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Iwan Gontscharow: Oblomow - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorIwan Gontscharow
titleOblomow
publisherAnaconda
year2010
isbn978-3-86647-478-9
firstpub1859
translatorHermann Röhl
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120612
modified20170607
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IX.

Oblomows Traum

Wo sind wir? In welches gesegnete Erdenwinkelchen hat uns Oblomows Traum versetzt? Was ist das für eine wundervolle Gegend?

Allerdings ist da kein Meer; es sind keine hohen Berge da, keine Felsen und Abgründe, keine dichten Wälder – nichts Grandioses, Wildes und Düsteres.

Aber was haben wir denn auch davon, von diesem Wilden und Grandiosen? Zum Beispiel vom Meere? Das können wir gut und gern entbehren. Es macht den Menschen nur traurig; wenn man es anblickt, möchte man weinen. Das Herz wird unruhig und zaghaft angesichts der unübersehbaren Wasserfläche; der durch die Einförmigkeit des endlosen Bildes ermüdete Blick findet keine Stelle, wo er ausruhen könnte.

Das Brausen und das wütende Gebrüll der Wogen sind einem empfindsamen Ohre nicht angenehm: die Wogen wiederholen immer ihr vom Anfange der Welt sich gleichbleibendes Lied, das einen düsteren, rätselhaften Inhalt hat; und immer hört man in diesem Liede dasselbe Stöhnen, dieselben Klagen, die wie die eines zur Qual verdammten Ungeheuers klingen, und durchdringende, unheilverkündende Stimmen. Da zwitschern keine Vögel; nur die schweigsamen Möwen flattern, als ob sie dazu verurteilt wären, traurig am Gestade umher und kreisen über dem Wasser. Das Gebrüll der wilden Tiere ist diesem Getöse der Natur gegenüber machtlos; auch die Stimme des Menschen ist dagegen ohnmächtig; und der Mensch selbst ist so klein und schwach und verschwindet unmerklich in den kleinen Einzelheiten des weiten, weiten Bildes! Vielleicht ist dies die Ursache der peinlichen Empfindung, die der Anblick des Meeres bei ihm hervorruft.

Nein, wir können das Meer gut und gern entbehren! Selbst seine Stille und Regungslosigkeit erwecken kein freudiges Gefühl in der Seele: in dem kaum wahrnehmbaren Schwanken der Wassermasse sieht der Mensch immer dieselbe unermeßliche, wenn auch schlafende Kraft, die bisweilen seinen stolzen Willen so boshaft verhöhnt und seine kühnen Pläne und alle seine Mühe und Arbeit so tief im Grunde begräbt.

Auch Berge und Abgründe sind nicht zur Erheiterung des Menschen geschaffen. Sie sind drohend und furchtbar wie die vorgestreckten und auf ihn gerichteten Krallen und Zähne eines wilden Tieres; sie erinnern uns zu lebhaft daran, daß wir aus irdischem Stoffe bestehen, und halten uns in Angst und Sorge um unser Leben. Und der Himmel sieht dort, über den Felsen und Abgründen, so fern und unerreichbar aus, als hätte er sich von den Menschen losgesagt.

Ganz anders geartet war das friedliche Winkelchen, in welchem unser Held sich auf einmal befand.

Im Gegensatze zu jenen Gegenden nähert sich dort der Himmel der Erde noch mehr als anderwärts, aber nicht, um seine Pfeile mit größerer Kraft auf sie abzuschießen, sondern vielleicht nur, um sie fester und liebevoller zu umarmen. Er breitet sich so niedrig über dem Kopfe hin wie das verläßliche Dach eines Elternhauses, um, wie es scheint, das auserwählte Winkelchen vor allem Ungemach zu beschützen.

Die Sonne scheint dort ungefähr ein halbes Jahr lang hell und warm und entfernt sich dann von dort gleichsam ungern, nicht auf einmal, sondern sie wendet sich noch ein- oder zweimal zurück, um nach diesem ihrem Lieblingsorte hinzusehen und ihm im Herbste mitten in der garstigen Witterung noch einen hellen, warmen Tag zu schenken.

Die Berge sind dort sozusagen nur Modelle jener furchtbaren, anderwärts aufgetürmten Höhen, die die Phantasie erschrecken. Sie sind eine Reihe von mäßig steilen Hügeln, und es ist ein Vergnügen, mutwillig von ihnen auf dem Rücken hinabzurutschen oder auf ihnen zu sitzen und sinnend nach der untergehenden Sonne zu blicken.

Der Fluß läuft fröhlich scherzend und spielend dahin; bald breitet er sich zu einem weiten Teiche aus, bald strebt er in Form eines Bandes schnell vorwärts, oder er beruhigt sich, wie nachdenkend, gleitet langsam über die Steinchen dahin und entsendet rechts und links muntere Seitenarme, bei deren Gemurmel sich süß schlummern läßt.

Das ganze Winkelchen, das einen Umfang von fünfzehn bis zwanzig Werst hat, bietet eine Reihe von heiteren, lächelnden Landschaften, die wie Studien von Malern anmuten. Die sandigen, sanft abgedachten Ufer des hellen Flüßchens, das niedrige Gebüsch, das sich vom Hügel zum Wasser hinabzieht, die gekrümmte Schlucht mit dem Bache auf dem Grunde und der Birkenhain – alles macht den Eindruck, als sei es eine meisterhafte Zeichnung, bei der absichtlich ein Stück zum andern passend ausgewählt worden ist.

Ein von Aufregungen zerquältes oder mit ihnen ganz unbekanntes Herz verlangt danach, sich in dieses von allen vergessene Winkelchen zu verbergen und dort, von niemand gesehen, glücklich zu leben. Alles verspricht dort ein ruhiges, langes Leben bis zum Weißwerden der Haare und einen unmerklichen, dem Schlafe ähnlichen Tod.

Der Kreislauf des Jahres vollzieht sich dort regelmäßig und ohne Störung.

Nach Vorschrift des Kalenders beginnt im März der Frühling; schmutzige Bäche laufen von den Hügeln hinab; die Erde taut auf, und es entsteigt ihr ein warmer Dampf. Der Bauer wirft seinen Halbpelz ab, geht in Hemdsärmeln ins Freie und betrachtet, die Augen mit der Hand schützend, lange mit Vergnügen die Sonne, wobei er vor Freude die Schultern hin und her bewegt; dann zieht er den Leiterwagen, der mit dem Boden nach oben daliegt, bald an der einen, bald an der andern Femerstange, oder er betrachtet den müßig unter dem Schuppendache liegenden Pflug und versetzt ihm einen Stoß mit dem Fuße; so bereitet er sich auf seine gewohnten Arbeiten vor.

Es kommen dort nicht im Frühling als Rückfälle plötzliche Schneestürme vor, wie sie anderwärts die Felder verschütten und die Bäume unter der Schneelast zum Zerbrechen bringen.

Der Winter behält, wie eine unzugängliche kalte Schöne, seinen Charakter genau bis zur vorgeschriebenen Zeit des Wärmerwerdens bei; er neckt die Menschen nicht durch unerwartetes Tauwetter und benimmt ihnen nicht den Lebensmut durch unerhörte Kälte; alles geschieht in der gewöhnlichen, von der Natur vorgeschriebenen, allgemein gültigen Ordnung.

Im November beginnen Schnee und Kälte, welche letztere sich zum Dreikönigstage so verstärkt, daß der Bauer, wenn er einen Augenblick aus dem Hause herausgeht, unfehlbar mit Reif im Barte zurückkehrt; im Februar aber spürt eine feine Nase schon in der Luft das linde Wehen des nahen Frühlings.

Aber der Sommer, der Sommer ist in jener Gegend besonders entzückend. Da ist die Luft frisch und trocken und durchtränkt nicht von dem Dufte üppiger Lorbeerbüsche und blühender Zitronenbäume, sondern einfach von dem Geruche des Wermuts, der Fichte und des Faulbaums; da sind die Tage klar und hell; die Sonnenstrahlen brennen wohl leise, haben aber nichts Sengendes, und der Himmel ist fast drei Monate lang wolkenlos.

Wenn die hellen Tage kommen, so dauern sie drei, vier Wochen lang; auch der Abend ist dort warm und die Nacht lau. Die Sterne blinken so freundlich und vertraut am Himmel. Wenn es regnet – was ist das für ein wohltätiger Sommerregen! Er strömt munter und reichlich herab, in fröhlichen Sprüngen wie die dicken, warmen Tränen eines Menschen, der sich plötzlich freut; sowie er aber aufhört, blickt die Sonne auch schon wieder mit einem hellen Lächeln der Liebe die Felder und Hügel an und trocknet sie: und das ganze Land lächelt wieder zur Antwort glückselig der Sonne zu.

Freudig begrüßt der Bauer den Regen. »Der Regen macht naß, die Sonne trocken!« sagt er und bietet mit Wonne Gesicht, Schultern und Rücken dem warmen Gusse dar.

Die Gewitter sind dort nicht furchtbar, sondern nur wohltätig: sie finden beständig zu ein und derselben festgesetzten Zeit statt und vergessen dabei fast nie den Eliastag, wie wenn sie die bekannte im Volke darüber bestehende Tradition bestätigen wollen. Auch die Zahl und die Stärke der Blitze sind, wie es scheint, in jedem Jahre die gleichen, als ob von Staatswegen jährlich der ganzen Gegend ein bestimmtes Maß von Elektrizität zugeteilt wäre.

Man hört in jener Gegend weder von furchtbaren Stürmen etwas noch von Zerstörungen, die durch solche angerichtet wären.

In den Zeitungen hat nie jemand dergleichen von diesem gottgesegneten Winkelchen gelesen. Und es wäre überhaupt nie etwas über diese Gegend gedruckt worden und zu allgemeiner Kenntnis gelangt, wenn nicht die verwitwete achtundzwanzigjährige Bäuerin Marina Kulkowa vier Kinder zugleich zur Welt gebracht hätte, was nun allerdings nicht mit Stillschweigen übergangen werden durfte.

Gott hat diesen Landstrich weder mit den ägyptischen noch mit den sonstigen gewöhnlichen Plagen gestraft. Keiner der Bewohner erinnert sich, irgendwelche furchtbaren Himmelszeichen gesehen zu haben, weder feurige Kugeln noch plötzliche Dunkelheit; es hausen dort keine giftigen Reptilien; die Heuschrecke fliegt nicht dorthin; es gibt da keine brüllenden Löwen und Tiger, nicht einmal Bären und Wölfe, denn es sind keine Wälder da. Auf den Feldern und im Dorfe wandern nur in reichlicher Menge wiederkäuende Kühe, blökende Schafe und gackernde Hühner umher.

Gott weiß, ob ein Dichter oder ein Träumer mit der natürlichen Beschaffenheit dieses friedlichen Winkelchens zufrieden sein würde. Diese Herren lieben es bekanntlich, Luna zu betrachten und dem Geschmetter der Nachtigallen zu lauschen. Sie lieben eine kokette Luna, die sich in strohgelbe Wolken drapiert und geheimnisvoll durch die Baumzweige scheint oder Garben von silbernen Strahlen ihren Anbetern in die Augen schüttet.

Aber in diesem Lande weiß nicht einmal jemand, was das Wort Luna bedeutet; alle nennen diesen Himmelskörper Mond. Er blickt gleichsam gutherzig mit großen Augen auf die Dörfer und Felder hinab und hat große Ähnlichkeit mit einem blankgeputzten kupfernen Waschbecken.

Vergebens würde ein Dichter mit entzückten Augen nach ihm hinblicken; der Mond würde den Dichter ebenso harmlos ansehen, wie eine rundköpfige ländliche Schöne die leidenschaftlichen, beredten Blicke eines städtischen Courmachers erwidert.

Nachtigallen bekommt man in jener Gegend ebenfalls nicht zu hören, vielleicht weil es dort an schattigen Lauben und Rosen mangelt; aber dafür welch eine Unmenge von Wachteln! Im Sommer bei der Getreideernte greifen die Knaben sie mit den Händen.

Man glaube jedoch nicht, daß die Wachtel dort den Gegenstand feinschmeckerischer Üppigkeit bilde; nein, eine solche Sittenverderbnis ist den Bewohnern jener Gegend fremd geblieben: die Wachtel ist ein Vogel, den zu essen verboten ist. Er erfreut dort das Ohr der Menschen durch seine Stimme; daher hängt fast in jedem Hause unter dem Dache in einem aus Zwirn hergestellten Käfig eine Wachtel.

Der Dichter und der Träumer würden auch mit dem gesamten Aussehen dieser bescheidenen, anspruchslosen Örtlichkeit nicht zufrieden sein. Es würde ihnen nicht gelingen, dort einen Abend in schweizerischem oder schottischem Geschmack zu sehen: wenn die ganze Natur, der Wald und das Wasser und die Wände der Hütten und die sandigen Hügel, alles wie von purpurner Glut brennt; wenn sich auf diesem purpurnen Hintergrunde eine auf dem sandigen gewundenen Wege dahinsprengende Kavalkade von Männern scharf abhebt, die irgendeine Lady auf ihrer Spazierfahrt nach einer düsteren Ruine begleitet haben und nun nach der festen Burg eilen, wo ihrer eine Erzählung eines Großvaters über eine Episode aus dem Kriege der beiden Rosen, ein Gemsenbraten zum Abendessen und eine von einer jungen Miß zur Laute gesungene Ballade warten – Bilder, mit denen Walter Scotts Feder unsere Phantasie so reich bevölkert hat. Nein, davon gibt es in unserer Gegend nichts.

Wie still und schläfrig alles in den drei, vier Dörfchen ist, die dieses Winkelchen bilden! Sie hegen nicht weit voneinander entfernt und scheinen zufällig von einer Riesenhand dorthin geworfen zu sein, sich dabei nach verschiedenen Seiten zerstreut zu haben und seitdem so liegengeblieben zu sein.

Wie die eine Hütte an den Rand der Schlucht hingefallen ist, so hängt sie dort seit undenklichen Zeiten; sie steht mit der einen Hälfte in der freien Luft und stützt sich auf drei Pfähle. Drei, vier Generationen haben still und glücklich in ihr gelebt. Man möchte meinen, ein Huhn müßte sich ängstigen, in sie hineinzugehen; aber dort wohnt mit seiner Frau Onisim Suslow, ein kräftiger Mann, der sich in seiner Wohnung nicht bis zu seiner vollen Größe aufrichten kann.

Nicht jeder vermag in die Hütte zu Onisim hineinzugehen; der Besucher muß die Hütte vorher bitten, »dem Walde den Rücken und ihm die Vorderseite zuzuwenden«.Das heißt in der Sprache des Märchens: ihm den Eintritt freundlichst zu gestatten. Anm. d. Übers.

Die Freitreppe hängt über der Schlucht, und um den Fuß auf die Freitreppe setzen zu können, muß man mit der einen Hand das Gras, mit der andern das Dach der Hütte anfassen und dann geradezu auf die Freitreppe treten.

Eine andere Hütte klebt an einem Hügel wie ein Schwalbennest; dort befinden sich zufällig drei nebeneinander, während zwei ganz auf dem Grunde der Schlucht stehen.

Still und schläfrig ist es immer im Dorfe: die Türen der schweigsamen Hütten sind sperrangelweit geöffnet; keine Menschenseele ist zu sehen; nur ganze Wolken von Fliegen fliegen umher und summen in der Hitze.

Wenn man in eine Hütte tritt, so ruft man vergebens laut nach jemand: totes Schweigen ist die Antwort; in einigen Hütten erschallt als Erwiderung das schmerzliche Stöhnen oder der dumpfe Husten einer alten Frau, die ihr Leben auf dem Ofen beschließt, oder es erscheint hinter einer Halbwand hervor ein barfüßiges langhaariges dreijähriges Kind im bloßen Hemde, sieht den Eintretenden schweigend und unverwandt an und versteckt sich ängstlich wieder.

Dieselbe tiefe Stille und derselbe Friede liegen auch auf den Feldern; nur hier und da bewegt sich auf dem schwarzen Acker, auf den Pflug drückend, ein von der Hitze gesengter, von Schweiß bedeckter Bauer.

Stille und ungestörte Ruhe herrschen auch in den Sitten der Menschen in dieser Gegend. Weder Raub noch Mord noch andere schreckliche Begebnisse kommen dort vor; weder starke Leidenschaften noch kühne Unternehmungen regen die Bewohner auf.

Und welche Leidenschaften und Unternehmungen könnten sie auch aufregen? Ein jeder kennt dort sich selbst. Die Bewohner dieser Gegend wohnen fern von anderen Menschen. Die nächsten Dörfer und die Kreisstadt sind fünfundzwanzig bis dreißig Werst entfernt.

Die Bauern bringen zu bestimmter Zeit ihr Getreide nach dem nächsten Anlegeplatz an der Wolga; der ist ihr Kolchis, ihre Säulen des Herkules; und einmal im Jahre fahren einige von ihnen auf den Jahrmarkt. Weiter haben sie keine Beziehungen zu irgendjemand.

Ihre Interessen konzentrieren sich auf ihre eigenen Personen, ohne sich mit den Interessen anderer Leute zu kreuzen und sie auch nur zu berühren.

Sie wissen, daß achtzig Werst von ihnen entfernt die Gouvernementsstadt hegt; aber nur wenige von ihnen sind jemals dorthin gekommen; ferner wissen sie, daß da weiterhin Saratow und Nischni Nowgorod liegen; sie haben gehört, daß es Moskau und Petersburg gibt, daß da hinter Petersburg die Franzosen und die Deutschen wohnen; aber noch weiter hin beginnt schon für sie wie für die Alten die dunkle Welt, unbekannte Länder, die von Ungeheuern, von Menschen mit zwei Köpfen und von Riesen bewohnt sind; dann folgt die Finsternis – und endlich schließt alles mit jenem Fische, der die Erde auf seinem Rücken trägt.

