenken, laß dich nicht ablenken!« fügte Stolz hinzu. »Erzähle weiter!«

»Nun«, fuhr Oblomow fort, »was soll ich noch weiter sagen? Das ist alles . . . Die Gäste verteilen sich in die Nebengebäude und Pavillons; am andern Tage geht jeder, wohin er mag: der eine angelt, ein andrer geht mit dem Gewehr aus; ein dritter sitzt bloß so für sich da . . .«

»Bloß so, ohne etwas in der Hand zu haben?« fragte Stolz.

»Was willst du denn noch? Na, meinetwegen mag er sein Taschentuch in der Hand halten. Wie ist's? Würdest du nicht so leben mögen?« fragte Oblomow. »Nun? Ist das nicht ein schönes Leben?«

»Und so soll es das ganze Leben über weitergehen?« fragte Stolz.

»Ja, bis man graue Haare bekommt und im Sarge liegt. Das ist ein schönes Leben!«

»Nein, das ist kein schönes Leben!«

»Warum soll das nicht ein schönes Leben sein? Was fehlt daran? Bedenke nur, daß du kein blasses, leidendes Gesicht sehen würdest, von keiner Sorge etwas hören würdest, nichts vom Appellationsgerichte, von der Börse, von Aktien, von Berichten, von einem Empfange beim Minister, von Rangverleihungen, von Erhöhung der Tischgelder. Alle Gespräche tragen einen freundschaftlichen Charakter! Du würdest niemals deine Wohnung zu wechseln brauchen – was ist das allein schon wert! Und das soll kein schönes Leben sein?«

»Nein, das ist kein schönes Leben«, wiederholte Stolz hartnäckig.

»Was ist es denn deiner Ansicht nach?«

»Das ist . . .« (Stolz dachte nach und suchte einen Ausdruck zur Bezeichnung dieses Lebens) »das ist . . . Oblomowerei«, sagte er endlich.

»O-blo-mowerei!« sagte Ilja Iljitsch langsam; er war über dieses sonderbare Wort verwundert und zerlegte es in seine Silben: »O-blo-mo-werei!«

Er sah Stolz mit einem seltsamen Blicke unverwandt an. »Was ist denn deiner Ansicht nach das Lebensideal? Nicht Oblomowerei?« fragte er ohne Erregung, vielmehr schüchtern. »Erstreben denn nicht alle dasselbe, was ich mir in meinen Träumereien ausmale? Ich bitte dich«, fügte er mutiger hinzu: »Das Ziel all eures Hastens, eurer Leidenschaften, eurer Kriege, eures Handels und eurer Politik, ist dieses Ziel etwa nicht die Erreichung der Ruhe? Strebt ihr nicht alle nach diesem Ideale des verlorenen Paradieses?«

»Auch deine Utopie, auch die ist oblomowisch«, erwiderte Stolz.

»Alle Menschen streben nach Erholung und Ruhe«, verteidigte sich Oblomow.

»Nicht alle; auch du selbst hast vor zehn Jahren nach anderen Dingen im Leben gestrebt.«

»Wonach habe ich denn gestrebt?« fragte Oblomow verständnislos und versenkte sich mit seinen Gedanken in die Vergangenheit.

»Erinnere dich, denke nach! Wo sind deine Bücher, deine Übersetzungen?«

»Sachar wird sie irgendwohin weggepackt haben«, antwortete Oblomow. »Sie müssen hier irgendwo in der Ecke liegen.«

