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Iwan Gontscharow: Oblomow - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/gontscha/oblomow/oblomow.xml
typefiction
authorIwan Gontscharow
titleOblomow
publisherAnaconda
year2010
isbn978-3-86647-478-9
firstpub1859
translatorHermann Röhl
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120612
modified20170607
projectida9997c9c
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III.

»Guten Tag, Ilja. Wie freue ich mich, dich wiederzusehen! Nun also, wie geht es dir? Bist du gesund?« fragte Stolz.

»Ach nein, es geht mir schlecht, Bruder Andrei«, antwortete Oblomow mit einem Seufzer. »Von Gesundheit ist nicht die Rede!«

»Wieso? Bist du krank?« fragte Stolz besorgt.

»Die Gerstenkörner belästigen mich: eben ist in der letzten Woche eines vom rechten Auge weggegangen, und jetzt bildet sich schon wieder ein anderes.«

Stolz lachte.

»Weiter nichts?« fragte er. »Das ist bei dir eine Folge des vielen Schlafens.«

»Und das ist nicht das einzige: es quält mich auch ein arges Sodbrennen. Du hättest nur hören sollen, was vorhin der Arzt gesagt hat. ›Gehen Sie ins Ausland‹ sagt er; ›sonst kann es schlimm werden: der Schlag kann Sie treffen.‹«

»Nun, und was wirst du tun?«

»Ich werde nicht hinreisen.«

»Warum denn nicht?«

»Ich bitte dich! Höre nur, was er da gesagt hat: ›Leben Sie irgendwo im Gebirge; fahren Sie nach Ägypten oder nach Amerika . . .‹«

»Was ist denn dabei?« sagte Stolz kaltblütig. »Zu der Reise nach Ägypten brauchst du zwei Wochen und zu der Reise nach Amerika drei.«

»Na, Bruder Andrei, haust du in denselben Kerb? Einen einzigen vernünftigen Menschen hat es bis jetzt gegeben, und der hat nun auch den Verstand verloren. Wer fährt denn nach Amerika und Ägypten? Die Engländer; die sind nun einmal von Gott dem Herrn dazu eingerichtet, und sie haben auch bei sich zu Hause keinen Raum. Aber bei uns, wer fährt denn bei uns dorthin? Höchstens so ein verzweifelter Mensch, dem an seinem Leben nichts mehr gelegen ist.«

»Aber wirklich, was sind das für Heldentaten: sich in einen Wagen zu setzen oder auf ein Schiff zu steigen, reine Luft zu atmen, fremde Länder, Städte, Gebräuche und alle möglichen wunderbaren Dinge anzusehen. Ach du! Na, sag' mal. wie steht es denn mit deinen Angelegenheiten, wie geht es in Oblomowka?«

»Ach! . . .« brachte Oblomow heraus und machte eine resignierte Handbewegung.

»Was ist denn passiert?«

»Was passiert ist? Das Leben faßt mich an.«

»Nun, Gott sei Dank!« sagte Stolz.

»Wie kannst du so reden! Ja, wenn es mir immer den Kopf streichelte; aber es setzt mir arg zu, wie manchmal in der Schule unnütze Buben einem friedlichen Schüler zusetzen: bald kneift ihn einer heimtückisch, bald rennt einer von vorn gerade auf ihn zu und bewirft ihn mit Sand . . . ich kann es nicht mehr aushalten!«

»Du bist eben gar zu – friedlich. Was ist denn vorgefallen?« fragte Stolz.

»Ein zwiefaches Unglück hat mich betroffen.«

»Worin besteht es denn?«

»Ich bin völlig zugrunde gerichtet.«

»Wieso?«

»Ich werde dir mal vorlesen, was mein Dorfschulze schreibt . . . wo ist der Brief nur? Sachar, Sachar!«

Sachar fand den Brief. Stolz durchlief ihn mit den Augen und lachte laut auf, wahrscheinlich über den Stil des Dorfschulzen.

»Was ist dieser Dorfschulze für ein Gauner!« sagte er. »Er hat die Bauern davonlaufen lassen, und nun klagt er noch darüber! Das beste wäre, ihnen Pässe auszustellen und sie laufen zu lassen, wohin sie Lust haben.«

»Aber ich bitte dich! Dann werden ja am Ende alle wegwollen«, erwiderte Oblomow.