Und da durch ihr Winkelchen fast gar keine Fahrstraßen gehen, so können sie auch von nirgendsher die neuesten Nachrichten über das, was in der weiten Welt vorgeht, erlangen: Fuhrleute, die mit Holzgeschirr umherziehen, wohnen allerdings nur zwanzig Werst von ihnen entfernt, wissen aber auch nicht mehr als sie. Sie kennen nicht einmal etwas, womit sie ihr Leben vergleichen könnten: ob sie reich oder arm seien, gut oder schlecht lebten, ob sie sich noch etwas wünschen könnten, was andere besäßen.

Die glücklichen Menschen leben in der Meinung, anders könne und dürfe es nicht sein; sie sind davon überzeugt, daß auch alle anderen Menschen genau ebenso leben, und daß anders zu leben eine Sünde sei.

Sie würden es auch gar nicht glauben, wenn man ihnen sagte, daß andere in irgendwelcher anderen Weise pflügten, säten, ernteten, verkauften. Was können sie also für Leidenschaften und Aufregungen haben?

Auch sie haben wie alle Menschen ihre Sorgen, z. B. um die Entrichtung der Steuern und des Pachtzinses, und ihre Schwächen, z. B. Trägheit und Schläfrigkeit; aber alles das hält sich bei ihnen in mäßigen Grenzen, und ihr Blut kommt dadurch nicht in Aufregung.

In den letzten fünf Jahren ist von den einigen hundert Menschen niemand gestorben, nicht einmal eines natürlichen Todes, geschweige denn eines gewaltsamen.

Wenn aber jemand aus Altersschwäche oder infolge einer chronischen Krankheit in den ewigen Schlaf versinkt, so kann man sich dort noch lange nachher über ein so ungewöhnliches Ereignis gar nicht genug wundern.

Jedoch ist es ihnen gar nicht verwunderlich erschienen, als z. B. der Schmied Taras sich in seiner Erdhütte durch ein zu lange dauerndes Dampfbad beinah selbst zu Tode gebracht hätte, so daß man ihn mit Wasser begießen mußte. Von Verbrechen ist eines, nämlich der Diebstahl von Erbsen, Möhren und Rüben aus den Gemüsegärten, sehr im Schwange, und einmal verschwanden plötzlich zwei Ferkel und eine Henne, ein Ereignis, das die ganze Umgegend in Entrüstung versetzte und einstimmig auf die Fuhrleute einer Wagenkolonne zurückgeführt wurde, die am vorhergehenden Tage mit Holzgeschirr zum Jahrmarkt durchgefahren war. Sonst sind Ereignisse jeder Art überhaupt äußerst selten.

Eines Tages jedoch wurde außerhalb des Dorfgeheges ein Mensch gefunden, der im Graben bei der Brücke lag und offenbar von einem Arbeitertrupp zurückgeblieben war, der auf seinem Wege nach der Stadt das Dorf passiert hatte.

Die Jungen hatten ihn zuerst bemerkt und kamen voller Angst in das Dorf gelaufen mit der Kunde von einem furchtbaren Drachen oder Werwolfe, der im Graben liege; sie fügten hinzu, er sei ihnen nachgesetzt und habe Kuska beinah aufgefressen.

Die Bauern waren beherzter; sie bewaffneten sich mit Heugabeln und Beilen und schickten sich an, in dichten Haufen nach dem Graben zu ziehen.

»Wo wollt ihr hin?« suchten die Alten sie zurückzuhalten. »Seid ihr so stark? Was geht euch die Sache an? Wenn ihr ihm nichts tut, wird er euch auch nichts tun.«

Aber die Bauern zogen doch hin und begannen, als sie hundertfünfzig Schritte von dem Orte entfernt waren, das Ungeheuer vielstimmig anzurufen; es erfolgte jedoch keine Antwort. Eine Weile blieben sie stehen; dann rückten sie wieder vor.

In dem Graben lag ein Bauer, den Kopf gegen die Böschung gelehnt; neben ihm lagen ein Sack und ein Stock, an welchem zwei Paar Bastschuhe hingen.

Die Bauern wagten weder nahe heranzugehen noch ihn zu berühren.

»Heda! Du, Bruder!« riefen sie abwechselnd, wobei sich der eine den Nacken, der andere den Rücken kratzte. »Wie heißt du? Wer bist du? Heda, du! Was hast du da zu suchen?«

Der Fremde machte eine Bewegung, um den Kopf aufzuheben, brachte es aber nicht zustande; er war anscheinend krank oder sehr müde.

Einer wollte es wagen, ihn mit der Heugabel zu berühren. »Rühr' ihn nicht an! Rühr' ihn nicht an!« schrien viele. »Woher kann man wissen, was er für einer ist? Er redet ja nichts; vielleicht ist er irgend so einer . . . Rührt ihn nicht an, Kinder!« »Wollen weggehn«, sagten einige; »wirklich, wollen weggehn. Was geht er uns an; ist er etwa unser Onkel? Wir haben nur Schaden von ihm!«

Und alle gingen wieder zurück ins Dorf und erzählten den Alten, da liege ein Fremder, der kein Wort spreche; Gott möge wissen, was er für einer sei . . .

»Ein Fremder, also rührt ihn nicht an!« sagten die Alten, die auf den Erdbänken an den Hütten saßen und die Ellbogen auf die Knie gesetzt hielten. »Laßt ihn für sich! Ihr hättet gar nicht hingehen sollen!« – – –

So war das Winkelchen beschaffen, wohin Oblomow auf einmal im Traume versetzt wurde.

Von den drei oder vier dort zerstreut liegenden Dörfern hieß eines Sosnowka, ein anderes Wawilowka; sie waren eine Werst voneinander entfernt.

Sosnowka und Wawilowka bildeten zusammen das Erbgut der Familie Oblomow und waren infolgedessen unter dem Gesamtnamen Oblomowka bekannt.

In Sosnowka befand sich das Gutshaus, in dem die Herrschaft wohnte. Etwa fünf Werst von Sosnowka entfernt lag das kleine Kirchdorf Werchlowo, das ebenfalls einmal der Familie Oblomow gehört hatte, aber schon vor langer Zeit in andere Hände übergegangen war, sowie noch einige zerstreut liegende Bauernhäuser, die zu demselben Kirchdorfe gezählt wurden.

Das Kirchdorf gehörte einem reichen Gutsbesitzer, der nie auf seinem Gute erschien; dieses wurde von einem deutschen Verwalter bewirtschaftet.

Das war die ganze Geographie dieses Winkelchens.

Ilja Iljitsch erwachte am Morgen in seinem kleinen Bettchen. Er war erst sieben Jahre alt. Es war ihm leicht und fröhlich zumute.

Was war er für ein hübscher, rotbackiger, dicker Bube! Seine Bäckchen waren so rundlich, daß mancher Schelm, auch wenn er die seinigen absichtlich aufbläst, solche nicht zustande bringt. Die Kinderfrau hatte auf sein Erwachen gewartet. Sie fing an, ihm die Strümpfe anzuziehen; er sträubte sich dagegen, trieb Mutwillen und strampelte mit den Beinen; die Kinderfrau griff sie, und beide lachten.

Endlich war es ihr gelungen, ihn auf die Füße zu stellen; sie kämmte ihn und führte ihn zu seiner Mutter.

Beim Anblick der längst verstorbenen Mutter fing Oblomow im Traume vor Freude und vor heißer Liebe zu ihr an zu zittern; unter den Wimpern des Schlafenden rannen langsam zwei warme Tränen hervor und blieben ohne sich zu bewegen auf den Wangen stehen.

Die Mutter bedeckte ihn mit leidenschaftlichen Küssen; dann betrachtete sie ihn mit prüfenden, besorgten Blicken, ob seine Augen auch nicht trübe aussähen, fragte ihn, ob ihm nichts weh täte, examinierte die Kinderfrau, ob er ruhig geschlafen habe, in der Nacht nicht aufgewacht sei, sich nicht im Schlafe herumgewälzt und keine Hitze gehabt habe. Darauf faßte sie ihn bei der Hand und führte ihn zum Heiligenbilde.

Dort kniete sie nieder, umschlang ihn mit dem einen Arme und sprach ihm die Worte des Gebetes vor.

Der Knabe wiederholte sie zerstreut und blickte dabei durch das Fenster, von wo kühle Luft und Fliederduft ins Zimmer strömte.

»Werden wir heute spazierengehen, Mamachen?« fragte er plötzlich mitten im Gebete.

»Ja, mein Herzchen«, antwortete sie eilig, ohne die Augen von dem Heiligenbilde abzuwenden, und sprach die heiligen Worte rasch zu Ende.

Der Knabe wiederholte sie lässig; aber die Mutter legte ihre ganze Seele hinein.

Dann gingen sie zum Vater und dann zum Tee.

Am Teetische erblickte Oblomow eine bei ihnen wohnende hochbejahrte Tante; sie war schon achtzig Jahre alt und brummte beständig über ihre Dienerin, die, vor Altersschwäche mit dem Kopfe wackelnd, hinter ihrem Stuhle stand und sie bediente. Da waren auch drei alte unverheiratete Damen, entfernte Verwandte seiner Mutter und ein bei ihnen zu Besuch weilender Gutsbesitzer Tschekmenew, dessen Gut nur sieben Seelen umfaßte, und noch ein paar alte Männer und Frauen.

Dieser ganze Hofstaat und Parasitenschwarm der Familie Oblomow bemächtigte sich Ilja Iljitschs und begann ihn mit Liebkosungen und Lobsprüchen zu überschütten; er fand kaum Zeit, die Spuren der unerwünschten Küsse abzuwischen.

Darauf begann man ihn mit Semmel, Zwieback und Sahne zu füttern.

Dann, nach nochmaligen Liebkosungen, entließ ihn seine Mutter, damit er im Garten, auf dem Hofe und auf der Wiese spazierengehe; die Kinderfrau bekam dabei die strenge Anweisung, den Kleinen nicht allein zu lassen, nicht zu dulden, daß er den Pferden, den Hunden oder dem Ziegenbock nahe käme, nicht weit vom Hause fortzugehn und namentlich ihn nicht an die Schlucht heranzulassen als den schrecklichsten Ort der ganzen Umgegend, der in üblem Rufe stand.

Es war dort früher einmal ein Hund gefunden worden, den man nur deshalb für toll erklärt hatte, weil er vor den Menschen weggerannt war, als sie sich zum Angriffe auf ihn mit Heugabeln und Beilen versammelten; er war dann irgendwo hinter dem Berge verschwunden. In die Schlucht pflegte man verendetes Vieh zu werfen; auch nahm man an, daß in der Schlucht Räuber und Wölfe und allerlei andere Wesen hausten, die es entweder in jener Gegend oder überhaupt in der Welt nicht gab.

Der Knabe wartete das Ende der mütterlichen Warnungen nicht ab; er war schon längst draußen.

Dort betrachtete er mit freudigem Erstaunen, als ob er alles zum erstenmal sähe, rings herumlaufend, das Elternhaus mit dem schief seitwärts hängenden Tor, mit dem in der Mitte eingesunkenen hölzernen Dache, auf dem zartes grünes Moos wuchs, mit der wackeligen Freitreppe, mit den verschiedenen Anbauten und Aufbauten und mit dem verwilderten Garten. Es verlangte ihn sehnlich, auf die das ganze Haus umgebende Hängegalerie hinaufzulaufen, um von dort nach dem Flüßchen hinzusehen; aber die Galerie war schon baufällig und hielt sich nur noch so eben; nur die »Leute« durften auf ihr gehen; die Herrschaft betrat sie nicht. Ohne die Ermahnungen der Mutter zu beachten, nahm er schon seinen Weg nach den verlockenden Stufen hin; aber da erschien auf der Freitreppe die Kinderfrau und fing ihn noch so gerade ab.

Er rannte von ihr weg nach dem Heuboden, in der Absicht, auf der steilen Leiter dort hinaufzusteigen, und kaum war sie bis zum Heuboden gelangt, als sie schon wieder nach einer andern Seite laufen und seinen Plan hintertreiben mußte, auf den Taubenschlag zu klettern und nach dem Viehhof und (Gott bewahre uns!) nach der Schlucht vorzudringen.

»Ach, du großer Gott, was ist das für ein Kind, was für ein Wildfang! Kannst du denn gar nicht ein Weilchen ruhig und artig sein, junger Herr? Schäme dich etwas!« sagte die Kinderfrau.

Und wie dieser Tag, so waren alle Tage und Nächte der Kinderfrau von unruhiger Tätigkeit und Lauferei ausgefüllt: bald von Kummer, bald von lebhafter Freude über den Knaben, bald von Furcht, er könne hinfallen und sich die Nase zerschlagen, bald von Rührung über seine herzlichen, kindlichen Liebkosungen oder von trüben Besorgnissen um seine ferne Zukunft. Nur infolge dieser Gemütsbewegungen schlug das Herz der alten Frau noch; nur sie erwärmten ihr Blut und hielten mit knapper Not ihr schläfriges Leben aufrecht, das sonst vielleicht schon längst erloschen wäre.

Aber nicht immer war der Knabe so ausgelassen; er wurde manchmal plötzlich still, saß neben der Kinderfrau und sah nach allem aufmerksam hin. Sein kindlicher Verstand beobachtete alle Ereignisse, die sich vor seinen Augen vollzogen; sie prägten sich seiner Seele tief ein, und diese Eindrücke wuchsen und entwickelten sich dann mit ihm zugleich.

Es ist ein herrlicher Morgen; die Luft ist kühl; die Sonne steht noch nicht hoch. Von dem Hause, von den Bäumen, von dem Taubenschlage, von der Galerie und von allen anderen Gegenständen erstreckten sich lange Schatten weithin. Im Garten und auf dem Hofe haben sich kühle Winkelchen gebildet, die zum Träumen und Schlafen locken. Nur das Roggenfeld in der Ferne brennt wie Feuer, und das Flüßchen glänzt und blitzt in der Sonne so, daß einem die Augen weh tun.

»Woher ist es hier dunkel und dort hell, Kinderfrau, und wird es später auch hier hell werden?« fragt der Knabe.

»Das kommt daher, Väterchen, daß die Sonne dem Monde entgegengeht und ihn nicht sieht; dann macht sie ein finsteres Gesicht. Wenn sie ihn aber nachher von weitem sieht, dann strahlt sie nur so.«

Der Knabe denkt nach und sieht alles rings umher. Er sieht, wie Antip ausfährt, um Wasser zu holen; aber auf der Erde neben ihm geht ein anderer Antip, zehnmal so groß wie der wirkliche, und die Tonne sieht so groß aus wie ein Haus, und der Schatten des Pferdes bedeckt die ganze Wiese. Der Schatten hat nur zwei Schritte auf der Wiese gemacht und sich plötzlich über den Berg hinaus bewegt, während Antip noch nicht einmal vom Hofe weggefahren ist.

Der Knabe macht ebenfalls zwei Schritte; noch ein Schritt, und er wird über den Berg hinausgekommen sein.

Er möchte gern nach dem Berge hin, um zu sehen, wo das Pferd geblieben ist. Er geht nach dem Tore zu; aber da ertönt aus dem Fenster die Stimme der Mutter.

»Kinderfrau! Siehst du denn nicht, daß das Kind in die Sonne läuft! Bring es ins Kühle; wenn ihm der Kopf heiß wird, so wird er ihm weh tun; es wird ihm übel werden, und es wird nichts essen mögen. Du wirst es noch nach der Schlucht hingehen lassen!«

»Nein, so ein verzärteltes Kind!« brummt die Kinderfrau leise und zieht den Knaben zur Freitreppe hin.

Der Knabe sieht und beobachtet mit scharfem, gelehrigem Blicke, was die Erwachsenen tun, und wie sie es machen, und womit sie sich den Vormittag über beschäftigen.

Keine Einzelheit, nicht ein einziger Zug entgeht der forschenden Aufmerksamkeit des Kindes; das Bild des häuslichen Lebens prägt sich seiner Seele unauslöschlich ein; der noch weiche Verstand wird durch die lebenden Beispiele gesättigt und entwirft unbewußt ein Programm für sein eigenes Leben nach dem Muster des Lebens, das ihn umgibt.

Man kann nicht sagen, daß der Morgen in dem Oblomowschen Hause unbenutzt blieb. Das Klopfen der Messer, mit denen in der Küche Koteletts und Gemüse gehackt werden, dringt sogar bis ins Dorf.

Aus der Leutestube hört man den zischenden Ton einer Spindel und die leise, dünne Stimme einer alten Frau: es ist schwer zu unterscheiden, ob sie weint oder ein melancholisches Lied ohne Worte improvisiert.

Sowie Antip mit der Tonne auf den Hof zurückkehrt, kommen von allen Ecken und Enden Frauen und Kutscher mit Eimern, Trögen und Krügen herbeigelaufen.

Dort trägt eine alte Frau eine Schale mit Mehl und einen Haufen Eier aus der Vorratskammer nach der Küche; da schüttet der Koch plötzlich Wasser aus einem Fenster und begießt damit die Hündin Arapka, die den ganzen Morgen über, ohne ein Auge abzuwenden, nach dem Fenster sieht, freundlich mit dem Schweife wedelt und sich die Schnauze leckt.

Auch der alte Oblomow selbst ist nicht unbeschäftigt. Er sitzt den ganzen Vormittag am Fenster und paßt unaufhörlich auf alles auf, was auf dem Hofe geschieht.

»Heda, Ignaschka, was trägst du da, du Dummkopf?« fragt er einen Mann, der über den Hof geht.

»Ich trage die Messer zum Schleifen in die Leutestube«, antwortet der, ohne nach dem Herrn hinzublicken.

