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Christoph Martin Wieland: Oberon - Kapitel 36
Quellenangabe
typepoem
booktitleOberon
authorChristoph Martin Wieland
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
pages1-293
isbn3-15-000123-4
titleOberon
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1780
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24 Um Mitternacht und bey verschloßnen Thüren
Ihn in den Theil des Harems einzuführen
Worin Almansaris ganz unumschränkt befahl,
Schien nicht so schwierig, seit der Sultan, ihr Gemahl,
Der Leidenschaft zur schönen Zoradinen
(Wie sich die junge Fremde hieß
Die durch ein Wunder jüngst an diesem Strand erschienen)
Ganz öffentlich und frey sich überließ.
25 Die Amme hatte sich im Schließen nicht betrogen;
Es war Amanda selbst, die aus der Räuber Macht
Titania durch einen Blitz gezogen
Und unverletzt an diesen Strand gebracht.
Ihr wißt, was sich begab als sie ans Land gekommen;
Wie ihr Almansor stracks sein flüchtig Herz geweiht,
Und wie mit neidischer verstellter Zärtlichkeit
Almansaris sie aufgenommen.
26 Der Sultan war vielleicht der allerschönste Mann
Auf den die Sonne je geschienen,
Und wußte dessen sich so siegreich zu bedienen,
Daß ihm noch nie ein weiblich Herz entrann.
Zum ersten Mahl bey dieser Zoradinen
Verlor er seinen Ruhm. Für Sie ist nur Ein Mann
Auf Erden; Sie hat keine Augen, keinen
Gedanken, keinen Sinn, als nur für diesen Einen.
27 Die Würde ohne Stolz, die edle Sicherheit,
Die anstandvolle, unterstellte
Gleichgültigkeit und ungezwungne Kälte,
Womit sie ihn, der hier befehlen kann, so weit
Von sich zu halten weiß, daß er, wie sehr er brennet,
Ihr kaum durch einen stummen Blick
Zu klagen wagt, – dieß alles sieht und nennet
Almansaris der Buhlkunst Meisterstück.
28 Gewohnt, des Sultans Herz nach ihrer Lust zu drehen,
Zu herrschen über ihn, im Harem unbeschränkt
Zu herrschen, könnte sie den Zepter ungekränkt
Von dieser Fremden aus der Hand sich spielen sehen?
Zwar leiht sie ihrem Haß ein lächelndes Gesicht,
Und thut als zweifle sie an Zoradinen nicht;
Doch überall ist's in des Harems Mauern
Verborgner Augen voll, die all ihr Thun belauern.
29 Allein, seitdem des schönen Gärtners Reitz
Mit Amors schärfstem Pfeil ihr stolzes Herz durchdrungen,
Hat Lustbegier die Eifersucht verschlungen.
Ihr Ehrgeitz weicht nun einem süßern Geitz,
Dem Geitz nach seinem Kuß. Ihn wieder zu besiegen
Ist nun ihr einz'ger Stolz. Mag doch die ganze Welt
Zu Zoradinens Füßen liegen,
Wenn Sie nur den sie liebt in ihren Armen hält!
30 Sie selbst befördert nun den Anschlag – Zoradinen,
Entfernt von ihr, in einem andern Theil
Des Harems, den Almansor schon in Eil'
Für sie bereiten ließ, anständ'ger zu bedienen:
Der Fremden wahrer Stand, wiewohl sie ihn noch nicht
Gestanden, mache dieß zu einer Art von Pflicht;
Beym ersten Anblick könn' es keinem Aug' entgehen,
Sie sey gewohnt nichts über sich zu sehen.
31 Indem Almansaris, mit lust'ger Höflichkeit,
Auf diese Weise sich in ihren eignen Zimmern
Von einer Zeugin, die ihr lästig ist, befreyt,
Läßt, ohne sich um sie, und wie sie sich die Zeit
Vertreiben kann und will, im mindesten zu kümmern,
Almansor, der nun ganz sich seiner Liebe weiht,
Ihr freyen Raum, Entwürfe auszubrüten,
Wozu im Harem ihr sich hundert Hände bieten.
