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Christoph Martin Wieland: Oberon - Kapitel 35
Quellenangabe
typepoem
booktitleOberon
authorChristoph Martin Wieland
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
pages1-293
isbn3-15-000123-4
titleOberon
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1780
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Eilfter Gesang.

1 Die Hoffnung, die ihr schimmerndes Gefieder
Um Hüon wieder schwingt, Sie, die er einzig liebt,
Bald wieder sein zu sehn, die goldne Hoffnung giebt
Ihm bald den ganzen Glanz der schönsten Jugend wieder.
Schon der Gedanke bloß, daß sie so nah ihm ist,
Daß dieses Lüftchen, das ihn kühlet,
Vielleicht Amandens Wange kaum geküßt,
Vielleicht um ihre Lippen kaum gespielet;
2 Daß diese Blumen, die er bricht
Und mahlerisch in Kränz' und Sträuße flicht,
Um in den Harem sie, wie üblich ist, zu schicken,
Vielleicht Amandens Locken schmücken,
Ihr schönes Leben vielleicht an ihrer lieblichen Brust
Verduften, – der Gedank' erfüllt ihn mit Entzücken;
Das schöne Roth der Sehnsucht und der Lust
Färbt wieder seine Wang' und strahlt aus seinen Blicken.
3 Die heiße Tageszeit vertritt das Amt der Nacht
In diesem Land, und wird verschlummert und verträumet.
Allein, so bald der Abendwind erwacht,
Fragt Hüon, den die Liebe munter macht,
Schon alle Schatten an, wo seine Holde säumet?
Er weiß, die Nacht wird hier mit Wachen zugebracht;
Doch darf sich in den Gärten und Terrassen
Nach Sonnenuntergang nichts männlichs sehen lassen.
4 Die Damen pflegen dann, beym sanften Mondesglanz
Bald paarweis', bald in kleinen Rotten,
Die blühenden Alleen zu durchtrotten;
Und ziert die Fürstin selbst den schönen Nymfenkranz,
Dann kürzt Gesang und Saitenspiel und Tanz
Die träge Nacht; drauf folgt in stillen Grotten
Ein Bad, zu dem Almansor selbst (so scharf
Gilt hier des Wohlstands Pflicht) sich niemahls nähern darf.
5 Amanden (die, wie unser Ritter glaubte,
Im Harem war) zu sehn, blieb keine Möglichkeit,
Wofern er nicht sich um die Dämm'rungszeit
Im Garten länger säumt als das Gesetz erlaubte.
Er hatte dreymahl schon die unruhvollste Nacht
In einem Busch an dem vorbey zu gehen
Wer aus dem Harem kam genöthigt war, durchwacht,
Gelauscht, geguckt, und ach! Amanden nicht gesehen!
6 Fußfällig angefleht von Fatme, Ibrahim
Und Scherasmin, ihr und sein eignes Leben
So offenbar nicht in Gefahr zu geben,
Wollt' er, wiewohl der Sonnenwagen ihm
Zu schnell hinab gerollt, am vierten Abend (eben
Zur höchsten Zeit) sich noch hinweg begeben,
Als plötzlich, wie er sich um eine Hecke dreht,
Almansaris ganz nahe vor ihm steht.
7 Sie kam, gelehnt an ihrer Nymfen eine,
Um, lechzend von des Tages strengem Brand,
Im frischen Duft der Pomeranzenhaine
Sich zu ergehn. Ein leichtes Nachtgewand,
So zart als hätten Spinnen es gewebet,
Umschattet ihren Leib, und nur ein goldnes Band
Schließt's um den Busen zu, der durch die dünne Wand
Mit schöner Ungeduld sich durchzubrechen strebet.
8 Nie wird die Bildnerin Natur
Ein göttlicher Modell zu einer Venus bauen
Als diesen Leib. Sein reitzender Kontur
Floß wellenhaft, dem feinsten Auge nur
Bemerklich, zwischen dem Genauen
Und Überflüssigen, so weich, so lieblich hin,
Schwer war's dem kältsten Josefssinn,
Sie ohne Lüsternheit und Sehnsucht anzuschauen!