»Na, das tu, das tu; aber gib dir auch Mühe, sie gut zu schleifen!«

Dann hält er eine alte Frau an:

»Heda, Alte, Alte! Wo gehst du hin?«

»In den Keller, Väterchen«, antwortete sie stehenbleibend und blickt, die Augen mit der Hand beschirmend, nach dem Fenster. »Ich will Milch zum Mittagessen holen.«

»Na, dann geh, geh!« versetzt der Herr. »Aber paß nur auf, daß du die Milch nicht verschüttest. Aber du, Sacharka, du Galgenstrick, wo läufst du schon wieder hin?« schreit er dann.

»Ich werde dich lehren, immer herumzulaufen! Schon zum dritten Male sehe ich dich hier vorbeikommen. Mach, daß du wieder zurückkommst, ins Vorzimmer!«

Und Sachar geht wieder ins Vorzimmer, um da zu druseln.

Wenn die Kühe von der Weide kommen, so ist der Alte der erste, der dafür sorgt, daß sie auch getränkt werden; wenn er vom Fenster aus sieht, daß der Hofhund eine Henne jagt, so ergreift er gegen einen solchen Unfug sogleich strenge Maßregeln.

Auch seine Frau ist stark beschäftigt: sie redet mit dem Schneider Awerka drei Stunden lang darüber, wie sich aus einer Unterjacke ihres Mannes ein Jäckchen für Iljuscha zurechtschneidern läßt, zeichnet selbst mit Kreide den Schnitt und paßt auf, daß Awerka auch kein Zeug stiehlt. Darauf geht sie in die Mädchenstube und gibt jedem Mädchen ein Pensum, wieviel Spitzen sie an dem Tage klöppeln muß. Dann fordert sie Nastasja Iwanowna oder Stepanida Agapowna oder eine andere ihrer Parasitinnen auf, mit ihr einen Spaziergang im Garten zu machen, zu praktischem Zwecke: um nachzusehen, wie die Äpfel reifen; ob die, die gestern schon reif waren, abgefallen sind; hier muß gepfropft, dort beschnitten werden und so weiter.

Aber die Hauptsorge dreht sich um die Küche und das Mittagessen. Über das Mittagessen wird vom ganzen Hause eine Beratung abgehalten; auch die hochbejahrte Tante wird dazu herangezogen. Jeder schlägt ein Gericht vor: der eine eine Suppe mit Gekröse, ein andrer Nudeln oder Magen, ein andrer Pansen, ein andrer eine rote Sauce, ein andrer eine weiße.

Jeder Vorschlag wird in Erwägung gezogen, umständlich kritisiert und dann nach dem ausschlaggebenden Urteilsspruche der Hausfrau angenommen oder abgelehnt.

Fortwährend wird bald Nastasja Petrowna, Stepanida Iwanowna nach der Küche geschickt, um an das eine zu erinnern, etwas anderes hinzuzufügen, jenes umzuändern, Zucker, Honig, Wein für die Speisen hinzubringen und aufzupassen, ob auch der Koch alles, was herausgegeben ist, bestimmungsgemäß verwendet.

Die Sorge um die Nahrung bildet die oberste und wichtigste Lebensfrage in Oblomowka. Was für Kälber werden dort für die hohen Festtage gemästet! Was für Geflügel gezüchtet! Wie viele subtile Erwägungen, wieviel Sachkenntnis und Sorge wird auf die Pflege desselben verwandt! Die Puten und Küchlein, die zu Namenstagsfeiern und zu anderen festlichen Tagen bestimmt sind, werden mit Nüssen gefüttert; die Gänse werden der Bewegungsmöglichkeit beraubt und müssen einige Tage vor dem betreffenden Festtage ohne sich zu regen in einem Sacke hängen, damit sie ganz besonders fett werden. Was gibt es dort für Vorräte von Eingemachtem, Eingesalzenem und Gebackenem! Was für Met, was für Kwaß wird in Oblomowka gekocht, was für Pasteten werden da gebacken! So sind bis zum Mittage alle in sorglicher, geschäftiger Tätigkeit; alle führen ein vollbesetztes, achtsames Ameisenleben.

Auch an Sonn- und Festtagen ruhen diese arbeitsamen Ameisen nicht: dann erschallt das Klopfen der Messer in der Küche noch häufiger und stärker; die alte Frau legt die Reise von der Vorratskammer zur Küche mehrere Male mit der doppelten Quantität von Eiern und Mehl zurück; auf dem Geflügelhofe gibt es noch mehr Stöhnen und Blutvergießen als sonst. Es wird eine Riesenpastete gebacken, die die Herrschaften selbst noch am folgenden Tage essen; was übrig bleibt, wandert zum dritten und vierten Tage in die Mädchenstube; die Pastete erlebt sogar noch den Freitag, so daß ein ganz trockner Rest ohne jede Füllung als Zeichen besonderer Gnade dem Knechte Antip zuteil wird, der, nachdem er sich bekreuzt hat, diese merkwürdige Versteinerung mit lautem Krachen furchtlos zerstört, wobei ihm das Bewußtsein, daß das eine herrschaftliche Pastete ist, einen größeren Genuß gewährt als die Pastete selbst, so wie ein Archäologe mit Hochgenuß einen elenden Wein aus einem zerbrochenen, tausend Jahre alten Tongefäße trinkt.

Der Knabe aber sieht alles und beobachtet alles mit seinem ländlichen, nichts übersehenden Verstande. Er sieht, wie nach dem nützlich und geschäftig verbrachten Morgen der Mittag und das Mittagessen herankommen.

Der Mittag ist drückend heiß; am Himmel ist kein Wölkchen. Die Sonne steht regungslos über den Köpfen und versengt das Gras. Die Luft hat aufgehört sich zu bewegen und ist in einen Zustand der Starrheit geraten. Weder das Wasser noch die Bäume rühren sich; über dem Dorfe und dem Felde lagert eine ungestörte Stille – alles ist wie erstorben. Hell und weit ertönt die menschliche Stimme in dem leeren Raume. Auf sechzig Schritt kann man hören, wie ein Käfer vorbeifliegt und summt, und in dem dichten Grase ist es immer, als ob etwas schnarche, als ob sich jemand da hingelegt habe und süß schlafe.

Auch im Hause herrscht Totenstille. Die Stunde des allgemeinen Mittagsschlafes ist angebrochen.

Der Knabe sieht, daß der Vater und die Mutter und die alte Tante und die Parasiten sich alle zerstreut haben, jeder nach seinem Zimmer oder Stübchen; und von denen, die ein solches nicht haben, ist der eine auf den Heuboden gegangen, ein zweiter in den Garten, ein dritter hat im Flur Kühlung gesucht, und mancher hat sich da, wo er, von der Hitze und dem reichlichen Mittagessen entkräftet, hingesunken ist, zum Schutz gegen die Fliegen das Taschentuch über das Gesicht gedeckt und ist eingeschlafen. Auch der Gärtner hat sich im Garten unter einem Strauche neben seinem Geräte hingestreckt, und der Kutscher schläft im Pferdestalle.

Ilja Iljitsch blickt in die Leutestube hinein: da liegen alle der Reihe nach auf den Bänken, auf dem Fußboden und im Flur; die Kinder sind sich selbst überlassen, kriechen auf dem Hofe umher und wühlen im Sande. Auch die Hunde sind tief in ihre Hütten hineingekrochen, um so mehr, da niemand da ist, den sie anbellen müßten.

Man kann quer durch das ganze Haus gehen, ohne einer Menschenseele zu begegnen, es ist ein leichtes, alles, was da ist, zu stehlen und mit Fuhrwerken vom Hofe wegzuschaffen: niemand würde es hindern; aber freilich gibt es in jener Gegend keine Diebe.

Das ist ein Schlaf, der alles verschlingt und durch nichts zu überwinden ist, das wahre Ebenbild des Todes. Alles ist tot; nur ertönt aus allen Ecken verschiedenartiges Schnarchen in allen möglichen Tönen und Modulationen.

Nur ab und zu hebt jemand aus dem Schlafe plötzlich den Kopf in die Höhe, sieht gedankenlos und erstaunt nach allen Seiten umher und dreht sich auf die andere Seite, oder er spuckt, ohne die Augen zu öffnen, im Halbschlaf aus und schläft, mit den Lippen schmatzend oder etwas vor sich hin brummend, wieder ein.

Ein andrer springt schnell, ohne alle vorhergehenden Vorbereitungen, mit beiden Beinen von seinem Lager auf, als fürchte er, kostbare Augenblicke zu verlieren, greift nach dem Kruge mit Kwaß, bläst die darauf schwimmenden Fliegen weg, so daß sie nach dem andern Rande getrieben werden (infolge wovon die bis dahin regungslosen Tiere in der Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Situation sich stark zu bewegen beginnen), netzt sich die Kehle und fällt dann wieder auf das Bett wie ein Erschossener.

Der Knabe aber beobachtet alles unausgesetzt.

Er geht mit der Kinderfrau nach dem Mittagessen wieder ins Freie. Aber auch die Kinderfrau vermag trotz der strengen Vermahnungen der gnädigen Frau und trotz ihres eigenen guten Willens sich dem Zauberbann des Schlafes nicht zu entziehen. Auch sie ist von dieser in Oblomowka herrschenden epidemischen Krankheit angesteckt.

Zuerst beaufsichtigt sie den Knaben eifrig, läßt ihn nicht weit von sich weg, schilt ihn streng wegen seines Mutwillens; dann, als sie die Symptome der herannahenden Ansteckung fühlt, fängt sie an, ihn zu ermahnen, er möchte nicht vors Tor gehen, nicht den Ziegenbock anrühren, nicht auf den Taubenschlag oder auf die Galerie steigen.

Sie selbst setzt sich irgendwo ins Kühle: auf die Freitreppe, auf die Kellerschwelle oder auch einfach auf das Gras, anscheinend um an einem Strumpfe zu stricken und dabei den Knaben zu beaufsichtigen. Aber bald fängt sie an, mit dem Kopfe zu nicken und ihm nur noch lässig Einhalt zu tun.

»Ach, ehe man sich dessen versieht, wird dieser Wildfang nach der Galerie hinaufgehen«, denkt sie, beinah schon schlafend, »oder . . . am Ende gar . . . nach der Schlucht . . .«

Hier sinkt der Kopf der alten Frau auf die Knie herab, der Strumpf fällt ihr aus den Händen; sie verliert den Knaben aus den Augen und läßt, den Mund ein wenig öffnend, ein leises Schnarchen hören.

Der Knabe aber hat voll Ungeduld auf diesen Augenblick gewartet, mit dem sein selbständiges Leben beginnt.

Er ist gleichsam allein in der ganzen Welt; er läuft auf den Fußspitzen von der Kinderfrau weg, betrachtet hier und da die Schläfer, bleibt stehen und beobachtet aufmerksam, wie jemand zu sich kommt, ausspuckt und im Schlaf etwas vor sich hin murmelt; dann steigt er mit fast aussetzendem Herzschlage auf die Galerie, läuft auf den knarrenden Dielen rings herum, klettert auf den Taubenschlag, dringt in einen abgelegenen Teil des Gartens ein, horcht, wie ein Käfer summt, und verfolgt seinen Flug in der Luft weit mit den Augen; er lauscht, wie etwas immer im Grase zirpt, sucht und fängt die Grillen, die diese Stille stören; er hascht eine Libelle, reißt ihr die Flügel aus und sieht, was nun aus ihr wird; oder er stößt ein Strohhälmchen quer durch sie hindurch und verfolgt, wie sie mit dieser Bürde fliegt; mit Genuß, kaum zu atmen wagend, beobachtet er eine Spinne, wie sie einer gefangenen Fliege das Blut aussaugt, wie das arme Opfer zwischen ihren Klauen sich sträubt und summt. Schließlich tötet der Knabe sowohl das Opfer als auch die Peinigerin.

Dann kriecht er in einen Graben hinein, wühlt darin umher, sucht sich irgendwelche Wurzeln, reinigt sie von der Rinde und ißt sie mit Genuß; sie schmecken ihm besser als die Äpfel und das Eingemachte, das ihm seine Mama gibt.

Er läuft auch vors Tor: er möchte gern nach dem Birkenwäldchen hin; das scheint ihm so nahe, daß er in fünf Minuten hinkommen könnte, wenn er nicht den Umweg auf dem Steige nähme, sondern geradezu über den Graben, die Zäune und Gruben weg ginge; aber er fürchtet sich: die Leute sagen, es gebe da Waldteufel und Räuber und schreckliche wilde Tiere.

Er möchte auch gern nach der Schlucht laufen; die ist nur etwa hundertfünfzig Schritte vom Garten entfernt; schon ist der Knabe bis an den Rand gelaufen; er kneift die Augen zusammen, er möchte hineinsehen wie in den Krater eines Vulkans: aber auf einmal fallen ihm alle die Erzählungen und Traditionen über diese Schlucht ein: das Entsetzen packt ihn; halb tot, halb lebendig läuft er zurück, stürzt, vor Angst zitternd, zu der Kinderfrau hin und weckt die Alte auf.

Sie fährt aus dem Schlafe in die Höhe, rückt ihr Kopftuch zurecht, schiebt mit dem Finger die grauen Haarbüschel darunter, blickt, indem sie sich stellt, als hätte sie gar nicht geschlafen, mißtrauisch nach dem kleinen Ilja und dann nach den herrschaftlichen Fenstern hin und beginnt mit zitternden Fingern an dem Strumpfe, der auf ihren Knien liegt, eine Stricknadel gegen die andere zu stoßen.

Inzwischen fängt die Hitze an, ein wenig abzunehmen; in der Natur wird alles lebendiger; die Sonne nähert sich schon dem Walde.

Auch im Hause wird die Stille nach und nach gestört: irgendwo in einer Ecke knarrt eine Tür; auf dem Hofe hört man Schritte; es niest jemand auf dem Heuboden.

Bald darauf bringt ein Mann, der sich unter der Last zusammenbiegt, eilig aus der Küche einen riesigen Samowar. Man versammelt sich zum Tee: dem einen ist das Gesicht ganz verdrückt und die Augen schwimmen von Tränen; ein anderer hat sich einen roten Fleck an der Backe und den Schläfen gelegen; ein dritter spricht nach dem Schlafe mit fremdklingender Stimme. Alle schnaufen, ächzen, gähnen, kratzen sich den Kopf; eben erst wieder zu sich gekommen, suchen sie ihre Glieder durch Bewegung gelenkig zu machen. Das Mittagessen und der Schlaf haben einen unstillbaren Durst erzeugt, so daß die Kehle brennt. Mancher trinkt zwölf Tassen Tee; aber auch das hilft nicht: Ächzen und Stöhnen werden vernehmbar; man nimmt seine Zuflucht zu Preißelbeer- und Birnenwasser und Kwaß, manche sogar zu Medikamenten, um nur den Brand in der Kehle zu löschen.

Alle suchen Befreiung von dem Durste wie von einer Strafe Gottes; alle rennen umher, alle sind ermattet, wie wenn eine Karawane von Reisenden in der arabischen Wüste nirgends eine Wasserquelle findet.

Der Knabe ist ebenfalls da, bei seiner Mama: er betrachtet die seltsamen Gesichter der ihn umgebenden Personen und hört ihre schläfrigen, müden Gespräche mit an. Es amüsiert ihn, sie anzusehen; jeder Unsinn, den sie reden, kommt ihm interessant vor.

Nach dem Tee beschäftigen sich alle mit irgend etwas: der eine geht zum Flusse, schlendert sachte am Ufer entlang und stößt mit dem Fuße Steinchen ins Wasser; ein andrer setzt sich ans Fenster und achtet auf jedes momentane, geringfügige Ereignis: wenn eine Katze über den Hof läuft oder eine Dohle vorbeifliegt, so beobachtet er die eine und die andre, richtet seine Nasenspitze nach ihr hin und folgt ihr mit dem Blicke, indem er den Kopf bald nach rechts, bald nach links wendet. So lieben es manchmal Hunde, stundenlang auf dem Fensterbrett zu sitzen, den Kopf in die Sonne zu halten und jeden Passanten angelegentlich zu betrachten.

Die Mutter nimmt Iljas Kopf, legt ihn auf ihre Knie und kämmt dem Kinde langsam das Haar; dabei bewundert sie die Weichheit desselben und veranlaßt Nastasja Iwanowna und Stepanida Tichonowna, sie ebenfalls zu bewundern; sie spricht mit ihnen über Ilias Zukunft und macht ihn zum Helden eines selbsterfundenen herrlichen Epos. Die Parasitinnen erschöpfen sich in den großartigsten Prophezeiungen. Aber da fängt es an zu dämmern. In der Küche prasselt wieder das Feuer; wieder erschallt das rasche Klopfen der Messer: das Abendessen wird zubereitet.

Das Gesinde versammelt sich am Tore: dort hört man Balalaikageklimper und Gelächter. Die Leute spielen Haschen. Die Sonne ist schon hinter den Wald herniedergegangen; sie entsendet noch einige kaum mehr warme Strahlen, die wie ein feuriger Streifen durch den ganzen Wald hindurchdringen und die Wipfel der Fichten mit hellem Goldglanz übergießen. Dann erlöschen diese Strahlen einer nach dem andern; der letzte dauert lange; er bohrt sich wie eine feine Nadel durch das Dickicht der Zweige; aber auch er erlischt. Die Gegenstände verlieren ihre Form; alles fließt zuerst in eine graue, dann in eine schwarze Masse zusammen. Der Gesang der Vögel wird allmählich schwächer; bald verstummen sie vollständig, außer einem einzigen hartnäckigen Sänger, der, wie allen zum Trotz, inmitten der allgemeinen Stille, allein eintönig in Intervallen zwitschert, aber immer seltener und seltener; und auch der zwitschert schließlich nur noch schwach, kaum hörbar, zum letzten Male, schüttelt sich, so daß die Blätter um ihn herum sich leise bewegen, und schläft ein.

