Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Christoph Martin Wieland: Oberon - Kapitel 8
Quellenangabe
typepoem
booktitleOberon
authorChristoph Martin Wieland
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
pages1-293
isbn3-15-000123-4
titleOberon
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1780
Schließen

Navigation:
28 Ein Knäbchen, schön, wie auf Cytherens Schooß
Der Liebesgott, saß in dem Silberwagen,
Die Zügel in der Hand. – Da kommt er auf uns los,
Mein bester Herr, ruft Scherasmin mit Zagen,
Indem er Hüons Pferd beym Zaume nach sich zieht:
Wir sind verloren! flieht, o flieht!
Da kommt der Zwerg! – Wie schön er ist! spricht jener –
»Nur desto schlimmer! Fort! und wär' er zehnmahl schöner.
29 »Flieht, sag' ich euch, sonst ist's um uns gethan!«
Der Ritter sträubt sich zwar, allein da hilft kein Sträuben;
Der Alte jagt im schnellsten Flug voran
Und zieht ihn nach, und hört nicht auf zu treiben,
Zu jagen über Stock und Stein,
Durch Wald und Busch, und über Zaun und Graben
Zu setzen, bis sie aus dem Hain
Ins Freye sich gerettet haben.
30 Mit Regen, Sturm und Blitz verfolgt ein Ungewitter
Die Fliehenden; die fürchterlichste Nacht
Verschlingt den Mond; es donnert, saust und kracht
Rings um sie her, als schlüg's den ganzen Wald in Splitter;
Kurz, alle Element' im Streit
Zerkämpfen sich mit zügellosem Grimme;
Doch mitten aus dem Sturm ertönt von Zeit zu Zeit
Mit liebevollem Ton des Geistes sanfte Stimme:
31 »Was fliehst du mich? Du fliehst vor deinem Glück;
Vertrau dich mir, komm, Hüon, komm zurück!«
Herr, wenn ihr's thut, seyd ihr verloren,
Schreyt Scherasmin: fort, fort, die Finger in die Ohren,
Und sprecht kein Wort! Er hat nichts Guts im Sinn!
Nun geht's aufs neue los durch Dick und Dünn,
Vom Sturm umsaust, vom Regen überschwemmet,
Bis eine Klostermau'r die raschen Reiter hemmet.
32 Ein neues Abenteu'r! Der Tag da dieß geschah
War just das Nahmensfest der heil'gen Agatha,
Der Schützerin von diesem Jungfernzwinger .
Nun lag kaum einen Büchsenschuß
Davon ein Stift voll wohl genährter Jünger
Des heil'gen Abts Antonius;
Und beide hatten sich in diesen Abendstunden
Zu einer Betefahrt freundnachbarlich verbunden.
33 Sie kamen just zurück, als, nah am Klosterbühl,
Indem sie Paar und Paar in schönster Ordnung wallten,
Der Rest des Sturms sie überfiel.
Kreuz, Fahnen, Skapulier, sind toller Winde Spiel,
Und strömend dringt die Flut bis in des Schleiers Falten.
Umsonst ist alle Müh den Anstand zu erhalten;
Die Andacht reißt; mit komischem Gewühl
Rennt alles hin und her in seltsamen Gestalten.
34 Hier wadet bis ans Knie geschürzt
Ein Nönnchen im Morast, dort glitscht ein Mönch im Laufen,
Und, wie er sich auf einen Haufen
Von Schwesterchen, die vor ihm rennen, stürzt,
Ergreift er in der Angst die Domina beym Beine.
Doch endlich, als der Sturm sein äußerstes gethan,
Langt athemlos die ganze Korgemeine,
Durchnäßt und wohl bespritzt, im Klostervorhof an.
35 Hier war noch alles voll Getümmel,
Als durch das Thor, das weit geöffnet stund,
Mein Scherasmin sich mitten ins Gewimmel
Der Klosterleute stürzt; denn auf geweihtem Grund
Ist's, wie er glaubt, so sicher als im Himmel.
Bald kommt auch Hüon nach; und, wie er gleich den Mund
Eröffnen will, die Freyheit abzubitten,
So steht mit einem Blitz – der Zwerg in ihrer Mitten.
36 Auf einmahl ist der Himmel wolkenleer,
Und alles hell und mild und trocken wie vorher.
Schön, wie im Morgenroth ein neugeborner Engel,
Steht er, gestützt auf einen Lilienstängel,
Und um die Schultern hängt ein elfenbeinern Horn.
So schön er ist, kommt doch ein unbekanntes Grauen
Sie alle an: denn Ernst und stiller Zorn
Wölkt sich um seine Augenbrauen.