32 Unmäßig grämt indeß der schöne Gärtner sich,
Daß ihm – der schon seit mehr als sieben Tagen
Die Mauern, wo Amanda trau'rt, umschlich,
(Denn daß sie trau'rt, das kann sein eignes Herz ihm sagen)
Das holde Weib auch durch ein Gitter nur
Zu sehn, nur ihres leichten Fußes Spur,
(Er würd' ihn, o gewiß! aus tausenden erkennen!)
Die unmitleidigen Gestirne noch mißgönnen.
33 Er wirft sich unmuthsvoll bey seinen Freunden hin:
»Könnt ihr, wenn ihr mich liebt, denn keinen Weg ersinnen,
Nur einen einz'gen Mund im Harem zu gewinnen,
Der meinen Nahmen nur und daß ich nah ihr bin
Ins Ohr ihr flüstre?« – Still! da kommt mir was zu Sinn,
Ruft Fatme aus: Ihr sollt ihr einen Mahneh schicken!
Geht nur, die Blumen, die uns nöthig sind, zu pflücken;
In dieser Sprache bin ich eine Meisterin.
34 Und Hassan eilt, wie Fatme ihm befohlen,
Ein Myrtenreis, und Lilien, und Schasmin,
Und Rosen und Schonkilien herzuhohlen.
Drauf heißt sie ihn ein Haar aus seinen Locken ziehn,
Nimmt dünnen goldnen Draht, und windet
Und dreht das Haar mit ihm zusammen, bindet
Den Strauß damit, und drein ein Lorberblatt,
Worauf er A und H, verschränkt, gekritzelt hat.
35 Nun, spricht sie, wenn ich's noch mit Zimmetwasser netze,
So ist's der schönste Brief, den je ein Herzensdieb
Von eurer Art an seine Liebste schrieb.
Wollt ihr, daß ich's geschwind euch übersetze?
Verliere keine Zeit, ruft Hüon, tausend Dank!
Du kannst nicht bald genug mir eine Antwort bringen;
Die Liebe schütze dich und laß' es dir gelingen!
Geh, wir erwarten dich auf dieser Rasenbank.
36 Die gute Fatme ging. Allein, weil ihr kein Zimmer
Im innern Theil des Harems offen stand,
So lief der Strauß durch manche Sklavenhand,
Und ward zuletzt (wie sich der Zufall immer
In alles ungebeten mischt)
Durch einen Irrthum von Nadinen aufgefischt,
Und ihrer Königin, nachdem sie erst durch Fragen
Das Wie und Wann erforscht, frohlockend zugetragen.
37 Weil Fatme diesen Brief gebracht,
Die Sklavin Ibrahims, so konnte der Verdacht
Auf keinen andern als den schönen Hassan fallen;
Und daß er aus des Harems Schönen allen
Der Schönsten gelten muß, scheint eben so gewiß,
Zumahl nach dem was jüngst sich zugetragen.
Was könnte denn das A und H sonst sagen,
Als – Hassan und Almansaris?
38 Und hätte sie, wiewohl es nicht zu glauben,
Auch eine Nebenbuhlerin;
Nur desto mehr Triumf für ihren stolzen Sinn,
Der Feindin mit Gewalt die Beute wegzurauben!
Die Eifersucht, die dieß auf einmahl rege macht,
Vereinigt sich mit andern sanftern Trieben,
Nicht länger als bis auf die nächste Nacht
Den schönen Sieg, nach dem sie dürstet, zu verschieben.
39 Indessen kommt, entzückt von ihres Auftrags Glück,
Und ohne Argwohn, hintergangen
Zu seyn, fast athemlos, mit glühend rothen Wangen
Vor Freud' und Hastigkeit, die Amme nun zurück.