»Na, laß sie doch!« antwortete Stolz sorglos. »Wer sich an seinem Fleck wohlfühlt und vom Dableiben Vorteil hat, der wird nicht weggehen; wer aber keinen Vorteil davon hat, von dem hast du auch keinen; wozu willst du so einen festhalten?«

»Ist das eine Anschauung!« sagte Ilja Iljitsch. »Die Bauern in Oblomowka haben einen ruhigen, seßhaften Charakter; wozu sollen die sich umhertreiben?«

»Aber du scheinst nicht zu wissen«, unterbrach ihn Stolz: »in Werchlowo will man einen Anlegeplatz einrichten, und es wird geplant, eine Chaussee vorbeizuführen, so daß dann auch Oblomowka nicht weit von einer großen Landstraße entfernt sein wird; und in der Stadt soll ein Jahrmarkt eingerichtet werden . . .«

»Ach du mein Gott!« stöhnte Oblomow. »Das fehlte noch! Oblomowka lag so schön still und abseits; und nun kommt ein Jahrmarkt und eine große Landstraße! Die Bauern werden es sich angewöhnen, nach der Stadt zu laufen, und uns werden die Kaufleute heimsuchen – es ist alles dahin! Nein, so ein Unglück!«

Stolz lachte.

»Wie sollte das kein Unglück sein?« fuhr Oblomow fort. »Die Bauern waren bisher so leidlich; man hörte über sie nichts Gutes und nichts Schlechtes; sie taten ihre Arbeit und trachteten nach nichts weiter; aber jetzt werden sie verlottern! Nun werden Tee und Kaffee und Samthosen und Ziehharmonikas und Schmierstiefel hinkommen . . . es wird kein Segen dabei sein!«

»Ja, wenn's so zugeht, wird allerdings wenig Segen dabei sein«, bemerkte Stolz. »Aber richte doch eine Schule im Dorfe ein . . .«

»Ist das auch nicht zu früh?« erwiderte Oblomow. »Das Lesen und Schreiben ist dem Bauer schädlich; wenn man ihn unterrichtet, wird er am Ende nicht mehr pflügen mögen . . .«

»Aber die Bauern werden ja dann zu lesen bekommen, wie sie rationell pflügen müssen, du wunderlicher Kauz! Aber höre: im Ernst, du mußt in diesem Sommer selbst auf dem Gute sein.«

»Ja, das ist richtig; nur ist mein Plan noch nicht vollständig fertig . . .« versetzte Oblomow schüchtern.

»Du brauchst auch gar keinen Plan!« sagte Stolz. »Fahre nur hin: du wirst an Ort und Stelle schon sehen, was du tun mußt. Du mühst dich schon wer weiß wie lange mit diesem Plane ab; ist er denn noch nicht zustande gekommen? Was hast du denn eigentlich zu tun?«

»Ach, Bruder! Als ob ich keine andre Sorge hätte als die mit dem Gute! Und mein anderes Unglück?«

»Worin besteht denn das?«

»Der Hauswirt treibt mich aus der Wohnung.«

»Wie macht er denn das?«

»Ganz einfach; er sagt: ›Zieh aus!‹ Weiter nichts.«

»Na, was ist denn dabei?«

»Was dabei ist! Ich habe mir den Rücken und die Seiten durchgerieben, so habe ich mich wegen dieser Sorge umhergewälzt. Ich muß ja alles allein tun: bald ist dies nötig, bald das; da muß ich Rechnungen prüfen und hier bezahlen und da bezahlen, und nun noch der Umzug! Ich gebe eine Unmenge Geld aus und weiß selbst nicht, wo es alles bleibt! Ehe ich mich dessen versehe, sitze ich vollständig auf dem Trockenen . . .«

»Ist das ein verwöhnter Mensch: es ist ihm zu beschwerlich, aus der Wohnung auszuziehen!« sagte Stolz erstaunt. »Aber da du gerade von Geld sprichst: hast du viel im Hause? Gib mir fünfhundert Rubel: ich muß sie sofort abschicken; morgen nehme ich mir die Summe aus unserm Kontor . . .«

»Warte! Laß mich darüber nachdenken Neulich habe ich vom Gute tausend Rubel geschickt bekommen; davon sind jetzt noch übrig . . . warte mal . . .«

Oblomow begann in den Schubladen herumzusuchen.

»Da! Hier sind zehn, zwanzig Rubel; da sind zweihundert Rubel und da noch zwanzig. Es war auch noch Kupfergeld hier . . . Sachar, Sachar!«

Sachar sprang in der üblichen Manier von der Ofenbank und kam ins Zimmer.

