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Iwan Gontscharow: Oblomow - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/gontscha/oblomow/oblomow.xml
typefiction
authorIwan Gontscharow
titleOblomow
publisherAnaconda
year2010
isbn978-3-86647-478-9
firstpub1859
translatorHermann Röhl
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120612
modified20170607
projectida9997c9c
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Zweiter Teil

 

I.

Stolz war nur zur Hälfte Deutscher, von väterlicher Seite; seine Mutter war eine Russin; er bekannte sich zur rechtgläubigen Kirche; seine Muttersprache war das Russische; er hatte es von seiner Mutter, aus Büchern, in den Auditorien der Universität, beim Spielen mit den Dorfjungen, bei Gesprächen mit ihren Vätern und auf den Moskauer Märkten gelernt. Die deutsche Sprache hatte er von seinem Vater geerbt und aus Büchern kennengelernt.

In dem Kirchdorfe Werchlowo, wo sein Vater Verwalter war, wuchs Stolz auf und erhielt seine Erziehung. Als er acht Jahre alt war, saß er mit seinem Vater bei einer Landkarte, buchstabierte Schriften von Herder und Wieland und Bibelverse und addierte die unorthographisch geschriebenen Rechnungen der Bauern, Kleinbürger und Fabrikarbeiter nach; mit seiner Mutter aber las er die biblische Geschichte, lernte Krylowsche Fabeln und buchstabierte den Télémaque. Sobald er von den Büchern losgekommen war, lief er mit den Bauernjungen Vogelnester ausnehmen, und nicht selten ließ sich während des Unterrichts oder des Gebetes aus seiner Tasche das Kreischen junger Dohlen vernehmen.

Auch Dinge folgender Art kamen vor. Sein Vater saß nachmittags unter einem Baume im Garten und rauchte seine Pfeife, während die Mutter eine wollene Jacke strickte oder auf Kanevas stickte: plötzlich erscholl von der Straße her Lärm und Geschrei, und ein ganzer Menschenschwarm drang in das Haus ein.

»Was gibt es?« fragte die erschrockene Mutter.

»Gewiß bringen sie wieder Andrei«, sagte der Vater mit Seelenruhe.

Die Tür wurde weit aufgerissen und eine Menge Bauern, Weiber und Kinder stürmten in den Garten hinein. Sie brachten wirklich Andrei – aber in welchem Zustande: ohne Stiefel, mit zerrissenen Kleidern und mit zerschlagener Nase; oder wenn seine Nase ganz war, so war dafür die eines andern Knaben zerschlagen.

Die Mutter fühlte sich immer sehr beunruhigt, wenn sie sah, daß Andrei für einen halben Tag aus dem Hause verschwand; und hätte ihr der Vater nicht entschieden verboten, dem Knaben hinderlich zu sein, so würde sie ihn immer bei sich behalten haben.

Wenn sie ihn dann gewaschen und ihm reine Wäsche und ganze Kleider angezogen hatte, so ging Andrei einen halben Tag lang als ein sauberer, wohlerzogener Knabe umher; aber am Abend, manchmal auch am Morgen brachte ihn wieder jemand angeschleppt, beschmutzt, zerzaust und unkenntlich; oder Bauern brachten ihn auf einer Heufuhre mit, oder endlich er kam mit Fischern in deren Kahne, wo er auf dem Netze schlief.

Die Mutter brach dann in Tränen aus; aber der Vater regte sich darüber nicht auf, er lachte nur.

»Er wird ein tüchtiger Bursche werden, ein tüchtiger Bursche!« sagte er manchmal.

»Aber ich bitte dich, Iwan Bogdanowitsch«, klagte sie; »es vergeht kein Tag, ohne daß er mit einem blauen Fleck nach Hause kommt; und neulich hatte er sich die Nase blutig geschlagen.«

»Was wäre er denn für ein Kind, wenn er nicht auch einmal sich oder einem andern die Nase blutig schlüge?« sagte der Vater lachend.

