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Christoph Martin Wieland: Oberon - Kapitel 34
Quellenangabe
typepoem
booktitleOberon
authorChristoph Martin Wieland
year1990
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
pages1-293
isbn3-15-000123-4
titleOberon
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1780
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28 Mein bester Herr, daß wir, nach allen Streichen
Die uns das Glück gespielt, so unvermuthet hier
Zu Tunis, vor der Hüttenthür
Des Gärtners Ibrahim uns finden, ist ein Zeichen,
Daß Oberon ganz unvermerkt und still
Uns alle wiederum zusammen bringen will.
Noch fehlt das Beste; doch, zum Pfande für Amanden,
Ist wenigstens die Amme schon vorhanden.
29 Was sagst du? ruft Herr Hüon voller Freuden.
Demselben Ibrahim, dem ich bedienstet bin,
Dient sie als Sklavin hier, erwiedert Scherasmin.
Wie wird das gute Weib die Augen an euch weiden!
Drauf fängt er ihm Bericht zu geben an,
Was er in all' der Zeit gelitten und gethan,
Und was ihn, unverrichter Sachen,
Bewogen, von Paris sich wieder wegzumachen.
30 Und wie er ihn zu Rom im Lateran gesucht,
Und, seiner dort viel Wochen ohne Frucht
Erwartend, unvermerkt sein Bißchen Geld verzettelt,
Darauf, mit Muscheln ausstaffiert,
Sich durch die halbe Welt als Pilger durchgebettelt,
Bis ihn sein guter Geist zuletzt hierher geführt,
Wo Fatme, die er unverhofft gefunden,
Auf beßre Zeit mit ihm zu harren sich verbunden.
31 Zum Glück ist immer unversehrt
(Setzt er hinzu) das Kästchen mitgezogen,
Das euch der schöne Zwerg zu Askalon verehrt;
Denn, wie ich sehe, Horn und Becher sind entflogen.
Verzeiht mir, lieber Herr! ich traf den wunden Ort;
Es war nicht hübsch an mir so frey heraus zu platzen:
Die Freude, daß ich euch gefunden, macht mich schwatzen;
Allein, ihr kennt mein Herz, und weiter nun kein Wort!
32 Der edle Fürstensohn drückt seinem guten Alten
Die Hand, und spricht: Ich kenne deine Treu',
Sollst alles wissen, Freund! ich will dir nichts verhalten;
Allein, vor allem, steh in Einem Ding mir bey.
Das Kästchen, das du mir erhalten,
Ist an Juwelen reich. Denkst du nicht auch, es sey
Am besten angewandt, mir eilends Pferd und Waffen
Und ritterlichen Schmuck in Tunis anzuschaffen?
33 Es sind zwölf Stunden kaum, seit eine Räuberschaar
Amanden mir entriß, mir, der am ödsten Strande
Allein mit ihr und unbewaffnet war.
Sie führen sie vielleicht in diese Mohrenlande,
Nach Marok oder Fez, gewiß nach einem Platz,
Wo Hoffnung ist, sie theuer zu verkaufen:
Allein kein Harem soll mir meinen höchsten Schatz
Entziehen, sollt' ich auch die ganze Welt durchlaufen.
34 Der Alte sinnt der Sache schweigend nach.
»Die Gegend, wo ihr euch mit Rezia befunden,
Ist also wohl nur wenig Stunden
Von hier entfernt?« – Nicht daß ich wüßte, sprach
Der junge Fürst; vielleicht sind's tausend Stunden:
Mich trug, unendlich schnell, ich weiß nicht wer,
(Doch wohl ein Geist) aus einem Wald hierher,
Wo mich das Räubervolk an einen Baum gebunden.
35 Das hat, ruft jener aus, kein andrer Arm gethan
Als Oberons. Ich selber, spricht der Ritter,
Ich trau' ihm's zu, und nehm's als ein Versprechen an,
Er werde mehr noch thun. So bitter
Die Trennung ist, so schreckenvoll das Bild
Des holden Weibs in wilden Räuberklauen;
Dieß neue Wunder, Freund, erfüllt
Mein neu belebtes Herz mit Hoffnung und Vertrauen.
36 Der müßte ja ganz herzlos, ganz von Stein,
Und ohne Sinn, und gänzlich unwerth seyn
Daß sich der Himmel seinetwegen
Bemühe, (hätt' er auch von dem die Hälfte nur
Erfahren, was mir widerfuhr)
Wer Kleinmuth und Verdacht zu hegen
Noch fähig wär'. Es geh' durch Feuer oder Flut
Mein dunkler Weg, ich halte Treu' und Muth.
