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Christoph Martin Wieland: Oberon - Kapitel 38
Quellenangabe
typepoem
booktitleOberon
authorChristoph Martin Wieland
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
pages1-293
isbn3-15-000123-4
titleOberon
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1780
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Zwölfter Gesang.

1 Indessen sucht auf Polstern von Damast
Almansaris, mit Amors wildstem Feuer
In ihrer Brust, umsonst nur eine Stunde Rast.
Ist's möglich, oder hat das schnöde Abenteuer
Der letzten Nacht ihr nur geträumt? Ein Mann
Verachtet dich, Almansaris? Er kann
Dich sehen und für eine andre brennen,
Kann dich verschmähn, und darf es dir bekennen?
2 Zur Wuth treibt der Gedanke sie;
Sie schwört sich grenzenlose Rache.
Wie häßlich wird er ihr! Ein Ungeheu'r, ein Drache
Ist lieblicher, als ihre Fantasie
Den Undankbaren mahlt – Wie lang'? – In zwo Minuten
Ist sie des vorigen sich schon nicht mehr bewußt:
Bald soll er tropfenweis' im Staub vor ihr verbluten,
Bald drückt sie ihn entzückt an ihre Brust.
3 Nun steht er wieder da in seiner ganzen Schöne,
Der erste aller Erdensöhne,
Ein Held, ein Gott! – Unmöglich ist er nur
Der Neffe Ibrahims; in seinem ganzen Wesen,
In seinem Ton und Anstand ist die Spur
Von dem, was er umsonst verbergen will, zu lesen;
Wo ist der Stempel der Natur,
Der einen König macht, sichtbarer je gewesen?
4 Er, er allein, ist ihrer werth,
Ist werth in ihrem Arm sich zu vergöttern.
Und, o! ihr fehlt ein Blitz, die Feindin zu zerschmettern
Die ihn bezaubert hält und ihr den Sieg erschwert!
Doch, wie, Almansaris? Fühlst du dich selbst nicht besser?
Gönn' ihm den kleinen Stolz, sich pfauengleich zu blähn
In seinem Heldenthum! Selbst Dir zu widerstehn!
Das alles macht doch nur die Lust des Sieges größer!
5 Bestürm' ihn erst, eh' du den Muth verlierst,
Mit jedem Reitz, auf den sich wahre Schönheit brüstet;
Begieb, damit du ihn um so viel sichrer rührst,
Der fremden Waffen dich, womit die Kunst uns rüstet;
Er fühl' und seh' was Götter selbst gelüstet!
Und wenn du dann sein Herz noch nicht verführst,
Er dann dich noch verschmäht – dann, Königin, erwache
Dein Stolz, und schaffe dir die süße Lust der Rache!
6 So flüstert ihr aus einer Zofe Mund
Der kleine Dämon zu, den ihr, mit vollem Köcher,
Gebietrisch sitzen seht auf diesem Erdenrund!
Der alle Welt aus seinem Zauberbecher
Berauscht, und den, wer ihn nicht besser kennt,
Zur Ungebühr den Gott der Liebe nennt!
Denn – jeder jungen unerfahrnen Dame
Zur Nachricht sey es kund! – Asmodi ist sein Nahme.
7 Almansaris, in deren warmem Blut
Schon ein Verführer schleicht, ist gegen den Betrüger
Von außen, weniger als jemahls auf der Hut;
Sein Anhauch nährt und fächelt ihre Gluth,
Und kaum daß sie, zur Zier, dergleichen thut
Als widerstände sie, so ist Asmodi Sieger.
Die Zofe Schmeichlerin, sein würdiges Organ,
Legt den Entwurf sogleich mit vieler Klugheit an.
8 O! raubet nun dem Blitz die Feuerschwingen,
Ihr Stunden, ihn herbey zu bringen,
Den süßen Augenblick! Zu langsam schleichet ihr
(Wie schnell ihr eilt!) der lechzenden Begier!
Doch – Sie ist's nicht allein, die jetzt Sekunden zählet:
Auch Hüon überlebt, von Ungeduld gequälet,
Den trägen Gang der drey verhaßten Tage kaum,
Und wachend und im Schlaf ist Rezia sein Traum.
9 Der zweyte Morgen war dem sehnlichen Verlangen
Der Haremskönigin nun endlich aufgegangen;
Goldlockig, schön und rosenathmend stieg
Er, wie der Herold, auf, der ihr den schönsten Sieg
Verkündigte; schon säuselt durch die Myrten,
Die, dicht verweht, der Grotten schönste gürten,
Ein leichter Morgenwind, und tausendstimmig schallt
Der Vögel frühes Kor im nah gelegnen Wald.
10 Doch um die Grotte her ist unterm Myrtenlaube
In ew'ger Dämmerung das Heiligthum der Ruh.
Hier girret nur die sanfte Turteltaube
Dem Tauber ihre Sehnsucht zu.
In diesen lieblichen Gebüschen,
Dem dunkeln Sitz verborgner Einsamkeit,
Pflegt öfters sich zur stillen Morgenzeit
Almansaris mit Baden zu erfrischen.
11 Der anmuthsvolle Morgen rief
Den schönen Hassan auf, indeß noch alles schlief,
Die Blumenkörbe voll zu pflücken,
Die er an jedem Tag dem Harem zuzuschicken
Verbunden war: als ihm ein Sklav' entgegen lief,
Und keuchend ihm befahl die Grotte aufzuschmücken.
Der Neger fügt, zur Eil' ihn anzuspornen, bey,
Daß eine Dame dort zu baden Willens sey.