Die Mutter weinte eine Weile; dann setzte sie sich ans Klavier und suchte ihr Leid bei Herzschen Kompositionen zu vergessen: die Tränen tropften eine nach der andern auf die Tasten. Aber da kam Andrei, oder er wurde auch gebracht; und nun begann er so munter und lebhaft zu erzählen, daß er auch sie zum Lachen brachte. Und überdies lernte er so gut! Es war zu erwarten, daß er den Télémaque bald ebensogut, wie sie selbst, lesen und mit ihr vierhändig spielen werde.

Einmal war er eine ganze Woche lang verschwunden; die Mutter weinte sich die Augen aus, aber der Vater blieb ruhig, ging im Garten auf und ab und rauchte.

»Ja, wenn Oblomows Sohn verschwunden wäre«, antwortete er auf die Bitte der Mutter, er möchte doch auf die Suche nach Andrei fahren, »dann würde ich das ganze Dorf und die Landpolizei auf die Beine bringen; aber Andrei wird schon wiederkommen. O, der ist ein tüchtiger Bursche!«

Am andern Tage fand man Andrei höchst ruhig in seinem Bette schlafend; unter dem Bette aber lag ein Gewehr, das Gott weiß wem gehören mochte, und ein Pfund Pulver und Schrot.

»Wo bist du denn gewesen? Wo hast du das Gewehr her?« überschüttete ihn die Mutter mit Fragen. »Warum schweigst du?«

»Hm!« war die ganze Antwort.

Der Vater fragte, ob er die Übersetzung aus dem Cornelius Nepos ins Deutsche fertig habe.

»Nein«, antwortete er.

Der Vater faßte ihn mit der einen Hand beim Kragen, führte ihn vors Tor, setzte ihm die Mütze auf den Kopf und gab ihm von hinten einen solchen Fußtritt, daß er hinfiel. »Geh dahin, wo du hergekommen bist«, fügte er hinzu, »und komm mit der Übersetzung zweier Kapitel statt eines Kapitels wieder und lerne für die Mutter die Rolle aus dem französischen Lustspiel auswendig, die sie dir aufgegeben hat: ohne das laß dich nicht wieder blicken!«

Andrei kehrte nach einer Woche zurück und brachte nicht nur die Übersetzung, sondern hatte auch die Rolle gelernt.

Als er heranwuchs, nahm ihn der Vater zu sich auf sein Wägelchen, gab ihm die Zügel und befahl ihm, nach der Fabrik, dann auf die Felder, dann nach der Stadt zu den Kaufleuten und zu den Behörden zu fahren. Dann hieß er ihn Tonerde besehen, die er auf den Finger nahm, beroch, manchmal auch mit der Zunge berührte und dem Sohne zum Riechen gab, und erklärte ihm, von welcher Art sie sei, und wozu sie benutzt werden könne. Oder sie fuhren auch hin, um anzusehen, wie Pottasche oder Teer gewonnen und Talg zerlassen wurde.

Im Alter von vierzehn, fünfzehn Jahren begab sich der Knabe oft allein in dem Wägelchen oder zu Pferde mit einer Tasche am Sattel im Auftrage des Vaters nach der Stadt, und es kam niemals vor, daß er etwas vergessen, falsch ausgerichtet, übersehen oder sonst einen Fehler gemacht hätte.

»Recht gut, mein lieber Junge!« sagte der Vater nach Anhörung seines Berichtes, klopfte ihm mit der Hand auf die Schulter und gab ihm zwei, drei Rubel, je nach der Wichtigkeit des Auftrages.

Die Mutter hatte dann lange zu tun, um Andrei von dem Ruß, Schmutz, Lehm und Talg zu säubern.

Ihr gefiel diese Erziehung zur praktischen Arbeit nicht ganz. Sie fürchtete, ihr Sohn würde ein ebensolcher deutscher »Bürger« werden wie die, aus denen sein Vater hervorgegangen war. Sie betrachtete die ganze deutsche Nation als eine Schar von patentierten Kleinbürgern und liebte die Grobheit, das Selbstbewußtsein und den Hochmut nicht, womit die Masse der Deutschen überall ihre durch ein Jahrtausend der Arbeit erworbenen Bürgerrechte herauskehrt, so wie eine Kuh ihre Hörner trägt und es nicht versteht, sie zu richtiger Zeit zu verbergen.