»Hier lagen noch zwanzig Kopeken auf dem Tische; wo sind die geblieben? Ich habe sie gestern hergelegt . . .«

»Was haben Sie nur mit den zwanzig Kopeken, Ilja Iljitsch? Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß da keine zwanzig Kopeken gelegen haben . . .«

»Gewiß haben sie da gelegen! Ich habe sie herausbekommen, als ich mir Apfelsinen kaufte . . .«

»Sie werden sie jemandem gegeben und es vergessen haben«, sagte Sachar und wandte sich nach der Tür zu.

Stolz lachte. »Ach, ihr Oblomowkaer!« sagte er vorwurfsvoll. »Ihr wißt nicht einmal, wieviel Geld ihr in der Tasche habt!«

»Und was für Geld haben Sie vorhin Michei Andrejewitsch gegeben?« erinnerte ihn Sachar.

»Ach ja, Tarantjew hat auch noch zehn Rubel bekommen«, sagte Oblomow; sich lebhaft zu Stolz hinwendend. »Das hatte ich vergessen.«

»Warum läßt du denn diese Kanaille zu dir herein?« bemerkte Stolz.

»Ja. warum wird der hereingelassen?« mischte sich Sachar in das Gespräch. »Er kommt herein, als ob er in sein eigenes Haus oder in ein Restaurant einträte. Er hat sich eine Weste und ein Hemd, die dem Herrn gehören, geborgt, und wir haben die Sachen nicht wieder zu sehen bekommen! Vorhin kam er, um sich einen Frack zu leihen: ›Laß ihn mich anziehen!‹ sagte er. Wenn doch wenigstens Sie, Väterchen Andrei Iwanowitsch, ihm einen Riegel vorschieben wollten . . .«

»Das ist nicht deine Sache. Sachar. Geh nach deiner Stube!« bemerkte Oblomow in strengem Tone.

»Gib mir einen Briefbogen«, bat Stolz; »ich möchte mir etwas notieren.«

»Sachar, gib das Papier her! Andrei Iwanowitsch wünscht welches . . .« sagte Oblomow.

»Es ist ja keines da! Wir haben doch schon vorhin danach gesucht«, erwiderte Sachar vom Vorzimmer aus, ohne auch nur ins Zimmer hereinzukommen.

»So gib mir irgendein Blättchen!« bat Stolz weiter.

Oblomow suchte auf dem Tische; aber es war auch kein Blättchen da.

»Na, dann gib mir wenigstens eine Visitenkarte!«

»Visitenkarten habe ich schon längst nicht mehr«, sagte Oblomow.

»Was ist denn eigentlich mir dir?« versetzte Stolz ironisch. »Und doch beabsichtigst du, etwas zu arbeiten, entwirfst einen Plan. Sag' doch mal, gehst du denn irgendwohin? Wo verkehrst du? Mit wem kommst du zusammen?«

»Wo ich verkehre? Ich komme wenig aus; ich sitze immer zu Hause. Mein Plan beunruhigt mich, und nun noch die Wohnung . . . Zum Glück will Tarantjew sich darum bemühen und mir eine verschaffen . . .«

»Besucht dich hier jemand?«

»O ja . . . da ist Tarantjew, dann auch Alexejew. Vorhin war der Arzt hier . . . Penkin war hier, Sudbinski, Wolkow . . .«

»Ich sehe bei dir auch keine Bücher«, sagte Stolz.

»Da ist ein Buch«, erwiderte Oblomow und wies auf ein Buch, das auf dem Tische lag.

»Was ist es denn für eins?« fragte Stolz und sah das Buch an. »›Eine Reise nach Afrika‹. Und die Seite, bei der du stehen geblieben bist, ist ganz verschimmelt. Es ist auch keine Zeitung zu sehen. Liest du denn Zeitungen?«

»Nein, der Druck ist mir zu klein; er verdirbt mir die Augen . . . Und ich habe auch kein Bedürfnis, Zeitungen zu lesen: wenn etwas Neues passiert, hört man den ganzen Tag über von allen Seiten von nichts anderem sprechen.«

»Aber ich bitte dich, Ilja«, sagte Stolz, indem er einen verwunderten Blick auf ihn richtete. »Was tust du denn eigentlich? Du hast dich wie ein Teigklumpen zusammengerollt und liegst nun still da.«

»Das ist richtig, Andrei, wie ein Teigklumpen«, antwortete Oblomow traurig.