37 Er setzt das Horn an seine Lippen an
Und bläst den lieblichsten Ton. Stracks übermannt den Alten
Ein Schwindelgeist; er kann sich Tanzens nicht enthalten,
Packt eine Nonne ohne Zahn,
Die vor Begierde stirbt ein Tänzchen mitzumachen,
Und hüpft und springt als wie ein junger Bock
So rasch mit ihr herum, daß Schleiertuch und Rock
Weit in die Lüfte wehn, zu allgemeinem Lachen.
38 Bald faßt die gleiche Wuth den ganzen Klosterstand;
Ein jeder Büßer nimmt sein Nönnchen bey der Hand,
Und ein Ballet beginnt, wie man so bald nicht wieder
Eins sehen wird. Die Schwestern und die Brüder
Sind keiner Zucht noch Regel sich bewußt;
Leichtfert'ger kann kein Faunentanz sich drehen.
Der einz'ge Hüon bleibt auf seinen Füßen stehen,
Sieht ihren Sprüngen zu, und lacht aus voller Brust.
39 Da naht sich ihm der schöne Zwerg, und spricht
In seiner Sprach' ihn an, mit ernstem Angesicht:
Warum entfliehn vor mir, o Hüon von Guyenne?
Wie? du verstummst? Beym Gott des Himmels, den ich kenne,
Antworte mir! – Nun kehrt die Zuversicht
In Hüons Brust zurück. Was willst du mein? erwiedert
Der Jüngling. – Fürchte nichts, spricht jener: wer das Licht
Nicht scheuen darf, der ist mit mir verbrüdert.
40 Ich liebte dich von deiner Kindheit an,
Und was ich Gutes dir bestimme,
An keinem Adamskind hab' ich es je gethan!
Dein Herz ist rein, dein Wandel ohne Krümme,
Wo Pflicht und Ehre ruft, fragst du nicht Fleisch und Blut,
Hast Glauben an dich selbst, hast in der Prüfung Muth:
So kann mein Schutz dir niemahls fehlen,
Denn meine Strafgewalt trifft nur befleckte Seelen.
41 Wär' nicht dieß Klostervolk ein heuchlerisch Gezücht,
Belög' ihr keuscher Blick, ihr leiser Bußton nicht
Ein heimlich strafbares Gewissen,
Sie ständen, trotz dem Horn, wie du, auf ihren Füßen.
Auch Scherasmin, für den sein redlich Auge spricht,
Muß seiner Zunge Frevel büßen.
Sie alle tanzen nicht weil sie der Kitzel sticht,
Die Armen tanzen weil sie müssen.
42 Indem beginnt ein neuer Wirbelwind
Den Faunentanz noch schneller umzuwälzen;
Sie springen so hoch, und drehn sich so geschwind,
Daß sie in eigner Gluth wie Schnee im Thauwind schmelzen,
Und jedes zappelnde Herz bis an die Kehle schlägt.
Des Ritters Menschlichkeit erträgt
Den Anblick länger nicht; er denkt, es wäre Schade
Um all das junge Blut, und fleht für sie um Gnade.
43 Der schöne Zwerg schwingt seinen Lilienstab,
Und stracks zerrinnt der dicke Zauberschwindel;
Versteinert stehn Sankt Antons fette Mündel,
Und jedes Nönnchen, bleich als stieg' es aus dem Grab,
Eilt, Schleier, Rock, und was sich sonst im Springen
Verschoben hat, in Richtigkeit zu bringen.
Nur Scherasmin, zu alt für solchen Scherz,
Sinkt kraftlos um, und glaubt ihm berste gleich das Herz.
44 Ach! keicht er, gnädiger Herr, was sagt' ich euch? – Nicht weiter,
Freund Scherasmin! fällt ihm der Zwerg ins Wort:
Ich kenne dich als einen wackern Streiter,
Nur läuft zuweilen dein Kopf mit deinem Herzen fort.
Warum, auf andrer Wort, so rasch, mich zu verlästern?
Fy! graulich schon von Bart, an Urtheil noch so jung!
Nimm in Geduld die kleine Züchtigung!
Ihr andern, geht, und büßt für euch und eure Schwestern!
45 Das Klostervolk schleicht sich beschämt davon.
Drauf spricht der schöne Zwerg mit Freundlichkeit zum Alten:
Wie, Alter? immer noch des Argwohns düstre Falten?
Doch, weil du bieder bist, verzeiht dir Oberon.
Komm näher, guter alter Zecher,
Komm, faß' ein Herz zu mir und fürchte keinen Trug!
Du bist erschöpft; nimm diesen Becher
Und leer' ihn aus auf Einen Zug.
46 Mit diesem Wort reicht ihm der Elfenkönig
Ein Trinkgeschirr von feinem Gold gedreht.