»In der Ecke!« sagte Stolz vorwurfsvoll. »Und in dieser selben Ecke liegen auch deine Vorsätze, ›dem Staate zu dienen, solange die Kräfte vorhalten; denn Rußland hat Hände und Köpfe nötig zur Ausnutzung seiner unerschöpflichen Quellen‹ (deine eigenen Worte); ›zu arbeiten, damit die Erholung um so süßer sei‹; und sich erholen, das bedeutete ›das Leben von einer anderen, geschmackvollen Seite kennenlernen, sich an Kunst und Poesie ergötzen‹. Hat Sachar alle diese Vorsätze ebenfalls in die Ecke gelegt? Erinnerst du dich, du wolltest nach Absolvierung des Bücherstudiums fremde Länder bereisen, um das eigene Land besser zu kennen und zu lieben? ›Das ganze Leben ist Denken und Arbeiten‹, sagtest du damals; ›mag die Arbeit auch eine unscheinbare sein und wenig beachtet werden, wenn sie nur ohne Unterbrechung andauert und man mit dem Bewußtsein stirbt, das Seinige getan zu haben.‹ Nun? In welcher Ecke liegt das bei dir?«

»Ja . . . ja . . .« sagte Oblomow, der mit unruhiger Spannung auf jedes Wort seines Freundes gelauscht hatte, »ich erinnere mich, ich habe wirklich . . . ich glaube . . . Gewiß«, sagte er, da ihm die Vergangenheit auf einmal wieder ins Gedächtnis kam, »wir hatten uns ja ursprünglich vorgenommen, Andrei, Europa kreuz und quer zu durchstreifen, die Schweiz zu Fuß zu durchwandern, uns die Füße auf dem Vesuv zu verbrennen und nach Herkulaneum hinabzusteigen. Wir hatten beinah den Verstand verloren. Was waren das für viele Dummheiten! . . .«

»Dummheiten!« wiederholte Stolz vorwurfsvoll. »Hast du nicht, wenn du die Kupferstiche der Raffaelschen Madonnen, der Nacht von Correggio und des Apollo von Belvedere betrachtetest, unter Tränen gesagt: ›O mein Gott, wird es mir nie vergönnt sein, die Originale zu sehen und zu verstummen in freudigem Schreck darüber, daß ich vor den Werken eines Michel Angelo, eines Tizian stehe und den Boden Roms trete? Soll ich denn mein ganzes Leben lang die Myrten, Zypressen und Orangenbäume nur in Treibhäusern sehen und nicht in ihrer Heimat? Werde ich nie die Luft Italiens atmen, mich nie an der Bläue seines Himmels berauschen? Und wie viele prächtige Feuerwerke hast du aus deinem Kopfe heraus abgebrannt! Dummheiten!«

»Ja, ja, ich erinnere mich!« sagte Oblomow, sich in die Vergangenheit zurückversetzend. »Du faßtest mich noch bei der Hand und sagtest: »Wir wollen uns das Versprechen geben, nicht eher zu sterben, ehe wir nicht etwas davon gesehen haben . . .«

»Ich erinnere mich«, fuhr Stolz fort, »wie du mir einmal zu meinem Namenstage eine Übersetzung aus SayFranzösischer Nationalökonom. 1767-1832. Anm. d. Übers. mit einer Widmung an mich brachtest; die Übersetzung habe ich bis heute sorgsam aufgehoben. Und wie du dich mit deinem Mathematiklehrer eingeschlossen hattest und unbedingt in die Lehre von den Kreisen und Quadraten eindringen wolltest, aber die Sache auf halbem Wege aufgabst und dein Ziel nicht erreichtest. Du fingst an, Englisch zu lernen . . . hast es aber nicht durchgeführt! Und als ich einen Plan zu einer Reise ins Ausland entworfen hatte und dich aufforderte, einen Blick in die deutschen Universitäten zu werfen, da sprangst du auf, umarmtest mich und gabst mir feierlich die Hand: ›Ich bin der deine, Andrei; ich gehe mit dir überallhin‹, – das sind deine eigenen Worte. Du warst immer ein bißchen Schauspieler. Und nun, Ilja? Ich bin zweimal im Auslande gewesen, und nachdem ich unsere russische Weisheit ausgekostet hatte, habe ich bescheiden in Bonn, Jena und Erlangen auf den Studentenbänken gesessen; dann habe ich mir eine solche Kenntnis von Europa erworben wie von meinem eigenen Gute. Indessen ist eine solche Reise allerdings ein Luxus, und nicht alle sind imstande und verpflichtet, sich dieses Mittels zu bedienen; aber Rußland? Ich habe mir Rußland kreuz und quer angesehen. Ich arbeite . . .«

»Irgendeinmal wirst du doch aufhören zu arbeiten«, bemerkte Oblomow.