In der ganzen deutschen Nation gab es ihrer Ansicht nach keinen einzigen Gentleman und konnte es auch keinen geben. Sie gewahrte im deutschen Charakter keine Weichheit, kein Zartgefühl, keine Freundlichkeit, nichts von dem, was das Leben in dem Kreise der guten Gesellschaft so angenehm macht, womit man um einen Grundsatz herumkommen, einen allgemeinen Brauch umgehen, einer hergebrachten Ordnung sich entziehen kann.

Nein, diese ungeschliffenen Menschen fallen immer mit der Tür ins Haus, versteifen sich auf das, was sie sich einmal vorgenommen und in den Kopf gesetzt haben, und würden sogar mit der Stirn gegen eine Mauer anrennen, um nur ihren Grundsätzen gemäß zu handeln.

Sie hatte in einem reichen Hause als Gouvernante gelebt, Gelegenheit gehabt, sich im Auslande aufzuhalten, ganz Deutschland bereist und warf nun alle Deutschen unterschiedslos in einen Topf; es gab da ihrer Ansicht nach nur Kommis, Handwerker und Kaufleute, welche kurze Pfeifen rauchten und durch die Zähne spuckten, Offiziere mit soldatischem Gesichtsausdruck, die so steif gingen, als ob sie einen Stock verschluckt hätten, und Beamte, welche Alltagsgesichter hatten und zu nichts taugten als zu niedriger Arbeit, zu mühsamem Gelderwerb, zur Innehaltung einer trivialen Ordnung, zu einer langweiligen Regelmäßigkeit des Lebens und zu einer pedantischen Pflichterfüllung; lauter »Bürger« mit eckigen Manieren, mit großen, plumpen Händen, mit pöbelhaft frischem Teint und grober Redeweise.

»Mag man einen Deutschen auch noch so sehr herausputzen«, dachte sie, »mag er auch ein noch so feines weißes Hemd tragen, mag er auch Lackstiefel, ja sogar gelbe Handschuhe anziehen: er macht doch immer den Eindruck, als sei er aus Kommißleder zugeschnitten; aus den weißen Manschetten schauen immer die rauhen, roten Hände hervor, und in dem eleganten Anzuge steckt, wenn nicht ein Bäcker, so doch ein Schankwirt. Diese rauhen Hände verlangen geradezu nach einem Pfriem oder höchstens nach einem Violinbogen im Orchester.«

In ihrem Sohne aber glaubte sie das Ideal eines vornehmen Herrn zu sehen. Wenn er auch ein Emporkömmling von geringer Herkunft war, einen »Bürger« zum Vater hatte, so war er doch der Sohn einer russischen Adligen, ein schön gewachsener Knabe mit weißer Haut, mit kleinen Händen und Füßen, mit reinem Teint, mit einem klaren, frischen Blicke, ein Knabe, wie sie sie in reichen russischen Häusern mit Vergnügen gesehen hatte, auch im Auslande, aber natürlich nicht bei den Deutschen.

Und nun sollte er auf einmal beinahe eigenhändig in der Mühle die Mühlsteine drehen und von den Fabriken und Feldern wie sein Vater nach Hause zurückkehren: mit Talg und Mist beschmutzt, mit roten, schmutzigen, schwieligen Händen und mit einem Wolfshunger!

Sie schnitt ihrem Andrei eifrig die Nägel, kräuselte ihm die Haare, nähte ihm elegante Kragen und Vorhemdchen, bestellte in der Stadt für ihn Jacketts, lehrte ihn den melancholischen Klängen ihres Lieblingskomponisten Herz lauschen, sang ihm etwas von Blumen und von der Poesie des Lebens vor, flüsterte ihm etwas von einem glänzenden Berufe zu, bald von dem eines Kriegers, bald von dem eines Schriftstellers, und träumte mit ihm von der großartigen Rolle, die manchen zufällt . . .

Und da sollte nun diese ganze schöne Perspektive zerstört werden durch das Klappern der Rechenmaschine, durch das Entziffern der schmutzigen Quittungen der Bauern und durch den Umgang mit Fabrikarbeitern!