9 Es war in jedem Theil, was je die Fantasie
Der Alkamenen und Lysippen
Sich als das Schönste dacht' und ihren Bildern lieh;
Es war Helenens Brust, und Atalantens Knie,
Und Leda's Arm, und Erigonens Lippen.
Doch bis zu jenem Reitz erhob die Kunst sich nie,
Der stets, so bald dazu die Lust in ihr erwachte,
Sie zur Besiegerin von allen Herzen machte.
10 Der Geist der Wollust schien alsdann
Mit ihrem Athem sich den Lüften mitzutheilen,
Die um sie säuselten. Von Amors schärfsten Pfeilen
Sind ihre Augen voll, und wehe dann dem Mann,
Der mit ihr kämpfen will! Denn, könnt' er auch entgehen
Dem feurig schmachtenden Blick, der ihn so lieblich kirrt,
Wie wird er diesem Mund voll Lockungen, wie wird
Er seinem Lächeln widerstehen?
11 Wie dem Sirenenton der zauberischen Stimme,
Der des Gefühls geheimste Saiten regt?
Der in der Seele Schooß die süße Täuschung trägt,
Als ob sie schon in Wollustseufzern schwimme?
Und wenn nun, eh' vielleicht die Weisheit sich's versah,
Verräth'risch jeder Sinn, zu ihrem Sieg vereinigt,
Den letzten Augenblick der Trunkenheit beschleunigt:
O sagt, wer wäre dann nicht seinem Falle nah?
12 Doch, ruhig! Fern ist noch und ungewiß vielleicht
Der Schiffbruch, der uns itzt fast unvermeidlich däucht.
Zu fliehen – sonst auf alle Fälle
Das klügste – ging in diesem Augenblick
Nicht an – sie war zu nah – wiewohl an Hüons Stelle
Ein wahrer Gärtner doch geflohen wär'. Zum Glück,
Hilft, falls sie fragt, ein Korb mit Blumen und mit Früchten,
Den er im Arme trägt, ihm eine Antwort dichten.
13 Natürlich stutzt die schöne Königin,
In ihrem Wege hier auf einen Mann zu treffen.
Was machst du hier? fragt sie den Paladin
Mit einem Blick, der jedem andern Neffen
Des alten Gärtners tödtlich war.
Doch Hüon, unterm Schirm gesenkter Augenlieder,
Läßt auf die Kniee sich mit edler Ehrfurcht nieder,
Und stellt den Blumenkorb ihr als ein Opfer dar.
14 Er hatte, (spricht er) bloß es ihr zu überreichen,
Die Zeit versäumt, die allen seines gleichen
Die Gärten schließt. Hat er zu viel gethan,
So mag sein Kopf den raschen Eifer büßen.
Allein die Göttin scheint in einen mildern Plan
Vertieft, indeß zu ihren Füßen
Der schöne Frevler liegt. Sie sieht ihn gütig an,
Und scheint mit Mühe sich zum Fortgehn zu entschließen.
15 Den schönsten Jüngling, den sie jemahls sah – und schön
Wie Helden sind, mit Kraft und Würde – fremde
Der Farbe nach – in einem Gärtnerhemde –
Dieß schien ihr nicht natürlich zuzugehn.
Gern hätte sie mit ihm sich näher eingelassen,
Hielt' nicht der strenge Zwang des Wohlstands sie zurück.
Sie winkt ihm endlich weg; doch scheint ein Seitenblick,
Der ihn begleitet, viel, sehr viel in sich zu fassen.
16 Sie schreitet langsam fort, stillschweigend, dreht sogar
Den schönen Hals, ihm hinten nachzusehen,
Und zürnt, daß er dem Wink so schnell gehorsam war.
