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Christoph Martin Wieland: Oberon - Kapitel 37
Quellenangabe
typepoem
booktitleOberon
authorChristoph Martin Wieland
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
pages1-293
isbn3-15-000123-4
titleOberon
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1780
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47 Er steht betroffen und geblendet
Von einer Pracht, die alles, was er ie
Gesehn, beschämt; so sehr ist Gold und Lapis Lazuli,
Und was Golkond und Siam reiches sendet,
Mit stolzer Üppigkeit hier überall verschwendet.
Doch unbefriedigt sucht sein liebend Auge – Sie.
Wo ist Sie? seufzt er laut. Kaum ist sein Ach! entflogen,
So wird, in einem Blitz, ein Vorhang weggezogen.
48 Zu beiden Seiten rauscht der reiche Goldstoff auf,
Und welch ein Schauspiel zeigt sich seinen starren Blicken!
Ein goldner Thron, und eine Dame drauf,
So wie ein Bildner sich, verloren in Entzücken,
Die Liebesgöttin denkt. Zwölf Nymfen, jede jung
Und voller Reitz, wie Amors Schwestern, schweben
In Gruppen rings umher, – um, gleich der Dämmerung,
Den steigenden Triumf der Sonne zu erheben.
49 Von rosenfarbner Seide kaum
Beschattet, schienen sie, zu ihrer Dame Füßen,
Wie Wölkchen, die in einem Dichtertraum
Um Cythereens Wagen fließen.
Sie selbst, im reichsten Putz und mit Juwelen ganz
Belastet, zeigt ihm bloß, daß all dieß bunte Funkeln
Nicht fähig ist, den angebornen Glanz
Von ihrer Schönheit zu verdunkeln.
50 Herr Hüon, (der sich nun der Gärtner Hassan nennt)
So wie sein Auge sich zu ihr erhebt – erkennt
Almansaris, erschrickt, verwirrt sich, wankt zurücke.
Dieß allverblendende wollüst'ge Traumgesicht,
Was soll es ihm? – Er sieht Amanden nicht!
Sie suchte hier sein Herz, Sie suchten seine Blicke.
Almansaris, die sehr verzeihlich irrt,
Glaubt, daß ihr Glanz allein ihn blendet und verwirrt.
51 Sie steigt vom Thron herab, kommt lächelnd ihm entgegen
Und nimmt ihn bey der Hand, und scheint bereit, für ihn
Die Majestät, vor der ihm schwindelt, abzulegen,
Und allen Vortheil bloß von ihrem Reitz zu ziehn.
Unmerklich wird ihr Anstand immer freyer;
In ihren Augen brennt ein lieblich lodernd Feuer
Und spielt elektrisch sich in seinen Busen ein;
Sie drückt ihm sanft die Hand, und heißt ihn fröhlich seyn.
52 Halb unentschlossen scheint sein Blick ihr was zu sagen:
Sie winkt die Nymfen weg, und weg ist auch sein Muth;
Er scheint zu furchtsam nur die Augen aufzuschlagen.
Die Scene ändert sich. Ein zweyter Vorhang thut
Sich auf. Almansaris führt ihren blöden Hirten
In einen andern Sahl, wo rings umher die Wand
Bekleidet war mit Rosen und mit Myrten,
Und mit Erfrischungen ein Tisch beladen stand.
53 Beym Eintritt werden sie mit Sang und Klang empfangen,
Aus Saiten und Gesang ertönt der Freude Geist;
Und Hassan setzt, wie ihm's die Dame heißt,
Ihr gegenüber sich. Erröthendes Verlangen
Und schöne Ungeduld bekennet, furchtsam dreist,
In ihrem schwimmenden Blick, auf ihren glühenden Wangen,
Ihm seinen Sieg: allein, aus seinen Augen bricht
Wie aus Gewölk ein traurig düstres Licht.