Alles ist verstummt. Nur die Grillen zirpen noch stärker um die Wette. Von der Erde steigen weiße Dünste auf und breiten sich über die Wiese und den Fluß aus. Auch der Fluß wird ruhig; nach einem Weilchen plätschert auch in ihm etwas noch zum letzten Male, und dann liegt er regungslos da. Es riecht nach Feuchtigkeit. Es wird immer dunkler und dunkler. Die Bäume gruppieren sich zu seltsamen Ungeheuern zusammen; im Walde wird es unheimlich; da knarrt plötzlich etwas, wie wenn eines der Ungeheuer von seinem Platze nach einem andern herüberginge und ein trockner Zweig unter seinem Fuße knackte.

Am Himmel erglänzt hell wie ein lebendiges Auge das erste Sternchen, und in den Fenstern des Hauses schimmern Lichter auf.

Es beginnt die Zeit des allgemeinen feierlichen Stillschweigens der Natur, jene Zeit, wo der schöpferische Verstand kräftiger arbeitet und die poetischen Gedanken heißer sieden, wo die Leidenschaft im Herzen lebhafter aufflammt oder der Gram schmerzlicher quält, wo in einer bösen Seele das Samenkorn eines verbrecherischen Planes ungestörter und schneller reift, und wo – in Oblomowka alle so fest und ruhig schlafen.

»Wir wollen spazierengehen, Mama!« sagt der kleine Ilja.

»Aber ich bitte dich, was redest du! Jetzt spazierengehen!« antwortet sie. »Es ist feucht; du erkältest dir die Füßchen. Und es ist auch unheimlich: im Walde geht jetzt der Waldteufel umher; der trägt die kleinen Kinder fort.«

»Wo trägt er sie denn hin? Wie sieht er aus? Wo wohnt er?« fragt der Knabe.

Und die Mutter läßt ihrer zügellosen Phantasie freien Lauf. Der Knabe hört ihr zu; bald öffnet er die Augen, bald schließt er sie wieder, bis der Schlaf ihn endlich vollständig überwältigt. Die Kinderfrau kommt, nimmt ihn von den Knien der Mutter in die Höhe und trägt den Schlafenden, dessen Kopf über ihre Schulter hängt, ins Bett.

»Na, da haben wir wieder einen Tag hinter uns, Gott sei Dank!« sagen die Bewohner von Oblomowka, während sie sich ächzend ins Bett legen und das Zeichen des Kreuzes über sich machen. »Wir haben ihn glücklich verlebt; Gott gebe, daß es morgen ebenso sei! Gott sei gelobt, Gott sei gelobt!« – – –

Dann sah sich Oblomow im Traume in eine andere Zeit versetzt. Er schmiegt sich an einem endlosen Winterabend ängstlich an die Kinderfrau, und sie flüstert ihm etwas zu von einem unbekannten Lande, wo es keine Nächte und keine Kälte gibt, wo immer Wunder geschehen, wo Flüsse von Honig und Milch fließen, wo das ganze Jahr über kein Mensch etwas tut und den ganzen Tag lang brave Burschen, solche wie Ilja Iljitsch, und schöne Mädchen, wie man sie gar nicht schildern kann, spazierengehen.

Da wohnt auch eine gute Zauberin, die bei uns manchmal in Gestalt eines Hechtes erscheint; die wählt sich einen Liebling aus, einen stillen, harmlosen Menschen, mit anderen Worten einen Faulpelz, den alle Leute schlecht behandeln. Den überschüttet sie ohne weiteres mit allen möglichen guten Dingen, und er tut weiter nichts als schmausen und sich mit neuen Kleidern putzen; und dann heiratet er ein Mädchen von unerhörter Schönheit: es heißt Militrisa Kirbitjewna.

Der Knabe hört, den Mund öffnend, mit gespannter Aufmerksamkeit zu und nimmt die Erzählung gierig in sich auf. Die Kinderfrau oder die Überlieferung vermied so geschickt in der Erzählung alles, was in Wirklichkeit existiert, daß die Phantasie und der Verstand, nachdem sie sich von der Erdichtung einmal hatten durchdringen lassen, nun auch bis zum Greisenalter in ihrer Knechtschaft verblieben. Die Kinderfrau erzählte in aller Gutmütigkeit das Märchen vom dummen Jamelja, diese boshafte, hinterlistige Satire auf unsere Vorfahren und vielleicht auch auf uns selbst.

Wenn Ilja Iljitsch groß geworden ist, so erfährt er zwar, daß es keine Milch- und Honigflüsse und keine guten Zauberinnen gibt, und er scherzt mit einem Lächeln über die Märchen der Kinderfrau; aber dieses Lächeln ist nicht aufrichtig; es wird von einem geheimen Seufzer begleitet: das Märchen hat sich in seinem Kopfe mit dem Leben vermischt, und er trauert manchmal unbewußt darüber, warum das Märchen nicht das Leben und das Leben nicht ein Märchen sei. Unwillkürlich denkt er in seinen Träumereien an Militrisa Kirbitjewna; es zieht ihn alles nach jenem Lande hin, wo man weiter nichts tut als spazierengehen, wo es keine Sorgen und keinen Kummer gibt; es bleibt ihm immer die Neigung treu, auf dem Ofen zu liegen, in neuen, nicht durch Arbeit erworbenen Kleidern umherzugehen und auf Rechnung der guten Zauberin zu schmausen.

Auch der alte Oblomow und der Großvater hatten in ihrer Kindheit dieselben Märchen gehört, die sich in der Stereotypausgabe des Altertums auf den Lippen der Kinderfrauen und Kinderwärter durch die Jahrhunderte und Generationen hindurch erhielten.

Unterdessen zeigt die Kinderfrau der Phantasie des Knaben schon ein anderes Bild.

Sie erzählt ihm von den Großtaten unserer, einem Achill und einem Odysseus ebenbürtigen Helden, von der Kühnheit Ilja Muromezs, Dobrynja Nikititschs, Aloscha Popowitschs, Polkans und des Irrenden RittersSagenhafte Helden. Anm. d. Übers., davon, wie sie Rußland durchzogen, die unzählbaren Heere der Ungläubigen schlugen, wie sie miteinander wetteiferten, wer ein großes Glas Fuselbranntwein ohne sich zu räuspern austrinken könne; dann spricht sie von bösen Räubern, von schlafenden Prinzessinnen, von versteinerten Städten und Menschen; endlich geht sie zu unserer Dämonologie über, zu Toten, Ungeheuern und Werwölfen.

Mit der Schlichtheit und Gutherzigkeit eines Homer und mit derselben lebensvollen Wahrheit der Einzelheiten und Anschaulichkeit der Bilder prägt sie der Phantasie und dem Gedächtnisse des Kindes die Ilias des russischen Lebens ein, wie sie von unsern Homeriden jener nebelhaften Zeiten geschaffen ist, als der Mensch noch nicht mit den Gefahren und Geheimnissen des Lebens vertraut war, als er vor dem Werwolfe und vor dem Waldteufel zitterte und bei Aloscha Popowitsch Schutz suchte gegen die ihn umringenden Nöte, als in der Luft und im Wasser und im Walde und auf dem Felde das Wunder herrschte.

Unsicher und angstvoll war das Leben des damaligen Menschen; es war für ihn gefährlich, über die Schwelle seines Hauses hinauszutreten: ehe er sich dessen versah, konnte ihn ein wildes Tier zerreißen, ein Räuber ihn ermorden, ein böser Tatar ihm all sein Hab und Gut wegnehmen, oder er konnte auch verschwinden, ohne daß jemand etwas davon erfuhr, ohne daß eine Spur von ihm zurückblieb.

Oder es erschienen plötzlich Himmelszeichen, Feuersäulen und Feuerkugeln; und dort über einem frischen Grabe flammte ein Licht auf, oder es ging jemand im Walde spazieren, wie es schien, mit einer Laterne und lachte entsetzlich, und seine Augen funkelten im Dunkeln.

Auch mit dem Menschen selbst begaben sich so viele unbegreifliche Dinge: da lebte ein Mensch lange Zeit ordentlich, so daß gar nichts dagegen zu sagen war; und auf einmal fing er an, höchst liederliche Reden zu führen oder mit ganz fremdklingender Stimme zu schreien oder nachts im Schlafe umherzuirren; ein anderer bekam ganz aus heiler Haut Krämpfe und stürzte zu Boden. Und bevor so etwas geschah, krähte eine Henne wie ein Hahn, und eine Krähe krächzte auf dem Dache.

Der schwache Mensch fühlte sich wie verloren, sah ängstlich im Leben um sich und suchte in seiner Phantasie nach dem Schlüssel zu den Geheimnissen der ihn umgebenden und seiner eigenen Natur.

Vielleicht aber war es die Schläfrigkeit und stete Stille des schlaffen Lebens und der Mangel an Bewegung und an allen wirklichen Ängsten, Abenteuern und Gefahren, was den Menschen dazu veranlaßte, inmitten der natürlichen Welt sich eine andre, unwirkliche zu schaffen und in ihr einen Spielraum und eine Ergötzung für seine müßige Phantasie oder eine Erklärung der gewöhnlichen Verkettungen der Umstände und der Ursachen der Erscheinung außerhalb der Erscheinung selbst zu suchen.

Unsere armen Vorfahren lebten gewissermaßen so, als ob sie im Dunklen umhertasteten; weder beflügelten sie ihren Willen, noch legten sie ihm Zügel an, aber dann erstaunten oder erschraken sie naiverweise über Widerwärtigkeiten und Schlimmes und befragten die stummen, unklaren Hieroglyphen der Natur nach den Ursachen.

Ein Todesfall war ihrer Ansicht nach dadurch veranlaßt worden, daß vorher ein Toter mit dem Kopfe und nicht mit den Füßen voran aus dem Tore hinausgetragen war; eine Feuersbrunst dadurch, daß ein Hund drei Nächte lang unter dem Fenster geheult hatte. Und nun sorgen sie achtsam dafür, daß jeder Tote mit den Füßen voran aus dem Tore hinausgetragen werde, genossen aber dieselbe Nahrung in derselben Quantität weiter und schliefen wie vorher auf dem bloßen Rasen. Der heulende Hund wurde geschlagen oder vom Hofe gejagt; aber die Funken vom Leuchtspan ließ man nach wie vor in die Ritzen des morschen Fußbodens fallen. Auch heutzutage liebt es der Russe, inmitten der ihn umgebenden ernsten, poesielosen Wirklichkeit an die verlockenden Sagen des Altertums zu glauben, und es wird vielleicht noch lange dauern, bis er sich von diesem Glauben freimacht. Wenn der Knabe aus dem Munde der Kinderfrau die Märchen von unserm Goldenen Vlies, von dem Wundervogel, von den Befestigungen und Schlupfwinkeln des Zauberschlosses hörte, so erglühte er bald von Mut, indem er sich vorstellte, er sei selbst der Held, der die Großtat verrichtete, bald wieder grämte er sich über das Mißgeschick, das dem Tapferen zustieß.

Eine Erzählung reihte sich an die andre. Die Kinderfrau erzählte voll Feuer, malerisch, mit innerlicher Teilnahme, stellenweise geradezu begeistert, da sie selbst halb und halb an die Wahrheit der Erzählungen glaubte. Die Augen der Alten sprühten Feuer; ihr Kopf zitterte vor Aufregung; die Stimme schwang sich zu ungewohntem Klange auf.

Von unbekannter Angst erfaßt, schmiegte sich der Knabe mit Tränen in den Augen an die Erzählerin.

Wenn die Rede auf Tote kam, die sich um Mitternacht aus ihren Gräbern erheben, oder auf die Opfer, die in der Gefangenschaft des Ungeheuers schmachten, oder auf den Bären mit dem hölzernen Bein, der durch die Dörfer geht, um das ihm abgehauene natürliche Bein zu suchen: dann knisterten die Haare auf dem Kopfe des Knaben vor Angst; die kindliche Phantasie erstarrte bald, bald flammte sie hell auf; er machte eine qualvolle, süß-schmerzliche Empfindung durch; seine Nerven spannten sich wie Saiten.

Wenn die Kinderfrau in düsterem Tone die Worte des Bären wiederholte: »Knarre, knarre, du Bein von Lindenholz; ich bin durch die großen und kleinen Dörfer gegangen, alle Frauen schlafen, eine Frau schläft nicht, sie sitzt auf meinem Felle, kocht mein Fleisch, spinnt meine Wolle«, und so weiter, und wenn der Bär endlich in das Bauernhaus hineintrat und sich anschickte, den Räuber seines Beines zu packen: dann konnte der Knabe sich nicht mehr beherrschen; zitternd und aufkreischend warf er sich in die Arme der Kinderfrau; die Tränen stürzten ihm vor Angst aus den Augen, und zugleich lachte er vor Freude, daß er sich nicht in den Krallen des wilden Tieres, sondern auf der Ofenbank neben der Kinderfrau befand.

Die Phantasie des Knaben wurde durch seltsame Gespenster bevölkert; Furcht und Bangigkeit setzten sich für lange Zeit, vielleicht für immer, in seiner Seele fest. Auch in späteren Jahren blickte er traurig um sich, sah im Leben nur Leid und Not und träumte immer von jenem Zauberlande, wo es nichts Schlimmes, keine Mühsal, keine Traurigkeit gibt, wo Militrisa Kirbitjewna wohnt, und wo man umsonst so schön schmaust und umsonst sich so gut kleidet . . .

Das Märchen behauptete in Oblomowka nicht nur über die Kinder, sondern auch über die Erwachsenen bis zu ihrem Lebensende seine Herrschaft. Alle im Hause und im Dorfe, von dem Gutsherrn und seiner Frau angefangen bis zu dem robusten Schmiede Taras, alle zitterten an einem dunklen Abende vor etwas: jeder Baum verwandelte sich dann in einen Riesen, jeder Strauch in eine Räuberhöhle.

Das Klappern eines Fensterladens und das Heulen des Windes im Schornstein bewirkten, daß Männer und Frauen und Kinder blaß wurden. Niemand ging am Dreikönigstage nach zehn Uhr abends allein vor das Tor; jeder fürchtete sich, in der Nacht vor Ostern in den Pferdestall zu gehen, aus Angst, dort den Hauskobold zu treffen.

Die Bewohner von Oblomowka glaubten an alles: an Werwölfe und an umgehende Tote. Wenn man ihnen erzählt hätte, ein Heuhaufen sei auf dem Felde herumspaziert, so würden sie es unbedenklich geglaubt haben; hätte jemand das Gerücht verbreitet, dieses Tier da sei kein Hammel, sondern etwas anderes, oder eine gewisse Marfa oder Stepanida sei eine Hexe, so würden sie sich sowohl vor dem Hammel als auch vor der Marfa gefürchtet haben; es wäre ihnen gar nicht in den Sinn gekommen zu fragen, warum der Hammel nicht mehr ein Hammel sein und Marfa eine Hexe geworden sein solle; ja, sie wären auch noch über denjenigen hergefallen, der sich hätte beikommen lassen, das zu bezweifeln – so stark war der Wunderglaube in Oblomowka!

Ilja Iljitsch sah ja später ein, daß die Welt einfach eingerichtet ist, daß die Toten nicht aus den Gräbern aufstehen, daß Riesen, sobald sie vorkommen, sich in den Schaubuden zeigen und Räuber ins Gefängnis gesetzt werden; aber wenn auch der Gespensterglaube selbst aufhörte, so blieb doch immer noch ein gewisser Rest von Furcht und unwillkürlicher Bangigkeit zurück.

Ilja Iljitsch erfuhr später, daß man von Ungeheuern kein Unheil zu befürchten hat, und wußte kaum, was das für Ungeheuer sein sollten; aber doch erwartete er auf Schritt und Tritt etwas Schreckliches und fürchtete sich. Wenn er in einem dunklen Zimmer allein war oder einen Toten sah, zitterte er immer noch infolge einer unheimlichen, in der Kindheit in seine Seele eingepflanzten Bangigkeit; morgens lachte er über seine Furcht, aber abends wurde er doch wieder blaß. – – –

Ferner sah sich Ilja Iljitsch plötzlich als dreizehn- oder vierzehnjährigen Knaben.

Er lernte schon etwas im Kirchdorfe Werchlowo, fünf Werst von Oblomowka entfernt, bei dem dortigen Gutsverwalter, einem Deutschen namens Stolz, der eine kleine Pension für die Kinder der umwohnenden Adligen hielt.

Dieser hatte einen eigenen Sohn, Andrei, der mit Oblomow fast in gleichem Alter stand; und dann war noch ein Knabe zu ihm hingegeben worden, der fast nie etwas lernte, sondern meist an Skrofeln litt und während seiner ganzen Kindheit beständig mit verbundenen Augen oder Ohren umherging und immer heimlich darüber weinte, daß er nicht bei seiner Großmutter lebte, sondern in einem fremden Hause, bei bösen Menschen, wo ihn niemand liebkoste und niemand ihm seinen Lieblingskuchen backte.

Außer diesen Kindern waren andere in der Pension vorläufig nicht vorhanden.

Es half nichts: Vater und Mutter mußten Einrichtung treffen, daß der verwöhnte Knabe Ilja sich an die Bücher setzte. Das kostete Tränen: auch an Geheul und Eigensinn fehlte es nicht. Endlich wurde er von zu Hause fortgebracht. Der Deutsche war ein tüchtiger, ernster Mensch, wie fast alle Deutschen. Vielleicht würde Ilja bei ihm etwas Ordentliches gelernt haben, wenn Oblomowka fünfhundert Werst von Werchlowo entfernt gewesen wäre. Aber wie sollte er unter den vorliegenden Umständen viel lernen? Der Zauber der Oblomowkaer Atmosphäre, Lebensweise und Gewohnheiten erstreckte sich auch nach Werchlowo. Dieses Dorf hatte ja auch einmal zu Oblomowka gehört; mit Ausnahme des Stolzschen Hauses atmete dort alles dieselbe ursprüngliche Trägheit, Einfachheit der Sitten, Stille und Regungslosigkeit.