War er, den Blick, der ihn erklärte, zu verstehen,
Zu blöde? Fehlt's vielleicht der reitzenden Gestalt
An Seele? Trügt das ungeduld'ge Feuer
In seinem Auge? Macht Gefahr ihn kalt?
Wie, oder sucht' er hier ein andres Abenteuer?
17 Ein andres? – Dieser Zweifel hüllt
Ihr plötzlich auf, was sie sich selber zu gestehen
Erröthet. Unruhvoll, verfolgt von Hüons Bild,
Irrt sie die ganze Nacht durch Lauben und Alleen,
Horcht. Jedem Lüftchen das sich regt
Entgegen, jedem Blatt, das an ein andres schlägt:
Still! spricht sie zur Vertrauten, laß uns lauschen!
Mir däucht, ich hörte was durch jene Hecke rauschen.
18 Es ist vielleicht der schöne Gärtner, spricht
Die schlaue Zof': er ist, wofern mich alles nicht
An ihm betrügt, der Mann sein Leben dran zu setzen,
Um hier, im Hinterhalt, an einen Busch gedrückt,
Mit einem Anblick sich noch einmahl zu ergetzen,
Der ihn ins Paradies verzückt.
Wie wenn wir ihn ganz leise überraschten,
Und auf der frischen That den schönen Frevler haschten?
19 Schweig, Närrin, spricht die Haremskönigin;
Du faselst, glaub' ich, gar im Traume?
Und gleichwohl richtet sie geraden Wegs zum Baume,
Woher das Rauschen kam, die leichten Schritte hin.
Es war ein Eidechs nur gewesen,
Der durchs Gesträuch geschlüpft. – Ein Seufzer, halb erstickt,
Halb in den Strauß, den sie zum Munde hielt, gedrückt,
Bekräftigt was Nadin' in ihrem Blick gelesen.
20 Unmuthig kehrt sie um, und mit sich selbst in Zwist,
Beißt sich die Lippen, seufzt, spricht etwas, und vergißt
Beym dritten Wort schon was sie sagen wollte,
Zürnt, daß Nadine nicht die rechte Antwort giebt,
Und nicht erräth, was sie errathen sollte;
Die schöne Dame ist, mit Einem Wort – verliebt!
Sogar ihr Blumenstrauß erfährt's – wird, ohn' ihr Wissen,
Zerknickt, und, Blatt für Blatt, verzettelt und zerrissen.
21 Drey Tage hatte nun das Übel schon gewährt,
Und war, durch Zwang und Widerstand genährt,
Mit jeder Nacht, mit jedem Morgen schlimmer
Geworden. Denn, so bald der Abendschimmer
Die bunten Fenster mahlt, verläßt sie ihre Zimmer,
Und streicht, nach Nymfen-Art, mit halb entbundnem Haar,
Durch alle Gartengäng' und Felder, wo nur immer
Den Neffen Ibrahims zu finden möglich war.
22 Allein, vergebens lauscht' ihr Blick, vergebens pochte
Ihr Busen Ungeduld: der schöne Gärtner ließ
Sich nicht mehr sehn, was auch die Ursach' heißen mochte.
Unglückliche Almansaris!
Dein Stolz erliegt. Wozu dich selbst noch länger quälen,
(Denkt sie) und was dich nagt Nadinen, die gewiß
Es lange merkt, aus Eigensinn verhehlen?
Verheimlichung heilt keinen Schlangenbiß.
23 Sie wähnt, sie suche Trost an einer Freundin Busen;
Doch was sie nöthig hat ist eine Schmeichlerin.
In dieser Hofkunst war Nadine Meisterin.
Der Saft von allen Pompelmusen
In Afrika erfrischte nicht so gut
Der wollustathmenden Sultanin gährend Blut,
Als dieser Freundin Rath und zärtliches Bemühen,
Den Mann, den sie begehrt, bald in ihr Netz zu ziehen.
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