37 Nur, lieber Scherasmin, wenn's möglich ist, noch heute
Verschaffe mir ein Schwert und einen Gaul.
Zu lang' entbehr' ich beides! – an der Seite
Der Liebe zwar – doch itzt, in dieser Weite
Von Rezia, däucht mir mein Herzblut stehe faul
Als wie ein Sumpf, bis ich die schöne Beute
Den Helden abgejagt. Ihr Leben und mein Glück,
Bedenk' es, hängt vielleicht an einem Augenblick.
38 Der Alte schwört ihm zu, es soll' an ihm nicht liegen
Des Prinzen Ungeduld noch heute zu vergnügen.
Doch unverhofft hält seines Eifers Lauf
Am ersten Abend schon ein leidiger Zufall auf.
Denn Hüon fühlte von so viel Erschütterungen,
Die Schlag auf Schlag gefolgt, auf einmahl sich bezwungen,
Und brachte, matt und glühend, ohne Ruh,
Die ganze Nacht in Fieberträumen zu.
39 Die Bilder, die ihm stets im Sinne lagen,
Beleben sich; er glaubt mit einem Schwarm
Von Feinden sich ergrimmt herum zu schlagen;
Dann sinkt er kraftlos hin, und drückt im kalten Arm
Die Leiche seines Sohns; bald kämpft er mit den Fluten,
Hält die versinkende Geliebte nur am Saum
Des Kleides noch; bald, selbst an einen Baum
Gebunden, sieht er sie in Räuberarmen bluten.
40 Erschöpft von Grimm und Angst stürzt er aufs Lager hin
Mit starrem Blick. Dem treuen Scherasmin
Kommt seine Wissenschaft in dieser Noth zu Statten.
Denn dazumahl war's eines Knappen Amt
Die Heilkunst mit der Kunst der Ritterschaft zu gatten.
Ihm war sie schon vom Vater angestammt,
Und viel geheimes ward auf seinen langen Reisen
Ihm mitgetheilt von Rittern und von Weisen.
41 Er eilt, so bald der schöne Morgenstern
Am Himmel bleicht, (indeß bey dem geliebten Herrn
Als Wärterin sich Fatme emsig zeiget)
Den Gärten zu, worin noch alles ruht und schweiget;
Sucht Kräuter auf, von deren Wunderkraft
Ein Eremit auf Horeb ihn belehret,
Und drückt sie aus, und mischet einen Saft,
Der binnen kurzer Frist dem stärksten Fieber wehret.
42 Ein sanfter Schlaf beginnt schon in der zweyten Nacht
Auf Hüons Stirne sich zu senken.
Mit liebevoller Treu' gepfleget und bewacht,
Und reichlich angefrischt mit kühlenden Getränken,
Fühlt er am vierten Tag so gut sich hergestellt,
Um sich, so bald der Mond die laue Nacht erhellt,
In einem Gärtnerwamms, womit man ihn versehen,
Mit Scherasmin im Garten zu ergehen.
43 Sie hatten in den Rosenbüschen,
Nah an der Hütte, noch nicht manchen Gang gethan,
So kommt die Amme (die, was neues aufzufischen,
Sich oft dem Harem naht) mit einer Zeitung an,
Die kräft'ger ist als irgend ein Laudan
Des Kranken Blut und Nerven zu erfrischen:
Es sey, versichert sie, beynahe zweifelsfrey
Daß Rezia nicht fern von ihnen sey.
44 Wo ist sie? wo? ruft Hüon mit Entzücken
Und Ungeduld, auffahrend – Hurtig! sprich!
Wo sahst du sie? – Gesehn? erwiedert Fatme, ich?
Das sagt' ich nicht; allein, ich lasse mich zerstücken
Wenn's nicht Amanda ist, die diesen Abend hier
Gelandet. Höret nur, was die Minute mir
Die Jüdin Salome, die eben
Vom innern Harem kam, für ganz gewiß gegeben.
45 Kurz, sprach sie, vor der Abendzeit
Ließ auf dem hohen Meer sich eine Barke sehen;
Sie flog daher mit Vogelsschnelligkeit,
Die Segel schien ein frischer Wind zu blähen.
Auf einmahl stürzt aus wolkenlosen Höhen
Zickzack ein feur'ger Strahl herab,
Und mit dem ersten Stoß, den ihm ein Sturmwind gab,
Sieht man das ganze Schiff in voller Flamme stehen.