Der Verstand und das Herz des Knaben hatten sich mit all den Bildern, Szenen und Sitten dieses Lebens erfüllt, noch ehe er das erste Buch zu sehen bekam. Und wer weiß, wie früh die Entwicklung des geistigen Samenkornes in dem kindlichen Gehirne beginnt? Wie soll man das Entstehen der ersten Begriffe und Empfindungen in der Seele eines kleinen Kindes verfolgen?

Vielleicht sieht das Kind schon zu der Zeit, wo es noch kaum die betreffenden Worte spricht, ja vielleicht schon zu der Zeit, wo es überhaupt noch nichts spricht und noch nicht einmal gehen kann, sondern nur alles mit jenem starren, stummen kindlichen Blicke anschaut, den die Erwachsenen stumpf nennen, – vielleicht sieht und errät es da schon die Bedeutung und den Zusammenhang der Erscheinungen in der es umgebenden Sphäre, ohne sich jedoch dessen bewußt zu werden und ohne es anderen mitteilen zu können. Vielleicht hatte der kleine Ilja schon längst beachtet und verstanden, was in seiner Gegenwart gesprochen und getan wurde: wie sein Vater in Plüschhosen und in einer braunen wattierten Tuchjoppe den ganzen Tag lang weiter nichts tat als mit den Händen auf dem Rücken von einer Ecke nach der andern zu gehen, zu schnupfen und sich zu schneuzen, und wie seine Mutter vom Kaffee zum Tee und vom Tee zum Mittagessen überging, und daß es dem Vater nie einfiel zu kontrollieren, wie viele Garben gemäht oder geerntet waren, und einen Nachlässigen zur Verantwortung zu ziehen, daß er aber, wenn ihm sein Taschentuch nicht schnell genug gereicht wurde, ein großes Geschrei über unordentliche Wirtschaft erhob und das ganze Haus auf den Kopf stellte.

Vielleicht war sein kindlicher Geist schon längst zu der Anschauung gelangt, daß man so leben müsse, wie die Erwachsenen um ihn herum lebten, und nicht anders. Und wie hätte er auch zu einer anderen Anschauung kommen können? Wie lebten aber die Erwachsenen in Oblomowka?

Stellten sie sich die Frage: »Wozu ist uns das Leben gegeben«? Gott weiß. Und wie beantworteten sie sie? Wahrscheinlich gar nicht; die Sache erschien ihnen sehr einfach und klar.

Sie hatten nichts von einem sogenannten arbeitsvollen Leben gehört, von Menschen, welche quälende Sorgen in der Brust tragen und zu irgendwelchem Zwecke von einem Orte der Erde zum andern hasten oder ihr Leben steter, endloser Arbeit weihen.

Die Oblomowkaer glaubten auch nicht recht an seelische Unruhen; beständig im Kreislaufe irgendwohin und nach irgend etwas zu streben, das erachteten sie nicht für ein wahres Leben: vor leidenschaftlichen Affekten fürchteten sie sich wie vor einem Feuer; und während bei anderen Menschen der Körper infolge der vulkanischen Arbeit des inneren seelischen Feuers schnell verbrannte, war die Seele der Oblomowkaer friedlich und ungestört in dem weichen Körper gebettet.

Das Leben drückte ihnen nicht, wie anderen, durch vorzeitige Runzeln oder zerstörende seelische Schläge und Leiden sein Zeichen auf.

Die guten Leute faßten das Leben lediglich als ein Ideal der Ruhe und Untätigkeit auf, die nur zeitweilig durch allerlei unangenehme Zufälle gestört werde, als da seien: Krankheiten, Verluste, Streitigkeiten und unter anderm auch Arbeit. Sie ertrugen die Arbeit als eine Strafe, die schon unsern Vorvätern auferlegt sei; aber lieben konnten sie sie nicht, und wo sich die Möglichkeit dazu bot, befreiten sie sich immer von ihr, da sie das für zulässig und pflichtmäßig erachteten.

Sie zerbrachen sich nie den Kopf über irgendwelche intellektuellen oder moralischen Fragen: infolgedessen erfreuten sie sich immer einer blühenden Gesundheit und einer heiteren Stimmung und lebten infolgedessen auch lange; die Männer sahen mit vierzig Jahren wie Jünglinge aus; die Greise rangen nicht mit einem schweren, qualvollen Tode, sondern starben nach einem unglaublich langen Leben gewissermaßen verstohlen, indem sie sachte erstarrten und unmerklich den letzten Seufzer aushauchten. Daher sagt man auch, die Menschen seien früher kräftiger gewesen.

Ja, sie waren auch wirklich kräftiger. Früher beeilte man sich nicht, einem Kinde den Sinn des Lebens zu erklären und es für das Leben als für etwas Schwieriges, mit dem nicht zu scherzen sei, vorzubereiten; man quälte das Kind nicht mit Büchern, die in seinem Kopfe eine Unmenge von Fragen hervorrufen; diese Fragen aber nagen dann am Verstande und Herzen und verkürzen das Leben.

Die Norm des Lebens war fertig und ihnen von ihren Eltern überliefert; diese aber hatten sie, ebenfalls in fertigem Zustande, vom Großvater übernommen, und der Großvater vom Urgroßvater, mit dem Vermächtnis, ihre Vollständigkeit und Unberührtheit zu hüten wie das Feuer der Vesta. Wie etwas bei den Großvätern und Vätern gemacht war, so wurde es auch bei Ilja Iljitschs Vater gemacht, und so wird es vielleicht noch heutzutage in Oblomowka gemacht.

Worüber brauchten sie nachzudenken, worüber sich aufzuregen, was zu erforschen, welche Ziele zu verfolgen?

Nichts von alledem war erforderlich: das Leben strömte wie ein ruhiger Fluß an ihnen vorbei; sie hatten weiter nichts zu tun, als an dem Ufer dieses Flusses zu sitzen und die unvermeidlichen Erscheinungen zu beobachten, die der Reihe nach ungerufen sich einem jeden von ihnen darboten.

Und da zeigten sich nun der Phantasie des schlafenden Ilja Iljitsch ebenso der Reihe nach, lebenden Bildern vergleichbar, zuerst die drei wichtigsten Akte des Lebens, die sich sowohl in seiner Familie als auch bei Verwandten und Bekannten abspielten: Geburt, Hochzeit, Begräbnis.

Dann zog sich eine bunte Prozession heiterer und trauriger Unterabteilungen dieser Lebensakte hin: Taufen, Namenstage, Familienfeste, Fastenanfang, Fastenschluß, geräuschvolle Diners, Familienzusammenkünfte, Begrüßungen, Gratulationen, offizielle Tränen und offizielles Lächeln.

Alles wurde mit der größten Genauigkeit, Würde und Feierlichkeit ausgeführt.

Es traten ihm sogar bekannte Personen bei verschiedenen Anlässen entgegen; er sah ihren Gesichtsausdruck, ihren Eifer, ihre Geschäftigkeit. Wenn man ihnen die Durchführung einer noch so kitzlichen Heiratsvermittlung, das Arrangement einer noch so großartigen Hochzeit oder Namenstagsfeier auftrug, so erledigten sie das nach allen Regeln, ohne das geringste Versehen. Bei Fragen wie: welcher Platz soll einem jeden angewiesen werden? welche Gerichte sollen aufgetragen und wie sollen sie serviert werden? wer soll mit wem zusammen zu der Feierlichkeit fahren? welche Schutzmaßregeln sind gegen dieses und jenes Vorzeichen zu ergreifen? bei all solchen Fragen beging in Oblomowka nie jemand auch nur den kleinsten Fehler.

Und man hätte dort nicht verstanden, ein Kind aufzuziehen? Man brauchte nur zu sehen, was für rosige, gewichtige Kupidos die dortigen Mütter auf dem Arme trugen und an der Hand führten. Sie legten den größten Wert darauf, daß die Kinder recht dick, weiß und gesund seien.

Die Oblomowkaer hätten den Frühling nicht als solchen anerkannt und nichts von ihm wissen wollen, wenn sie nicht zu Beginn desselben eine gebackene Lerche verspeist hätten. Es galt bei ihnen als selbstverständlich, daß man das wußte und ausführte.

Darin bestand ihr ganzes Leben und ihre ganze Wissenschaft; darauf beruhten alle ihre Schmerzen und Freuden; daher wiesen sie auch jede andere Sorge und Bekümmernis von sich und kannten keine anderen Genüsse; ihr Leben war ausschließlich von diesen natürlichen, unvermeidlichen Ereignissen angefüllt, die ihrem Geiste und Herzen unendliche Nahrung boten.

Mit aufgeregtem Herzklopfen erwarteten sie eine Feier, eine Schmauserei, eine kirchliche Handlung; dann aber, wenn sie einen Menschen getauft, verheiratet oder begraben hatten, vergaßen sie ihn selbst und sein Schicksal und versanken wieder in ihre gewöhnliche Apathie, aus der sie erst ein neues Ereignis von derselben Art, eine Namenstagsfeier, eine Hochzeit und so weiter wieder aufrüttelte.

Sobald ein Kind geboren war, richtete sich die erste Sorge der Eltern darauf, in betreff seiner so genau wie nur möglich, ohne den geringsten Verstoß, alle durch den Anstand geforderten Gebräuche zu erfüllen, das heißt nach der Taufe eine Schmauserei zu veranstalten; darauf begann die sorgsame Pflege des Kindes selbst.

Die Mutter stellte sich und der Kinderfrau die Aufgabe: ein recht gesundes Kind aufzuziehen, es vor Erkältung, vor bösem Blick und anderen feindlichen Einwirkungen zu behüten. Sie gaben sich die größte Mühe, daß das Kind immer vergnügt sei und tüchtig esse.

Sobald ein kleiner Bube auf eigenen Füßen stehen konnte und keine Kinderfrau mehr brauchte, schlich sich in das Herz der Mutter schon der geheime Wunsch, ihm eine Lebensgefährtin zu suchen, ebenfalls eine recht gesunde, rotbackige. Wieder begann die Zeit der herkömmlichen Gebräuche und der Schmausereien, und schließlich fand die Hochzeit statt; darauf konzentrierte sich das ganze Interesse des Lebens. Dann begannen die Wiederholungen: das Kindergebären, die herkömmlichen Gebräuche, die Schmausereien, bis das Begräbnis die Szenerie änderte; aber nicht auf lange: diejenigen, die bisher gelebt hatten, machten anderen Platz; die Knaben wurden Jünglinge und zugleich Bräutigame, heirateten, erzeugten Nachkommen, die ihnen ähnlich waren – und so zog sich das Leben nach diesem Programme wie ein ununterbrochenes, einförmiges Gewebe hin, das erst am Grabe unmerklich zerriß.

Allerdings drängten sich ihnen manchmal auch andere Sorgen auf; aber die Oblomowkaer verhielten sich ihnen gegenüber meistens mit stoischer Ruhe, und die Sorgen flogen, nachdem sie eine Weile über ihren Köpfen gekreist hatten, wieder vorbei, wie Vögel, die gegen eine glatte Mauer fliegen und, wenn sie da kein Plätzchen finden, um festen Fuß zu fassen, vergeblich an dem festen Steine herumflattern und weiterfliegen.

So stürzte zum Beispiel eines Tages ein Teil der Galerie auf der einen Seite des Hauses plötzlich herunter und begrub unter seinen Trümmern eine Glucke mit ihren Küchlein; auch Antips Frau Axinja, die mit der Spinnbank unter der Galerie saß, hätte etwas abbekommen, wenn sie sich nicht gerade in dem Augenblicke zu ihrem Glücke entfernt gehabt hätte, um eine Docke Flachs zu holen.

Im Hause entstand ein großer Aufruhr: alle, groß und klein, kamen herbeigelaufen und entsetzten sich bei der Vorstellung, daß statt der Glucke mit den Küchlein auch die gnädige Frau selbst mit Ilja Iljitsch da hätte spazierengehen können. Alle ergingen sich in Ausrufen und machten einander Vorwürfe darüber, daß keinem das Notwendige eingefallen war: der eine hätte daran erinnern, der andere die Reparatur anordnen, der dritte sie ausführen sollen.

Alle waren erstaunt, daß die Galerie eingestürzt war, und dabei hatten sie sich noch am Tage zuvor gewundert, daß sie so lange hielt!

Nun begannen Sorgen und Besprechungen darüber, wie die Sache wieder in Ordnung gebracht werden solle; alle bedauerten die Glucke mit den Küchlein und gingen dann langsam wieder auseinander, jeder an seinen Platz; es wurde aber streng verboten, Ilja Iljitsch an die Galerie heranzulassen.

Darauf, etwa drei Wochen nachher, erhielten Andrjuschka, Petruschka und Waska Befehl, die heruntergestürzten Bohlen und Geländerteile in den Schuppen zu tragen, damit sie nicht im Wege lägen. Da lagerten sie dann bis zum Frühjahr. Jedesmal, wenn der alte Oblomow sie vom Fenster aus sah, bereitete ihm der Gedanke an die Reparatur Sorge; er ließ den Zimmermann kommen und beriet mit ihm, was besser sei: eine neue Galerie zu bauen oder die Überreste auch noch abzubrechen. Dann entließ er ihn wieder nach Hause mit den Worten: »Geh nur, ich werde mir die Sache überlegen.« Das dauerte so lange, bis Waska oder Motka dem Herrn berichtete, als er, Motka, am Morgen auf die Reste der Galerie hinaufgestiegen sei, da hätten die Ecken ganz weit von den Mauern abgestanden und könnten jeden Augenblick ebenfalls einstürzen.

Nun wurde der Zimmermann zu einer endgültigen Beratung berufen, bei der beschlossen wurde, den übriggebliebenen Teil der Galerie vorläufig mit den alten Bruchstücken zu stützen; und dies wurde auch gegen Ende desselben Monats ausgeführt.

»Ei! Die Galerie ist jetzt wie neu geworden!« sagte der Alte zu seiner Frau. »Sieh nur mal, wie hübsch Fedot die Balken in Abständen aufgestellt hat, ganz wie die Säulen am Hause des Präsidenten! Jetzt sieht es schön aus, und wieder für lange Zeit!«

Jemand erinnerte ihn daran, es könnte bei dieser Gelegenheit auch das Tor ausgebessert und die Freitreppe zurechtgemacht werden; denn jetzt kämen durch die Stufen nicht nur die Katzen, sondern sogar die Schweine in das Souterrain herein.

»Ja, ja, das ist nötig«, antwortete Ilja Iwanowitsch besorgt und ging sogleich hin, um sich die Freitreppe anzusehen.

»Wahrhaftig, ja, sieh nur, sie ist ganz wackelig geworden«, sagte er und brachte sie mit den Füßen wie eine Wiege in schwingende Bewegung.

»Aber sie hat auch damals schon gewackelt, als sie eben gebaut war«, bemerkte jemand.

»Na also, was hat es geschadet, daß sie gewackelt hat?« antwortete Oblomow. »Sie ist ja doch nicht entzweigegangen, obgleich sie sechzehn Jahre ohne Reparatur dasteht. Luka hat sie damals vorzüglich gearbeitet! Ja, das war ein Zimmermann, wie er sein soll . . . er ist gestorben; Gott gebe ihm das Himmelreich! Heutzutage taugen die Handwerker nicht mehr viel; sie arbeiten nicht mehr so gut.«

Damit wandte er die Augen nach einer andern Seite; die Freitreppe aber wackelt dem Vernehmen nach noch heute und ist noch immer nicht entzweigegangen.

Da sieht man, daß dieser Luka wirklich ein vorzüglicher Zimmermann gewesen ist.

Indes muß man der Gutsherrschaft Gerechtigkeit widerfahren lassen: manchmal beunruhigte sie sich bei einem Unglück oder einer Unannehmlichkeit wirklich sehr und wurde sogar ärgerlich und zornig.

»Wie hat das und das nur so vernachlässigt und in solchem Zustande belassen werden können?« hieß es dann. »Es müssen sofort die nötigen Maßregeln ergriffen werden.« Und dann wurde von nichts anderem gesprochen, als wie das Brückchen über den Graben repariert oder der Garten an einer Stelle umzäunt werden sollte, damit das Vieh nicht die Bäume verderbe, da ein Stück des Flechtzaunes an einer Stelle ganz auf der Erde lag.

Ilja Iwanowitsch trieb die Sorglichkeit sogar so weit, daß er einmal, als er im Garten spazierenging, eigenhändig unter Ächzen und Stöhnen den Flechtzaun aufhob und dem Gärtner befahl, ihn sofort mit zwei Stangen zu stützen; dank dieser Anordnung Oblomows stand der Flechtzaun so den ganzen Sommer über und fiel erst im Winter infolge des Schnees wieder um.

Endlich kam es sogar so weit, daß auf die Brücke drei neue Bohlen gelegt wurden, gleich nachdem Antip mit dem Pferde und der Wassertonne von ihr herunter in den Graben gefallen war. Er war von seinem Falle noch nicht ganz wieder genesen, als das Brückchen schon wie neu hergestellt war.

Auch die Kühe und Ziegen hatten von dem neuen Umfallen des Flechtzaunes im Garten nicht viel Nutzen: sie hatten erst die Johannisbeerbüsche abgefressen und sich erst darangemacht, die zehnte Linde abzuschälen, ohne noch zu den Apfelbäumchen gelangt zu sein, als die Anordnung erlassen wurde, den Flechtzaun ordnungsmäßig zu schließen und ihn sogar durch einen kleinen Graben zu sichern.