54 Zwar irrt, nicht blöde mehr, sein Blick von freyen Stücken
Auf ihren Reitzungen umher;
Doch nicht aus Liebe, nicht mit schmachtendem Entzücken,
Nicht, wie sie wünscht, vom Thau wollüst'ger Thränen schwer.
Er ist zerstreut, er scheint sie zu vergleichen,
Und jeder Reitz, der ihm nachstehend sich enthüllt,
Mahlt nur lebendiger Amandens edles Bild,
Und muß, beschämt, dem keuschen Reitze weichen.
55 Vergebens reicht sie ihm den blinkenden Bokal
Mit einem Blick, der Amors ganzen Köcher
In seinen Busen schießt. Beym frohsten Göttermahl
Reicht ihrem Herkules den vollen Nektarbecher
Mit süßerm Lächeln selbst die junge Hebe nicht.
Umsonst! Mit frostigem Gesicht
Nimmt er den Becher an, den kaum ihr Mund berührte,
Und trinkt, als ob er Gift auf seiner Zunge spürte.
56 Die Dame winkt; und schnell schlingt sich die Schwesterschaar
Der Nymfen, die vorhin den goldnen Thron umgaben,
In einen Tanz, der Todte auf der Bahr'
Mit neuen Seelen zu begaben,
Und Geister zu verkörpern fähig war.
In Gruppen bald verweht, bald wieder Paar und Paar,
Sieht Hüon hier die lieblichsten Gestalten
In tausendfachem Licht freigebig sich entfalten.
57 Vielleicht zu deutlich nur, scheint alles abgezielt
Begierden ihm und Ahnungen zu geben:
Er fühl' es immerhin, denkt sie, wenn er nur fühlt,
Wie reich das Schauspiel ist das hier die Schönheit spielt!
Wie reitzend ist der Arme leichtes Schweben,
Der Hüften üppiger Schwung, der Knöchel wirbelnd Beben!
Wie schmachtend fallen sie, mit halb geschloßnem Blick,
Als wie in süßen Tod itzt stufenweise zurück!
58 Unwillig fühlt die überraschten Sinnen
Der edle Mann in dieser Gluth zerrinnen.
Er schließt zuletzt die Augen mit Gewalt,
Und ruft Amandens Bild zum mächt'gen Gegenhalt;
Amandens Bild, aus jener ernsten Stunde,
Als er, den Druck noch warm auf seinem Munde
Von ihrem Kuß, zu Dem, der die Natur
Erfüllt und trägt, den Eid der Lieb' und Treue schwur.
59 Er schwöret ihn, aufs neue, in Gedanken
Auf seinen Knie'n vor diesem heil'gen Bild:
Und plötzlich ist's als hielt' ein Engel seinen Schild
Vor seine Brust, so matt und kraftlos sanken
Der Wollust Pfeile von ihr ab.
Almansaris, die Acht auf alles gab
Was ihr sein Blick verrieth, klopft schnell in ihre Hände,
Und macht in einem Wink dem üpp'gen Tanz ein Ende.
60 Und ob sie gleich mit Müh kaum über sich gewann,
Dem marmorharten jungen Mann
In ihren Armen nicht Empfindung abzuzwingen,
Versucht sie doch noch eins, das schwerlich fehlen kann:
Sie läßt sich ihre Laute bringen.
Auf ihrem Polstersitz mit Reitz zurück gelehnt,
Und, zum Bezaubern fast, durch ihre Gluth verschönt,
Was wird ihr durch die Gunst der Musen nicht gelingen?
61 Wie rasch durchläuft in lieblichem Gewühl
Der Rosenfinger Flug die seelenvollen Saiten!
Wie reitzend ist dabey aus ihrem offnen weiten
Rückfallenden Gewand der schönen Arme Spiel!
Und, da aus einer Brust, die Weise zu bethören
Vermögend war, das mächtige Gefühl
Sich in Gesang ergießt, wie kann er sich erwehren
Auf seinen Knie'n die Göttin zu verehren?