»Aber ist das etwa eine Entschuldigung, daß du dir dessen selbst bewußt bist?«

»Nein, es ist nur die Antwort auf deine Worte; ich suche mich nicht zu entschuldigen«, erwiderte Oblomow mit einem Seufzer.

»Du müßtest doch aus diesem Zustande des Schlafes herauskommen.«

»Das habe ich früher versucht; es ist mir nicht gelungen, und jetzt . . . wozu? Nichts weckt mich auf; meine Seele trachtet nicht danach, sich zu befreien; mein Geist schläft ruhig!« schloß er mit kaum merklicher Bitterkeit. »Genug davon . . . Sage mir lieber, wo du jetzt herkommst.«

»Aus Kiew. In vierzehn Tagen reise ich ins Ausland. Komm doch mit . . .«

»Schön; vielleicht . . .« antwortete Oblomow.

»Dann setz dich hin und schreibe ein Gesuch; morgen kannst du es einreichen . . .«

»Gleich morgen!« rief Oblomow erschrocken. »Was diese Menschen für Eile haben, als ob jemand mit der Hetzpeitsche hinter ihnen her wäre! Wir wollen es uns überlegen und miteinander besprechen, und dann, wie Gott will! Vielleicht fahre ich zuerst nach dem Gute . . . und erst später nach dem Auslande . . .«

»Warum denn erst später? Der Arzt hat es dir doch verordnet? Wirf zuerst das Fett von dir, das deinen Körper beschwert; dann wird auch deine geistige Schläfrigkeit verschwinden. Der Mensch bedarf sowohl einer körperlichen wie einer geistigen Gymnastik.«

»Nein, Andrei, all das wird mich zu sehr ermüden: ich habe nun einmal eine schwache Gesundheit. Nein, laß mich lieber hier und reise allein . . .«

Stolz blickte den daliegenden Oblomow an und dieser ihn. Stolz wiegte den Kopf hin und her; Oblomow seufzte.

»Ich glaube, du bist sogar zu faul zum Leben?« fragte Stolz.

»Auch das ist richtig; ich bin zu faul dazu, Andrei.«

Andrei überlegte bei sich, an welcher Stelle er ihn anfassen müsse, um ihn in Bewegung zu bringen; er musterte ihn dabei schweigend und lachte plötzlich auf.

»Warum hast du denn einen zwirnenen und einen baumwollenen Strumpf an?« fragte er und wies auf Oblomows Füße. »Und auch das Hemd hast du verkehrt angezogen!«

Oblomow betrachtete seine Füße und dann das Hemd.

»In der Tat«, sagte er, es verlegen zugebend. »Dieser Sachar ist mir zur Strafe gesandt! Du glaubst gar nicht, was ich für eine Plage mit ihm habe! Er streitet mit mir und ist grob; aber Arbeit darf man nicht von ihm verlangen!«

»Ach, Ilja, Ilja!« sagte Stolz. »Nein, ich kann dich nicht in diesem Zustande lassen. In einer Woche wirst du dich selbst nicht wiedererkennen. Gleich heute abend werde ich dir meinen ausführlichen Plan mitteilen, was ich mit mir und dir anzufangen gedenke. Jetzt aber zieh dich an! Warte nur, ich werde dich schon aufrütteln. Sachar!« rief er. »Ilja Iljitsch will sich ankleiden!«

»Wohin soll ich denn, ich bitte dich, was hast du vor? Es werden gleich Tarantjew und Alexejew kommen, um bei mir zu Mittag zu essen. Dann wollten wir . . .«

»Sachar«, sagte Stolz, ohne auf ihn zu hören, »sei ihm beim Ankleiden behilflich.«

»Zu Befehl, Väterchen Andrei Iwanowitsch. Ich will nur erst noch die Stiefel putzen«, antwortete Sachar bereitwillig.

»Wie? Um fünf Uhr hast du die Stiefel noch nicht geputzt?«

»Geputzt sind sie, noch von der vorigen Woche her; aber der Herr ist nicht ausgegangen, und da sind sie wieder blind geworden . . .«

»Na, bring sie, wie sie sind! Meinen Koffer trage in den Salon; ich werde bei euch logieren. Ich ziehe mich sogleich um, und du, Ilja, mach' dich auch fertig! Wir wollen irgendwo unterwegs Mittagbrot essen; dann fahren wir zu zwei, drei Familien und . . .«

»Hm! Aber du . . . wie kann ich nur so plötzlich . . . warte . . . laß mich die Sache erst überlegen . . . ich bin ja nicht rasiert . . .«