Sie haßte sogar das Wägelchen, auf welchem Andrei nach der Stadt fuhr, und den Wachstuchmantel, den ihm der Vater geschenkt hatte, und die grünen waschledernen Handschuhe – all diese groben Attribute eines arbeitsvollen Lebens.

Unglücklicherweise lernte Andrei vorzüglich, und der Vater machte ihn zum Repetitor in seinem kleinen Pensionate.

Nun, das mochte noch sein; aber er setzte ihm in echt deutscher Art wie einem Gesellen ein Gehalt aus, zehn Rubel monatlich, und ließ ihn in einem Buche darüber quittieren.

Tröste dich, gute Mutter: dein Sohn wächst auf russischem Boden auf – nicht in dem Schwarm von Alltagsgesichtern, mit »bürgerlichen« Kuhhörnern und mit Händen, welche Mühlsteine drehen. In der Nähe lag Oblomowka: dort war ein ewiger Feiertag! Dort schüttelte man die Arbeit von den Schultern ab wie ein Joch; dort stand der Gutsherr nicht mit Tagesanbruch auf und ging nicht in den Fabriken umher bei den mit Talg und Öl beschmierten Rädern und Treibstangen.

Auch in Werchlowo selbst stand ein Gutshaus; es war zwar den größten Teil des Jahres über menschenleer und verschlossen, aber der mutwillige Knabe schlich sich dennoch häufig heimlich hinein und sah dort lange Säle und Galerien, dunkle Porträts an den Wänden, nicht mit derb-frischem Teint, nicht mit rauhen, großen Händen; er sah schmachtende blaue Augen, gepuderte Haare, weiße, zarte Gesichter, volle Busen, wohlgepflegte, blaugeäderte Hände, die aus losen Manschetten hervorkamen und stolz auf dem Degengriff ruhten; er sah eine Reihe in Brokat, Samt und Spitzen gekleideter Geschlechter, die ihr Leben in vornehmem, nutzlosem Nichtstun hingebracht hatten.

Beim Anblicke dieser Gesichter zog vor seinem geistigen Auge die Geschichte herrlicher Zeiten mit gewaltigen Schlachten und großen Namen vorüber; er las dort Nachrichten über das Leben in älterer Zeit, nicht solche Nachrichten, wie sie ihm sein Vater, Pfeife rauchend und spuckend, hundertmal über das Leben in Sachsen erzählt hatte, ein Leben zwischen Kohl und Kartoffeln, zwischen Gemüsegarten und Markt . . .

Einmal alle drei Jahre füllte sich dieses Schloß plötzlich mit einer bunten Menschenmenge; es begann ein munteres Leben mit Festen und Bällen; in den langen Galerien strahlten nachts unzählige Lichter.

Es kamen der Fürst, die Fürstin und ihre Kinder: der Fürst ein grauhaariger alter Herr mit verblichenem, pergamentartigem Gesichte, trüben, vorstehenden Augen und hoher, kahler Stirn, mit drei Ordenssternen, einer goldenen Schnupftabaksdose, Samtstiefeln und einem Spazierstock mit Saphirknopf; die Fürstin eine durch ihre Schönheit, ihren hohen Wuchs und ihren Umfang imponierende Dame, von der man hätte glauben mögen, es sei ihr nie jemand nähergetreten, habe sie nie jemand umarmt und geküßt, nicht einmal der Fürst selbst, obgleich sie fünf Kinder geboren hatte.

Sie schien über jener Welt zu stehen, zu der sie alle drei Jahre einmal herabstieg; sie redete mit niemand, fuhr nirgendshin, sondern saß immer mit drei alten Frauen in dem grünen Eckzimmer und ging durch den Garten zu Fuß durch die verdeckte Galerie nach der Kirche und setzte sich dort auf einen Stuhl hinter einem Wandschirm.

Aber dafür gab es, von dem Fürsten und der Fürstin abgesehen, in dem Hause eine ganze Welt, eine so lustige und lebendige Welt, daß Andrei mit seinem munteren Geiste begierig und unbewußt die charakteristischen Erscheinungen dieser verschiedenartigen Menge beobachtete wie die bunten Gestalten eines Maskenballes.

