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Christoph Martin Wieland: Oberon - Kapitel 39
Quellenangabe
typepoem
booktitleOberon
authorChristoph Martin Wieland
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
pages1-293
isbn3-15-000123-4
titleOberon
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1780
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24 Drauf, als sie schamhaft sich in alle ihre Schleier
Gewickelt, lügt sie, mit dem Ton
Der Unschuld selbst, ein falsches Abenteuer:
Wie dieser schändliche verkappte Christensohn,
Da ihr die Lust im Kühlen sich zu waschen
Gekommen, sich erfrecht sie hier zu überraschen,
Und wie sie mit Gewalt sich seiner kaum erwehrt,
Als ihn, zu größtem Glück, der Sultan noch gestört.
25 Um von dem häßlichen Verbrechen,
Deß er beschuldigt wird, den Ritter los zu sprechen,
Bedurft's nur Einen unbefangnen Blick;
Doch seinem Richter fehlt auch dieser einz'ge Blick.
Der Held verachtet es, mit einer Frauen Schande
Sich selbst vom Tode zu befreyn;
Er schmiegt den edeln Arm in unverdiente Bande,
Und hüllet schweigend sich in sein Bewußtseyn ein.
26 Der Sultan, den sein Unmuth zum Verdammen
Noch rascher macht, bleibt dumpf und ungerührt.
Der Frevler werd' in Ketten weggeführt,
(Herrscht er den Sklaven zu, die sein Befehl zusammen
Gerufen) werfet ihn in eine finstre Gruft;
Und morgen früh, so bald vom Thurm der Imam ruft,
Werd' er, im äußern Hof, ein Raub ergrimmter Flammen,
Und seine Asche streut mit Flüchen in die Luft!
27 Der Edle hört sein Urtheil schweigend, – blitzet
Auf das verhaßte Weib noch Einen Blick herab,
Und wendet Sich, und geht in Fesseln ab,
Auf einen Muth, den nur die Unschuld giebt, gestützet.
Kein Sonnenblick erfreut das fürchterliche Grab,
Worin er nun tief eingekerkert sitzet;
Der Nacht des Todes gleicht die Nacht, die auf ihn drückt
Und jeden Hoffnungsstrahl in seinem Geist erstickt.
28 Ermüdet von des Schicksals strengen Schlägen,
Verdrossen, stets ein Ball des Wechselglücks zu seyn,
Seufzt er dem Augenblick, der ihn befreyt, entgegen.
Schreckt ihn das Vorgefühl der scharfen Feuerpein:
Die Liebe hilft ihm's übertäuben;
Sie stärkt mit Engelskraft die sinkende Natur.
Bis in den Tod (ruft er) getreu zu bleiben,
Schwor ich, Amanda, dir, und halte meinen Schwur!
29 O daß, geliebtes Weib, was morgen
Begegnen wird, auf ewig dir verborgen,
Auf ewig auch, Dir, treuer alter Freund,
Verborgen blieb'! – Wie gern erlitt' ich unbeweint
Mein traurig Loos! Doch, wenn ihr es erfahret,
Erfahret wessen ich beschuldigt ward, und mit
Dem Schmerz um meinen Tod sich noch die Schande paaret
Zu hören, daß ich nur was ich verdiente litt –
30 O Gott! es ist zu viel auch dieß noch zu erdulden!
Es büße immerhin für meine Sündenschulden
Der strengste Tod! Ich klage niemand an!
Dieß einz'ge nur, o Oberon, gewähre
Dem, den du liebtest, noch: beschütze meine Ehre,
Beschütze Rezia! – Du weißt, was ich gethan!
Sag' ihr, daß ich, den heil'gen Schwur der Treue
Zu halten, den ich schwor, den Feuertod nicht scheue.
31 So ruft er aus, und, vom Vertraun gestärkt
Daß Oberon ihn hört, berührt ihn unvermerkt
Der mohnbekränzte Gott des Schlummers
Mit seinem Stab, dem Stiller alles Kummers,
Und wieget ihn, wiewohl nur harter Stein
Sein Küssen ist, in leichte Träume ein.
