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Christoph Martin Wieland: Oberon - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
booktitleOberon
authorChristoph Martin Wieland
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
pages1-293
isbn3-15-000123-4
titleOberon
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1780
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49 Die Fürsten des Kaiserreichs, so viel von ihnen zugegen,
Ein jeder sieht sich selbst in meiner Verdammung gekränkt.
Sie murmeln, dem Meere gleich, wenn sich von fern zu regen
Der Sturm beginnt: sie bitten, dringen, legen
Das Recht ihm vor. Umsonst! den starren Blick gesenkt
Auf Scharlots blutiges Haupt, kann nichts den Vater bewegen:
Wiewohl auch Hohenblat, der's für ein leichtes hält
Mir obzusiegen, selbst sich unter die Bittenden stellt.
50 Herr, spricht er, laßt mich gehn, den Frevler abzustrafen,
Ich wage nichts wo Pflicht und Recht mich schützt.
Ha! rief ich laut, von Scham und Grimm erhitzt,
Du spottest noch? Erzittre! immer schlafen
Des Rächers Blitze nicht. – Mein Schwert, ruft Hohenblat,
Soll, Mörder, sie auf deine Scheitel häufen!
Doch Karl, den meine Gluth nur mehr erbittert hat,
Befiehlt der Wache, mich zu greifen.
51 Dieß rasche Wort empört den ganzen Sahl
Von neuem; alle Schwerter blitzen,
Das Ritterrecht, das Karl in mir verletzt, zu schützen.
Ergreift ihn, ruft der Kaiser abermahl;
Allein er sieht, mit vorgehaltnen Klingen,
In dichtem Kreis die Ritter mich umringen.
Vergebens droht, schier im Gedräng erstickt,
Der geistliche Herr mit Bann und Interdikt.
52 Des Reiches Schicksal schien an einem Haar zu schweben.
Die grauen Räthe flehn dem Kaiser auf den Knien,
Dem Recht der Ritter nachzugeben:
Je mehr sie flehn, je minder rührt es ihn;
Bis endlich Herzog Nayms (der oft in seinem Leben,
Wenn Karl den Kopf verlor, den seinen ihm geliehn)
Den Mund zum Ohr ihm hält, dann gegen uns sich kehret,
Und zum begehrten Kampf des Kaisers Urlaub schwöret.
53 Herr Hüon fuhr dann zu erzählen fort:
Wie stracks auf dieses einz'ge Wort
Der Aufruhr sich gelegt, die Ritter alle zurücke
Gewichen, und Karl, wiewohl im Herzen ergrimmt,
Mit stiller Wuth im halb entwölkten Blicke,
Den achten Tag zum Urtheilskampf bestimmt;
Wie beide Theile sich mit großer Pracht gerüstet,
Und, des Triumfs gewiß, sich Amory gebrüstet.
54 Der stolze Mann, wiewohl in seiner Brust
Ein Kläger pocht der seinen Muth erschüttert,
War eines Arms von Eisen sich bewußt,
Der manchen Wald von Lanzen schon zersplittert.
Er hatte nie vor einem Feind gezittert,
Und Kampf auf Tod und Leben war ihm Lust.
Doch all sein Trotz und seine Riesenstärke
Betrogen ihn bey diesem blut'gen Werke. –
55 Gekommen war nunmehr der richterliche Tag,
Versammelt alles Volk. Mit meinem silberblanken
Turnierschild vor der Brust, und, wie ich sagen mag,
Von allen mit Liebe begrüßt, erschien ich in den Schranken.
Schon stand der Kläger da. In einem Erker lag
Der alte Karl, umringt von seinen Fürsten,
Und schien, in offenem Vertrag
Mit Amory, nach meinem Blut zu dürsten.
56 Die Sonne wird getheilt. Die Richter setzen sich.
Mein Gegner scheint vor Ungeduld zu brennen
Bis die Trompete ruft. Nun ruft sie, und wir rennen,
Und treffen so gewaltiglich
Zusammen, daß aufs Knie die Rosse stürzen, und ich
Und Hohenblat uns kaum im Sattel halten können.
Eilfertig machen wir uns aus den Bügeln los,
Und nun, in einem Blitz, sind beide Schwerter bloß.