Da waren die Fürsten Pierre und Michel, von denen der erstere Andrei sogleich darüber belehrte, wie die Reveille bei der Kavallerie und bei der Infanterie geblasen werde, was für Säbel und Sporen die Husaren hätten und was für welche die Dragoner, von welcher Farbe die Pferde bei jedem Regimente seien, und wo man nach Beendigung des Schullebens unbedingt eintreten müsse, um sich nicht zu blamieren.

Der andre, Michel, hatte kaum Andreis Bekanntschaft gemacht, als er ihn auch schon in Positur stellte und mit den Fäusten erstaunliche Kunststücke auszuführen begann, indem er ihm bald auf die Nase, bald auf den Bauch Schläge versetzte; er sagte ihm dann, das sei englisches Boxen.

Nach drei Tagen zerschlug Andrei, lediglich dank seiner ländlichen Frische und mit Hilfe seiner muskulösen Arme, ihm die Nase auf eine sowohl englische als auch russische Art, ohne alle Wissenschaft, und erwarb sich dadurch bei den beiden Fürsten ein bedeutendes Ansehen.

Es waren noch zwei Prinzessinnen da, Mädchen von elf und zwölf Jahren, hochgewachsen, schlank, elegant gekleidet; sie sprachen mit niemand, grüßten niemand und fürchteten sich vor den Bauern.

Auch ihre Gouvernante war da. Mademoiselle Ernestine, die zu Andreis Mutter zum Kaffee kam und ihr zeigte, wie sie ihm Locken machen müsse. Sie nahm manchmal seinen Kopf, legte ihn auf ihre Knie und wickelte ihm das Haar in Papierstückchen, was ihm sehr weh tat; dann faßte sie ihn mit ihren weißen Händen bei beiden Backen und küßte ihn sehr freundlich!

Dann war da noch ein Deutscher, der auf einer Drehbank Schnupftabaksdosen und Knöpfe fabrizierte; ferner ein Musiklehrer, der sich immer an einem Sonntage so betrank, daß der Rausch bis zum nächsten Sonntage vorhielt; ferner ein ganzer Schwarm von Stubenmädchen, und endlich ein Rudel großer und kleiner Hunde.

Alles dies erfüllte das Haus und das Dorf mit Lärm, unruhigem Treiben, Gepolter, Geschrei und Musik.

Auf der einen Seite wirkte Oblomowka, auf der anderen das Fürstenschloß mit seinem großzügigen Herrenleben auf das deutsche Element ein, und es wurde aus Andrei weder ein »tüchtiger Bursche« noch auch ein Philister.

Andreis Vater war Landwirt, Technologe und Lehrer. Bei seinem Vater, einem Gutspächter, hatte er praktischen Unterricht in der Landwirtschaft genossen, auf sächsischen Fabriken Technologie studiert und auf der nächsten Universität, an der etwa vierzig Professoren dozierten, die Berechtigung erlangt, das, was ihm die vierzig Weisen so einigermaßen klargemacht hatten, seinerseits durch Unterricht an andere weiterzugeben.

Er ging in der theoretischen Laufbahn nicht weiter, sondern machte eigensinnig kehrt, da er sich sagte, daß er praktisch tätig sein müsse, und begab sich zu seinem Vater zurück. Dieser gab ihm hundert Taler und eine neue Reisetasche und schickte ihn damit in die weite Welt.

Seitdem hatte Iwan Bogdanowitsch weder seine Heimat noch seinen Vater wiedergesehen. Er war sechs Jahre lang in der Schweiz und in Österreich umhergewandert, lebte nun seit zwanzig Jahren in Rußland und segnete sein Geschick. Da er die Universität besucht hatte, so war er der Ansicht, daß sein Sohn dasselbe tun müsse, obwohl es bei diesem keine deutsche Universität sein konnte, und obwohl die russische Universität in dem Leben seines Sohnes einen Umschwung herbeiführen und ihn weit von dem Geleise wegführen mußte, das der Vater im Geiste für das Leben des Sohnes in Aussicht genommen hatte.