»Da brauchst du nichts zu überlegen und dir nicht den Nacken zu kratzen . . . Rasieren lassen kannst du dich unterwegs: ich werde dich zu einem Barbier hinbringen.«

»In was für Familien werden wir denn fahren?« rief Oblomow trübselig. »Zu solchen, die ich gar nicht kenne? Was ist das für ein Einfall? Ich will lieber einen Besuch bei Iwan Gerasimowitsch machen; ich bin seit drei Tagen nicht bei ihm gewesen.«

»Wer ist das, Iwan Gerasimowitsch?«

»Er war früher bei derselben Behörde angestellt wie ich . . .«

»Ah, dieser grauköpfige Hausverwalter! Was hast du denn an dem gefunden? Eine wunderliche Passion, mit diesem Tölpel die Zeit totzuschlagen!«

»Wie scharf du manchmal über die Menschen urteilst, Andrei; weiß Gott. Er ist ja doch ein braver Mensch, nur daß er keine Hemden von holländischer Leinwand trägt . . .«

»Was machst du denn bei ihm? Wovon redest du mit ihm?« fragte Stolz.

»Weißt du, bei ihm in seiner Wohnung ist es so ordentlich und gemütlich. Die Zimmer sind nur klein und die Sofas so weich: man sinkt mitsamt dem Kopfe hinein und ist gar nicht mehr zu sehen. Die Fenster sind ganz von Efeu und Kaktussen verdeckt; Kanarienvögel sind mehr als ein Dutzend da und drei Hunde, so nette Tiere! Ein kalter Imbiß kommt nie vom Tische weg. Die Stahlstiche stellen lauter Familienszenen dar. Wenn man zu ihm hinkommt, möchte man gar nicht wieder fortgehen. Man sitzt da, ohne sich irgendwelche Sorgen zu machen, ohne an etwas zu denken; man weiß, daß man einen Menschen neben sich hat, der allerdings nicht besonders klug ist (an einen Ideenaustausch mit ihm ist gar nicht zu denken), aber dafür redlich, gutherzig, dienstfertig, anspruchslos; auch redet er nicht hinter dem Rücken Übles von einem!«

»Was macht ihr denn da?«

»Was wir machen? Wenn ich hinkomme, setzen wir uns auf zwei Sofas einander gegenüber und legen die Beine herauf; er raucht . . .«

»Na, und du?«

»Ich . . . ich rauche ebenfalls; ich höre zu, wie die Kanarienvögel schmettern. Dann bringt Marfa den Samowar.«

»Tarantjew und Iwan Gerasimowitsch!« sagte Stolz achselzuckend. »Na, zieh dich schnell an!« trieb er zur Eile. Und zu Sachar gewendet fügte er hinzu: »Zu Tarantjew sage, wenn er kommt, wir würden außer dem Hause zu Mittag essen, und Ilja Iljitsch werde den ganzen Sommer über nicht zu Hause zu Mittag essen; im Herbst aber werde er sehr viel zu tun haben, so daß es ihm nicht möglich sein werde, mit ihm zusammenzusein . . .«

»Ich werde es ihm sagen, ich werde es nicht vergessen; ich werde ihm alles sagen«, erwiderte Sachar. »Aber was befehlen Sie, daß mit dem Mittagessen geschehen soll?«

»Iß es mit irgend jemand zusammen auf und laß es dir gut bekommen.«

»Zu Befehl, gnädiger Herr.«

Zehn Minuten darauf trat Stolz umgekleidet, rasiert und gekämmt wieder ins Zimmer; Oblomow aber saß melancholisch auf seinem Bette und knöpfte langsam sein Hemd über der Brust zu, wobei er mit den Knöpfen nicht recht in die Knopflöcher hineintraf. Vor ihm kniete auf einem Knie Sachar mit einem ungeputzten Stiefel, den er wie ein Gericht präsentierte; er war bereit, ihn ihm anzuziehen, und wartete nur, bis sein Herr mit dem Zuknöpfen des Hemdes fertig sein werde.

»Du hast noch nicht die Stiefel angezogen!« sagte Stolz verwundert. »Na, dann flink, Ilja, flink!«

»Aber wo soll ich denn hin? Und wozu?« sagte Oblomow bekümmert. »Was habe ich da zu suchen? Ich habe mich von allem zurückgezogen; ich möchte nicht . . .«

»Flink, flink!« mahnte Stolz wieder zur Eile.

 

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