12 Verdrossen geht Herr Hüon auszurichten
Was ihm befohlen war. Er füllt mit bunten Schichten
Von Blumen, Florens ganzem Schatz,
Den größten Korb, und eilt zum angewiesnen Platz.
Fern ist's von ihm, der Sache mißzutrauen.
Allein, beym Eintritt in die Grotte fällt auf ihn
Ein dumpfes wunderbares Grauen,
Und ein verborgner Arm scheint ihn zurück zu ziehn.
13 Betroffen setzt er seine Blumen nieder;
Doch faßt er Augenblicks sich wieder
Und lächelt seiner Furcht. Das zweifelhafte Licht,
Das unter tausendfachem Flittern
In diesem Labyrinth mit sichtbar'm Dunkel ficht,
Ist ohne Zweifel Schuld an diesem kind'schen Zittern,
Denkt er, und geht getrost, bey immer hellerm Schein,
Mit seinem Blumenkorb ins Innerste hinein.
14 Hier herrscht ein Tag wie zu verstohlnen Freuden
Die schlaue Lust ein Zauberlicht sich wählt,
Nicht Tag nicht Dämmerung; er schwebte zwischen beiden,
Nur lieblicher durch das, was ihm zu beiden fehlt;
Er glich dem Mondschein, wenn durch Rosenlauben
Sein Silberlicht zerschmilzt in blasses Roth.
Der Held, wiewohl ihm hier noch nichts gefährlichs droht,
Erwehrt sich kaum, bezaubert sich zu glauben.
15 Was er am wenigsten sich überreden kann,
Ist, daß man hier, wo alles um und an
Von Blumen strotzt, noch Blumen nöthig hätte.
Doch, wie sein Auge nun auf allen Seiten irrt,
O wer beschreibt, wie ihm zu Muthe wird,
Da ihm auf einem Ruhebette
Sich eine Nymf' aus Mahoms Paradies
Im vollen Glanz der reinsten Schönheit wies!
16 In einem Licht, das zauberisch von oben
Wie eine Glorie auf sie herunter strömt,
Und, durch die Dunkelheit des übrigen erhoben,
Mit ihres Busens Schnee die Lilien beschämt;
In einer Lage, die ihm Reitzungen entfaltet
Wie seine Augen nie so schön entschleiert sahn;
Mehr werth als alles was zum Farren und zum Schwan
Den Jupiter der Griechen umgestaltet.
17 Die Gase, die nur, wie ein leichter Schatten
Auf einem Alabasterbild
Sie hier und da umwallet, nicht verhüllt,
Scheint mit der Nacktheit selbst den Reitz der Scham zu gatten.
Weg, Feder, wo Apell und Tizian
Bestürzt den Pinsel fallen ließen!
Der Ritter steht, und bebt, und schaut bezaubert an,
Wiewohl ihm besser war die Augen zuzuschließen.
18 In süßem Irrthum steht er da
Und glaubt, doch nur zwey Augenblicke,
(So schön ist was er sieht) er sehe Rezia.
Allein, mit Recht mißtrauisch einem Glücke
Das ihm unglaublich däucht, tritt er ihr näher, sieht,
Erkennt Almansaris, und wendet sich und flieht;
Er flieht, und fühlt im Fliehn von zwey elastisch runden
Milchweißen Armen sich gefangen und umwunden.
19 Er kämpft den schwersten Kampf, den je seit Josefs Zeit
Ein Mann gekämpft, den edlen Kampf der Tugend
Und Liebestreu' und feuervollen Jugend
Mit Schönheit, Reitz und heißer Üppigkeit.
Sein Will' ist rein von sträflichem Entzücken;
Allein, wie lange wird er ihrem süßen Flehn,
Den Küssen voller Gluth, dem zärtlich wilden Drücken
An ihren Busen, widerstehn?
20 O Oberon, wo ist dein Lilienstängel,
Wo ist dein Horn in dieser Fährlichkeit?
Er ruft Amanden, Oberon, alle Engel
Und Heilige zu Hülf' – Und noch zu rechter Zeit
Kommt Hülf' ihm zu. Denn just, da jede Sehne
Ermatten will zu längerm Widerstehn,
Und mit wollüst'ger Wuth ihn die erhitzte Schöne
Fast überwältigt hat, läßt sich Almansor sehn.
21 Gleich einem angeschoßnen Wild,
Und wüthend, eine Frau, die ihn verschmäht, zu lieben,
Hat er, verfolgt von Zoradinens Bild,
Schon eine Stunde sich im Garten umgetrieben:
Der Zufall leitet ihn in dieses Myrtenrund;
Er glaubt die Stimme von Almansaris zu hören,
Und, weil die Grottenthür nur angelehnet stund,
Geht er hinein, sich näher zu belehren.
22 Der Dämon, der durch seiner Priesterinnen
Gefährlichste des Ritters Treu' bestritt,
Wird schon von fern an seinem Sultansschritt
Almansors nahe Ankunft innen.
O Hülfe, Hülfe! schreyt das schnell gewarnte Weib,
Und wechselt stracks mit Hüons Ihre Rolle,
Stellt sich, als kämpfte sie um ihren eignen Leib
Mit einem Wüthenden, der sie entehren wolle.
23 Ihr wilder Blick, ihr halb zerrissenes Gewand,
Ihr fliegend Haar, des jungen Gärtners Schrecken,
Der von der unversehenen kecken
Beschuldigung wie blitzgetroffen stand,
Der Ort, wo ihn der Sultan fand;
Kurz, alles schien in ihm den Frevler zu entdecken.
O! Alla! sey gelobt, rief die Betrügerin,
Daß ich Almansorn selbst die Rettung schuldig bin!
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