Auch die beiden Kühe und die Ziege, die auf frischer Tat ertappt wurden, bekamen etwas Gehöriges ab; sie kriegten tüchtige Peitschenhiebe rechts und links! – – –

Ilja Iljitsch träumte auch noch von dem großen, dunklen Salon in seinem Elternhause, mit den altertümlichen Lehnstühlen von Eschenholz, die immer in Überzügen steckten, mit dem gewaltigen, plumpen, harten Sofa, das mit verschossenem, himmelblauem, fleckigem Berkan überzogen war, und mit einem großen ledernen Lehnstuhl.

Ein langer Winterabend bricht an.

Die Mutter sitzt auf dem Sofa, hat die Füße unter den Leib gezogen und strickt träge einen Kinderstrumpf, wobei sie gähnt und sich ab und zu mit der Stricknadel am Kopf kratzt. Neben ihr sitzen Nastasja Iwanowna und Pelageja Ignatjewna und nähen, die Köpfe tief auf die Arbeit hinabbeugend, etwas zu den Feiertagen für den kleinen Ilja oder für seinen Vater oder auch für sich selbst.

Der Vater geht, die Hände auf dem Rücken, höchst zufrieden im Zimmer auf und ab, oder er setzt sich auf seinen Lehnstuhl, sitzt ein Weilchen und nimmt dann seine Promenade wieder auf, wobei er aufmerksam nach dem Schalle seiner eigenen Schritte hinhorcht. Dann nimmt er eine Prise, schneuzt sich und nimmt noch eine Prise.

Im Zimmer brennt trübe ein einziges Talglicht. Auch das wurde nur an Winter- und Herbstabenden spendiert. In den Sommermonaten war ein jeder darauf bedacht, ohne Kerze, bei Tageslicht sich hinzulegen und aufzustehen.

Das geschah teils aus Gewohnheit, teils aus Sparsamkeit. Mit allen Dingen, die nicht in der eigenen Wirtschaft produziert wurden, sondern käuflich erworben werden mußten, waren die Oblomowkaer äußerst geizig.

Sie stachen bei Ankunft eines Gastes mit Freuden einen prächtigen Truthahn oder ein Dutzend junger Hühner ab, taten aber um seinetwillen auch nicht eine Rosine mehr an eine Speise und wurden ganz blaß, wenn ein Gast unaufgefordert auf den Einfall kam, sich ein Glas Wein einzugießen. Übrigens kam eine solche Schändlichkeit dort kaum je vor; so handelte höchstens ein Tollkopf, der in der allgemeinen Meinung schon drunter durch war; einen solchen Gast ließ man überhaupt nicht auf den Hof.

Nein, dort herrschten andere Sitten: vor dreimaligem Nötigen rührte der Gast dort nichts an. Er wußte sehr wohl, daß in einem nur einmaligen Nötigen häufiger die Bitte lag, auf das angebotene Gericht zu verzichten, als die Bitte, davon zu nehmen.

Auch zwei Lichte wurden nicht um eines jeden willen angezündet: die Lichte wurden in der Stadt für Geld gekauft und wie alle eingekauften Sachen von der Hausfrau selbst unter Verschluß gehalten. Die Stümpfchen wurden sorgfältig gezählt und aufbewahrt.

Überhaupt liebte man es dort nicht, Geld auszugeben, und mochte ein Gegenstand noch so notwendig sein, so wurde doch Geld für ihn immer nur mit großem Bedauern hingegeben, und auch das nur, wenn die Ausgabe unbedeutend war. Eine bedeutende Ausgabe wurde von Stöhnen, Seufzen und Schimpfen begleitet.

Die Oblomowkaer waren lieber dazu bereit, alle möglichen Unbequemlichkeiten zu ertragen, die sie sich dann sogar gewöhnten, nicht für Unbequemlichkeiten zu halten, als Geld auszugeben.

Das war auch der Grund, weshalb das Sofa im Salon schon längst voller Flecke war. Das war auch der Grund, weshalb Ilja Iwanowitschs Lehnstuhl nur den Namen »der Ledersessel« führte, während sein Bezug in Wirklichkeit teils aus Bast, teils aus Bindfaden bestand; vom Leder war nur an der Lehne noch ein Stück vorhanden; das übrige war schon vor fünf Jahren in Stücke gegangen und heruntergefallen. Das war vielleicht auch der Grund, weshalb das Tor immer schief war und die Freitreppe wackelte. Aber für irgend etwas, auch für etwas höchst Notwendiges, auf einmal zweihundert, dreihundert, fünfhundert Rubel zu bezahlen, das erschien ihnen beinah als Selbstmord.

Als der alte Oblomow hörte, daß ein junger Gutsbesitzer der Umgegend nach Moskau gefahren sei und dort für ein Dutzend Hemden dreihundert Rubel, für ein Paar Stiefel fünfundzwanzig Rubel und für eine Hochzeitsweste vierzig Rubel bezahlt habe, da bekreuzigte er sich und sagte ohne Besinnen mit einer Miene des Entsetzens, so ein Bursche müsse ins Gefängnis gesetzt werden.

Überhaupt waren sie taub gegen die Lehren der Nationalökonomie von der Notwendigkeit eines schnellen, lebhaften Umsatzes der Kapitalien, einer Steigerung der Produktion und eines Austausches der Produkte. Sie glaubten in der Einfalt ihres Herzens, die einzige Verwendung eines Kapitals bestehe darin, daß man es im Kasten aufbewahre, und handelten dementsprechend.

Auf den Lehnstühlen im Salon sitzen, ruhig atmend, in mannigfachen Körperhaltungen die Bewohner oder die gewöhnlichen Gäste des Hauses.

Unter den so zusammen Sitzenden herrscht meistens tiefes Schweigen: alle sehen einander täglich; die geistigen Schätze sind wechselseitig erschöpft und ergründet; Neuigkeiten aber von außen gehen nur spärlich ein.

Es ist still; man hört nur die Schritte der schweren, im Hause angefertigten Stiefel Ilja Iwanowitschs; die Wanduhr tickt in ihrem Gehäuse dumpf mit dem Pendel; und ab und zu stört ein Faden, den Pelageja Ignatjewna oder Nastasja Iwanowna mit der Hand abreißt oder mit den Zähnen abbeißt, die tiefe Stille.

So vergeht manchmal eine halbe Stunde; höchstens gähnt jemand laut, bekreuzt sich den Mund und sagt dabei: »Herr, erbarme dich!«

Nach ihm gähnt sein Nachbar; dann öffnet der Folgende langsam wie auf Kommando den Mund, und so weiter; das ansteckende Spiel der Luft in den Lungen macht bei allen die Runde, wobei manchem die Tränen kommen.

Oder Ilja Iwanowitsch tritt ans Fenster, blickt hindurch und sagt einigermaßen erstaunt: »Es ist erst fünf Uhr; aber wie dunkel es draußen schon ist!«

»Ja«, antwortet jemand, »um diese Jahreszeit ist es immer so dunkel; die langen Abende kommen heran.«

Im Frühjahr aber wundern und freuen sie sich darüber, daß die langen Tage herankommen. Aber wenn man sie fragen wollte, wozu ihnen diese langen Tage dienen, so würden sie es selbst nicht wissen.

Dann schweigen sie wieder.

Nun möchte jemand das Licht putzen und löscht es dabei unversehens aus – da geraten alle in Bewegung: »Es wird ein unerwarteter Besuch kommen!« sagt mit Sicherheit jemand. Manchmal knüpft sich daran ein Gespräch.

»Was könnte das für ein Besuch sein?« sagt die Hausfrau. »Am Ende Nastasja Faddjejewna? Ach, das gebe Gott! Aber nein, früher als zu den Feiertagen wird sie nicht kommen. Das wäre eine Freude! Wie würden wir uns umarmen und uns beide zusammen ausweinen! Auch die Frühmesse und den Mittagsgottesdienst würden wir zusammen besuchen . . . Aber ich kann es ihr nicht gleichtun! Obwohl ich jünger bin, kann ich doch nicht so lange stehen!«

»Wann ist sie denn von uns abgereist?« fragt Ilja Iwanowitsch. »Ich glaube, nach dem Eliastage?«

»Was redest du nur, Ilja Iwanowitsch! Du machst doch immer Konfusion! Sie hat nicht einmal den Semik abgewartet«, verbessert ihn seine Frau.

»Sie war doch zu den PetrifastenDer Eliastag ist der 20. Juli, der Semik der siebente Donnerstag nach Ostern; die Petrifasten liegen vor dem Peterpaulstage, dem 29. Juni. Anm. d. Übers. hier, glaube ich«, erwidert Ilja Iwanowitsch.

»So bist du immer!« sagt seine Frau vorwurfsvoll. »Du streitest, aber du blamierst dich bloß . . .«

»Na, aber gewiß war sie zu den Petrifasten hier! Es wurden damals noch Pilzpasteten gebacken, die aß sie so gern . . .«

»Das war ja Marja Onisimowna; die ißt gern Pilzpasteten – wie hast du das nur vergessen können! Und auch Marja Onisimowna hat nicht bis zum Eliastage, sondern nur bis Prochor und Nikanor bei uns logiert.«

Sie berechneten die Zeit immer nach den Festtagen, nach den Jahreszeiten und nach allerlei Ereignissen in der Familie und im Hause, ohne jemals den Monat und das Datum anzugeben. Vielleicht kam das zum Teil auch davon her, daß, wie Oblomow selbst, so auch die übrigen immer mit den Monatsnamen und Daten Verwirrung anrichteten. Der geschlagene Ilja Iwanowitsch schweigt, und die ganze Gesellschaft versinkt wieder in ihre Druselei. Iljuschka, der sich hinter dem Rücken seiner Mutter ausgestreckt hat, druselt ebenfalls und schläft manchmal vollständig.

»Ja«, sagt dann einer der Gäste mit einem tiefen Seufzer, »was war Marja Onisimownas Mann, der selige Wasili Fomitsch, für ein gesunder Mensch, weiß Gott, und ist doch gestorben! Nicht einmal sechzig Jahre ist er alt geworden; so einer hätte hundert Jahre leben müssen!«

»Wir werden alle sterben; wann ein jeder sterben wird, das hängt von Gottes Willen ab!« erwidert Pelageja Ignatjewna mit einem Seufzer. »Der eine stirbt, und da bei Chlopows folgt eine Taufe auf die andre: es heißt, Anna Andrejewna hat schon wieder ein Kind bekommen – das ist nun das sechste!«

»Und Anna Andrejewna ist nicht die einzige!« sagt die Hausfrau. »Wenn erst ihr Bruder sich verheiratet und da Kinder kommen, wieviel Mühe und Sorge wird das geben! Auch die jüngeren Brüder wachsen heran und werden Frauen nehmen; die Töchter sollen unter die Haube gebracht werden; aber wo gibt es hier Freier? Heutzutage wollen ja alle eine Mitgift haben, und immer in bar . . .«

»Wovon sprecht ihr denn da?« fragt Ilja Iwanowitsch, an die Redenden herantretend.

»Wir sagen, daß . . .«

Und nun wird ihm das Gespräch wiederholt.

»Ja, so ist das menschliche Leben!« sagt Ilja Iwanowitsch in lehrhaftem Tone. »Der eine stirbt, ein andrer wird geboren, ein dritter heiratet, und wir werden immer älter. Ein Jahr gleicht nicht dem andern, und auch ein Tag gleicht nicht dem andern! Warum ist das so eingerichtet? Das wäre eine Sache, wenn jeder Tag so wäre wie gestern, und gestern so wie morgen! Es ist traurig, wenn man es so bedenkt . . .«

»Ein alter Mensch altert, und ein junger Mensch wächst heran!« sagt jemand von einer Ecke her mit schläfriger Stimme. »Man muß mehr beten und über nichts nachdenken!« bemerkt die Hausfrau in strengem Tone.

»Das ist richtig, das ist richtig«, versetzt Ilja Iwanowitsch nach seinem Versuche zu philosophieren eilig und ängstlich und beginnt wieder auf und ab zu gehen.

Wieder langes Schweigen; es rascheln nur die mittels der Nadel durch das Gewebe gezogenen Zwirnfäden. Manchmal unterbricht die Hausfrau das Schweigen.

»Ja, es ist draußen dunkel«, sagt sie. »Wenn Gott gibt, daß wir die Christwoche erleben, so werden unsere Angehörigen zu Besuch kommen; dann wird es lustig werden, und die Abende werden im Umsehen vergehen. Wenn Malanja Petrowna herkäme, dann würden wir eine Menge mutwillige Streiche zu sehen bekommen! Was gibt die nicht alles an! Zinn gießen und Wachs schmelzen und vors Tor laufen; alle Mägde bringt sie mir aus Rand und Band. Alle möglichen Spiele arrangiert sie ja, das ist so ihre Art!«

»Ja, sie ist eine Weltdame!« bemerkt einer der Dabeisitzenden. »Vor zwei Jahren hatte sie den Einfall, mit dem Schlitten vom Berge herunterzufahren; damals zerschlug sich noch Luka Sawitsch die Stirn über dem einen Auge . . .«

Auf einmal geraten alle in lebhafte Bewegung, blicken Luka Sawitsch an und brechen in ein Gelächter aus.

»Wie hast du denn das angefangen, Luka Sawitsch? Na zu! Erzähle mal!« sagt Ilja Iwanowitsch und will sich ausschütten vor Lachen.

Und alle lachen weiter; auch der kleine Ilja wacht auf und lacht ebenfalls.

»Na, was ist da zu erzählen«, sagt Luka Sawitsch verlegen. »Das hat sich Alexei Naumowitsch alles bloß ausgedacht; es war überhaupt gar nichts . . .«

»Hoho!« rufen alle im Chor. »Es soll überhaupt nichts gewesen sein? Sind wir etwa nicht dabei gewesen? Und die Stirn, die Stirn, da ist ja noch bis heute die Narbe zu sehen . . .«

Sie lachen gewaltig.

»Was lacht ihr denn?« versucht Luka Sawitsch in ein paar Lachpausen zu sagen. »Ich hätte . . . es wäre gar nichts . . . an allem ist der schändliche Waska schuld . . . der hat mir einen alten Handschlitten zugeschanzt . . . der ist unter mir auseinandergegangen . . . und da bin ich . . .«

Allgemeines Gelächter übertönt seine Stimme. Vergeblich bemüht er sich, die Geschichte seines Falles zu Ende zu erzählen: das Lachen dehnt sich auf die ganze Gesellschaft aus, dringt in das Vorzimmer und in die Mädchenstube und erfaßt das ganze Haus; alle erinnern sich an das komische Ereignis; alle lachen lange, herzlich, unsäglich wie die olympischen Götter. Sowie sie anfangen still zu werden, platzt jemand wieder los, und dann folgt eine neue Lachsalve.

Endlich beruhigen sie sich mit Not und Mühe einigermaßen.

»Wie ist's, wirst du diesmal in der Christwoche wieder Schlitten fahren, Luka Sawitsch?« fragt Ilja Iwanowitsch nach einem kurzen Stillschweigen.

Wieder bricht ein allgemeines Lachen aus, das wohl zehn Minuten lang dauert.

»Soll ich nicht Antip befehlen, in den Fasten einen Rutschberg herzustellen?« sagt wieder Oblomow. »Luka Sawitsch ist ja wohl ein großer Liebhaber dieses Vergnügens; er kann die Zeit gar nicht erwarten . . .«

Das Gelächter der ganzen Gesellschaft hindert ihn, zu Ende zu sprechen.

»Ist denn jener . . . Handschlitten jetzt ganz?« sagt einer von ihnen, vor Lachen kaum fähig zu reden.

Wieder Gelächter.

Lange lachen alle; endlich beginnen sie sich allmählich zu beruhigen; der eine wischt sich die Tränen ab, ein anderer schneuzt sich, ein dritter hustet und spuckt schrecklich und sagt dabei mühsam:

»Ach, du mein Gott! Ich ersticke ganz vor Verschleimung . . . Nein, wie hat er uns damals zum Lachen gebracht, weiß Gott! So ein Malheur! Wie er mit dem Rücken nach oben dalag und ihm die Rockschöße auseinanderstanden . . .«

Hier erfolgt die endgültig letzte, anhaltende Lachsalve, und dann wird alles still. Der eine seufzt, ein andrer gähnt laut, wobei er irgendeine Redensart macht, und alles versinkt in Schweigen.

Wie vorher hört man nur das Ticken des Pendels, das Poltern von Oblomows Stiefeln und das leise Knistern eines abgebissenen Fadens.

Plötzlich bleibt Ilja Iwanowitsch mit aufgeregter Miene mitten im Zimmer stehen und faßt sich an die Nasenspitze. »Was bedeutet das für ein Unglück? Seht mal an!« sagt er. »Es wird eine Leiche geben; mir juckt immer die Nasenspitze . . .«

»Ach, du mein Gott!« sagt seine Frau und schlägt die Hände zusammen. »Das bedeutet ja gar keine Leiche, wenn einem die Nasenspitze juckt. Wenn einem der Nasenrücken juckt, das bedeutet eine Leiche. Nein, Ilja Iwanowitsch, wie vergeßlich du doch bist, Gott verzeihe es dir! Wenn du das vor den Ohren andrer Leute oder in Gegenwart fremder Gäste sagtest, du müßtest dich ja schämen.«

»Aber was bedeutet es denn, wenn einem die Nasenspitze juckt?« fragt Ilja Iwanowitsch verlegen.