Hat ihm vielleicht, zum Pfand, daß bald sein Leiden endet,
Der gute Schutzgeist selbst dieß Labsal zugesendet?
32 Noch lag die halbe Welt mit Finsterniß bedeckt,
Als ihn aus seiner Ruh ein dumpfes Klirren weckt.
Ihn däucht er hör' im Schloß die schweren Schlüssel drehen;
Die Eisenthür geht auf, des Kerkers schwarze Wand
Erhellt ein blasser Schein, er höret jemand gehen,
Und stämmt sich auf und sieht – in schimmerndem Gewand,
Die Krone auf dem Haupt, die Lampe in der Hand,
Almansaris zu seiner Seite stehen.
33 Sie reicht die Lilienhand ihm, reitzvoll lächelnd, dar,
Und – Wirst du, spricht sie, mir vergeben,
Was nur die Schuld der Noth, nicht meines Herzens, war?
O du Geliebter, hängt an Deinem schönen Leben
Mein eignes nicht? Ich komme, der Gefahr
Dich zu entziehn, (trotz deinem Widerstreben!)
Vom Holzstoß dich, wozu dich der Barbar
Verdammt', auf einen Thron, den du verdienst, zu heben!
34 Die Liebe öffnet dir der Hoheit Sonnenbahn:
Auf, mache sie von deinem Ruhm erschallen!
Nimm diese Hand, die dir sich schenket, an:
In einem Wink soll dein Verfolger fallen,
Und all sein Volk, wie Staub, um deine Füße wallen.
Im ganzen Harem ist mir alles unterthan;
Vertraue dich der Liebe sichern Händen,
Und, was sie wagte, wird dein eigner Muth vollenden!
35 »Hör' auf! o Königin! Dein Antrag häufet bloß
Mein Leiden durch die Qual dir alles abzuschlagen.
O! warum zwingst du mich's zu sagen?
Ich kaufe mich durch kein Verbrechen los!«
Ist's möglich, ruft sie, kann so weit der Unsinn gehen?
Unglücklicher, im Angesicht
Der Flamme, die bereits aus deinem Holzstoß bricht,
Kannst du Almansaris und einen Thron verschmähen?
36 Sag' mir, versetzt er, Königin,
Ich könne dir mit meinem Blute nützen,
So soll die Lust, womit ich eil' es zu verspritzen,
Dir zeigen, ob ich unerkenntlich bin!
Ich kann, zum Danke, dir mein Herzensblut, mein Leben,
Nur meine Ehre nicht, nicht meine Treue geben.
Wer Ich bin weißt du nicht, vergiß nicht wer Du bist,
Und muthe mir nichts zu, was mir unmöglich ist.
37 Almansaris, aufs äußerste getrieben
Durch seinen Widerstand, sie wendet alles an,
Was seine Treu' durch alle Stufen üben
Und seinen Muth ermüden kann.
Sie reitzt, sie droht, sie fleht, sie fällt, verloren
In Lieb' und Schmerz, vor ihm auf ihre Kniee hin:
Doch unbeweglich bleibt des Helden fester Sinn,
Und rein die Treu', die er Amanden zugeschworen.
38 So stirb denn, weil du willst! – ruft sie, des Athems schier
Vor Wuth beraubt: ich selbst, ich will an deinem Leiden
Mein gierig Aug' mit heißer Wollust weiden!
Stirb als ein Thor! des Starrsinns Opferthier!
Schreyt sie mit funkelndem Aug', und flucht der ersten Stunde
Da sie ihn sah, verwünscht mit bebendem Munde
Sich selbst, und stürmt hinweg, und hinter ihr
Schließt wieder klirrend sich des Kerkers Eisenthür.