Er verfuhr dabei sehr einfach: er nahm das Geleise, in welchem sich die Familie von seinem Großvater an bewegt hatte, und verlängerte es wie mit dem Lineal bis zu seinem künftigen Enkel; er fühlte sich dabei völlig ruhig und sicher und ahnte nicht, daß die Variationen von Herz, die Zukunftsträumereien und Erzählungen der Mutter und die Galerie und das Boudoir im Fürstenschlosse das schmale deutsche Geleise in eine so breite Straße verwandeln würden, wie sie weder sein Großvater, noch sein Vater, noch er selbst sich hatten träumen lassen.

Übrigens war er in dieser Hinsicht nicht pedantisch und würde sich auf seinen Plan nicht versteift haben; er verstand eben nur nicht, seinem Sohne im Geiste einen anderen Weg vorzuzeichnen.

Er machte sich darüber wenig Sorge. Als sein Sohn von der Universität zurückgekehrt war und etwa drei Monate wieder zu Hause gelebt hatte, sagte der Vater zu ihm, in Werchlowo sei für ihn nichts mehr zu tun; sogar der junge Oblomow sei nach Petersburg geschickt worden; mithin sei es auch für ihn Zeit, dorthin zu gehen.

Aber warum er eigentlich nach Petersburg gehen mußte, und weshalb er nicht in Werchlowo bleiben und bei der Verwaltung des Gutes helfen konnte, diese Frage stellte sich der Alte nicht vor; er dachte nur daran, daß, als er selbst mit dem Lernen fertig war, sein Vater ihn von sich weggeschickt hatte. So schickte denn auch er seinen Sohn weg; das ist in Deutschland nun einmal so Brauch. Die Mutter war nicht mehr auf der Welt, und so war niemand da, der ihm hätte widersprechen können.

Am Tage der Abreise gab Iwan Bogdanowitsch seinem Sohne hundert Rubel.

»Reite nach der Gouvernementsstadt«, sagte er. »Da laß dir von Kalinnikow dreihundertfünfzig Rubel geben; das Pferd laß bei ihm. Sollte er nicht da sein, so verkaufe das Pferd; es ist dort bald Jahrmarkt: man wird dir gut und gerne vierhundert Rubel dafür geben. Für die Reise nach Moskau wirst du ungefähr vierzig Rubel brauchen, für die Reise von dort nach Petersburg fünfundsiebzig; also wird dir noch genug übrigbleiben. Dann tu, was du willst. Du hast mit mir zusammen gearbeitet; also weißt du, daß ich einiges Kapital besitze; rechne jedoch vor meinem Tode nicht darauf; ich werde aber wahrscheinlich noch ein zwanzig Jahre lang leben, es müßte denn sein, daß mir ein Stein auf den Kopf fiele. Das Lämpchen brennt noch hell, und es ist noch viel Öl darin. Du besitzt eine gute Bildung: alle Laufbahnen stehen dir offen; du kannst in den Staatsdienst treten, Handel treiben, meinetwegen sogar Schriftsteller werden, – ich weiß nicht, wofür du dich entscheiden wirst, wozu du die größte Lust verspürst . . .«

»Ich werde mal sehen, ob ich mich nicht auf all diesen Gebieten zugleich betätigen kann«, sagte Andrei.

Der Vater lachte aus voller Kehle und schlug seinem Sohn so auf die Schulter, daß es ein Pferd nicht ausgehalten hätte; aber dem Sohne tat das nichts.

»Na, und wenn dein eigenes Wissen und Verstehen einmal nicht ausreicht, du selbst deinen Weg nicht zu finden weißt und jemanden fragen und dir von ihm Rat holen möchtest, dann geh zu Reinhold: er wird dich belehren. Oh«, fügte er hinzu, indem er die Finger in die Höhe hob und den Kopf hin und her wiegte, »das ist . . . das ist . . .« (er wollte ihn loben, fand aber nicht die richtigen Worte). »Wir sind zusammen aus Sachsen gekommen. Er hat jetzt ein vierstöckiges Haus. Ich will dir seine Adresse angeben . . .«

»Das ist nicht nötig; gib sie mir nicht an«, erwiderte Andrei. »Ich werde erst dann zu ihm gehen, wenn ich selbst ein vierstöckiges Haus haben werde; jetzt aber werde ich mich ohne ihn behelfen . . .«

Der Vater klopfte ihm wieder auf die Schulter.

