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Christoph Martin Wieland: Oberon - Kapitel 40
Quellenangabe
typepoem
booktitleOberon
authorChristoph Martin Wieland
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
pages1-293
isbn3-15-000123-4
titleOberon
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1780
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47 »Mir ist sein Herz bekannt, er hält an seiner Pflicht,
Ist schuldlos, ist ein Mann von unverletzter Ehre;
Und doch – o Mansor! – wenn er schuldig wäre,
So räche sein Vergehn an Zoradinen nicht!«
Mit Augen die von kaum verhaltnem Grimme funkeln
Ruft Mansor: Grausame, was quält dein Zögern mich?
Welch ein Geheimniß dämmert aus dem dunkeln
Verhaßten Räthsel auf! Was ist dir Hassan? Sprich!
48 »So wiß es denn, weil mich die Noth zum Reden zwinget,
Ich bin sein Weib! Ein Band, das nichts zerreißen kann,
Ein Band, gewebt im Himmel selber, schlinget
Mein Glück, mein Alles fest an den geliebten Mann.
Uns drückt mit seiner ganzen furchtbarn Schwere
Des Schicksals Arm – Wer weiß, wie bald an dich
Die Reihe kommt! – Du siehst mich elend – Ehre
Mein Leiden, Glücklicher! – Du kannst es, rette mich!«
49 Wie? du bist Hassans Weib, und liebst ihn? – »Über alles!«
Unglückliche, er ist dir ungetreu! –
»Er ungetreu? Die Ursach' seines Falles,
Ich bin's gewiß, ist einzig seine Treu'.« –
Ich glaube was ich sah! – »So ward er erst betrogen,
Und du mit ihm!« – Mit zürnendem Gesicht
Spricht Mansor: Spanne nicht den Bogen,
Zu stolz auf deinen Reitz, so lange bis er bricht!
50 Dein Hassan stirbt – und ich kann nichts, als dich beklagen.
Er stirbt? schreyt Rezia – Tyrann,
Er, dem ein Wort von dir das Leben schenken kann,
Er stirbt? Du hast ein Herz mir das zu sagen?
Er hat des Harems Zucht verletzt,
Erwiedert Mansor kalt; ihm ist der Tod gesetzt!
Doch, weil du willst, so sey des Sklaven Leben,
Sein Leben oder Tod, in deine Hand gegeben!
51 Gieb, Schönste, mir ein Beyspiel edler Huld,
Gieb mir die Ruh, die du mir raubtest, wieder!
Ich lege Kron' und Reich zu deinen Füßen nieder;
Ergieb dich mir, so sey dem Frevler seine Schuld
Geschenkt! Er zieh', mit königlichen Gaben
Noch überhäuft, zu seinem Volk zurück!
O zögre nicht, die Güte selbst zu haben
Die du begehrst! – Ein Wort macht mein und sein Geschick.
52 Unedler! ruft mit eines Engels Zürnen
Das schöne Weib, so theuer kauft der Mann,
Den Zoradine liebt, sein Leben nicht! – Tyrann,
Kennst du mich so? – Die schlechteste der Dirnen,
Die mich bedienten einst, verschmähte deinen Thron
Und dich um solchen Preis! Zwar steht, uns zu verderben,
In deiner Macht: doch, hoffe nicht davon
Gewinn zu ziehn – Barbar, auch Ich kann sterben.
53 Der Sultan stutzt. Ihn schreckt des edeln Weibes Muth.
Sein feiges Herz wird mehr von ihrem Dräun gerühret
Als da sie bat; doch, ihre Schönheit schüret
Das Feuer der Begier zugleich in seinem Blut.
Was sagt' er nicht ihr Herz mit Liebe zu bestechen!
Wie bat er sie! wie schlangenartig wand
Er sich um ihren Fuß! – Umsonst! Ihr Widerstand
War nicht durch Drohungen, war nicht durch Flehn zu brechen.
54 Sie blieb darauf, ihr soll der Tod willkommner seyn.
Der Sultan schwört mit fürchterlicher Stimme
Bey Mahoms Grab, nichts soll vor seinem Grimme
Sie retten, geht sie nicht sogleich den Antrag ein.