Ihr Blick ist schon von fern als wie ein Sonnenblick
Aus Wolken, die sich just zu theilen angefangen.
Herr Ritter (raunt sie ihm ins Ohr) was gebt ihr mir,
So öffnet heute noch sich euch die Himmelsthür?
40 Mit Einem Wort, ihr sollt Amanden sehen!
Noch heut, um Mitternacht, wird euch die kleine Thür
Ins Myrtenwäldchen offen stehen:
Der Sklavin, die euch dort erwartet, folget ihr
Getrost wohin sie geht, und fürchtet keine Schlingen;
Sie wird euch unversehrt an Ort und Stelle bringen.
Das gute Weib, dem nichts von Arglist schwant,
Verläßt sich auf den Weg, den sie ihm selbst gebahnt.
41 »Wie hoch, o Fatme! bin ich dir verbunden!
Ruft Hüon aus – Ich soll sie wiedersehn!
Noch diese Nacht! Und wär's, durch tausend Wunden
Unmittelbar von Ihr in meinen Tod zu gehn,
Kaum würde weniger die Nachricht mich erfreuen!«
Mein bester Herr, ich habe guten Muth;
Die Sterne sind uns hold, ihr werdet sie befreyen,
(Spricht Scherasmin) und alles wird noch gut!
42 Gebt mir drey Tage nur, um heimlich eine Pinke
Zu miethen, die nicht fern in einer sichern Bucht
Vor Anker liegen soll, bereit, beym ersten Winke,
So bald der Augenblick zur Flucht
Uns günstig wird, frisch in die See zu stechen.
Noch läßt's das Kästchen uns an Mitteln nicht gebrechen;
Nur Gold genug, so ist die Welt zu Kauf;
Ein goldner Schlüssel, Herr, schließt alle Schlösser auf!
43 Indeß daß unser Held die Zeit von seinem Glücke
Mit Ungeduld an seinem Pulse zählt,
Und, weil sein Puls mit jedem Augenblicke
Behender schlägt, sich immer überzählt,
Seufzt, nicht geduldiger, die reitzende Sultane,
Gerüstet schon zum Sieg, die Mitternacht herbey.
Gefällig bot der Zufall ihrem Plane
Die Hand, und machte sie von allen Seiten frey.
44 Ein großes Fest, der schönen Zoradinen
Zu Ehren im Palast vom Sultan angestellt,
Wobey die Odalisken all' erschienen,
Gab ihr in ihrem Theil des Harems offnes Feld.
Daß sich Almansaris für überflüssig hält
Bey dieser Lustbarkeit, schien keinem ungebührlich:
Im Gegentheil, man fand das Kopfweh sehr natürlich,
Das, wie gebeten, sie auf einmahl überfällt.
45 Die Stunde ruft. Der schöne Gärtner nahet
Sich leise durchs Gebüsch der kleinen Gartenthür.
Wie klopft sein Herz! Ihm fehlt der Athem schier,
Da eine weiche Hand im Dunkeln ihn empfahet,
Und sanft ihn nach sich zieht. Stillschweigend folgt er ihr,
Mit leisem Tritt, bald auf bald ab, durch enge
Sich oft durchkreuzende lichtarme Bogengänge,
Und nun entschlüpft sie ihm vor einer neuen Thür.
46 Wo sind wir? flüstert er und tappt mit beiden Händen.
Auf einmahl öffnet sich die Thür. Ein matter Schein
(Wie wenn sich, zwischen Myrtenwänden
Mit Efeu überwölbt, in einem Frühlingshain
Der Tag verliert) entdeckt ihm eine Reihe Zimmer
Die ohne Ende scheint; und, wie er vorwärts geht,
Wird unvermerkt das matte Licht zu Schimmer,
Der Schimmer schnell zum höchsten Glanz erhöht.
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