»Nein, ich werde nie aufhören. Warum sollte ich das tun?«

»Wenn du dein Kapital verdoppelt haben wirst«, sagte Oblomow.

»Und wenn ich es vervierfacht haben werde, auch dann werde ich nicht aufhören.«

»Warum arbeitest du dich denn so ab«, begann Oblomow nach einem kurzen Stillschweigen, »wenn dein Ziel nicht ist, dich für immer sicherzustellen und dich dann in die Ruhe zurückzuziehen und dich zu erholen?«

»Das ist ländliche Oblomowerei!« sagte Stolz.

»Oder durch den Staatsdienst eine angesehene Stellung in der Gesellschaft zu erlangen und dann in ehrenvoller Muße die wohlverdiente Ruhe zu genießen . . .«

»Das ist Petersburger Oblomowerei!« erwiderte Stolz.

»Wann soll man denn dann leben?« versetzte Oblomow, der sich über Stolzens Bemerkungen ärgerte. »Wozu sollte man sich lebenslänglich abquälen?«

»Um der Arbeit selbst willen, aus keinem andern Grunde. Die Arbeit ist die Form, der Inhalt, das Element und der Zweck des Lebens, wenigstens des meinigen. Siehst du, du hast die Arbeit aus deinem Leben eliminiert: wie schrecklich hast du dadurch dein Leben entstellt! Ich versuche dich aufzurichten, vielleicht zum letzten Male. Wenn du auch nach diesem Versuche noch mit Menschen wie Tarantjew und Alexejew hier sitzen bleibst, dann wirst du ganz zugrunde gehen und dir selbst zur Last werden. Jetzt oder nie!« schloß er.

Oblomow hörte ihm zu und sah ihn mit unruhigen Augen an. Der Freund hatte ihm gewissermaßen einen Spiegel vorgehalten, und er hatte einen Schreck bekommen, als er sich darin erkannt hatte.

»Schilt mich nicht, Andrei, sondern hilf mir lieber wirklich!« begann er mit einem Seufzer. »Ich quäle mich selbst damit; und wenn du mich zum Beispiel gerade heute gesehen und gehört hättest, wie ich mir selbst mein Grab grabe und mich beweine, dann würde kein Vorwurf über deine Lippen kommen. Ich weiß das alles, ich verstehe das alles; aber ich habe keine Kraft und keinen Willen. Gib mir deinen Willen und deinen Geist, und dann führe mich, wohin du willst. Ich werde dir vielleicht folgen; aber allein werde ich mich nicht von der Stelle rühren. Du sagst die Wahrheit: ›jetzt oder nie mehr‹. Noch ein Jahr, und es wird zu spät sein!«

»Bist du das wirklich, Ilja?« sagte Andrei, »und ich habe dich doch noch als einen schlanken, lebhaften Knaben im Gedächtnis, der täglich von der Pretschistenka nach KudrinoIm Südwesten bzw. Westen von Moskau. Anm. d. Übers. ging; dort in dem Gärtchen . . . denkst du wohl noch an die beiden Schwestern? Denkst du wohl noch daran, wie du ihnen Rousseau, Schiller, Goethe und Byron brachtest und ihnen die Romane der CottinFranzösische Romanschriftstellerin. 1770-1807. Anm. d. Übers. und der Genlis wegnahmst . . . du tatest vor ihnen groß und wolltest ihren Geschmack bilden?« Oblomow sprang vom Bette auf.