»Das bedeutet, daß man ins Glas sehen wird. Wie kann nur ein Mensch sagen, daß das eine Leiche bedeutet!«

»Ich verwechsle das immer!« erwidert Ilja Iwanowitsch. »Wie soll man das aber auch behalten: bald juckt einem die Seite der Nase, bald die Nasenspitze, bald die Augenbrauen . . .«

»Wenn einem die Seite der Nase juckt«, fällt Pelageja Iwanowna ein, »so bedeutet das neue Nachrichten; wenn die Augenbrauen, Tränen; wenn die Stirn, daß man sich verbeugen wird, und zwar wenn die rechte Seite juckt, vor einem Manne, wenn die linke, vor einer Frau; wenn einem die Ohren jucken, so bedeutet es Regen; wenn die Lippen, Küsse; wenn der Schnurrbart, daß man Näschereien geschenkt bekommen wird; wenn der Ellbogen, daß man an einem neuen Orte schlafen wird; wenn die Fußsohlen, eine Reise . . .«

»Na, Pelageja Iwanowna, Sie sind ein famoses Frauenzimmer!« sagt Ilja Iwanowitsch. »Aber wenn die Butter billig werden wird, dann juckt einem ja wohl der Nacken . . .«

Die Damen fangen an zu lachen und untereinander zu flüstern; einige von den Männern lächeln; es bereitet sich wieder ein neuer Ausbruch von Gelächter vor; aber in diesem Augenblicke wird im Zimmer ein Geräusch hörbar, das gleichzeitig wie das Knurren eines Hundes und wie das Zischen einer Katze klingt, wenn diese beiden Tiere sich anschicken aufeinander loszustürzen: es ist das Schlagen der Uhr.

»Na nu! Schon neun!« ruft Ilja Iwanowitsch mit frohem Erstaunen. »Nun seh einer an, man merkt gar nicht, wie die Zeit vergeht. Heda, Waska! Wanka! Motka!«

Es erscheinen drei verschlafene Gesichter.

»Warum deckt ihr denn nicht den Tisch?« fragt Oblomow erstaunt und ärgerlich. »Daß ihr auch gar nicht an eure Herrschaft denkt! Na, was steht ihr noch? Schnell, Schnaps her!«

»Da haben wir's, darum hat Ihnen die Nasenspitze gejuckt!« sagt Pelageja Iwanowna lebhaft. »Sie werden Schnaps trinken und ins Glas sehen.«

Nach dem Abendessen küssen sie sich, bekreuzen einander und trennen sich, um zu Bette zu gehen; bald herrscht der Schlaf über ihren sorglosen Häuptern. – – –

Ilja Iljitsch träumte nicht nur von einem oder zwei solchen Abenden, sondern von ganzen Wochen, Monaten und Jahren, in denen die Tage und Abende so verlebt wurden. Nichts unterbrach die Einförmigkeit dieses Lebens, und die Oblomowkaer selbst fühlten sich durch dasselbe nicht bedrückt, da sie sich keine andere Lebensweise vorstellen konnten; und selbst wenn sie sich voll Entsetzen von ihr abgewandt haben. Sie wollten kein anderes Leben und hätten an keinem andern Leben Gefallen gefunden. Sie hätten es bedauert, wenn die Umstände Veränderungen, von welcher Art diese auch immer sein mochten, in ihr Dasein hineingebracht hätten. Der Kummer hätte an ihren Herzen genagt, wenn der morgige Tag nicht dem heutigen und der übermorgige nicht dem morgigen ähnlich gewesen wäre.

Wozu brauchten sie Mannigfaltigkeit, Veränderungen, Ereignisse, die anderen Menschen ein Lebensbedürfnis sind? Mochten die anderen diese Suppe auslöffeln; aber ihnen, den Oblomowkaern, stand danach nicht der Sinn. Mochten die andern leben, wie sie wollten.

Denn Ereignisse, mögen sie selbst von vorteilhafter Art sein, bringen immer eine gewisse Unruhe mit sich: sie machen Mühe und Sorge und Lauferei; man darf nicht auf einer Stelle sitzen bleiben, muß Handel treiben oder schreiben, kurz, sich tummeln; das ist kein Spaß!

Sie lebten ganze Jahrzehnte lang, indem sie gleichmäßig vor sich hin atmeten, druselten und gähnten oder über ihre ländlichen Späße in ein gutmütiges Gelächter ausbrachen oder, zu einer Runde versammelt, einander erzählten, was ein jeder in der Nacht geträumt hatte.

War der Traum schrecklich, so wurden alle nachdenklich und fürchteten sich allen Ernstes; war er prophetisch, so freuten oder betrübten sich alle aufrichtig, je nachdem der Betreffende etwas Trauriges oder Tröstliches geträumt hatte. Verlangte der Traum die Beachtung irgendeines Vorzeichens, so wurden dafür sofort praktische Maßregeln ergriffen.

Oder sie spielten Schafskopf, Eigene Trümpfe und an Festtagen mit Gästen Boston, oder sie legten grande patience, indem sie die Prophezeiungen auf Coeurkönig und Treffdame richteten und eine Heirat vorhersagten.

Manchmal kam irgend so eine Natalja Faddjejewna auf eine oder zwei Wochen zu Besuch. Zuerst nahmen dann die alten Damen die ganze Umgegend vor, wie ein jeder lebe, und was er tue; sie drangen nicht nur in das Familienleben, in das Leben hinter den Kulissen ein, sondern auch in die geheimen Pläne und Absichten eines jeden; sie prüften Herz und Nieren, schimpften auf Unwürdige und fällten Verdammungsurteile über sie, besonders über treulose Ehemänner. Dann sprachen sie allerlei Familienfeste durch: Namenstags-, Tauf- und Entbindungsfeiern, womit ein jeder seine Gäste bewirtet hatte, wen er eingeladen hatte und wen nicht.

Waren sie dessen müde geworden, so fingen sie an, einander ihre neuen Erwerbungen zu zeigen: die Kleider, die Mäntel, sogar die Unterröcke und Strümpfe. Die Hausfrau prahlte mit Sachen, die im Hause hergestellt waren: Leinwand, Garn und Spitzen.

Aber auch dieser Stoff erschöpfte sich. Dann vertrieb man sich die Zeit mit Kaffee, Tee und Eingemachtem. Nachher ging man zum Stillschweigen über.

Sie saßen lange da, sahen einander an und seufzten von Zeit zu Zeit schwer über irgend etwas. Manchmal fing eine auch an zu weinen.

»Was hast du, meine Beste?« fragte die andere beunruhigt.

»Ach, mir ist traurig zumute, mein Täubchen!« antwortete die Besucherin mit einem schweren Seufzer. »Wir haben Gott den Herrn erzürnt, wir Ruchlosen. Es wird schlimm werden.«

»Ach, erschrecke mich nicht, ängstige mich nicht, meine Teure!« unterbrach die Hausfrau sie.

»Ja, ja«, fuhr jene fort; »die letzten Tage sind gekommen; ein Volk wird sich über das andere empören und ein Königreich über das andre . . . das Ende der Welt wird hereinbrechen!« sagte endlich Natalja Faddjejewna, und beide weinten bitterlich. Irgendwelchen Grund zu einer solchen Vermutung hatte Natalja Faddjejewna nicht; niemand hatte sich über jemand empört; nicht einmal ein Komet hatte sich in diesem Jahre gezeigt; aber alte Frauen haben eben manchmal dunkle Ahnungen.

Mitunter wurde diese Art, die Zeit hinzubringen, durch ein unerwartetes Ereignis gestört; es erkrankten zum Beispiel alle im ganzen Hause, groß und klein, infolge von Kohlendunst. Von anderen Krankheiten bekam man im Hause und im Dorfe so gut wie nichts zu hören; höchstens stieß sich jemand im Dunkeln an einem Pfahl, oder es stürzte einer vom Heuboden herunter, oder es fiel ein Brett vom Dache herunter und traf jemanden auf den Kopf.

Aber all das kam nur selten vor; und es wurden gegen solche unerwarteten Unglücksfälle erprobte Hausmittel angewandt: die verletzte Stelle wurde mit Flußschwamm oder Liebstöckel eingerieben; man gab dem Patienten Weihwasser zu trinken oder besprach den Schaden – und alles ging vorüber.

Aber Betäubung durch Kohlendunst kam ziemlich oft vor. Dann wälzten sich alle auf den Betten umher; man hörte Ächzen und Stöhnen; der eine legte sich Gurken auf den Kopf und band ein Handtuch darüber; ein andrer steckte sich Moosbeeren in die Ohren und roch an Meerrettich; ein dritter ging im bloßen Hemde in die Kälte hinaus; ein vierter wälzte sich einfach ohne Bewußtsein auf dem Fußboden umher.

Das ereignete sich periodisch ein- oder zweimal im Monat; denn man liebte es nicht, die Wärme unnütz in den Schornstein zu lassen, und machte die Öfen zu, wenn darin noch solche Flammen loderten wie in »Robert dem Teufel«. An keine Ofenbank, an keinen Ofen konnte man die Hand heranlegen: ehe man es sich versah, hatte man eine Blase weg.

Nur einmal wurde die Einförmigkeit ihres Lebens durch ein wirklich unerwartetes Ereignis gestört.

Als alle sich nach einem anstrengenden Mittagessen ausgeruht und zum Tee versammelt hatten, kam plötzlich ein aus der Stadt zurückgekehrter Bauer, grabbelte lange mit der Hand zwischen seiner Brust und seinem Anzuge umher und zog endlich mit Gewalt einen zerknitterten, an Ilja Iwanowitsch Oblomow adressierten Brief hervor.

Alle wurden starr; die Hausfrau wechselte sogar ein wenig die Farbe; aller Augen richteten sich und aller Nasen streckten sich nach dem Briefe hin.

»Wie seltsam! Von wem mag er nur sein?« sagte endlich die gnädige Frau, als sie sich wieder gefaßt hatte.

Oblomow nahm den Brief und drehte ihn erstaunt in den Händen herum, ohne zu wissen, was er mit ihm anfangen solle.

»Wo hast du das her?« fragte er den Bauer. »Wer hat dir das gegeben?«

»In der Herberge, wo ich in der Stadt eingekehrt war«, antwortete der Bauer. »Es ist zweimal einer von der Post fragen gekommen, ob keine Bauern aus Oblomowka da wären; es wäre ein Brief an den gnädigen Herrn da.«

»Na, und?«

»Na, zuerst habe ich mich versteckt; da ist der Soldat mit dem Briefe wieder weggegangen. Aber der Küster aus Werchlowo hat mich gesehen und hat es gesagt. Und da ist der Soldat zum zweitenmal gekommen. Wie er zum zweitenmal kam, hat er angefangen zu schimpfen und hat mir den Brief gegeben und mir noch fünf Kopeken abgenommen. Ich fragte: ›Was soll ich mit ihm anfangen? Wo soll ich ihn hinbringen?‹ Da befahl er, ich sollte ihn an Euer Gnaden abgeben.«

»Du hättest ihn nicht annehmen sollen«, bemerkte die gnädige Frau ärgerlich.

»Ich wollte ihn ja auch nicht annehmen. ›Was soll ich mit einem Briefe?‹ sagte ich; ›ich kann keinen Brief brauchen. Es ist mir nicht befohlen worden, Briefe anzunehmen; ich wage das nicht. Geht doch selbst hin mit eurem Briefe!‹ Aber da fing der Soldat furchtbar zu schimpfen an: er wollte sich bei der Obrigkeit beschweren. Na, da nahm ich ihn denn.«

»Du Schafskopf!« sagte die gnädige Frau.

»Von wem mag er nur sein?« sagte Oblomow nachdenklich, indem er die Adresse betrachtete. »Die Handschrift kommt mir bekannt vor, wirklich!«

Und nun ging der Brief von einer Hand in die andere. Es wurden Meinungen geäußert, Vermutungen aufgestellt, von wem der Brief wohl sein möchte, und was er enthielte. Zuletzt waren alle mit ihrer Weisheit am Ende.

Ilja Iwanowitsch befahl, man solle ihm seine Brille holen: nach dieser wurde anderthalb Stunden lang gesucht. Er setzte sie auf und schickte sich schon dazu an, den Brief zu öffnen.

»Tu's nicht, öffne ihn nicht, Ilja Iwanowitsch!« hielt ihn seine Frau ängstlich zurück. »Wer weiß, was das für ein Brief ist! Vielleicht ist es etwas Schreckliches, irgendein Unglück. Man kennt das ja, wie das Volk heutzutage ist! Wenn du ihn morgen oder übermorgen aufmachst, ist es auch noch früh genug; der Brief läuft dir ja nicht davon.«

Und der Brief wurde mit der Brille zusammen eingeschlossen. Alle beschäftigten sich nun mit dem Teetrinken. Der Brief hätte dort jahrelang gelegen, wenn er nicht eine gar zu ungewöhnliche Erscheinung gewesen wäre und die Gemüter der Oblomowkaer so stark aufgeregt hätte. Beim Tee und am nächsten Tage sprachen alle von nichts anderem als von dem Briefe.

Endlich hielten sie es nicht länger aus; am vierten Tage versammelten sie sich in dichtem Schwarm, und der Brief wurde unter allgemeiner Aufregung geöffnet. Oblomow blickte nach der Unterschrift.

»Radischtschew«, las er. »Ei, er ist ja von Filipp Matwjejewitsch!«

»Ah! Nun seht mal an! Also von dem!« wurde von allen Seiten gerufen. »Ist der immer noch am Leben? Daß der noch nicht gestorben ist! Na, Gott sei Dank! Was schreibt er denn?«

Oblomow las den Brief laut vor. Es stellte sich heraus, daß Filipp Matwjejewitsch bat, ihm doch das Rezept des Bieres zu schicken, das in Oblomowka in besonders guter Qualität gebraut wurde.

»Das muß ihm geschickt werden, das muß ihm geschickt werden!« sagten alle. »Und es muß ihm ein Briefchen dazu geschrieben werden.«

So vergingen etwa vierzehn Tage.

»Ich muß schreiben, ich muß schreiben«, sagte Ilja Iwanowitsch wiederholentlich zu seiner Frau. »Wo ist denn das Rezept?«

»Ja, wo ist das?« antwortete sie. »Das müssen wir erst suchen. Aber warte doch noch, warum eilst du so damit? Wenn Gott gibt, daß wir das Ende der Fasten und die Feiertage erleben, dann kannst du schreiben; der Brief läuft dir nicht weg . . .«

»In der Tat, ich will lieber im Fest schreiben«, sagte Ilja Iwanowitsch.

Im Fest kam wieder die Rede auf den Brief. Ilja Iwanowitsch machte ernstlich Anstalten zum Schreiben. Er zog sich in sein Zimmer zurück, setzte die Brille auf und nahm am Tische Platz.

Im Hause herrschte tiefes Stillschweigen; den Dienstboten war verboten worden, laut aufzutreten oder Lärm zu machen. »Der Herr schreibt!« sagten alle in demselben ängstlichen, respektvollen Tone, in dem man zu sprechen pflegt, wenn ein Toter im Hause ist.

Er hatte eben erst langsam, schief, mit zitternder Hand und mit solcher Vorsicht, als ob er ein gefährliches Werk unternähme, die Worte: »Sehr geehrter Herr!« hingeschrieben, als seine Frau zu ihm trat.

»Ich habe gesucht und gesucht, das Rezept ist nicht da«, sagte sie. »Ich muß noch in der Schlafstube im Schranke nachsehen. Und wie willst du denn den Brief hinbefördern?«

»Mit der Post«, antwortete Ilja Iwanowitsch.

»Was kostet es denn bis dahin?«

Oblomow holte einen alten Kalender hervor.

»Vierzig Kopeken«, sagte er.

»Na ja, da sollen wir vierzig Kopeken für solche Torheiten wegwerfen!« bemerkte sie. »Wir wollen doch lieber warten, ob nicht aus der Stadt einmal eine Gelegenheit dorthin ist. Sage doch den Bauern, sie möchten sich danach erkundigen.«

»In der Tat, mit Gelegenheit wäre es besser«, antwortete Ilja Iwanowitsch, knipste mit der Feder gegen den Tisch, um die Tinte auszuspritzen, legte sie hin und nahm die Brille ab. »Wirklich, das ist besser«, schloß er; »der Brief läuft uns nicht davon; es ist immer noch Zeit, ihn abzuschicken.«

Es ist nicht bekannt geworden, ob Filipp Matwjejewitsch in den Besitz des Rezeptes gelangt ist.

Ilja Iwanowitsch nahm manchmal auch ein Buch in die Hand; was für eines, war ihm ganz gleichgültig. Er sah auch in der Lektüre nicht ein wirkliches Bedürfnis, sondern hielt sie für einen Luxus, für etwas, das man mit Leichtfertigkeit auch entbehren könne, gerade wie man ein Bild an der Wand haben oder auch nicht haben kann, oder wie man spazierengehen oder auch zu Hause bleiben kann: daher war es ihm ganz gleichgültig, was es für ein Buch war, er betrachtete es als einen Gegenstand, der zur Zerstreuung bestimmt sei, als ein Mittel, um die Zeit auszufüllen und sich die Langeweile zu vertreiben.

»Ich habe schon lange kein Buch gelesen«, sagte er; manchmal änderte er den Satz auch so ab: »Na, ich werde mal ein Buch lesen«; oder er sah einfach im Vorbeigehen zufällig das kleine Häufchen Bücher, das ihm sein verstorbener Bruder hinterlassen hatte, und nahm ohne zu wählen eines heraus, das ihm gerade in die Hand kam. Ob es nun GolikowHistoriker (1735-1801); er schrieb über Peter den Großen. Anm. d. Übers. oder das Neueste Traumbuch oder Cheraskows Rossiade oder Sumarokows Dramen oder schließlich eine zwei Jahre alte Zeitung war – er las alles mit dem gleichen Vergnügen und sagte dabei von Zeit zu Zeit:

»Nun sehe mal einer, was der für Einfälle hat! So ein Racker! Ach, hol' dich der Henker!«

Diese Ausrufe bezogen sich auf die Verfasser, ein Beruf, der nach seiner Anschauung keinerlei Achtung verdiente; er hatte sich sogar jene halb verächtliche Meinung von den Schriftstellern zu eigen gemacht, welche die Leute der alten Zeit von ihnen hatten. Er glaubte, wie damals viele, ein Schriftsteller sei nichts anderes als ein lustiger Patron, ein Faulenzer, Trunkenbold und Spaßmacher, so eine Art Clown.