Andrei sprang auf das Pferd. Am Sattel waren zwei Taschen angebunden: in der einen steckte der Wachstuchmantel, ein Paar kräftige, mit Nägeln beschlagene Stiefel und einige Hemden aus Werchlowoer Leinwand, Sachen, die er auf den dringenden Rat des Vaters gekauft hatte und mitnahm; in der andern befand sich ein eleganter Frack von feinem Tuche, ein flockiger Überzieher, ein Dutzend feine Hemden und ein Paar Stiefletten; diese Sachen hatte er sich, in Erinnerung an die Ermahnung seiner Mutter, in Moskau machen lassen.

»Na, dann also!« sagte der Vater.

»Na, dann also!« sagte der Sohn.

»Hast du alles?« fragte der Vater.

»Ja!« antwortete der Sohn.

Sie sahen einander schweigend an, wie wenn einer den andern mit seinem Blicke durchdringen wollte.

Unterdessen hatte sich um sie herum ein Häufchen neugieriger Nachbarn angesammelt, um mit offenem Munde zu sehen, wie der Verwalter seinen Sohn in die Fremde schickte. Vater und Sohn drückten einander die Hände. Andrei ritt in starkem Schritt davon.

»So ein Benehmen von dem jungen Hunde: auch nicht ein Tränchen hat er vergossen!« sagten die Nachbarn. »Da krächzen zwei Krähen aus Leibeskräften auf dem Zaune; die weissagen ihm Unglück. Warte du nur!«

»Was tun dem die Krähen? Der treibt sich am Johannistage nachts allein im Walde umher; den ficht das nicht an, Bruder. Einem Russen würde das übel bekommen!«

»Und der alte Unchrist ist auch der Rechte!« bemerkte eine Mutter. »Wie eine junge Katze wirft er ihn auf die Straße, ohne ihn zu umarmen, Ohne zu weinen!«

»Halt, halt, Andrei!« rief der Alte.

Andrei hielt das Pferd an.

»Ah! Nun hat sich wohl doch das Herz bei ihm gerührt!« wurde in der Menge beifällig geäußert.

»Nun?« fragte Andrei.

»Der Sattelgurt ist zu lose; ich will ihn dir festziehen.«

»Wenn ich nach Schamschewka komme, will ich ihn selbst in Ordnung bringen. Ich darf keine Zeit verlieren; ich muß noch bei Tage ankommen.«

»Na, dann also!« sagte der Vater, ihn mit einer Handbewegung entlassend.

»Na, dann also!« wiederholte der Sohn, nickte mit dem Kopfe, beugte sich ein wenig nach vorn und gab dem Pferde die Sporen.

»Ach, ihr Hunde! Ihr seid wahrhaftig die reinen Hunde! Als ob sie einander fremd wären!« sagten die Nachbarn.

Aber auf einmal erscholl in der Menge ein lautes Weinen: eine Frau konnte sich nicht länger halten.

»Du mein Väterchen, du mein Lieber!« rief sie und wischte sich mit einem Zipfel ihres Kopftuches die Augen. »Du arme Waise! Du hast keine Mutter; niemand segnet dich . . . Erlaube, daß wenigstens ich dich bekreuze, du mein Teurer! . . .«

Andrei ritt zu ihr heran, sprang vom Pferde, umarmte die Alte und wollte dann weiterreiten; aber plötzlich brach er, während sie ihn bekreuzte und küßte, in Tränen aus. In ihren warmen Worten glaubte er die Stimme seiner Mutter zu hören, und das liebe Bild derselben trat ihm einen Augenblick vor die Seele.

Er umarmte die Alte noch einmal herzlich; dann wischte er sich schnell die Tränen ab und sprang auf das Pferd. Er schlug es gegen die Flanken und verschwand in einer Staubwolke; hinter ihm stürzten von beiden Seiten drei Dorfköter mit wütendem Gebell her.

 

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