»Wie? Daran erinnerst du dich noch, Andrei? Gewiß! Ich habe mit ihnen Zukunftsträumereien ausgesponnen, ihnen Hoffnungen zugeflüstert, Pläne und Gedanken entwickelt und . . . auch von Gefühlen gesprochen, heimlich vor dir, damit du mich nicht auslachtest. Aber das ist alles erstorben und hat sich nie mehr wiederholt! Und wo ist das alles geblieben – warum ist es erloschen? Ich habe ja weder Stürme noch Erschütterungen durchgemacht; ich habe nichts verloren; keine Last bedrückt mein Gewissen (mein Gewissen ist rein wie Glas); kein Schlag hat mich in meinem Ehrgefühl verletzt; nein, ohne sichtbare Ursache geht alles zugrunde, Gott weiß warum.«

Er seufzte.

»Weißt du, Andrei, in meinem Leben ist ja nie ein Feuer entbrannt, weder ein rettendes, noch ein zerstörendes. Mein Leben war nicht einem Morgen ähnlich, der allmählich Licht und Farben gewinnt und dann, wie bei anderen Menschen, in den Tag übergeht, und nun wird es glühend heiß, und alles wimmelt und bewegt sich am hellen Mittage, und dann wird alles immer stiller und blasser, und alles erlischt gegen Abend nach und nach in natürlicher Weise. Nein, mein Leben fing mit dem Erlöschen an. Es ist seltsam, aber es ist so! Vom ersten Augenblicke an, wo ich mir meiner selbst bewußt wurde, fühlte ich, daß ich schon erlosch. Ich begann zu erlöschen beim Abschreiben von Akten in der Kanzlei; ich erlosch dann, als ich in den Büchern Wahrheiten las, mit denen ich im Leben nichts anzufangen wußte; ich erlosch im Verkehr mit Freunden, wenn ich ihre Reden, die Klatschgeschichten, die Spötteleien, das kalte, boshafte Geschwätz, die öden Gespräche mit anhörte und die Freundschaft ansah, die nur durch Zusammenkünfte ohne Ziel und ohne Zuneigung erhalten wurde; ich erlosch und vergeudete meine Kräfte mit Mina: ich bezahlte ihr mehr als die Hälfte meines Einkommens und bildete mir ein, daß ich sie liebte; ich erlosch bei dem trübseligen, trägen Promenieren auf dem Newski-Prospekte zwischen Schuppenpelzen und Biberkragen, auf Abendgesellschaften, an Empfangstagen, wo man mir als einem annehmbaren Heiratskandidaten freundlich entgegenkam; ich erlosch und verschwendete mein Leben und meinen Geist in kleinlichem Treiben, indem ich von der Stadt nach einem Landhause und von dem Landhause wieder nach der Gorochowaja-Straße zog und den Frühling als die Zeit des Eintreffens der Austern und Hummern, den Herbst und den Winter als die Zeit der jours fixes, den Sommer als die Zeit der Spaziergänge und das ganze Leben als ein träges, ruhiges Hindämmern definierte, wie das auch andere taten . . . Sogar mein Ehrgeiz, worauf verschwendete ich ihn? Darauf, mir bei einem bekannten Schneider einen Anzug zu bestellen? Darauf, in einer vornehmen Familie Zutritt zu erlangen? Darauf, vom Fürsten P. eines Händedrucks gewürdigt zu werden? Und der Ehrgeiz ist ja das Salz des Lebens! Wo ist der geblieben? Entweder habe ich dieses Leben nicht begriffen, oder es taugt wirklich nichts; etwas Besseres aber habe ich nicht gekannt und nicht gesehen, und niemand hat es mir gezeigt. Du bist erschienen und verschwunden wie ein Komet, hell leuchtend und schnell dahinfliegend, und ich vergaß das alles und erlosch . . .«

