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Christoph Martin Wieland: Oberon - Kapitel 41
Quellenangabe
typepoem
booktitleOberon
authorChristoph Martin Wieland
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
pages1-293
isbn3-15-000123-4
titleOberon
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1780
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71 Die Liebenden – sich kaum besinnend – in die Wonne
Der andern Welt verzückt – sie wallen, Hand in Hand,
Den Doppelreihen durch: als, gleich der Morgensonne
In ihrem Bräut'gamsschmuck, der Geist vor ihnen stand.
Nicht mehr ein Knabe, wie er ihnen
In lieblicher Verkleidung sonst erschienen –
Ein Jüngling, ewig schön und ewig blühend, stand
Der Elfenkönig da, den Ring an seiner Hand.
72 Und ihm zur Seite glänzt, mit ihrer Rosenkrone
Geschmückt, Titania, in milderm Mondesglanz.
In beider Rechten schwebt ein schöner Myrtenkranz.
Empfange, sprechen sie mit liebevollem Tone,
Du treues Paar, zum edlen Siegeslohne,
Aus deiner Freunde Hand den wohl verdienten Kranz!
Nie wird von euch, so lang' ihr dieses Zeichen
Von unsrer Huld bewahrt, das Glück des Herzens weichen.
73 Kaum daß das letzte Wort von Oberons Lippen fiel,
So sah man aus der Luft sich eine Wolke neigen,
Und aus der Wolke Schooß, bey goldner Harfen Spiel,
Mit Lilien vor der Brust drey Elfentöchter steigen.
Im Arm der dritten lag ein wunderschöner Knab',
Den sie, auf ihren Knie'n, Titanien übergab.
Süß lächelnd bückt zu ihm die Königin sich nieder,
Und giebt, mit einem Kuß, ihn seiner Mutter wieder.
74 Und, unterm Jubelgesang der Jungfrau'n, die in Reihn
Vor ihnen her den Weg mit Rosen überstreun,
Ziehn durch die weite goldne Pforte
Die Glücklichen hinein in Oberons Freudenhaus.
Was sie gesehn, gehört, an diesem schönen Orte,
Sprach ihre Zunge nie beym Rückerinnern aus.
Sie sahn nur himmelwärts, und eine Wonnethräne
Im glänzenden Auge verrieth wohin ihr Herz sich sehne.
75 In einen sanften Schlaf verlor sich wonniglich
Der sel'ge Traum. Und mit dem Tage fanden
Sie beide, Arm in Arm, wie neu geboren, sich
Auf einer Bank von Moos. Zu ihrer Seite standen
Im leicht umschattenden Gebüsch,
Reich aufgeschmückt, vier wunderschöne Pferde,
Und ringsum lag ein schimmerndes Gemisch
Von Waffen, Schmuck und Kleidern auf der Erde.
76 Herr Hüon, dem das Herz von Freude überfloß,
Weckt seinen Alten auf; Amande
Sucht ihren Sohn, der noch auf Fatmens Schooß
Sanft schlummernd lag. Sie sehn sich um. Wie groß
Ist ihr Erstaunen! – Herr, in welchem Lande
Glaubt ihr zu seyn? ruft Scherasmin entzückt
Dem Ritter zu – Kommt, seht von diesem Stande
Nach Westen hin, und sagt, was ihr erblickt!
77 Der Ritter schaut hinaus, und traut
Dem Anblick kaum. – Er, der so viel erfahren,
Und dessen Augen so gewöhnt an Wunder waren,
Glaubt kaum was er mit offnen Augen schaut.
Es ist die Sein', an deren Bord sie stehen!
Es ist Paris, was sie verbreitet vor sich sehen!
Er reibt sich Aug' und Stirn, schaut immer wieder hin,
Und ruft: Ist's möglich, daß ich schon am Ziele bin?
78 Nicht lange schaut er hin, vor Freude ganz betroffen,
So stellt sich ihm ein neues Schauspiel dar.
Ihm däucht, daß alles um die Burg in Aufruhr war.
Man hört Trommetenschall, und eine Ritterschaar
Trabt dem Turnierplatz zu, die Schranken stehen offen.