»Ist's nicht mein letztes Wort, soll Alla mich verdammen!
Hört man den Wüthenden bis in den Vorsahl schreyn:
Entschließe dich, sey auf der Stelle mein,
Wo nicht, so stirb mit dem Verworfnen in den Flammen!«
55 Sie sieht ihn zürnend an, und schweigt. – Entschließe dich,
Ruft er zum zweyten Mahl. – O so befreye mich
Von deinem Anblick, spricht die Königin der Frauen;
Des Todes Grinsen selbst erweckt mir minder Grauen.
Almansor ruft, und giebt, von Wuth erstickt,
Den grausamen Befehl, und Höllenfunken sprühen
Aus seinem Aug'. Der Schwarzen Erster bückt
Sich bis zur Erde hin, und schwört, ihn zu vollziehen.
56 Schon steht der gräßliche Altar
Zum Opfer aufgethürmt; schon drängt sich, Schaar an Schaar,
Das Volk herzu, das, gern in Angst gesetzet,
An Trauerspielen dieser Art
Die Augen weinend labt, und schaudernd sich ergetzet.
Schon stehn, zum Leiden und zum Tode noch gepaart,
An einen Marterpfahl gebunden,
Die einz'gen Liebenden, die Oberon rein erfunden.
57 Ein edles Paar in Eins verschmolzner Seelen,
Das treu der ersten Liebe blieb,
Entschlossen, eh' den Tod in Flammen zu erwählen,
Als ungetreu zu seyn selbst einem Thron zu Lieb'!
Mit nassem Blick, die Herzen in der Klemme,
Schaut alles Volk gerührt zu ihnen auf,
Und doch besorgt, daß nicht den freyen Lauf
Des Trauerspiels vielleicht ein Zufall hemme.
58 Den Liebenden, wie sie gebunden stehn,
Ist zwar der Trost versagt einander anzusehn;
Doch, über alles, was sie leiden
Und noch erwarten, triumfiert
Die reinste, seligste der Freuden,
Daß ihre Lieb' es ist, was sie hierher geführt.
Der Tod, der ihre Treu' mit ew'gem Lorber ziert,
Ist ihres Herzens Wahl; sie konnten ihn vermeiden.
59 Inzwischen siehet man mit Fackeln in den Händen
Zwölf Schwarze sich dem Opfer paarweis' nahn.
Sie stellen sich herum, bereit es zu vollenden,
So bald der Aga winkt. Er winkt. Sie zünden an.
Und stracks erdonnert's laut, die Erde scheint zu beben,
Die Flamm' erlischt, der Strick, womit das treue Paar
Gebunden stand, fällt wie vermengtes Haar,
Und Hüon sieht das Horn an seinem Halse schweben.
60 Im gleichen Augenblick, da dieß
Geschah, zeigt sich von fern in zwey verschiednen Reihen,
Von ängstlicher Bekümmerniß
Gespornt, Almansor hier, und dort Almansaris,
Er Zoradinen, Sie den Hassan zu befreyen.
Halt! hört man sie aus allen Kräften schreyen.
Auch stürzt mit blitzendem Schwert durch die erschrockne Menge
Ein schwarzer Rittersmann sich mitten ins Gedränge.
61 Doch Hüon hat das Pfand, daß nun sein Oberon
Versöhnt ist, kaum mit wonnevollem Schaudern
An seinem Hals erblickt, so setzt er ohne Zaudern
Es an den Mund, und lockt den schönsten Ton
Daraus hervor, der je geblasen worden.
Sein edles Herz verschmäht ein feiges Volk zu morden:
Tanzt, ruft er, tanzt, bis euch's den Athem raubt;
Dieß sey die einzige Rache, die Hüon sich erlaubt.
62 Und wie das Horn ertönt, ergreift der Zauberschwindel
Zuerst das Volk, das um den Holzstoß steht,
Schwarzgelbes, lumpiges, halb nackendes Gesindel,
Das plötzlich sich, wie toll, im schnellsten Wirbel dreht;
Bald mischet sich mit allen seinen Negern
Der Aga drein; ihm folgt – was Füße hat
Bey Hof, im Harem, in der Stadt,
Vom Sultan an bis zu den Wasserträgern.