Stolz antwortete auf Oblomows Rede nicht mehr mit einem geringschätzigen Lächeln. Er hörte zu und schwieg finster. »Du sagtest vorhin, mein Gesicht sehe nicht recht frisch, vielleicht welk aus«, fuhr Oblomow fort. »Ja, ich bin ein alter, schlechter, abgetragener Rock; aber daran ist nicht das Klima schuld, auch ist es nicht eine Folge vieler Arbeit, sondern es kommt davon her, daß zwölf Jahre lang in meinem Innern das Licht eingeschlossen war und einen Ausweg suchte, aber nur sein Gefängnis verbrannte, nicht zur Freiheit durchbrach, sondern erlosch. Zwölf Jahre sind so vergangen, mein lieber Andrei: ich wollte schon nicht mehr erwachen.«

»Warum hast du dich denn nicht losgerissen, bist nicht irgendwohin geflohen, sondern schweigend zugrunde gegangen?« fragte Stolz ungeduldig.

»Wohin hätte ich fliehen sollen?«

»Wohin? Nun, und wenn du mit deinen Bauern an die Wolga geflohen wärest. Auch dort ist mehr Bewegung; da gibt es allerlei Interessen, Ziele, Arbeit. Ich wäre nach Sibirien, nach SitchaIn Nordamerika, in Alaska, welches bis 1867 russisch war. Anm. d. Übers. gegangen . . .«

»Was du mir immer für starke Mittel verschreibst!« bemerkte Oblomow trübselig. »Und bin ich denn der einzige, dem es so geht? Sieh nur Michailow an und Petrow und Semjonow und Alexejew und Stepanow . . . sie sind gar nicht zu zählen: es ist unser eine Legion!«

Stolz stand noch unter dem Eindrucke dieser Beichte und schwieg. Dann seufzte er.

»Ja, es ist viel Wasser seitdem ins Meer geflossen!« sagte er. »Ich werde dich nicht in diesem Zustande verharren lassen; ich werde dich von hier wegbringen, zuerst ins Ausland, dann auf dein Gut: du wirst ein bißchen abmagern, deine Hypochondrie loswerden, und dort werden wir auch eine Tätigkeit für dich finden . . .«

»Ja, wir wollen von hier wegfahren, irgendwohin!« rief Oblomow in unwillkürlichem Eifer.

»Morgen wollen wir uns um einen Auslandspaß bemühen und uns dann reisefertig machen . . . Ich werde nicht davon abstehen; hörst du, Ilja?«

»Du immer mit deinem ›Morgen‹!« erwiderte Oblomow, der aus den Wolken fiel.

»Du hättest es wohl mit dem Sprichwort: ›Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen‹? Welche Eile! Heute ist es zu spät«, fügte Stolz hinzu. »Aber in vierzehn Tagen werden wir schon weit weg sein . . .«

»Was redest du da, Bruder: in vierzehn Tagen! Ich bitte dich, so plötzlich! . . .« sagte Oblomow. »Laß mir nur Zeit, die Sache ordentlich zu überlegen und mich vorzubereiten . . . Es muß doch ein Reisewagen beschafft werden . . . allenfalls in drei Monaten.«

»Was für ein Einfall: ein Reisewagen! Wir fahren bis zur Grenze im Postwagen oder mit dem Dampfschiff bis Lübeck, das wird noch bequemer sein; und dort gibt es an vielen Orten Eisenbahnen.«

»Aber die Wohnung, und Sachar, und Oblomowka? Ich muß doch erst die erforderlichen Anordnungen treffen«, verteidigte sich Oblomow.

»Oblomowerei, Oblomowerei!« sagte Stolz lachend; dann nahm er ein Licht, wünschte Oblomow gute Nacht und ging, um sich schlafen zu legen. »Jetzt oder nie! Vergiß das nicht!« fügte er, sich zu Oblomow umwendend, hinzu und schloß die Tür hinter sich.

 

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