57 Daß ich von unserm Kampf dir ein Gemählde mache
Verlange nicht. An Grimm und Stärke war,
Wie an Erfahrenheit, mein Gegner offenbar
Mir überlegen; doch die Unschuld meiner Sache
Beschützte mich, und machte meine Kraft
Dem Willen gleich. Der Sieg blieb lange zweifelhaft;
Schon floß aus manchem Quell des Klägers Blut herunter,
Und Hüon war noch unverletzt und munter.
58 Der wilde Amory, wie er sein dampfend Blut
Den Panzer färben sieht, entbrannt von neuer Wuth,
Und stürmt auf Hüon ein, gleich einem Ungewitter
Das alles vor sich her zertrümmert und verheert,
Blitzt Schlag auf Schlag, so daß mein junger Ritter
Der überlegnen Macht mit Mühe sich erwehrt.
Ein Arm, an Kraft mit Rolands zu vergleichen,
Bringt endlich ihn, nach langem Kampf, zum Weichen.
59 Des Sieges schon gewiß faßt Amory sogleich
Mit beiden angestrengten Händen
Sein mächtig Schwert, den Kampf auf Einen Schlag zu enden.
Doch Hüons gutes Glück entglitscht dem Todesstreich,
Und bringt, eh jener sich ins Gleichgewicht zu schwingen
Vermag, da wo der Helm sich an den Kragen schnürt,
So einen Hieb ihm bey, daß ihm die Ohren klingen,
Und die entnervte Hand den Degengriff verliert.
60 Der Stolze sinkt zu seines Gegners Füßen,
Und Hüon, mit gezücktem Schwert,
Dringt auf ihn ein. Entlade dein Gewissen,
Ruft er, wenn noch das Leben einen Werth
In deinen Augen hat. Gesteh es auf der Stelle
Bandit, schreyt Amory, indem er alle Kraft
Zum letzten Stoß mit Grimm zusammen rafft,
Nimm dieß und folge mir zur Hölle!
61 Zum Glücke streift der Stoß, mit ungewisser Hand
Vom Boden auf geführt, durch eine schnelle Wendung
Die Hüon macht, unschädlich nur den Rand
Des linken Arms; allein, mein Ritter, in der Blendung
Des ersten Zorns, vergißt, daß Hohenblat,
Um öffentlich vor Karln die Wahrheit kund zu machen,
Noch etwas Athem nöthig hat,
Und stößt sein breites Schwert ihm wüthend in den Rachen.
62 Der Frevler speyt in Wellen rother Flut
Die schwarze Seele aus. Der Sieger steht, entsündigt
Und rein gewaschen in seines Klägers Blut,
Vor allen Augen da. Des Herolds Ruf verkündigt
Es laut dem Volk. Ein helles Jubelgeschrey
Schallt an die Wolken. Die Ritter eilen herbey
Das Blut zu stillen, das an des Panzers Seiten
Herab ihm quillt, und ihn zum Kaiser zu begleiten.
63 Doch Karl (so fährt der junge Ritter fort
Dem Mann vom Felsen zu erzählen)
Karl hielt noch seinen Groll. Kann dieser neue Mord
Mir, rief er, meinen Sohn beseelen?
Ist Hüons Unschuld anerkannt?
Ließ Hohenblat ein Wort von Widerruf entfallen?
Auf ewig sey er denn aus unserm Reich verbannt,
Und all sein Land und Gut der Krone heimgefallen!
64 Streng war dieß Urtheil, streng der Mund
Aus dem es ging; allein, was konnten wir dagegen?
Das einzige Mittel war aufs Bitten uns zu legen.
Die Pärs, die Ritterschaft, wir alle knieten, rund
Um seinen Thron, uns schier die Kniee wund,
Und gaben's endlich auf, ihn jemahls zu bewegen;
Als Karl zuletzt sein langes Schweigen brach:
Wohlan, ihr Fürsten und Ritter, ihr wollt's, wir geben nach.
65 Doch höret den Beding, den nichts zu widerrufen
Vermögend ist! – Hier neigt' er gegen mich
Herunter zu des Thrones Stufen
Den Zepter – Ich begnadige dich:
Allein, aus allen meinen Reichen
Soll dein verbannter Fuß zur Stunde stracks entweichen,
Und, bis du Stück für Stück mein kaiserlich Gebot
Vollbracht, ist Wiederkunft unmittelbarer Tod.