Manchmal las er auch aus zwei Jahre alten Zeitungen für alle laut vor oder teilte ihnen in folgender Weise Nachrichten daraus mit:

»Da wird aus dem Haag geschrieben«, sagte er, »daß Seine Majestät der König von seiner kurzen Reise glücklich nach dem Schlosse zurückgekehrt ist«; und dabei sah er alle seine Zuhörer über die Brille weg an.

Oder:

»In Wien hat der und der Gesandte sein Beglaubigungsschreiben überreicht.«

»Und hier schreiben sie«, las er weiter, »daß ein Werk der Madame GenlisFranzösische Schriftstellerin (1746-1830). Anm. d. Übers. ins Russische übersetzt worden ist.«

»Sie übersetzen wohl immer nur«, bemerkte einer der Zuhörer, ein kleiner Gutsbesitzer, »um uns Adligen das Geld abzulocken.«

Aber der arme kleine Ilja fuhr immer und immer zu Stolz, um da zu lernen. Sowie er am Montag aufwachte, fing sein Leiden gleich an. Er hörte die scharfe Stimme Waskas, der von der Freitreppe aus schrie:

»Antip, spann den Schecken an; du mußt den jungen Herrn zu dem Deutschen fahren!«

Das Herz fing ihm an zu beben. Traurig ging er zu seiner Mutter. Diese wußte, was ihm fehlte, und suchte ihm die Pille zu vergolden; im geheimen aber seufzte sie selbst darüber, daß sie sich von ihm für eine ganze Woche trennen sollte.

Man wußte gar nicht, was man ihm alles von guten Dingen an jenem Morgen zu essen geben sollte; es wurden für ihn Semmeln und Brezeln gebacken, man gab ihm Eingesalzenes, Gebackenes, Eingemachtes, verschiedene Obstpasten und allerlei andre trockne und feuchte Leckerbissen mit, und sogar solide Nahrungsmittel. All dies wurde ihm mitgegeben im Hinblick darauf, daß die Beköstigung bei dem Deutschen nicht gerade üppig war.

»Da wird man nicht fett«, sagten die Oblomowkaer. »Zu Mittag gibt es nur Suppe, Braten und Kartoffeln, zum Tee Brot und Butter und zum Abendessen wenig oder nichts.«

Übrigens träumte Ilja Iljitsch meist von denjenigen Montagen, an denen er nicht Waskas Stimme hörte, der den Schecken anzuspannen befahl, und an denen die Mutter ihn beim Tee mit einem Lächeln und mit der angenehmen Nachricht empfing:

»Heute fährst du nicht; am Donnerstag ist ein hoher Festtag; auf drei Tage lohnt es nicht hin und zurück zu fahren.«

Oder manchmal erklärte sie ihm plötzlich, heute sei Allerseelenwoche: »Da schickt es sich nicht zu lernen; wir wollen Pfannkuchen backen.«

Oder aber die Mutter blickte ihn am Montag morgen prüfend an und sagte:

»Deine Augen sehen ja heute so trübe aus. Ist dir nicht wohl?« Und sie wiegte besorgt den Kopf hin und her.

Der schlaue Junge war munter und wohlauf; aber er schwieg. »Bleib mal diese Woche zu Hause«, sagte sie; »und dann nachher, wie Gott will.«

Und alle im Hause waren von der Überzeugung durchdrungen, daß am Allerseelensonnabend unter keinen Umständen gelernt werden dürfe, und daß ein auf den Donnerstag fallender Feiertag während der ganzen Woche ein unüberwindliches Hindernis für das Lernen sei.

Höchstens brummte manchmal ein Diener oder ein Dienstmädchen, die wegen des jungen Herrn gescholten waren:

»Ach, du Muttersöhnchen! Wirst du nicht bald machen, daß du zu deinem Deutschen hinkommst?«

Ein andermal erschien plötzlich bei dem Deutschen Antip mit dem Wagen und dem wohlbekannten Schecken in der Mitte oder am Anfange der Woche, um Ilja Iljitsch zurückzuholen. »Marja Sawischna«, bestellte er, »oder Natalja Faddjejewna oder Kusowkows mit allen Kindern sind zu Logierbesuch eingetroffen; also möchten Sie nach Hause kommen.« Und dann blieb der kleine Ilja drei Wochen lang zu Hause, und dann war es nicht mehr lange hin bis zur Karwoche, oder es kam ein Feiertag, oder jemand in der Familie war aus irgendwelchem Grunde der Ansicht, in der ThomaswocheDas ist die zweite Woche nach Ostern. Anm. d. Übers. dürfe man nicht lernen; bis zum Sommer blieben nur noch zwei Wochen, da lohnte es nicht hinzufahren; im Sommer aber machte der Deutsche selbst eine Erholungspause; also schob man das Lernen am besten bis zum Herbste auf.

Ei, wie sich Ilja Iljitsch in dem halben Jahre erholte, und wie er in dieser Zeit wuchs! Wie er dick wurde! Wie prächtig er schlief! Alle im Hause konnten ihn gar nicht genug bewundern; dagegen fanden sie, daß das Kind, wenn es am Sonnabend von dem Deutschen zurückkehrte, mager und blaß aussah.

»Wie leicht kann ein Unglück geschehen!« sagten der Vater und die Mutter. »Das Lernen läuft nicht davon; Gesundheit aber kann man für kein Geld kaufen; die Gesundheit ist das Wertvollste im Leben. Wenn er vom Lernen zurückkommt, sieht er aus, als käme er aus dem Krankenhause: sein hübsches Fett ist ganz dahin, und wie mager er geworden ist . . . und er ist auch ein Wildfang und möchte immer umherlaufen!

»Ja«, bemerkte der Vater, »das Lernen ist ein schlimmes Ding und kann einem übel mitspielen!«

Und die zärtlichen Eltern fuhren fort, nach Gründen zu suchen, aus denen sie ihren Sohn zu Hause behalten konnten.

An solchen Gründen war, auch abgesehen von den Feiertagen, kein Mangel. Im Winter schien es ihnen zu kalt; im Sommer war es wegen der Hitze ebenfalls nicht ratsam zu fahren; manchmal regnete es auch, und im Herbst bildete die naßkalte Witterung ein Hindernis. Manchmal machte Antip einen etwas bedenklichen Eindruck: ob er betrunken war, mochte dahingestellt bleiben, aber sein Gesicht sah so befremdlich aus; es war zu befürchten, daß er irgendwelchen Schaden anrichtete, mit dem Wagen steckenblieb oder umwarf.

Die Eltern bemühten sich übrigens, diese Gründe in ihren eigenen Augen und besonders in Stolzens Augen, soweit es irgend möglich war, als schwerwiegend erscheinen zu lassen; Stolz aber schalt sowohl ins Gesicht als auch hinter ihrem Rücken in den kräftigsten Ausdrücken über eine solche Verzärtelung.

Die Zeiten der Prostakows und SkotininsPersonen in D. J. Fonwisins (1745–1792) Lustspiel Der Landjunker. Anm. d. Übers. waren längst vorbei: die Redewendung »Wissen ist Licht, Unwissenheit Finsternis« wanderte schon, zusammen mit den Büchern, die die fliegenden Buchhändler umhertrugen, durch alle Dörfer. Die alten Oblomows sahen den Vorteil, den die Bildung gewährte, ein, aber nur den äußersten Vorteil. Sie sahen, daß neuerdings alle nur vermittels des Lernens Karriere machten, das heißt zu Rang, Orden und Geld gelangten, daß es dagegen den alten Amtsschreibern, den im Dienste zu Maschinen gewordenen Praktikern, die bei ihren hergebrachten Gewohnheiten, Kniffen und Finten gealtert waren, nur schlecht ging.

Es kamen bedenkliche Gerüchte in Umlauf, daß nicht nur die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben, sondern auch die Kenntnis andrer in jenem Lebenskreise bisher völlig unbekannter Wissenschaften unumgänglich notwendig sei. Zwischen einem Titularrat und einem KollegienassessorDer Titularrat gehört der neunten, der Kollegienassessor der nächst höheren, achten Rangstufe an. Anm. d. Übers. hatte sich eine Kluft aufgetan, die sich nur durch ein Prüfungszeugnis überbrücken ließ.

Die alten Beamten, die nichts als ihren Dienst verstanden, ihn gewohnheitsmäßig verrichteten und sich von Bestechungsgeldern nährten, fingen an zu verschwinden. Viele, die nicht rechtzeitig gestorben waren, wurden teils wegen Unzuverlässigkeit weggejagt, teils vor Gericht gestellt; am glücklichsten waren noch diejenigen, die vor der neuen Ordnung der Dinge die Segel strichen und sich mit heiler Haut in den wohlverdienten Ruhestand zurückzogen.

Die alten Oblomows sahen das ein und verstanden den Nutzen der Bildung, aber nur den augenfälligen. Von dem innern Bedürfnis zu lernen hatten sie nur eine unklare, entfernte Vorstellung, und daher kam es ihnen einstweilen nur darauf an, ihrem lieben Ilja gewisse glänzende Privilegien zu verschaffen.

Sie träumten von einer gestickten Uniform für ihn und stellten ihn sich als Appellationsgerichtsrat vor; die Mutter sah ihn sogar schon als Gouverneur. Aber sie wollten das alles auf möglichst billige Weise, durch allerlei Kniffe erreichen; ihr Sohn sollte die Steine und Hindernisse, mit denen der zu Bildung und Ehren führende Weg bestreut ist, heimlich umgehen, nicht mühsam überspringen, das heißt zum Beispiel, er sollte nur so ein bißchen lernen, nicht bis zur Erschöpfung des Geistes und Körpers, nicht bis zur Einbuße der in der Kindheit erworbenen Fülle, sondern nur so, daß er der vorgeschriebenen Form Genüge täte und ein Zeugnis erhielte, in dem es hieße, daß er »alle Wissenschaften und Künste studiert habe.«

Dieses ganze Oblomowkaer Erziehungssystem stieß bei Stolz auf energischen Widerstand. Der Kampf war von beiden Seiten ein hartnäckiger. Stolz setzte seinen Gegnern beharrlich mit offenen, ehrlichen Schlägen zu; diese aber wichen den Schlägen durch die oben angeführten und andere Listen aus.

Der Sieg blieb unentschieden; vielleicht hätte die deutsche Beharrlichkeit den Eigensinn und die Verstocktheit der Oblomowkaer doch noch überwunden; aber der Deutsche stieß bei seiner eignen Partei auf Schwierigkeiten, und der Sieg war weder der einen noch der andern Seite beschieden. Die Sache war die, daß Stolzens Sohn den jungen Oblomow verwöhnte, indem er ihm bald beim Aufsagen der Lektionen vorsagte, bald für ihn die Übersetzungen anfertigte. –

Ilja Iljitsch sah sein Leben im Elternhause und sein Leben bei Stolz deutlich vor sich.

Sowie er bei sich zu Hause aufgewacht war, stand auch schon Sacharka, in der Folge sein berühmter Kammerdiener Sachar Trofimowitsch, an seinem Bette.

Sachar zog ihm, wie vordem die Kinderfrau, die Strümpfe und Schuhe an; Ilja aber, obwohl er schon ein vierzehnjähriger Junge war, tat weiter nichts als ihm daliegend bald das eine, bald das andre Bein hinzuhalten; und wenn er der Meinung war, daß Sacharka etwas nicht richtig machte, so gab er ihm mit dem Fuße eins auf die Nase.

Wenn der unzufriedene Sacharka sich beikommen ließ, sich darüber zu beklagen, so bekam er von den Erwachsenen auch noch eine Maulschelle.

Dann kämmte ihn Sacharka und zog ihm die Jacke an, wobei er Ilja Iljitschs Arme vorsichtig in die Ärmel steckte, um ihn nicht zu sehr zu inkommodieren, und erinnerte Ilja IIjitsch daran, daß er dies und das tun müsse, zum Beispiel sich nach dem Aufstehen morgens waschen und so weiter.

Wenn Ilja Iljitsch etwas wünschte, so brauchte er nur mit den Augen zu zwinkern, und es stürzten schon drei, vier Diener hin, um seinen Wunsch zu erfüllen; ließ er etwas hinfallen oder wollte er etwas fassen, was nicht im Bereich seiner Hände war, etwas irgendwohin bringen, hinlaufen, um etwas zu holen, so hatte er als ein muntrer Knabe manchmal die größte Lust, sich schnell zu rühren und alles selbst zu machen; aber dann riefen auf einmal der Vater und die Mutter und die drei Tanten fünfstimmig:

»Wozu? Wo willst du hin? Wozu sind denn Waska und Wanka und Sacharka da? Heda! Waska! Wanka! Sacharka! Was gafft ihr, ihr Maulaffen? Ich will euch lehren . . .«

So kam Ilja Iljitsch nie dazu, etwas für sich selbst zu tun. Später fand er, daß das auch weit bequemer sei, und lernte selbst rufen: »Heda, Waska, Wanka! Gib das her, gib das andre! Ich will dieses nicht, gib mir jenes! Lauf hin und hol' es!«

Manchmal aber wurde ihm die zärtliche Besorgnis der Eltern doch auch lästig.

Wenn er von der Treppe herunter oder über den Hof lief, so riefen auf einmal zehn aufgeregte Stimmen hinter ihm her: »Ach, ach! Faßt ihn doch unter den Arm, haltet ihn doch zurück! Er wird hinfallen und sich zerschlagen . . . halt, halt!«

Ließ er sich beikommen, im Winter auf den Flur hinauszulaufen oder die Luftscheibe am Fenster zu öffnen, so wurde wieder aufgeschrien: »Wo willst du hin? Wie kannst du das nur tun? Lauf nicht hinaus, mach' nicht die Luftscheibe auf: du wirst dich beschädigen, dich erkälten . . .«

Und der Knabe blieb traurig im Hause, verzärtelt wie eine exotische Blume im Treibhause; und ebenso wie die letztere unter ihrem Glasdache wuchs er langsam und matt heran. Die Kräfte, die sich gern dokumentiert hätten, wandten sich nach innen und beugten sich welkend nieder.

Manchmal erwachte er so munter, frisch und vergnügt; er fühlte, daß in ihm sich etwas luftig regte und brauste, wie wenn sich da ein Kobold eingenistet hätte, der ihn dazu antriebe, auf das Dach zu klettern oder sich auf den Braunen zu setzen und auf die Wiese zu galoppieren, wo das Heu gemäht wurde, oder sich rittlings auf einen Zaun zu setzen oder die Dorfhunde zu necken. Oder er bekam plötzlich Lust, durch das Dorf zu rennen, dann auf das Feld, über die Gräben weg, in das Birkenwäldchen, und dann mit drei Sätzen auf den Boden der Schlucht hinabzuspringen oder sich mit den Dorfjungen in einen Schneeballkampf einzulassen und seine Kräfte zu erproben.

Der Kobold ließ ihm gar keine Ruhe: Ilja Iljitsch bezwang sich lange; endlich aber hielt er es nicht mehr aus, sprang auf einmal trotz des Winters ohne Mühe die Freitreppe hinauf auf den Hof, lief von da aus dem Tore hinaus, nahm in jede Hand einen Schneeball und rannte zu der Schar der Jungen hin.

Der frische Wind schnitt ihm nur so ins Gesicht, der Frost kniff ihn in die Ohren, die Kälte erfüllte ihm Mund und Kehle; aber seine Brust war von Freude geschwellt – er rannte (woher hatten seine Beine nur solche Geschwindigkeit?), kreischte und lachte.

Nun war er bei den Jungen: er warf mit seinen Schneebällen, aber vorbei; er hatte keine Übung. Eben wollte er noch einen Schneeball machen, als ein großer Schneeklumpen ihm das ganze Gesicht verklebte; er fiel hin; es tat ihm weh, weil er es nicht gewohnt war; aber er war doch vergnügt und lachte und hatte Tränen in den Augen . . .

Aber im Hause wurde Alarm geschlagen: Ilja ist nicht da! Geschrei und Lärm überall! Sacharka stürzte auf den Hof hinaus, hinter ihm der Waska, Motka, Wanka – alle liefen ganz fassungslos auf dem Hofe herum.

Hinter ihnen her rannten, dicht an ihren Fersen, zwei Hunde, wie denn die Hunde es bekanntlich nie ruhig mit ansehen können, daß jemand läuft.

Die Diener jagten mit Geschrei und Geheul, die Hunde mit Gebell durch das Dorf.

Endlich waren sie bei den Jungen angelangt und übten nun strenge Justiz: der eine wurde an den Haaren gerissen, ein anderer an den Ohren, ein dritter bekam einen Schlag ins Genick; auch gegen ihre Väter wurden Drohungen ausgestoßen. Darauf bemächtigten sie sich des jungen Herrn, wickelten ihn in einen mitgebrachten Schafspelz, dann in den Pelz seines Vaters, dann in zwei Decken und trugen ihn im Triumph auf den Armen nach Hause.

Zu Hause waren alle schon daran verzweifelt, ihn je wiederzusehen, da sie meinten, er sei umgekommen; aber als die Eltern ihn lebendig und unversehrt erblickten, war ihre Freude unbeschreiblich. Sie dankten Gott dem Herrn; dann gaben sie dem Knaben Pfefferminztee, darauf Holundertee und zum Abend noch Himbeertee zu trinken und hielten ihn drei Tage lang im Bett; ihm aber hätte nur eines nützlich sein können: sich wieder zu schneeballen . . .

 

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