Mein Glück, ruft Hüon, läßt mein Hoffen
Stets hinter sich. Geh, Freund! wofern nicht alles mich
Betrügt, giebt's ein Turnier; geh, und erkund'ge dich.
79 Der Alte geht. Inzwischen wird Amande
Von Fatmen angekleid't. Denn, was sie haben muß,
Sich, mit dem Glanz, der ihrem hohen Stande
Und ihrer Schönheit ziemt, in diesem fremden Lande
Zu zeigen, fanden sie im reichsten Überfluß
Gehäuft zu ihren Füßen liegen.
Herr Hüon läßt indeß, mit manchem Vaterkuß,
Den kleinen Hüonnet auf seinem Knie sich wiegen,
80 Und sieht, mit inniglicher Lust,
Das schöne Weib, durch alles fremde Zieren
Und Schimmern nichts gewinnen noch verlieren.
Ob eine Rose ihre Brust
Umschattet, ob ein Strauß von blitzenden Juwelen
In Glanz sie hüllt – stets durch sich selber schön
Und liebeathmend, scheint durch Den
Ihr nichts geliehn, bey Jener nichts zu fehlen.
81 Der Alte kommt itzt mit der Nachricht an,
Drey Tage sey bereits der Schranken aufgethan.
Karl, (spricht er) immer noch durch seinen Groll getrieben,
Hat ein Turnier im Reiche ausgeschrieben:
Und rathet, welchen Dank der Sieger heut erhält!
Nichts kleiners, Herr, als – Hüons Land und Lehen!
Denn, euch aus Babylon mit Ruhm gekrönt zu sehen,
Ist was dem Kaiser nicht im Schlaf zu Sinne fällt.
82 Auf, waffne mich, ruft Hüon voller Freuden;
Willkommner konnte mir kein' andre Botschaft seyn.
Was die Geburt mir gab, sey nun durch Tugend mein!
Verdien' ich's nicht, so mag's der Kaiser dem bescheiden
Der's würdig ist! – Er sagt's, und siehet Rezia
Ihm lächelnd stillen Beyfall nicken.
Ihr Busen klopft ihm Sieg! – In wenig Augenblicken
Steht glänzend schon ihr Held in voller Rüstung da.
83 Sie schwingen sich zu Pferd, die Ritter und die Frauen,
Und ziehen nach der Stadt! und allenthalben schauen,
Von ihrer Pracht entzückt, die Leute nach, und wer
Die Gassen müßig tritt, läuft hinter ihnen her.
Bald langt mit Rezia Herr Hüon vor den Planken
Der Stechbahn an. Er läßt, nachdem er sich bey ihr
Beurlaubt, Scherasmin zu ihrem Schützer hier,
Zieht sein Visier herab, und reitet in die Schranken.
84 Ein lautes Lob verfolgt von beiden Seiten ihn,
Ihn, der an Anstand und an Stärke
Den besten, die der ritterlichen Werke
Bisher gepflegt, weit überlegen schien.
Schel sehend stand am Ziel, auf seinem stolzen Roß,
Der Ritter, der in diesen dreyen Tagen
Des Rennens Preis davon getragen,
Und mit den Fürsten sah der Kaiser aus dem Schloß.
85 Herr Hüon neigt, nach ritterlicher Weise,
Sich vor dem Kaiser tief, dann vor den Damen und
Den Richtern – tummelt drauf im Kreise
Den muth'gen Hengst herum, und macht dem Sieger kund,
Daß er gekommen sey, den Dank ihm abzusagen.
Er sollte zwar erst Stand und Nahmen sagen;
Allein sein Schwur, daß er ein Franke sey,
Und seines Aufzugs Pracht, macht vom Gesetz ihn frey.
86 Er wiegt und wählt aus einem Haufen Speere
Sich den, der ihm die meiste Schwere
Zu haben scheint, schwingt ihn mit leichter Hand,
Und stellt, voll Zuversicht, sich nun an seinen Stand.
Wie klopft Amandens Herz! wie feurige Gebete
Schickt sie zu Oberon und allen Engeln ab,
Als itzt die schmetternde Trompete
Den Ungeduldigen zum Rennen Urlaub gab!