62 Süß war die Melodie, bedeutungsvoll der Sinn.
Es war das Lied von einer Schäferin,
Die lange schon ein Feu'r, das keine Rast ihr gönnet,
Verbarg – doch nun dem allgewalt'gen Drang
Nicht länger widersteht, und dem, der sie bezwang,
Erröthend ihre Pein und seinen Sieg bekennet.
Das Lied stand zwar im Buch; allein, so wie sie sang,
Singt keine, die nicht selbst in gleichen Flammen brennet.
63 Hier weicht die stolze Kunst der siegenden Natur;
So lieblich girrt der Venus Taube nur!
Die Sprache des Gefühls, so mächtig ausgesprochen,
Der schönen Töne klarer Fluß
Durch kleine Seufzerchen so häufig unterbrochen,
Der Wangen höhers Roth, des Busens schnellers Pochen,
Kurz, alles ist vollströmender Erguß
Der Leidenschaften, die in ihrem Innern kochen.
64 Im Übermaß von dem was sie empfand
Fällt ihr zuletzt die Laute aus der Hand.
Die Arme öffnen sich – Doch, Hüon, dem es graute,
Greift eilends noch im Fallen nach der Laute
Wie ein Begeisterter, und stimmt mit mächt'gem Ton
Die Antwort an, gesteht, daß eine andre schon
Sein Herz besitzt, und daß im Himmel und auf Erden
Ihn nichts bewegen kann ihr ungetreu zu werden.
65 Fest war sein Ton, und unbestechlich streng
Sein edler Blick. Die Zaubrerin, wider Willen,
Fühlt seine Obermacht. Sie blaßt, und Thränen füllen
Ihr zürnend Aug'; die Lust kommt ins Gedräng
Mit ihrem Stolz. Sie eilt sich zu verhüllen;
Verhaßt ist ihr das Licht, der weite Sahl zu eng:
Mit einem kalten Blick auf ihren
Rebellen, winket sie, ihn schleunig abzuführen
66 Die Gipfel glänzten schon im ersten Purpurlichte,
Als unser Held, die Stirn in finstern Gram
Gehüllt, zurück zu seinen Freunden kam.
Erschrocken lasen sie in seinem Angesichte
Beym ersten Blick die Hälfte der Geschichte.
Unglückliche, spricht er zu Fatmen, die vor Scham
Zur Erde sinkt, wohin war dir dein Sinn entflogen?
Doch – dir verzeih' ich gern – du wurdest selbst betrogen.
67 Und als er drauf, was ihm in dieser Nacht
Begegnet war, erzählt, faßt er den guten Alten
Vorn an der Brust, und schwört: ihn soll die ganze Macht
Von Afrika nicht länger halten,
Mit Schwert und Schild, wie einem Rittersmann
Geziemt, in den Palast zu dringen,
Und seine Rezia dem Sultan abzuzwingen.
Du siehst nun, spricht er, selbst, was ich mit List gewann!
68 Zu seinen Füßen fleht ihm Scherasmin, und lange
Vergebens, nur drey Tage noch dem Zwange
Der nöthigen Verborgenheit
Sich in Geduld zu untergeben,
Und nicht durch einen Schritt, den selbst die Tapferkeit
Verzweifelt nennt, sein und Amandens Leben
Zu wagen; bittet nur um diese kurze Zeit,
Um jedes Hinderniß von seiner Flucht zu heben.
69 Auch Fatme fleht auf ihren Knieen, streckt
Ihr Haupt der Rache dar, wofern sie zu Amanden
Ihm binnen dieser Frist den Zugang nicht entdeckt.
Sie schwört, zum zweyten Mahl soll kein Betrug zu Schanden
Sie machen – Kurz, der Ritter selber fühlt,
Daß ihm sein Unmuth nicht den besten Weg empfiehlt:
Er giebt sein Wort, und kehret in den Garten
Zurück, um seines Diensts und des Erfolgs zu warten.
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