66 Zeuch hin nach Babylon, und in der festlichen Stunde,
Wenn der Kalif, im Staat, an seiner Tafelrunde,
Mit seinen Emirn sich beym hohen Mahl vergnügt,
Tritt hin, und schlage dem, der ihm zur Linken liegt,
Den Kopf ab, daß sein Blut die Tafel überspritze.
Ist dieß gethan, so nahe züchtig dich
Der Erbin seines Throns, zunächst an seinem Sitze,
Und küß' als deine Braut sie dreymahl öffentlich.
67 Und wenn dann der Kalif, der einer solchen Scene
In seiner eignen Gegenwart
Sich nicht versah, vor deiner Kühnheit starrt,
So wirf dich, an der goldnen Lehne
Von seinem Stuhle, hin, nach Morgenländer-Art,
Und, zum Geschenk für mich, das unsre Freundschaft kröne,
Erbitte dir von ihm vier seiner Backenzähne
Und eine Hand voll Haar aus seinem grauen Bart.
68 Geh hin, und, wie gesagt, eh' du aufs Haar vollzogen
Was ich dir hier von Wort zu Wort gebot,
Ist deine Wiederkunft unmittelbarer Tod!
Wir bleiben übrigens in Gnaden dir gewogen.
Der Kaiser sprach's und schwieg. Allein wie uns dabey
Zu Muthe war, ist nothlos zu beschreiben.
Ein jeder sah, daß so gewogen bleiben
Nichts besser als ein Todesurtheil sey.
69 Ein dumpfes Murren begann im tiefen Sahl zu wittern.
Bey Sankt Georg! (sprach einer von den Rittern
Der auf der Lanzelot und Tristan rauher Bahn
Manch Abenteu'r mit Ehren abgethan)
Sonst pfleg' ich auch nicht leicht vor einem Ding zu zittern;
Setz' einer seinen Kopf, ich setz' ihm meinen dran:
Doch was der Kaiser da dem Hüon angesonnen
Hätt' auch, so brav er war, Herr Gawin nicht begonnen!
70 Was red' ich viel? Es war zu offenbar
Daß Karl durch dieß Gebot mir nach dem Leben trachte.
Doch, wie es kam, ob es Verzweiflung war,
Ob Ahnung, oder Trotz, was mich so tollkühn machte,
Genug, ich trat vor ihn und sprach mit Zuversicht:
Was du befohlen, Herr, kann meinen Muth nicht beugen.
Ich bin ein Frank! Unmöglich oder nicht,
Ich unternehm's, und seyd ihr alle Zeugen!
71 Und nun, kraft dieses Worts, mein guter Scherasmin,
Siehst du mich hier, nach Babylon zu reisen
Entschlossen. Willst du mir dahin
Den nächsten Weg aus diesen Bergen weisen,
So habe Dank; wo nicht, so mach' ich's wie ich kann.
Mein bester Herr, versetzt der Felsenmann,
Indem die Zähren ihm am Bart herunter beben,
Ihr ruft, wie aus dem Grab, mich in ein neues Leben!
72 Hier schwör' ich euch, und da, zum heil'gen Pfand,
Ist diese alte zwar doch nicht entnervte Hand,
Mit euch, dem theuren Sohn und Erben
Von meinem guten Herrn, zu leben und zu sterben.
Das Werk, wozu der Kaiser euch gesandt,
Ist schwer, doch ist damit auch Ehre zu erwerben!
Genug, ich führ' euch hin, und steh' euch festen Muths
Bis auf den letzten Tropfen Bluts.
73 Der junge Fürst, gerührt von solcher Treue,
Fällt dankbarlich dem Alten um den Hals.
Drauf legen sich die beiden auf die Streue,
Und Hüon schläft als wär' es Flaum. Und als
Der Tag erwacht, erwacht mit muntern Blicken
Der Ritter auch, schnallt seine Rüstung an,
Der Alte nimmt den Quersack auf den Rücken,
Den Knittel in die Hand, und wandert frisch voran.
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