87 Dem Ritter, der bisher die Nebenbuhler alle
Die Erde küssen hieß, schwillt mächtiglich die Galle,
Daß er gezwungen wird, auf diese neue Schanz
Sein Glück und seinen Ruhm zu setzen.
Er war ein Sohn des Doolin von Maganz,
Und ihm war Lanzenspiel kaum mehr wie Hasenhetzen.
Er stürmet, wie ein Strahl aus schwarzer Wolken Schooß,
In voller Wuth auf seinen Gegner los.
88 Doch, ohne nur in seinem Sitz zu schwanken,
Trifft Hüon ihn so kräftig vor die Brust,
Und wirft mit solcher Macht ihn seitwärts an die Planken
Daß alle Rippen ihm von seinem Fall erkranken.
Zum Kampf vergeht ihm alle weit're Lust;
Vier Knappen tragen ihn ohnmächtig aus den Schranken.
Ein jubelnd Siegsgeschrey prallt an die Wolken an,
Und Hüon steht allein als Sieger auf dem Plan.
89 Er bleibt am Ziel noch eine Weile stehen,
ob jemand um den Dank noch kämpfen will, zu sehen;
Und da sich niemand zeigt, eilt er mit schnellem Trab
Amanden zu, die, hoch auf ihrem schönen Rosse,
Wie eine Göttin glänzt, und führt sie nach dem Schlosse.
Sie langen an. Er hebt gar höflich sie herab,
Und führt sie, unterm Vivatrufen
Des Volks, hinauf die hohen Marmorstufen.
90 Wie eine Silberwolk' umwebt
Amandens Angesicht ein undurchsicht'ger Schleier,
Durch den sich jedes Aug' umsonst zu bohren strebt.
Voll Ungeduld, wie sich dieß Abenteuer
Entwickeln werde, strömt die Menge ohne Zahl
Dem edeln Paare nach. Itzt öffnet sich ein Sahl;
Hoch sitzt auf seinem Thron, von seinem Fürstenrathe
Umringt, der alte Karl in kaiserlichem Staate.
91 Herr Hüon nimmt den Helm von seinem Haupt,
Und tritt hinein, in seinen schönen Locken
Dem Gott des Tages gleich. Und alle sehn erschrocken
Den Schnell-erkannten an. Der alte Kaiser glaubt
Des Ritters Geist zu sehn. Und Hüon, mit Amanden
An seiner Hand, naht ehrerbietig sich
Dem Thron, und spricht: Mein Lehnsherr! siehe mich,
Gehorsam meiner Pflicht, zurück in deinen Landen!
92 Denn, was du zum Beding gemacht
Von meiner Wiederkehr, mit Gott hab' ich's vollbracht!
In diesem Kästchen sieh des Sultans Bart und Zähne,
An die, o Herr, nach deinem Wort, ich Leib
Und Leben aufgesetzt – und sieh in dieser Schöne
Die Erbin seines Throns, und mein geliebtes Weib!
Mit diesem Worte fällt von Reziens Angesichte
Der Schleier ab, und füllt den Sahl mit neuem Lichte.
93 Ein Engel scheint, in seinem Himmelsglanz,
(Gemildert nur, damit sie nicht vergehen)
Vor den Erstaunten da zu stehen:
So groß, und doch zugleich so lieblich anzusehen,
Glänzt Rezia in ihrem Myrtenkranz
Und silbernen Gewand. Die Königin der Feen
Schmiegt, ungesehen, sich an ihre Freundin an,
Und alle Herzen sind ihr plötzlich unterthan.
94 Der Kaiser steigt vom Thron, heißt freundlich sie willkommen
An seinem Hof. Die Fürsten drängen sich
Um Hüon her, umarmen brüderlich
Den edeln jungen Mann, der glorreich heim gekommen
Von einem solchen Zug. Es stirbt der alte Groll
In Karls des Großen Brust. Er schüttelt liebevoll
Des Helden Hand, und spricht: Nie fehl' es unserm Reiche
An einem Fürstensohn, der Dir an Tugend gleiche!
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