39 Inzwischen hatte das Gerüchte,
Das Unglücksmähren gern verbreitet und verziert,
Von ihrem Herrn die traurige Geschichte
Auch Scherasmin und Fatmen zugeführt.
Der schöne Hassan, hieß es, sey im Bade
Vom Sultan mit Almansaris allein
Gefunden worden, und morgen ohne Gnade
Werd' er, im großen Hof, ein Raub der Flammen seyn.
40 Ob Hüon schuldlos sey, war ihnen keine Frage;
Sie kannten ja der Sachen wahre Lage.
Doch, hätt' er auch gefehlt, so war er mitleidswerth.
In Fällen dieser Art wird echte Treu' bewährt.
Anstatt die Zeit mit Jammern zu verderben,
Beschlossen sie, das äußerste für ihn
Zu wagen, um ihn noch aus dieser Noth zu ziehn,
Und, schlüg' es fehl, mit ihrem Herrn zu sterben.
41 Kurz eh' der Tag begann, gelingt es Fatmens Muth
Und Wachsamkeit, die Hüter zu betrügen,
Und unerkannt sich bis ins Schlafgemach zu schmiegen,
Wo Rezia, von Hüon träumend, ruht.
Des unverhofften Wiedersehens Freude
Macht einen Augenblick sie sprachlos alle beide.
Das erste Wort, das Fatme sprechen kann,
Ist Hüon, ist Bericht von dem geliebten Mann.
42 Was sagst du, goldne Amme? ruft Amande,
Und fällt ihr um den Hals – Mein Hüon, mir so nah?
Wo ist er? – Ach! Prinzessin, was geschah!
(Schluchzt jene weinend) Hilf! zerreiße seine Bande!
Spreng seinen Kerker auf! Dem Unglücksel'gen droht,
Aus Liebe bloß zu dir, ein jämmerlicher Tod.
Und drauf erzählt sie ihr genau die ganze Sache,
Und ihres Ritters Treu' und der Sultanin Rache.
43 Schon, ruft sie, steht der Holzstoß aufgethürmt,
Nichts rettet ihn, wenn ihn nicht Zoradine schirmt!
Mit einem Schrey der Angst, halb sinnlos, fährt Amande
In wilder Hast von ihrem Lager auf,
Wirft, wie sie steht, im leichten Nachtgewande,
Den Kurdé um, und eilt in vollem Lauf
Des Sultans Zimmer zu, durch alle Sklavenwachen,
Die sie mit Wunder sehn, und schweigend Platz ihr machen.
44 Sie dringt hinein, nichts achtend daß es früh
Am Tage war, und wirft mit lilienblassen Wangen,
Und Haaren, die zerstreut um ihre Schultern hangen,
Sich vor dem Sultan auf die Knie':
»Almansor, laß mich nicht vergebens
Dir knieen! Schwöre, wenn mein Leben dir
Erhaltenswürdig scheint, daß du die Bitte mir
Gewähren willst! Es gilt die Ruhe meines Lebens!«
45 Begehr', o Schönste, spricht erstaunt und froh zugleich
Der Sultan, laß mich nicht in Ungewißheit schweben!
Dir zu gefallen ist mein feurigstes Bestreben;
Begehre frey! Mein Schatz, mein Thron, mein Reich,
Nichts ist zu viel, was ich zu geben
Vermag. Ein einzigs nur behält sich Mansor vor,
Dich selbst! – »Du schwörst es mir?« – Der liebestrunkne Mohr
Beschwört's. – »So schenke mir des Gärtners Hassan Leben!«
46 Wie? ruft er mit bestürzter Miene,
Welch eine Bitte, Zoradine?
Was geht das Leben dich von diesem Sklaven an?
»O, viel, Almansor, viel! Mein eignes hängt daran!«
Sprichst du im Fieber? Schwärmest du? Verzeihe,
Doch, du mißbrauchst des unbegrenzten Rechts
Das dir die Schönheit giebt. – Am Leben eines Knechts
Der sein Verbrechen büßt? – »Er büßt für seine Treue!
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