46 An Löschen denkt kein Mensch in solcher Noth.
Das Feuer tobt. Vom fürchterlichsten Tod
Umschlungen, springt aus seinem Flammenrachen
Wer springen kann, und wirft sich in den Nachen.
Der Wind macht bald sie von dem Schiffe los,
Treibt sie dem Ufer zu; doch, eine Viertelstunde
Vom Strand, ergreift den Kahn ein neuer Wirbelstoß,
Und stürzt ihn um, und alles geht zu Grunde.
47 Die Leute schrey'n umsonst zu ihrem Mahom auf,
Arbeiten, mit der angestrengten Stärke
Der Todesangst, umsonst sich aus der Flut herauf:
Nur eine einz'ge Frau, die sich zum Augenmerke
Der Himmel nahm, entrinnet der Gefahr,
Wird auf den Wellen, wie auf einem Wagen,
Ganz unversehrt, und unbenetzt sogar,
Dem nahen Ufer zugetragen.
48 Von ungefähr stand mit Almansaris
Der Sultan just auf einer der Terrassen
Des Schlosses, die hinaus ins Meer sie sehen ließ,
Erwartungsvoll den Ausgang abzupassen.
Ein sanfter Zefyr schien die Frau herbey zu wehn.
Doch, um sich nicht zu viel auf Wunder zu verlassen,
Winkt itzt Almansaris, und hundert Sklaven gehn
Bis an den Hals ins Meer, der Schönen beyzustehn.
49 Man sagt, der Sultan selbst sey an den Strand gekommen,
Und habe sie, von einem Idschoglan,
Der aus dem strudelnden Schaum bis zur Terraß' hinan
Sie auf dem Rücken trug, selbst in Empfang genommen.
Man konnte zwar nicht hören was er sprach,
Doch schien er ihr viel höfliches zu sagen,
Und, weil's an Zeit und Freyheit ihm gebrach,
Sein Herz ihr, wenigstens durch Blicke, anzutragen.
50 Wie dem auch sey, dieß ist gewiß,
(Fährt Fatme fort) daß sich Almansaris
Der schönen Schwimmerin gar freundlich und gewogen
Bewiesen hat, und ihr viel schönes vorgelogen,
Wiewohl der Fremden seltner Reitz
Ihr gleich beym ersten Blick Almansors Herz entzogen;
Und daß sie ein Gemach bereits
Im Sommerhaus der Königin bezogen.
51 Angst, Freude, Lieb' und Schmerz, mahlt, während Fatme spricht,
Sich wechselsweis' in Hüons Angesicht.
Daß es Amanda sey, scheint ihm, je mehr er denket,
Je minder zweifelhaft. Es zeigt sich sonnenklar,
Daß Oberon, wiewohl noch unsichtbar,
Die Zügel seines Schicksals wieder lenket.
Wohlan denn, Freunde, rathet nun,
Was meinet ihr? was ist nunmehr zu thun?
52 Dem Sultan mit Gewalt Amanden zu entreißen,
Das würde Roland selbst nicht wagen gut zu heißen,
Erwiedert Scherasmin; wiewohl es rathsam ist,
Uns insgeheim, auf alles was geschehen
Und nicht geschehen kann, mit Waffen zu versehen.
Doch vor der Hand versuchen wir's mit List!
Wie, wenn ihr, da ihr euch doch nicht des Grabens schämet,
Bey Ibrahim als Gärtner Dienste nähmet?
53 Gesetzt, er macht auch Anfangs Schwierigkeit,
Er sieht euch schärfer an, und schüttelt
Sein weises Haupt; mir ist dafür nicht leid:
Ein schöner Diamant hat manches schon vermittelt.
Laßt diese Sorge mir, Herr Ritter! Zwischen heut
Und morgen sehn wir euch, trotz aller Schwierigkeit,
Zu einem Gärtnerschurz betitelt;
Das weit're überlaßt dem Himmel und der Zeit.
54 Der Vorschlag däucht dem Ritter wohl ersonnen,
Und wird nun ungesäumt und klüglich ausgeführt.
Der alte Ibrahim ist bald so gut gewonnen,
Daß er den Paladin zum Neffen adoptiert,
Zu seinem Schwestersohn, der von Damask gekommen,
Und in der Blumenzucht besonders viel gethan;
Kurz, Hüon wird zum Gärtner angenommen,
Und tritt sein neues Amt mit vielem Anstand an.
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