Der Alte, der mit Noth auf seinen Beinen steht,
Stutzt, wie er leer es sieht, nicht wenig.
Ey, ruft der Geist, noch keine Zuversicht?
Frisch an den Mund, und trink, und zweifle nicht!
Der gute Mann gehorcht, zwar nur mit halbem Willen,
Und sieht das Gold sich flugs mit Wein von Langon füllen.
47 Und als er ihn auf Einen Zug geleert,
Ist's ihm, als ob mit wollustvoller Hitze
Ein neuer Lebensgeist durch alle Adern blitze.
Er fühlet sich so stark und unversehrt,
Als wie er war, da er, in seinen besten Jahren,
Mit seinem ersten Herrn zum heiligen Grab gefahren.
Voll Ehrfurcht und Vertraun fällt er dem schönen Zwerg
Zu Fuß und ruft: Nun steht mein Glaube wie ein Berg!
48 Drauf spricht der Geist mit ernstem Blick zum Ritter:
Mir ist der Auftrag wohl bekannt,
Womit dich Karl nach Babylon gesandt.
Du siehst, was für ein Ungewitter
Er dir bereitet hat; sein Groll verlangt dein Blut:
Allein, was du mit Glauben und mit Muth
Begonnen hast, das helf' ich dir vollenden;
Da, wackrer Hüon, nimm dieß Horn aus meinen Händen!
49 Ertönt mit lieblichem Ton von einem sanften Hauch
Sein schneckengleich gewundner Bauch,
Und dräuten dir mit Schwert und Lanzen
Zehn tausend Mann, sie fangen an zu tanzen,
Und tanzen ohne Rast im Wirbel, wie du hier
Ein Beyspiel sahst, bis sie zu Boden fallen:
Doch, lässest du's mit Macht erschallen,
So ist's ein Ruf, und ich erscheine dir.
50 Dann siehst du mich, und wär' ich tausend Meilen
Von dir entfernt, zu deinem Beystand eilen.
Nur spare solchen Ruf bis höchste Noth dich dringt.
Auch diesen Becher nimm, der sich mit Weine füllet,
So bald ein Biedermann ihn an die Lippen bringt;
Der Quell versieget nie, woraus sein Nektar quillet:
Doch bringt ein Schalk ihn an des Mundes Rand,
So wird der Becher leer, und glüht ihm in der Hand.
51 Herr Hüon nimmt mit Dank die wundervollen Pfänder
Von seines neuen Schützers Huld;
Und da er sich des Ostens Purpurränder
Vergülden sieht, forscht er mit Ungeduld
Nach Babylon den kürzesten der Wege.
Zeuch hin, spricht Oberon, nachdem er ihn belehrt;
Und daß ich nie die Stunde sehen möge,
Da Hüons Herz durch Schwäche sich entehrt!
52 Nicht daß ich deinem Muth und Herzen
Mißtraue! aber, ach! du bist ein Adamskind,
Aus weichem Thon geformt, und für die Zukunft blind!
Zu oft ist kurze Lust die Quelle langer Schmerzen!
Vergiß der Warnung nie, die Oberon dir gab!
Drauf rührt er ihn mit seinem Lilienstab,
Und Hüon sieht aus seinem liebevollen
Azurnen Augenpaar zwey helle Perlen rollen.
53 Und wie er Treu' und Pflicht ihm heilig schwören will,
Entschwunden war der Waldgeist seinem Blicke,
Und nur ein Lilienduft blieb wo er stand zurücke.
Betroffen, sprachlos, steht der junge Ritter still,
Reibt Aug' und Stirn, wie einer, im Erwachen
Aus einem schönen Traum, sich sucht gewiß zu machen,
Ob das, was ihn mit solcher Lust erfüllt,
Was wirklichs ist, ob nur ein nächtlich Bild?
54 Doch, wenn er auch gezweifelt hätte,
Der Becher und das Horn, das ihm an goldner Kette
Um seine Schultern hing, ließ keinem Zweifel Platz.
Der Becher sonderlich dünkt dem verjüngten Alten
Das schönste Stück im ganzen Feenschatz.
Herr, spricht er, (im Begriff den Bügel ihm zu halten)
Noch einen Zug, dem guten Zwerg zum Dank!
Sein Wein, bey meiner Treu'! ist echter Göttertrank!
55 Und nun, nachdem sie sich gestärkt zur neuen Reise,
Ging's über Berg und Thal, nach alter Ritter Weise,
Den ganzen Tag; und nur ein Theil der kurzen Nacht
Wird unter Bäumen zugebracht.
So zogen sie, ohn' alles Abenteuer,
Vier Tage lang – der Ritter schon im Geist
Zu Babylon, und glücklich sein Getreuer,
Daß Siegwins Sohn es ist, dem er zur Seite reist.
 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.