63 Unlustig faßt der Schach – Almansaris beym Arm;
Sie sträubt sich; doch was hilft sein Unmuth und ihr Sträuben?
Der Taumel reißt sie fort, sich mitten in den Schwarm
Der Walzenden mit ihm hinein zu treiben.
In kurzem ist ganz Tunis in Allarm,
Und niemand kann auf seiner Stelle bleiben:
Selbst Podagra, und Zipperlein, und Gicht
Und Todeskampf befreyt von dieser Tanzwuth nicht.
64 Indessen, ohne auf das Possenspiel zu blicken,
Hält das getreue Paar, in seligem Entzücken,
Sich sprachlos lang' umarmt. Kaum hat ihr Busen Raum
Für diesen Überschwang von Freuden.
Er ist nun ausgeträumt der Prüfung schwerer Traum!
Nichts bleibt davon als was ihr Glück verschönt:
Gebüßt ist ihre Schuld, das Schicksal ausgesöhnt,
Aufs neu von ihm vereint, kann nun sie nichts mehr scheiden!
65 Theilnehmend inniglich, sieht, noch auf seinem Roß,
Der biedre Scherasmin (Er war der schwarze Ritter)
Der Wonne zu, worin ihr Herz zerfloß.
Er ist's, der wie ein Ungewitter
Vorhin daher gestürmt, um das geliebte Paar
Zu retten aus der feigen Mohren Händen,
Und, schlüg's ihm fehl, ein Leben hier zu enden,
Das, ohne sie, ihm unerträglich war.
66 Er springt herab, drängt durch den tollen Reigen
Mit Fatme, die ihm folgte, sich hinan,
Den Liebenden von ihrem Throne steigen
Zu helfen, und sie im Triumfe zu empfahn.
Groß war die Freude, doch sie schwoll noch höher an,
Da sie den wohl bekannten Wagen,
Von Schwanen durch die Luft, stets niedriger, getragen,
Zu ihren Füßen nun auf einmahl halten sahn.
67 Sie stiegen eilends ein – Die Mohren mögen tanzen
So lang' es Oberon gefällt!
(Wiewohl der Alte raspeln oder schanzen
Für eine beßre Kurzweil hält.)
Der lüft'ge Faeton fliegt, leicht und ohne Schwanken,
Sanft wie der Schlaf, behender als Gedanken,
Mit ihnen über Land und Meer,
Und Silberwölkchen wehn, wie Fächer, um sie her.
68 Schon tauchte sich auf Bergen und auf Hügeln
Die Dämmerung in ungewissen Duft;
Schon sahen sie den Mond in manchem See sich spiegeln,
Und immer stiller ward's im weiten Reich der Luft;
Die Schwanen ließen itzt mit sinkendem Gefieder
Allmählich sich bis auf die Erde nieder:
Als plötzlich, wie aus Abendroth gewebt,
Ein schimmernder Palast vor ihren Augen schwebt.
69 In einem Lustwald, mitten zwischen
Hoch aufgeschoßnen vollen Rosenbüschen,
Stand der Palast, von dessen Wunderglanz
Der stille Hain und das Gebüsche ganz
Durchschimmert schien – War's nicht an diesem Orte,
Spricht Hüon leis' und schaudernd – Doch, bevor
Er's ausspricht, öffnet schnell sich eine goldne Pforte,
Und zwanzig Jungfrau'n gehn aus dem Palast hervor.
70 Sie kamen, schön wie der May, mit ewig blühenden Wangen,
Gekleidet in glänzendes Lilienweiß,
Die Erdenkinder zu empfangen
Die Oberon liebt. Sie kamen tanzend, und sangen
Der reinen Treue unsterblichen Preis.
Komm, sangen sie (und goldne Zymbeln klangen
In ihren süßen Gesang, zu ihrem lieblichen Tanz)
Komm, trautes Paar, empfang den schönen Siegeskranz!
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